Sport als (Ersatz-)Religion?

Können Fußball und die dazugehörige Fankultur die Funktionen von Religion ersetzen?


Examensarbeit, 2013
53 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Entwicklung der eigenen Fragestellung
1.2 Inhaltlicher Aufbau und Ziel der Arbeit

2 Religion – eine Begriffsbestimmung
2.1 Substanzielle Religions-Definitionen
2.2 Funktionale Religions-Definitionen
2.2.1 Die elementaren Formen des religiösen Lebens nach Durkheim
2.2.2 Weitere Funktionen von Religion

3 Charakteristika des Fußballsports
3.1 Geschichte des Fußballsports
3.1.1 Ursprünge
3.1.2 Entwicklung in Europa
3.1.3 Entwicklung in Deutschland
3.2 Zum Fantum im (Fußball-)Sport
3.2.1 Was ist ein Fan?
3.2.2 Fans in der Forschung
3.2.3 Fußballfans

4 Berührungspunkte von Fußball und Religion
4.1 Ursprünge und Entwicklung
4.2 Metaphorischer Sprachgebrauch
4.3 Religiöse Symbolik im Fußball
4.4 Funktionen von Religion im Einzugsbereich des Fußballs
4.4.1 Gemeinschaftsbildung
4.4.2 Einteilung der Dinge in heilig und profan
4.4.3 Vorstellung mythischer Persönlichkeiten
4.4.4 Verbote und Wertevorstellungen
4.4.5 Rituale
4.4.6 Systematisierung der Lebensführung
4.4.7 Kontingenzbewältigung

5 Empirische Befunde
5.1 Entwicklung der Zuschauerzahlen der Bundesliga
5.2 Entwicklungen der DFB-Mitgliederzahlen
5.3 Entwicklungen der Kirchenmitglieder in Deutschland
5.4 Fußball-Fans und Religion

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Funktionen von Religion (nach Durkheim)

Tabelle 2: Religiöse Symbole im Fußball und die kirchlichen Pendants

Tabelle 3: Zuschauerzahlen des DFB

1 Einleitung

Was hat Sport mit Religion zu tun? Überhaupt nichts? Vielleicht etwas? Oder doch ziemlich viel? Sich bekreuzigende Spieler[1], zum Gebet gefaltete Hände, Grüße und Küsse gen Himmel sind keine seltenen Bilder bei Fußballübertragungen. Aber neben diesen offensichtlichen religiösen Symbolen und Ritualen einiger vereinzelter, ihren Glauben extrovertiert auslebenden, Spieler, lassen sich beim Fußball auch noch andere, tiefer greifende Parallelen zu Religion und gerade auch zur kirchlichen Liturgie beobachten. So ähnelt z. B. das Einmarschieren der Mannschaften dem Einlaufen des Priesters und der Messdiener in die Kirche, die Gesänge der Fans erinnern an Kirchenchoräle und die (noch) überwiegend patriarchalischen Strukturen sind in Fußball und Kirche sehr ähnlich konzipiert. Die römisch-katholische Kirche z. B. hat ihr weltweites Oberhaupt, den Papst. Ihm folgen Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Priester. Der Fußball organisiert sich ähnlich strukturiert in Verbänden. Weltweit ist die FIFA das „Oberhaupt“, auf europäischer Ebene folgt die UEFA, dann die Bundes- und schließlich Landesverbände. Wie eine Gemeinde von ihrem Priester geleitet wird, leitet der Vorsitzende einen Verein, der Trainer eine Mannschaft und ein „Erwählter“ die Fangesänge und Schlachtrufe im Stadion. Die äußeren, wahrnehmbaren Strukturen von Fußball und Religion sind also schon einmal ziemlich ähnlich.

Wenn von und über Fußball gesprochen wird, ist außerdem religiöse Sprache allgegenwärtig, besonders in den Medien. Begriffe wie z. B. „Fußball gott “, „Hand Gottes “, „Das Wunder von Bern“ oder „Team geist “ sind allesamt religiös konnotiert und zugleich jedem echten Fußballfan ein Begriff. Aber warum erhalten diese Termini aus dem religiösen Sprachgebrauch Einzug in die Welt des Sports, besonders in die des Fußballs? Gerade, wo doch sicher nicht jeder Fußballfan von sich behaupten würde ein religiöser Mensch zu sein. Und genau hier liegt neben den beschriebenen Parallelen schließlich auch einer der größten Unterschiede von Fußball und Religion. Das öffentliche Interesse am (Profi)Fußball steigt seit Jahren stetig an, zu sehen an jährlich neuen Rekordverkäufen der Dauerkarten, während in den Medien dagegen von der Kirche zunehmend nur im Zusammenhang mit der sogenannten Kirchenkrise berichtet wird, jüngst neu verstärkt durch die 2011 bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen. Während die Stadien also immer voller werden, werden die Kirchen zunehmend leerer.

1.1 Entwicklung der eigenen Fragestellung

Bedenkt man diese beiden konträren Phänomene, nämlich einerseits die scheinbar offensichtlichen Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen Fußball und Religion und andererseits die gegensätzlichen Entwicklungen was ihr öffentliches Interesse belangt, ergibt sich daraus schnell die Frage, was das für das Verhältnis von Fußball und Religion bedeutet. Als angehenden Lehrer für die Unterrichtsfächer Sport und Religion interessiert den Autor dieses Verhältnis schon seit Langem. Und kritische Anfragen zu dieser Fächerkombination sind ihm im Studium stete Begleiter gewesen. Das hat zu einem steigenden Interesse der jeweiligen Standpunkte beider Disziplinen gegenüber der jeweils anderen geführt und einen Weg geebnet, zu den zunehmend entstehenden Theorien, die sich mit Fußball als Religion, Ersatzreligion, Religionsersatz o. Ä. befassen.

