Irreguläre Kriegführung im 21. Jahrhundert. Formenwandel der Gewalt und Einsatz von Spezialkräften


Fachbuch, 2018
64 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Kurzdarstellung

Abkürzungsverzeichnis

Verzeichnis der Tabellen und Schaubilder

1 Einleitung

2 Formenwandel der Gewalt
2.1 Irreguläre Kriegführung – Ansätze zur Beschreibung
2.2 Formen irregulärer Kriegführung
2.3 Resümee

3 U.S. Special Operations Forces im Einsatz
3.1 Geschichte U.S. Special Operations Forces
3.2 Organisationsstruktur U.S. Special Operations Forces
3.3 Ausbildung U.S. Special Operations Forces
3.4 Ausrüstung U.S. Special Operations Forces
3.5 Einsatzspektrum U.S. Special Operations Forces
3.6 Revolutions in military affairs – Exkurs zur Bedeutung von RMA für U.S. SOF
3.7 Politische Dimension
3.8 Resümee

4 SOF als Reaktion auf den Formenwandel der Gewalt
4.1 U.S. Special Operations Forces vs Opponent Forces
4.2 Fallbeispiel Unkonventionelle Kriegführung: Afghanistan (2001)
4.3 Fallbeispiel COIN: Afghanistan (2003+)
4.4 Resümee

5 Zusammenfassung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Danksagung

Ich bedanke mich sehr bei Herrn Dr. Hans-Georg Ehrhart für die Unterstützung und die vielen hilfreichen Gespräche.

Ich danke Herrn OTL Dr. Johann Schmid für die vielen guten Hinweise und Tipps.

Vielen Dank meiner Familie, sowie Ginny für den Rückhalt und die Unterstützung.

Vielen Dank den tollen Menschen des MPS Studiengangs für die nötige Ablenkung und die grandiose Zeit.

Kurzdarstellung

Ein stetiger Formenwandel von Gewalt und von Konflikten ist Teil der menschlichen Entwicklung. Im 21. Jahrhundert ist zwar die Zahl klassischer Kriege gesunken, aber innerstaatliche Konfrontationen und staatszerfallende Konflikte nahmen zu. Die Globalisierung in all ihren Formen bringt Kriege, Konflikte und Gewalt bis in die Wohnzimmer westlicher Staaten. Es wird Politik im Rahmen der unterschiedlichsten Begrifflichkeiten gemacht, um den vielen Bedrohungen entgegen zu treten. Doch eine genaue Einteilung und Ordnung fehlt, was zu unterschiedlichen Auslegungen durch die Staaten führt. Irreguläre Kriegführung ist der Ansatzpunkt dieser Arbeit, der sich durch die drei synonymen Konzepte der Asymmetrie, der Neuen- und Kleinen Kriege kategorisieren und durch die drei Kriegstypen der unkonventionellen Kriegführung, Aufstandsbekämpfung und hybrider Auseinandersetzungen beschreiben lässt. Innerhalb dieser Begrifflichkeiten agieren U.S. Special Operations Forces, die als ein Ausdruck dieses Formenwandels von Gewalt zu sehen sind. Ihre Geschichte, Organisation, Ausbildung, Ausrüstung, ihr Einsatzspektrum und die politische Dimension, in der sie eingebettet agieren, sind symptomatisch für eine Reaktion der USA auf ein sich veränderndes Kriegs- und Konfliktbild. Der Einsatz von SOF in Afghanistan zeigte eindrucksvoll, wie erfolgreich diese Einheiten als Aushängeschild die militärische Macht der USA verkörperten. Ihre ständige Weiterentwicklung und Anpassungsfähigkeit macht diese Schattenkrieger zu einem Symbol der Kriegführung des 21. Jahrhunderts.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Verzeichnis der Tabellen und Schaubilder

Abb. 1: USSOCOM Organisation.

Abb. 2: USSOCOM Regionale Kommandos und Verantwortungsbereiche.

Abb. 3: Navy SEAL Physical Screening Test – Ausgangstest für Zulassung zum Trainingsprogramm.

