Resilienz und Persönlichkeit im Lehrerberuf. Methoden zur nachhaltigen Steigerung der psychischen Widerstandskraft


Fachbuch, 2018
159 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Danksagung

Zusammenfassung

Abstract

1.Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Konzeption der Arbeit

2 Persönlichkeit
2.1 Alltagsverständnis von Persönlichkeit
2.2 Das Konzept Persönlichkeit - Versuch einer Definition
2.3 Persönlichkeitstheorien
2.4 Das Fünf-Faktoren-Modell - die „Big Five“

3 Resilienz
3.1 Die Kauai-Studie von Emmy EWerner
3.2 Definition und Begriffsbestimmung
3.3 Risiko- und Schutzfaktoren
3.4 Der Resilienzprozess
3.5 Weitere Betrachtungsebenen
3.6 Abgrenzung zu anderen Konzepten
3.7 Zusammenfassende Betrachtung

4 Stress
4.1 Definition und Begriffsbestimmung
4.2 Ansätze und Erklärungsmodelle
4.3 Zusammenhang mit Resilienz

5 Empirische Studie
5.1 Ziel der Studie
5.2 Forschung
5.3 Formulierung der grundlegenden Fragestellung
5.4 Bildung der Hypothesen
5.5 Methodik

6 Auswertung
6.1 Auswertung der Resilienzskala RS-
6.2 Auswertung des Big-Five Persönlichkeitstests (B5T)
6.3 Auswertung der Unterhypothesen
6.4 Auswertung der Nebenhypothesen

7 Entwicklung von Profilen
7.1 Multiple Regression
7.2 Clusteranalyse
7.3 Interventionsansätze
7.4 Zusammenfassende Betrachtung

8 Diskussion
8.1 Rahmenbedingungen und deskriptive Statistik
8.2 Methodische Vorgehensweise
8.3 Fazit
8.4 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

ANHANG A - Tabellen

ANHANG B – Fragebogen

ANHANG C – Anschreiben

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Naive Persönlichkeitstheorie.

Abb. 2: Bedürfnispyramide nach Maslow.

Abb. 3: Kovariationswürfel von Raymond Catell.

Abb. 4: Absolute transsituative Konsistenz.

Abb. 5: Relative transsituative Konsistenz.

Abb. 6: Transmodale Konsistenz.

Abb. 7: Hierarchisches Eigenschaftsmodell.

Abb. 8: Drei-Instanzen-Modell

Abb. 9: Reziproker Determinismus.

Abb. 10: Erfolgserwartung vs. Selbstwirksamkeitserwartung,

Abb. 11: Das „Big Five“-System.

Abb. 12: Resilienzprozess.

Abb. 13: Betrachtungsebenen der Resilienz.

Abb. 14: Resilienzprozess Teamebene.

Abb. 15: Anforderungs-Kontroll-Modell.

Abb. 16: Effort-Reward-Imbalance-Modell.

Abb. 17: Allg. Adaptionssyndrom,

Abb. 18: Transaktionales Stressmodell.

Abb. 19: AVEM-Muster,

Abb. 20: AVEM-Typen nach Berufsgruppe.

Abb. 21: Korrelationen Nakaya 2006,

Abb. 22Korrelationen Bertelsmann-Studie

Abb. 23: Altersverteilung der Stichprobe.

Abb. 24: Verteilung der Stichprobe nach Schultyp.

Abb. 25: Klassifikation der Resilienzwerte.

Abb. 26: Ausprägung der Extraversion.

Abb. 27: Ausprägungen des Neurotizismus.

Abb. 28: Ausprägungen der Gewissenhaftigkeit.

Abb. 29: Ausprägungen der Offenheit.

Abb. 30: Ausprägungen der Verträglichkeit.

Abb. 31: Kumulierte Ausprägung der Big Five Dimensionen.

Abb. 32: Streudiagramm Resilienz vs. Neurotizismus.

Abb. 33: Streudiagramm Resilienz vs. Extraversion.

Abb. 34: Streudiagramm Resilienz vs. Gewissenhaftigkeit.

Abb. 35: Streudiagramm Resilienz vs. Verträglichkeit.

Abb. 36: Streudiagramm Resilienz vs. Offenheit.

Abb. 37: Dendrogramm der Clusteranalyse.

Abb. 38: Cluster I – Variablen in Bezug zur Gesamtstichprobe

Abb. 39: Cluster II – Variablen in Bezug zur Gesamtstichprobe

Abb. 40: Cluster III – Variablen in Bezug zur Gesamtstichprobe

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich der Persönlichkeitstheorien

Tabelle 2: Dimensionen der Big Five

Tabelle 3: Resilienzfaktoren verschiedener Autoren

Tabelle 4: Dimensionen des AVEM-Fragebogens.

Tabelle 5: Zusammenhang Stressmodelle und Resilienzkonzept

Tabelle 6: Unterhypothesen

Tabelle 7: Nebenhypothesen

Tabelle 8: Häufigkeitsverteilungen der Gesamtstichprobe

Tabelle 9: Reliabilität und Skalenkennwerte des B5T

Tabelle 10: Klassifikation der Resilienzwerte

Tabelle 11: Häufigkeitsverteilung der Big Five

Tabelle 12: Definition der Stanine Normwerte

Tabelle 13 Stanine-Gruppen der B5T Indexvariablen

Tabelle 14: Ergebnisse der Unterhypothesen

Tabelle 15: Inter-Korrelation der Big-Five Dimensionen.

Tabelle 16: Ergebnisse der Nebenhypothesen

Tabelle 17: Deskriptive Statistik der Cluster.

Danksagung

Die Fertigstellung dieser Masterarbeit war eine lange Zeit des Nachdenkens und Recherchierens. Vielversprechende Gedanken wurden verworfen und stetig neu angesetzt. Die intensive Beschäftigung mit diesem Thema war eine herausfordernde aber auch lehrreiche Aufgabe, die mit Erfahrung und neuen Perspektiven belohnt wird.

Die folgenden Zeilen möchte ich einigen Menschen widmen, die an der Fertigstellung dieser Masterarbeit mitverantwortlich sind.

Zunächst möchte ich mich sehr herzlich bei Frau Mag. Dr. Elisabeth Ponocny-Seliger für die Betreuung dieser Arbeit bedanken. Ihre wertvollen Anregungen, die konstruktive Kritik und ihre große Expertise haben mich bei Erstellung dieser Arbeit maßgeblich unterstützt.

Ein besonderer Dank gilt allen Lehrerinnen und Lehrern meiner Befragung. Durch ihr Mitwirken und die Informationsbereitschaft gaben sie einen Einblick in ihre Persönlichkeit, ohne welchen diese Arbeit nicht hätte entstehen können. Bedanken möchte ich mich auch für die interessanten Gespräche und das motivierende Feedback zu meinem Thema.

Sehr herzlich möchte ich mich bei meiner Frau Elisa Pavlon, einer großartigen Grundschullehrerin, und meinem Sohn Tim bedanken. Ihre Geduld wurde durch meine umfangreiche Arbeit an den Abenden und insbesondere an den Wochenenden auf eine harte Probe gestellt. Ich hoffe mir ihre liebevolle Nachsicht, die sie mir entgegengebracht haben, nachträglich verdienen zu können.

Zusammenfassung

Anliegen der vorliegenden Arbeit ist die Herausarbeitung eines Zusammenhangs zwischen der Persönlichkeit, gemessen in den „Big Five“ Dimensionen und der psychischen Widerstandskraft gegen Belastungen, der Resilienz, bei Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen. Dazu wurden Hypothesen formuliert, welche sich auf die Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsdimensionen der „Big Five“, Verträglichkeit, Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Neurotizismus und der Ausprägung der Resilienz der Lehrkräfte bezogen. Weiterhin wurde die Berufsmotivation sowie die Beziehung zum Kollegium erhoben und ebenfalls in Beziehung zur Resilienz gebracht. Die Stichprobe setzte sich aus 102 Lehrkräften (23 männlich, 79 weiblich) im Alter von 24 bis 63 Jahren zusammen. Die Lehrkräfte haben einen Fragebogen bearbeitet, welcher aus dem Big Five Persönlichkeitstest B5T nach Satow (2012) und der Resilienzskala RS-13 von Leppert et al. (2008) bestand. Lehrkräfte mit hohen Werten des Neurotizismus haben deutlich niedrigere Resilienzwerte und eine auffällig reduzierte Berufsmotivation. Auch verfügen sie über weniger Offenheit und eine schlechtere Beziehung zum Kollegium. Bei der Ausprägung der Gewissenhaftigkeit konnten keine Zusammenhänge mit Resilienz erkannt werden. Zur Prognose von Resilienz lieferte eine Regressionsanalyse Informationen über Prädiktoren, mit diesen dann auch Profile und „Typen“ von Lehrkräften entwickelt worden sind. In diesen Profilen waren deutliche Unterschiede der Ausprägung von Resilienz erkennbar.

