Der Romanow-Code. Band 2

Der Zarenmord - Anatomie eines Verbrechens


Fachbuch, 2018
558 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG
ZUM Thema Erinnerungen von Zeitgenossen:

DIE AU SROTTUN G DER ZARENFAMILIE
Das „Problem Nikolaus 11.“ wird wieder aktuell
Das deutsche Interesse an den Ex-Zaren
Jekaterinburg
Die politische Lage 1918
Der Beschlufi zum Mord
Das Ipatjew-Haus
Gebaude und Geschichte
Das „Haus zur besonderen Verwendung“
Holzpalisaden
Die Zimmer der Romanows
Die Fenster werden weiR gestrichen
Die Bewachung
Die Bewachung auRerhalb des Hauses
Die Bewachung innerhalb des Hauses
Kommandant Awdejew
Die Rekrutierung der Wachposten
Das Leben der Hausbewohner
Die Lebensmittelhilfe
Hausgottesdienste
Die Dynastie Romanow - vom Kloster Ipatjew zum Haus Ipatjew
Der Tatort
Die Belsazar-Schrift an der Tapete des Mordzimmers
Zarin Alexandra ritzt ein „Hakenkreuz“
Chronik: Countdown zum Zarenmord
Schauprozefi?
Eigentum des kaiserlichen Hofes wird Staatseigentum
Exil in England angedacht
Verhaftung und Internierung in Zarskoje Selo
Sowjet will Inhaftierung des Zaren in der Peter-Pauls-Festung
Exil in England abgelehnt
„Evakuierung“ der Romanows beschlossen
Verbannung nach Tobolsk
Lenins Friedensdekret
Die Wahl zur Russischen konstituierenden Versammlung
Die Eroffnung der Russischen konstituierenden Versammlung
Aristokratische Verschworung
Separatfrieden zwischen Deutschland und der Ukraine
Fortsetzung des Ostkrieges oder Frieden mit Rufiland?
Die Wiedereroffnung des Krieges gegen Rufiland
Grundung der Roten Armee
Ultimatum Ludendorffs
Lenin gibt nach
Keine Unterhaltsmittel mehr
Brest-Litowsk: Die „erste Teilung Rufilands “
Die Reaktion des Ex-Zaren
Die Gewichte verschieben sich
Der Zar soll nach Moskau gebracht werden
Interventionsbeginn der Alliierten
Deutschland lehnt eine unmittelbare Hilfe fur die Romanows ab
Grofibritannien plant die Ermordung Lenins
Auftrag an Jakowlew
Ankunft von KommissarJakowlew in Tobolsk
Die Situation in Tobolsk
Der Zarewitsch ist reiseunfahig
Reise der Majestaten nach Jekaterinburg
Jakowlews scheinbares Scheitern
Die Kinder in Tobolsk
Die Romanows erreichen Jekaterinburg
Der deutsche Botschafter setzt sich fur die Zarenfamilie ein
Der Rest der Zarenfamilie trifft in Jekaterinburg ein
Die Tschechoslowakische Legion
Die antibolschewistische Bewegung der „Weifien “
Die Sowjetmacht am Rande des Zusammenbruchs
Die Zarenfamilie wahrend der 2. Maihalfte
Was soll mit der Zarenfamilie geschehen?
Der Bruder des Zaren wird ermordet
Die Nachwirkungen der Ermordung des Grofifursten Michail
Die Vorbereitung der Ermordung der Zarenfamilie
Tscheka plant Zarenfamilie „beim Fluchtversuch “ zu erschiefien
Deutschland verlangt Auskunft uber die Zarenfamilie
Geruchte uber die Ermordung des Zaren
Lenins Botschafter in Berlin furchtet Zarenmord
Marias Geburtstag
Und was machen die Monarchisten?
Das Telegramm des Bersin
Wem wurde die Ermordung der Zarenfamilie nutzen?
Zarenfamilie lehnt dubiosen Fluchtversuch ab
Die grundsatzliche Entscheidung zur Hinrichtung
Moskau berat uber das Schicksal des Zaren
Jurowski wird Kommandant
Der deutsche Botschafter wird ermordet
Anbringen eines Fenstergitters
Trotzki plant Prozefi gegen den Zaren
Geheimsitzung des ZK:
Die Roten rechnen mit dem Fall Jekaterinburgs
Die Entscheidung fallt, alle Romanows hinzurichten
Lenin wird geschutzt
Die ganze Zarenfamilie soll ermordet werden
Das Vermogen der Zarenfamilie wird verstaatlicht
Jurowski erhalt Hinrichtungsbefehl
Das Morder-Trio
Die Mordschutzen
Letzte Vorbereitungen
Der letzte Tag der Zarenfamilie
Das Massaker im Ipatjew-Haus
Die Berichte der Zeugen in chronologischer Reihenfolge der Ereignisse
Phase 1: Das Telegramm
Grundlegendes
Das Telegramm von Golostschokin und Safarow
Taktische Erwagungen
Die Sitzung des Exekutivkomitees des Ural-Sowjets
Das Telegramm an Swerdlow
Der BeschuG des WZIK
Die Antwort aus Moskau
Phase 2: Unmittelbare Vorbereitungen
Phase 3: Die Romanows werden geweckt
Phase 4: Das Massaker
Phase 5: Das Hinaustragen der Leichen und die Beseitigung der Spuren
Phase 6: Der Transport der Leichen
Phase 7: Das Verbrennen und Vergraben der Leichen
Phase 8: Tatortbesichtigung
Und die Hunde?
Wer hatte den Zaren erschossen?
Hatten Juden den Zaren erschossen?
Die Beseitigung der Leichen
Die Vier Bruder
Die offizielle Mitteilung
Das Vermogen der Romanows
Die Ermittlungen der „Weiben“
Die Ermittlungen von Namjetkin
Die Ermittlungen von Sergejew
Das ungewisse Schicksal der Zarenfamilie
Die Ermittlungen von Sokolow
Sokolows und die Fundstelle
Zweifel an Sokolows SchluGfolgerung
Gab es Uberlebende?
Indizienbeweisfuhrung und Geruchte
Die Knochen-Kiste
CUI BONO?
Geruchte und Desinformation
Wem brachte die Ermordung der Zarenfamilie einen Nutzen?
Die psychologische Bedeutung der Ermordung der Zarenfamilie
Der Berliner Zusatzvertrag vom 27. August 1918
Weitere Ermordungen von Romanows
Die Ermordung von Grofifurst Michael
Das Massaker von Alapajewsk
Das Massaker in der Peter- und Paul-Festung
Die uberlebenden Romanows
Erste Gruppe
Zweite Gruppe
Dritte Gruppe
Vierte Gruppe
Funfte Gruppe
Sechste Gruppe
Siebte Gruppe
Achte Gruppe
Romanows an Bord der HMS Marlborough
Romanows an Bord der HMS Nelson
Neunte Gruppe
Zehnte Gruppe
Elfte Gruppe
Der einzig verschonte Romanow
Romanows im Ausland
Romanows als Mitglieder auslandischer Herrscherhauser:
Andere Uberlebende
Opfer
Das RAnkespiel nach der Ermordung der Zarenfamilie
Verschluseltes Telegramm
ZK nimmt Hinrichtung des Zaren zur Kenntnis
Diplomat Riezler berichtet Berlin
Ermordung des Zaren offentlich bekannt gemacht
Weifie Truppen nehmen Jekaterinburg ein
65 Gegenstande geborgen
Grafin Hendrikowa und Fraulein Schneider werden erschossen
Der Kampf um die Wahrheit
Sokolow und die „Heiligen Reliquien der Nation “
Sokolow forscht im Exil weiter
Sokolow veroffentlicht Buch
Abrifi des Ipatjew-Hauses
Die Reaktionen auf den Zarenmord
Die Reaktion des russischen Adels auf die Ermordung des Zaren
Die deutsche Reaktion auf die Ermordung der Zarenfamilie
Was geschah mit den Mordern?
Goloschtschokin
Beloborodow
Jurowski
Nikulin
Ljuchanow
Swerdlow
Sinowjew
Safarow
Wojkow
Medwedjew
Jermakow
Ljuchanow
Mjasnikow
Preobraschenski
Imre Nagy
Rudolf Lacher
Reinholds Berzins

DIE STERBLICHEN UBERRESTE DER ZARENFAMILIE
Das Wiederauffinden der Gebeine
Anthropologische Untersuchungen
Skelett Nr. 1 (Dienstmadchen)
Skelett Nr. 2 (Dr. Eugen Botkin)
Skelett Nr. 3 (Grofifurstin Olga)
Skelett Nr. 4 (Zar Nikolaus II.)
Skelett Nr. 5 (Grofifurstin Tatjana)
Skelett Nr. 6 (Grofifurstin Anastasia)
Skelett Nr. 7 (Zarin Alexandra)
Skelett Nr. 8 (Koch)
Skelett Nr. 9 (Diener)
Ergebnis
Skelett Nr. 6 - Anastasia oder Maria?
Wer fehlte?
Genetische Untersuchungen
Die mitochondriale DNS-Analyse von 1994
Chromosomale DNS-Analyse
Die mitochondriale DNS-Analyse von 1996
Das wissenschaftliche Ergebnis
Die Kirche erkennt das Ergebnis nicht an
Die Rekonstruktion der Schub-, Stich- und Schlagverletzungen
Die Beisetzung der sterblichen Uberreste (1998)

DIE HEILIGSPRECHUNG DER ZARENFAMILIE (2000)
Die Heiligsprechung
Die Blutkirche von Jekaterinburg
Das Kloster der Heiligen ZarenmArtyrer
Die Zweifel seitens der Russisch-Orthodoxen Kirche

DER FUND DER BEIDEN LETZTEN LEICHEN (2007)
Fund der letzten beiden Leichen in Jekaterinburg 2007
Die Expertise der 2007 gefundenen Skelettreste
Die mitochondriale DNS-Analyse von 2008
Der SchAdel RZ
Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse

HINGERICHTETE ANGEHORIGE DER ZARENFAMILIE ENTDECKT (2011)

DIE REHABILITIERUNG DER ZARENFAMILIE
Nikolaus II. wird als Opfer politischer Gewalt anerkannt
Orthodoxe Kirche fordert Wiederaufnahme der Ermittlungen
Beisetzungen und Exhumierungen
Beisetzung der Zarenkinder in St. Petersburg geplant
Romanows wollen an der Beisetzung teilnehmen
Exhumierung von Zar Nikolaus II.
Verschiebung des Beisetzungstermins
Zar Alexander III. wird exhumiert
Bestatigung der Echtheit der Zarengebeine
Heilige Diener des Zaren
Umbettung der letzten Mitglieder der russischen Zarenfamilie
Stand heute (24. August 2017)

DIE UNECHTEN PRATENDENTEN
Die falschen Romanows
Michael Goleniewski
Anna Anderson
Franziska Schanzkowska
„Fraulein Unbekannt“
„Grofifurstm Anastasia“
Anna Anderson wird Werkzeug von Juristen
Vom Film entdeckt
Gutachten und Gegengutachten
Drei anthropologisch-erbbiologische Gutachten (1940/41, 1955)
Blutproben
Fingerabdrucke
Zahne, GebiRstellung
Physische Merkmale
Anthropologisches Gutachten vom Juli 1958
Das anthropologische Gutachten von Prof. Reche (1959)
Handschriftenvergleiche (1927, 1964)
Schadelabdruck (1971)
Gerichtsverfahren
Das erste Gerichtsverfahren in Hamburg (1958-1961)
Das zweite Verfahren vor dem Oberlandesgericht Hamburg (1964-1967)
Das Verfahren vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe (1967-1970)
Die Anastasia-Entscheidung
Bilanz
Die letzten Jahre
Die Losung des Ratsels mit Hilfe der DNS
Anna Anderson ist nicht GroRfurstin Anastasia
Anna Anderson ist Franziska Schanzkowska
Reaktionen

DIE GENEALOGIE DER ROMANOWS
Der Mannesstamm der Romanows (aus dem Hause Holstein-Gottorp)

DAS ZARENGOLD
Das Budget der Zarenfamilie
Das Privatvermogen der Zarenfamilie
Zarengold zur Finanzierung des Sowjetstaates und der Weltrevolution

LITERATUR

Einleitung

Hundert Jahre nach dem Untergang der Romanow-Dynastie und dem Massaker an der gesamten Zarenfamilie ist es an der Zeit einmal alle wichtigen Fakten zum Thema in einem Buche zu vereinen.

Neue Erkenntnisse verdankt die Geschichtswissenschaft im Regelfall zwei Umstanden:

- Der Zugriff auf bislang unerschlossene Dokumente bereichert den Wissensstand,
- und neue Fragestellungen lassen bereits bekannte Quellenbestande in neuem Licht erscheinen.

Gerade in den letzten Jahrzehnten hat man durch das Wiederauffinden der sterblichen Uberreste und ihre anthropologischen sowie genetischen Untersuchungen viele neue Erkenntnisse gewonnen. Hinzu kommt die Offnung der Archive nach dem Untergang der Sowjetunion. Das Ruckgrat dieses Buches bilden die zahlreichen Augenzeugenberichte. Die meisten davon sind das Ergebnis der Befragungen durch den Untersuchungsrichter Sokolow oder aber sie sind den Memoiren der im nachhinein exilierten Zeitgenossen entnommen worden.

Zum Thema Erinnerungen von Zeitgenossen:

Psychologen haben herausgefunden, dab es erstaunlich leicht gelingt, Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen - sogar an Straftaten, die sie nie begangen haben. Experimente zeigen: Erinnern ist ein sozialer ProzeB. Fast jedes Gesprach uber die Vergangenheit verandert das Gedachtnis. Gerade die Fahigkeit zur inneren Anteilnahme, zur Empathie, ist es, die uns anfallig fur Suggestionen macht. Manchmal genugt die bloBe Aufforderung, sich etwas vorzustellen („WeiBt Du noch, wie wir damals...?“) - und im Gehirn des Angesprochenen bildet sich schon wie von selbst die entsprechende Erinnerung aus. So entstehen gemeinsame Geschichten und Anekdoten, die nicht unbedingt stimmen mussen. Erinnern ist ein sozialer Vorgang. Was der eine nicht mehr weiB, fallt dem anderen noch ein; der Dritte korrigiert es. Ein Beobachter kann sich so lebhaft an die Stelle eines Handelnden versetzen, als wurde er personlich den Bleistift spitzen. Kein Wunder also, daB er bald nicht mehr weiB, was wirklich erlebt und was nur aufgeschnappt war. Der standige Austausch bringt das Erinnerte im Umlauf. Die Geschichten, ob wahr oder nicht, konnen sich ausbreiten wie Viren. Die Fiktion, so scheint es, wird durch Wiederholung wahr. Dabei kommt es vor allem an, wie eine Geschichte erzahlt wird.[1]

Das Gedachtnis ist nicht fur perfekte Abbilder des Vergangenen gemacht. Es ist gut darin, Erfahrungen zu speichern. Wer sich merken kann, wo es gute Jagdgrunde gibt oder wie man Getreide anbaut, hat viele Vorteile. Die exakte Erinnerung an irgendeinem Tag vor vielen Jahren ist dagegen im Leben zu wenig nutze. Das Gedachtnis muB nicht genau sein, sondern flexibel. Das Gedachtnis ist ein Werkzeug des Lernens und der Alltagsbewaltigung, kein vollgestopftes Museum. Ebendeshalb verandern Erinnerungen sich auch mit der Zeit: Nach jedem Abruf werden sie neu gespeichert. Der neue Inhalt tritt an die Stelle des alten. Oft geraten dabei - meist unbemerkt - nachtraglich auch neue Informationen hinzu. Das ist die Macht der menschlichen Einbildung. Alles, was ich tun will oder getan haben konnte, vermag ich im Geiste lebhaft durchzuspielen. Oft kommt es mir dann vor, als hatte ich es tatsachlich getan. Falsche Erinnerungen sind ein unvermeidliches Produkt unserer Vorstellungsgabe.