Abb. 4: Darstellung eines typischen SOF Soldaten der U.S. Streitkräfte.

1 Einleitung

Das 20. Jahrhundert endete mit einem sicherheitspolitischen Umbruch. Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung etablierten sich die USA als einzige dominierende, globale Kriegführungsmacht. War die Welt zuvor von einem Gleichgewicht des Schreckens geprägt, so entwickelte sie sich aber nicht friedlicher, sondern eher gefährlicher. Erscheinungsformen von Gewaltkonflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen entwickelten sich noch vielfältiger und vielschichtiger. Eine eindeutige Trennung von Konfliktparteien wurde immer schwerer möglich. Die Zahl klassischer Kriege nahm ab, dafür aber rückten innerstaatliche Konfrontationen und staatszerfallende Konflikte immer mehr in den Fokus der Politik und Weltöffentlichkeit. Die Zunahme von autorisierten Interventionen und Missionen durch die Vereinten Nationen seit 1990 kann als Indikator für eine Ausweitung von Konflikt- und Gewaltvielfalt gesehen werden.

Das 21. Jahrhundert begann wie das 20. Jahrhundert geendet hatte – weltweite Gewaltkonflikte und Kriege bestimmen die Nachrichten und die tägliche Agenda der Politik. Die terroristischen Angriffe auf die USA am 11. September 2001 waren der Höhepunkt eines, bis heute andauernden Kampfes nichtstaatlicher Akteure gegen westlich geführte Staatlichkeit. Aber auch Konflikte zwischen staatlichen Akteuren nahmen zu, die unterhalb bestimmter Schwellen von Gewalt ihre Interessen durchzusetzen versuchen. Dabei ist eine eindeutige Trennung von Absichten und Zielen der verschiedensten Akteure nur noch schwer möglich. Obwohl die politischen Schwerpunkte der meisten Staaten weitestgehend klar und in nationalen Strategien dargelegt sind, können die Interessen von anderen staatlichen und auch nichtstaatlichen Akteuren in den internationalen Beziehungen kaum unübersichtlicher sein. Terroristische Organisationen, autoritäre Regime, Aufständische, Guerillas oder auch kriminelle Vereinigungen zielen mit ihren individuellen,- politischen,- sozialen,- wirtschaftlichen und ideologischen Vorstellungen auf die Schwachstellen der globalen Gesellschaftsordnungen. Sowohl demokratische Staaten, wie auch andere Herrschaftsordnungen reagieren einerseits im Rahmen ihrer Maßnahmen auf diese Bedrohungen und wenden andererseits diese auch selbst gegen sowohl staatliche, wie auch nichtstaatliche Opponenten an. Ein sich daraus entwickelnder Formenwandel der Gewalt bricht mit klassisch westfälischen Entwicklungen von bewaffneten Konflikten, indem sich deren Ausprägungen überlagern oder auch durch neue Charakteristiken ergänzt und erweitert werden. Globalisierung und fortschreitende Technologisierung können als zwei Einflussfaktoren der vielschichtig miteinander verwobenen Konfliktebenen gesehen werden. Genau die vielen verschiedenen sichtbaren und unsichtbaren Ebenen von Gewaltkonflikten stellen eine enorme Herausforderung für die Staaten dar. Die Zunahme der Komplexität und Interdependenzen in den nationalen und internationalen Beziehungen, vor allem wenn es zu Konflikten mit Gewaltpotential kommt, ist sowohl Problem, wie Herausforderung gleichermaßen. Eindeutige Regeln und Vorgehensweisen bei Auseinandersetzungen gibt es nicht mehr, so dass individuelle Strategien immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Gegenstand der Betrachtung dieser Arbeit ist ein zu beobachtender Formenwandel von Gewaltkonflikten, der sich in den unterschiedlichen Ausprägungen auf die beteiligten Akteure auswirkt. Diese Arbeit analysiert zudem den Einsatz von U.S. Special Operations Forces (SOF) vor dem Hintergrund eines sich stetig wandelnden Kriegsbildes. Ziel ist es zu untersuchen, welche Bedeutung SOF für die USA haben und zu klären, inwieweit ihr Einsatz als ein Ausdruck eines Formenwandels in Gewaltkonflikten gesehen werden kann. Zweck dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten um Irregularität als eine Art der Kriegführung, die durch verschieden Konzepte synonym gebraucht wird und welche durch bestimmte Kriegstypen die Konfliktlandschaft beherrscht. Ein weiterer Zweck ist Debatte um den Einsatz von SOF als ein Instrument der einzigen globalen Kriegführungsmacht, um zu verstehen, wie und warum die USA SOF im Rahmen ihrer Militärpolitik einsetzen. Die akademische Untersuchung des Einsatzes von SOF im Kontext eines aktuellen Formenwandels von Gewaltkonflikten ist ausbaufähig und wird am Beispiel des Afghanistankrieges (ab 2001) beispielhaft aufgearbeitet. Die wissenschaftliche Relevanz liegt in einem Überblick über den herrschenden Diskurs von Begrifflichkeiten, deren Vertretern und deren Interpretation durch Forscher und politisch Verantwortliche. Die politische Relevanz der verschiedenen Formen von Gewalt liegt nicht unbedingt nur bei nichtstaatlichen Akteuren, sondern auch bei den Staaten selbst. Zur Durchsetzung von eigenen Interessen, wie auch als Antwort auf die verschiedenen Konfliktspektren, werden im Rahmen der militärischen und technischen Fähigkeiten Gewaltformen in den verschiedensten Ausprägungen genutzt. Dabei kommt den militärischen Spezialeinheiten eine wichtige Funktion zu.

