Das erste bürgerliche Trauerspiel "Miss Sara Sampson" von Lessing. Rezeptionsgeschichte im Vergleich mit "Nathan der Weise"


Hausarbeit, 2016
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Vorwort

1 Einleitung

2 „Miss Sara Sampson“
2.1 Inhaltangabe
2.2 Dramentheorie des bürgerlichen Trauerspiels
2.3 Rezeptionsgeschichte
2.4 Reflexion der eigenen Leseerfahrungen
2.4.1 Vergleich mit „Kabale und Liebe“

3 „Nathan der Weise“
3.1 Inhaltsangabe
3.2 Dramentheorie des dramatischen Gedichts
3.3 Rezeptionsgeschichte
3.4 Reflexion der eigenen Lektüreerfahrungen

4 Empfehlung

5 Fazit und Beantwortung der Problemstellung

6 Anhang (Schülertagebuch/ Arbeitsprozessbericht)

Quellen- & Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Hörbuch

Internetquellen

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei Frau Godomski für ihre wertvollen Ratschläge,

kritischen Bemerkungen, ihre Geduld und ihre Zeit sehr bedanken.

Vorwort

„Miss Sara Sampson“.

Wie die meisten Deutschen hatte ich vor meinem Anderen Leistungsnachweis noch nie von diesem Drama gehört, obwohl es von einem der berühmtesten deutschen Schriftsteller - Gottfried Ephraim Lessing - geschrieben wurde. Man fragt sich, warum es im Gegensatz zu Lessings „Nathan der Weise“ so unbekannt ist, obwohl „Miss Sara Sampson“ als deutsches Begründerwerk der neuen Dramengattung des bürgerlichen Trauerspiels angesehen wird.1 Doch was ist ein bürgerliches Trauerspiel und warum ist „Nathan der Weise“ ein dramatisches Gedicht? Weshalb das Stück „Miss Sara Sampson“ in Vergessenheit geraten ist, werde ich mithilfe von Rezeptionsgeschichte und Dramentheorie auf den folgenden Seiten erläutern.

Ich habe mich innerhalb von sechs Wochen zu einer großen Bewunderin von G.E. Lessing entwickelt und hoffe, dass ich Sie auch zum Lesen von „Miss Sara Sampson“ motivieren und Ihnen Lust auf Lessings Dramen machen kann.

1 Einleitung

Sowohl „Miss Sara Sampson“ als auch „Nathan der Weise“ werden in die Literaturepoche der Aufklärung, welche die Zeit von 1700 bis 1789 umfasst, eingeordnet. Man spricht auch von dem „Zeitalter der Vernunft“ oder des Rationalismus. Aufklärer sind der Überzeugung, dass es eine angeborene Humanität gibt und jeder Mensch, ungeachtet dessen Herkunft, eine geistige Freiheit besitzt.2

Lessing, der im Namen der menschlichen Vernunft zu Toleranz und selbstständigem Denken aufrief, ist einer „der bedeutendste[n] Vertreter der deutschen Aufklärung.“ Für ihn ist das Bemühen um die „Erkenntnis der Wahrheit“ und nicht die Wahrheit an sich, anzustreben.2

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht.3

Überzeugt, dass der Umdenkprozess jedes einzelnen Menschen die Grundvoraussetzung für Humanität ist, lässt sich Lessing nicht von seiner optimistischen Denkweise abbringen. Er macht es sich zur Lebensaufgabe, die Aufklärung voranzubringen und eine Bewusstseinsänderung der Bevölkerung hervorzurufen, indem er lehrende Dramen schreibt. Angestrebt werden die lehrende Menschenliebe und die sittliche Besserung des Zuschauers, welche aus der Aufklärungstheorie enthoben und lebendig erfahrbar gemacht werden.2

Thomas Rahner hat dies exemplarisch zusammengefasst:

„Lessings ‚Nathan der Weise‘ kritisiert unaufgeklärtes Denken, wie es sich in Intoleranz, Unversöhnlichkeit und religiösem Fanatismus ausdrückt, und zeigt Wege auf, die zu einer menschlicheren Welt führen.“4

Die engen Grenzen der bloßen Belehrung verlassend, wird Lessing zum wahren Erzieher seiner Zeitgenossen und somit auch zum Wegbereiter der klassischen Sittlichkeit, was sich in Nathans Wille der Versöhnung und die von ihm ausgeführte Belehrung seiner Mitmenschen widerspiegelt.5

