Durchleben die klassischen Theorien des Wahlverhaltens im Kontext neuer Medien einen Wandel?


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der soziologische Ansatz
2.1 Mikrosoziologischer Ansatz
2.2 Makrosoziologischer Ansatz

3. Der sozialpsychologische Ansatz

4. Der Rational Choice-Ansatz

5. Diskussion: Die klassischen Ansätze im Kontext neuer Medien

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kaum liegen am Wahlabend die ersten Hochrechnungen vor, konzentrieren sich Politiker und Journalisten darauf, nach den Ursachen der Ergebnisse zu suchen. Häufig wird die Erklärung bei den Medien und ihrer Berichterstattung gefunden.“ (Schulz, 2015, S. 7)

Die Wahl ist unumstritten das zentrale Element der Demokratie und bildet die grundlegende Möglichkeit eines jeden Bürgers im wahlfähigen Alter, am politischen Klima aktiv mitzuwirken. Dabei kann sie aus verschiedensten Perspektiven betrachtet werden – als Mittel oder „politische Methode“ (Schumpeter, 1950, S. 384), um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, oder aber als eigenständiger Wert und Legitimationsbasis des politischen Systems. Für die politischen Akteure ist das Wahlergebnis insofern von großer Wichtigkeit, als dass dieses signalisiert, inwieweit eine funktionierende Beziehung zu den eigenen Wählern gegeben oder gestört ist. Ideal ist es dabei, die entscheidenden Faktoren, die einen Wahlausgang begründen, analysieren und vorhersagen zu können (vgl. Moshövel, 2004). Ziel der Wahlforschung ist es, diese zentralen Einflussfaktoren herauszuarbeiten und Erklärungsansätze für das Wahlverhalten der Bürger zu liefern. „Wer wählt wen, warum und mit welcher Wirkung“ (Kaltefleiter & Nissen, 1980, S. 17) lautet die übergreifende Leitfrage der Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet; immer wieder wird dabei auf soziodemographische, individualpsychologische oder ökonomische Faktoren eingegangen.

Zwischen der Veröffentlichung der für die empirische Wahlforschung grundlegenden Studien und der kommerziellen Etablierung des Internets und internetbasierter Medien weltweit liegt jedoch mittlerweile im Schnitt eine Zeitspanne von über 40 Jahren. Gerade in Verbindung mit neuen Medien scheint das Wahlverhalten immer unberechenbarer, die Anzahl an möglichen Einflussfaktoren auf die Entscheidungsfindung unüberschaubar. Daher gilt es zu überprüfen, ob die klassischen Theorien des Wahlverhaltens im Kontext neuer und onlinebasierter Medien überhaupt noch greifen und inwieweit eine Ergänzung bzw. Überholung der Ansätze vonnöten ist. Hierzu sollen zunächst die drei grundlegenden Theorien vorgestellt werden: der soziologische Ansatz auf Mikro- sowie Makroebene, der sozialpsychologische Ansatz und der Rational Choice-Ansatz. Weiterhin werden die Ansätze in einer kritischen Diskussion auf ihre Gültigkeit bezüglich veränderter Prozesse der Entscheidungsfindung in der heutigen Medienlandschaft untersucht und beurteilt. In einem abschließenden Fazit sollen die wichtigsten Ergebnisse festgehalten und die Frage hinsichtlich dieser reflektiert werden.

2. Der soziologische Ansatz

Der soziologische Ansatz der empirischen Wahlforschung versucht, das Wahlverhalten auf objektive Umweltfaktoren und Merkmale wie Alter, Konfession, Beruf, Elternhaus, gesellschaftlichem Status und Gruppenbindung, welche allgemein „sozialstrukturell vorgeprägt“ (Moshövel, 2004, S. 13) sind, zurück zu führen. Dabei wird zwischen zweierlei Ebenen unterschieden: Auf mikrosoziologischer Ebene wird das Wahlverhalten individuell und in Verbindung mit der persönlichen sozialen Positionierung betrachtet; auf makrosoziologischer Ebene wird der Zusammenhang von Stimmabgabe und gesellschaftlicher Sozialstruktur untersucht (vgl. Falter & Schoen, 2014). Im Folgenden sollen beide anhand zweier fundamentaler Studien genauer vorgestellt werden.