Vor allem die USA nutzen die Möglichkeiten von irregulärer Kampfweise durch ihre weltweite Vernetzung mit Stützpunkten und Spezialkräften. Die USA sind momentan die einzige Macht, die in der Lage ist militärisch global zu agieren und auf Bedrohungen in den verschiedensten Szenarien und den unterschiedlichsten Regionen zu reagieren. Das umfasst Gefährdungen durch staatliche und nichtstaatliche Akteure gegen sie selbst und verbündete Staaten, wie auch weltweit eigene Aktionen gegen sie bedrohende Kräfte. Eines der wichtigsten Mittel ist dabei der Einsatz ihrer SOF.

Als Ausgangspunkt dieser Arbeit werden verschiedene Arten von Irregulärer Kriegführung in Gewaltkonflikten gebündelt und kategorisiert. Darauf aufbauend wird untersucht, wie das Selbstverständnis der USA gegenüber Spezialeinheiten aussieht und wie sie diese zur Erreichung ihrer politisch/militärischen Ziele als ein Mittel einsetzen, um ihr globales Rollenverständnis zu bekräftigen:

Ein stetiger Formenwandel von Gewalt führt zu einer Änderung im Kriegsbild in Konflikten, welcher das Verhalten aller Beteiligten beeinflusst.

U.S. Spezialeinheiten sind sowohl Ausdrucks-, als auch Umgangsform eines solchen Formenwandels von Gewalt.

Für die USA sind SOF ein wichtiges und unerlässliches Mittel vor dem Hintergrund sich wandelnder Bedrohungsspektren.

Am Beispiel des Einsatzes von U.S. SOF in Afghanistan (2001-2010+) untersucht diese Arbeit wie Special Operations Forces als ein Ausdruck des Formenwandels von Gewaltkonflikten einzuordnen sind und warum die USA auf ihren verstärkten Einsatz setzen.