Schließlich stellt sich aufgrund der eingangs beschriebenen Ähnlichkeiten nach Meinung des Autors durchaus die Frage, ob Fußball, als vermutlich beliebtester bzw. verbreitetster Sport der Welt, die Aufgaben und Funktionen der Religion übernehmen, vielleicht sogar ersetzen kann, wenn doch die Kirchen, als Institutionen der Religion, sich zunehmend sinkender Beliebtheit erfreuen. Gibt der Fußball dem Menschen nicht das, was er früher nur in den Kirchen finden konnte? Halt? Gefühle? Rituale? Emotionen? Können Fußball und die dazugehörende Fankultur die Funktionen von Religion tatsächlich ersetzen?

Natürlich ist diese Frage, gerade aus religiöser Sicht, recht provokativ, aber andererseits spiegelt sie auch gerade deswegen genau die Situation wieder, in der sich die Kirchen nach Meinung vieler Autoren und Journalisten gerade befinden, eben der Kirchenkrise.[2]

1.2 Inhaltlicher Aufbau und Ziel der Arbeit

Mithilfe dieser Arbeit soll ein Versuch unternommen werden, die gestellte Leitfrage möglichst differenziert zu beantworten. Dafür müssen zunächst die verschiedenen Religionsverständnisse geklärt und im speziellen Fall dieser Arbeit funktional-systematisch aufgeschlüsselt werden (Kapitel 2). Ferner müssen natürlich auch der Fußball (3.1) und seine Fankultur (3.2) genau untersucht werden. Dabei interessieren die Ursprünge des Fußballsports (3.1.1) ebenso wie die Entwicklung des modernen Fußballs in Europa (3.1.2) und speziell in Deutschland (3.1.3). Für das Fantum stehen zu Anfang eine Begriffsbestimmung (3.2.1), ein kurzer Hinweis auf den aktuellen Stand in der Fanforschung (3.2.2) sowie die Fußballfans im Speziellen (3.2.3) auf dem Plan, bevor schließlich anhand der gewonnenen Erkenntnisse die gemeinsamen Berührungspunkte von Fußball und Religion in Kapitel 4 zusammengetragen werden können. Dabei stehen zuerst die gemeinsamen Ursprünge und Entwicklungen (4.1) an, dann zusammenfassende Auflistungen der religiösen Metaphorik und Symbolik im Fußball (4.2 und 4.3) und schließlich die Betrachtung der Funktionen von Religion im Fußball (4.4), um zu sehen, ob der Fußball diese wirklich erfüllen, bzw. ersetzen kann. Ferner sollen in Kapitel 5 anhand einiger verschiedener empirischer Befunde deren Relevanz und Aussagekraft für das Verhältnis von Fußball und Religion ergründet werden. Wie entwickeln sich die Teilnehmerzahlen im Fußball (5.1 und 5.2) und in den Religionen (5.3) tatsächlich und was bedeutet das Fan-Sein für die Religiosität des Fans (5.4)? Anhand der Erkenntnisse der vorangehenden Kapitel soll im abschließenden Kapitel 6 ein Fazit zur eingangs gestellten Frage möglich sein und ein Ausblick für einen wünschenswerten weiteren Verlauf der Forschung gegeben werden.

2 Religion – eine Begriffsbestimmung

Um sich der Ausgangsfrage dieser Arbeit zu stellen, bedarf es natürlich einer genaueren Betrachtung des Religionsbegriffs. Wie wird Religion überhaupt definiert? Bereits bei ersten Betrachtungen religionssoziologischer Literatur fällt auf, dass es scheinbar keine allgemeingültige Definition für den Begriff Religion gibt und ferner selbst die Etymologie schon nicht eindeutig zu klären ist.[3] Pollack unterscheidet gleich neun Methoden der Entwicklung einer allgemeingültigen Religions-Definition (vgl. Pollack, 2003, S. 31ff.), die hier aber in ihrer Vielfalt nicht umfassend behandelt werden können. In der Regel werden aber überwiegend zwei spezielle Sichtweisen unterschieden, nach denen Religions-Definitionen aufgestellt werden. Der gegenwärtige Diskurs unterscheidet dabei zwischen einem substanziellen und einem funktionalen (bzw. funktionalistischen) Religionsbegriff. Während Ersterer versucht, an inhaltlichen Merkmalen zu beschreiben was Religion ist, ist es das Ziel des Letzteren, darzustellen, was Religion leistet und bewirkt (vgl. Kehrer, 1998, S. 422).