Abstract

Main concern of the present Master´s thesis is to identify a correlation between the personality, on the basis of the „Big Five“ dimensions and the psychical resistance to strains, i.e. resilience, of teachers at general schools. For this purpose hypotheses have been formulated, which apply to the correlations between the five basic personality dimensions, the so-called „Big Five“ - agreeableness, openness to experiences, conscientiousness, extraversion and neuroticism and the degree of resilience of teaching staff. Furthermore, occupational motivation, as well as the relationship with the teaching staff were surveyed and correlated to resilience. The sample was composed of 102 teachers (23 male, 79 female) aged from 24 to 63. The teachers completed a questionnaire, consisting of the Big Five personality test B5T according to Satow (2012) and the resilience scale RS-13 by Leppert et al. (2008). Teachers with a high level of neuroticism have remarkably lower resilience levels and a noticeably reduced occupational motivation. They are also less open and have a worse relationship with the teaching staff. Regarding the level of conscientiousness there could not be recogized any correlations to resilience. For prognosticating resilience, a regression analysis provided information with respect to predictors, with the aid of which profiles and „types“ of teachers have been developed. Those profiles showed significant differences in the resilience levels.

1. Einleitung

Die Arbeitssituation der Lehrkräfte, insbesondere mit Hinblick auf die gesundheitlichen Auswirkungen, ist in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus des öffentlichen Diskurses gerückt. Die Qualität der Ausführung ihres Bildungsauftrages ist eng verzahnt mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden[1]. Durch steigende Erwartungen der Eltern, der Wirtschaft und der Gesellschaft als Ganzes sowie den Problemfeldern Disziplin, mangelnde Motivation und Lernbereitschaft der Schüler[2], ist die Lehrkraft heute nicht mehr der empfindungsarme Wissensverwalter und -verteiler, sondern Persönlichkeitsentwickler, Coach und Sozialarbeiter. Die Arbeitssituation der Lehrkräfte lässt sie immer häufiger Lebensqualität einbüßen und bringt sie an ihre Grenzen.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist das Auffinden und Darstellen von Zusammenhängen zwischen Persönlichkeitsstrukturen und der psychischen Widerstandskraft gegen Belastungen, der sogenannten Resilienz, um den Blick auf persönlichkeitsgerechte Interventionen zur Förderung psychischer Stabilität zu ermöglichen.

Die Idee zu dieser Arbeit verdanke ich meiner Frau Elisa Pavlon, einer Grundschullehrerin, die mich in unzähligen Gesprächen an der Perspektive sowie der Gedanken- und Gefühlswelt der Lehrkräfte teilnehmen ließ und mein Interesse an diesem bedeutenden Thema weckte.

1.1 Problemstellung

Einer Studie der DAK aus dem Jahre 2013 zufolge sind lediglich 41% der Lehrer der Auffassung, dass ihr Gesundheitszustand ausreicht, um bis zum gesetzlichen Pensionsalter im Lehrerberuf zu arbeiten. Weiterhin gaben 45% aller Befragten an hoch belastet zu sein und „schlecht abschalten zu können“[3].

Die meistgenannten Belastungsmerkmale sind Unterrichtsstörungen, Disziplinprobleme, Sozialverhalten, zu große und heterogene Klassen sowie permanenter Zeitdruck[4]. Diese Belastungsfaktoren könnten sich im Kontext aktueller Entwicklungen noch weiter verschärfen. Die Integration von Flüchtlingskindern beispielsweise erhöht einerseits die Heterogenität und Größe der Klassen, andererseits werden zusätzliche komplexe und belastende Anforderungen, bedingt durch die Biographien der Kinder, fehlenden Sprachkenntnissen oder Verhaltensauffälligkeiten, an die Lehrkräfte gestellt. Weiterhin sind bundeslandübergreifende Inklusionsbestrebungen, also die Eingliederung der bislang in Förderschulen unterrichteten Kinder in Regelschulen anzuführen[5]. Weiteren Druck auf die Lehrkräfte könnten die jüngsten PISA-Ergebnisse auslösen, welche eine Stagnation des Leistungszuwachses mit leicht rückläufiger Tendenz zeigen[6].

Resilienz, die Fähigkeit, mit Belastungen umgehen zu können und die Leistungsfähigkeit zu erhalten, gewinnt im Kontext dieser Entwicklungen eine Schlüsselposition.

1.2 Konzeption der Arbeit

Das erste Kapitel der vorliegenden Arbeit enthält eine kurze Einleitung zum Überblick, welche das Interesse am Thema begründet, die Ausgangssituation kurz skizziert und die Relevanz des Themas näher bringen möchte.

Im zweiten Kapitel wird das Konstrukt der Persönlichkeit beleuchtet. Dazu werden neben der Begriffsdefinition relevante Persönlichkeitstheorien sowie die „Big-Five“ der Persönlichkeit als geeignetes Instrument dargestellt.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema Resilienz. Zu Beginn wird eine Pionier-Studie vorgestellt und anschließend neben der Begriffsdefinition eine Abgrenzung zu ähnlichen Konzepten vorgenommen.

Das vierte Kapitel behandelt das Thema Stress. Es enthält die zum Verständnis notwendigen Begriffsdefinitionen und stellt Modelle bezogen auf den Schulkontext dar. Das Kapitel schließt mit der Darstellung von Resilienz in den Stressmodellen.

Im fünften Kapitel wird eine empirische Studie vorgestellt. Dazu wird eine Forschungsfrage formuliert und entsprechende Hypothesen aufgestellt. Zum Ende des Kapitels werden Methodik, Erfassungsinstrumente und die Stichprobe beschrieben.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit der Auswertung der erhobenen Daten. Zunächst werden die Ergebnisse der eingesetzten Instrumente abgebildet und dann die Hypothesen geprüft.

Das siebte Kapitel setzt sich zur Aufgabe aus den gewonnen Daten Profile von Lehrkräften zu entwickeln. Eine multiple Regressionsanalyse identifiziert die relevanten Prädiktoren, welche danach mit einer Clusteranalyse zur Profilen ausgebaut werden. Nach der Beschreibung der Cluster werden gezielte Interventionen beschrieben, welche auf das vielversprechendste Cluster bezogen sind.

Das achte Kapitel diskutiert die Ergebnisse aus einem kritischen Blickwinkel. Auf die deskriptive Statistik folgt die Methodik. Den Abschluss des Kapitels stellt das Fazit gefolgt von einem Ausblick dar.

2 Persönlichkeit

Die Persönlichkeit eines Menschen zu beschreiben ist eine nahezu unlösbare Aufgabe, da sie die Gesamtheit des Erlebens und Verhaltens einschließt. Neben umfangreichen Ansätzen aus der Literatur finden sich auch Unmengen an pseudowissenschaftlichen Konzepten wie Astrologie, Enneagrame oder fernöstliche Typologie der Menschen nach Elementen. Es haben sich viele Psychologen mit dem Konstrukt der Persönlichkeit beschäftigt und mit wachsender Menge der Erkenntnisse wurden diese immer weiter ausdifferenziert, folglich gibt es auch eine entsprechende Anzahl an Persönlichkeitstheorien bzw. Typologien.

Entsprechend der Zielsetzung der Arbeit werden diese Konzepte dargestellt und hinsichtlich der Eignung für die verwendete Methodik überprüft.

2.1 Alltagsverständnis von Persönlichkeit

Im täglichen Umgang mit Menschen erfassen wir deren Persönlichkeit intuitiv und praxisnah[7]. Dieses schnelle registrieren und einordnen von Strukturen macht uns im Umgang mit anderen Menschen flexibel und ermöglicht unkomplizierte Interaktionen. Wem es nicht gelingt, die Persönlichkeit seiner Mitmenschen einzuschätzen, schmälert seine Einflussmöglichkeiten und muss sich bei Interaktionen an generischen Verhaltenskonventionen orientieren. Im Vergleich zu technischen Innovationen gelingt es der Psychologie nicht, die Skepsis gegenüber ihren Erfolgen abzubauen[8]. Dies sorgt dafür, dass nicht scharf zwischen Alltagspsychologie und wissenschaftlicher Psychologie unterschieden wird. Im Gegensatz zu den meisten anderen wissenschaftlichen Disziplinen benutzt die Psychologie auch alltägliche Begriffe für psychologische Konzepte, wie beispielsweise Intelligenz, Gewissenhaftigkeit oder Persönlichkeit. Ungeachtet der weitaus differenzierteren Bedeutung der Konstrukte sieht sich der psychologische Laie dadurch selbst in der Lage, psychologische Fragestellungen kompetent beantworten zu können, wendet er sie doch täglich an.