Der erste Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Skizzierung der wichtigsten Erscheinungsformen von aktuellen Gewaltkonflikten und der Versuch diese zu ordnen. Der Ansatzpunkt ist die Irregularität, eine Art von Kriegführung, welche sich durch die Konzepte asymmetrischer Konflikte, der Neuen- und Kleinen Kriege kategorisieren lässt. Zur Beschreibung dieser Begrifflichkeiten vertieft diese Arbeit drei Kriegstypen von Irregularität, die besonders aus der Norm fallen: unkonventionelle Kriegführung, Aufstandsbekämpfung (COIN) und hybride Auseinandersetzungen. Diese verschiedenen Arten der gewaltsamen Konfliktaustragung sind vom Grunde her nicht neu, aber die Mittel und die Wechselwirkungen haben sich der Zeit angepasst und weiterentwickelt. Diese Arbeit setzt sich im zweiten Schwerpunkt mit U.S. Special Operations Forces auseinander und deren Einsatz in den verschiedenen Spektren des Formenwandels von Gewalt und Konflikten. Das umfasst einen geschichtlichen Exkurs zu deren Hintergrund, die heutige Organisationsstruktur, die Ausbildung und Ausrüstung, sowie die Einstufung ihrer politischen Bedeutung vor allem im Hinblick auf die verschiedenen Arten von Irregularitäten im Bereich der Kriegführung und im Spannungsfeld von Gewaltkonflikten. Im dritten Teil dieser Untersuchung soll am Beispiel des Krieges in Afghanistan (ab 2001) aufgezeigt werden, wie die USA SOF nicht nur als eine Reaktion auf verschiedene Kriegsbilder einsetzen, sondern auch als ein Mittel zur Erringung der Initiative in dem untersuchten Gewaltkonflikt.

Diese Arbeit nutzt qualitative Recherchemethoden, um systematisch und überprüfbar das vorliegende Material aufzuarbeiten und so einen passenden Rahmen zur Klärung der Forschungsfrage zu bilden. Dadurch sollen die verschiedenen theoretischen Ansätze des Formenwandels von Gewalt und Konflikten und die politisch/militärischen Hintergründe des Einsatzes von U.S. Special Forces eingehender betrachtet werden.

Die Literatur zu Begrifflichkeiten um den hier skizzierten Formenwandel von Gewaltkonflikten ist weitreichend und teils unübersichtlich, da Wissenschaftler mit verschiedenen Ansätzen, Definitionen und teils Überschneidungen die Diskussion führen. Die Quellenlage zu geschichtlichen Aspekten von U.S. SOF ist ausführlich und überschaubar. Gegenüber neueren Einsätzen allerdings ist die Datenlage schwierig, was sich auch auf das Fallbeispiel Afghanistan auswirkt. Für die Erarbeitung des Themas werden Bücher mit akademischem Theorien und Erklärungsansätzen, aber auch Bücher mit historischem Hintergrund, sowie Erfahrungsberichte im Bereich der Fallstudie als vorrangigen Quellen genutzt. Artikel und journalistische Texte ergänzen die Literatur, genauso wie militärische Handbücher und Papiere staatlicher Administration der USA.

Der Stand der Forschung zu den jeweiligen Begriffen und Hintergründen wird vor allem im ersten Teil der Arbeit angesprochen und bewertet. Der Bereich der Begrifflichkeiten, der unter dem Oberbegriff des Formenwandels der Gewalt gefasst werden kann, ist relativ weit und vielfältig. Die Herausforderung dabei ist es, nur die wichtigsten und allgemein anerkannten Erklärungsansätze zu nutzen. Im Bereich des Einsatzes von Special Operations Forces sieht die Lage anders aus. Eine Forschung, die sich auch nur ansatzweise mit diesem Untersuchungsansatz beschäftigt ist nicht bekannt. Hier gilt es, dieses Feld anhand der vorliegenden Texte, Manuals und journalistischen Recherche aufzuarbeiten, um so eine Grundlage für weitere Forschungen zu schaffen.

Definitionen und Erklärungen der Geschehnisse der Welt sind ein wichtiger Teil der akademischen und politischen Arbeit. Durch diese wird Ordnung geschaffen und sie können richtungsweisend für Entscheidungen der Politik sein. Die Erfassung der verschiedenen Arten von Gewaltkonflikten und Kriegsbildern ist ein wichtiger Schritt zu einem tieferen Verständnis dieses Gebietes. Eine Verknüpfung mit U.S. SOF unterstützt die Einordnung in den politischen Kontext und das Fallbeispiel Afghanistan kann den Horizont für weitere Studien eröffnen.

