Theodor Fontane war ein begeisterter Verehrer der älteren englischen Balladendichtung. Er lobte den in „seinen höchsten Schönheit oft undefinierbare Geist“ der alten Minstrelgesänge, „die kecke Frische des Lebens, die unmittelbare Naturkraft, die Lust an gedrängter Doppelwirkung, anschaulicher Gestaltung und ergreifender lyrischer Stimmung“. Die Balladen des Bischofs Percy und Walter Scotts Minstrelsy of the Scottish Border inspirierten inhaltlich seine 22 Übersetzungen bzw. Bearbeitungen altenglischer und altschottischer Balladen.
Percys Ballade Queen Eleanor’s Confession aus den Reliques of Ancient English Poetry diente Fontane als Quelle für die in der Forschung vernachlässigte und in dieser Arbeit in Fontanes Poetik verorteten sowie gattungspoetologisch auf Elemente aller drei Hauptgattungen untersuchten Ballade Königin Eleonorens Beichte. Die Ballade wird oft als Kommentar zu Fontanes Romanzenzyklus5 Von der schönen Rosamunde von 1847 gelesen. Die in den fünfziger Jahren, Fontanes Meisterballadenzeit, übersetzte und bearbeitete Ballade wurde im Mai 1855 von Lafontaine alias Theodor Fontane im Tunnel über der Spree vorgetragen und mit dem Kommentar „nicht zensiert“ im Tunnelprotokoll vermerkt. Aus seiner zweiten Balladenperiode stammend, weicht Fontane stofflich ins „politisch Ungefärbte“ aus.
Die Ballade wurde in der Balladensammlung von 1861 unter der Rubrik Balladen frei nach dem Englischen urveröffentlicht. Bis dato hatte Fontane noch keinen seiner Romane geschrieben und nicht sein „eigentliches Feld“ entdeckt. Diese Meinung spiegelt sich auch in der Forschung wider, sodass seine Gedichte, wobei die preußischen Feldherrenlieder am besten erforscht sind, im Schatten seines Erzählwerkes stehen.
Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung (Fontanes Quellen, Fragestellung, Forschungsüberblick)
II) Definition der Ballade und Fontanes Verständnis von Poetik
III) Gattungstheoretische Analyse
III. A) narrative Elemente
A. 1) Novellencharakteristiken
A. 2) Erzähler
III. B) poetische Elemente
B. 1) Wortebene
B. 2) Struktur
III. C) dramatische Elemente
C. 1) Mimik und Gestik
C. 2) Anagnorisis und Requisiten
IV) Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Theodor Fontanes Ballade „Königin Eleonorens Beichte“ gattungspoetologisch auf Elemente narrativer, dramatischer und poetischer Art, um die literarische Qualität und die Einordnung des Werkes innerhalb seines Gesamtkontextes kritisch zu beleuchten.
- Theoretische Grundlagen zur Balladendefinition und Fontanes Poetik
- Gattungstheoretische Untersuchung des Werkes anhand narrativer und dramatischer Kriterien
- Analyse stilistischer Mittel, Wortebene und Struktur
- Einordnung in Fontanes Balladenschaffen und literaturwissenschaftliche Wertung
Auszug aus dem Buch
A. 1) Novellencharakteristiken
Die für die Novelle charakteristische Kürze kann auch in der Ballade auf vielen Ebenen beobachtet werden: Man kann außer der Erwähnung des Schlosses „Whitehall“ (V.22) gen das die falschen Mönche ziehen und der angeblichen Reise von Frankreich nach England, wo Heinrich der König ist (Vgl. V.14), nie genau verorten wo die Figuren sich befinden, sodass der Leser sich in Vers eins vorstellt, dass die „[t]otkrank[e] [...] Königin“ in ihrem Bett liegt. Auch die zeitliche Verortung ist nicht präzisiert, sodass der Leser entweder durch die historischen Personen der Königin Eleonore und König Heinrich, die namentlich in der Ballade genannt werden, erkennt, dass es sich hier um Heinrich II und Eleonore von Poitou, die im 12. Jahrhundert gelebt haben, handelt oder die überzeitliche Botschaft dem Gedicht, welches auch ohne historischen Kontext literarisch wertvoll ist, entnimmt. Auffällig sind die vielen Leerstellen, die der Phantasie des Lesers überlassen sind, welche durch die Kürze und Unwesentliches auslassende Erzählweise entstehen und die obskure Seite der Ballade betonen, auf die Fontane in seiner Balladentheorie hinweist.
