Die NS-Prozesse in der westdeutschen Öffentlichkeit. Ein gerechtes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung?


Hausarbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Deutschland unter der Besatzung der Alliierten
2.1 Juristische Verfolgung von NS-Straftätern
2.2 Die Nürnberger Prozesse in der deutschen Öffentlichkeit

3. Die BRD während der „Adenauer-Ära“
3.1 Grundlagen für die juristische Vergangenheitsbewältigung in der jungen BRD
3.2 Der „Ulmer-Einsatzgruppenprozess“

4. Zeiten des Wandels
4.1 Der Eichmann-Prozess in Jerusalem
4.2 Oppositionsbildung und Konfrontation mit der Vergangenheit
4.3 Der Frankfurter Auschwitz-Prozess

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der sechste Bundespräsident Richard von Weizäcker sagte am 8. Mai 1985 in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart “.

Bei Erwähnung der Vergangenheit in Verbindung mit nationalsozialistischer Gewaltherrschaft denkt wohl jeder an die Bilder von grausam verstümmelten, misshandelten und getöteten Juden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Eben diese Bilder wurden auch in den Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher als Beweismaterial gesichtet. Ihre Verwendung war ebenso umstritten wie die Prozesse selbst.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, darzustellen, wie die NS-Prozesse in der breiten Öffentlichkeit wirklich gesehen wurden, wie die Prozesse das Meinungsbild in Bezug auf den Nationalsozialismus beeinflusst haben und ob die NS-Prozesse als gerechtes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung empfunden wurden. Zur Beantwortung dieser Fragen ist es nötig, die juristischen und historischen Gegebenheiten der Jahre 1945 bis 1969 darzustellen.

Zur Darstellung der politischen Phasen ist die Hausarbeit in drei Kapitel unterteilt. Zunächst erfolgt die Schilderung der Besetzungszeit von 1945 bis 1949. Dem folgend schließen sich die Jahre von der Gründung der beiden deutschen Staaten bis 1961 an. Den Anschluss bilden die Jahre nach der „Adenauer-Ära“ bis zum Ende der 1960er. Im abschließenden letzten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst, um die Entwicklung des öffentlichen Meinungsbildes im untersuchten Zeitraum darzustellen.

Da NS-Prozesse in der DDR nicht öffentlich waren, erfolgte hier keine öffentliche Diskussion. Es konnte sich somit kein öffentliches Meinungsbild entwickeln. Die NS-Prozesse, die in der DDR geführt wurde, fallen deshalb aus der Betrachtung heraus.

Als Grundlage der Arbeit dienen die Ausführungen von Arnulf Kutsch, Werner Bergmann und Bernd Weisbrod, die auf Umfragen des Meinungsforschungsinstituts EMNID und des Office of Military Government for Germany (OMGUS) basieren. Diese Werke nennen, im Gegensatz zu den ebenfalls verwendeten Schriften von Peter Reichel und Peter Steinbach, konkrete Zahlen aus repräsentativen Umfragen und zeichnen somit ein belegbares Bild der öffentlichen Meinung.

2. Deutschland unter der Besatzung der Alliierten

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte nicht nur wirtschaftliche Not und politische Orientierungslosigkeit, sondern auch die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen ans Licht der Öffentlichkeit. Dennoch wussten die Alliierten bereits vor der Befreiung der Konzentrationslager von den Grausamkeiten, die die Nationalsozialisten an Juden, Sinti, Roma, Behinderten und Kriegsgefangenen verübten. Schon im Kriegsverlauf wurde beschlossen, die Hauptkriegsverbrecher anzuklagen und zu verurteilen. Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 trafen sich die Staats- bzw. Regierungschefs der drei Großmächte Russland, England und den USA zu ihrer letzten Kriegskonferenz. Das „Potsdamer Abkommen“ regelte politische und wirtschaftliche Grundsätze für die Behandlung Deutschlands in der Besatzungszeit, unter anderem auch die Verhaftung und Verurteilung der Kriegsverbrecher sowie die Demokratisierung des Erziehungssystems, der Justiz, der Verwaltung und des öffentlichen Lebens[1].

Die deutsche Bevölkerung sah sich neben der Not und des Leids durch Vertreibung und Zerstörung auch den Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten ausgesetzt. Die Grundlage hierfür bildete das „Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“ vom 5. März 1946. Demnach hatte jeder Bürger über 18 Jahren einen Meldebogen auszufüllen und wurde in eine der folgenden Gruppen eingeteilt: 1. Hauptschuldige, 2. Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer), 3. Minderbelastete (Bewährungsgruppe), 4. Mitläufer, 5. Entlastete[2].