2.1.1 Naive Persönlichkeitstheorie

Einen Versuch, das alltagspsychologische Verständnis von Persönlichkeit umfassend darzustellen, unternahm Uwe Laucken 1974. Ursprünglich wollte Laucken seine gesammelten und analysierten „alltagspsychologischen […] Konzepte zu einer geschlossenen naiven Verhaltenstheorie zusammenfügen“, was ihm jedoch misslang[9]. Er kam zu dem Schluss, dass Laien wie Wissenschaftler über mehrere Theorien verfügen um Verhalten zu erklären und entwickelte die naive Prozesstheorie sowie die naive Dispositionstheorie. Diese zwei Theorien verstehen sich als kombinierbare Ansätze um Persönlichkeit dispositiv und situativ zu erklären.

Die naive Prozesstheorie beschreibt Annahmen des „Alltagspsychologen“ bezüglich eines aktuellen Vorgangs aufgrund seiner Wahrnehmung und ist in verschiedene Teiltheorien untergliedert, die gegenseitig in Wechselwirkung stehen. Die naive Dispositionstheorie dagegen beschreibt die einer Person zugeschriebenen Dispositionen, also Eigenschaften wie „das […] zugeschriebene Wissen, die Bereitschaft […] zu bestimmten Gefühlsreaktionen u.ä.“[10].

Abb. 1 lässt sich entnehmen, dass sich der Alltagspsychologe zunächst mit der naiven Prozesstheorie auseinandersetzt, bevor er mithilfe der naiven Dispositionstheorie Aussagen über Eigenschaften der beobachteten Person macht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Naive Persönlichkeitstheorie.

Quelle: Eigene Darstellung, vgl. Laucken/Kaminski, 1974, S.60.

Der Alltagspsychologe erschließt sich sukzessiv die Dispositionen aufgrund seiner naiven Prozessanalyse[11]. Um die Abläufe zu verdeutlichen, wird die naive Persönlichkeitstheorie an einem Beispiel angewandt.

Situation in der Grundschule: Eine Lehrkraft beobachtet einen Schüler, welcher im Unterricht seinen Platz verlässt um zu einem Mitschüler zu gehen und dort einen lautstarken Streit zu beginnen.

1. naiv-psychologische Theorie kognitiver Prozesse

„Der Schüler möchte sich wieder vor allen profilieren.“

Diese kognitiven Prozesse erklären das Verhalten durch das Unterstellen eines Zieles. Dieser erste grobe Schritt folgt im Grunde einer „Um zu…“-Argumentation[12].

2. naiv-psychologische Theorie motivationaler Prozesse

„Er hat den permanenten Zwang, sich in den Mittelpunkt zu stellen und aufzufallen.“

Um die Motivation zu klären, welche hinter dem Ziel aus der Theorie kognitiver Prozesse liegt, wird in diesem Schritt die Motivationsfrage gestellt[13].

3. naiv-psychologische Theorie der Gefühle

„Er fühlt sich nicht wahrgenommen und möchte von anderen bewundert werden.“

Die naive Theorie der Gefühle fragt nach den zugrunde liegenden Gefühlen im Prozess. Sie erscheint nicht trennscharf zu den motivationalen Prozessen und zeigt, dass in diesem Kontext Motivation und Gefühl eng miteinander verwandte Konzepte sind, so könnte beispielsweise Maslows Konzept der Selbstverwirklichung handlungsleitendes Gefühl oder auch Motiv sein.

4. naiv-psychologische Theorie der Verhaltensaktivierung

Die Umsetzung von Handlungskonzepten in Verhalten erscheint unter dem Blickwinkel der Alltagspsychologie ohne „naive Erklärungsbegriffe“[14]. Einzige Voraussetzung stellt die „Potentialität“, das Können, dar. Ist jedoch ein Schüler in der Lage die Handlung der Beispielsituation auszuführen und hat den Handlungsentwurf geplant, so geht der Alltagspsychologe davon aus, dass dieser in offenes Verhalten umgesetzt wird.

5. naiv-psychologische Theorie der Wahrnehmung

„Es ist ihm sogar egal, dass die Stunde schon angefangen hat“.

In diesem Schritt beschreibt die Theorie die Wahrnehmung des Alltagspsychologen, welche die wahrgenommenen Informationen dafür benutzt, um „Situationswissen“[15] der beobachteten Person zu unterstellen. Eventuell hat der Schüler nicht mitbekommen, dass die Schulstunde schon angefangen hat.

6. naiv-psychologische Theorie der dispositionalen Ausstattung

„Der Schüler hat einen Minderwertigkeitskomplex.“

An jeder Teiltheorie innerhalb der naiven Prozesstheorie werden naive dispositive Aussagen getätigt, z.B. Wissen, Motive, etc., was eine chronologische Einordnung der naiven Theorie der dispositionalen Ausstattung nicht sinnvoll erscheinen lässt. Dennoch lässt das Schema den Schluss zu, dass nach Abschluss der Betrachtung der Prozessperspektive der kognitive Wechsel zur Perspektive der Dispositionen folgt. Diese naiven Dispositionen werden der Theorie folgend entweder horizontal verknüpft und treten damit gemeinsam auf, z.B. „sympathische Schüler bringen gute Leistungen“, oder auch vertikal verknüpft indem die Dispositionen allgemein gelten, z.B. „introvertierte Schüler sind auch privat oder im Sportverein introvertiert“.

2.1.2 Zusammenfassende Betrachtung

Die Alltagspsychologie der Persönlichkeit ist ein praxisnahes System von Aussagen, was sie vollständig und leicht anwendbar macht[16]. Um die Persönlichkeit zu beschreiben benutzt sie Dispositionen, Kognitive-, Motivationale-, Emotionale- und Wahrnehmungsprozesse sowie die Verhaltensaktivierung.

Legt man allerdings Qualitätskriterien an, denen eine wissenschaftliche Theorie genügen sollte, dann erweist sie sich als unzureichend. Ein zentrales Qualitätskriterium empirischer Wissenschaften ist die Überprüfbarkeit und damit auch die Möglichkeit der Falsifizierung[17]. Alltagspsychologische Begrifflichkeiten sind jedoch nicht genau definiert, geschweige denn empirisch untermauert und können somit immer so interpretiert werden, das eine Widerlegung unmöglich ist. Weiterhin enthält sie Postulate wie „gleich und gleich gesellt sich gern“ sowie „Gegensätze ziehen sich an“[18], was dem Qualitätskriterium der Widerspruchsfreiheit nicht genügt. Aus diesen Gründen findet die alltagspsychologische Persönlichkeitstheorie im Rahmen dieser Arbeit keine Verwendung.

FAZIT:

Alltagspsychologische Betrachtungen der Persönlichkeit bieten eine schnelle Orientierung und sind leicht anzuwenden. Tatsächlich liefern sie sogar Ansatzpunkte zu Theorienbildung. Da sie allerdings wissenschaftlichen Qualitätskriterien nicht genügt, ist sie als wissenschaftliche Theorie ungeeignet.

