Selektivität und Relevanz bei der Rezeption von Wirtschaftsnachrichten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Schematheorie
1.1 Verstehen durch Schemata
1.2 Selektivität durch Schemata
1.3 Erweiterung des Schemabegriffs

2. Funktionsweise des Gehirns
2.1 Selektion aufgrund der physiologischen Gegebenheiten
2.2 Das Gedächtnis – Aufbau und Funktion
2.2.1 Das sensorische Gedächtnis
2.2.2 Das Kurzzeitgedächtnis
2.2.3 Das Langzeitgedächtnis
2.3 Selektionsleistung des Gedächtnisses
2.4 Rezeptionsprozess – Rezeption und Rekonstruktion

3. Relevanz als Regler der Selektivität
3.1 Relevanzprozesse der Rezeption
3.1.1 Erzwungene Aufmerksamkeit
3.1.2 „Freiwillige“ Aufmerksamkeit
3.1.3 Hypothetische Relevanz
3.1.4 Interpretationsrelevanz
3.1.5 Motivationsrelevanz
3.2 Persönliche und allgemeine Relevanz

4. Zusammenfassende Überlegungen aufgrund der Rezeptionsleistung des Rezipienten

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der heutigen „Informationsgesellschaft“ werden die Menschen mit Nachrichten überhäuft. Es gibt eine riesige Flut an Information, sei es durch Massenmedien wie Fernsehen oder Zeitung, oder durch die Nutzung der „Neuen Medien“. Diese Informationen werden von Menschen aufgenommen, sie werden rezipiert. Als Rezipient, also Empfänger, verarbeitet der Mensch diese Informationen.

In der vorliegenden Arbeit wird genauer auf den Prozess der Informationsverarbeitung eingegangen. Ausgehend von der Schematheorie werden die unterschiedlichen Prozesse, die beim Verstehen von Nachrichten eine Rolle spielen beleuchtet und am Beispiel der Rezeption wirtschaftlicher Nachrichten in Zusammenhang gebracht. Dabei sind die Selektion und die Relevanz die Kernelemente.

Wie arbeitet das Gehirn? Welchen Einfluss haben die Schemata? Welche Rolle spielt die Relevanz bei der Selektion? Diese Fragen sollen in dieser Arbeit näher erläutert werden.

Eingangs wird der Schemabegriff erklärt und die Rezeption, also die Informationsaufnahme, erläutert. Im Anschluss daran wird der Aufbau und die Funktionsweise des Gedächtnisses näher betrachtet. Im dritten Teil werden dann Selektivität und Relevanz in Bezug gesetzt. Abschließend werden Überlegungen, anhand der zuvor ausgeführten Erläuterungen über den Rezeptionsprozess, zusammen gefasst.

1. Schematheorie

Zu Beginn soll geklärt werden, was ein Schema überhaupt bedeutet. Denn bevor auf die Funktionsweise eines Schemas eingegangen werden kann, muss erst einmal der Begriff spezifiziert sein.

Nach Graber (1984: 23) ist ein Schema „eine kognitive Struktur, die aus organisiertem Wissen über Situationen und Individuen besteht, welche aus früheren Erfahrungen zusammengefasst wurde.“

1.1 Verstehen durch Schemata

Darunter kann ein Interpretationsmuster (ähnlich den „Frames“ in der Framingtheorie, hier allerdings als Bezugsrahmen des Rezipienten und nicht als Auswahlkonzept des Journalisten bei der Nachrichtenproduktion (vgl. Brosius; Eps, 1995: 169ff, 181f; Schulz, 2000: 155)) verstanden werden, das dazu dient, die Umwelt zu strukturieren und zu verstehen. Ein Schema ist somit eine Ansammlung von Assoziationen und kognitiven Verbindungen hinsichtlich bestimmter Situationen, Ereignisse oder Begriffe. Bezogen auf die Wirtschaft könnte solch ein Schema folgendermaßen aussehen.

Abbildung1: Schema für DAX

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Beispiel bezieht sich das Schema auf den Begriff „Deutscher Aktienindex“ (DAX). Davon ausgehend lässt sich ein ganzes Feld an anderen Begriffen assoziieren, die mit dem DAX irgendwie in Verbindung stehen. Dieses Schema hilft also, dem Begriff eine Bedeutung und eine bestimmte Stellung zu zuordnen. Es hilft, die Umwelt zu verstehen und Informationen zu strukturieren. Ein Schema beinhaltet die wichtigsten grundlegenden Merkmale von Situationen oder Personen und die Verbindungen zwischen diesen Merkmalen (vgl. Graber, 1984: 23f). Durch Erfahrungen wird das Schema hierarchisch ergänzt. Es werden aufgrund der aktuellen Situation Merkmale hinzu gefügt, verworfen oder verändert, so dass die Situation besser in das bestehende Denken passt. D.h. komplexere Ereignisse führen zu Erfahrungen, die das bestehende Schema ergänzen. Letztendlich entsteht ein komplexes Schema, das durch die Kombination unterschiedlicher Schematypen zum Erfassen und Verstehen eines Ereignisses, einer Situation heran gezogen wird (vgl. Graber, 1984: 23f). Menschen konstruieren sich also ihre Umwelt, damit sie in ihr „Denkschema“ passt.