2.1 Substanzielle Religions-Definitionen

Das substanzielle Verständnis des Religionsbegriffs versucht, wie bereits erwähnt, Religion an ihrem Inhalt und Sozialgehalt zu bestimmen (vgl. Pickel, 2011, S. 19) bzw. an ihrem Bezugsgegenstand, der im Fall von Religion z. B. der Glaube an einen oder mehrere Götter sein kann (vgl. Pollack, 2003, S. 32). Eine bekannte Definition dieser Art ist die von M. E. Spiro: „Religion ist eine Institution, die aus kulturell geformter Interaktion mit kulturell postulierten übermenschlichen Wesen besteht“ (Spiro, 1966, S. 96, zitiert nach Kehrer, 1998, S. 422). Die Definition von Spiro macht den Bezugsgegenstand einer Göttlichkeit, bzw. von etwas Übernatürlichem deutlich. Damit wäre die Substanz des Religionsbegriffs in einem sehr engen Verständnis ziemlich eindeutig beschrieben. Aber es gibt auch Versuche, den Bezugsgegenstand weiter zu fassen und ihn z. B. zu beschreiben als „Bejahung einer lebenswichtigen Überzeugung, die weder bewiesen noch widerlegt werden kann“ (Colpe, 1980, S. 88f., zitiert nach Pollack, 2003, S. 35) oder als „eine ‚letzte‘ Bedeutung, eine ‚absolute‘ Gültigkeit“ (Waardenburg, 1986, S. 31; 35, zitiert nach Pollack, 2003, S. 36). Aber diese Versuche, sich von einem fest umrissenen Gegenstand eines Gottes oder etwas Übernatürlichem zu lösen, geben den Definitionsversuchen wiederum nur eine unspezifische Weite (vgl. Schäfer & Schäfer, 2009, S. 4).

Ein großer Nachteil der substanziellen Religions-Definitionen ist also zum einen der zu enge Bezug auf ihren Gegenstand. So fallen im engen Verständnis, das die Substanz von Religion als eine Gottheit versteht, z. B. der frühe Buddhismus und Phänomene wie Okkultismus o. Ä., in denen es keine explizite Gottesvorstellung gibt, aus dem Rahmen (vgl. Pollack, 2003, S. 33). Zum anderen ist es ebenso von Nachteil, wenn ein zu weites Verständnis des Gegenstandes letztlich mit einer „gewissen Inhaltsarmut“ (Pollack, 2003, S. 35) verbunden ist.

2.2 Funktionale Religions-Definitionen

Beim funktionalen Religionsbegriff wird nach den Funktionen und Aufgaben gefragt, die Religion in der Gesellschaft erfüllen muss, um durch diese einen „Rückschluss auf den religiösen Charakter von Handlungen sowie Überzeugungen“ (Pickel, 2011, S. 20) ziehen zu können. Der Vorreiter schlechthin für die funktionalen Definitionen von Religion war Émile Durkheim (1858–1917), ein französischer Soziologe, der 1912 Les formes élémentaires de la vie religieuse[4] veröffentlichte und damit einen Grundstein der Religionssoziologie des 20. Jahrhunderts legte. Die darin verfasste Theorie über die elementaren Formen des religiösen Lebens soll im Folgenden kurz zusammengefasst werden, da sie für die meisten funktionalen Definition zumindest die Grundlage bietet, wenn nicht den wesentlichen Kern. Auch im Sinne eines systemtheoretischen Ansatzes scheint eine funktionale Religions-Definition für diese Arbeit offensichtlich angebrachter als eine rein substanzielle, da auch eine strukturell-funktionale Systemtheorie bereits auf Durkheim zurückgeht (vgl. Heinemann, 2007, S. 31ff.).[5]

2.2.1 Die elementaren Formen des religiösen Lebens nach Durkheim

Auf der Suche nach einer Definition für Religion gilt es nach Durkheim zuerst das primitivste Religionssystem überhaupt zu bestimmen, um mit der Definition selbst schließlich die ursprünglichsten Eigenschaften von Religion beschreiben zu können. Dabei sind zwei wesentliche Aspekte als Bedingung zu beachten, damit vom primitivsten Religionssystem gesprochen werden kann: Es muss sich erstens in einer einfach organisierten, primitiven Gesellschaft finden lassen und zweitens darf kein Element einer bereits existierenden Religion vorfindbar sein (vgl. S. 17). Durkheim blickt also zurück und sucht den ursprünglichsten Moment von Religion, denn die „barbarischsten und seltsamsten Riten[6], die fremdesten Mythen bedeuten irgendein menschliches Bedürfnis, irgendeine Seite des individuellen Lebens“ (S. 19). Um dieses menschliche Ur-Bedürfnis herauskristallisieren zu können, betrachtet Durkheim in seiner Untersuchung überwiegend australische Stämme von Eingeborenen, die er als die ‚primitivsten‘ und ursprünglichsten Gesellschaften zu erkennen glaubt. Ferner gäbe es auch wohl „keinen genauen Augenblick, wo die Religion zu existieren begonnen hätte“ (S. 26). Dass er anhand solcher Stämme den Ursprung von Religion finden kann, begründet Durkheim wie folgt:

An der Basis aller Glaubenssysteme und aller Kulte muß es notwendigerweise eine bestimmte Anzahl von Grundvorstellungen und rituellen Haltungen geben, die trotz der Vielfalt der Formen, die die einen und die anderen haben annehmen können, überall die gleiche objektive Bedeutung haben und überall die gleiche Funktion erfüllen. Diese beständigen Elemente bilden das, was in der Religion ewig und menschlich ist. Sie bilden den objektiven Inhalt der Idee, die man meint, wenn man von der Religion im allgemeinen(!) spricht. (S. 22)

Da den meisten dieser primitiven Gesellschaften der Gottesbegriff jedoch fremd ist, hält Durkheim bereits vor seinem Definitionsversuch fest, dass dieser also kein Maßstab für Religion sein kann, obwohl es dennoch keine Religion gäbe, „die nicht zugleich eine Kosmologie ist und eine Spekulation über das Göttliche“ (S. 27).

