Der sechste Bundespräsident Richard von Weizäcker sagte am 8. Mai 1985 in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart". Bei Erwähnung der Vergangenheit in Verbindung mit nationalsozialistischer Gewaltherrschaft denkt wohl jeder an die Bilder von grausam verstümmelten, misshandelten und getöteten Juden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Eben diese Bilder wurden auch in den Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher als Beweismaterial gesichtet. Ihre Verwendung war ebenso umstritten wie die Prozesse selbst.
Ziel dieser Hausarbeit ist es, darzustellen, wie die NS-Prozesse in der breiten Öffentlichkeit wirklich gesehen wurden, wie die Prozesse das Meinungsbild in Bezug auf den Nationalsozialismus beeinflusst haben und ob die NS-Prozesse als gerechtes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung empfunden wurden. Zur Beantwortung dieser Fragen ist es nötig, die juristischen und historischen Gegebenheiten der Jahre 1945 bis 1969 darzustellen.
Zur Darstellung der politischen Phasen ist die Hausarbeit in drei Kapitel unterteilt. Zunächst erfolgt die Schilderung der Besetzungszeit von 1945 bis 1949. Dem folgend schließen sich die Jahre von der Gründung der beiden deutschen Staaten bis 1961 an. Den Anschluss bilden die Jahre nach der "Adenauer-Ära" bis zum Ende der 1960er. Im abschließenden letzten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst, um die Entwicklung des öffentlichen Meinungsbildes im untersuchten Zeitraum darzustellen. Da NS-Prozesse in der DDR nicht öffentlich waren, erfolgte hier keine öffentliche Diskussion. Es konnte sich somit kein öffentliches Meinungsbild entwickeln. Die NS-Prozesse, die in der DDR geführt wurde, fallen deshalb aus der Betrachtung heraus.
Als Grundlage der Arbeit dienen die Ausführungen von Arnulf Kutsch, Werner Bergmann und Bernd Weisbrod, die auf Umfragen des Meinungsforschungsinstituts EMNID und des Office of Military Government for Germany (OMGUS) basieren. Diese Werke nennen, im Gegensatz zu den ebenfalls verwendeten Schriften von Peter Reichel und Peter Steinbach, konkrete Zahlen aus repräsentativen Umfragen und zeichnen somit ein belegbares Bild der öffentlichen Meinung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Deutschland unter der Besatzung der Alliierten
2.1 Juristische Verfolgung von NS-Straftätern
2.2 Die Nürnberger Prozesse in der deutschen Öffentlichkeit
3. Die BRD während der „Adenauer-Ära“
3.1 Grundlagen für die juristische Vergangenheitsbewältigung in der jungen BRD
3.2 Der „Ulmer-Einsatzgruppenprozess“
4. Zeiten des Wandels
4.1 Der Eichmann-Prozess in Jerusalem
4.2 Oppositionsbildung und Konfrontation mit der Vergangenheit
4.3 Der Frankfurter Auschwitz-Prozess
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie NS-Prozesse in der westdeutschen Öffentlichkeit zwischen 1945 und 1969 wahrgenommen wurden, welchen Einfluss diese auf das Meinungsbild gegenüber dem Nationalsozialismus hatten und inwieweit sie als Instrumente zur Vergangenheitsbewältigung fungierten.
- Analyse der juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen in den verschiedenen politischen Phasen der jungen Bundesrepublik.
- Untersuchung der öffentlichen Meinung und des Wandels von der "Schlussstrich-Mentalität" hin zu einer kritischen Auseinandersetzung.
- Bewertung der Rolle von Schlüsselprozessen wie den Nürnberger Prozessen, dem Eichmann-Prozess und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess.
- Betrachtung des Einflusses der "Adenauer-Ära" und der gesellschaftlichen Politisierung der 1960er Jahre auf die Geschichtswahrnehmung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Eichmann-Prozess in Jerusalem
Neue Impulse in Bezug auf die Vergangenheitsbewältigung lieferte unter anderem der zwischen dem 11. April und 15. Dezember 1961 in Jerusalem stattfindende Eichmann-Prozess. Der ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien abgesetzt, wo er unter falschen Namen lebte. Im Mai 1960 wurde er von israelischen Agenten aufgespürt und, wegen eines fehlenden Auslieferungsabkommens zwischen Argentinien und Israel, vom israelischen Geheimdienst entführt. Er wurde wegen millionenfachen Mordes angeklagt und zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde in zweiter Instanz bestätigt und am 31. Mai 1962 vollstreckt. Aufsehen erregte die Verurteilung auch, weil das israelische Recht eigentlich keine Todesstrafe vorsieht.