2.1 Mikrosoziologischer Ansatz

Der mikrosoziologische Ansatz wurde maßgeblich durch eine amerikanische Forschergruppe um Paul Lazarsfeld an der Columbia-University geprägt. Das universitätsinterne Bureau of Applied Social Research veröffentlichte 1944 die Studie The People’s Choice von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet, welche sich mit der Veränderung von Wählerpräferenzen im Verlauf eines Wahlkampfes sowie mit der Relevanz der Medien in diesem Kontext beschäftigte. „[T]o discover how and why people decided to vote as they did“ (Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1944, S. 1), führten die Forscher eine Panel-Befragung über sieben Monate und dementsprechend sieben Erhebungswellen an 600 Einwohnern des Landkreises Erie County in Ohio zu den 1940er Präsidentschaftswahlen durch. Lazarsfeld et al. formulieren in ihrer Studie die allgemeine Annahme, dass Wähler in ihren politischen Entscheidungen vor allem durch interpersonale Kommunikation innerhalb einer gleichgesinnten Gruppierung beeinflusst werden. In The People’s Choice werden drei zentrale Konzepte vorgestellt, die im Folgenden näher erläutert werden sollen: die selektive Auseinandersetzung der Wähler mit Medieninhalten, das Konzept der Gruppenzugehörigkeit und Meinungsführerschaft und der Zweistufenfluss der Kommunikation.

Lazarsfeld et al. konstatieren, dass sich politische Meinungen entweder aus medial oder interpersonal kommunizierten Inhalten entwickeln. Die Aktivierung durch Massenmedien und Wahlkämpfe erfolgt dabei entlang unterschiedlicher Stufen: Zunächst wird das politische Interesse der potenziellen Wähler durch medial aufbereitete Informationen geweckt, anschließend kommt es zu einer vermehrten Zuwendung der Rezipienten hin zu denselben Informationen; zuletzt widmet sich das Publikum vor allem den Inhalten, die mit ihren eigenen Einstellungen konform gehen, bevor sie eine endgültige Wahlentscheidung treffen (vgl. Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1944; Moshövel, 2004). Aus dieser Annahme lässt sich ableiten, dass Personen Quellen und Inhalte, die sie zur Entscheidungsfindung heranziehen, bewusst selektieren – nämlich nach persönlichen Interessenskomplexen und Meinungen. Diese Meinungen werden somit zunehmend gefestigt, bis sie als Grundlage einer stabilen Wahlentscheidung dienen. Durch diesen Befund wurde die bis dato verbreitete Annahme einer starken Medienwirkung und des Publikums als „Opfer“ der Massenmedien maßgeblich reformiert; die „selective exposure“ (Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1944, S. 164) der Rezipienten zeugt nicht länger von einem passiven, sondern von einem aktiven und selbstbestimmten Umgang mit massenmedialen Inhalten (vgl. Potthoff, 2016).