So haben einige Zeitgenossen ihr spateres Gedachtnis von anderen Aussagen oder historischen Einstellungen beeinflussen lassen.

Die Zeitzeugen haben alle ihren personlichen Ausschnitt, konnten uber das berichten, was sie selbst erlebt haben. Aber sie deuteten das Jahre spater, paBten das in den Rahmen ihrer Bewertungskriterien ein. Als Untersuchungsrichter Sokolow sie befragte, hatten die Befragten bereits verloren, ihr Traum von einem liberalen und demokratischen RuBland war total gescheitert, sie befanden sich jetzt im Herrschaftsgebiet der WeiBen oder im Exil, wo sie auf eine gnadige Aufnahme hofften. Sie versuchten ihr Handeln zu erklaren und die Verantwortung an ihrem Scheitern anderen Personen zuzuschieben.

Einige der Zeitzeugen waren ganz nahe an den Geschehnissen dran, gehorten zur personlichen Umgebung der Zarenfamilie oder zum Wachpersonal.

Oft habe ich mehrere Aussagen nebeneinander zitiert, ohne wie ein Richter alles zu kommentieren. Der Historiker ist weder Richter, Anklager oder Verteidiger der damals handelnden Personen. Er ist vielmehr der Kriminalist und Detektiv, der versucht anhand ermittelter Fakten die Geschehnisse zu rekonstruieren. Anstatt die Originalzeugen befragen zu konnen, benutzt er schriftliche Quellen.

Andererseits habe ich die gangige Forschungsmeinung uber die wichtigsten Ereignisse wiedergegeben. Man sollte nicht die Geschehnisse mit der Zarenfamilie isoliert sehen, als eine Art Anekdotenschatzchen, sondern eingebettet in die historischen Ereignisse und in Wechselwirkung mit diesen. Es handelte sich schlieBlich um ein Politikum erster Ordnung!

Nun zu meiner eigenen Person: Ich bin ein promovierter Historiker, der sich insbesondere mit dem Schnittmengenbereich zwischen Genealogie und Genetik beschaftigt. Bei dem Projekt „Der Friedrich Schiller Code“ des MDR und der Klassik Stiftung Weimar habe ich u.a. einen unbekannten Schadel in der Furstengrift zu Weimar identifiziert. Er wies dieselbe mtDNS wie die letzte Zarin von RuBland auf (was Prof. Parson erkannt hatte) und gehorte infolgedessen demselben Mutterstamm an. Beide Falle sind folglich miteinander verwoben. Die beiden genetischen Institute aus den USA und Osterreich, die sich mit dem Schiller Schadel beschaftigten, untersuchten nahezu zeitgleich auch die sterblichen Uberreste der 2007 wiedergefundenen Zarenkinder. So konnte man die Ergebnisse jeweils miteinander vergleichen. Sie stutzen sich gegenseitig. Dies war umso wichtiger, als die Orthodoxe Kirche in RuBland bei der Zuordnung der sterblichen Uberreste der Zarenfamilie hochst skeptisch war. So aber konnte im UmkehrschluB die mtDNS der Zarenfamilie bewiesen werden.

Ubrigens: Ludwig Friedrich von Froriep, derjenige, der nach der Hypothese des Verfassers den Schiller-Schadel ausgetauscht hatte, war der Cousin 3. Grades der GroBmutter mutterlicherseits von Lenin, der letztlich der Hauptverantwortliche fur die Ermordung der Romanows ist. Wie klein ist doch die Welt!

Auch eine personliche Verbindung besteht. Die deutschstammige Zarin weilte oft in Munchen, wo sie sich von dem beruhmten Maler Prof. Friedrich August von Kaulbach portratieren lieB. Damals war meine UrgroBmutter Kunigunde Martin die hochherrschaftliche Kochin des Hauses. Das Essen schien der Zarin gut gemundet zu haben, denn sie schenkte ihr einen selbstgestrickten Schal, den spater meine Patentante erbte. Kunigunde heiratete spater den Backer- und Konditormeister Georg Schmitt, bevor sie ein Weingut in Marktheidenfeld bewirtschaftete.

Die Zarenfamilie besaB einen engen familiaren Zusammenhalt, war sehr fromm und sie waren gute Menschen. Was die Regierungsfahigkeit des letzten Zaren betrifft, ist starke Kritik angebracht. Moralisch kritisiert werden muB insbesondere die politische Mitverantwortung bei den Judenpogromen. Dennoch hatte er personlich keine Verbrechen angeordnet oder befohlen. Nach dem Sturz der Monarchie kollabierte das gesamte System, auch die Duma, das Militar, Wirtschaft und Gesellschaft, Adel, Kirche und Burgertum. Es kam zu einem Burgerkrieg, separatistischen Aufstanden und zum demutigenden Frieden von Brest-Litowsk. GroBe und wichtige Teile des Imperiums gingen verloren und konnten spater nur zum Teil wieder zuruckgewonnen werden. Niemals sollte RuBland die territoriale GroBe des Zarenreiches von vor 1914 wieder erreichen. Nach der Absetzung der Dynastie sind mehr Russen getotet worden, als wahrend des Ersten Weltkrieges. Es kam zu Burgerkriegen, erneuten Pogromen, zur Einrichtung des Gulag, zu Folter und Hinrichtungen in unvorstellbarem AusmaBe, zu Hungersnoten und zu einer Welle von Kannibalismus.

Noch eines: Die Namen werden eigentlich auf Kyrillisch geschrieben. Bei der Transkription in die lateinische Schrift gibt es keine einheitlichen Regeln. Nicht immer konnte eine einheitliche Schriftweise durchgehalten werden.

Der Aufbau des Werkes ist streng chronologisch. Aus Zeit-, Platz- und Kostengrunden muBte auf einen FuBnotenapparat verzichtet werden.

Insbesondere mochte ich mich bei Prof. Parson bedanken, aber auch bei Dr. Coble, deren genetische Forschungen 2007/2008 wesentlich dazu beitrugen, das Schicksal der letzten beiden Zarenkinder zu klaren.

Die Ausrottung der Zarenfamilie

Das „Problem Nikolaus II.“ wird wieder aktuell

Das deutsche Interesse an den Ex-Zaren

Die Bolschewiken hatten zum Sturz des Zarismus nicht beigetragen; selbst ihre Agitatoren hatten dabei nur eine sehr geringe Rolle gespielt.

Die Provisorische Regierung unter Kerenski hatte nicht vermocht, das „Problem Nikolaus II.“ zu losen. Mit ihrem Sieg in der Revolution vom Oktober 1917 „erbten“ es nun die Bolschewiki. Jetzt standen sie vor der Frage, wie mit dem ehemaligen Zaren und seiner Familie zu verfahren sei. Vorerst jedoch durfte fur die Bolschewiki die in Sibirien inhaftierte Zarenfamilie ein Randproblem gewesen sein.

Weit wichtiger waren im Moment die Festigung ihrer Macht in ganz RuBland, die Vergesellschaftung der Produktivkrafte, die Enteignung des GroBgrundbesitzes, die Organisation der Wirtschaft und einer roten Militarmacht fur den Kampf gegen die Konterrevolution.

Geradezu lebenswichtig fur die Revolution wurden die Friedensverhandlungen mit Deutschland. Im Zusammenhang damit scheint das „Problem Nikolaus II.“ wieder an Aktualitat gewonnen zu haben. Wilhelm II., zu dieser Zeit noch Konig von PreuBen und Deutscher Kaiser, wollte seinen Cousin nicht im Stich lassen und bemuhte sich im Fruhjahr 1918, ihm eine Brucke heraus aus RuBland zu bauen. In Moskau trug der deutsche Botschafter Graf Wilhelm von Mirbach den Wunsch vor, Nikolaus sehen zu wollen. Hinter diesem Anliegen verbarg sich offen die Absicht Wilhelms II., den Brester Friedensvertrag im nachhinein auch durch den ehemaligen Zaren unterzeichnen zu lassen und sich so gegen nicht auszuschlieBende politische Wechselfalle abzusichern.

Jakow M. Swerdlow, der Ansprechpartner Mirbachs, erklarte - gewiB nicht ohne Konsultation mit der ubrigen Regierung - seine Bereitschaft, Nikolaus nach Moskau kommen zu lassen.

Die merkwurdige Idee Wilhelms II., den Ex-Zaren das Vertragswerk von Brest -eine Demutigung RuBlands - mitunterzeichnen zu lassen, und seine Zusage, bei der Neuaufrichtung des Zarenthrones mithelfen zu wollen, zeigt das erschreckend realitatsferne Wunschdenken des Deutschen Kaisers, seine Verkennung der Lage in RuBland und insbesondere des Charakters von Nikolai.

Der Ex-Zar war namlich, gemaB seinem Selbstverstandnis, nicht bereit, den Frieden von Brest mit seinem Signum zu bekraftigen. Er „fahre nirgendwohin“ und „lasse sich lieber den Arm abhacken, als den Brester Vertrag zu unterzeichnen“, soll der Ex-Zar gesagt haben.

Was hatte Nikolais Unterschrift, die jetzt wertlos war, auch nutzen sollen?

Meinte Wilhelm II. etwa, es sei ihm moglich, in RuBland das Rad der Geschichte gleich um zwei Revolutionen zuruckzudrehen?

Der Zusage Swerdlows, den Ex-Zaren nach Moskau zu holen, lagen gewiB noch andere Motive zugrunde als dem Wunsch des Deutschen Kaisers zu entsprechen und deutschem Druck nachzugeben. Befand sich Nikolaus erst einmal in Moskau, so bestand durchaus die Moglichkeit, ihn doch noch ohne groBere Probleme nach Deutschland ausreisen zu lassen. Denkbar war auch, daB sich die Sowjetregierung nach dem Eintreffen des Ex-Zaren in Moskau entschlossen hatte, den Ex-Zaren dort vor ein Gericht zu stellen. Andererseits ware Nikolaus mit seiner Verlegung von Tobolsk nach Moskau aus seinem Randdasein erlost und - nicht im Interesse der Bolschewiki - zumindest kurzzeitig politisch aufgewertet worden. Nur fragt es sich aufs Neue, in welcher Rolle das hatte geschehen sollen?

Moskauerseits ist nicht eindeutig genug auszumachen, wie ehrlich Swerdlows Zusage war, Nikolaus in die neue Hauptstadt kommen zu lassen und was man dort mit ihm bezweckte.

Ein Sachverhalt sollte dabei im Blickfeld bleiben. Lenins Revolutionstheorie fuBte u.a. auf dem Grundsatz, daB zwar die Revolution in RuBland als schwachstem Glied im imperialistischen System ausbrechen konne, dann aber die anderen europaischen Lander, namentlich Deutschland und Frankreich, folgen werden und mussen. Fur die meisten der Bolschewiki, die an diese - wie sich dann herausstellte falsche - Maxime glaubten, war deshalb der Sturz des monarchischen Regimes auch in Deutschland nur eine Frage der Zeit. Insofern wurde das Schicksal Nikolaus, sollte er dem Deutschen Kaiser ubergeben werden, ein zweites Mal ereilen und er seiner gerechten Strafe doch nicht entgehen. Ob Swerdlow und seine Genossen tatsachlich so dachten, hat - solange die Quellen keine genauere Auskunft geben - als reine Spekulation zu gelten.

Dennoch sollten Deutschlands Bitte (Mirbach) und Moskaus Einverstandnis (Swerdlow) nicht von vornherein als Farce oder gar boswillige Irrefuhrung (seitens Moskaus) abgetan werden, nur weil das Unternehmen scheiterte. Vieles Widerspruchliche in dieser Angelegenheit ist vielleicht diplomatischem Kalkul oder dem illusionslosen politischen Pragmatismus der von W. I. Lenin gefuhrten Sowjetregierung geschuldet.

Jekaterinburg

In der nahegelegenen Industriestadt Jekaterinburg (70.000 Einwohner) wurde auf einem im Februar 1918 abgehaltenen SowjetkongreB des Uralgebiets ein bolschewistisches Prasidium unter dem Vorsitz von Filip Goloschtschokin (1876-1941) gewahlt, das fur seine Militanz bekannt war. Ihm miBfielen die verhaltnismaBig komfortablen Bedingungen, die dem Zaren bis dahin zugestanden worden waren, und es war entschlossen, ihn seiner eigenen Kontrolle uberantwortet zu bekommen - einige Bolschewiki in der Absicht, ihn gefangenzusetzen, andere, um ihn hinzurichten.

Filip Goloschtschokin verhandelte mit Jakow Swerdlow (1885-1919), ihm den Zaren zu uberlassen, mit der Begrundung, daB in Tobolsk die Fluchtgefahr groBer sei. Swerdlow war der Vorsitzende des „Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees“, besser bekannt als Lenins rechte Hand und de facto Innenminister. Es kursierten Geruchte uber diverse monarchistische Verschworungen zur Befreiung der kaiserlichen Familie. Swerdlow sagte nicht nein, doch es existierte tatsachlich ein Geheimplan des Zentralkomitees, den Zaren nach Moskau zuruckzubringen, wo Trotzki gegen ihn einen groBen SchauprozeB wie jenen gegen Konig Ludwig XVI. von Frankreich (1792) plante, in dem er selbst die Rolle des Hauptanklagers zu ubernehmen gedachte. Aber Lenin und Swerdlow konnten sich nicht erlauben, die politische Karriere Trotzkis zu fordern.

Swerdlow hatte ursprunglich den Befehl unterzeichnet, den Zaren nach Moskau zu bringen, und spielte nun ein ubles Spiel hinter Jakowlews Rucken. Einerseits unterstutzte er die bolschewistischen Fuhrer in Jekaterinburg in ihrem BeschluB, die zaristischen Gefangenen zu ubernehmen, andererseits beauftragte Swerdlow am 9. Mai 1918 den Sowjetkommissar Wassili Jakowlew mit den Planungen fur die Uberfuhrung Nikolaus’ II. und, wenn moglich, der ganzen Familie nach Moskau. Dazu sandte Swerdlow den Jakow Jurowski (1878-1938) als Sonderkommissar mit 150 Rotarmisten nach Tobolsk.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jakowlew

Filip Goloschtschokin, der Kriegskommissar des Ural-Gebietssowjets in Jekaterinburg, war ein vertrauter Freund von Swerdlow. Goloschtschokin wuBte oder vermutete, daB Moskau keinen endgultigen Plan fur die Zukunft des Zaren hatte und daB der Ural-Sowjet der Kremlfuhrung einen Gefallen tun wurde, wenn er die Romanows ubernahm. Inzwischen hatte der Sowjet des Uralgebiets im April eine Resolution zur Hinrichtung des Zaren verabschiedet. Saslawski, einer der Jekaterinburger Kommissare, traf bereits Vorbereitungen, den Zaren zu entfuhren. „Wozu das ganze Theater", sagte Saslawski zu Jakowlew bei dessen Ankunft in Tobolsk, „die Romanows mufi man einfach abknallenl"

In Omsk wurde die Bahnlinie blockiert, und Jurowski leitete den Zug der Zarenfamilie nach Jekaterinburg, wo das kaiserliche Paar am 30. April eintraf (die ubrige Familie folgte am 23. Mai nach) und arretierte sie im Ipatjew-Haus, wo ein strenges und demutigendes Regime herrschte. Um das Gebaude herum wurde ein hoher Zaun errichtet, um jede Kommunikation mit der AuBenwelt zu verhindern. Die Fensterscheiben waren weiB getuncht, so daB man nicht nach drauBen schauen konnte, und es war verboten, die Fenster zu offnen. Als eine der GroBfurstinnen ein Fenster zu offnen versuchte, um einen Blick auf den Himmel zu erhaschen, wurde auf sie geschossen.

