Die Entdeckungsfahrten von Kapitän James Cook am Ende des 18. Jahrhundert üben bis heute eine Faszination auf die Menschen aus. So sehr die 1777 von Georg Forster veröffentlichte Reisebeschreibung „A Voyage Round The World“ über die zweite Weltumsegelung ein breites Publikum entzückte, so sehr wurde auch Lukas Hartmanns Roman „Bis ans Ende der Meere“ aus dem Jahr 2009 begeistert aufgenommen. Historisch werden die Weltumsegelungen heute dem sogenannten Zweiten Entdeckungszeitalter zugeordnet, in dem europäische Expeditionen erstmals explizit auch mit wissenschaftlichem Erkenntnisanspruch durchgeführt wurden. Dieser Paradigmenwechsel lässt sich auch in Forsters Reisebeschreibung erkennen: Das „Fremde“ wird von ihm genau beobachtet und ganz im Sinne eines von Rousseau geforderten philosophischen Reisenden für das Publikum „daheim“ beschrieben und reflektiert. Besondere Bedeutung erhalten dabei seine Ausführungen über die „wilden“ Bevölkerungen des Südpazifiks, die die Grundlage vieler zeitgenössischer anthropologischer Entwürfe der Aufklärungsphilosophen bildeten. So unterschiedlich die Philosophen die „Wilden“ allerdings bewerteten, so sehr scheint auch Forsters Werk durch eine innere Ambivalenz gekennzeichnet zu sein. Die Begegnungen zwischen den Europäern und den Einheimischen werden im Verlauf des Berichtes „unterschiedlich, ja widersprüchlich“ eingeschätzt, was sich auch auf seine Beurteilung der Expedition auswirkt. Bringt die Zivilisation den Menschen Glück oder Unheil? Diese Frage wird nicht nur für Forsters Reisebeschreibung wichtig, sondern stellt auch einen der zentralen Aspekte in Lukas Hartmanns Roman über die dritte Weltumsegelung von Cook dar. Im Folgenden soll deshalb die Beurteilung der europäischen Entdeckungsfahrten vergleichend untersucht werden. Unerlässlich ist dafür ein Verständnis des zugrundeliegenden Menschenbildes: Wie werden die „Wilden“ und wie wird die eigene Kultur bewertet? Um diese Frage zu klären, wird zunächst der zweifelsohne beeinflussende Diskurs der Aufklärung skizziert, bevor dann auf die Darstellungen von Forster und Hartmann eingegangen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Zivilisationsdebatte der Aufklärung
3. Scheitern an den eigenen Maßstäben: Der Zivilisationsdiskurs bei Forster
4. „Wilde sind wir selbst“: Der Zivilisationsdiskurs bei Lukas Hartmann
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht vergleichend die Beurteilung europäischer Entdeckungsfahrten in Georg Forsters „Reise um die Welt“ sowie in Lukas Hartmanns Roman „Bis ans Ende der Meere“. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die Ambivalenz des Aufklärungsdiskurses und das Verhältnis zwischen „Zivilisation“ und „Naturzustand“ in beiden Werken reflektiert und durch eine Dekonstruktion der eigenen kulturellen Überlegenheit kritisch hinterfragt wird.
- Ambivalente Darstellung von „Zivilisation“ und „Naturzustand“
- Kritische Analyse des kolonialen Sendungsbewusstseins und seiner Schattenseiten
- Rolle des Menschenbildes in der Aufklärungsdebatte
- Dekonstruktion der Dichotomie zwischen „Wilden“ und „Europäern“
- Reflektion über das Scheitern an den eigenen moralischen Ansprüchen
Auszug aus dem Buch
Scheitern an den eigenen Maßstäben: Der Zivilisationsdiskurs bei Forster
„Seine ‚Reise um die Welt‘ ist eine der ersten von der Art des Reiseberichts, die im 18. Jahrhundert aufkommt, ist Reisebericht der Aufklärung.“
Als Georg Forster zusammen mit seinem Vater Johann Reinhold Forster am 13. Juli 1772 an Bord der Resolution in See stach, war er gerade mal 17 Jahre alt. Sehr kurzfristig hatte sein Vater das Angebot erhalten, sich der zweiten Weltumsegelung von Kapitän James Cook als Naturforscher anzuschließen und konnte durchsetzen, dass sein Sohn ihn dabei begleitete. Es war nicht die erste Reise, die Vater und Sohn zusammen unternahmen. Schon vorher hatte der junge Forster seinen Vater nach Russland und London begleitet und sich währenddessen nicht nur viele Sprachen, sondern auch umfassende botanische Kenntnisse angeeignet.