Die bürokratische Abwicklung der Entnazifizierung ließ jeden Deutschen als potenziellen Täter erscheinen und gab dem Vorwurf der Kollektivschuld Boden. Die Entnazifizierungsmaßnahmen beeinträchtigen jedoch den Wiederaufbau, so dass die Alliierten gezwungen waren, die Deutschen an den Maßnahmen zu beteiligen. Das hatte zur Folge, dass die Entnazifizierung als umfassende Rehabilitationsmaßnahme endete.

2.1 Juristische Verfolgung von NS-Straftätern

Mit dem am 2. November 1945 in Kraft getretenen Kontrollratsgesetz Nr. 4 wurden die deutschen Amts-, Land- und Oberlandesgerichte wieder eingesetzt. Ihre Zuständigkeit erstreckte sich auf Straf- und Zivilsachen, die von Deutschen an Deutschen verübt worden waren. Die Verfolgung nationalsozialistischer Straftaten wurde zunächst von den Militärgerichten der vier Besatzungszonen vorgenommen. Mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 schufen die Besatzungsmächte die Grundlage für Prozesse gegen Personen, die wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden.

Trotz des eigenen Schicksals stand für viele Deutsche nach Kriegsende fest, dass die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen aufgearbeitet werden müssen. Das zu Tage tretende Ausmaß der Verbrechen wirkte in der Nachkriegsgesellschaft wie ein Schock. Es manifestierte sich ein moralischer Anspruch, „den Gerechtigkeitssinn der zivilisierten Welt zu befriedigen“[3]. Diesen hatten vor allem die Alliierten.

In den Jahren zwischen Kriegsende und Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurden neben dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (1945-1946) und den zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen (1946-1949) unter anderem auch im Krakauer Auschwitz-Prozess (1947), dem Sachsenhausen-Prozess (1947) und den Stutthof-Prozessen (1946-1947) nationalsozialistische Gewaltverbrechen verhandelt. Weiter wurden zunächst nur kleinere Fälle verhandelt. Größere Delikte wurden erst mal zurückgestellt und profitierten ab 1947/48 von der Abschwächung der harten Entnazifizierungshaltung. Am öffentlichkeitswirksamsten waren die Nürnberger Prozesse, auch, weil den Deutschen durch die Besatzungsmächte höchste Aufmerksamkeit verordnet worden war, die durch ausführliche Berichterstattung in Rundfunk und Presse gewährleistet werden sollte[4].

Entscheidend für das Zustandekommen der Nürnberger Prozesse war, dass die Verbrechen nicht einem geographisch bestimmbaren Ort zugeordnet werden konnten und dass die Verbrecher in einer gemeinsamen Entscheidung der Alliierten bestraft werden sollten[5]. Nürnberg sollte kein Tribunal der Sieger werden, sondern die Hauptkriegsverbrecher in rechtsstaatlichem Sinne anklagen und verurteilen. Besonders der letzte Anklagepunkt war neu in der Geschichte des Rechts und erweckte bei manchen den Verdacht, das Gericht tage ohne rechtliche Grundlage[6]. Die Freisprüche von Reichspropagandaminister Hans Fritzsche, dem ehemaligen Reichskanzler Franz von Papen und Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht erregten in der Öffentlichkeit heftige Kritik[7].

Die Nachfolgeprozesse boten einen Querschnitt aus zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft: verhandelt wurden unter anderem Menschenversuche, Euthanasie, Kriegsrüstung, Zwangsarbeit, Raub ausländischen Eigentums und die Ermordung von Juden und Polen.

2.2 Die Nürnberger Prozesse in der deutschen Öffentlichkeit

In der deutschen Öffentlichkeit gab es von Beginn an Vorbehalte gegen die Nürnberger Prozesse. Insbesondere ihre Legalität wurde angezweifelt. Dieser Einwand beruhte auf dem Rückwirkungsverbot, das bereits im deutschen Recht vor 1949 verankert war und dem neugeschaffenen Straftatbestands der „Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges“. Jedoch war keiner der Angeklagten nur wegen dieses einen Punktes angeklagt worden. Für die Verurteilung der Beschuldigten hätte das „herkömmliche deutsche Strafgesetz“[8] ausgereicht. Zudem wurde die Zusammensetzung des Gerichts bemängelt: es bestand ausschließlich aus Angehörigen der Kriegsgegner, Angehörige neutraler Staaten suchte man vergebens. Vor allem die Angeklagten lehnten das Gericht als „Siegerjustiz“ ab.

