Zur Darstellung und Wirkungsweise Gottes in Wirnt von Grafenbergs "Wigalois"


Hausarbeit, 2017
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1. Einleitung

Gott, so heißt es, sieht alles. Er ist allwissend, allmächtig und gütig. Dennoch gibt es gewisse Widersprüche in seinem Wirken, die seit Jahrhunderten Philosophen und Theologen beschäftigen. Etwa die Frage, warum der allmächtige, allwissende Gott sich während der sechs Tage dauernden Genesis siebenmal selbst versichern musste, dass seine Schöpfung ‚gut’ ist. Gut im Gegensatz wozu? Bestand die Möglichkeit, dass entgegen der Macht des Allmächtigen doch etwas Ungutes Einzug in sein Werk hält? Und warum wirft Gott seine eigenen - angeblich doch guten - Kreaturen aus dem Paradies, ganz überrascht von deren Schlechtigkeit? Ein offensichtlicher Widerspruch.1

Warum Gott Evas Fehlgriff nicht voraussehen konnte, ist nicht Thema dieser Hausarbeit. Wohl aber befasst sich die Ausarbeitung unter anderem mit der Frage, warum sich Gott in Wirnt von Grafenbergs Artusroman ‚Wigalois’ zuweilen ebenso widersprüchlich verhält, wie im Paradies. Weshalb etwa straft er den gottgläubigen, gegen die Armen großzügigen König Jorel mit zehn Jahren Fegefeuer, während der Heide Roaz, der ihm das Land stahl und ihn und seine Ritter heimtückisch meuchelte, ein glückliches Leben führt? Und was steckt dahinter, wenn er dem Helden des Romans immer wieder hilft, auch gern dann, wenn Wigalois schon bei kleineren Schwierigkeiten lethargisch wird, sich, wie bei der Schwertradepisode, kurzerhand schlafen legt und darauf vertraut, dass Gott schon alles richten wird, statt selbst aktiv zu werden?

Um die Darstellung von Gott und göttlichem Wirken abzurunden, wird auch untersucht, wer wann und wofür betet, welche Rolle Frömmigkeit im Roman spielt und welche der Figuren mit Gott – subtil oder explizit – in Verbindung gebracht werden. Dafür wird besonders die recht offensichtliche Erlöserfunktion von Wigalois untersucht, wie auch bestimmte Parameter bei der Darstellung weiblicher Schönheit.

Geleitet wird die Hausarbeit von der These, dass Wigalois ohne Gottes Hilfe scheitern würde, mehr noch, im Grunde kein Held ist, sondern ein ritterlicher Antiheld, dessen maßgebliche Schwäche seine übersteigerte Gottergebenheit ist, denn „[d]er Held wird Held nur, indem er handelt“2, und eben das vermeidet Wigalois in Schlüsselmomenten. Stattdessen erledigt der titelgebende Held „seine Aufgabe in dem Bewusstsein, Gottes Beistands zu bedürfen“3, was von Vornherein wie eine wenig heldenhafte Einstellung anmutet.

Textgrundlage für diese Ausarbeitung ist die zweite überarbeitete Auflage des Textes von Sabine und Ulrich Seelbach, die 2014 beim Verlag de Gruyter erschien. Als Textkürzel in den Fußnoten wird im folgenden ‚WGL’ verwendet.

2. Welche Rolle spielen Gott und Frömmigkeit im Roman?

Im Allgemeinen gilt das Mittelalter, also der Handlungs- und Entstehungszeitraum des ‚Wigalois’ als ein Zeitalter, in dem Kirche, Gott und Frömmigkeit deutlich ausgeprägter waren, als in der aufgeklärten Postmoderne, in der Religion kaum noch eine Rolle spielt, per Verfassung, zumindest in Deutschland, vom Staat getrennt ist und Religion vom öffentlichen Leben tendenziell in den privaten Bereich transferiert wurde. Das ist allerdings nur bedingt korrekt, „entfaltet [doch] das Hochmittelalter eine Pluralität an Gottesbildern und religiösen Entwürfen, die die Rede vom >christlichen Mittelalter< in ihrer Eindimensionalität fragwürdig erscheinen lassen.“4 Eine Zeit, die geprägt ist „von Gegenpäpsten, dem großen Kirchenschisma und dem Investiturstreit“5, lässt sich kaum konsistent mit einem Homogenität andeutenden Begriff wie ‚das christliche Mittelalter’ etikettieren. Ebenso wenig eindeutig, so wird gezeigt werden, steht es mit dem Verhältnis von Gott und Frömmigkeit zu den handelnden Figuren in ‚Wigalois’.