1.2 Selektivität durch Schemata

Dadurch ergibt sich bereits eine selektive Wahrnehmung. Denn ein Schema erfüllt nach Graber vier Hauptaufgaben. Zu aller erst bestimmen Schemata, „welche Informationen überhaupt wahrgenommen, verarbeitet und behalten werden“ (Graber, 1984: 24). Außerdem „helfen sie dem einzelnen, neue Informationen zu organisieren und zu bewerten“ (Graber, 1984: 24). Daraus folgt, dass es unumgänglich ist, vorhandene Auffassungen über Ereignisse immer weiter zu erweitern. Somit also „neue Konzepte zu konstruieren“ (Graber, 1984: 24), welche die aufgenommenen Informationen in die vorhandenen Vorstellungen einfügen. Bei der Rezeption von vertrauten Informationen werden dabei bestehende Konstrukte erweitert und zu neuen Konzepten umgeformt.

Am Beispiel DAX würde dies bedeuten, dass ein Rezipient von Wirtschaftsnachrichten, anhand der Fülle der dargebotenen Informationen, immer mehr mit diesem Begriff assoziiert und somit die Maßzahl „DAX“ besser versteht. Darauf aufbauend kann er weitere Informationen, die den DAX beinhalten oder mit diesem in Verbindung stehen, schneller rezipieren und verstehen. Als drittes erlaubt ein Schema nämlich die Möglichkeit, „über die direkt angebotenen Informationen hinaus zu gehen und sie mit fehlenden Informationen zu ergänzen“ (Graber, 1984: 24). Dies verhilft zu einer knappen Kommunikation. Zuletzt „helfen Schemata Menschen, Probleme zu lösen“ (Graber, 1984: 24), da sie Informationen vergleichbarer Ereignisse und mögliche Lösungsmuster beinhalten. Somit sind Schemata ein wichtiger Bestandteil bei der Entscheidung wie und warum jemand handelt.

1.3 Erweiterung des Schemabegriffs

Wird der Begriff des Schemas im vorher angesprochenen Sinn noch etwas weiter gefasst, dann ist unter einem Schema, neben der kognitiven Struktur, gleichzeitig auch ein Prozessor und ein Steuerungselement zu verstehen (vgl. Schulz, 2000: 155f). Als kognitive Struktur repräsentiert es das Wissen und die Erfahrungen einer Person. Es stellt somit einen Teil des Gedächtnisses dar. Als Steuerungselement leitet es das „Explorationsverhalten“ (Schulz, 2000: 155f), also die Aufmerksamkeit sowie die Wahrnehmung von Information.

Im vorangegangenen Beispiel DAX würde das heißen, dass das „DAX-Schema“ einen Rezipienten dazu animiert aufmerksamer zu sein, wenn Informationen über den DAX angeboten werden und, dass er gleichzeitig diese Informationen auch wahrscheinlich besser wahr nimmt. In der Funktion des Prozessors wertet ein Schema Umweltreize und Mitteilungen aus. Es hilft bei der Interpretation von Informationen. Dabei werden drei Verarbeitungsprozesse bei der Aufnahme von Information unterschieden.

Zum einen die Inferenz, also eine Schlussfolgerung, aufgrund der in der Information vorhandenen Proposition, eine „semantische Bedeutungseinheit“ (Ballstaedt u.a., 1981: 57), die zu einer neuen Proposition führt (vgl. Ballstaedt, 1981: 57ff). Durch diese Elaboration werden existente Propositionen erweitert und mit dem gegenwärtigen Wissen verbunden. Dies geschieht durch Aktivierung von Schemata und führt eventuell zu deren Veränderung (vgl. Ballstaedt, 1981: 59ff). Die Reduktion dient zur Vereinfachung der erhaltenen Information (vgl. Ballstaedt, 1981: 67ff). Es wird auf das Wesentliche reduziert. Dadurch entstehen sogenannte „Makros“, die durch weitere Reduktionen zu einer „Makrostruktur-Hierarchie“ führen (vgl. Schulz, 2000: 158; Ballstaedt u.a., 1981: 67ff). Wiederum auf das Beispiel bezogen, hieße das, dass ein Rezipient mit dem Schema DAX beispielsweise Aktienkurse und die Börse assoziiert. Dies führt ihn in der Inferenz z.B. zur Proposition, dass der DAX ein Nachweis über börsennotierte Wirtschaftsunternehmen darstellt. Als „Makro“ würde der DAX auf das Wesentliche, nämlich Aktienkurse, reduziert werden. Und durch Elaboration, beispielsweise durch rezipierte Wirtschaftsnachrichten im „Handelsblatt“ oder auch schon vorhandenes Wissen, könnte das Wissen über den DAX erweitert, bspw. um die Kenntnis der 50 notierten Unternehmen, und dadurch das Schema DAX verändert werden.

