In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Entwicklung der Wirkungslehre Lessings darstellen. Im Zentrum dieser Arbeit stehen hierbei die aristotelischen Begriffe ‚eleos‘, ‚phobos‘ und ‚katharsis‘, die in Lessings Theorie von entscheidender Bedeutung sind.
Hierbei werde ich schwerwiegend die Bedeutung und den Zusammenhang des Mitleidsbegriffs und des Schreckens untersuchen, der später von Lessing durch ‚Furcht‘ übersetzt wurde. Im Anschluss möchte ich näher auf die Katharsistheorie eingehen, und untersuchen, welche Reinigung Lessing letztendlich anstrebt. Zur Verdeutlichung seiner Wirkungslehre werde ich hierfür die Auffassung Pierre Corneilles ziehen, dessen Ausführung Lessing im Laufe der Zeit stark kritisierte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eleos - der Mitleidsbegriff
3. Phobos – Schrecken oder Furcht?
4. Die Katharsistheorie
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung von Gotthold Ephraim Lessings Dramentheorie im Kontext der aristotelischen Begriffe 'eleos' (Mitleid) und 'phobos' (Furcht). Dabei steht die Frage im Zentrum, wie Lessing diese Affekte als essenzielle Bestandteile des Trauerspiels definierte und wie er sich dabei kritisch von französischen Klassizisten wie Pierre Corneille abgrenzte, um eine moralische Wirkung auf das Publikum zu erzielen.
- Wirkungsgeschichte der aristotelischen Begriffe 'eleos', 'phobos' und 'katharsis'
- Entwicklung von Lessings Mitleidsästhetik im Briefwechsel über das Trauerspiel
- Kritische Auseinandersetzung mit der Übersetzung von 'phobos' als Furcht statt Schrecken
- Die Funktion der Identifikation des Zuschauers mit dem bürgerlichen Helden
- Die Bedeutung der Katharsis als Mittel zur moralischen Sittenverbesserung
Auszug aus dem Buch
3. Phobos – Schrecken oder Furcht?
Obwohl Lessing im April 1757 beschloss den aristotelischen Begriff ‚phobos‘ nun mit ‚Furcht‘ zu übersetzen, verwendet er bis zum 74. Stück der Hamburgischen Dramaturgie immer noch die Übersetzung ‚Schrecken‘. Im 75. Stück wendet er sich endgültig von dieser Übersetzung ab und beschließt, dass es nicht Mitleid und Schrecken, sondern Mitleid und Furcht heißen müsse, da der Schrecken keine Absicht des Trauerspiels sein könne: „Das Wort, welches Aristoteles braucht, heißt Furcht; Mitleid und Furcht, sagt er, soll die Tragödie erregen, nicht Mitleid und Schrecken.“14 Zu diesem Entschluss bewegte ihn der Charakter des Richards aus der Tragödie „Richard der Dritte“.
Im 75. Stück hat Lessing also bereits eine konkretere Definition des Begriffs Furcht: Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines andern, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt; es ist die Furcht, daß die Unglücksfälle, die wir über diese verhänget sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid.15
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die aristotelischen Kernbegriffe der Tragödientheorie ein und skizziert Lessings Absicht, seine eigene Wirkungslehre durch die Auseinandersetzung mit der Poetik und Rhetorik zu entwickeln.
2. Eleos - der Mitleidsbegriff: Dieses Kapitel erläutert Lessings Fokussierung auf das Mitleid als zentralen tragischen Affekt und seine Abgrenzung von Bewunderung als angestrebtem Ziel des Trauerspiels.
3. Phobos – Schrecken oder Furcht?: Der Text analysiert Lessings Übersetzungskorrektur von 'Schrecken' hin zu 'Furcht' und zeigt auf, wie diese durch die Rhetorik des Aristoteles begründet wird.
4. Die Katharsistheorie: Hier wird untersucht, wie Lessing die Reinigung des Zuschauers durch die Verknüpfung von Mitleid und Furcht im Rahmen der Identifikation mit dem Helden konzipiert.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst Lessings Beitrag zur Reform des bürgerlichen Trauerspiels und zur Etablierung einer auf moralische Sittenverbesserung zielenden Dramentheorie zusammen.
Schlüsselwörter
Lessing, Hamburgische Dramaturgie, Tragödie, Aristoteles, Mitleid, Furcht, Schrecken, Katharsis, Sittenverbesserung, Dramentheorie, Wirkungslehre, Briefwechsel über das Trauerspiel, Identifikation, Aufklärung, Affekttheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung des Trauerspielkonzepts von Gotthold Ephraim Lessing unter besonderer Berücksichtigung seiner Interpretation aristotelischer Dramentheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentral sind die Untersuchung der Affekte Mitleid und Furcht, die Funktion der Katharsis sowie die Rolle der Identifikation des Zuschauers mit dem dramatischen Helden.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Darstellung von Lessings Wirkungslehre und der daraus resultierenden Umgestaltung der Dramentheorie zur Erziehung des Zuschauers.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten (Lessings Schriften) und eine kritische Auseinandersetzung mit einschlägiger Forschungsliteratur angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Lessings Definition von Mitleid und Furcht, seine Kritik an Pierre Corneille und die Bedeutung dieser Affekte für das moralische Ziel der Tragödie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Lessing, Mitleid, Furcht, Katharsis, Aufklärung, Dramentheorie und aristotelische Poetik.
Warum lehnte Lessing die Übersetzung von 'phobos' mit 'Schrecken' ab?
Lessing argumentierte, dass Schrecken eine rein überraschende Wirkung sei, während 'Furcht' als 'auf uns selbst bezogenes Mitleid' eine tiefere, reflektierte Anteilnahme ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Identifikation des Zuschauers mit dem Helden?
Die Identifikation ist für Lessing notwendig, damit der Zuschauer Furcht empfindet, indem er sich in den 'mittleren Charakter' des Helden einfühlt und so eigenes Schicksal reflektiert.
Wie unterscheidet sich Lessings Ansatz von Pierre Corneille?
Während Corneille Helden bewundern lässt und Mitleid sowie Furcht oft als getrennte Affekte behandelt, besteht Lessing auf einer moralischen Verknüpfung beider Affekte zur Sittenverbesserung.
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- G. Diken (Author), 2017, Das Trauerspielkonzept von Gotthold Ephraim Lessing, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419311