Die amerikanische Rechtsvorstellungen und Prozessgewohnheiten waren für die deutsche Bevölkerung befremdlich. Die Funktion von Anklage und Verteidigung, Richtern und Zeugen unterschieden sich wesentlich. Auch deshalb erschien die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bald als ein „Rachefeldzug“ der Alliierten[9]. Erst ab 1946 wurden die Nürnberger Prozesse als ein Teil der deutschen Justiz wahrgenommen, noch später wurden sie positiv beurteilt[10], was auch an den aufgedeckten Straftaten lag.

Die Nürnberger Prozesse hatten eine überwältigende aufklärerische Wirkung. Sie führten der Bevölkerung die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und die Zeitgeschichte vor Augen und verhinderten somit die Entstehung einer neuen historischen Legende, wie es nach dem Ersten Weltkrieg geschehen war[11].

In den ersten Verhandlungsmonaten gab es ein großes öffentliches Interesse. In demoskopischen Umfragen gaben 75% an, sich über den Prozess zu informieren und mit dem Verfahren, bzw. später mit dem Ergebnis einverstanden zu sein. Die Presse berichtete in den Jahren 1945 und 1946 weitgehend positiv über die Nürnberger Prozesse, dennoch gerieten sie im Laufe der zehnmonatigen Dauer allmählich an den Rand des öffentlichen Interesses. Die tägliche Überlebens- und Vertreibungsnot war größer. Zudem setzte sich die Erkenntnis durch, dass auf der Anklagebank zunehmend Menschen von „erschreckender Normalität“ saßen[12].

Am 20. Juni 1949 schließen die US-Militärgerichte in Nürnberg ihre Arbeit ab. Die nun einsetzende Begnadigungspraxis markiert einen Bruch zwischen dem anfänglichen amerikanischen Programm der Bestrafung von Kriegsverbrechern und den neuen außenpolitischen Optionen als Folge des sich abzeichnenden Kalten Krieges. Zunehmend erfolgte eine tendenzielle Gleichsetzung von nationalsozialistischen Gewalt- und Kriegsverbrechen und eine zunehmende Unterscheidung von Nationalsozialisten und missbrauchten Deutschen, die nicht für nationalsozialistische Gewaltverbrechen verantwortlich zeichnen mussten[13]. Dieses schuldentlastende Opferbewusstsein wegen Kriegsniederlage, Entnazifizierungsmaßnahmen, Zerstörungen und materiellen Elend bestimmte die folgenden Jahre. Durchgängig unterschied etwa die Hälfte der Bevölkerung zwischen dem terroristischen NS-Regime und der „guten nationalsozialistischen Idee“[14]. Nur frühe Umfrage zeigen, dass die Nürnberger Prozesse von einer deutlichen Mehrheit als fair, lehrreich und notwendig angesehen wurden. Nach Abschluss der Nürnberger Prozesse empfanden nur noch 32% der Befragten die Nürnberger Prozesse als fair, die Strafen wurden aber durchgängig als zu hoch beurteilt[15]. Der Ruf nach Gnade und Versöhnung wurde in der Gesellschaft immer spürbarer. Kurz vor Weihnachten 1950 empfahl der Bundestag die Vereinheitlichung und baldige Beendigung der Entnazifizierungsmaßnahmen. Diese Empfehlung wurde in der Bevölkerung mit großer Erleichterung aufgenommen[16] und prägte den gesellschaftlichen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in den frühen Jahren der Bundesrepublik.

3. Die BRD während der „Adenauer-Ära“

Im Spannungsfeld des sich abzeichnenden Kalten Krieges werden 1949 die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik gegründet. In der Bundesrepublik wird am 15. September 1949 Konrad Adenauer zum ersten deutschen Bundeskanzler gewählt. Er avanciert zur politischen Leitfigur der 1950er Jahre. Die von ihm forcierte Wiedergutmachung für Opfer nationalsozialistischer Verbrechen wird von einem Großteil der Bevölkerung akzeptiert[17]. Die BRD bekennt sich zu ihrer Verantwortung gegenüber den Opfern, die sich aus der Rechtsnachfolge des Dritten Reiches ergibt. Die Wiedergutmachungs- und Entschädigungsgesetze der 50er Jahre tragen zur Glaubwürdigkeit und Anerkennung der BRD im Ausland bei. Zudem sind sie elementarer Bestandteil der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Neben Konrad Adenauer wird Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zur Symbolfigur der frühen Jahre der BRD. Durch den Marshall-Plan und die eingeführte soziale Marktwirtschaft entwickelt sich eine prosperierende Wirtschaftslandschaft, die als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet wird.