2.1 - Frömmigkeit im ‚Wigalois’

Es ist recht auffällig, wie selten Gott und ihm dienende Lebensentwürfe in den ersten Kapiteln des Romans erwähnt werden. Sieht man vom Prolog ab, fällt der Begriff ‚Gott’ zum ersten Mal in Vers 529, als Gawein dem Überbringer des Gürtels nachreitet und das zweite Kapitel schon fast vorbei ist: „ daz ingesinde sach im [Gawein] nâch/ und bat got sînes lîbes pflegen.6

Auffällig ist die späte Erwähnung auch deshalb, weil zu Beginn des Kapitels das Hofleben an Karidol geschildert wird und sich eigentlich reichlich Gelegenheit geboten hätte, zu erwähnen, wie fromm, gottergeben, oder frei von Sünde die Bewohner Karidols sind, oder wie der Reichtum des Hofes gottgegeben ist. Es ist wiederholt die Rede von der „ vrümicheit7 der Ritter, wie der Palast von „ grôzer rîcheit8 ist und sich die Bewohner mit „ vil manic maget sûberlîch9 umgeben. Aber über Religion, Gott oder die ausgeprägte Christlichkeit der Bewohner - kein Wort. Offensichtlich ist Gottergebenheit keine Eigenschaft, die dem Erzähler nennenswert erscheint, wenn es um die Vorzüge der Jungfrauen und Ritter oder gar des Königs geht.

Auch Wigalois selbst bekam von Gott zwar einen „ schœnen lîp und ganze tugent10, Frömmigkeit oder ein ausgeprägter Glaube sind jedoch anscheinend kein erzählenswerter Teil seiner Erziehung; stattdessen wird Wigalois „ gewizzen und güete11 beigebracht – Konstrukte, die mit allergrößter Wahrscheinlichkeit mit dem Konzept von Gott, Tugend usw. vermittelt wurden, aber explizit erwähnt wird dieser Umstand nicht.

Auf den ersten Blick scheint es, dass Religion oder Glaube kaum eine Rolle spielen. Erst im weiteren Verlauf des Romans wird die Bedeutung religiöser Konzepte deutlicher. „ guoten glouben hêt er ie12, heißt es über Wigalois und es ist vielsagend, dass dessen erste Frage an den eben wieder vom Tier zurückverwandelten König Jorel am Anger in Korntin lautet, ob er an Christus glaube.13 Wohl am deutlichsten wird die Gottergebenheit des Helden bei seinem Liebesgeständnis an Larie, in die er sich zwar auf den ersten Blick unsterblich verliebt, aber dennoch macht er keinen Hehl daraus, dass sie trotz des Zutuns der Minne erst an zweiter Stelle14 kommt: „ ich wil mit dienest neigen/ mînen lîp in iuwer gebot,/ wand ich hân iuch mir nâch got/ zeiner gebieterinne erkorn.15 Da der Roman mit der Behauptung des Erzählers endet, dass Wigalois und Larie ins Paradies gekommen seien, kann wohl auch davon ausgegangen werden, dass Gott das „ reine [] leben16 der beiden als würdig und makellos erachtet.17

2.2 - Gottes Figuren

Im ‚Wigalois’ werden wiederholt körperliche Aspekte, besonders die von Frauen, als ‚göttlich’, bzw. ‚von Gott verliehen’ beschrieben.18 Einen Sonderfall, wenn auch keine Ausnahme, bildet hier die Darstellung von Florie, Wigalois’ Mutter: Sie wird trotz ihrer detailliert geschilderten Schönheit lange Zeit nicht mit einer Göttin19 verglichen. Stattdessen ist ihr Äußeres mit einschlägigen Hinweisen versehen, die Parallelen zur Jungfrau Maria zumindest nahelegen: So trägt sie ein blendend weißes Gewand20, das sie wie eine göttliche Erscheinung strahlen lässt, und einen leuchtenden Stein, der „ vor der juncvrouwen […] schein/ des nahtes swâ si gie21. Flories Jungfrauenstatus wird auch immer wieder22 betont, was möglicherweise beim Leser noch mehr Assoziationen zur biblischen Maria hervorrufen soll. Ihre Ohren und Wangen werden in Vers 888 und 898 schließlich doch explizit als gottgleich beschrieben, was in dem mehr als 200 Verse umfassenden Abschnitt zur Huldigung Flories recht spät ist. Es wirkt fast so, als hätte der direkte Vergleich vermieden werden sollen, um ihm schließlich doch nachzugeben.