Eine zentrale Aussage des mikrosoziologischen Ansatzes formulieren Lazarsfeld et al. mit den Worten “A person thinks, politically, as he is, socially. Social characteristics determine political preference” (Lazarsfeld et al., 1944, S. 27). Wie bereits zu Beginn angeführt, lassen sich im Rahmen des soziologischen Ansatzes politische Ausrichtung und Wahlverhalten anhand ausgewählter persönlicher Merkmalen vorhersagen. Dabei wird zwischen unveränderbaren Faktoren, beispielsweise Alter und Geschlecht, und veränderbaren Faktoren, wie soziales Umfeld und Beruf, unterschieden (vgl. Moshövel, 2004). Aus der Gesamtheit aller individuellen Merkmale lässt sich ein tragender Einflussfaktor auf die Wahlentscheidung ermitteln – die Gruppenzugehörigkeit. Aus den Befunden der Befragung leiten Lazarsfeld et al. ab, dass Personen mit ähnlichen sozialen Hintergründen und Interessen, also der gleichen Gruppenzugehörigkeit, ein ähnliches Wahlverhalten entwickeln (vgl. Falter & Schoen, 2014).Ähnlich argumentiert auch Georg Simmel in seiner Theorie der sozialen Kreise; diese besagt, dass ein System konzentrischer Kreise, also homogener und konsonanter Interessen, ein langfristig stabiles Wahlverhalten bestärkt, ein System sich kreuzender Kreise, sogenannter cross-pressures, führt hingegen zu einem instabilen und inkonsistenten Wahlverhalten (vgl. Simmel, 1992). Wahlenthaltung wird im mikrosoziologischen Ansatz mit dem Einfluss der besagten cross-pressures erklärt: Das Streben nach Konsonanz zwischen den eigenen Einstellungen und denen des unmittelbaren sozialen Umfeldes kann oftmals zu Interessenskonflikten und einem unerfüllbaren sozialen Druck führen (vgl. Falter & Schoen, 2014). Um diesem Spannungsverhältnis zu entgehen, enthält sich der Wähler seiner Stimme schließlich ganz (vgl. Moshövel, 2004). Im Kontext der Gruppenzugehörigkeit ist ein weiteres kommunikationswissenschaftliches Konzept ausschlaggebend: die Meinungsführerschaft. Unter Meinungsführern oder „opinion leaders“ (Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1944, S. 50) verstehen Lazarsfeld et al. jene Personen, die zu relevanten (politischen) Sachfragen eine klare Meinung vertreten und diese öffentlich artikulieren; dabei beeinflussen sie die Entscheidungsfindung anderer Individuen stärker als deren gewöhnliches soziales Umfeld. In The People’s Choice versuchen die Autoren beide relevanten Gruppen, sowohl opinion leaders als auch opinion followers, anhand eines Selbsteinschätzungsverfahrens zu ermitteln. Die Auswertung der Befragung zeigt, dass Meinungsführer eine erhöhte Aufmerksamkeit in Bezug auf politisches Geschehen und eine bevorzugte Zuwendung hin zu massenmedialen Informationsquellen aufweisen. Verteilt sind die opinion leaders zudem gleichermaßen in allen Berufsgruppen und sozialen Schichten (vgl. Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1944). Es gilt jedoch anzumerken, dass die Zuverlässigkeit des Verfahrens und der Befunde eher fragwürdig ist und einen der zentralen Kritikpunkte an der Studie darstellt (vgl. Potthoff, 2016). Rogers und Cartano arbeiten den Opinion Leadership - Ansatz später in ihrer 1962 veröffentlichten Studie Methods of Measuring Opinion Leadership weiter aus und liefern eine ausführliche Beschreibung charakteristischer Merkmale von Meinungsführern. Opinion leaders repräsentieren demnach die Grundlagen und Normen einer Gruppierung und üben dabei eine Beispielfunktion für die Gruppenmitglieder aus. Insgesamt heben sie sich durch eine Vielzahl an Merkmalen von anderen Gruppenmitgliedern ab, darunter die Nutzung qualitativer Quellen, Kosmopolitismus, eine ausgeprägte soziale Präsenz, ein hoher sozialer Status und innovatives Handeln (vgl. Rogers & Cartano, 1962).