Aus seiner Analyse der Eigenschaften der primitivsten Gesellschaften folgert Durkheim schließlich, „daß die Religion eine eminent soziale Angelegenheit ist. Die religiösen Vorstellungen sind Kollektivvorstellungen […]“ (S. 28). So viel steht schon mal fest. Bevor er aber eine spezifischere Definition wagt, nimmt sich Durkheim noch zwei gängiger Charakteristika von Religion an, um sie beide zu wiederlegen. Zum einen zeigt er, dass „ Das Übernatürliche“, bzw. die „ Sehnsucht nach dem Unendlichen “ (Müller, 1874, zitiert nach Durkheim, 1981, S. 47) vom Menschen geschaffen und somit nicht primitiv ist. Zum anderen ist, wie bereits angedeutet, auch die Idee der Göttlichkeit nicht für eine Definition von Religion geeignet, da es Religionen gibt, die sich nicht für Götter interessieren (z. B. der Buddhismus) und auch gewisse Riten und Verbote/Gebote nicht auf Götter bezogen sind (vgl. S. 54ff.).

Da diese gängigen Versuche, Religion als Ganzheit zu definieren, problematisch erscheinen, versucht Durkheim nun, die einzelnen „Elementarphänomene“ (S. 61) zu charakterisieren. Dabei unterscheidet er zwei Kategorien: die Glaubensüberzeugungen und die Riten (vgl. S. 61). Da Letztere aus den Ersteren hervorgehen, müssen also die Glaubensüberzeugungen genauer betrachtet werden, für die wiederrum zwei Aspekte unterschieden werden können, nämlich die Klassifizierung der Inhalte dieser Überzeugungen in profane und heilige (vgl. S. 62). Profan und heilig bilden ein absolutes Gegensatzpaar, das nicht miteinander vereinbar ist und somit „eine zweiseitige Teilung des bekannten und erkennbaren Universums in zwei Arten voraussetzt“ (S. 67). Für Durkheim bildet die Unterscheidung von profan und heilig ein erstes Kriterium für Religion. Zusammen mit den bereits erwähnten Voraussetzungen ergibt sich für Durkheim nun folgende vorläufige Definition, um überhaupt erst nach den primitivsten Religionssystemen suchen zu können:

Wenn heilige Dinge untereinander Beziehungen der Zu- und Unterordnung haben, so daß sie ein System von gewisser Einheit bilden, das aber selbst in keinem anderen System derselben Art einbezogen ist, dann bildet die Summe der Überzeugungen und der entsprechenden Riten eine Religion. (S. 67)

Weil mit dieser Definition jedoch auch die Magie mit ihren Überzeugungen und Riten in das Raster fallen würde, grenzt Durkheim weiter ein:

Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d. h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören. (S. 75)

Mit diesem letzten Aspekt, legt Durkheim schließlich das Augenmerk auf den sozialen und somit kollektiven und gemeinschaftsstiftenden Charakter von Religion als einer der wichtigsten Funktionen von Religion.

Im weiteren Verlauf seiner Studie kommt Durkheim schließlich zu dem Fazit, dass der Totemismus, den er bei allen untersuchten Stämmen ausmacht, wohl die ursprünglichste Form von Religion darstellt. Denn der Totemismus mit seiner Klanstruktur verkörpert ein überkontinentales System mit einer gewissen Allgemeingültigkeit (vgl. S. 128f.). Auf diesen ursprünglichen Totemismus aufbauend und anhand der bisherigen Erkenntnisse behauptet Durkheim, dass an der Basis aller Religionen (auch der fortgeschrittensten) folgende Merkmale auszumachen sind:

- Der kollektive, gemeinschaftsstiftende Charakter
- die Einteilung der Dinge in heilig und profan
- der Begriff der Seele, des Geistes, der mythischen Persönlichkeiten, der nationalen und übernationalen Gottheit
- der negative Kult (Verbote) mit seinen asketischen Praktiken
- Opfer- und Gedächtnisriten
- Nachahmungs-, Gedenk- und Sühneriten (vgl. S. 556)

Bis auf den sozialen Aspekt, der für sich selber stehen bleiben kann, als grundlegende Funktion von Religion, können diese aufgezählten Elementarphänomene wieder in die beiden erwähnten Kategorien der Elementarphänomene eingegliedert werden. Die Unterscheidung von heiligen und profanen Dingen sowie die Vorstellung von mythischen Persönlichkeiten gehören in die Kategorie Glaubensvorstellungen. Die Verbote und sämtliche Formen ritueller Handlungen gehören zur Kategorie Riten (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Funktionen von Religion (nach Durkheim)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.2 Weitere Funktionen von Religion

Neuere Religions-Definitionen beinhalten inzwischen den Versuch einer Kombination aus substanziellen und funktionalen Annahmen. Bei Pollack findet sich ein Definitionsversuch, der im übersinnlichen Inhalt einen funktionalen Nutzen ausmacht. So können feste Elemente wie Praktiken und Organisation den übersinnlichen Inhalt, also die Substanz des Religionsbegriffs, für den einzelnen Gläubigen erfahrbar machen (vgl. Pickel, 2011, S. 21f.). Nach Pollack deutet sich Religion also an, wenn „der Mensch die Erfahrung von Überraschendem, Außeralltäglichem, Unerwartetem macht, wenn Gefühle der Angst und Hoffnung aufbrechen und möglicherweise die Suche nach der Verankerung des Kontingenten im Konsistenten einsetzt“ (Pollack, 2003, S. 48). Mit dieser Definition spricht Pollack mit der Möglichkeit zur Kontingenzbewältigung eine weitere Funktion von Religion an, die auch bei Graf (2004) zu finden ist und den Menschen dazu befähigt, „sich zur elementaren Kontingenz seines Lebens konstruktiv zu verhalten“ (Graf, 2004, S. 111).