Die - insgesamt 50 - Wachen waren schroff. Sie begleiteten die Zarin und ihre Tochter zur Toilette, schrieben Obszonitaten an die Wande und bedienten sich am Eigentum der Gefangenen. AuBer zu den Mahlzeiten durften die Gefangenen ihre Raume nicht verlassen.

Die Familie bewohnte 6 Zimmer im ersten Stock; in einem waren die 4 GroBfurstinnen untergebracht; in einem anderen Zimmer schliefen Nikolaus und Alexandra, in einem dritten der Zarewitsch. In den ersten Tagen waren die GroBfurstinnen gezwungen, auf dem FuBboden zu schlafen da sie kein Bett hatten. Sie konnten die Turen nicht abschlieBen, Soldaten kamen immer wieder ohne Vorwarnung herein und fingerten an ihnen herum. Von den meisten Zimmern wurden die Turen entfernt, und vor der einzigen Toilette wurde eine Wache postiert. Wenn die Zarin, Maria oder spater die anderen Madchen sich erleichtern muBten, durften sie dies nicht allein tun. An der Wand uber der Toilette befanden sich pornographische Zeichnungen von der Zarin und Rasputin, obszone Witze, Beleidigungen, und haufig waren sie mit Kot beschmiert. „Vergefit nicht, Euch die Zeichnungen anzuschaueri", pflegten die Wachen zu den GroBfurstinnen zu sagen, bevor sie eintraten. „Bitte hinterlassen Sie den Sitz so sauber, wie Sie ihn vorgefunden haberf", lautete eine zynische Notiz fur die Wachen neben all diesem Unrat.

Die Verpflegung war karg: morgens Schwarzbrot und Tee, mittags waBrige Suppe und zaher Braten oder auch Fleischklopse. Auf Befehl des Zaren aBen sie alle an einem Tisch mit den Dienstboten. Die Ernahrung war schlecht. Man stellte eine Suppenschussel auf den Tisch. Es gab nicht genugend Loffel, Gabel und Messer. Eines Tages steckte einer von den Rotgardisten seinen Loffel in die Suppenschussel: „Ihr habt genug. Jetzt nehme ich“

Die Wachter fingen an, die Gefangenen zu bestehlen. Sie behandelten die vier Zarentochter schlecht, sie wollten ihnen sogar ins Bad folgen, machten in ihrer Gegenwart obszone Witze. Sie zwangen sie dazu, vulgare Liedchen zu trallern. Plumpe Zudringlichkeit, Roheit und ein wildes Durcheinander herrschten. Fur die schlechte Behandlung war vor allem Alexander Dimitrijewitsch Awdejew, der Kommandant der Wache, verantwortlich. Er war 35 Jahre alt und hatte die Besetzung einer Munitionsfabrik durch die Arbeiter angefuhrt. Er galt als Raufbold, Angeber und Trinker.

Am 4. Juli ubernahm die ortliche Tscheka die Verantwortung fur die Bewachung der Romanows im Ipatjew-Haus. Der neue Kommandant des Bewachungspersonals war Jakow Jurowski, 40 Jahre alt, von Beruf Uhrmacher. Spater grundete er einen kleinen Fotoladen in Jekaterinburg. Wahrend des Ersten Weltkrieges wurde er zum Sanitater ausgebildet und diente als chirurgischer Assistent in der Infanterie. Er verhinderte, daB es zu weiteren Diebstahlen kam, tauschte die respektloseren unter den Wachtern gegen andere aus und bemuhte sich, den Zaren zu beruhigen und ein Gefuhl von Sicherheit zu vermitteln.

Die Zarenfamilie gewohnte sich an einen monotonen Tagesablauf. Sie standen um 9 Uhr auf und nahmen um 10 ihr Fruhstuck, Tee und Schwarzbrot. Jeden Morgen und Abend sprachen sie Gebete und lasen einander aus dem Evangelium vor. Eine Zwischenmahlzeit war um 13 Uhr, Mittagessen zwischen 16 und 17, Tee um 19, Abendbrot um 21 Uhr. In der Regel las Nikolaus II. nach dem Tee und am Abend vor; an den Tagen unmittelbar nach ihrer Ankunft in Jekaterinburg hatte er dafur das Buch Hiob gewahlt. Wer wollte, durfte zweimal taglich drauBen spazierengehen, 30 Minuten morgens und 30 Minuten am Nachmittag.

Die meiste Zeit waren Alexandra wie Alexej bewegungsunfahig. Wegen ihres Ischias konnte sie nicht laufen und lag auf ihrem Bett oder saB in ihrem Rollstuhl im Schlafzimmer. Die Kaiserin litt haufig an Migrane. Ihre Tochter kummerten sich um sie und taten, was sie konnten. Tatjana und Maria lasen ihrer Mutter vor und spielten Bridge mit ihr. Alle vier halfen Demidowa Strumpfe stopfen und Wasche flicken. Die jungen Frauen halfen jeden Tag in der Kuche, auch beim Brotbacken.

In der Eintonigkeit der Tage, isoliert von der AuBenwelt, in Unkenntnis selbst von Ereignissen wie Nagornys Tod, fanden die Gefangenen hauptsachlich im Auf und Ab von Krankheiten und den Kapricen des Wetters Abwechslung. Von Geburtstagen wurde kaum Notiz genommen. Wie die Tage so dahingingen, verschmolzen die Gefangenen, vom Zaren bis zum Koch, mehr und mehr zu einer GroBfamilie.

Die politische Lage 1918

Das Schicksal der Zarenfamilie darf man nicht von der Gesamtlage abkoppeln. Nie fuhlten sich die Bolschewiki in ihrer Macht so bedroht wie im Sommer 1918.

Da die bolschewistische Regierung Deutschlands Partner des Diktatfriedens von Brest- Litowsk war, erhielt der alte Verschworungsgedanke erneut Auftrieb. In der Sicht des russischen Reichsnationalismus wurde der Austritt der Randvolker aus dem Zarenimperium durch die „wilhelminisch-leninsche Verschworung zur Auflosung Rufilands“ kraftvoll unterstutzt. So ist es zu erklaren, daB der Ausbruch der Nationen des Zarenreiches aus dem „Volkerkerker“ sehr rasch den revolutionaren Aufstand gegen die Zerstorer des alten RuBland nach sich gezogen hat. Der Burgerkrieg war unausweichlich. Aber nicht allein die antibolschewistischen Krafte in RuBland verdachtigten die Bolschewiki der gemeinsamen Sache mit den Mittelmachten, auch die Westmachte glaubten an diese Verschworungstheorie. Das hat ihren EntschluB zur Intervention in den russischen Burgerkrieg wesentlich gefordert.

Eine Vielzahl von Gruppierungen und Faktionen, von den „Schwarzhunderten“ auf dem rechten Flugel bis zu den radikalen Demokraten auf dem linken, rangen miteinander um politischen EinfluB auf die „WeiBen“. Sie waren vollig zerstritten und hatten keinen Ruckhalt in der Bevolkerung. Die Fuhrer der WeiBen unternahmen keine wirklichen Anstrengungen, eine Politik zu entwickeln, die den Bauern oder nationalen Minderheiten entsprechen konnte, obwohl deren beider Unterstutzung unentbehrlich war. Sie waren zu fest im alten RuBland verwurzelt. Die WeiBen betrachteten sich als Vertreter des alten russischen Staats im Exil und stellten bis zum militarischen Sieg alles politische Handeln zuruck. Neben der Beseitigung des Bolschewismus und der „Rettung RuBlands" hatten sie keine klaren Vorstellungen, wofur sie kampfen sollten. Die WeiBen nahmen an, sie konnten den Burgerkrieg ohne die Unterstutzung der Bauern gewinnen, zumindest jedoch schienen sie zu glauben, die Frage der Landreform konnte fur die Zeit nach dem Sieg aufgeschoben werden. So waren sie auf die Aufgaben, mit denen sie sich nun bei der Beherrschung der neueroberten Gebiete ausgesetzt sahen, nicht vorbereitet. Ohne eine Politik, die die ortsansassige Bevolkerung hatte mobilisieren oder wenigstens neutralisieren konnen, muBte die WeiBe Armee fast zwangslaufig scheitern. In ihrem Versagen, die Bauernrevolution zu akzeptieren, lag der Grund fur ihre endgultige Niederlage.

Der russische Burgerkrieg wurde von Armeen ausgetragen, die sich weder auf die Loyalitat der meist zwangsverpflichteten Soldaten verlassen konnten noch auf die Unterstutzung der Zivilbevolkerung jener Gebiete, die zu kontrollieren sie fur sich in Anspruch nahmen. Sowohl Rote (die Bolschewiki) als auch „WeiBe“ (die Antikommunisten) waren standig durch Massendesertation, den Zusammenbruch der Versorgung, Streiks und Bauernaufstande im Hinterland geschwacht. Ihre Fahigkeit, trotz all dieser Probleme ihre Feldzuge zu fuhren, war im wesentlichen eine Frage der politischen Organisation und der Massenmobilisierung. Selbstverstandlich spielte auch der Terror eine Rolle. Wahrend des Burgerkriegs war es die Tscheka, die das Uberleben des bolschewistischen Regimes an der sogenannten „inneren Front“ garantierte. Terror wurde zum integralen Bestandteil im Burgerkrieg. Es ist durchaus moglich, daB in diesen Jahren mehr Menschen durch die Tscheka getotet wurden, als in den Kampfen des Burgerkriegs umkamen.

Die Kampfe der ersten 12 Kriegsmonate (von Oktober 1917 bis September 1918) waren nicht mehr als kleinere Scharmutzel und Artillerieduelle. Die bunt zusammengewurfelten geringen Streitkrafte waren hauptsachlich mit ihrer Selbstverteidigung befaBt, es gab weder festgelegte Stellungen noch Fronten, und Stadte und Landstriche gingen standig von einer Hand in die andere. Es gab keine feststehenden „Fronten“, da keine Seite uber genugend Manner oder Versorgungskanale verfugte, so daB die Kampfhandlungen mal hier und mal da aufflammten. GroBe Stadte konnten von winzigen Armeen eingenommen werden, die kaum diesen Namen verdienten. Die meisten Truppenbewegungen geschahen per Eisenbahn. Man verlud eine Handvoll Manner und einige Maschinengewehre in einen Zug und lieB ihn bis zum nachsten Bahnhof fahren, der dann ebenso wie die jeweilige Stadt „eingenommen“ wurde. Daher sprach man auch von einem „Eisenbahnkrieg“.

Erst im Verlauf der groBen Feldzuge des russischen Burgerkriegs im Jahre 1919 wuchsen sowohl die Roten als auch die WeiBen von kleinen Partisanengruppen zu groBen Armeen von Zwangsverpflichteten an, die von der Mobilisierung der Bauernschaft und ihren Ressourcen abhingen. Denn keine Seite konnte auf die Unterstutzung der Bauern zahlen, und beide waren durch Desertation und Bauernaufstande im Hinterland geschwacht, was den politischen MiBerfolgen ebenso zuzuschreiben war wie den Zwangseintreibungen.

Die Bolschewiki metzelten all diejenigen nieder, die sie fur Anhanger der WeiBen hielten - also letztlich alle burschuis (Burgerliche, Wohlhabende, Bessergestellten) -, woraufhin die WeiBen entsprechend brutale Vergeltungsschlage durchfuhrten. Es kam zu einer Spirale der Gewalt. Die politische Mitte zwischen Roten und WeiBen wurde zerschlissen und verschwand schlieBlich ganz. Das gesamte Land versank nun im Burgerkrieg.

Das Gebiet, das die Bolschewiki im Sommer 1918 kontrollierten, war nur wenig groBer als das historische GroBfurstentum Moskau und war von drei stabilen, antibolschewistischen Frontlinien umgeben:

1. die der Don-Region, die von den Kosakentruppen des Atamans Krasnow (1869-1947) und der WeiBen Armee General Denikins besetzt war,
2. die der Ukraine, die in den Handen der Deutschen und der ukrainischen Rada (Nationalregierung) war, und
3. die entlang der Transsibirischen Eisenbahn, dort, wo die meisten groBen Stadte an die Tschechische Legion verlorengegangen waren und welche in ihrer Offensive von der sozialrevolutionaren Regierung Samaras unterstutzt wurde.

Die Versorgungsschwierigkeiten wuchsen von Tag zu Tag, und die innerparteilichen Differenzen der Bolschewiki nahmen zu. Das fuhrte zu einer betrachtlichen Forcierung des Terrors der Tscheka, fur den der fortlaufende Burgerkrieg hinreichend Vorwande lieferte. Fortschritte gab es allein bei der Organisierung und Ausbildung der von Trotzki im Februar 1918 begrundeten Roten Armee. Lenin schickte Requistionskommandos von Arbeitern aus den Stadten in die Dorfer, die sich dort mit den Dorfarmen zu einem gnadenlosen Beutezug gegen die Kulaken zu vereinigen suchten. Zum auBeren Burgerkrieg lief folglich parallel ein innerer Klassenkrieg.

In den Regionen, die mehr oder weniger von den Bolschewiki kontrolliert wurden, kam es im Sommer 1918 zu 140 Aufstanden und bedeutenden Erhebungen. Es waren meist Bauern, die sich in ihrem Kampf gegen die brutalen Beschlagnahmungen der Versorgungskommandos, gegen die dem privaten Handel auferlegten Beschrankungen und die neuen Einberufungen zur Roten Armee zusammengeschlossen hatten. Sichere Abordnungen der Roten Armee oder der Tscheka schlugen in der Regel die „konterrevolutionaren Kulakenaufstande“ in wenigen Tagen brutal nieder.

Unterdessen widerstanden die „WeiBen“ nicht nur dem Vormarsch der Bolschewiki im Uralgebiet, sondern warfen sie nach Westen zuruck. Eine Kombination von alliierter Intervention und russischem nationalen Widerstand von Murmansk bis zur Ukraine sowie vom Pazifik bis zum Ural begann sich auszuwirken, und nirgends mit groBerer Wirkung als zwischen Omsk und Jekaterinburg. Der Burgerkrieg wurde fur das bolschewistische Regime in Moskau zusehends zur gefahrlichen Realitat, welche die Revolution selbst gefahrdete. Mitte Juni 1918 ging Omsk an die aus fruheren osterreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen bestehenden Tschechischen Legion verloren, und der Vormarsch der „WeiBen“ auf Jekaterinburg hatte offensichtlich begonnen.