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einleitung (Fontanes Quellen, Fragestellung, Forschungsüberblick): Das Kapitel führt in Fontanes Begeisterung für die englische Balladendichtung ein und verortet die Ballade „Königin Eleonorens Beichte“ im Kontext seiner Poetik.
II) Definition der Ballade und Fontanes Verständnis von Poetik: Hier werden theoretische Grundlagen der Ballade erörtert und Fontanes distanzierte Haltung zum konventionell Lyrischen dargelegt.
III) Gattungstheoretische Analyse: Dieser Hauptteil widmet sich der systematischen Untersuchung der Ballade hinsichtlich ihrer narrativen, poetischen und dramatischen Merkmale.
III. A) narrative Elemente: Der Abschnitt analysiert die Handlung sowie novellistische Charakteristiken und die Rolle des Erzählers in der Ballade.
A. 1) Novellencharakteristiken: Es wird die Kürze der Erzählweise und die Funktion der Figuren sowie der historische Kontext des Werkes diskutiert.
A. 2) Erzähler: Die Untersuchung konzentriert sich auf die erzählte Zeit, den Modus des Erzählens und die erzählerische Instanz.
III. B) poetische Elemente: Das Kapitel behandelt die distanzierte poetische Form sowie die spezifische sprachliche Gestaltung.
B. 1) Wortebene: Es werden Farbsymbolik, Archaismen und die Bedeutung einzelner Schlüsselworte im Kontext der Untreue analysiert.
B. 2) Struktur: Dieser Abschnitt erläutert die strophische Gliederung und das dramaturgische Konzept von Exposition, Konflikt und Katastrophe.
III. C) dramatische Elemente: Der Text untersucht das schnelle Fortschreiten, die Dialogführung und raumgreifende Szenen innerhalb der Ballade.
C. 1) Mimik und Gestik: Hier werden die Darstellungen von Gefühlen durch körperliche Zeichen wie Gesten und Gesichtsausdrücke analysiert.
C. 2) Anagnorisis und Requisiten: Der Abschnitt fokussiert auf die dramatische Wiedererkennungsszene und die symbolische Bedeutung der Verkleidung.
IV) Fazit: Das Fazit ordnet die Ballade als eine Art poetische Übung in Fontanes Schaffen ein und bewertet ihren Stellenwert im literarischen Kanon.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Königin Eleonorens Beichte, Ballade, Gattungstheorie, Erzähltheorie, Novellencharakteristiken, Narrativik, Lyrik, Dramatik, Literaturwissenschaft, Poetik, Textanalyse, Verrat, Stilmittel, Rezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Theodor Fontanes Ballade „Königin Eleonorens Beichte“ im Hinblick auf ihre gattungspoetologischen Eigenschaften und ordnet sie in das Gesamtwerk des Autors ein.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Balladendefinition, Fontanes Verständnis von Poetik, die Struktur der Erzählung, die Rollen von Erzähler und Figuren sowie die stilistische Gestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die literarische Qualität des Werkes zu bewerten und zu erklären, warum die Ballade trotz ihrer gattungstypischen Merkmale weniger stark in den Fokus der Forschung gerückt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine gattungstheoretische Analyse angewendet, die narrative, poetische und dramatische Elemente des Gedichts systematisch untersucht und auf erzähltheoretische Konzepte stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der narrativen, poetischen und dramatischen Elemente, inklusive der Analyse von Wortebene, Struktur, Gestik sowie der Anagnorisis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Fontane, Balladentheorie, Gattungspoetologie, Novellencharakteristiken, Erzähler, Textanalyse und literarischer Kanon charakterisiert.
Wie bewertet die Arbeit die historische Genauigkeit der Ballade?
Die Arbeit weist darauf hin, dass die Ballade zwar historisch-fiktional lesbar ist, Fontane jedoch eher an der poetischen Gestaltung und dem überzeitlichen Motiv des Verrats interessiert war als an einer exakten historischen Wiedergabe.
Welche Bedeutung kommt der Verkleidung des Königs zu?
Die Verkleidung dient als zentrales Element der dramatischen Anagnorisis und unterstreicht die Täuschung, die erst durch das Ende der Maskerade und die darauffolgende Katastrophe aufgelöst wird.
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- Alexandra Priesterath (Autor), 2018, Eine Gattungsproblematisierung zu Fontanes Ballade "Königin Eleonorens Beichte", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418928