2 „Miss Sara Sampson“

2.1 Inhaltangabe

Das adlige Mädchen Sara ist mit ihrem Verführer Mellefont von zuhause entlaufen und lebt mit ihm in einem Gasthof in England. Mellefont scheut vor einer Ehe zurück, will jedoch mit Sara nach Frankreich, sobald er seine Erbschaft erhalten hat. Marwood, die frühere Geliebte Mellefonts, will diesen für sich zurückgewinnen. Als Mellefont ihr erklärt, dass er nie zu ihr zurückkehren wird, greift Marwood auf die gemeinsame Tochter Arabella zurück. Ihr Mordversuch an Mellefont scheitert, doch sie kann ihn dazu überreden, sie Sara als dessen Verwandte vorzustellen. Im Verlauf der hochdramatischen Unterhaltung der beiden Rivalinnen gibt Marwood ihre wahre Identität preis und mischt am Ende, vor ihrer Flucht, Gift in die Arznei ihrer in Ohnmacht gesunkenen Konkurrentin. Saras Vater, Sir William, der seiner Tochter bereits vergeben hat und sie noch immer liebt, findet sie sterbend. Kurz vor ihrem Tod vergibt Sara Marwood und bittet ihren Vater, sich um Arabella zu kümmern. Angesichts dieses edelmütigen Verhaltens und seiner Schuldgefühle gegenüber Saras Tod begeht Mellefont Selbstmord. Erst sterbend kann er die Bitte um Vergebung und Gnade äußern. Er akzeptiert die angebotene väterliche Liebe und Sir William nimmt sich der verbliebenen Arabella an.6

2.2 Dramentheorie des bürgerlichen Trauerspiels

Im Mittelpunkt [des bürgerlichen Trauerspiels] steht eine tragische Konfliktsituation, die sich in der bürgerlichen Welt, meist in der Familie als deren reinste Ausprägung, ereignet. Angehörige des Bürgerstandes werden jetzt tragischer Verwicklung für würdig und befähigt erachtet, die Ständeklausel ist damit gefallen.“7

Die Rührung zu Tränen aufgrund von Einfühlungsvermögen ist das primäre Wirkungsziel des bürgerlichen Trauerspiels, welches die moralische Besserung bzw. Reinigung (Katharsis) des Zuschauers nach sich zieht.8 Lessing erzielte die Erregung von Mitleid (mit den Figuren des Dramas) und Einfühlvermögen mit sogenannten ‚gemischten Charakteren‘, dessen Distanzierung zu perfektionistischen Figuren des Adels, zu einer Identifikation des Zuschauers mit den Figuren führen sollte. Die Identifikation wird als Voraussetzung für das erzieherische Potenzial des Theaters verstanden.9 Die Figuren sollen nicht edler und vollkommener als die Zuschauer selbst sein. Zugleich sollte Schrecken darüber verspürt werden, dass dem Publikum ein ähnliches Schicksal wiederfahren könnte.10 Lessing stellt jedoch die Erregung von Mitleid als vorrangiges Ziel des Trauerspiels über den Schrecken, welcher nur als untergeordneter Effekt an die zweite Stelle zu treten habe und deutet das Mitleid als „moralisches Gefühl“.11 Dies schreibt er auch im November 1756 an Nicolai:

„Der mittleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes tut, tut auch dieses, oder-es tut jenes, um dieses tun zu können.“12

Das Revolutionäre liegt in Lessings Grundgedanke, ein bürgerliches Sujet zu einer Tragödie zu verarbeiten, was einen Traditionsbruch darstellt, weil das bürgerliche Trauerspiel einen tragischen bürgerlichen Helden als würdig ansieht und damit gegen die theoretisch begründete Ständeklausel nach Opitz („Buch von der Deutschen Poeterey“) verstößt.13 Der Begriff des bürgerlichen Trauerspiels stellte zur damaligen Zeit einen Widerspruch (Oxymoron) in sich dar: Hatte man doch bisher Aristoteles so verstanden, dass in der Tragödie nur Adelige und hochrangige Personen auftreten dürfen und die Komödie dagegen ‚einfachen‘ (bürgerlichen) Menschen vorbehalten sei.15 Der dramatische Konflikt des neuen Genres wurde erstmalig ausschließlich im Raum der bürgerlichen Familie angesiedelt und stellt somit auch die „maximale Opposition zum Vorgängermodell“ dar.14 Die tragische Handlung des bürgerlichen Trauerspiels löste sich aus einem überlegen bzw. furchtlos betonten Schicksal des Adels. Somit wird das tragische Sujet privatisiert und gefühlsbetonnt. Irmela von der Lühe zufolge wende sich das bürgerliche Trauerspiel damit vom Göttlichen ab und überzeuge mit tränen- sowie gewaltgesättigter Handlung.15

„Man glaubte, dass die Welt lange genug in dem Lustspiele gelacht und abgeschmackte Laster ausgezischt habe; man kam also auf den Einfall, die Welt endlich einmal auch darinne weinen und an stillen Tugenden ein edles Vergnügen finden zu lassen. Hier hielt man es für unbillig, daß nur Regenten und hohe Standespersonen in uns Schrecken und Mitleiden erwecken sollten; man suchte sich also aus dem Mittelstande Helden, und schnallte ihnen tragische Stiefel an, in dem man sie sonst, nur lächerlich zu machen, gesehen hatte.“16

Man unterscheidet zwei Phasen des bürgerlichen Trauerspiels: Die erste Phase wird das „empfindsame bürgerliche Trauerspiel“ der 50er und 60er Jahre genannt.17 Es handelt sich hierbei hauptsächlich um den bürgerlichen Empfindsamkeitsethos, welcher Tugend proklamiert, wobei das dramatische Personal aus einem geschlossenen Familienkreis besteht. Die zweite Phase stellt das bürgerliche Trauerspiel der 70er Jahre dar. Diese, der Sturm und Drang zugeordneten Zeit, fokussiert den Ständekonflikt.18