Zu Ende des Sommers 1918 waren ganz Sibirien, der groBte Teil des Ural, mehrere Stadte im Wolgagebiet sowie Samara, Simbirsk und Kasan in der Hand der WeiBen.

Lenin und Stalin behaupteten spater, die Alliierten hatten von Anfang an offen die Revolution bekampft. In Wirklichkeit suchten die Alliierten verzweifelt nach einem Weg, um die Deutschen von ihrer entscheidenden Offensive in Frankreich abzulenken. Erst im Juni 1918 wurden sie entschieden antibolschewistisch, und zwar deshalb, weil alles darauf hindeutete, daB die Bolschewiki von ihrem zunachst antideutschen Kurs abgewichen waren und es nunmehr hinnahmen, daB die Deutschen ihr Uberleben tolerierten.

Die Franzosen und die Briten kampften in RuBland zwar an der Seite der WeiBen gegen Lenin, erlagen aber keinen Augenblick lang der Versuchung, die Truppen von Denikin oder Admiral Koltschak mit Hilfe der verblichenen Magie des Zarismus auf ihre Seite zu ziehen. Denn selbst die Generale der WeiBen machten den Zaren fur das Elend, das ihr Land befallen hatte, verantwortlich. Nikolaus II. hatte sein personliches Prestige so heruntergewirtschaftet, daB die WeiBen, waren sie an einer Restauration der Monarchie interessiert gewesen, wohl jeden anderen Romanow lieber gesehen hatten als Nikolaus oder seinen kranken Sohn.

Obwohl es durchaus Monarchisten in den Reihen der „WeiBen“ gab, hatte aber kein einziger ihrer Kommandeure jemals die Wiederherstellung des Kaisertums gefordert. Das Thema galt als „verbrannt“. Dennoch - und gerade deswegen - wurde ihnen das seitens der linken Propaganda immer wieder vorgeworfen.

Dabei war der Widerstand des bereits schwer getroffenen und im Elend dahinvegetierenden Burgertums und sogar derjenige seiner kampfkraftigen Elite, der ehemaligen zaristischen Offiziere, auffallend schwach. Der Zustrom zu den Freiwilligenarmeen des Generals Denikin im Suden und des Admiral Koltschak im Osten blieb hinter den Erwartungen zuruck, und die wenigen Interventionstruppen beschrankten sich im wesentlichen auf die Sicherung von fruher geliefertem Kriegsmaterial. Die Intervention war gerade ausreichend, um die WeiBen vor einer Niederlage zu bewahren, jedoch untauglich, ihnen eine reale Chance auf einen Sieg zu verschaffen.

Die weiBen Armeen, die Alliierten, die nationalistischen Letten und Esten, die Bauernanarchisten Machnos in der Ukraine und die ukrainischen Nationalisten unter Petljura, die Polen und die Kaukasier kampften miteinander gegen die Bolschewiki und doch zugleich heimlich und teilweise offen gegeneinander, da die einen das Russische Reich wiederherstellen und die anderen es schwachen wollten, da die einen fur die eigene Unabhangigkeit kampften und die anderen fur Erwerb von Land oder die Sicherung von Rohstoffzufuhren. Sozialrevolutionare und Menschewiki stellten sich uberdies faktisch auf die Seite der Bolschewiki, als die Gefahr riesengroB zu sein schien, daB ein reaktionarer General siegreich in Moskau einziehen werde.

Bis Juni 1918 waren sich die Deutschen - genauso wie die Alliierten - nicht so recht im Klaren daruber, fur welche der in RuBland einander bekampfenden Parteien sie sich entscheiden sollten. Das Heer, das eine Infizierung der Heimat und der Front durch die Bolschewiki befurchtete, wollte diese „liquidieren“. Das Auswartige Amt teilte zwar den Wunsch des Heeres, RuBland niederzuhalten und letztlich zu zerstuckeln, argumentierte jedoch, die Bolschewiki hatten den Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet, die „patriotischen Gruppen“ aber wurden ihn ablehnen, deshalb sei es im Interesse Deutschlands, die Ersteren zu unterstutzen. Kaiser Wilhelm II., der zwischen einer pro- und einer antibolschewistischen Politik entscheiden muBte, billigte am 28. Juni 1918 eine Empfehlung des Auswartigen Amtes, der bolschewistischen Regierung zu versichern, daB weder die deutschen Truppen im Baltikum noch ihre finnischen Verbundeten gegen Petrograd vorrucken wurden (das sie mit Leichtigkeit hatten einnehmen konnen). Diese Zusicherung ermoglichte es Lenin und Trotzki, ihre einzigen leistungsfahigen Regimenter, die lettischen Schutzen, an den westlichen Streckenabschnitt der Transsibirischen Eisenbahn, zwischen Moskau und dem Ural, zu verlegen. Dort griffen sie Ende Juli 1918 bei Kasan die Tschechische Legion an. Damit leiteten sie eine Gegenoffensive ein, die schlieBlich die Bahnlinie offnete, die Tschechen ostwarts nach Wladiwostok abdrangte und den Roten Armeen, die in Sibirien gegen Koltschak und in SudruBland gegen Denikin kampften, Nachschub und Verstarkungen brachte. Diese Gegenoffensive fuhrte zum Sieg der Bolschewiki im Burgerkrieg - aufgrund der Entscheidung des Deutschen Reiches, den Bolschewismus am Leben zu erhalten.

Anfang September 1918 gelang es der 2. und 5. Roten Armee, den WeiBgardisten Kasan zu entreiBen, am 12. September nahm die 1. Armee nach dreitagigem Kampf Simbirsk, und am 7. Oktober fiel Samara in die Hand der 1. und 4. Armee.

Lenin wuBte genau, daB er seinen Sieg im Burgerkrieg (1917-1921) ebenso der Uneinigkeit seiner Feinde verdankte, wie der Triumph seiner Revolution auf die Ubernahme des Landprogramms der Sozialrevolutionare zuruckzufuhren war. Eine bedrohliche auBere Macht waren lediglich die Polen, die von einer Wiederherstellung der Grenzen von 1772 traumten. Das russische Burgertum und der russische Adel aber existierten nicht mehr. Die „Ausbeuterklassen“ waren „liquidiert“.

Einige wichtige Stationen:

23.12.1917:

Die britische und die franzosische Regierung schlossen ein Geheimabkommen uber die Aufteilung ihrer „Aktionsspharen“ in RuBland. England sicherte sich die Kosakengebiete am Don und am Kuban und vor allem den Kaukasus. Es ging um Ol.

Fruhjahr 1918:

Die Regierungen der Entente muBten erkennen, daB die Sowjetmacht gesiegt hatte und weiterbestehen konnte. Unter dem Vorwand, dem „russischen Volk gegen das Deutsche Reich zu Hilfe zu kommen“, fuhrten sie von da an praktisch Krieg gegen die Sowjetunion.

9.03.1918:

Die ersten britischen Truppen landeten in Murmansk, denen alsbald starke franzosische und amerikanische Verbande folgten.

Ende April 1918:

In der Ukraine wurde eine neue Regierung gebildet, an deren Spitze der ehemalige Zarengeneral Hetman P.P. Skoropadski stand.

Ende Mai 1918:

In Sibirien kam es zu einem antisowjetischen Aufstand des tschechoslowakischen Armeekorps. Dieses Korps bestand aus 50.000 gut bewaffneten Soldaten und war auf der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok unterwegs. Ihm schlossen sich zahlreiche russische WeiBgardisten an. Die Folge davon war, daB in den meisten Stadten zwischen Pensa und Wladiwostok die alte, bourgeoise Ordnung wiederhergestellt wurde.

Zur gleichen Zeit erhoben sich konterrevolutionare Krafte auch im Wolga-Gebiet, im Ural und in Sibirien.

Mitte Juli 1918:

In Moskau und Jaroslawl sowie in einigen anderen mittelrussischen Stadten brachen Aufstande aus.

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2.08.1918:

Die Briten gingen in Archangelsk an Land, wo daraufhin eine Gegenrevolution ausbrach und sich eine weiBgardistische Regierung bildete.

August 1918:

Britische Truppen marschierten aus dem Iran kommend in Baku ein, andere Verbande erreichten das Kaspische Meer. Die Deutschen besetzten die Krim und entsandten Verbande bis nach Nordkaukasien, ja sogar nach Transkaukasien. Im Dongebiet kam es zum Aufstand der Donkosaken. Ihr Ataman, General P.N. Krasnow, stellte mit deutscher Hilfe eine starke Armee auf und ruckte gegen Zarizin und Woronesch vor.

30.08.1918

Bei einem Attentat wurde Lenin schwer verletzt.

Ende des Sommers 1918:

Zu Ende des Sommers 1918 war ganz Sibirien, der groBte Teil des Ural, mehrere Stadte im Wolga-Gebiet sowie Samara, Simbirsk und Kasan in der Hand der WeiBen. In Samara bildete sich eine Gegenregierung, in Omsk eine „Sibirische Regierung“. Eine „Freiwilligenarmee“, hauptsachlich aus ehemaligen zaristischen Offizieren bestehend, besetzte, gefuhrt von den Generalen M.W. Alexejew, L.G. Kornilow und A.I. Denikin, den groBten Teil Nordkaukasiens.

Fazit:

Im Laufe des Fruhjahrs und Sommers 1918 hatte sich die allgemeine Lage SowjetruBlands empfindlich verschlechtert. Der Kampf ging ums Sein oder Nichtsein! Drei Viertel der Gebiete waren von auslandischen Interventionstruppen und von WeiBgardisten besetzt. Unglaubliche Schwierigkeiten muBten uberwunden werden. Mit der Ukraine, Sibirien und dem Wolgagebiet war die Ernahrungsbasis verlorengegangen, im ganzen Land herrschte Hungersnot. GroBer Mangel bestand auch bei Kohle, Eisenerz, Roheisen und Stahl, die Industrieproduktion ging laufend zuruck.

Hinter den Fronten waren die Agenten der WeiBgardisten unermudlich tatig. In kurzer Zeit entstanden viele konterrevolutionare Organisationen.

Anfang September 1918 erklarte das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee die Sowjetrepublik zu einem „einzigen Militarlager“. Im ganzen Land wurde das Kriegsrecht verhangt und der Revolutionare Kriegsrat der Republik unter Trotzkis Vorsitz zum hochsten Staatsorgan bestimmt. Die gesamte Wirtschaft wurde auf die Bedurfnisse der Armee ausgerichtet und das Land in 3 Hauptfronten (Ost-, Sud- und Nordfront) sowie 5 Armeen und eine befestigte Zone im Westen aufgeteilt.

In dieser angespannten Situation blieb Trotzki keine andere Wahl, als die allgemeine Wehrpflicht einzufuhren. Die Rote Armee wuchs 1919 auf 3 Millionen Soldaten an und erreichte Ende 1920 eine Starke von 5 Millionen. Wahrend des Burgerkriegs trat eine halbe Million Soldaten der Partei der Bolschewiki bei. Dies waren die „Missionare der Revolution^ Sie brachten den Bolschewismus, seine Ideen und Methoden in ihre Stadte und Dorfer.

Am 30.11.1918 wurde der Landesverteidigungsrat der Arbeiter und Bauern gebildet, dessen Vorsitz Lenin ubernahm.

Der BeschluR zum Mord

In den Kampfen des Burgerkrieges herrschte in Moskau Einigkeit, dab der Zar weder den Deutschen noch anderen Machten in die Hande fallen durfte. Bereits im April 1918 war sein Tod beschlossene Sache, und je naher die weiben Truppen auf das uralische Jekaterinburg drangten, um so intensiver wurde die Exekution vorbereitet. Lenin und Swerdlow waren zu der Uberzeugung gekommen, dab ein Prozeb gegen den ehemaligen Zaren nicht ratsam sei. Allein schon den entmachteten Monarchen vor Gericht zu stellen, setzte die Moglichkeit seiner Unschuld voraus. Und in diesem Falle stunde die moralische Legitimation der Revolution selbst in Frage. Nikolaus vor Gericht zu stellen ware gleichbedeutend damit, die Bolschewiki vor Gericht zu stellen. Als sie das erkannten, entschieden sie sich, in das Reich des Terrors uberzuwechseln. Letztlich ging es gar nicht mehr darum, die Schuld des einstigen Zaren zu beweisen - da man schlieblich, wie es einst Saint-Juste formulierte, „nicht unschuldig regieren kann“-, sondern darum, ihn als konkurrierende Quelle der Legitimitat auszuloschen. Nikolaus mubte sterben, damit die Sowjetmacht leben konnte!

Der Rat der Volkskommissare in Moskau beschlob in der ersten Juliwoche die Vernichtung der Zarenfamilie in Jekaterinburg. Die letzte Verantwortung tragt Lenin, der seinen Genossen erklarte, dab Nikolaus auf keinen Fall in die Hande der Konterrevolutionare fallen durfe.

Bereits Mitte Juni wurde - wie man inzwischen weib - von den Bolschewiki ein angeblicher „Fluchtversuch“ inszeniert, indem man der Zarenfamilie eine angebliche Befreiung vorgaukelte, um sie wahrend des Fluchtversuches erschieben zu konnen. Die zufallig mitgehorte Bemerkung eines Wachtpostens mub Nikolaus davon uberzeugt haben, dab ein solcher Versuch zu gefahrlich sei. Er lieb den vermeintlichen Befreiern eine Nachricht zukommen, in der er hervorhob, dab sie das Risiko eines Fluchtversuches nicht auf sich nehmen konnten, aber bereit sein wurden, sich entfuhren zu lassen. Nach dem enttauschenden Scheitern der „Befreiung“ schienen Nikolaus und Alexandra den Mut verloren zu haben.

Das Ipatjew-Haus

Gebaude und Geschichte

Das Ipatjew Haus galt als eines der schonsten Hauser in Jekaterinburg. Es war relativ modern fur diese Zeit, hatte auch fliebendes Wasser, Strom und Telefon. Reich verziert, zeugte es vom Wohlstand seines Besitzers. Das Haus bestand aus zwei Stockwerken. Es lag an der Ecke des Voznessenskyprospekts und des VoznessenskygaBchens, zweier StraBen, die sich im Zentrum Jekaterinburgs befinden.

Das Haus wurde 1897 fur den Staatsrat Ingenieur Andrej Redikorzew als geraumige Villa an einer Hanglage erbaut, mit einer Grundflache von 31*18 m. Die Ostfassade lag an der StraBenseite und war eingeschossig, die Westfassade ging auf einen Garten und war zweigeschossig. Die Hauptfassade des Hauses lag nach der Ostseite, dem Voznessenskyprospekt zu. An dieser Stelle war der Boden sehr abschussig und bildete einen Abhang, der nach dem VoznessenskygaBchen abfiel. Das ganze Haus war auf diesen Abhang gebaut. Deshalb glich das ErdgeschoB eher einem Souterrain; die Fenster, die auf den Voznessenskyprospekt hinausgingen, lagen niedriger als die StraBe. Ein groBes Tor fur die Wageneinfahrt fuhrte in einen gepflasterten Hof. Hinter dem Hause lag ein Garten, der sich an dem VoznessenskygaBchen hinzog. In dem Garten standen einige Baume und Straucher, Pappeln, Linden, Flieder und Akazien. Das Haus machte auBerlich einen besseren Eindruck als die der anderen Hauser des Stadtviertels, der Garten aber war recht klaglich.