Eine zentrale Folgerung ihrer Studie sehen Lazarsfeld et al. darin, dass Menschen in ihren potenziellen Wahlentscheidungen stärker durch interpersonale Kommunikation mit dem unmittelbaren sozialen Umfeld beeinflusst werden als durch mediale Kommunikation; „political discussions“ innerhalb des Bekanntenkreises wurden von den Befragten deutlich öfter als Berührungspunkte mit politischen Sachfragen angegeben als die „exposure to radio or print“ (Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1944, S. 150). Diese Erkenntnis hängt unmittelbar mit den zuvor vorgestellten Konzepten zusammen: Personen tendieren dazu, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben, um „kognitive Dissonanz“ (siehe Festinger, 1957) und Interessenskonflikte nach Möglichkeit zu vermeiden – sie selektieren ihr Umfeld also teilweise bewusst. Die Zugehörigkeit zu einer gleichgesinnten Gruppierung begünstigt politische Diskussionen und liefert weiterführende Informationen, die in der Regel das eigene Weltbild bestärken und deshalb bevorzugt werden. Innerhalb der Gruppierungen finden sich jedoch übergeordnete Meinungsführer, die einen größeren Einfluss auf die übrigen Mitglieder ausüben und, so Lazarsfeld et al., massenmediale Informationsquellen gegenüber interpersonalen präferieren. Daraus entsteht der sogenannte Zweistufenfluss der Kommunikation – ein abgestufter Informationsfluss, der von den Massenmedien ausgeht und über die Meinungsführer an die anderen, zumeist passiveren und weniger engagierten Bürger gelangt. Ein möglicher Austausch zwischen opinion leaders und opinion followers bleibt bei diesem ersten Entwurf außen vor (vgl. Potthoff, 2016). Insgesamt liefert der mikrosoziologische Ansatz zwar langfristige und mehr oder minder stabile Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten, gerade für kurzfristige und situationsbedingte Umorientierungen vor der Wahl bleibt eine Erklärung jedoch aus (vgl. Moshövel, 2004).

2.2 Makrosoziologischer Ansatz

Während Lazarsfeld et al. auf das Wahlverhalten sozialer Gruppen auf individueller Ebene eingehen, liefern die Soziologen Seymour Lipset und Stein Rokkan in ihrer 1967 veröffentlichten Studie Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives ein Gesamtbild entscheidender Wirkungsfaktoren auf gesellschaftlicher Ebene (vgl. Arzheimer, 2016). Hierzu rekonstruieren sie die Entstehung von Parteiensystemen in westeuropäischen Demokratien und führen Wahlentscheidungen auf vier zentrale Konfliktlinien, sogenannte Cleavages, des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurück. Cleavage beschreibt dabei „einen dauerhaften Konflikt, der in der Sozialstruktur verankert ist und im Parteiensystem seinen Ausdruck gefunden hat“ (Pappi, 1977, S. 493). Die Grundkonflikte führten jeweils dazu, dass sich Interessensgruppen beider gegensätzlicher Positionen zusammenschlossen und sich mit einer entsprechenden politischen Partei, in der sie ihre Haltung vertreten sahen, verbündeten. Geschlossen wählten dann alle Mitglieder einer Gruppierung für die jeweilige Bündnispartei (vgl. Lipset & Rokkan, 1967; Falter & Schoen, 2014).