Im Zeichen der sich deutlich verbessernden Lebensbedingungen entschärfen sich die sozialen Probleme; die Bewältigung der Kriegsfolgen macht Fortschritte, jedoch ohne von einer breiten Auseinandersetzung mit den Kriegsursachen und Kriegsverbrechen begleitet zu sein. Die fünfziger Jahre waren ein Zeitraum, in dem die Menschen nach Ruhe und Sicherheit strebten und sich nach einem Abschluss der Epoche, die um 1900 begonnen hatte, sehnten[18]. Dies zeigt sich auch in der sich gewandelten Bewertung der Nürnberger Prozesse. Waren 1945 noch 78% der Befragten der Meinung, die Prozesse seien fair verlaufen und die Strafen seien angemessen, bescheinigten im Herbst 1950 nur noch 38% den Nürnberger Prozessen einen fairen Charakter[19].

Die in der Öffentlichkeit lauter werdenden Rufe nach einem „Schlussstrich“ unter die NS-Vergangenheit zwangen den US-Hochkommissar John McCloy zu Beginn der 50er Jahre zu zahlreichen Begnadigungen[20].

3.1 Grundlagen für die juristische Vergangenheitsbewältigung in der jungen BRD

Die Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten wurden in die Hände der jungen Republik gelegt, nahmen in der Masse ab und endeten mit allgemeinen Amnestien. Zudem hatte die Bundesrepublik mit Artikel 103, Absatz 2 ein Rückwirkungsverbot in die Verfassung aufgenommen.

Wie die Entnazifizierungsmaßnahmen kam auch die Strafverfolgung von NS-Verbrechen nahezu zum Erliegen. Besonders die Kirchen setzten sich für Amnestien für die noch inhaftierten Schuldigen ein. 1955 verjährten Delikte wie Körperverletzung und Freiheitsberaubung, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 begangen worden waren ohne gesellschaftliche oder politische Beachtung zu finden. Eine Unterscheidung zwischen kriegsbedingten Verbrechen und Kriminalvergehen, wie Mord oder Totschlag, erfolgte noch nicht eindeutig. Kriegsverbrechen wurden demnach von der Gesellschaft schneller entschuldigt als Kriminalvergehen[21]. Für Kriegsverbrecher existierte eine höhere Entschuldungsbereitschaft. Hiervon profitierten viele ehemalige Nationalsozialisten.

Es kam zu weitreichenden personellen Integrationen belasteter ehemaliger Funktionäre in Wirtschaft aber auch im öffentlichen Dienst. Artikel 131 GG sollte allen Beamten, die beim Entnazifizierungsverfahren nicht als Hauptschuldige oder Belastete eingestuft worden waren erlauben, wieder beamtet zu werden. Das Gesetz wurde am 10.4.1951 verabschiedet und war in der Öffentlichkeit heftig umstritten. Es hatte zur Folge, dass viele Nationalsozialisten in den öffentlichen Dienst zurückkehrten. Trotz personeller Kontinuitäten entwickelte sich die politische Demokratie zu einem stabilen System, in dem der Wiederaufbau stetig voranschritt.

Ab 1955 stieg die Zahl der Ermittlungsverfahren wieder an. Dies unter anderem auch, weil viele heimkehrende Kriegsgefangene nun aussagten. 1954 wurde der Straftatbestand des „Völkermordes“ in das Strafgesetz aufgenommen.

3.2 Der „Ulmer-Einsatzgruppenprozess“

Erst 1958 kam es zu einem öffentlichkeitswirksamen Prozess vor einem deutschen Strafgericht, in dem nationalsozialistische Gewaltverbrechen verhandelt wurden[22]. Der SS-Oberführer Bernhard Fischer-Schweder hatte gegen das Land Baden-Württemberg auf Wiedereinstellung geklagt. Es kam zu staatsanwaltlichen Ermittlungen. Der „Ulmer-Einsatzgruppenprozess“ stieß auf großes öffentliches Interesse und zeigte, dass ein Großteil der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen noch nicht aufgeklärt war und unklare Zuständigkeiten eine zielgerichtete Ermittlungsarbeit behinderten. Als Folge wurde 1958 die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen mit Sitz in Ludwigsburg (kurz Ludwigsburger Zentrale Stelle) gegründet, deren Vorermittlungen in der Folgezeit Grundlage für die meisten NS-Prozesse waren.