Kurz nach Fertigstellung des Hauses wurde Redikorzew mit Korruptionsvorwurfen belastet, geriet in finanzielle Schwierigkeiten und muBte 1898 das Haus an den Ingenieur I.G. Scharawjew verkaufen.

Dieser wiederum verkaufte das Haus im Jahr 1908 fur 6.000 Rubel an den Ingenieur Nikolai Ipatjew (ein Bruder des Chemikers Wladimir Ipatjew), der ein metallurgisches Unternehmen besaB. Herr Ipatjew lebte auf der ersten Etage und hatte sein Buro im ErdgeschoB.

Um in die erste Etage zu gelangen, muBte man den Eingang von dem VoznessenskygaBchen benutzen. Die Eingangstur fuhrte auf einen Platz, von dem die Haupttreppe ausging. Neben dem Treppenabsatz befanden sich das Badezimmer und ein Wasserklosett. Das Fenster des Badezimmers fuhrte auf den Garten, dasjenige des Wasserklosetts auf den Hof. Eine Tur links vom Treppenabsatz ging in das Vorzimmer. Daneben war die bolschewistische Behorde untergebracht. Alle anderen Zimmer der oberen Etage waren von der Zarenfamilie und den mit ihnen eingesperrten Personen bewohnt. Dabei bewohnten die Majestaten und der Zarewitsch gemeinsam ein Zimmer, ebenso hielten es die GroBfurstinnen.

Kurz vor der Ankunft der Familie des Zaren Ipatjew wurde sein Haus von den Bolschewisten beschlagnahmt. Der Ural-Sowjet benotigte ein einigermaBen groBes, freistehendes Haus in zentraler Lage, das fur die Gefangenen geeignet und relativ leicht zu bewachen war.

Am Samstag, den 27. April 1918, wurde Ipatjew von den Bolschewiki aufgefordert, das Haus innerhalb von zwei Tagen provisorisch zu raumen. Es wurde ihm gestattet, einen Raum im Keller als Lager zu benutzen. Dieser Kellerraum, der anschlieBend versiegelt wurde, befand sich neben dem Zimmer, in dem drei Monate spater die Familie Romanow erschossen wurde.

Das „Haus zur besonderen Verwendung“

Eilig errichteten die Bolschewiki einen mannshohen Bretterzaun um das Anwesen, das von ihnen „Haus zur besonderen Verwendung“ genannt wurde. Die Gefangenen wurden von den Bolschewiki „Die Bewohner des Hauses Ipatjew“ genannt.

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Holzpalisaden

Das Haus war von zwei Bretterzaunen umgeben. Die beiden Palisaden waren in geringer Entfernung voneinander errichtet. In dem auBeren Zaun befanden sich zwei Tore und eine Pforte. Durch diese Palisaden war das Haus von auBen ganz unsichtbar. In den Ecken standen zwei Schilderhauser fur die Schildwachen.

Die doppelte Holzpalisade reichte bis zur Hohe der Fenstersimse. Das Gebaude bekam den Charakter einer Festung. Bald darauf wurden auf dem Dach Maschinengewehre in Stellung gebracht. Genau 10 Wachtposten befanden sich im und um das Haus herum - es war eine Festung, in die man nicht eindringen und aus der man unmoglich entkommen konnte.

Die Zimmer der Romanows

Vier grofie Zimmer standen der Zarenfamilie zur Verfugung, ein Eckschlafzimmer, ein Ankleidezimmer, daneben das Speisezimmer mit Fenstern zum Garten und mit Blick auf die Unterstadt und schlieBlich ein geraumiger Salon mit Turen. Im ganzen Haus gab es Bogen, Gewolbe und Schnorkel, die die Zimmer, Turen, Vordacher und Fenster des Untergeschosses zierten.

In diesem Haus herrschte ein fur die Romanows strenges und demutigendes Regime. Um die Gefangenen von der AuBenwelt abzuschneiden, waren keine Ausgange in die Stadt erlaubt und nur kurze Aufenthalte im kleinen Garten des Hauses gestattet.

Die Fenster werden weifi gestrichen

Am 15. Mai wurden sogar die Fensterscheiben mit weiBer Farbe gestrichen, damit die Inhaftierten vollig isoliert waren. Diese Fenster durften nur mit Genehmigung des Wachkommandanten geoffnet werden - wenn er diese gab. Wenn die Fenster geoffnet waren, durfte niemand hinaussehen.

Die Bewachung

Die Bewachung vollzog sich wie folgt: Nach der Ankunft der Majestaten wurde je eine Wache innen und auBen aufgestellt. Die Innenwache war im 1. Stockwerk, die zweite vor dem Hause. Bis zur Ankunft der Zarenkinder -bis zu diesem Zeitpunkt war der zweite auBere Bretterzaun noch nicht fertig - wurde diese doppelte Bewachung nicht ganz genau gehandhabt. Nachdem der Zaun errichtet war, ging man aber mit auBerster Strenge vor. Ein Schilderhaus stand an der Tur des Zaunes, der auf den Prospekt fuhrte, eine Wache im Schilderhaus an der Ecke des GaBchens und des Prospekts, eine weitere an der Haustur, von wo aus die Schildwache die Treppe zu dem 1. Stockwerk und den ganzen Raum zwischen den beiden Zaunen ubersehen konnte, eine in dem alten Schilderhaus, das zwischen der Fassade und dem inneren Zaun lag, endlich je eine im Hof neben der Pforte, im Garten, auf der Terrasse des Hauses und im Zimmer des Erdgeschosses, an dem letzteren Fenster der Terrasse. Die innere Bewachung wurde auBerdem durch zwei Posten versehen.

Ende Juni oder Anfang Juli 1918 wurden die Posten noch verstarkt. Es wurde noch einer auf dem hinteren Hof aufgestellt, ein zweiter auf dem Boden, mit einer Mitrailleuse (Salvengeschutz) versehen, und ein dritter an einem anderen Ort, ebenfalls mit einer Mitrailleuse versehen. Fur die unglucklichen Bewohner des Hauses Ipatjew gab es also keinen Ausweg mehr.

Die Bewachung aufierhalb des Hauses

Was die Wachen angeht, so muB man zwischen denen unterscheiden, die mit der Bewachung autierhalb und denen, die mit ihr innerhalb des Hauses betraut waren. Die auBere Wache wurde bis zur Ankunft der Zarenkinder von Rotgardisten gebildet, die im Dienst verschiedener bolschewistischer Institutionen standen. Sie versahen aber nicht den Innendienst im Hause Ipatjew.

Suentin macht daruber folgende Aussagen:

„Im Marz 1918 trat ich in das Jekaterinburger Bewachungsdetachement ein. Der Chef war ein Lette, sein Name ist mir unbekannt. Zuerst hatte ich die Wache im Gefangnis Nr. 1 auf der Staatsbank und anderen Orten. Im April wurde ich nach dem Hause Ipatjew gesandt, wo der fruhere Zar gefangengehalten wurde. Dort blieb ich drei Tage. Ich stand draufien vor dem Eingangstor Wache. Taglich gegen Mittag kam der Zar mit seiner Frau, seinen 4 Tochtern und dem Zarewitsch, der von seinem Arzt getragen wurde, in den Garten. Sie gingen 30 oder 40 Minuten spazieren. Der Kaiser ging zuweilen an eine der Schildwachen heran, sprach mit ihr und erkundigte sich, wie lange sie schon diente. Ich sah, dafi die Schildwachen sich anstandig gegen ihn benahmen. Er tat ihnen leid, und zuweilen sagten sie, dafi man kein Recht hatte, diesen Mann zu qualen. Nachdem meine drei Tage um waren, stand ich nicht mehr vor dem Haus Ipatjew Postenl"

Ein anderer Angehoriger der auBeren Wache, Lapitow, erklarte:

„Im Fruhling trat ich in das Jekaterinburger Bewachungsdetachement ein, wo ich ungefahr einen Monat diente. Ich wurde fur das Haus Ipatjew bestimmt, wo ich anstatt einer Woche, wie mir zuerst gesagt war, nur drei Tage Wache hatte. Ich mufite an verschiedenen Punkten aufierhalb des Hofes und an einem Tage im inneren Hofe Posten stehen. Da sah ich auch den Zaren mit einer seiner Tochter im Garten spazierengehen. Wahrend des Spazierganges waren im Garten uberall Schildwachen aufgestellt. Als ich mit den Kameraden plauderte, horte ich, dafi der Zar sie grufite und seine Tochter liebenswurdig zu ihnen war. Die Schildwachen bewachten den Zaren gut.“

Die Rotgardisten waren russische Arbeiter aus den benachbarten Betrieben. Sie empfanden mit der Zeit Mitleid. Ein Warter erzahlt: „Ich pafite die Gelegenheit ab, den Zaren zu sehen, ich wufite, dafi er der gleichen Rasse war wie wir, doch sein Blick, seine Manieren, sein Gang, alles war ganz anders als bei den gemeinen Sterblichen. Gelegentlich safi er in der Sonne da, mit gesenktem Blick; aus ihm ging eine eingegebene Kraft aus, das spurte man. [...] Nikolaj Alexandrowitsch war sehr selbstbeherrscht, jedem wufite er was Passendes in freundlichem Ton zu sagen. Seine Stimme

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klang mild, aber deutlich, seine Manieren waren uberaus vornehm. Wenn einer von unseren Grobianen ihm, unter dem Einflufi des Alkohols, einen ublen Streich spielte oder eine Gemeinheit sagte, antwortete er hoflich und geduldig. Seine Kleider waren geflickt und seine Stiefel vollig abgenutzt. Der Kammerdiener des Kaisers erzahlte, dafi sein Herr vor der Revolution stets dieselbe Kleidung und dasselbe Schuhwerk zu tragen pflegte. [...] Zweimal ist es mir gelungen, mit ihm zu sprechen. Beim ersten Mal hatte ich Wachdienst im Garten; es war an einem Fruhlingstag, als man gerade die kaiserliche Familie zum Spaziergang hinausfuhrte. [.] Der Kaiser kam naher zu mir, schaute mich ruhig an und sagte mir so, als kennten wir uns schon lange:

,Das Wetter ist hervorragendfur die Feldarbeit, nicht wahr?‘ - ,Das stimmt‘, antwortete ich. ,Fur den Bauern ist es jetzt die gunstigste Zeit.‘ Es kam zum anderen, und dann haben wir von der Ernte und vom Weizenpreis gesprochen. [.]

Beim zweiten Mal war Nikolaj Alexandrowitsch schwermutig und niedergeschlagen, wahrscheinlich weil alle Zeitungen damals voll von Berichten uber die Desorganisierung des Heeres waren. Ich safi auf einer kleinen Couch neben der Eingangstur, hielt mein Gewehr in den Handen und doste. Der Kaiser hatte sich gerade ein wenig gewaschen und sich ein Handtuch uber die Schulter geworfen. Ich sprang auf und begrufite ihn. Er sagte mir: ,Guten Tag. Ich weifi noch, wie wir uns einmal unterhalten haben. Sagen Sie, was haben Sie so alles uber den Krieg gehort?‘ Ohne die Stimme zu erheben, antwortete ich: ,Die Russen kampfen jetzt gegeneinander, der Bruder steht gegen seinen Bruder auf.‘ Er horte mich an und sagte einfach: ,Jaja, das ist wirklich schade fur unser Vaterland.““

Die Bewachung innerhalb des Hauses

Die ebenerwahnten Wachtposten gehorten keinem besonders ausgewahlten Detachement an. Ganz anders war es mit den Posten fur die innere Bewachung des Hauses. Die Manner, denen diese Aufgabe ubertragen war, waren zunachst Arbeiter der Fabrik der Gebruder Zlokazow in Jekaterinburg. Sie wurden fortgeschickt, als die Zarenkinder ankamen. Eine besondere standige Wache wurde dann von den Arbeitern aus der Fabrik Syssert gebildet, die 35 Werst von Jekaterinburg entfernt lag. Das war allgemein bekannt.

Kommandant Awdejew

Die wichtigste Person war Awdejew, der Kommandant des „Hauses fur besondere Zwecke". Er wurde in seinen Vollmachten von Mochkin unterstutzt. Kommandant des Detachements war Medwedjew. Jakimow, Starkow und Dobrinin hatten den Wechsel der Schildwachen vorzunehmen und die Posten zu bestimmen. Awdejew und Mochkin wohnten, wie die Zarenfamilie, im 1. Stock. In demselben Zimmer und in dem anschlieBenden Vestibul waren ein Dutzend Wachter, alle aus der Fabrik Zlokezow, untergebracht. Der Rest des Detachements befand sich im ErdgeschoB und siedelte spater in das benachbarte Haus uber, das nach seinem Besitzer Haus Popow genannt wurde. Mit Ausnahme von Michkewitsch und Skorojinski, die bald das Bewachungsdetachement verlieBen, waren alle diese Manner ethnische Russen, und zwar Fabrikarbeiter. Weshalb wahlte man gerade sie, um den Zaren zu bewachen? Die Fabrik der Gebruder Zlokazow war eine kriegswichtige Munitionsfabrik. Wer in der Fabrik beschaftigt war, brauchte nicht an die Front zu gehen. Diese Manner wollten naturlich vom Krieg nichts wissen und begruBten deshalb die Revolution besonders freudig. Zu Beginn der Unruhen aber stellten sich namentlich viele Deserteure an die Spitze der Bewegung und wurden Bolschewiki.

Awdejew „war so ein Typus des ublen russischen Arbeiters, ein Mann, der Versammlungen besuchte, unintelligent, unwissend, grob, ein Trunkenbold und Dieb war. Seine Gefahrten, die im Hause Ipatjew die Wache hielten, waren ihm ebenburtig.“ (Sokolow).