2 Formenwandel der Gewalt

Der folgende Hauptteil gliedert sich in zwei Abschnitte. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem aktuellen Diskurs über den Formenwandel der Gewalt und dessen Ausprägungen. Der zweite Bereich untersucht den Einsatz von U.S. Special Forces als einen Ausdruck dieses Formenwandels. Die beiden Abschnitte werden anschließend miteinander als Antwort auf die These verbunden.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich die Formen der gewaltsamen Austragung von Konflikten weiterentwickelt. Kriege standen dabei immer auch im Fokus von Theoretikern und Historikern, die sich mit Änderungen in der Kriegführung ihrer Zeit beschäftigten, aber auch geschichtliche Fortentwicklungen von Konflikten bewerteten.[1] Seit dem Ende des Kalten Krieges und im Übergang zur Jahrtausendwende sind sich verändernde und auch wiederkehrende Variationen und Mischformen in der Austragung von gewaltsamen Konflikten zu erkennen. Dabei stehen Politik und Wissenschaft vor der Schwierigkeit der Eingrenzung und Festlegung von Begrifflichkeiten, die sich je nach Perspektive, Ebene und Hintergrund ändern bzw. überschneiden können.[2] Ziel des ersten Kapitels ist es, einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu geben, der politische und akademische Bedeutung hat. Um eine geordnete Übersicht zu erreichen, bildet die Irreguläre Kriegführung den Oberbegriff für eine Kategorisierung. Die Ansätze zu dessen Beschreibung finden sich in den teils synonym gebrauchten und den sich überschneidenden Konzepten von Asymmetrie, Neuen Kriegen und Kleinen Kriegen, die alle mit regulären bzw. symmetrischen Konfliktaustragungen einhergehen. Daraus ableitend wird diese Arbeit die aktuellsten Formen und Elemente irregulärer Kriegstypen und Konfliktbilder behandeln, die sich im Verlauf der 2000er Jahre besonders herauskristallisiert und angepasst haben und somit in ihren Ausprägungen außerhalb der Norm laufen: Unkonventionelle Kriegführung, Aufstandsbekämpfung und hybride Auseinandersetzungen.

2.1 Irreguläre Kriegführung – Ansätze zur Beschreibung

Irregularität kann als „von der Regel abweichend“[3] beschrieben werden. Es ist das Gegenteil zu den Formen von Regularität, was als „Gesetzmäßigkeit“[4], oder „Normalfall“[5] erklärt werden kann. Irreguläre Kriegführung hat es seit jeher gegeben, um Vorteile gegenüber dem Feind zu erlangen, bzw. eigene Nachteile auszugleichen. Dabei haben sich verschiedene Kategorien und Formen herausgebildet, die sich teilweise überlagern, aber auch eigene Besonderheiten aufweisen, je nach Erscheinungsform und Charakterisierung. Die folgenden drei Konzepte können teils gleichbedeutend und sinnverwandt verwendet werden, je nachdem wie der Anwendungsbereich ist und welcher Akteur die Deutungshoheit besitzt.