Lipset und Rokkan stellen in ihrem Ansatz vier unterschiedliche Cleavages vor, die während der Industrialisierung und Nationalstaatsbildung hervortraten (vgl. Moshövel, 2004): Erstens, der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie, wobei nationalstaatliche Eliten auf Vertreter ethnischer und regionalkultureller Teilgesellschaften, die die Nationalstaatsbildung ablehnten, trafen. Zweitens, der Konflikt zwischen Kirche und Staat, wobei die beiden Instanzen um den Machtanspruch, insbesondere in Bezug auf den Erhalt von Werten und Normen kämpften. Drittens, die Spannungslinie zwischen Stadt und Land; durch die Industrialisierung hatten sich zunehmend städtische Unternehmer etabliert, welche für materielle und ökonomische Interessen einstanden und diese den Agrarinteressen der ländlichen Gutsbesitzer entgegenstellten. Viertens, das Cleavage zwischen Kapital und Arbeit, welches den Konflikt zwischen Kapitaleignern und Beschäftigten markiert (vgl. Lipset & Rokkan, 1967; Falter & Schoen, 2014; Kailitz, 2007). Zum Zeitpunkt des Demokratisierungsbeginns waren somit die Grundsteine für das künftige Parteiensystem gelegt – damit sich eine potenzielle Partei jedoch zu einer tatsächlichen entwickeln konnte, musste sie, so Lipset und Rokkan, zunächst vier verschiedene institutionelle Schwellen passieren. Die erste war die Legitimationsschwelle: Diese gewährleistete, dass das Aufbegehren gegen vorherrschende Parteien nicht rein diskreditierender Natur war, sondern legitim begründet. Die zweite Hürde, nämlich die Inkorporationsschwelle, verlangte von den Mitgliedern potenzieller Parteien das Innehaben voller politischer Rechte. Als dritte bezeichnete die Repräsentationsschwelle die Aufnahme ins Parlament. Die Mehrheitsschwelle als vierte und letzte strukturierte das Entscheidungssystem und ermöglichte bzw. verwehrte parlamentarischen Mehrheiten das Durchsetzen von Gesetzesentwürfen (vgl. Lipset & Rokkan, 1967; Falter & Schoen, 2014; Kailitz, 2007). Die Möglichkeit der Entwicklung einer Interessensorganisation zur Partei war also allgemein gegeben, individuell entschieden die Gruppierungen dann, ob sie, die zuvor beschriebenen Schwellen befolgend, eine neue Partei gründen- oder sich einer bereits etablierten Partei anschließen würden (vgl. Falter & Schoen, 2014). Demnach hatten die Parteiensysteme zum Zeitpunkt ihrer erstmaligen Herausbildung noch einen deutlichen Handlungsspielraum (vgl. ebd.); Lipset und Rokkan konstatieren mit ihrer Freezing -These jedoch, dass die Etablierung des allgemeinen Wahlrechts und der Abschluss der Demokratisierungsepoche diesem Spielraum ein Ende setzten. Die damaligen Parteiensysteme der 1960er festigten sich und spiegeln bis heute „mit wenigen […] Ausnahmen die Konfliktlinienstruktur der 1920er“ (Lipset & Rokkan, 1967, S. 50) wieder.

Das Wahlverhalten wird im makrosoziologischen Ansatz damit erklärt, dass die Betroffenen eines Cleavages stets für die Partei stimmen, die ihrer interessensvertretenden Gruppierung entspricht und auch von der außenstehenden Bevölkerung als solche wahrgenommen wird. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, eine Wahlentscheidung zu treffen: Personen erfahren eine Gruppenzugehörigkeit entweder im Rahmen ihrer sozialen Schicht und stimmen demnach konform mit all jenen, die ihre ökonomischen Verhältnisse teilen, oder aber die Gruppenzugehörigkeit ergibt sich aus einer gemeinsamen Kultur oder Weltanschauung, wodurch die Angehörigen der Gruppierung die Partei wählen, die besagte Weltanschauung propagiert (vgl. Lipset & Rokkan, 1967; Falter & Schoen, 2014). Lipset und Rokkan lassen im Rahmen ihres historisch fundierten, aber starren Ansatzes intervenierende Faktoren wie die im mikrosoziologischen Ansatz zentralen cross-pressures außen vor. Das Verhalten von Angehörigen unterschiedlicher Gruppierungen sowie von Wechselwählern bleibt daher unerklärt (vgl. Falter & Schoen, 2014).

3. Der sozialpsychologische Ansatz

Die Veröffentlichung von Lazarsfeld et al.s Studie The People‘s Choice initiierte in der Wahlforschung den Versuch, Wahlentscheidungen mit soziodemographischen Faktoren zu erklären. Eine Gruppe von Forschern um Angus Campbell am Survey Research Center der Michigan Universität in Ann Arbor äußerte sich hierzu jedoch kritisch, denn “[t]he experience of the last two presidential elections has shown us, however, that the simple classification of voters into sociological categories does not have the explanatory power that at first appeared” (Campbell, Gurin & Stokes, 1954, S. 85). Campbell et al. arbeiteten daraufhin an einem neuen Erklärungsansatz, welcher die Stimmabgabe einer Person nicht länger mit objektiven Umweltfaktoren, sondern mit ihrer individuellen politischen Einstellung und Wahrnehmung erklärte: der sozialpsychologische Ansatz (vgl. Falter & Schoen, 2014). Hierzu veröffentlichten die Forscher 1954 und 1960 zweierlei Umfragestudien, The Voter Decides und die Folgestudie The American Voter, welche die erste methodisch wie inhaltlich überarbeiten und ergänzen sollte. Diese untersuchten die Präsidentschaftswahlen 1952 und 1956 mithilfe der erstmaligen Durchführung einer landesweit repräsentativen Befragung (vgl. Moshövel, 2004). Ziel der Studien war dabei herauszuarbeiten, inwieweit die „situative Wahrnehmung politischer Objekte“ (Möshövel, 2004, S. 25) Einfluss auf das Wahlverhalten nehmen kann. Im Mittelpunkt steht nach Campbell et al. nicht ein ausschlaggebender Faktor, sondern das Zusammenspiel vieler, insbesondere dreier zentraler Einflussgrößen, die im Folgenden näher vorgestellt werden sollen: die langfristig wirksame Parteiidentifikation sowie die beiden instabileren Faktoren der Kandidatenorientierung und Issue-Orientierung (vgl. Campbell, Gurin & Stokes, 1954; Campbell, Converse, Miller & Stokes, 1960).