2.2 Das Konzept Persönlichkeit - Versuch einer Definition

Das theoretische Konstrukt der Persönlichkeit ist nur schwer fassbar, dies zeigte Gordon W. Allport bereits 1937, als er 49 Definitionen von Persönlichkeit zusammentrug. In vielen Definitionen spiegelt sich die zugrunde liegende Theorie sowie die gesetzten Schwerpunkte wider. So erklärt beispielsweise Sigmund Freud die Persönlichkeit als ein System, welches aus drei interagierenden Schichten, dem Ich, dem Es und dem Über-ich besteht. Im Gegensatz dazu scheint David G. Myers Definition weniger einer bestimmten Theorie zugeordnet und bezeichnet die Persönlichkeit als „ das für ein Individuum charakteristische Muster des Denkens, Fühlens und Handelns.[19]. In dieser knappen Definition versucht Myers die Komplexität des Persönlichkeitsaufbaus abzubilden, indem die Persönlichkeit auf die Säulen Denken, Fühlen und Handeln gestellt wird. Jens B. Asendorpf hingegen versteht unter der Persönlichkeit eines Menschen „ die Gesamtheit seiner Persönlichkeitseigenschaften: die individuellen Besonderheiten in der körperlichen Erscheinung und in Regelmäßigkeit des Verhaltens und Erlebens.[20]. Im Gegensatz zu Myers enthält Asendorpfs´ Definition das Kriterium der Stabilität, in Form der „Regelmäßigkeit der Besonderheiten“. Gemein ist beiden Definitionen allerdings, dass die individuellen Eigenschaften die Persönlichkeit eines Menschen bilden. Den Definitionen ist weiterhin zu entnehmen, dass das Verhalten mit der Persönlichkeit korreliert, bzw. von der Persönlichkeit determiniert wird. Wiederholt sich gleiches Verhalten in gleichen Situationen und wird wie in den Definitionen erwähnt davon ausgegangen, dass die Persönlichkeit das Verhalten bestimmt, dann ist das Kriterium der zeitlichen Stabilität erfüllt und das Verhalten wird erklärbar, beschreibbar und vorhersagbar. Den Zusammenhang zwischen Verhalten, zeitlicher Stabilität und interindividueller Besonderheit enthält die Definition von Herrmann (1976), an welcher sich diese Arbeit orientieren möchte:

„Persönlichkeit ist ein bei jedem Menschen einzigartiges, relativ stabiles und den Zeitablauf überdauerndes Verhaltenskorrelat“[21].

Die Menge der Definitionen der Persönlichkeit spiegelt die Komplexität des Konstrukts wider. Jede Definition deutet die Persönlichkeit aus der Perspektive ihrer zugrunde liegenden Theorie bzw. der gesetzten Schwerpunkte.

2.3 Persönlichkeitstheorien

Nachfolgend sollen die wesentlichen[22] Persönlichkeitstheorien dargestellt werden. Dies trägt dem Stellenwert der Persönlichkeit hinsichtlich der Zielsetzung Rechnung. In dem Bereich der Persönlichkeitstheorien haben Psychologen ihre Interpretationen über die Individualität des Menschen entwickelt. Vorrangiges Ziel der Persönlichkeitstheoretiker ist die Abbildung eines Individuums in seiner Gesamtheit inklusive ihrer Interaktionen mit der Umwelt zu begreifen. In diesem Kapitel werden gängige Persönlichkeitstheorien vorgestellt, welche aktuell als die wichtigsten[23] diskutiert werden. Hierbei finden sich Modelle, welchen eine Theorie zugrunde liegt, den humanistischen-, psychodynamischen- und sozial-kognitiven Ansätzen. Weiterhin gibt es persönlichkeitsbeschreibende Modelle, welche auf Faktoranalyse, eine statistische Methode zur Identifikation von korrelierenden Variablengruppen, beruhen, dies findet sich im Trait-Ansatz wieder.

2.3.1 Humanistische Theorien

Die Theoretiker der humanistischen Psychologie reduzieren die Antriebskräfte im Gegensatz zu psychodynamischen Theorien nicht auf Triebkräfte wie Sexualität und Aggression, sondern sehen Bedürfnisse und Motive als Parameter für Persönlichkeit und Verhalten. Persönlichkeit auf Grundlage eines positiven und gesunden Menschenbildes zu erfassen, das nach lebenslanger Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung strebt, ist Ziel humanistischer Persönlichkeitstheorien[24]. Die Persönlichkeitsstruktur der Humanistischen Psychologie, welche sich auch „Dritte Kraft“ nannte, ergibt sich aus der individuellen und subjektiven Wahrnehmung seiner Umwelt. In diesem Kontext wird die Persönlichkeit nicht grundsätzlich statisch, sondern auch als fortlaufender Prozess verstanden.

2.3.1.1 Maslows Theorie der Selbstverwirklichung

Als bekannte Darstellung lässt sich hier die Bedürfnispyramide von Abraham Maslow anführen, welcher als Pionier der Humanistischen Psychologie gilt[25].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Bedürfnispyramide nach Maslow.

Quelle: Gerrig/Zimbardo, 2011, S.421.

Maslow unterscheidet im Rahmen seiner Theorie angeborene Mangel- und Wachstumsbedürfnisse, welche er hierarchisch ordnete um deren logische Abfolge bei der Befriedigung darzustellen[26]. Mangelbedürfnisse veranlassen das Individuum zur Handlung aufgrund einer subjektiv erlebten Soll-Ist-Differenz um den Mangelzustand abzustellen und Zufriedenheit zu erzeugen. Das Streben nach Selbstverwirklichung, nach der Chance seine Möglichkeiten und Fähigkeiten auszuleben[27], bezeichnet Maslow als Wachstumsbedürfnis. Die Selbstverwirklichung unterliegt dem Prinzip der Heterostase. Während die Homöostase den Wunsch nach der Erhaltung eines inneren ausgeglichenen Zustands beschreibt[28], beschreibt die Heterostase einen, in diesem Falle, absichtlich unausgeglichenen Zustand durch permanentes kreieren neuer Soll-Zustände. Der Soll-Zustand im Wachstumsbedürfnis bewegt sich fließend nach oben und sorgt so dafür, dass das Soll prinzipiell nie erreicht werden kann. In diesem permanenten Streben sah Maslow das Hauptziel der Persönlichkeitsentwicklung[29].

Im Rahmen von Maslows Konstrukt wird Persönlichkeit im Hinblick der Bedürfnisstärke sowie dem Stand anhand der Bedürfnispyramide individuell definiert. Hierbei werden statische Elemente, die Bedürfnisstärke, sowie fließende Elemente, die aktuelle Position innerhalb der Bedürfnispyramide, zur Bestimmung der Persönlichkeit analysiert.

2.3.1.2 Personenzentrierter Ansatz nach Rogers

Als ergänzendes Konzept zu Maslows´ Theorie entwickelte Carl Rogers, wie Maslow humanistischer Psychologe, einen personenzentrierten Ansatz. Rogers zentrales Motiv war ebenfalls die Selbstverwirklichung zu welcher, seinem Konzept folgend, jedes Individuum das Potenzial hat. Jeder hat die nötigen Ressourcen um sein Verhalten und seine Konzepte selbstbestimmt und selbstverwirklichend anzupassen. Rogers sah die einwirkende Umwelt als maßgeblich an und definierte unabdingbare Rahmenbedingungen zum Wachstum der Persönlichkeit, bzw. zur Erfüllung der Selbstverwirklichung[30]:

Authentizität. Menschen mit aufrichtigem Umgang mit sich selbst müssen keine Fassaden konstruieren, welche blockierend auf die Selbstverwirklichungsbestrebungen wirken. Rogers nannte dieses „self-understanding“ sogar den „most important factor, in predicting the individuals behaviour“[31].

- Wertschätzung. Als weiteren Baustein auf dem Weg zur Selbstverwirklichung nennt Rogers die Wertschätzung des sozialen Umfelds. Empfindet das Individuum diese aufbauende Wertschätzung als stabil, hat also keine Angst diese schnell zu verlieren, fördert dies das Freiheitsgefühl und die Spontanität.
- Empathie. In Interaktion miteinander hält Rogers die Empathie für die stärkste Kraft[32] um Veränderungen zu bewirken. Der Zusammenhang von Empathie und Selbstverwirklichung liegt in der Chance, über vielfältige Deutungsmöglichkeiten und Perspektiven zu verfügen, was es ermöglicht, die eigene Person, bzw. die eigene Persönlichkeit, besser einzuordnen und einzuschätzen. Gehen Menschen miteinander empathisch um, aktivieren sie ähnliche Konzepte um Sachverhalte zu beurteilen[33], dies ermöglicht differenzierte, vielfältige Interpretationen der Realität. Insofern gibt es positive Rückkopplungen zwischen Authentizität und Empathie im Rahmen der Selbstverwirklichung.

Gemeinsam ist Maslow und Rogers die Auffassung, dass das Selbstkonzept elementarer Bestandteil einer Persönlichkeit ist. Dieses Selbstkonzept wird in Bezug auf ein Idealbild, ein Ideal-selbst, bewertet, welches im Falle einer Ähnlichkeit positiv, bei zu weiter Entfernung, negativ erlebt wird. Die Diskrepanz zwischen wahrgenommenem Selbstbild und dessen Ideal, kann nach Rogers auch unbewusst wahrgenommen werden, was Rogers die „Subzeption“ nannte. Demzufolge aktiviert ein Individuum Abwehrmechanismen, wenn etwas -auch unterschwellig- wahrgenommen wird, was diese Diskrepanz erhöht. Diese Abwehrmechanismen können als verzerrte Erinnerungen oder als Leugnung dieser diskrepanzfördernden Ereignisse in Erscheinung treten[34].