2.1.1 Asymmetrie

Asymmetrie sind seit jeher ein Bestandteil der Kriegführung und organisierten Gewalt. Unterschiede in den Fähigkeiten, den Waffen und auch dem Willen von Konfliktparteien ziehen sich durch die gesamte Militärgeschichte.[6] Als symmetrisch können Konflikte bezeichnet werden, bei denen die Kontrahenten von Rekrutierung, Mitteln und Fähigkeiten her vergleichbar sind.[7] Asymmetrie ist somit als die „absolute Chancenungleichheit zwischen den Gegnern“[8] zu erklären. Den Begriff der asymmetrischen Kriegführung erweiternd, beschreiben Schröfl und Pankratz diesen als eine „Situation, in der signifikante Unterschiede hinsichtlich der eingesetzten Mittel, Methoden, Kräfte sowie Motivation zwischen Gegnern bestehen“.[9] Dieses strategische Kräfteungleichgewicht zwischen den Konfliktparteien hat zum Ziel, dem Gegner mit geringstmöglichem Aufwand einen größtmöglichen Schaden zuzufügen, damit dessen Kampfwille durch Abnutzung, Ermüdung oder politischen Druck aufgrund steigender Kosten, wie hohe Opferzahlen, bricht.[10] Rauch definiert den asymmetrischen Krieg als „militärische Auseinandersetzung zwischen Parteien, die waffentechnisch, organisatorisch und strategisch unterschiedlich ausgerichtet sind.“[11] Die Besonderheiten von Asymmetrie bestehen auch darin, dass die meist schwächere Seite versucht den offenen Kampf zu meiden, wobei die verhältnismäßig stärkeren Gegner immer versuchen den Kampf zu erzwingen. Das Erreichen möglichst ungleicher Verhältnisse zu den eigenen Gunsten ist der Kern asymmetrischer Kriegführung.[12] Auch Münkler bezieht Asymmetrien in seine Überlegungen mit ein. Die „qualitative Ungleichartigkeit der Konfliktparteien (ist für ihn) das Definitionskriterium asymmetrischer Kriege“.[13] Die Vermeidung eines offenen Kampfes und das Ausweichen auf alternative Formen der Konfrontation, sowie die technologische und organisatorische Überlegenheit einer Seite stehen dabei im Vordergrund. Das gilt bei Münkler sowohl für qualitativ und quantitativ unterlegene, wie auch für dementsprechend überlegene Gegner.[14] Ein historisches Beispiel wäre der biblische Kampf David gegen Goliaths, bei dem Wendigkeit, Flexibilität und eine einfache Waffe (Schleuder) gegen Stärke, Panzerung und hohe Waffentechnologie (Schild, Schwert, etc.) erfolgreich war.[15] Ähnlich verhielt es sich bei den Einsätzen der USA in Afghanistan und dem Irak, wo sich anpassungsfähige und (im Vergleich) ungleich ausgestattete Gegner mit Motivation und Hartnäckigkeit vehement gegen einen Hochtechnologiegegner zur Wehr setzten.[16]

Diese Definitionen und Erklärungsansätze, sowie die gleichen, wie auch unterschiedlichen Zielsetzungen zeigen die Komplexität und Vielschichtigkeit asymmetrischer Kriegführung.[17] Die Motivlage von operativ-taktisch und sozio-politisch unterlegenen Kontrahenten, gegenüber waffentechnisch und politisch-militärisch überlegenen Gegnern, zielt auf die Schwächen des jeweils anderen.[18] Wo Schwächere vor allem auf Zermürbung und psychologische Effekte setzen, streben Stärkere nach Überlegenheit, um die eigenen Kosten und Verluste zu minimieren.[19] Diese Kennzeichen sind die charakteristischsten in der sowohl akademischen, medialen, wie auch politischen Debatte zu asymmetrischen Auseinandersetzungen.