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Awdejew

Anatol Jakimow, von der Fabrik Zlokazow, sagte uber Awdejew und seine Gefahrten aus: „Ich kam Anfang November 1917 nach Jekaterinburg und trat in die Fabrik Zlokazow ein, die die beiden Bruder noch immer leiteten. Es gab damals noch keinen Arbeiterrat [Sowjet], wohl aber einen Kommissar, den Schlosser Awdejew. Woher er stammte, weifi ich nicht. Man erzahlte, dafi er in einer anderen Fabrik Maschinist gewesen war. Im Dezember liefi er die Zlokazows einsperren und ernannte einen Arbeiterrat, der mit der Leitung der Fabrik beauftragt wurde. Er stellte sich an die Spitze und umgab sich mit seinen Freunden. Im April verbreitete man das Gerucht, dafi man den Zaren nach Jekaterinburg bringen wurde, weil man die Absicht gehabt hatte, ihn aus Tobolsk zu entfuhren. Anfang Mai, gleich nach der Ankunft des Zaren, erfuhr man, dafi Awdejew Kommandant des Hauses geworden war, in dem man den Kaiser gefangenhielt. Bald benachrichtigte uns Awdejew selbst davon. Ich kann Ihnen nicht sagen, weshalb er ernannt wurde. Er war Bolschewist und behauptete stets, dafi erst die Bolschewisten das richtige gute Leben schaffen wurden. Oft sagte er uns, dafi sie die Reichen, die Bourgeois, vernichtet, Nikolaus den „Blutigen“ der Macht beraubt hatten und ahnliche Dinge. Er trieb sich immer in der Stadt umher, um daruber zu wachen, dafi die Vorschriften des Jekaterinburger Sowjets ausgefuhrt wurden. Wohl deshalb ernannte ihn dieses auch zum Kommandanten. In der Versammlung, die er sofort nach seiner Ernennung einberief, erzahlte er, dafi er mit Jakowlew den Zaren aus Tobolsk geholt habe. Wer war dieser Jakowlew? Ich weifi es nicht. Awdejew erzahlte, dafi er beabsichtigt hatte, den Zaren aus Rufiland fortzubringen und ihn deshalb nach Omsk gefuhrt hatte. Die Jekaterinburger Bolschewisten waren aber unterrichtet worden und hatten die Abreise ins Ausland nicht gestattet. Mit dieser Rede wollte Awdejew uns klar machen, dafi Jakowlew ein Anhanger des Zarentums war, wahrend er die Revolution gegen den Zaren verteidigte. Von dem Kaiser sprach er hafierfullt. Er nannte ihn nur den „Blutigen“ oder den „Bluttrinker“. Einen besonderen Vorwurf machte er ihm daraus, dafi er an die Front geschickt worden war. Stets konnte man merken, welches Vergnugen ihm seine Ernennung bereitete. Er versprach den Arbeitern, sie in das Haus Ipatjew zu fuhren: ,Alle werde ich Euch mitnehmen und Euch den Zaren zeigen.‘ Nachher allerdings suchte er unter seinen Freunden jedesmal einen oder zwei aus, die dann einen Tag oder zwei Tage im Hause Ipatjew blieben. Dabei verdienten sie auch ordentlich. Denn sie bekamen fur ihren Dienst im Haus Ipatjew 100 Rubel monatlich und Verpflegung, aufierdem ihre Bezuge als Mitglieder des Arbeiterrates und ihren Lohn in der Fabrikl"

Anatol Jakimow, auch ein Wachtposten, erklarte:

„Ich konnte nicht wissen, wie Awdejew sich den Gefangenen gegenuber benommen hat, aber ihn selbst konnte ich beobachten. Er war ein Trunkenbold, grob, ungebildet und bosartig. Wenn einer der Gefangenen sich in seiner Abwesenheit mit einer Bitte an Moschkin wandte, so antwortete dieser immer, dafi Awdejews Ruckkehr abgewartet werden musse. Wenn Moschkin ihm dann die Bitte der Gefangenen vortrug, antwortete er jedesmal: ,Der Teufel soll sie holen! ‘ Kam Awdejew aus den Zimmern der kaiserlichen Familie, so erzahlte er, an hatte wieder einmal eine Bitte an ihn gerichtet, die er aber abgeschlagen hatte. Man merkte, was diese Verweigerung ihm fur Freude bereitete. Ich erinnere mich, dafi man ihn eines Tages um die Erlaubnis gebeten hatte, die Fenster zu offnen. Auch diese Bitte hat er abgeschlagen

Gilliard erklarte, daB Awdejew die Hauptperson des Hauses Ipatjew gewesen sei.

„Er benahm sich ekelhaft. Eines Tages wohnte er einer Mahlzeit mit der Mutze auf dem Kopf und der Zigarette im Mund bei. Es gab Koteletts. Plotzlich nahm er seinen Teller, schob den des Zaren einfach beiseite und bediente sich.“

Dieser Awdejew war nach Tschemodurows Bericht ein ganz besonders unangenehmer Mensch:

„Ich erinnere mich genau folgender Tatsachen, die er mir erzahlte. Die Dienstboten und die Kommissare afien an demselben Tisch wie Ihre Majestaten. Eines Tages hatte Awdejew, als er an einer dieser Mahlzeiten teilnahm, seine Mutze aufbehalten und rauchte eine Zigarette. Als man Koteletts afi, nahm er seinen Teller, langte mit seinem Arm zwischen Ihren Majestaten hindurch und bediente sich. Wahrend er ein Kotelett auf seinen Teller legte, beugte er den Arm und stiefi den Kaiser mit dem Ellenbogen ins Gesicht“

Die Rekrutierung der Wachposten

Untersuchungsrichter Sokolow beauftragte 1919 einen Kriminalbeamten der Jekaterinburger Polizei, die Identitat der Wachen des Hauses festzustellen. Ein Beispiel:

„Der Rotgardist Iwan Klestschew ist 21 Jahre alt. Schon als Kind hat er im Einverstandnis mit seiner Mutter gestohlen. Da seine Eltern nichts taten, um ihn zu bestrafen, wurde er als unverbesserlich aus der Schule gejagt. Nun lernte er bei seinem Vater das Schlosserhandwerk und arbeitete bis zu seiner Grofijahrigkeit in der Fabrik Uschkow. Immer wieder beging er Diebstahle. Kurz vor der Februarrevolution suchte er in der Heimat seiner Eltern Arbeit und trieb sich in Tjumen mit einer Menge Strolche umher, aus deren Mitte seine Mutter ihn herausholte und ihn nach der Fabrik Uschkow zuruckbrachte. Nach der Oktoberrevolution wurde er Bolschewist, dann Rotgardist. Ihm wurde das Amt ubertragen, die von den Besitzern requirierten Guter zu versteilen. [sic!].“

Das gleiche Bild bietet sich hinsichtlich der Wachmannschaften aus der Fabrik Syssert. Die Wachen fur das Haus Ipatjew wurden aus der 35 Werst von Jekaterinburg gelegenen Fabrik Syssert gewahlt, weil dort die Organisation der bolschewistischen Partei besser war.

Das Leben der Hausbewohner

Gilliard:

„Wir bekamen am 24. April einen Brief von der Kaiserin. Sie teilte uns mit, dafi man sie in zwei Zimmer untergebracht hatte, sie wohnten sehr beschrankt und gingen in einem kleinen Garten spazieren. Die Stadt sei staubig. Bei der Ankunft habe man ihre Sachen, sogar die ,Medikamente‘ genau durchsucht. Sehr geschickt gab sie damit zu verstehen, dafi wir bei unserer Abreise von Tobolsk alle Juwelen, aber mit grofier Vorsicht mitnehmen mochten. Spater kam ein Brief an die Teglewa von der Demidowa, zweifellos im Auftrag Ihrer Majestaten. Sie benannte darin die Juwelen mit ,Siednews Sachen‘ und bezeichnete genau, was man damit machen sollte.“

Die Teglewa erklarte:

„Die Grofifurstinnen empfingen Briefe von der Kaiserin und der Grofifurstin Maria, ich bekam Nachrichten von der Grofifurstin und der Demidowa. Man konnte daraus ersehen, wie hart das Leben in Jekaterinburg war. So schrieb die Grofifurstin, dafi sie alle in einem Zimmer schliefen; sie afien mit den Dienstboten, ihre Mahlzeit erhielten sie aus einem Sowjetrestaurant.“

Tschemodurow, der das Leben im Hause Ipatjew kennengelernt hatte, bis man ihn ins Gefangnis schickte, machte folgende Aussage:

„Als die Majestaten ankamen, unterzog man sie einer grundlichen und groben Durchsuchung. Ein gewisser Didkowski und der Kommandant des Hauses, Awdejew, leiteten diese. Der eine von ihnen nahm dabei der Kaiserin die Handtasche aus der Hand, worauf der Kaiser sagte: ,Bis jetzt hatte ich mit wohlerzogenen, anstandigen Menschen zu tun.‘ Didkowski antwortete: ,Ich mochte Sie bitten, nicht zu vergessen, dafi Sie Gefangener und Angeklagter sind.‘ Die Verhafteten wurden sehr hart behandelt, die Haltung der Wachter war emporend. Scheinbar ertrugen Ihre Majestaten alles mit Gleichmut und taten, als ob sie weder die Leute noch ihre Handlungen bemerkten. Morgens trank die ganze Familie zusammen Tee, zu dem es das Schwarzbrot gab, das vom Abend vorher ubriggeblieben war. Um 14 Uhr wurde den Furstlichkeiten Mittagbrot von der Sowjetbehorde gesandt; es bestand aus einer Bruhe und einem Fleischgericht. Da wir keine Tischwasche mitgenommen hatten und auch keine erhielten, afien wir ohne Tischtuch. Die Teller und alles, was zu den Gedecken gehorte, waren sehr armlich. Auf Anordnung des Kaisers afien wir alle zusammen. Dabei hatten wir manchmal fur 6 Personen nur 5 Loffel. Das Abendessen bestand aus denselben Gerichten wie das Mittagessen. Der Spaziergang im Garten war nur einmal taglich 15 bis 20 Minuten lang gestattet. Wahrend des Spazierganges war der Garten von Schildwachen umstellt. Zuweilen richtete der Kaiser eine gleichgultige Frage an sie, die sich auf irgendeine Anordnung im Hause bezog: entweder antworteten sie gar nicht oder grob. Tag und Nacht standen 3 Rotgardisten im 1. Stockwerk, der eine an der Entreetur, der zweite im Vestibul, der dritte neben der Toilette. Sie waren grob und unanstandig, stets behielten sie die Zigarette im Mund“

Oberst Kobylinski vervollstandigte diese Aussage noch. Danach wurden der Zar, die Zarin und die GroBfurstin Maria, als sie nach dem Hause Ipatjew kamen, „in unverschamter Weise“ durchsucht. Der Zar verlor dabei seine Ruhe und machte eine Bemerkung. Grob erwiderte man ihm, daB er Gefangener ware. Das Essen war schlecht. Man brachte es aus irgendeinem Restaurant zwischen 15 und 16 Uhr. Die Majestaten aBen gemeinsam mit der Dienerschaft. Die Rotgardisten wohnten den Mahlzeiten bei. Eines Tages steckte einer von ihnen seinen Loffel in die Suppenschussel und sagte: ,Ihr habt genug. Jetzt nehme ich mir.‘ Die GroBfurstinnen schliefen auf dem FuBboden, da sie keine Betten bekommen hatten. Wenn sie in die Toilette gingen, folgten ihnen sogar die Rotgardisten unter dem Vorwand, daB sie sie zu bewachen hatten. „Wie man sieht, war die kaiserliche Familie unertraglichen, seelischen Qualen ausgesetzt.“

Der Hausarzt Dr. Botkin wohnte im selben Haus wie die kaiserliche Familie. Seine Tochter Tatjana:

Mein Vater schrieb, man habe sie in einem ganz anstandigen Haus in drei Zimmern untergebracht, mit der Erlaubnis, das Badezimmer zu benutzen. In dem einen Zimmer richteten sich Ihre Hoheiten und die Grofifurstin Maria Nikolajewna ein, in dem anderen die Demidowa und im Efizimmer im Erdgeschofi mein Vater und Tschemodurow. Man umgab das Haus mit einer doppelten Bretterwand. Die eine war so hoch, dafi von der Kathedrale nur das vergoldete Kreuz zu sehen war. Aber allein der Blick auf das Kreuz war fur die Gefangenen schon wohltuend. Sie fruhstuckten alle zusammen mit der Dienerschaft, und zu Ostern gab es Osterkuchen, Pascha und Eier; aber man erlaubte ihnen weder, in die Mitternachtsmesse zu gehen, noch den Priester einzuladen. Indessen waren die ersten Tage, so scheint es, mehr oder weniger ertraglich. Aber der letzte Brief, den ich von meinem Vater erhielt und der vom 3. Mai datiert war, also schon vor der Abreise Ihrer Hoheiten [der Zarenkinder] von Tobolsk, war trotz seiner Zuruckhaltung und seines Wunsches, nur die gute Seite der Dinge zu sehen, sehr duster.“

Der Kammerdiener Siednew und Nagorny blieben einige Tage im Hause Ipatjew. Dann wurden sie ins Gefangnis gebracht, 6 Wochen spater erschossen. Furst Georg Lwow war ebenfalls in diesem Gefangnis eingesperrt. Siednew und Nagorny schilderten ihrem Mitgefangenen, wie er spater dem Untersuchungsrichter Sokolow berichtete, das Leben in Jekaterinburg in den schwarzesten Farben. Die Wachen stahlen, nahmen zuerst Gold und Silber, dann Wasche und Stiefel. Als der Zar aufgebracht wurde, antwortete man ihm grob, er hatte gar nichts mehr zu befehlen. Jeden Tag wurde es schlimmer. Zuerst durften die Furstlichkeiten 20 Minuten spazierengehen, dann wurde diese Zeit bis auf 5 Minuten taglich herabgesetzt. Korperliche Ubungen waren nicht gestattet. „Die Haltung der Wachen war besonders den Grofifurstinnen gegenuber widerlich. Ohne Erlaubnis und ohne von einem Rotgardisten begleitet zu sein, durften sie nicht einmal auf das Klosett gehen. Abends zwang man sie, Klavier zu spielen.“

Sokolow: „Man kann also keinen Zweifel daruber haben, wie hart das Leben der kaiserlichen Familie in Jekaterinburg war. Die Mauern des Hauses Ipatjew sind die sichersten Zeugen dafur. Sie sind mit Inschriften und Zeichnungen bedeckt, bei denen Rasputin eine bezeichnende Rolle spielte. Diejenigen also, die glauben, dafi das Gift dieses Scheusals nicht in die Massen gedrungen ware, tauschen sich

Der Wachtposten Medwedjew sagte am 12.02.1919 folgendes aus:

„Aufierlich schien der Zar immer ruhig. Taglich ging er mit seinen Kindern im Garten spazieren. Sein Sohn konnte nicht gehen, er hatte einen schlimmen Fufi. Der Zar, der sich immer mit ihm beschaftigte, trug ihn. Die Frau des Zaren ging nie in den Garten, nur auf die Vortreppe neben den Zaun, der das Haus umgab. Manchmal setzte sie sich dort mit ihrem Sohn hin, der dann in einem Rollstuhl gefahren wurde. Der Zar schien gesund zu sein und alterte nicht. Er hatte keine weifien Haare, wohl aber seine Frau, die auch sehr mager wurde. Die Kinder benahmen sich, ,als ob gar nichts geschehen ware‘. Ich plauderte zuweilen mit dem Zaren, wenn ich ihn im Garten traf. Eines Tages fragte er mich: , Wie stehen die Angelegenheiten, was macht der Krieg? Wohin bringt man die Truppen?‘ worauf ich antwortete: ,Jetzt ist Burgerkrieg, Russen kampfen gegen Russen.‘ Die Unterhaltungen waren kurz. Zuerst wurde das Essen aus einem Sowjetrestaurant am Glawnyprospekt von Frauen und jungen Madchen gebracht, die es am Tor den Schildwachen ubergaben: sie durften das Haus nicht betreten. Milch, Weifibrot, Suppe und Koteletts wurden fur sie abgegeben. Dann erlaubte man dem Koch der kaiserlichen Familie die Mahlzeiten zu bereiten. Oft fuhrte man einen Priester hin, um die Messe zu lesen. Die ganze Zeit uber, als ich zur Wache gehorte, wurden der Zar und seine Familie so behandelt.“

Philipp Proskuriakow, ein anderer Wachtposten, sagte:

„Die Gefangenen standen morgens um 8 oder 9 Uhr auf und versammelten sich in einem Zimmer, um ihre Andacht zu verrichten. Das Mittagessen war um 15 Uhr. Die Furstlichkeiten afien mit den Dienstboten an demselben Tisch. Um 21 Uhr fand das Abendessen statt, hinterher wurde Tee gegeben, dann gingen sie schlafen. Den Tag verbrachten sie auf folgende Weise: Der Zar las, die Zarin las auch oder nahte und stickte mit ihren Tochtern. Oft horte ich sie singen, aber nur Kirchengesange. Sonntags kamen ein Priester und sein Diakonus von der Himmelfahrtkirche, um die Messe zu lesen. [...] Benjamin Saphonow benahm sich unerhort gemein. Fur die ganze kaiserliche Familie war nur ein Klosett da. Um das Klosett herum schrieb Saphonow Schweinereien. [.] Einmal kletterte er auf den Zaun gerade unter die Fenster und sang unanstandige Lieder. Andreas Strekotin zeichnete auch in den Zimmern im Erdgeschofi gemeine Karikaturen. Bielomoin beteiligte sich an diesem Spiel, amusierte sich und zeigte Strekotin, wie er besser zeichnen sollte.“

Bericht eines Augenzeugen uber die Zarenfamilie:

„Ich habe genau zwei Monate bei den Wachtern gedient. Ich bin aus freien Stucken in diesen Dienst getreten, nicht etwa durch den Lohn oder die Lebensmittelrationen angelockt, sondern nur von dem Gedanken getrieben, es konnte interessant sein. Ich wartete gespannt auf die Gelegenheit, den Zaren zu sehen. Ich wufite wohl, dafi er genauso wie wir beschaffen war, aber sein Blick, seine Manieren und sein Gang waren ganz und gar anders als bei gewohnlichen Sterblichen. Er konnte in der Sonne sitzen, die Augen niedergeschlagen, und man fuhlte dann in ihm eine angeborene Kraft. Ich dachte oft, er musse alle diese Bauern aus tiefster Seele verachten, diese flegelhaften Spotter, die seine Wachter geworden waren. Jedoch Nikolaus Alexandrowitsch konnte sich beherrschen. Jedem wufite er ruhig ein passendes Wort in freundlicher Art zu sagen. Seine Stimme war angenehm und hell, seine Manieren uber die Mafien korrekt. Seine Augen waren blau und sehr freundlich. Wenn einer unserer Tolpel ihm unter dem Einflufi von Alkohol eine Zote ins Gesicht schleuderte oder ihm eine Grobheit sagte, antwortete er hoflich und geduldig. Seine Kleidung war geflickt und seine Stiefel vollig abgenutzt. Der Kammerdiener des Zaren sagte, er liebte es schon vor der Revolution, dieselben Kleidungsstucke und dieselben Schuhe lange zu tragen.