Bei Graf (2004) findet sich wiederrum noch eine weitere Funktion von Religion, die er in folgender Aussage formuliert: „Religiöse Deutungssysteme vermitteln mit einem bestimmten Gesamtbild der Welt auch Verhaltensmaximen und Muster idealer Lebensführung“ (Graf, 2004, S. 112). Damit beschreibt Graf die Vermittlung bzw. die Zurverfügungstellung von Werten als weitere Funktion von Religion. Zusätzlich bleibt nach Graf (2004) auch in modernen Gesellschaften…

Religion eine zentrale kulturelle Produktionskraft […], die in ihren Symbolsprachen, Riten, Liturgien und impliziten moralischen Codes entscheidend den Habitus von Individuen prägt, zur Konstruktion kollektiver Identitäten beiträgt, die ursprüngliche Akkumulation und Mehrung sozial relevanten Vertrauenskapitals fördern kann und politische Prozesse in vielfältiger Weise mitbestimmt. (Graf, 2004, S. 106f.)

Die vermittelten Muster idealer Lebensführung sowie zentrale Riten und Liturgien erschaffen in ihrem Zusammenspiel ein System der Lebensführung, das u. a. anhand einer gewissen Zeitstruktur, wie dem Kirchenjahr oder dem wöchentlichen Sonntagsgottesdienst, geordnet ist und sich dabei auf bestimmte Rituale zurückgreift.

Kombiniert man nun die klassischen Funktionen von Religion nach Durkheim mit den weiteren vorgestellten, jüngeren/neueren Funktionen, lassen sich für einen modernen funktionalen Religionsbegriff zusammenfassend folgende Funktionen als mögliche Indikatoren aufzählen:

- Gemeinschaftsbildung
- Einteilung der Dinge in heilig und profan
- Vorstellung mythischer Persönlichkeiten
- Verbote und Wertevorstellungen
- Rituale
- Systematisierung der Lebensführung
- Kontingenzbewältigung

Anhand dieser sieben Funktionen, die Religion für die Menschen erfüllen kann, soll später auch für den Fußball samt seinem Fantum überprüft werden, ob er diese ebenfalls erfüllt. Dies wäre zumindest Voraussetzung dafür, um davon zu sprechen, dass der Fußball die Religion ersetzen könnte. Zuerst soll aber noch der Fußball an sich ein wenig genauer betrachtet werden. Wie hat sich der Fußballsport überhaupt entwickelt und was zeichnet ihn und das Fan-Sein aus?

3 Charakteristika des Fußballsports

3.1 Geschichte des Fußballsports

3.1.1 Ursprünge

Was die Entstehung des Fußballspiels angeht, wird im Allgemeinen angenommen, dass Ballspiele schon Bestandteil der frühesten Kulturen waren und u. a. kosmische Vorstellungen wiederspiegelten (vgl. Bausenwein, 2006, S. 436; Sellmann, 2006, S. 52f.). Als Ursprungsort des Fuß ballspiels wird China vermutet, wo einer Legende nach bereits 2967 v. Chr. der seinerzeit regierende chinesische Kaiser „Kickball“ (cuju = „einen Ball mit dem Fuß stoßen“) erfunden haben soll, ein Ballspiel, das schon im ersten Jahrtausend v. Chr. weit verbreitet war (vgl. Bausenwein, 2006, S. 532). Zweck dieses ursprünglichen Spiels war vermutlich eine Ertüchtigung bzw. ein Training im militärischen Sinn. Dennoch entwickelten sich daraus zahlreiche verschieden Varianten, die mit der Zeit anfingen, die Formen des heutigen Fußballspiels anzunehmen (vgl. Bausenwein, 2006, S. 533ff.).

3.1.2 Entwicklung in Europa

Seit dem 12. Jahrhundert hat sich das Fußballspiel in England und Frankreich stetig weiterentwickelt, nahm im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts schließlich breitensportliche Züge an und erfreute sich einer zunehmenden Popularität (vgl. Müller, 2002, S. 55f.). 1863 sind schließlich in England, mit Gründung der Football Association (FA), die ersten Regeln des modernen Fußballs schriftlich formuliert worden (vgl. Bausenwein, 2006, S. 252ff.; Eggers, 2002, S. 67f.).

Von da an erlebte der organisierte Fußball einen weiteren Entwicklungsschub, gerade was die Zuschauerzahlen ging. Während in den ersten Jahren des englischen Ligabetriebs bereits wenige tausend Zuschauer zu den Pokal-Finalspielen kamen, waren es 1892 sogar schon um die 25.000, 1897 etwa 66.000 und 1901 erstmals sogar über 100.000 Zuschauer (vgl. Bausenwein, 2006, S. 280f.).