2.1.2 Neue Kriege

Im Jahre 1999 veröffentlichte Mary Kaldor die These von den „Neuen Kriegen“ vor dem Hintergrund der Konflikte auf dem Balkan.[20] Dabei betonte sie den politischen Charakter dieser Form der Gewalt, die durch das „verschwimmen der Grenzen zwischen Krieg, organisiertem Verbrechen und massiven Menschenrechtsverletzungen geprägt sind.“[21] Sie stellte die Globalisierung als einen wichtigen Bestandteil der Neuen Kriege dar, da Konflikte und Kriege nun auf die ganze Welt ausgeweitet werden. Dies geschieht vor allem durch Medien, wie internationale Reporter und zeitnahe Berichterstattungen, aber auch durch eine steigende Anzahl an Söldnern und Militärberatern, sowie eine Vielzahl internationaler Akteure, wie Nichtregierungsorganisationen (z.B. Human Rights Watch, Internationales Rotes Kreuz) oder auch internationale Organisationen (z.B. UNHCR, OSZE, EU).[22] Das Untergraben des staatlichen Gewaltmonopols erhöht die Zahl der Beteiligten und erschafft eine neue Form organisierter und weitreichender Gewalt, die sich auch angesichts der vielen, verschiedenen „Ziele, der Art der Kriegführung und ihrer Finanzierung“[23] von früheren Konfrontationen abheben. Kaldor sieht die Besonderheiten in dieser Kriegsform vor allem auch darin, dass bewusst das offene Schlachtfeld vermieden wird, um die technologische Überlegenheit des Opponenten auszuschalten. Destabilisierungstechniken bilden dabei den zentralen Kern, um als strategisches Element die politische Kontrolle über die Bevölkerung zu erringen. Dies geschieht vorrangig durch politische, psychologische und ökonomische Einschüchterung, um die Kriegslogik im Kreislauf der Gewalt aufrecht zu erhalten.[24]

Für den deutschsprachigen Raum folgte Herfried Münkler 2002 mit seiner These, dass der Krieg seine Gestalt und Erscheinungsform mit dem Ende des Ost-West-Konflikts verändert hat.[25] Zum einen durch weltpolitische Asymmetrien, die bezeichnend durch die „offenkundig uneinholbare wirtschaftliche, technologische, militärische und kulturindustrielle Überlegenheit der USA“[26] beschrieben ist. Als Reaktionen auf diesen, keinesfalls einholbaren Vorsprung, der nicht nur durch die USA repräsentiert wird, verlagern sich die gegnerischen Akteure auf asymmetrische Vorgehensweisen, wie Partisanentaktiken, Guerillastrategien und/oder Terrorismus. Zudem ändert sich der mediale Druck, durch den die Kosten für den überlegenen Gegner gesteigert werden, sodass dieser beispielsweise seine Truppen abzieht.[27] Ein zweites Merkmal der neuen Kriege bei Münkler ist die Entstaatlichung, oder auch Privatisierung bzw. Kommerzialisierung der kriegerischen Gewalt. Durch eine Anpassung des Krieges an veränderte Umweltbedingungen verliert der Staat vielerorts sein Monopol auf die Kriegsgewalt, wodurch substaatliche Akteure dieses übernehmen. Dabei sind private Kriegsunternehmer, wie Warlords oder paramilitärische- bzw. substaatliche Gruppierungen die Hauptprofiteure, die durch Schattenwirtschaft und eigennützige Formen von Staatlichkeit, Konflikte aufrechterhalten.[28] Eine dritte Veränderung sieht Münkler in der Entmilitarisierung, Entprofessionalisierung und Entdisziplinierung des Krieges, in der Konfliktparteien „immer häufiger aus Kriegern, aber nicht (aus) Soldaten bestehen, (…) auch mit Blick auf die Ziele, bei denen es nur noch selten um genuin militärische Objekte geht, sondern zunehmend Zivilisten und zivile Infrastruktur zum Ziel werden.“[29]

[...]


[1] Herberg-Rothe, A. (2003). „Der Krieg – Geschichte und Gegenwart“, S. 8.

[2] Wassermann, F. (2015). „Im Irrgarten der Asymmetrie”, in IP Internationale Politik, Nr.3 Mai/Juni 2015, S.53-56.

[3] Freudenberg, D. (2008). „Theorie des Irregulären“, S.181.

[4] Duden [Online]. „Regularität“. Abgerufen am 15.05.2015, unter: <http://www.duden.de/rechtschreibung/Regularitaet>.

[5] Ebd.: <http://www.duden.de/rechtschreibung/Regularitaet>.

[6] Vogt, M.J. (2008). „Intermediäre Gewalt in asymmetrischer Anfechtung – Rechtstreue als Notwendigkeit in Irregularitäten“, in Sebastian Buciak (Hrsg.) „Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit“, S.41.

[7] Freudenberg, D. (2008). „Theorie des Irregulären“, S.175.