Parteiidentifikation, oder Parteibindung, meint bei Campbell et al. nicht die tatsächliche, sondern vielmehr die psychologische Mitgliedschaft in einer Partei, genauer die „[…] langfristig stabile affektive Bindung an eine politische Partei, die in einer frühen Phase der politischen Sozialisation erworben wird und sich im Laufe des Lebens intensiviert.“ (Falter & Schoen, 2014, S. 262; vgl. Moshövel, 2004). Eine Partei wird demnach als eine öffentliche soziale Großgruppe verstanden, der sich ein Bürger zugehörig fühlen kann, wobei dieses Zugehörigkeitsgefühl i.d.R. bereits früh innerhalb familiärer Kontexte geprägt wird (vgl. Falter & Schoen, 2014). Die Identifikation mit einer Partei baut nach Campbell et al., im Widerspruch zu soziologischen Ansätzen, folglich nicht direkt auf objektive Umweltfaktoren, sondern auf eine subjektive Einschätzung, die u.U. durch das soziale Umfeld indirekt gelenkt wird (vgl. Campbell, Gurin & Stokes, 1954; Campbell, Converse, Miller & Stokes, 1960). In The American Voter ergänzen Campbell et al. das Konzept des „funnel of causality“. Damit wenden sie sich von einer isolierten Betrachtungsweise der situativen politischen Einstellung ab und verlagern diese in einen kausalen Gesamtzusammenhang mit sämtlichen vergangenen Erfahrungen und Einstellungen einer Person. Erst durch das Einbeziehen dieser langfristigen Erfahrungen lässt sich eine zuverlässige und stabile Aussage über das Wahlverhalten treffen (vgl. Campbell, Converse, Miller & Stokes, 1960). Der Wechsel der Identifikationspartei ist zwar möglich, aber höchst unwahrscheinlich; wenn überhaupt, ist die Abwendung durch politische Krisen oder den Wechsel der persönlichen sozialen Bezugsgruppe motiviert (vgl. Falter & Schoen, 2014). Die Parteiidentifikation ist insofern von Vorteil für den Wähler und ein entscheidender Einflussfaktor auf die Stimmabgabe, als dass sie komplexe Entscheidungsprozesse vereinfacht, indem sie eine selektive Informationsaufnahme und bewertung zugunsten der entsprechenden Partei bestärkt (vgl. Moshövel, 2004).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Durchleben die klassischen Theorien des Wahlverhaltens im Kontext neuer Medien einen Wandel?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Publizistik)
Veranstaltung
Neue Medien / Online-Kommunikation
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V419453
ISBN (eBook)
9783668701588
ISBN (Buch)
9783668701595
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue Medien, Online Kommunikation, Digitalisierung, Technisierung, Filter Bubble, Algorithmen, Massenmedien, Klassische Medien, Traditionelle Medien, Theorien des Wahlverhaltens, Wahlkampfkommunikation, Wahlentscheidung, Wahlkampf, Berichterstattung, Politische Berichterstattung
Arbeit zitieren
Olivia Frey (Autor), 2017, Durchleben die klassischen Theorien des Wahlverhaltens im Kontext neuer Medien einen Wandel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419453

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