2.3.1.3 Zusammenfassende Betrachtung

Die humanistischen Theorien erklären Unterschiede in der Persönlichkeit im Rahmen von Bedürfnissen und Motiven, welche interindividuell unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Um die Persönlichkeitsstruktur in diesem Kontext zu beschreiben unterscheidet Schmitt zwei generelle Kategorien[35]:

Personeninterne Faktoren beschreiben individuelle Prioritäten bei der Zielerreichung aufgrund verschiedener Sozialisations- und Lernprozesse, unterschiedliche Kompetenzen, individueller Differenzen zwischen Selbstbild und Idealbild sowie genetischen Dispositionen.

Als personenexterne Faktoren lassen sich in diesem Kontext situationsbedingte Parameter anführen, welche das Verhalten des Individuums beeinflussen. Diese können nicht losgelöst von den personeninternen Faktoren betrachtet werden, da diese die Wahrnehmung z.B. durch Aktivierung bestimmter Konzepte beeinflussen[36]. Diese personenexternen Faktoren könnten kultureller Natur sein und dadurch beispielsweise die Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung einschränken oder begünstigen. Dies würde die Persönlichkeit im Entwicklungsprozess beeinflussen und damit im Sinne humanistischer Persönlichkeitstheorie die Persönlichkeit verändern.

Die Stärke der humanistischen Motivationstheorien ist die Definition der Persönlichkeit einerseits statisch, mit Art und Stärke von Bedürfnissen und Motiven, und andererseits dynamisch, im Sinne der aktuellen Stufe innerhalb des Entwicklungsprozesses, was der Komplexität der Persönlichkeit gerecht wird. Diese zwei Säulen, auf welchen das Konstrukt der Persönlichkeit in diesen Theorien aufbaut, sind auch Gegenstand von kritischen Betrachtungen: So ist die Erfassung der Bedürfnisse schwierig und die Ergebnisse teils umstritten. Explizite Bedürfnisse sind dem Individuum zwar bewusst und könnten direkt abgefragt werden, allerdings unterliegen die Antworten dem Willen und der Fähigkeit diese Motive zu beschreiben. Implizite, dem Individuum unbekannte Bedürfnisse, könnten mit dem thematischen Apperzeptionstest (TAT), einem projektivem Verfahren, erfasst werden, allerdings sind die Ergebnisse kritisch im Sinne der internen Konsistenz, zeitlicher Stabilität sowie Interpretation der Ergebnisse zu sehen[37]. Die zweite Säule, der Entwicklungsprozess, wird in der Literatur ebenfalls kontrovers diskutiert. So wirken die Hierarchiebenen willkürlich festgelegt[38] und gelten nicht universell wie z.B. Künstler beweisen, welche höhere Bedürfnisse den unteren bevorzugen. Auch können Defizitbedürfnisse, wie beispielsweise Hunger oder Durst, nicht dauerhaft gestillt werden. Smith (1978) vertrat die Ansicht, dass Maslow seine Bedürfnispyramide an seinen Idealen ausgerichtet hätte und stellte die Idee in den Raum, welche Bedürfnisse entsprängen Heldenfiguren wie Napoleon oder Alexanders des Großen?[39]. Im humanpsychologischen Persönlichkeitsbild ist der Mensch tendenziell nur zum Guten fähig, laut Maslow sind „Destruktivität, Sadismus, Grausamkeit […] nicht inhärent, sondern wesentliche Reaktionen auf Frustrationen unserer inhärenten Bedürfnisse"[40]. Diese Aussage bezeichnet Myers und Gerrig (2014) in der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Situation sogar als Naivität[41].

2.3.2 Trait Theorien

Trait Theorien haben eine herausragende Bedeutung in der Persönlichkeitspsychologie. In den Trait Theorien (von engl. „trait“; Merkmal, Persönlichkeitszug) werden statische Persönlichkeitsmuster verwendet um Persönlichkeiten zu beschreiben. Ein Trait ist folglich ein „[…] typisches Verhaltens- oder Veranlagungsmuster, das sich in seiner Art zu fühlen und zu handeln ausdrückt […]“[42]. Diese Traits, bzw. Eigenschaften, sind in der Lage verschiedene Verhaltensweisen gebündelt zu beschreiben, so enthält „Introvertiertheit“ eine hohe Anzahl korrelierender Verhaltensformen wie z.B. leises Sprechen, zurückhaltende Gestik, das Meiden großer Gruppen, etc., was die Anwendung effizient macht.

Als Vorreiter gilt William Stern, der 1911 den Grundstein für die eigenschaftsorientierten Theorien legte, indem er nicht nur interindividuell Korrelationen zwischen Merkmalen und Variablen in einer Bezugsgruppe untersuchte, z.B. Korrelationen zwischen Körpergröße und Mut, sondern auch intraindividuelle Merkmalsmuster einzelner Personen miteinander verglich, z.B. wie ähnlich sind sich zwei verschiedene Personen[43].

Raymond Cattel erweiterte Sterns Ansatz 1946, indem er die Dimension der zeitlichen Stabilität der Merkmale, die „Messgelegenheiten“, in seine Theorie integrierte und ihm somit statt Sterns Merkmalen zeitstabile Eigenschaften zur Erfassung der Persönlichkeit zur Verfügung standen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Kovariationswürfel von Raymond Catell.

Quelle: Asendorpf und Neyer, 2012, S.15

Die Dimension der Messgelegenheiten bietet hier auch die Möglichkeit, die Messpunkte soweit auseinanderzulegen, dass Längsschnittstudien entstehen, welche die Persönlichkeitsentwicklung beschreiben. Im Sinne dieser Trait-Orientierten Sichtweise bleibt die gemessene Persönlichkeitseigenschaft sogar gleich, wenn sie sich bei allen gleich verändert hat, da sie immer in Bezug auf die Referenzgruppe gemessen wird[44]. Diese Überlegung muss beispielsweise bei der Interpretation von Intelligenztests berücksichtigt werden.

2.3.2.1 Anforderungen an Persönlichkeitseigenschaften

Da Traits ein psychologisches Konstrukt sind und nicht direkt beobachtet werden können, müssen sie über beobachtbares Verhalten operationalisiert werden. Dazu muss das Verhalten bzw. die zu beurteilende Eigenschaft bestimmte Bedingungen erfüllen[45]. Grundlegende Ansprüche an Traits sind Konsistenz und zeitliche Stabilität.

Konsistenz

Da Eigenschaften über Verhalten operationalisiert werden, Verhalten jedoch in verschiedenen Situationen variiert, muss der Begriff der Konsistenz in diesem Zusammenhang näher beleuchtet werden. Es wäre unrealistisch anzunehmen, dass z.B. die Lernbereitschaft eines Schülers (= Trait), unabhängig von Unterrichtsfach und Lehrkraft exakt gleicht bleibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Absolute transsituative Konsistenz.

Quelle: Eigene Darstellung.

Abbildung 4 zeigt exakt gleiches Verhalten in allen Situationen, sogenannte absolute transsituative Verhaltenskonsistenz. Diese ist jedoch nicht nötig für die Zuschreibung von Persönlichkeitseigenschaften[46].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Relative transsituative Konsistenz.

Quelle: Eigene Darstellung.

Um die Anforderungen an die Konsistenz einer Eigenschaft zu erfüllen reicht die relative transsituative Verhaltenskonsistenz wie in Abbildung 5 gezeigt, welche besagt, dass Variationen der untersuchten Eigenschaften gezeigt werden dürfen, wenn die Unterschiede bei verschiedenen Personen sich in den jeweiligen Situationen gleich verhalten.

Die in den meisten Studien gefundene niedrige transsituative Konsistenz brachte Mischel 1968 zu der Ansicht, dass die Situation, die der Persönlichkeit übergeordnete Komponente ist. Er fragte „“what is a personality test really telling us about a person?”[47] und zweifelte sogar am Konstrukt der Persönlichkeit. Diese dadurch ausgelöste lange Debatte endete erst 1994, als Shoda et. al (1994) zeigen konnten, dass stabile Situationsprofile mit einer niedrigen transsituativen Konsistenz vereinbar sind[48].