[8] Schröfl, J. (2006). „Asymmetrie und Ökonomie“, in Josef Schröfl, Thomas Pankratz, Edwin R. Micewski (Hrsg.). „Aspekte der Asymmetrie. Reflexionen über ein gesellschafts- und sicherheitspolitisches Phänomen, S.70.

[9] Schröfl, J.; Pankratz, T. (2004). „Einleitung“, in Josef Schröfl, Thomas Pankratz (Hrsg.). „Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, S.10-11.

[10] Freudenberg, D. (2008). „Theorie des Irregulären“, S.174-175.

[11] Rauch, A.M. (2015). „Anfänge der asymmetrischen Kriegsführung“, in if – Zeitschrift für Innere Führung, Nr.1 / 2015, S.41.

[12] Schmidl, E.A. (2004). „Asymmetrische Kriege – alter Wein in neuen Schläuchen?“, in Josef Schröfl, Thomas Pankratz (Hrsg.). „Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, S.131; 121.

[13] Münkler, H. (2004). „Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege“, in Josef Schröfl, Thomas Pankratz (Hrsg.). „Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, S.85.

[14] Ebd., S.86-87.

[15] Wassermann, F. (2015). „Im Irrgarten der Asymmetrie”, in IP Internationale Politik, Nr.3 Mai/Juni 2015, S.54-55.

[16] Feichtinger, W. (2004). „Differenzierung von Asymmetrie im Kontext bewaffneter konflikte“, in in Josef Schröfl, Thomas Pankratz (Hrsg.). „Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, S.117-120.

[17] Schröfl, J.; Pankratz, T. (2004). „Einleitung“, in Josef Schröfl, Thomas Pankratz (Hrsg.). „Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, S.10.

[18] Feichtinger, W. (2004). „Differenzierung von Asymmetrie im Kontext bewaffneter konflikte“, in in Josef Schröfl, Thomas Pankratz (Hrsg.). „Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, S.119.

[19] Münkler, H. (2004). „Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege“, in Josef Schröfl, Thomas Pankratz (Hrsg.). „Asymmetrische Kriegführung – ein neues Phänomen der internationalen Politik?, S.86-87; 92-93.

[20] Münkler, H. (2006). „Was ist neu an den neuen Kriegen? – Eine Erwiderung auf die Kritiker“, in Anna Geis (Hrsg.) „Den Krieg überdenken“, S.134

[21] Kaldor, M. (2000). „Neue und alte Kriege“, S.8.

[22] Ebd., S.11-12.

[23] Kaldor, M. (2000). „Neue und alte Kriege“, S.15.

[24] Ebd., S.17-20.

[25] Münkler, H. (2004). „Die neuen Kriege“, in Der Bürger im Staat, S.179-180.

[26] Münkler, H. (2002). „Die neuen Kriege“, S.53.

[27] Küpeli, I. (2007). „Einige Anmerkungen zu Kriegslegitimationen des 21. Jahrhunderts“, in Ismail Küpeli (Hrsg.) Europas neue Kriege, V.37, S.10.

[28] Münkler, H. (2002). „Die neuen Kriege“, S.33-34.

[29] Münkler, H. (2006). „Was ist neu an den neuen Kriegen? – Eine Erwiderung auf die Kritiker“, in Anna Geis (Hrsg.). „Den Krieg überdenken“, S.134.

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Irreguläre Kriegführung im 21. Jahrhundert. Formenwandel der Gewalt und Einsatz von Spezialkräften
Autor
Jahr
2018
Seiten
64
Katalognummer
V419423
ISBN (eBook)
9783956874758
ISBN (Buch)
9783956874772
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formenwandel der Gewalt, Kriegführung, Spezialkräfte, Konflikte, Moderne Kriegführung, Irreguläre Kriegführung, U.S. Special Operations Forces, Afghanistan, Globalisierung
Arbeit zitieren
Peter Finke (Autor), 2018, Irreguläre Kriegführung im 21. Jahrhundert. Formenwandel der Gewalt und Einsatz von Spezialkräften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419423

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