Durch den „Ulmer-Einsatzgruppenprozess“ wandelte sich das öffentliche Meinungsbild. Die Rufe nach einem „Schlussstrich“ sanken auf das bislang niedrigste Niveau[23]. Die Bevölkerung wollte eine umfassende Aufklärung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, wohl auch, um sich der eigenen Vergangenheit bewusst zu werden und um eine uneingeschränkte Identifikation mit dem neuen Staat zu schaffen[24]. Ab 1958 setzte eine neue Prozesswelle ein.

[...]


[1] Vgl.: Wolfgang Benz: Kriegsziele der Alliierten, in: Informationen zur politischen Bildung 259 (überarbeitete Neuauflage 2005). Deutschland 1945-49, S. 4-8, hier S. 7.

[2] Vgl.: Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946, online unter URL: http://www.verfassungen.de/de/bw/wuerttemberg-baden/wuertt-b-befreiungsgesetz46.htm, ( 20.03.2011).

[3] Vgl: Peter Steinbach: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen. Die Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit nach 1945, Berlin 1981 (=Beiträge zur Zeitgeschichte,5), S. 21.

[4] Vgl.: Wolfgang Benz: Bestrafung der Schuldigen, in: Informationen zur politischen Bildung 259 (überarbeitete Neuauflage 2005). Deutschland 1945-49, S. 26-29, hier S. 27.

[5] Aufgrund des sich abzeichnenden Kalten Krieges wurden die zwölf Nachfolgeprozesse nicht mehr unter gemeinsamer Führung der Alliierten, sondern unter amerikanischer Schirmherrschaft geführt.

[6] Vgl.: Benz: Bestrafung der Schuldigen, S. 26.

[7] Vgl.: Benz: Bestrafung der Schuldigen, S. 27.

[8] Vgl.: Ebd., S. 26.

[9] Vgl.: Steinbach: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen, S. 33.

[10] Vgl.: Peter Reichel: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur in Politik und Justiz, München 2001, S. 45.

[11] Vgl.: Steinbach: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen, S. 26.

[12] Vgl.: Reichel: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland, S. 52.

[13] Vgl.: Ebd., S. 67.

[14] Vgl.: Ebd., S. 65.

[15] Vgl.: Ebd., S. 70.

[16] Vgl.: Ebd., S. 108.

[17] Vgl.: Andreas Grau: 1949-55 Jahre des Aufbaus in Ost und West (o. J.), online unter URL: http://www.hdg.de/lemo/html/DasGeteilteDeutschland/JahreDesAufbausInOstUndWest/index.html (20.03.2011).

[18] Vgl.: Axel Schildt: Gesellschaftliche Entwicklung, in: Informationen zur politischen Bildung 256 (1997), S. 3-10, hier S. 3.

[19] Vgl.: Bernd Weisbrod: Die „Vergangenheitsbewältigung“ der NS-Prozesse: Gerichtskultur und Öffentlichkeit, in: Eva Schumann (Hrsg.): Kontinuitäten und Zäsuren. Rechtswissenschaft und Justiz im „Dritten Reich“ und in der Nachkriegszeit, Göttingen 2008, S. 247-270, hier S. 249.

[20] Vgl.: Ebd.

[21] Vgl.: Steinbach: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen, S. 43.

[22] Kleinere lokale Prozesse schafften es nicht in das öffentliche Bewusstsein und trugen somit nicht zum Wandel des öffentlichen Meinungsbildes bei. Sie bleiben deshalb unberücksichtigt.

[23] Vgl.: Werner Bergmann: Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1949-1989 (=Schriftenreihe des Zentrums für Antisemitismusforschung Berlin, 4), Frankfurt/Main 1987, S. 282.

[24] Vgl.: Ebd., S. 188.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die NS-Prozesse in der westdeutschen Öffentlichkeit. Ein gerechtes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V418722
ISBN (eBook)
9783668678187
ISBN (Buch)
9783668678194
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Frankfurter Auschwitz-Prozess, NS-Prozesse, Aufarbeitung, Entnazifizierung
Arbeit zitieren
Charlotte Stein (Autor), 2011, Die NS-Prozesse in der westdeutschen Öffentlichkeit. Ein gerechtes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418722

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