Nicht nur Äußerlichkeiten stellen Parallelen zwischen Gott und den Figuren her, sondern auch implizite Gleichsetzungen zwischen den Figuren und Gott bzw. Jesus. Eine sehr deutliche ‚Gottesfigur’ ist natürlich Wigalois selbst.23 Seine Erlöserfunktion wird mehrfach explizit erwähnt, etwa als es um die Rückeroberung von Korntin geht: „ nu hât dich got her gesant/ das du uns erledigen solt24. Wigalois’ Reise nach Korntin wird seitens der Forschung auch überwiegend als „Jenseitsreise“25 in eine gedachte Unterwelt gelesen.

Subtiler und vielleicht grade deshalb noch deutlicher wird Wigalois’ Erlöserstatus26 als er unmittelbar vor der Begegnung mit Larie bei Hof eingeführt wird:

[...]


1 Vgl.: Padeken, Dirk: Das Böse in der amerikanischen Literatur. You Have Reason To Wonder That You Are Not Already In Hell. Hamburg 2008, S. 7 f.

2 Weinelt, Nora: Zum dialektischen Verhältnis der Begriffe ‚Held‘ und ‚Antiheld‘. Eine Annäherung aus literaturwissenschaftlicher Perspektive. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 3 Freiburg 2015, S. 15–23, hier S. 16. Einzusehen unter https://www.sfb948.uni-freiburg.de/e-journal/ausgaben/012015/helden_heroes_heros_3_1_2015_weinelt; abgerufen am 22.03.2017.

3 Fasbender, Christoph: Der ›Wigalois‹ Wirnts von Grafenberg. Eine Einführung. Berlin/New York 2010, S. 180.

4 Wagner, Silvan: Postmodernes Mittelalter? Religion zwischen Alterität und Egalität. In: Braun, Michael (Hrsg.): Wie anders war das Mittelalter? Fragen an das Konzept der Alterität. Göttingen 2013, S. 181-204, hier S. 186.

5 Ebd., S. 188.

6 WGL, S. 15, V. 528 f.

7 WGL, S. 7, V. 153. – Trotz der Ähnlichkeit zum neuhochdeutschen Wort ‚Frömmigkeit’ wurde die Vokabel mit ‚Tapferkeit’ übersetzt.

8 Ebd., S. 8, V. 198.

9 Ebd., V. 230.

10 Ebd., S. 31, V. 1245.

11 Ebd., V. 1229.

12 Ebd., S. 145, V. 6203.

13 Vgl.: Ebd., S. 110, V. 4651 f.

14 Umgekehrt ist es ebenso; vgl.: Ebd., S. 217, V. 9396 f.

15 Ebd., S. 207, V. 8981-8984.

16 Ebd., S. 268, V. 11700.

17 Vgl.: Ebd., V. 11700 ff.

18 Vgl. bspw. bei Larie - WGL, S. 98, V. 4131.

19 Wohl aber wird sie mit dem sinnverwandt gebrauchten Begriff „ keiserinne “ bezeichnet. Vgl.: Ebd., S. 20, V. 734.

20 Vgl.: Ebd., V. 759-764.

21 Ebd., S. 22, V. 830-845.

22 Vgl. bspw. V. 743, 843, 930, usw.

23 An dieser Stelle kann aus Platzgründen nur ein kurzer Abriss über die vielen Anspielungen auf Wigalois als Christusfigur gegeben werden. Ausführlicher siehe: Beifuss, Helmut: Wigalois – ein Ritter Gottes? Eine handlungsanalytische Studie. Hamburg 2016.

24 WGL, S. 111, V. 4701 f.

25 Jaeger, Achim: Ein jüdischer Artusritter. Studien zum jüdisch-deutschen ›Widuwilt‹ (›Artushof‹) und zum ›Wigalois‹ des Wirnt von Gravenberc. Tübingen 2000, S. 257.

26 Ausführlicher zum Erlöserstatus siehe u. a. Beifuss, Helmut: Wigalois – ein Ritter Gottes? Eine handlungsanalytische Studie. Hamburg 2016 und Thomas, John Wesley: Wigalois, the knight of fortune’s wheel. University of Nebraska Press 1977.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur Darstellung und Wirkungsweise Gottes in Wirnt von Grafenbergs "Wigalois"
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Ältere deutsche Literaturgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V419828
ISBN (eBook)
9783668685833
ISBN (Buch)
9783668685840
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wigalois, Wirnt von Grafenberg, Mediävistik, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Religion, Gott, Wunder, Frömmigkeit, Wirnt von Gravenberg, Wirnt von Gräfenberg, Ritter, Artussage
Arbeit zitieren
Steffen Kutzner (Autor), 2017, Zur Darstellung und Wirkungsweise Gottes in Wirnt von Grafenbergs "Wigalois", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419828

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