Die Ex-Zarin war ganz anders als der Zar. Sie war hochmutig, voller Dunkel und hatte es niemals uber sich gebracht, sich mit uns zu unterhalten. Ich wurde sogar sagen, sie sah nicht wie eine russische Kaiserin aus, sie glich eher einer deutschen Generalin, wie es sie unter den Lehrerinnen gibt, die sich fur etwas Besseres halten. Dauernd erteilte sie ihren Tochtern Verweise und flusterte ihnen in ernsthaftem Ton etwas zu. Und wenn sie allein war, sah sie sorgenvoll aus und seufzte. Alexandra Fedorowna war in Jekaterinburg sehr mager geworden, weil sie den Hungertod sterben wollte. Es kam vor, dafi sie bei Tisch nichts afi, und der Kuchenjunge bereitete speziell fur sie Makkaroni und so etwas wie eine dicke weifie Sauce. Indessen, trotz aller Arroganz, strickte die Zarin, ebenso wie ihre Tochter, Wollwesten, stickte Handtucher, flickte die Kleider ihres Mannes und die Wasche der Kinder.

Der arme Alexej blieb den ganzen Tag im Bett. Sein Vater half, sein Bett von Zimmer zu Zimmer zu tragen. Wenn ich dieses kranke Kind sah, seufzte ich. Sein Gesicht hatte eine wachserne Farbe und schien durchsichtig zu sein. Seine Augen waren traurig wie die einer von den Wolfen gehetzten Beute. Er lachelte mich jedoch erfreut an, wenn ich ihn ehrfurchtig grufite. Seine Schwestern waren lebhaft und strahlten Lebenslust aus; aber er, er sah so aus, als sei er nicht mehr von dieser Welt. [...]

Die Grofifurstinnen hatten gepflegte Hande mit gut polierten Fingernageln, aber sie schwitzten ein wenig, wenn sie uns geholfen hatten. Nachdem ich sie alle etwa 10 Minuten betrachtet hatte, bemachtigte sich meiner ein grofies Mitleid. Ich sah klar, dafi sie keine Gotter waren, sondern irdische Geschopfe wie wir, einfache Sterbliche, aber niedergeworfen durch einen unermefilichen Kummer. Und ich liebte sie mit einer tiefen Liebe, die erst mit meinem letzten Atemzug aufhoren wird. [...]

Sie [Anastasia] war ein allerliebster kleiner Teufel. Sie war ein solcher Schelm, dafi man sich mit ihr - so denke ich - nicht langweilen konnte. Lebhaft und unruhig, machte sie mit ihrem Lieblingshund dauernd komische Matzchen, wie man im Zirkus macht. Und eben, weil sie wie Quecksilber war, hatte einer unserer Tolpel sie beinahe am Fenster getotet.

Untersuchungsrichter Sokolow befragte denselben Zeugen uber das Betragen der Wachter:

„Es ist schandlich, dies zu bekennen, aber wir sind alle, bis zum letzten, mehr oder weniger an diesen Unglucklichen schuldig geworden. Es war fur diese jungen Bauernlummel, die in diese Wachterrolle emporgehoben worden waren, sehr schwer - und ware es auch nur in der Phantasie -, sich vor der Versuchung, ihre bestialischen Instinkte zu stillen, zu bewahren. Sie machten sich uber die jungen wehrlosen Madchen lustig. Unsere Genossen aus der Fabrik wurden dann menschlicher, aber die "Hengste" von Zlokazow, ebenso lasterhaft wie fruher, fuhren fort, die jungen Madchen dauernd zu beleidigen, und belauerten ihre geringsten Bewegungen. Ich hatte oft Mitleid mit ihnen. Wenn sie zum Beispiel auf dem Klavier Tanze spielten, lachelten sie, aber aus ihren Augen flossen Tranen auf das Klavier.“

Ein anderer Augenzeuge:

„Die jungen Gefangenen waren der skandalosesten Erotik ausgesetzt, die durch anstofiige Schmierereien an den Wanden konnt der Korridore, auf dem Gartenzaun und auf den Pfosten der Schaukel im ganzen Hause Ipatjew verbreitet wurde. Diese aufierordentliche sexuelle Verderbtheit, die in einer unwiderstehlichen Neigung besteht, gewisse unzuchtige Worte auszusprechen oder zu schreiben, die in der Schulpsychiatrie "Koprolalie" heifit, zeigte sich bei den Wachtern und spateren Mordern in grofiem Mafie. Das psychologische Gesetz der Nachahmung trat in dem vorliegenden Fall unzweifelhaft in Erscheinung und verursachte den jungen Gefangenen sehr viele peinliche Augenblicke“

Ein anderer Rotgardist erklarte:

„Es fiel diesen jungen Bauernburschen, die nun Wache spielen sollten, schwer, sich, sei es nur in Gedanken, der Versuchung zu erwehren, ihre bestialischen Instinkte zu befriedigen. Sie machten sich uber die wehrlosen jungen Madchen lustig. Spater wurden unsere Kameraden aus dem Betrieb etwas menschlicher, aber Slokasows Hengste, geil wie ehedem, beleidigten die jungen Madchen weiter und bespitzelten ihre geringsten Bewegungen. [...] Oft hatte ich Mitleid mit ihnen. Wenn sie zum Beispiel Tanzmusik auf dem Klavier spielten, lachelten sie, aber aus ihren Augen flossen Tranen bis auf die Tasten.“

Die Gesundheit des totkranken Bluters beschaftigte die Warter weitaus weniger als ihr pornographisches Geschreibsel. Ein Rotgardist bezeugte:

„In Jekaterinburg war sein Gesicht bleich und durchsichtig - er konnte kaum gehen, und sein Vater trug ihn immer in seinen Armen. Seine Mutter lebte eigentlich nur fur ihn. [...] Jedermann merkte schnell, dafi der junge Alexej, auch wenn man ihn in die warmsten und schonsten Gegenden der Welt verpflanzt hatte, auf dieser Erde nicht alt geworden ware.“

Die bolschewistische Revolution schonte auch die kleinen Leute nicht: Einmal schon hatte sich der Matrose Klementi Nagorny, der von jeher den jungen Alexej beaufsichtigte, Soldaten, die das Kind belastigten, entgegengestellt. Er war daraufhin ins Gefangnis geworfen worden „in der Erwartung eines Genickschusses, der, dem Wunsch eines Rotgardisten entsprechend, die Kanaillie daran erinnern sollte, dafi man der Arbeiter- und Bauernmacht nicht zuwiderhandelt“

Der Arzt Dr. Eugen Botkin wachte uber die Gesundheit des Zarewitsch.

Ein Rotgardist:

„ Wenn Dr. Botkin mit den Kommissaren redete, spiegelte sein Gesicht Verachtung wider. [.] Die Kommissare konnten ihn nicht leiden, sie gerieten bei jeder seiner Bitten zugunsten des kleinen Thronfolgers in Wut.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sokolow:

„Alle diese Leute [vom Wachpersonal] lebten in Saus und Braus; sie betranken sich und stahlen, was den Gefangenen gehorte. Eines Tages hatte sich Awdejew derartig betrunken, dafi er im Erdgeschofi auf der Erde herumrollte, nachdem er in diesem Zustand bei der kaiserlichen Familie gewesen war. Die Betrunkenen machten im Zimmer des Kommandanten einen ohrenbetaubenden Larm und sangen revolutionare Lieder

Die Lebensmittelhilfe

Wahrend der Gefangenschaft in Jekaterinburg gab es zunachst mitleidige Leute, die versuchten, das Schicksal der Zarenfamilie zu mildern. So Peter Tolstoi und seine Frau. Im Mai 1918 schickten diesen einen Mann, Iwan Sidorow, nach Jekaterinburg. Er suchte Dr. Derewenko auf und horte von ihm, welch unertragliches Leben die kaiserliche Familie erduldete. Sidorow trat darauf in Beziehung zu dem Frauenkloster von Nowotykhin und wandte sich auch an Awdejew. SchlieBlich wurde bestimmt, daB das Kloster der Zarenfamilie Lebensmittel liefern sollte.

Schwester Maria, eine Nonne dieses Klosters, sagte am 9. Juli 1919 daruber aus:

„Im vorigen Jahre liefi die Mutter Augustine [die Oberin dieses Klosters] mich zu sich rufen und gab mir folgenden Auftrag: ,Zieh Dich um und fahre in die Stadt. Du und Schwester Antonie, Ihr geht in das Haus Ipatjew und bringt der kaiserlichen Familie Milch.‘ Antonie und ich zogen uns an, wie Mutter Augustine es befohlen hatte, und wir trugen ein Mafi Milch in das Haus Ipatjew. Es war am 5. Juni (alter Stil). Spater trugen wir noch einige Male Sahne, Butter, Kurbisse, Kuchen, Fleisch, Schinken und Brot hin. Awdejew und sein Gehilfe nahmen alles in Empfang. Man liefi uns durch die Sperre, wir naherten uns der Vortreppe, die Wache klingelte. Awdejew oder sein Gehilfe kamen heraus, wir gaben die Sachen ab und gingen fort. Die Leute benahmen sich sehr freundlich gegen uns.

Am 22. Juni (alter Stil) nahm uns auch wieder einer der Soldaten unsere Lebensmittel ab. Er fragte aber seine Kameraden, ob man sie nehmen durfe. Schliefilich tat er es. Wir gingen darauf fort. Plotzlich holten uns mit Gewehren bewaffnete Soldaten ein undfuhrten uns nach dem Haus Ipatjew zuruck. Der neue Kommandant Jurowski empfing uns dort und sagte barsch: , Wer hat Euch die Erlaubnis gegeben, diese Sachen hierherzubringen?‘ - ,Awdejew‘, erwiderten wir, ,und zwar auf die Bitte von Dr. Derewenko. ‘ - ,Ah, Dr. Derewenko‘‘, sagte er, ,der mischt sich also darein.‘ - Wir sahen, dafi er Derewenko und Awdejew einen Vorwurf daraus machte, dafi sie das Schicksal der kaiserlichen Familie hatten erleichtern wollen. ,Und woher bringt Ihr das?‘ fugte er hinzu. Da Awdejew wufite, wer wir waren, ware es falsch von uns gewesen, etwas zu verheimlichen. Deshalb erwiderten wir: ,Von dem Pachtgut.‘ - ,Von welchem Pachtgut?‘ - ,Von dem Pachtgut des Klosters.‘ Damit war die Vernehmung aus. Jurowski liefi sich unsere Namen geben und verbot uns, je wieder Milch oder anderes zu bringen.“

Hausgottesdienste

Der Priester Storojew hatte einige Male die Messe im Hause Ipatjew gelesen. Zuletzt geschah es am 14. Juli (neuen Stils). Aus der Aussage, die er Sergujew vom 7. bis 10. Oktober 1918 in Jekaterinburg machte, seien im folgenden einige Auszuge wiedergegeben:

"Am 20. Mai (2. Juni) 1918 hatte ich den Morgengottesdienst im Dom beendet. Als ich um 10 Uhr wieder zu Hause war und Tee trank, klopfte es an die Tur meiner Wohnung. Ich selbst offnete, und vor mir stand ein Soldat. Sein Aufieres wirkte unangenehm, aus dem pockennarbigen Gesicht blickten flackernde Augen. Er trug einen alten Kakiwaffenrock und eine Soldatenmutze.