3.1.3 Entwicklung in Deutschland

Es waren sodann auch wohl englische Diplomaten, Geschäftsleute und Studenten, die den Fußball nach Deutschland brachten. Verbreitet wurde er dann u. a. von dem deutschen Turnlehrer Konrad Koch, der den Rugby-Football[7] an seiner Schule einführte und auch die Regeln ins Deutsche übersetzte (vgl. Bausenwein, 2006, S. 306; Eggers, 2002, S. 73, Anm. 20).

Im Jahr 1878 gründete sich der erste deutsche Fußballverein für Erwachsene in Hannover. Weitere Großstädte folgten diesem Beispiel sehr schnell (vgl. Krüger, 1993, S. 44). Aufgrund von Problemen mit der Verbindlichkeit von Regeln und der Idee der Austragung nationaler Meisterschaften schlossen sich am 28.01.1900 die bisher entstandenen deutschen Vereine zum Deutschen Fußballbund (DFB) zusammen, so dass bereits 1903 die erste Deutsche Fußball-Meisterschaft ausgetragen werden konnte. Der Spielbetrieb fand jedoch vorerst weiterhin in den bestehenden regionalen Ligen statt (vgl. Krüger, 1994, S. 45; Bausenwein, 2006, S. 307; Prosser, 2002, S. 271; Eggers, 2002, S. 73). Auch in der militärischen Ausbildung wurde der Fußball eingesetzt, u. a. um moralische Werte zu vermitteln, und erfuhr so weitere Verbreitung (vgl. Eggers, 2002, S. 75f.).

Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Beliebtheit des Fußballs in Deutschland enorm an. Die Vereinsmitglieder- und Zuschauerzahlen vervielfachten sich von Jahr zu Jahr, so dass der DFB 1930 bereits 900.000 Mitglieder zählte (vgl. Bausenwein, 2006, S. 310f.). Der Fußball beherrschte längst die Schlagzeilen in den Zeitungen und im Rundfunk, bevor seine weitere Entwicklung, wie sie u. a. in England längst vollzogen war, von den Nationalsozialisten gestoppt wurde (vgl. Bausenwein, 2006, S. 311f.).

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für alle europäischen Fußballverbände einen starken Einbruch in ihrer Entwicklung, besonders für die Deutschen, so dass es nicht verwunderte, dass die erste Nachkriegs-WM 1950 von den Südamerikanern beherrscht wurde (Uruguay siegte im Finale 3:2 gegen Brasilien). Jedoch meldete sich die deutsche Nationalmannschaft nur vier Jahre später eindrucksvoll zurück, als ihnen 1954 in der Schweiz das „Wunder von Bern“ gelang (vgl. Bausenwein, 2006, S. 313). Eine einheitliche, nationale oberste Liga entstand schließlich 1963 mit Einführung der Bundesliga, die in der vergangenen Saison 2012/13 ihr 50-jähriges Bestehen feierte.

3.2 Zum Fantum im (Fußball-)Sport

3.2.1 Was ist ein Fan?

Die Wortherkunft des deutschen Begriffs „ Fan“ geht zurück auf das englische „ fanatic“, welches wiederum aus dem lateinischen „fanaticus“ hervorging. Mit dieser Wortentwicklung einher geht, bezogen auf das deutsche Adjektiv „ fanatisch“, eine weite „Bedeutungsspanne von großer, aber grundsätzlich nachvollziehbarer Hingabe bis hin zu einer übersteigerten Versessenheit“ (vgl. Schmidt-Lux, 2010b, S. 50). Das spiegelt sich auch im Duden wider, der zwischen dem Fan, als „begeisterter Anhänger“, und dem Fanatiker als „jemand, der von bestimmten Ideen, einer bestimmten Weltanschauung o. Ä. so überzeugt ist, dass er sich leidenschaftlich, mit blindem Eifer [und rücksichtslos] dafür einsetzt“ (Duden online, Stichwort: Fan; Fanatiker, Zugriff am 21.07.2013 unter http://www.duden.de/woerterbuch; vgl. auch Schmidt-Lux, 2010b, S. 50) unterscheidet.

Für ihren Sammelband „ Fans. Soziologische Perspektiven“ definieren Roose, Schäfer & Schmidt-Lux (2010a) Fans einführend als…

Menschen, die längerfristig eine leidenschaftliche Beziehung zu einem für sie externen, öffentlichen, entweder personalen, kollektiven, gegenständlichen oder abstrakten Fanobjekt haben und in die emotionale Beziehung zu diesem Objekt Zeit und/oder Geld investieren. (Roose et al., 2010a, S. 12)

Neben dieser Nominaldefinition stellen Roose et al. (2010a) anhand der Ergebnisse einer eigenen Umfrage[8] zudem folgende Realdefinition auf:

Fan-Sein bedeutet, in einem nennenswerten Teil seiner Freizeit die Geschicke des Fanobjektes zu verfolgen, Informationen zu sammeln, sich mit anderen über das Fanobjekt auszutauschen und oftmals auch, das Fanobjekt zu unterstützen oder Zugehörigkeit zu demonstrieren. (Roose et al., 2010a, S. 19)

Durch Kombination dieser beiden Definitionen wird deutlich, dass sich Fans von „normalen“ Zuschauern dadurch unterscheiden, dass sie „einen spezifischen, nämlich hochgradig engagierten Teil eines größeren und insgesamt heterogenen Publikums“ (Schmidt-Lux, 2010b, S. 49) darstellen. So verstanden ließe sich Fantum auch schon bis in die Antike zurückverfolgen, da schon damals Menschen Zeit und Geld in etwaige Fanobjekte investiert haben. Als ein Massenphänomen ist Fantum dagegen aber wohl erst ab dem 19./20. Jahrhundert zu verstehen, vor allem vor dem Hintergrund der Wortsemantik, die die Entstehung des Begriffs „Fan“ ebenfalls ins 19. Jahrhundert einordnet (vgl. Schmidt-Lux, 2010b, S. 47ff.).