Als weitere Subkategorien von Konsistenz lässt sich die transmodale Konsistenz benennen. Die Transmodale Konsistenz beschreibt den Gleichklang zwischen den verschiedenen Modi wie Denken, Fühlen und Verhalten[49]. Sie läge dann vor, wenn die Differenzen zwischen Personen im Hinblick auf diese Komponenten konstant ausfallen, jemand beispielsweise um die gleiche Differenz positivere Gefühle für ein Objekt hat, um die gleiche Differenz positiver darüber denkt und sich um die gleiche Differenz positiver dazu verhält wie eine Vergleichsperson. Veranschaulicht werden kann diese relative transmodale Konsistenz am Drei-Komponenten-Modell der Einstellung[50], wie in Abbildung 6 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Transmodale Konsistenz.

Quelle: Eigene Darstellung, vgl. Bierhoff, 2006, S.328.

Zeitliche Stabilität

Eine weitere Voraussetzung für die Eignung von Traits ist deren zeitliche Stabilität. Es wäre nicht zielführend Typologien aufgrund Eigenschaftsstrukturen zu entwickeln, wenn diese Eigenschaften instabil sind und sich ändern. Für die zeitliche Stabilität lässt sich ähnlich wie bei der Konsistenz in relative und absolute Stabilität unterscheiden. Absolute zeitliche Stabilität entspräche einem exakt gleichen Verhalten über die Zeit, was in der Realität so nicht abgebildet wird und deshalb nicht sinnvoll erscheint. Bleiben jedoch die Verhaltensunterschiede zwischen Personen über die Zeit gleich, spricht man von relativer zeitlicher Stabilität, was dem Eigenschaftsbegriff genügend Rechnung trägt[51].

Anders formuliert verlangt der Begriff der zeitlichen Stabilität keine Konstanz individuellen Verhaltens über verschiedene Messzeitpunkte, sondern Konstanz interindividueller Verhaltensdifferenzen über Messzeitpunkte.

2.3.2.2 Hierarchisches Eigenschaftsmodell

Genügen die Traits dem wissenschaftlichen Eigenschaftsbegriff im Sinne von Konsistenz sowie relativer zeitlicher Stabilität, dann können sie dazu verwendet werden, die Persönlichkeitsstruktur zu beschreiben. Ein bekanntes Modell, das sich „in allen Bereichen der differentiellen Psychologie empirisch sehr gut bewährt hat“[52] ist das Hierarchische Eigenschaftsmodell. Es macht die tieferliegende strukturelle Dynamik deutlich und zeigt, dass das Verhalten einer Person durch die Traits beeinflusst wird und durch das Verhalten im Umkehrschluss auf die Traits geschlossen werden kann.

Auf der untersten Ebene findet sich konkretes beobachtbares Verhalten. Dieses Verhalten steht wie oben beschrieben in Wechselwirkung mit der aktuellen Situation und kann, wenn ähnliche Verhaltensweisen auftreten, zu Gewohnheiten gebündelt werden. Diese Bündelung erscheint dann gerechtfertigt, wenn die Verhaltensweisen korrelieren. Diese Verhaltensbündel nennt Eysenck den „habitual response level“[53] und ordnet sie direkt den Traits unter. Sich ergänzende, zusammenpassende Gewohnheiten werden in Traits zusammengefasst. Ähnliche Traits wiederum werden auf der letzten Hierarchiestufe, den „general types“[54] zusammengefasst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Hierarchisches Eigenschaftsmodell.

Quelle: Eigene Darstellung nach Eysenck, 1968, S.40.

An diesem Modell wird auch der Abstraktionslevel sichtbar gemacht, welcher die Entfernung anzeigt, die z.B. zwischen Offenheit und beobachtbarem Verhalten der Offenheit liegt.

Je höher die Hierarchiestufe, desto konsistenter und zeitlich stabiler sind die auf dieser Stufe festgestellten Persönlichkeitsunterschiede. Die Persönlichkeit wird meist auf Ebene 3 und Ebene 4 beschrieben[55]. Allerdings entfernt man sich mit höherem Abstraktionsniveau von den Verhaltensweisen und da, wie im Modell ersichtlich, viele Verhaltensweisen gebündelt werden, ist es nicht möglich ein konkretes, beobachtbares Verhalten vorherzusagen oder umgekehrt, aus einem beobachteten Verhalten auf eine höhere Ebene zu schließen. Neben Eysenck gingen auch Allport und Catell von einer hierarchischen Persönlichkeitsstruktur aus.

2.3.2.3 Idiographische und nomothetische Theorien

Während idiographische Persönlichkeitstheorien (von griech. idios = „eigen“) die Erforschung einzelner Personen im Fokus haben suchen nomotethische Theorien (von griech. nomos = „Gesetz“) nach allgemeinen Gesetzgebungen[56].

Dem idiographischen Spektrum zuzurechnen ist Gordon Willard Allport (1897 - 1967), Wegbereiter Eigenschaftstheoretischer Persönlichkeitspsychologie, der seinen Ansatz auf Traits gründete, welche er für neurophysiologisch angelegt ansah. Nach Allport entwickelt sich die Persönlichkeit durch Interaktion des Individuums mit der Umwelt, wobei die Traits die Wahrnehmung ebendieser beeinflussen. So werden beispielsweise Schüler mit hoher Lernbereitschaft „traitgesteuert“ Situationen bevorzugen, indem sie diese Lernbereitschaft aktiv ausleben können, was dazu führen kann, dass sich dies durch positive Erfahrungen weiter in der Persönlichkeit verankert[57]. Allports Forschung beruhte auf dem sogenannten psycholexikalischen Ansatz, der davon ausgeht, dass es für alle wesentlichen Eigenschaften beschreibende Wörter gibt bzw. es keine Eigenschaft ohne ein Wort dafür gibt. Er verdichtete nahezu 18.000 englische persönlichkeitsbeschreibenden Adjektive mit Hilfe der Faktorenanalyse in die drei Kategorien kardinale, zentrale und sekundäre Traits, welche angeben, wie stark von der Eigenschaft das Verhalten bestimmt wird[58]. Seinem großen Einfluss auf die Eigenschaftstheoretische Persönlichkeitspsychologie durch Forschung anhand des lexikalischen Ansatzes steht eine geringe Akzeptanz seiner Fokussierung auf Individuen, seiner idiographischen Methodik entgegen[59].

Berühmte Vertreter des nomothetischen Ansatzes sind Raymond Bernard Catell (1905-1998) und Hans Jürgen Eysenck (1916-1997), welche als die einflussreichsten Persönlichkeitspsychologen des letzten Jahrhunderts gelten[60]. Auch Catell und Eysenck gingen von einer hierarchischen Struktur anhand Traits aus, wobei Eysenck zusätzlich biologische Dispositionen in seinen Theorien verwendete. Catell griff Allports lexikalische Methodik auf und erstellte anhand der Faktoranalyse ebenfalls Gruppen von Eigenschaften. Während Allport diese Gruppen nach Wichtigkeit bzw. Einfluss auf das Verhalten ordnete, gruppierte Catell anhand des Inhaltes und unterschied: Fähigkeiten, Temperamentseigenschaften und dynamische Eigenschaften. Zur Erklärung und Vorhersage der Persönlichkeit wurden von Catell neben den Traits auch sogenannte States, also situative Einflüsse, berücksichtigt, welche emotional und motivatonalen Einfluss in positiver oder negativer Natur haben können. Catell stellte seine Analysen auf eine sehr breite Datenbasis, indem er nicht nur Testdaten und Selbstbeschreibungen verwendete, sondern auch sogenannte Life-Daten, die aus Tagebüchern, Schulzeugnissen o.ä. verfügbar gemacht werden konnten. Um die hierarchische Persönlichkeitsstruktur zu erforschen bedienten sich Eysenck und Catell einer ähnlichen Methodik: Während Eysenck Theorien über die Persönlichkeitsstruktur und die biologische Basis entwickelte und diese im nächsten Schritt empirisch prüfte, bevorzugte Catell abwechselnde Folgen von deduktiver Theorienbildung mit induktiver empirischer Auswertung[61].

Als Brücke zwischen idiographischen und nomothetischen Ansatz lässt sich festhalten, dass die individuelle Sichtweise prinzipiell durch die allgemeine, nomothetische, erklärt oder als singuläres Ereignis erkannt werden kann. Sie können sich gegenseitig ergänzen[62].