Ich fragte ihn nach seinem Begehr, und er erwiderte: ,Sie werden gebeten, die Messe bei Romanows zu lesen.‘ - Da ich nicht verstand, um wen es sich handelte, sagte ich: , Welche Romanows?‘ - ,Der ehemalige Zar zum Donnerwetter.‘ - Der darauffolgenden Unterhaltung entnahm ich, dafi der Zar selbst mich bitten liefi, eine Messe zu lesen. - ,Er hat da geschrieben, dafi man ihm eine Messe lesen soll,‘ meinte der Soldat. - Ich erklarte mich bereit, eine einfache Messe zu lesen und bemerkte, dafi ich einen Diakonus mit mir nehmen musse. Lange straubte sich der Soldat gegen diese Begleitung und behauptete, der Kommandant hatte befohlen, nur einen Priester mitzubringen. Da ich mich aber darauf versteifte, gingen wir schliefilich zusammen nach dem Dom. Von dort nahm ich das Notige mit und forderte den Diakonus Bujmirow auf, mir zu folgen. Alle drei fuhren wir in einem Wagen nach dem Hause Ipatjew, das seit der Einsperrung der kaiserlichen Familie mit einem doppelten Bretterzaun umgeben war. Unser Fuhrer machte vor der aufieren Palisade halt, der Diakonus und ich folgten ihm. Der Wachtposten vor dem Zaun liefi uns passieren. Nachdem wir einen Augenblick vor der zweiten Palisade verweilen mufiten, gelangten wir an die Pforte des Hauses Ipatjew. In Zivil gekleidete junge Leute mit Gewehren und einer Patronentasche am Gurtel standen davor auf Wache. Wir wurden in den Hof und dann durch eine Seitentur ins Erdgeschofi gefuhrt. Von dort gingen wir die Treppe hinauf und gelangten durch eine Entreetur in die erste Etage, durchschritten das Vestibul und traten in einen Raum links, in das Zimmer des Kommandanten. Uberall standen Schildwachen, junge Leute in Zivil, mit Flinten und Patronentaschen. Bei dem Kommandanten befanden sich zwei Leute mittleren Alters, die Waffenrocke trugen. Der eine von ihnen lag auf dem Bett und schlief, der andere rauchte schweigend. In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch mit einem Samowar, Brot und Fleisch. Auf dem Klavier lagen Flinten, Patronen und andere Gegenstande. Uberall Schmutz und Unordnung. Der Kommandant war bei unserer Ankunft nicht da. Bald kam ein junger Mann in einem Waffenrock, Kakibeinkleidern, einem breiten Ledergurtel, in dem ein riesiger Revolver steckte. Er machte den Eindruck eines Arbeiters, doch lag nichts Grobes in seinem Benehmen. Schnell erriet ich, dafi er ,der Kommandant‘ war. Ohne mich zu grufien oder nur ein Wort zu aufiern, starrte er mich an. Auf meine Frage, welchen Dienst wir zu erweisen hatten, erwiderte er schliefilich: ,Die Gefangenen verlangen eine Messe.‘ Weder der Diakonus noch ich unterhielten uns weiter mit ihm. Ich bat ihn nur, mir zu sagen, ob ich nach dem Gottesdienst den Romanows das geweihte Brot, das ich ihm zeigte, geben konnte. Er warf einen fluchtigen Blick darauf, gab es dem Diakonus und sagte: ,Sie konnen es geben, ich mochte aber darauf aufmerksam machen, dafi kein uberflussiges Wort gesprochen werden darf.‘ Ich antwortete ihm, dafi ich keineswegs die Absicht hatte, mich auf Unterhaltungen einzulassen. Meine Antwort schien den Kommandanten ein wenig zu irritieren, denn er sagte ziemlich kurz: ,Also aufier der Liturgie kein Wort sprechen.‘ Der Diakonus und ich legten sodann die Mefigewander in dem Zimmer des Kommandanten an, wahrend einer der Diener der Romanows das angezundete Weihrauchfafi hereinbrachte. Als wir fertig waren, traten wir in das Vestibul. Der Kommandant selbst offnete die Ture, die zu dem Salon fuhrte, und liefi mich zuerst eintreten, er folgte mit dem Diakonus. Der Salon war durch einen Bogen mit einem weniger grofien Raum, dem Empfangszimmer, verbunden. Dort sah ich in einer Ecke einen Tisch stehen, der fur den Gottesdienst zurechtgemacht war. Aber es blieb mir keine Zeit, die Zimmer genauer zu betrachten; denn sowie ich eingetreten war, kamen mir von den Fenstern her drei Personen entgegen. Es waren der Zar, Tatjana und eine ihrer Schwestern; welche es war, konnte ich nicht sehen. In dem Nebenzimmer befanden sich die Kaiserin, ihre beiden jungsten Tochter und der Zarewitsch. Dieser lag auf einem Feldbett und ich war bei seinem Anblick betroffen. Er war so bleich, dafi er durchsichtig schien. Seine erschreckende Magerkeit und Aufgeschossenheit erstaunten mich, er machte den Eindruck eines Kranken im letzten Stadium. Nur seine Augen waren klar und lebhaft, mit Interesse richteten sie sich auf mich, den Unbekannten. Er hatte ein weifies Hemd an und war bis zum Gurtel in eine Decke gewickelt. Sein Bett stand an der Wand rechts von der Eingangstur unter dem Bogen. In einem Sessel an seinem Bett safi die Kaiserin in einem losen dunkellila Kleid. Weder ihre Tochter noch sie hatten ein Schmuckstuck angelegt. Meine Aufmerksamkeit wurde durch die hohe Gestalt von Alexandra Feodorowna, durch ihre wahrhaft majestatische Haltung angezogen. Lebhaft und entschlossen stand sie bei unserem Eintritt auf, ebenso bei jedem ,Friede sei mit Euch,‘ bei dem Verlesen des Evangeliums und bei den hauptsachlichsten Choralen. Neben ihrem Sessel standen an der Wand ihre beiden jungsten Tochter und der Zar. Die beiden alteren Tochter waren unter dem Bogen, und hinter ihnen im Salon standen ein grofier starker Herr und eine Dame (nachher erfuhr ich, dafi es Doktor Botkin und eine Kammerfrau der Kaiserin waren). Hinter diesen beiden erblickte ich zwei Diener. Der Kommandant blieb wahrend des Gottesdienstes in einer Ecke des Salons am letzten Fenster.

Der Zar trug einen Kakiwaffenrock, eine Hose in derselben Farbe, hohe Stiefel und auf der Brust das Sankt-Georgskreuz. Er war ohne Epauletten. Seine vier Tochter trugen dunkle Rocke und einfache weifie Blusen. Ihr Haar war ziemlich kurz geschnitten. Durch seinen schweren Gang, seine Ruhe, seine besondere Art, einem in die Augen zu sehen, machte der Zar grofien Eindruck auf mich. Ich bemerkte keine Spur von Mudigkeit, noch von seelischer Depression. Sein Bart war leicht ergraut. Die Kaiserin machte einen leidenden Eindruck.

Nachdem sie vor den Heiligenbildern Platz genommen hatten, sagte der Diakonus die Gebete, und ich sang. Zwei Frauenstimmen begleiteten mich; ich glaube, es sangen Tatjana und eine ihrer Schwestern. Zuweilen sang der Zar mit seiner tiefen Stimme das Pater und andere Chorale. Der Gottesdienst war bewegt, die Gebete inbrunstig. Zum Schlufi blieb ich eine Minute unentschlossen: sollte ich mich den Betenden nahern, um sie das Kreuz kussen zu lassen, oder war mir das untersagt? Vielleicht erschwerte ich durch eine Unvorsichtigkeit der kaiserlichen Familie die Erfullung ihrer religiosen Wunsche. Ich warf einen Seitenblick auf den Kommandanten, um zu sehen, was er tat und wie er meinen Wunsch, mich mit dem Kreuz zu nahern, beurteilte. Wie mir schien, uberlegte der Zar dasselbe. Der Kommandant sah mich ruhig an. Ich machte nun einen Schritt vorwarts; gleichzeitig sicheren Schrittes und mich grofi ansehend naherte sich mir der Zar und kufite das Kreuz. Ihm folgten die Zarin und ihre Tochter. Nun naherte ich mich dem Bett des Zarewitsch. Er sah mich mit so lebhaften Blicken an, dafi ich dachte: Sicher wird er etwas sagen. Aber er kufite schweigend das Kreuz. Der Diakonus gab ihm ebenso wie der Kaiserin ein geweihtes Brot. Jetzt kamen Botkin und die Dienerschaft, um das Kreuz zu kussen.

Am 30. Juni (13. Juli) erfuhr ich, dafi am nachsten Morgen, 1. (14.) Juli, einem Sonntag, Meledin damit beauftragt war, die Messe im Hause Ipatjew zu lesen. Er war durch den neuen Kommandanten Jurowski benachrichtigt worden. Dieser Jurowski, ein ehemaliger Lazarettgehilfe, war wegen seiner Grausamkeit bekannt. Ich nahm mir vor, Meledin im Dom zu vertreten und an seiner Stelle den Gottesdienst am 1. (14.) Juli abzuhalten. An jenem Tage klopfte man um 8 Uhr morgens an die Tur meiner Wohnung. Es war derselbe Soldat, der mich das erstemal geholt hatte. Er sagte mir, dafi der Kommandant mich bate, in das Haus Ipatjew zu kommen, um die Messe zu lesen. - Ich wandte ein, dafi man Meledin darum gebeten hatte. - ,Meledin hat einen anderen Dienst,‘ erwiderte der Soldat, ,und deshalb sollen Sie kommen.‘ - Ich sagte ihm, dafi ich den Diakonus Bujmirow mitnehmen und mich um 10 Uhr einfinden wurde. Jetzt ging der Soldat fort. Ich zog mich an und holte mir aus dem Dom alles, was ich brauchte. Gegen 10 Uhr war ich wieder im Hause Ipatjew. Als wir durch die Pforte gegangen waren, bemerkten wir Jurowski, der am Fenster des Zimmers des Kommandanten stand und uns beobachtete. Ich hatte ihn noch nicht kennengelernt, einmal hatte ich ihn auf einem Platz eine alberne Rede halten horen. Als ich das Zimmer des Kommandanten betrat, fand ich dort dieselbe Unordnung, denselben Schmutz, dieselbe Nachlassigkeit, wie sie bei meinem ersten Besuch geherrscht hatten. Jurowski safi am Tisch, trank seinen Tee und afi Brot mit Butter. Ein anderer Mann schlief in Kleidern auf dem Bett. Beim Eintreten sagte ich zu Jurowski: ,Sie haben den Priester gerufen, hier sind wir, was sollen wir tun?‘ - Ohne mich zu grufien, erwiderte er mir: ,Warten Sie hier, und dann lesen Sie eine stille Messe.‘ - ,Soll es ein Hochamt oder eine stille Messe sein?‘ fragte ich ihn. - ,Er hat eine stille Messe geschrieben ‘, erwiderte Jurowski. - Der Diakonus und ich begannen unsere Bucher und Mefigewander zurechtzulegen. Wahrend Jurowski seinen Tee trank, beobachtet er uns. - ,Sie heifien doch S...?‘ fragte er und zog den ersten Buchstaben meines Namens in die Lange. - ,Storojew', erwiderte ich ihm. - ,Ja, das stimmt‘, antwortete er. - ,Sie haben die Messe hier schon einmal gelesen?‘ - ,Ja.' - ,Nun, tun Sie es heute wieder.‘ - In diesem Augenblick wandte sich der Diakonus an mich, und ich weifi nicht, aus welchem Grunde er immer wieder sagte, dafi man nicht das Hochamt halten, sondern eine stille Messe lesen solle. Ich bemerkte, dafi Jurowski sich daruber argerte. Ich beeilte mich, den Diakonus zu unterbrechen, und setzte ihm auseinander, dafi man uberall das ausfuhren musse, worum man gebeten wurde. Hier in diesem Hause habe man zu machen, was einem befohlen werde. Jurowski war sichtlich zufrieden. Als er sah, dafi ich mir die Hande rieb, um mich zu warmen, fragte er ironisch, was mir eigentlich ware. Ich antwortete ihm, dafi ich vor kurzem eine Brustfellentzundung gehabt hatte und einen Ruckfall befurchtete. Er setzte mir darauf seine Ansichten uber die Behandlung von Brustfellentzundung auseinander. Wir sprachen noch einige Worte miteinander, bei denen sich Jurowski korrekt benahm. Als der Diakonus und ich im Ornat waren und ein Soldat das angezundete Weihrauchgefafi hineinbrachte, bat uns Jurowski, in den Salon einzutreten. Ich ging zuerst hinein, dann der Diakonus, zuletzt Jurowski. Gleichzeitig kam aus der Tur, die in die Schlafzimmer fuhrte, der Kaiser mit zwei Tochtern. Aber ich hatte keine Zeit, zu sehen, welche von den Grofifurstinnen es waren. Ich glaubte zu horen, dafi Jurowski den Kaiser fragte: ,Sind Sie alle versammelt?‘ - ,Ja, alle,‘ erwiderte dieser in festem Tone. Vor dem Bogen sah ich die Kaiserin mit ihren beiden anderen Tochtern und dem Zarewitsch. Dieser safi in einem Rollstuhl und trug eine Bluse mit einem Matrosenkragen. Er war bleich, aber nicht so blafi wie bei meinem ersten Gottesdienst, sein Blick war lebhafter. Die Kaiserin sah auch munterer aus. Alle nahmen dieselben Platze wie am 20. Mai ein. Nur stand der Sessel der Kaiserin neben dem des Zarewitsch im Hintergrund, ziemlich weit vom Bogen entfernt. Hinter Alexis stand Tatjana, die den Sessel ihres Bruders vorschob, als gegen Ende des Gottesdienstes sich alle naherten, um das Kreuz zu kussen. Ihr folgten Olga und Maria. Anastasia stand neben ihrem Vater, der sich auf seinem gewohnten Platz an der Wand rechts vom Bogen befand. Im Salon standen Doktor Botkin, eine Kammerfrau und 3 Diener. Awdejew und Jurowski safien zusammen in einer Ecke. Sonst wohnte niemand dem Gottesdienst bei. Es ist ublich, nach der Liturgie der stillen Messe an einer bestimmten Stelle das Gebet zu lesen: ,dafi die Seelen der Toten in Frieden bei Deinen Heiligen ruhen! ‘ Ich weifi nicht, weshalb der Diakonus anstatt zu lesen, diese Worte sang. Obgleich ich uber diese Abweichung im Gottesdienst erstaunt war, stimmte ich in den Gesang mit ein. Kaum hatten wir begonnen, als ich horte, wie hinter mir sich alle Mitglieder der kaiserlichen Familie auf die Knie warfen. [Dieses Gebet wird nur bei Beerdigungen gesungen, bei den anderen Gottesdiensten liest man es]. Schweigend verliefien der Diakonus und ich das Haus Ipatjew. Unterwegs sagte der Diakonus zu mir: ,Es mufi ihnen etwas geschehen sein! ‘ Diese Worte stimmten mit meinem Empfinden uberein. Ich blieb stehen und fragte ihn, weshalb er zu dieser Annahme kame. ,Ja, es ist sicher so. Sie sindganz anders wie das vorige Mal. "'

Die Dynastie Romanow - vom Kloster Ipatjew zum Haus Ipatjew

Ein merkwurdiges Zusammentreffen hat es gefugt, dab der erste Zar der Dynastie Romanow, Michael Feodorowitsch, sich im Kloster Ipatjew aufhielt, als er auf den Thron berufen wurde. Den letzten Zaren aber ereilte das Schicksal im Haus Ipatjew.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Ende der Leseprobe aus 558 Seiten

Details

Titel
Der Romanow-Code. Band 2
Untertitel
Der Zarenmord - Anatomie eines Verbrechens
Autor
Jahr
2018
Seiten
558
Katalognummer
V419360
ISBN (eBook)
9783668719941
ISBN (Buch)
9783668719958
Dateigröße
32043 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Progenies
Schlagworte
Romanow, Monarchie, Rußland, Kaiser, Krönung, Erster Weltkrieg, Armee, Abdankung, Revolution, Februarrevolution, Oktoberevolution, Lenin, Trotzki, Swerdlow, Fürst Lwow, Schulgin, Stolypin, Kerenski, Brussilow, Bürgerkrieg, Tscheka, Ochrana, Witte, Attentat, Reformen, Leibeigenschaft, Transsibirische Eisenbahn, Tschechoslowakische Legion, Duma, Bolschewiki, Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Narodniki, Kadetten, Nationalisten, Panslawismus, Deutsches Reich, Oberste Heeresleitung, Semstwo, Ludendorff, Graf Brockdorff-Rantzau, Zar Nikolaus II., Zarin Alexandra, Olga, Tatjana, Maria, Anastasia, Zarskoje Selo, Tobolsk, Jekaterinburg, Ermordung, Jurowski, Jelzin, DNA, DNS, Skelett, Schädel, Blutsonntag, St. Petersburg, Petrograd, Hof, Pogrome, Antisemitismus, Juden
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Dr. Ralf G. Jahn (Autor), 2018, Der Romanow-Code. Band 2, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419360

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