3.2.2 Fans in der Forschung

Als Gegenstand soziologischer Forschung sind Fans ein bisher jedoch recht wenig beachtetes Phänomen. Zumeist behandeln die vorliegenden Studien nur einen einzelnen Fanbereich, wobei den Fußballfans definitiv die meisten Anteile zukommen. Weitere Probleme sind eine überwiegend qualitative Orientierung, relativ undifferenzierte Fragestellungen sowie die hohe Theorieabstinenz (vgl. Roose et al., 2010a, S. 20). Daher bieten Roose et al. (2010b) mit ihrem Sammelband einen der wenigen umfangreicheren Einblicke in das allgemeine Fantum, der zugleich als Anregung für weitere intensive Beschäftigungen mit dem Fantum verstanden werden darf (vgl. Roose et al., 2010a, S. 22).

3.2.3 Fußballfans

Spätestens mit der Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 entstanden wohl auch die ersten offiziellen Fanclubs (vgl. Prosser, 2002, S. 276). Für die Besonderheit des Fantums im Fußball hält Franke (1991) fest, „daß es sich hier um eine Zuschauergruppe handelt, die nicht nur dem Fußballereignis einen Rahmen gibt, sondern selbst aktiv Ereignisse produziert“ (vgl. Franke, 1991, S. 177). Besonders vor dem Hintergrund einer möglichen Religiosität des Fantums, gewinnt diese Aussage enorm an Bedeutung. Denn durch dieses eigene Handlungspotenzial differenziert sich das Fan-Sein im Fußball sehr weit aus. Es kann individuell wie auch kollektiv betrachtet werden. „Das ‚Fan-Sein‘ stellt damit u. a. eine situativ bedingte Zustandsbeschreibung, eine subjektive Lebensperspektive oder eine spezifische Subkultur dar“ (Franke, 1991, S. 182). Aufgrund dieser Tatsache verwundert es nicht, dass, wie im vorigen Abschnitt bereits erwähnt, den Fußballfans die meiste Aufmerksamkeit in der bisherigen Fanforschung zukommt, da sie nicht nur aufgrund ihrer Anzahl, sondern eben auch wegen ihrer eigenen spezifischen und umfangreichen Aktivitäten im Handlungsfeld Fußball, ein ergiebiges Forschungsobjekt darstellen. Zur Relativierung lässt sich anhand der Definitionen von Rosse et al. (2010a) festhalten, dass natürlich nicht alle Zuschauer im Stadion als Fans angesehen werden können, da sicherlich nicht alle regelmäßig Zeit und Geld für Fußball investieren, geschweige denn eine emotionale Bindung zum Objekt „Fußball“ aufbauen. So finden sich im Stadion neben den wahren Fans, die zumeist in den „Fankurven“ anzutreffen sind, auch einfach Besucher, die einfach nur einen Ausflug machen, Karten gewonnen haben, aus beruflichen Gründen im Stadion sind usw.

4 Berührungspunkte von Fußball und Religion

Wie in der Einleitung bereits angedeutet, verbinden den Fußball und Religion verschiedenste Parallelen. Für einen gewissen Überblick und eine gleichzeitige Differenzierung dieser Merkmale sollen im Folgenden diese Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten noch einmal genauer betrachtet und strukturiert werden. Anhand der bereits gewonnenen Erkenntnisse aus den Betrachtungen zum Religionsbegriff und zum Fußball, können dann konkrete Zusammenhänge beschrieben und verglichen werden. Dabei wird im Folgenden Unterschieden zwischen den Berührungspunkten hinsichtlich der Ursprünge und historischen Entwicklungen von Fußball und Religion, der metaphorischen sowie religiös-symbolischen Parallelen und schließlich in Bezug auf die gemeinsamen Funktion.

4.1 Ursprünge und Entwicklung

Wie die Geschichte des Fußballs zeigt, entstand diese Sportart vermutlich aus antiken Kulthandlungen. Dabei war es nicht selten, dass Ballspiele in den antiken Kulturen auch kosmologischen Charakter hatten. Bei der frühen Form des chinesischen „ cuju“ symbolisierte der Ball den Himmel („Yang“), das Spielfeld die Erde („Yin“) und die zwölf Spieler die zwölf Monate (vgl. Bausenwein, 2006, S. 532). „Wahrscheinlich wurde die Inbesitznahme von Gestirnen, vor allem der Sonne, kultisch inszeniert, wenn verschiedene Mannschaften versuchten, sich eine runden Gegenstand abzujagen“ (Sellmann, 2006, S 52). Mit anderen Worten: Man versuchte sich die Gunst der Götter zu erspielen. Fußball und Religion lassen sich also beide auf frühe kultische Handlungen zurückführen und somit als Kulturphänomene beschreiben (vgl. auch Soosten, von, 2006, S. 23; Herzog, 2002, S. 11ff.).