2.3.2.4 Zusammenfassende Betrachtung

Das Anliegen trait-orientierter Theorien ist es, die menschliche Persönlichkeit in ihrer Gesamtheit, statt in Ausschnitten zu betrachten[63]. Trait-Ansätze sind sehr gut dafür geeignet das durchschnittliche transsituative Verhalten vorauszusagen[64], was in vielen Problemstellungen, wie beispielsweise auch im Rahmen dieser Arbeit geeignet ist um Aussagen zu treffen. Individuelles Verhalten aufgrund von Traits vorauszusagen ist wegen des relativ hohen Abstraktionslevels wie oben beschrieben tendenziell nicht möglich. Auch lässt sich hierbei der starke Einfluss der Situation nicht isolieren, denn ein „Einzelfall ist immer […] durch singuläre Ereignisse geprägt“[65].

Die große Stärke der eigenschaftsorientierten Persönlichkeitsmodelle ist die konsequente Gründung auf Empirie und ihr stabiles Fundament, denn Längsschnittstudien zeigen, dass Eigenschaftsmerkmale selbst über längere Zeiträume stabil bleiben, und sich diese Stabilität mit steigendem Alter erhöht[66].

2.3.3 Psychodynamische Theorien

Psychodynamische Persönlichkeitstheorien erklären Differenzen in der Persönlichkeit durch interindividuelle Interaktionen zwischen bewussten und unbewussten Instanzen der Psyche[67] bzw. unterschiedlichen Triebstärken[68].

Begründet wurden psychodynamische Erklärungsmodelle durch Sigmund Freuds Psychoanalyse. Der promovierte Arzt konnte bestimmte Symptome seiner Patienten physiologisch nicht erklären und wurde dadurch motiviert, Konzepte zu entwickeln, welche dann unbewusste psychische Prozesse als Auslöser identifizierten.

Der unbewusste Bereich der Psyche enthält einen dynamischen Fundus an Wünschen, Motiven aber auch Konflikten, welche verhaltensbestimmend sein können. Diese Theorien liefern, obwohl initiiert durch die Behandlung psychischer Störungen, wertvolle Beiträge zu Persönlichkeitspsychologie.

2.3.3.1 Sigmund Freuds Modell

Freuds Modell ist ein Energiesystem, welches einen Energiefluss von biologischer zu psychischer Energie beschreibt[69]. Freud selbst hoffte bis zu seinem Tod, dass sich diese Energieimpulse nachweisen lassen, allerdings herrscht Konsens, dass der Begriff Energie lediglich theoretischer Natur ist und keine Entsprechung auf physiologischer Ebene hat[70]. Als generelle Triebe führt Freud den Sexualtrieb, Eros, sowie die Aggression, Destrudo, ein und ging von einem Drei-Instanzen-Modell der menschlichen Psyche aus, welches die Elemente Es, Ich und Über-ich enthält.

Das Es ist von Geburt an vorhanden und stellt das Reservoir der Instinkte und angeborener Dispositionen dar. Es interagiert nicht mit der Umwelt und kann das Verhalten nicht direkt beeinflussen.

Durch Kontakte mit der Außenwelt wird das Ich, ein dem Realitätsprinzip unterworfener bewusster Akteur, in einem Entwicklungsprozess gebildet[71].

Das Ich bildet im weiteren Verlauf der Sozialisation eine von Freud als Über-ich bezeichnete Instanz aus. Das Über-ich entspricht der Denkfigur eines Kontrollorgans, welches die Normen und Werte der Gesellschaft verinnerlicht hat und eine Eigendynamik entfaltet. Dieses Über-ich reagiert auf Verhalten des Ichs zum einen negativ mit Angst oder einem „schlechten Gewissen“, zum anderen mit positiv erlebten Emotionen bei Erfüllung der internalisierten Normen.

Fortan vermittelt das Ich zwischen dem Es und dem Über-ich mit dem Ziel der Triebbefriedigung. Die Struktur der Persönlichkeit besteht nun laut Freud in dem Ausgleichszustand, der Balance zwischen den internalisierten sozialen Normen sowie dem Lust suchenden, triebgeleiteten Es. Freuds Modell gründet sich auf die Dynamik zwischen Angst und Abwehrmechanismen. Freud differenziert Angst in eine neurotische Angst, diese resultiert aus einer möglichen Überforderung des Ichs aufgrund zu starker Triebimpulse des Es, einer Realangst durch Gefahrenimpulse aus der Umwelt sowie der moralischen Angst, welche entsteht wenn Ansprüche des Über-ich vom Ich nicht erfüllt werden können[72]. Angst ist laut Freud der Preis für eine Gesellschaft, in der Sexualtrieb und die Aggression nicht unkontrolliert ausgelebt werden können. Dem Ich stehen jedoch eine Reihe Abwehrmechanismen wie z.B. Verdrängung, Verleugnung oder Rationalisierung zur Verfügung[73]. Auch hier kann die getroffene Auswahl der Abwehrmechanismen sowie die Triebstärke als individuelle Struktur bezeichnet werden, was das Konzept im Kontext der Persönlichkeitspsychologie tragfähig macht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Drei-Instanzen-Modell

Quelle: Eigene Darstellung, vgl. Myers, S.554; Freud, 1917, S.92.

Freuds Ansatz um Zugang zu diesen unbewussten Prozessen zu erhalten, war über das Instrument der freien Assoziation sowie der Traumdeutung, wobei er davon ausging, dass die Instanz des Es bei der Kreation der Trauminhalte federführend ist. Als Entsprechungen des aktuellen Instrumentariums der Psychoanalyse können projektive Verfahren wie z.B. der Rorschachtest sowie thematische Azerptionstests genannt werden.

2.3.3.2 Neufreudianer

Alfred Adler, ehemaliger Schüler Sigmund Freuds, gilt als „Neofreudianer“[74] und entwickelte dessen Theorie weiter, betonte im Gegensatz zu Freud allerdings stärker die Rolle der bewussten Seele und räumte höheren Motiven sowie sozialen Interaktionen einen übergeordneten Stellenwert zu. Für verhaltensbestimmend hielt Adler nicht den Sexualtrieb, sondern die Verarbeitung einer „objektiven Minderwertigkeit“, entweder ausgelöst durch eine „Organminderwertigkeit“ oder der Tatsache, dass Kinder und Säuglinge den weiterentwickelten Erwachsenen unterlegen sind. Dieses Minderwertigkeitsgefühl wird durch die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls, das horizontale Streben, oder durch Erlangung von Macht, Geltung und Überlegenheit, dem vertikalen Streben, kompensiert[75]. In aktuellen Konzepten wie der Terror-Management-Theorie kann dieses Streben nach Geltung hier zu Kompensation zur grundsätzlichen Angst vor dem Sterben wiedergefunden werden[76]. Adler sah die Persönlichkeit statt durch den Sexualtrieb durch soziale Spannungsfelder repräsentiert.

Carl Gustav Jung, ein weiterer Schüler Sigmund Freuds, erweiterte das Unbewusste um „kollektive Wissensinhalte“. Damit sind Muster gemeint, welche alle Aspekte des Lebens beeinflussen und durch Vererbung weitergegeben werden. Diese Muster, sogenannte Archetypen, sind nicht direkt beobachtbar und treten nur als Auswirkung in Erscheinung. Diese Archetypen werden sehr kontrovers diskutiert. Einerseits werden vererbte Erfahrungen bestritten, andererseits gibt es Vertreter der Theorie, dass eine gemeinsame Evolution auch gemeinsame Dispositionen verursacht hat[77].

Jung fasst die Elemente der Persönlichkeit zusammen unter den vier Grundfunktionen Denken und Fühlen als rational bewertende Prozesse sowie bewusstes Empfinden und unbewusstes Intuieren in Kombination mit den Einstellungen Introversion und Extraversion als Orientierung an subjektiver Innenwelt oder objektiver Außenwelt[78]. Die Kombination dieser Funktionen und Einstellungen eröffnet C.G. Jung ein großes Spektrum zur Manifestation der Persönlichkeit.