Das Attribut ‚bürgerlich‘ kann zweideutig als ‚nicht-höfisch‘ und als ‚familiär/privat‘ bzw. menschlich aufgefasst werden.19 Die Figuren gehören weder dem Hochadel noch den Bauern an, sodass sie dem Kleinbürgertum oder dem niederen (Land-)Adel entstammen, die bürgerliche Tugenden verkörpern und rein innerfamiliäre Angelegenheiten bzw. Begebenheiten thematisieren, wie die Tugend der Tochter. Sara verzeiht in übermenschlichem Edelmut ihrer Nebenbuhlerin. Dies kann man als Sieg der Tugend und als ein Ausdruck einer vernünftigen, humanitären Grundhaltung auffassen.20 Die Protagonisten des bürgerlichen Trauerspiels sind stets Töchter, weil sie das evidente Gegenteil des traditionellen Fürsten sind.21 „Würde das sozialgeschichtliche Erklärungsmuster vom Aufstieg des Bürgertums gültig sein, so müssten die Väter in einer aktiven Rolle- z. B. als Kaufmann (wie es bei ‚Nathan der Weise‘ der Fall ist)- im Vordergrund stehen.“22

Das bürgerliche Trauerspiel dient als Medium der bürgerlichen Emanzipation.13 Jedoch ist es weniger die Ausdrucksweise des Bürgertums als vielmehr die Aufforderung an diese-artikuliert von Bürgern, mit dem sich nicht Bürger gegen Adlige behaupten, sondern Bürger Ihresgleichen erziehen wollten.23

Unübersehbar sind die antiken, englischen, aber auch französischen Einflüsse der „tragédie classique“ und „comédie larmoyante“ auf die neue, eigene Form der deutschen Tragödienliteratur. Shakespeares war ein großes Vorbild Lessings und beeinflusste den deutschen Aufklärer, ebenso wie seine englischen Dramentheorien. 15

Lessing betrachtete die neue Dramengattung, anders als Gottsched und Schlegel, nicht als Weiterentwicklung der Komödie, sondern als „modifizierte Variante“ der alten aristotelischen Tragödie.24 Die (vom französischen Lustspiel) übertragene Affektpsychologie macht die Originalität seines Dramas aus und gelingt ihm erstmalig in „Miss Sara Sampson“.42 Die Konstruktion der tragischen Handlung, die Aufhebung der Ständeklausel und das Ausbrechen aus dem gereimten Vers, sowie des historischen Stoffes, ist zweifelsohne ein erfolgreicher Fortschritt der damaligen Dramentheorie.25

Nicht nachvollziehbar ist die Behauptung Wiedmanns, dass der Tragikbegriff auf Miss Sara Sampson nicht anwendbar ist. Die evident tragische Katastrophe des in Prosa verfassten Trauerspiels schreit förmlich nach Tragik und wird auch dementsprechend definiert.21, 35

[...]


1 Vgl. Kepser, S. 110

2 Vgl. http://gutenberg.spiegel.de/buch/1166/1 (13.10.2013, 15:10 Uhr), Kohrs, S.119f

3 Zit. nach Lessing: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1166/1; vgl. Aleker u.a., S.151

4 Zit. nach Rahner, S.4

5 Vgl. Glaser u.a., S.92

6 Vgl. Radler, S.429f.

7 Gigl, S.25

8 Vgl. Schmitt, S. 128

9 Vgl. Rinnert, S.66

10 Vgl. Schmitt, S.134

11 Schmitt, S.134

12 zit. nach Schmitt, S.135

13 Vgl. Gigl, S.27

14 http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/lessing/V.pdf

15 Vgl. Schmitt, S.119; vgl. Gigl, S. 27

16 Zit. nach Schmitt, S.127

17 Schlößler, S.44

18 Vgl. Schlößer, S.44

19 Vgl. Schmitt, S.119; http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/lessing/V.pdf (1.11.2013, 15:10)

20 Vgl. Glaser u.a., S.95

21 Vgl. http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/lessing/V.pdf

22 http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/lessing/V.pdf

23 Vgl. Schmitt, S.130

24 Schmitt, S.129

25 Vgl. Schmitt, S.131

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das erste bürgerliche Trauerspiel "Miss Sara Sampson" von Lessing. Rezeptionsgeschichte im Vergleich mit "Nathan der Weise"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V419844
ISBN (eBook)
9783668685451
ISBN (Buch)
9783668685468
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trauerspiel, miss, sara, sampson, lessing, rezeptionsgeschichte, vergleich, nathan, weise
Arbeit zitieren
Alexandra Priesterath (Autor), 2016, Das erste bürgerliche Trauerspiel "Miss Sara Sampson" von Lessing. Rezeptionsgeschichte im Vergleich mit "Nathan der Weise", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419844

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