Nach der Rückkehr von der dreijährigen Expedition war es eigentlich der Auftrag des Vaters, einen wissenschaftlichen Bericht über die Reise zu erstellen, doch schon bald geriet er durch sein „bürgerlich-freiheitliches Denken“ in Konflikt mit der Admiralität und man entzog ihm die Genehmigung hierfür. Sein Sohn Georg Forster hingegen war an keinerlei Verträge gebunden und so übernahm er es, mit Hilfe der Aufzeichnungen des Vaters und eigener Notizen, eine Reisebeschreibung zu verfassen, die nach nur acht Monaten im Englischen erschien – sechs Wochen vor Veröffentlichung des offiziellen Berichtes. Das Interesse in der Gesellschaft nach Erzählungen aus der „neuen, fremden Welt“ der Südsee war zu dieser Zeit immens, sodass Forsters Reise um die Welt sowohl von der Fachwelt als auch von der breiten Öffentlichkeit begeistert aufgenommen wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Entdeckungsfahrten von James Cook und die wissenschaftliche Relevanz der Reiseberichte von Forster und Hartmann hinsichtlich der Zivilisationsdebatte.
2. Die Zivilisationsdebatte der Aufklärung: Skizzierung der vielschichtigen und widersprüchlichen philosophischen Diskurse der Aufklärung über Naturzustand und Fortschritt.
3. Scheitern an den eigenen Maßstäben: Der Zivilisationsdiskurs bei Forster: Analyse der Ambivalenz in Forsters Reisebeschreibung, die zwischen wissenschaftlichem Interesse und kritischer Reflexion des europäischen Einflusses schwankt.
4. „Wilde sind wir selbst“: Der Zivilisationsdiskurs bei Lukas Hartmann: Untersuchung der historischen Fiktion von Hartmann und wie der Maler Webber als Protagonist die Zivilisationskritik und das eigene „Wildsein“ thematisiert.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse, wonach weder bei Forster noch bei Hartmann eine eindeutige Dichotomie zwischen Zivilisation und Wildheit existiert.
Schlüsselwörter
Georg Forster, Lukas Hartmann, Aufklärung, Zivilisationsdebatte, Entdeckungsfahrten, James Cook, Kulturbegegnung, Reisebeschreibung, Ambivalenz, Kolonialismus, Naturzustand, Menschenbild, Historische Fiktion, John Webber, Südpazifik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie zwei literarische Werke unterschiedlicher Epochen – Forsters Reisebericht aus dem 18. Jahrhundert und Hartmanns moderner Roman – die europäischen Entdeckungsfahrten und das Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen bewerten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen der Zivilisationsbegriff der Aufklärung, die Rolle des Naturzustands, der Einfluss kolonialer Ambitionen sowie die kritische Selbstreflexion der Europäer über ihr eigenes Handeln in der Fremde.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass sowohl Forster als auch Hartmann eine klare Einteilung der Welt in „zivilisierte“ Europäer und „wilde“ Völker verwerfen und stattdessen die Ambivalenz des eigenen Anspruchs thematisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textimmanente Interpretationen und vergleichende Untersuchungen nutzt, um die Zivilisationsdiskurse in den beiden Werken herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Aufklärung sowie eine detaillierte Analyse der Darstellung der „Wilden“ und der „Europäer“ bei Forster und Hartmann, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Schiffsbesatzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Aufklärung, Zivilisationskritik, Ambivalenz, Kolonialismus, Naturzustand und das Motiv des „Fremden“.
Wie unterscheidet sich die Darstellung bei Hartmann von der bei Forster?
Während Forster als Zeitzeuge berichtet, nutzt Hartmann das Verfahren der historischen Fiktion und nutzt die Figur des Malers Webber, um durch Messegespräche verschiedene Positionen der Aufklärung lebendig und differenziert gegeneinander abzuwägen.
Welche Bedeutung kommt der Figur von John Webber in Hartmanns Roman zu?
Webber fungiert als „Beobachter“, der zwar zunächst Distanz wahren möchte („Ich urteile nicht“), im Verlauf der Reise jedoch zunehmend erkennt, dass die Zivilisation nur ein „dünner Firnis“ ist und Gewalt ein menschliches Grundübel darstellt.
- Arbeit zitieren
- Anna Krenn (Autor:in), 2017, Was mussten die Wilden von uns denken? Über die Ambivalenz Georg Forsters Reisebeschreibung bezüglich der Zivilisationsdebatte und Hartmanns Aufarbeitung in seinem Roman „Bis ans Ende der Meere“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419797