2.3.3.3 Zusammenfassende Betrachtung

Grundsätzlich sind Darstellungen der Persönlichkeit, welche auf psychodynamischen Theorien fußen nicht unumstritten. So wurde Freuds Ansatz in Teilen bereits als verschrobene und unzulängliche Spekulation bezeichnet[79]. Da Freuds Persönlichkeitsmodell maßgeblich auf gehemmter Sexualität basiert, erscheint es beispielsweise widersprüchlich, dass trotz stetigem Rückgang der Hemmung der Sexualität seit Freuds Zeiten, die psychischen Störungen nicht abnehmen. Ein weiteres Kritikfeld stellen wissenschaftliche Qualitätskriterien dar, welchen die psychodynamischen Theorien nicht ausreichend genügen: Sie basieren auf wenigen qualitativen Beobachtungen und Hypothesen. Auch haben sie keine Vorhersagekraft, sondern sind rein retrospektive Erklärungsmodelle, was wissenschaftlich ungenügend erscheint[80]. Der Fokus psychodynamischer Theorien liegt auf der Bewertung von Kindheitserlebnissen, welche von Erwachsenen zur Definition der Persönlichkeit wiedergegeben werden. Diese Tatsache erscheint im Licht des bekannten „Erinnerungsfehlers“[81] fragwürdig oder laut Asendorpf sogar „inakzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft“. Meta-Analysen, welche sich mit Längsschnitt-Studien von Persönlichkeitseigenschaften befassen, zeigen eine lebenslange Veränderung der Mittelwerte bestimmter Ausprägungen der Persönlichkeit[82]. Diese empirisch untermauerten Ergebnisse widersprechen der Grundannahme psychodynamischer Theorien, dass die Persönlichkeit durch frühkindliche Erfahrungen gebildet wird.

Andererseits finden sich Freuds theoretische Konstrukte in modernen Theorien wieder, wie beispielsweise der Dual-Prozess-Theorie, welche bewusste und unbewusste Prozesse unterscheidet[83] die weitgehend Freuds Ich und den Es bzw. Über-ich Strukturen entsprechen oder das Konzept der Konsensüberschätzung, welches im Prinzip Freuds Abwehrmechanismus, der Projektion, entspricht.

2.3.4 Sozial-kognitive Theorien

Der grundsätzliche Tenor in sozial-kognitiven Theorien ist die Bestimmung der Persönlichkeit durch die Interaktion von Person und Situation. Trifft eine Person auf eine Situation, wird sie diese mit Hilfe vorgefertigter Denkmuster wie Schemata und Erwartungen in Kombination mit ihren Erinnerungen interpretieren und bewerten. Dies stellt die kognitive Komponente dieses Ansatzes dar. Der soziale Einfluss entsteht durch die Annahme, dass Verhalten seinen Ursprung im Modelllernen, also in der Beobachtung anderer oder in Konditionierung hat[84].

Im sozial-kognitiven Ansatz wird also davon ausgegangen, dass sich Verhalten, Umweltfaktoren und Intraindividuelle Unterschiede gegenseitig beeinflussen[85]. Albert Bandura, einer der Hauptvertreter des sozial-kognitiven Ansatzes, spricht von einem „triadic reciprocal determinism“, also einer Ableitung der Persönlichkeit von drei Einflussfaktoren[86].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Reziproker Determinismus.

Eigene Darstellung, vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.579.

Im Paradigma der sozial-kognitiven Theorien ergibt sich die Persönlichkeit als Ergebnis dieser drei in Wechselwirkung stehenden Bestimmungsfaktoren. Jeder Einflussfaktor wirkt grundsätzlich in zwei Richtungen, was dazu führt, dass beispielsweise das Verhalten der Lehrkraft in Abbildung 9, nicht nur Ergebnis, sondern auch Ursache ist. Gereiztes Verhalten beispielsweise wechselwirkt mit der Umwelt, im Beispiel der Reaktion der Schüler, sowie den Kognitionen, hier den Vorstellungen vom Ablauf des Unterrichts und wird wiederum von diesen beeinflusst.

[...]


[1] Vgl. Schuhmacher et al., 2012, S. 3

[2] Vgl. DAK, 2011. Online unter: https://www.dak.de/dak/download/Studie_Lehrergesundheit-1318902.pdf [zuletzt online: 19.10.2016]

[3] Vgl. ebenda.

[4] Vgl. DAK, 2011. Online unter: https://www.dak.de/dak/download/Studie_Lehrergesundheit-1318902.pdf [Letzter Zugriff 19.10.2016]

[5] Vgl. Knaus, 2013. Online unter: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/schulpolitik-inklusion-ueberfordert-lehrer/8984614-4.html [Letzter Zugriff 25.09.2016]

[6] Vgl. OECD, 2016. Online unter: http://www.oecd.org/berlin/presse/deutschlands-pisa-ergebnisse-stabil-ueber-dem-oecd-durchschnitt-06122016.htm [Letzter Zugriff 05.01.2017]

[7] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.4ff.

[8] Vgl. ebenda, S.2

[9] Vgl. Laucken/Kaminski, 1974, S.59

[10] Vgl. Laucken/Kaminski, 1974, S.61.

[11] Ebenda, S.62.

[12] Vgl. Laucken und Kaminski, 1974, S.64.

[13] Vgl. ebenda, S.129.

[14] Ebenda, S.159.

[15] Vgl. Laucken/Kaminski, 1974, S.159.

[16] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.6.

[17] Vgl. Bak, 2015, S.8.

[18] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.6.

[19] Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.552.

[20] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.2.

[21] Herrmann, 1976, S.25.

[22] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.586.

[23] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.2.

[24] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.36 ff.

[25] Vgl. Myers/ Hoppe-Graf, 2014, S.565.

[26] Vgl. Maslow, 2013, S.66 ff.

[27] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.38.

[28] Vgl. Myers/ Hoppe-Graf, 2014, S.440.

[29] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.38.

[30] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.566; Rogers, 1980, S.116 ff.

[31] Rogers, 1980, S.57.

[32] Vgl. Rogers, 1980, S.116.

[33] Vgl. Bak, 2016, S.79 ff.

[34] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.40.

[35] Vgl. ebenda, S.41 ff.

[36] Vgl. Bak, 2016, S.79 ff.

[37] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.171.

[38] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, 2014, S.442.

[39] Vgl. Smith, 1991, S.11.

[40] Vgl. Maslow, 1997, S.21.

[41] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.568.

[42] Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.569.

[43] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.26.

[44] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.27.

[45] Vgl. Schmitt et al., 2010, S. 70.

[46] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.70.

[47] Mischel, 1968, S.181.

[48] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.29.

[49] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.72.

[50] Vgl. Bierhoff, 2006, S.328.

[51] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.72.

[52] Ebenda, S.73.

[53] Vgl. Eysenck/Eysenck, 1968, S.40

[54] Vgl. ebenda, S.41.

[55] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.74.

[56] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.30.

[57] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.80 ff.

[58] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.569.

[59] Vgl. Schmitt et al., 2010, S. 81.

[60] Vgl. ebenda, S.82.

[61] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.91

[62] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.31.

[63] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.69.

[64] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S. 567.

[65] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.32.

[66] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.575.

[67] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 201, S.552 ff.

[68] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.28.

[69] Vgl. Schmitt et al., 2010, S. 19ff.

[70] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.8.

[71] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.9.

[72] Vgl. Asendorpf/Neyer, 2012, S.11 ff.

[73] Vgl. ebenda.

[74] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.558.

[75] Vgl. Rattner, 1974, S.14 ff.

[76] Vgl. Tichy, 2013, S.6: „Die Terror-Management-Theorie“. Online unter: http://www.jp.philo.at/texte/TichyL1.pdf [letzter Zugriff: 13.12.2016]

[77] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S. 559.

[78] Vgl. Schmitt et al., 2010, S.26 ff.

[79] Vgl. Shedler, 2011, S.265. Online unter: http://psychoanalyse-universität.de/wp-

content/uploads/2013/08/Die-Wirksamkeit-psychodynamischer-Psychotherapie.pdf

[Letzter Zugriff 02.10.2016]

[80] Vgl. Myers/Hoppe-Graf, 2014, S.562.

[81] Vgl. ebenda, S.357 ff.

[82] Vgl. Roberts et al., 2006, S.1.

[83] Vgl. Chaikin und Trope, 1999. S.86

[84] Vgl. Myers/ Hoppe-Graf, 2014, S.578

[85] Vgl. Frey und Irle, 2010, S.277.

[86] Vgl. Bandura, 1986, S.2 ff.

Ende der Leseprobe aus 159 Seiten

Details

Titel
Resilienz und Persönlichkeit im Lehrerberuf. Methoden zur nachhaltigen Steigerung der psychischen Widerstandskraft
Autor
Jahr
2018
Seiten
159
Katalognummer
V419486
ISBN (eBook)
9783956875076
ISBN (Buch)
9783956875090
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Persönlichkeit, Big Five, Interventionen, Lehrer, Lehrerberuf, Stress, Belastung, Burnout
Arbeit zitieren
Frank Pavlon (Autor), 2018, Resilienz und Persönlichkeit im Lehrerberuf. Methoden zur nachhaltigen Steigerung der psychischen Widerstandskraft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419486

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