2 Funktionsweise des Gehirns

2.1 Selektion aufgrund der physiologischen Gegebenheiten

Wie vorangehend schon angeschnitten, findet beim Rezipienten eine Selektion statt. Allerdings ist dies nicht allein durch vorhandene Schemata zu erklären, vielmehr spielen dabei auch physiologische Gegebenheiten eine Rolle. In diesem Fall geht es konkret um den Aufbau und die Selektionsleistung des Gehirns als „Rezeptionsinstanz“. Innerhalb des Selektionsprozesses bestimmt das Gehirn, was letztendlich rezipiert wird.

2.2 Das Gedächtnis – Aufbau und Funktion

Wir „konstruieren“ unsere Wirklichkeit selbst, indem wir sie uns aktiv aneignen (vgl. Neisser, 1979: 91). Wie äußert sich das aber in der Struktur des Gehirns? Dazu muss zunächst einmal der Aufbau des Gedächtnisses betrachtet werden. Im Gedächtnis werden letztendlich die kognitiven Leistungen vollbracht, die zum Verstehen dienen. Dort sind auch die Schemata aktiv, als Teile des Gedächtnisapparats.

2.2.1 Das sensorische Gedächtnis

„Die Selektivität der Nachrichtenrezeption wird auf verschiedenen (Gedächtnis-)Ebenen produziert“ (Ruhrmann, 1989: 31).

Im „sensorischen Gedächtnis“ werden Muster erkannt. Dafür benötigt es genügend Zeit, um die erhaltenen Informationen zu bearbeiten. Dem sensorischen Gedächtnis wird eine unbegrenzte Kapazität zugeschrieben. Die aufgenommenen Informationen werden nur kurz gespeichert „(250 msec. bis zu 2 sec.)“ (Ruhrmann, 1989: 30) und verschwinden dann automatisch. Es kann deshalb eine große Informationsmenge aufgenommen werden. Bezogen auf die Medien-Rezeption werden durch das sensorische Gedächtnis alle über die Sinnesorgane Auge und Ohr eintreffenden Informationen zuerst aufgenommen. Dabei selektieren Aufmerksamkeitsprozesse Merkmale „aus sensorisch gespeicherten Mustern, die für die Orientierung bei [Unbekanntem und] Unerwartetem“ (Ruhrmann, 1989: 30) wichtig sind.

Für die Wirtschaftsberichterstattung heißt das, dass ein Rezipient sich anhand vorhandener wirtschaftsspezifischer Kenntnisse seine Nachrichten aussucht. Wenn also keine „sensorisch gespeicherten Merkmale“ zu Wirtschaftsthemen vorliegen, findet keine Orientierung bei unerwarteten Ereignissen in der Wirtschaft statt. Damit können diese Informationen auch nicht rezipiert werden oder anders gesagt, es fehlt die nötige Aufmerksamkeit zur Rezeption.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Selektivität und Relevanz bei der Rezeption von Wirtschaftsnachrichten
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Kommunikations- und Politikwissenschaften Prof. Schulz)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V41922
ISBN (eBook)
9783638400800
ISBN (Buch)
9783638750028
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausgehend von der Schematheorie nach Graber und über die Funktionsweise des Gehirns wird in dieser Arbeit die Rezeptionsleistung des einzelnen Individuums bei der Aufnahme von Wirtschaftsnachrichten näher betrachtet. Hierbei wird insbesondere auf die Bedeutung von selektiven Prozessen eingegangen, die über die Aufnahme und Verarbeitung von wirtschaftlichen Themen entscheiden. Eine besondere Rolle spielt dabei die persönliche Relevanz einer Information.
Schlagworte
Selektivität, Relevanz, Rezeption, Wirtschaftsnachrichten
Arbeit zitieren
Matthias Istel (Autor), 2002, Selektivität und Relevanz bei der Rezeption von Wirtschaftsnachrichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41922

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