Die weltweit im Fernsehen ausgestrahlten Bilder von Adolf Eichmann hinter Panzerglas führten zum Ende der bis dahin vorherrschenden „Schlussstrich-Mentalität“. Der Eichmann-Prozess führte außerdem dazu, dass bekannt wurde, dass viele Menschen von den Deportationen der Juden gewusst haben. Die Entschuldigung, man habe nichts gewusst, galt nunmehr nicht. Zudem wurde die industriemäßige Tötung als ein Akt eines Verwaltungsapparates und nicht als Folge einzelner Gewaltexzesse festgestellt. „Eichmanns kleinbürgerliche Technokratenmentalität führt den Deutschen wie nie zuvor die Perversion einer geschäftsmäßigen Mordbürokratie vor Augen, […].“ Der „Prozess wurde zu einer Lektion in Zeitgeschichte, die die deutsche Öffentlichkeit stark beschäftigte und sicherlich auch die deutsche Verfolgungspraxis beeinflusste“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zur öffentlichen Wahrnehmung von NS-Prozessen und der methodischen Grundlage mittels EMNID- und OMGUS-Umfragedaten.
2. Deutschland unter der Besatzung der Alliierten: Darstellung der Entnazifizierungsmaßnahmen sowie der anfänglichen juristischen Aufarbeitung durch die Siegermächte, insbesondere der Nürnberger Prozesse.
3. Die BRD während der „Adenauer-Ära“: Untersuchung der gesellschaftlichen Stimmung in der jungen Bundesrepublik, die von Verdrängung und dem Streben nach wirtschaftlichem Wiederaufbau geprägt war.
4. Zeiten des Wandels: Analyse des Umschwungs in der öffentlichen Debatte durch große Strafprozesse wie den Eichmann- und den Auschwitz-Prozess sowie die wachsende Politisierung der jungen Generation.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Entwicklung des öffentlichen Meinungsbildes und der Bedeutung der NS-Prozesse für die demokratische Wertebildung der Bundesrepublik.
Schlüsselwörter
NS-Prozesse, Vergangenheitsbewältigung, Westdeutsche Öffentlichkeit, Nürnberger Prozesse, Eichmann-Prozess, Auschwitz-Prozess, Adenauer-Ära, Schlussstrich-Mentalität, Entnazifizierung, Nationalsozialismus, Unrechts-Staat, Zeitgeschichte, Strafjustiz, Kollektivschuld, Demokratisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen den NS-Prozessen der Nachkriegszeit und dem öffentlichen Meinungsbild in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1945 und 1969.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Im Zentrum stehen die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen, die deutsche "Schlussstrich-Mentalität", die gesellschaftliche Integration ehemaliger Funktionäre und der Wandel des Geschichtsbewusstseins.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie die NS-Prozesse in der Gesellschaft rezipiert wurden, ob sie das Meinungsbild zum Nationalsozialismus maßgeblich beeinflussten und ob sie als gerechte Vergangenheitsbewältigung wahrgenommen wurden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine historische Analyse auf Basis von Meinungsforschungsumfragen des Instituts EMNID sowie Dokumenten der OMGUS, ergänzt durch Fachliteratur zur Zeitgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch in die Besatzungszeit, die Ära Adenauer und die Umbruchsphase der 1960er Jahre, wobei die rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen detailliert dargestellt werden.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten über die Begriffe NS-Prozesse, Vergangenheitsbewältigung, Zeitgeschichte, juristische Aufarbeitung und öffentliche Meinung in der BRD definieren.
Warum war die "Schlussstrich-Mentalität" in den 1950er Jahren so ausgeprägt?
Viele Menschen strebten nach den Entbehrungen des Krieges nach Ruhe und Sicherheit und zogen es vor, die belastende NS-Vergangenheit zu verdrängen und sich ausschließlich dem wirtschaftlichen Wiederaufbau zu widmen.
Inwiefern veränderte der Eichmann-Prozess die öffentliche Wahrnehmung?
Der Prozess in Jerusalem konfrontierte die deutsche Öffentlichkeit weltweit durch Fernsehbilder mit der industriemäßigen Organisation des Holocausts und entlarvte die verbreitete Ausrede, man habe von den Deportationen und Morden nichts gewusst.
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- Charlotte Stein (Author), 2011, Die NS-Prozesse in der westdeutschen Öffentlichkeit. Ein gerechtes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418722