Was die Entwicklung des Verhältnisses von Fußball und Religion im 20. Jahrhundert angeht, lassen sich ebenfalls sehr interessante Zusammenhänge feststellen. So hat der Fußball in gewisser Weise religiöse Bereiche vereinnahmt, was sich z. B. darin zeigt, dass einige der deutschen Bundesligavereine aus christlichen Jugendorganisationen hervorgegangen sind, so z. B. Borussia Dortmund. Der BVB wurde 1909 von fußballbegeisterten Mitgliedern der ortsansässigen Dreifaltigkeits-Jugend gegründet, um sich als Verein von der fußballverachtenden Ortskirche abzusetzen (vgl. Vereinshomepage des BVB). Hier zeigen sich eine seinerzeit teils körper- und sportfeindliche Einstellung im Christentum, bzw. genauer gesagt in der Kirche (als Institution), und die daraus resultierende Abspaltung/Abgrenzung des Fußballs, bzw. des Sports im Allgemeinen.

Auch die Entstehung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) lässt sich auf einen katholischen Verband zurückführen, nämlich den DJK. Der katholische Sportverband DJK („Deutsche Jugendkraft“) wurde 1920 gegründet als „Deutsche Jugendkraft – Reichsverband für Leibesübungen in katholischen Vereinen“. Auslöser dafür waren katholische Jugendgruppen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas gegründet hatten sowie ein 1908 durchgeführtes Schauturnen vor dem begeisterten Papst Pius X. in Rom. Nachdem der DJK während der NS-Zeit jedoch verboten war, gründete er sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu und der Vorsitzende initiierte in der Folge die Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB), der schließlich 2006 mit dem Nationalen Olympischen Komitee für Deutschland zum DOSB verschmolz (vgl. Verbandshomepage des DJK). Auf Seiten der evangelischen Kirche steht als Pendant zum DJK der sogar um einiges ältere Christliche Verein Junger Menschen (CVJM), der schon ab dem Ende des 19. Jahrhunderts Volleyball und Basketball weit verbreitete (vgl. Dahl, 2008, S. 141).

Trotz des frühen Konfliktpotenzials zwischen Sport und Kirche und vermutlich gerade aufgrund der Annäherungen ab Mitte des 20. Jahrhunderts fällt auf, dass die Kirchen sich heute gerade den Sport und die steigende Sportbegeisterung der Menschen zu Nutzen machen, um ihre Interessen möglichst weit zu verbreiten. Dies zeigt sich zum einen in der Einführung verschiedener Arbeitskreise „Kirche und Sport“ innerhalb beider christlichen Konfessionen seit den 1960er Jahren.

[...]


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird durchgehend das generische Maskulinum der Inklusion verwendet, welches männliche und weibliche Personen einschließt.

[2] Siehe zur Kirchenkrise u. a. Küng, H. (2011). Ist die Kirche noch zu retten ? (2. Aufl.). München: Piper; Kaufmann, F.-X. (2011). Kirchenkrise. Wie überlebt das Christentum? (4., durchgesehene und erweiterte Aufl.). Freiburg im Breisgau: Herder.

[3] Zur Geschichte und Entwicklung des Begriffs „Religion“ vgl. u.a. Gollwitzer, H. (1980). Was ist Religion? Fragen zwischen Theologie, Soziologie und Pädagogik. München: Pieper; Sundermeier, T. (1999). Was ist Religion? Religionswissenschaft im theologischen Kontext. Ein Studienbuch. Gütersloh: Kaiser; Wagner, F. (1991). Was ist Religion? Studien zu ihrem Begriff und Thema in Geschichte und Gegenwart. Gütersloh: Mohn.

[4] dt.: Die elementaren Formen des religiösen Lebens

[5] Der folgende Abschnitt 2.2.1 bezieht sich im Wesentlichen auf Durkheim (1981), Stellenangaben sind lediglich mit der entsprechenden Seitenzahl gekennzeichnet.

[6] Im Folgenden werden für diese Arbeit die Begriffe „ Ritus“ und „ Ritual“ als synonym betrachtet.

[7] Der Rugby-Football unterschied sich vom bisher beschrieben Association Football dadurch, dass das Spielgerät auch mit den Händen aufgenommen werden durfte (vgl. auch Krüger, 1993, S. 44).

[8] Fan-Online-Befragung von Roose & Schäfer: Ergebnisse basieren auf der Analyse von 5.726 deutschen Fans, die sich selbst als Fan von „irgendetwas“ qualifiziert haben (vgl. Roose et al., 2010a, S. 14, Anm. 1).

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Sport als (Ersatz-)Religion?
Untertitel
Können Fußball und die dazugehörige Fankultur die Funktionen von Religion ersetzen?
Hochschule
Universität Paderborn  (Fakultät für Naturwissenschaften, Department Sport & Gesundheit)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
53
Katalognummer
V418775
ISBN (eBook)
9783668676442
ISBN (Buch)
9783668676459
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Religion, Fußball, Ersatzreligion, Durkheim, Fan, Fans, Fankultur, Religionsersatz, Funktionen von Religion
Arbeit zitieren
Christian Glasmeyer (Autor), 2013, Sport als (Ersatz-)Religion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418775

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