Diener-Herrschaftsverhältnis im Puschkin


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eigenschaften der Dienerfigur
2.1. Die Dienerfigur als Vertrauter
2.2. Die Dienerfigur als Prophezeier
2.3. Die Dienerfigur als „Hasenfuß“

3. Diener-Herrscher-Verhältnis
3.1. Diener-Herrscher-Verhältnis im Hinblick auf die Liebesabenteuer
3.2. Diener-Herr-Verhältnis im Hinblick auf den steinernen Gast

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Don Juan ist eine literarische Figur, der durch seinen unwiderstehlichen Charme alle Frauenherzen gewinnt und für „dem Treue ein Fremdwort ist.“[1]Puschkin eröffnet sein Stück mit einem Herr-Diener-Dialog. Daher erscheint es naheliegend, der Analyse und Bewertung des im Drama entworfenen Diener-Herrschaftsverhältnis im Hinblick auf das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis besondere Beachtung zu schenken. Entsprechend fokussiert sich diese Arbeit auf ebendieses Verhältnis. Im Zentrum dieser Arbeit steht das Werk von Alexander Sergejewitsch Puschkin (1999) „Der steinerne Gast“, der in seinem Drama die Don Juan Gestalt aufgreift und die literarische Figur des Verführers in einem neuen Licht erscheinen lässt, indem der „Frauenheld“[2]Don Juan die menschliche Leidenschaft voll und ganz verkörpert. Darüber hinaus wird sich im Verlauf der Arbeit mitunter auf den Don Juan Urstoff von Tirso de Molina (1976) bezogen und aus ihm die wesentlichen Motive des Diener-Herrschaftsverhältnisses herausgearbeitet. Aufgrund unterschiedlicher Interpretationen des Don Juan variieren zum Teil die Namen der Protagonisten. So finden sich beispielsweise für den Diener die Namen Leporello, Catalinón und Sgnarello. Im ersten Teil dieser Arbeit werden die Eigenschaften der Dienerfigur als Vertrauter untersucht. Dazu gehört auch, dass die Herr-Diener-Konstellation eingehend analysiert wird. Ebenfalls wird hinterfragt, welchen Einfluss die Dienerfigur auf Don Juan tatsächlich darstellt und ob das Verhältnis zwischen Don Juan und seinem Diener nicht weit über eine Herr-Diener-Beziehung hinausgeht. Im weiteren Verlauf wird untersucht, ob Leporello prophetische Fähigkeiten besitzt und somit symbolisch als Warnschild für die Streiche seines Herrn dient. Anschließend wird die Dienerfi-gur als „Hasenfuß“[3]betrachtet und mit dem einhergehenden Verhalten seines Herrn verglichen. An dieser Stelle wird besonders die Polarität zwischen Herrn und Diener herausgearbeitet.

Im zweiten Teil steht das Herr-Diener-Verhältnis im Mittelpunkt. Zum einen wird sich auf das Herr-Diener-Verhältnis im Hinblick auf die Liebesabenteuer Don Juans bezogen und zum anderen auf das Verhältnis zwischen Herr und Diener im Hinblick auf den steinernen Gast. Diesbezüglich wird die literarische Figur Don Juan als „rücksichtsloser Verführer“[4]untersucht. In diesem Zusammenhang wird analysiert, welche grundlegende Rolle sein Diener in Bezug auf die juanesken Liebesabenteuer spielt. Abschließend widmet sich die Arbeit der Untersuchung des Herr-Diener-Verhältnis im Hinblick auf den steinernen Gast, in welchem sich die ängstliche Eigenschaft der Dienerfigur widerspiegelt. Vorwiegend wird in der Analyse zielorientiert auf die Forschungsliteratur „Die verborgene Handlung in Puschkins „Kamennyi gost“ (2002) von H. Stahl-Schwaetzer, „Herr und Diener in der französischen Komödie des 17. und 18. Jahrhunderts“ (1992) von Dorothea Klenke sowie „Der Verführer in der Krise - zu Puschkins Don-Juan-Interpretation“ (2000) von Jürgen Wertheimer Bezug genommen.

Die Arbeit endet mit einer Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse sowie einem Fazit.

2. Eigenschaften der Dienerfigur

2.1. Die Dienerfigur als Vertrauter

In dem folgenden Kapitel werden die Eigenschaften der Dienerfigur untersucht, die für die Arbeit eine besondere Relevanz darstellen. Denn nur durch die intensive Analyse der Dienerfigur, lässt sich die Beziehung zwischen Herr und Diener konstruieren und vor allem nachvollziehen. Dahingehend spiegelt das Kapitel einen wichtigen Baustein für die vorliegende Arbeit wider. Leporello, der Diener Don Juans, wird als eine literarische Figur inszeniert, die viele unverwechselbare Eigenschaften hat. Betrachtet man dennoch genauer die Beziehung zwischen Don Juan zu seinem Diener, so lässt sich deutlich eine kontinuierlich, vertraute Umgangsform zwischen den beiden Figuren erkennen. Puschkins Drama beginnt mit einem Herr-Diener-Dialog, indem Leporello als Ratgeber Don Juans fungiert.[5]

Diese Erscheinung der moralischen sowie helfenden Instanz der Dienerfigur zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Drama. Ebenfalls erwähnt die renommierte Literaturwissenschaftlerin Gnüg, dass besonders die Szenen aufschlussreich sind, „die Don Juan im heimlichen Gespräch mit Catalinón zeig[en]: Die Flucht wird geplant, die gesattelten Pferde sollen bereitgestellt werden.“[6]Don Juan ist in seiner ganzen Erscheinung wiederholt auf Leporellos Hilfe angewiesen und weiht ihn immer wieder in seine neuen und wagemutigen Vorhaben, insbesondere in seine unzähligen Liaisons, ein.[7]Ferner versucht Leporello seinen Herrn durch gezielte Bemerkungen zu bestimmten Handlungen zu verleiten,[8]indem er in der ersten Szene seinen Herrn fragt: „Und welche spüren wir jetzt auf hier, in der Stadt Madrid?“[9]Hiermit bringt Leporello gegenüber Don Juan seine Aufrichtigkeit und Bewunderung für ihn zum Ausdruck und versucht andererseits in die Rolle des Herrn zu wechseln. Aber am Ende des Tages behält Don Juan als Herr über seinen Diener immer die Oberhand und erteilt ihm Befehle.[10]Des Weiteren ist auffallend, dass Leporello Don Juan in allen Situationen den Rücken deckt und keineswegs seine wahre Identität des skrupellosen Verführers enthüllt, die er schon zu Beginn des Dramas zu verbergen versucht.[11]So erwähnt Klenke, dass die Nähe zum Herrn auch durch das Auftreten als vertrauter Ratgeber erfolgen kann.[12]Außerdem ist hervorzuheben, dass Leporello unter der Herrschaft und den unmoralischen Abenteuern Don Juans leidet. Er kritisiert ihn und möchte nicht mehr Beteiligter an seinen rücksichtslosen Streichen sein. Im tiefsten Inneren möchte er von seinem Herrn unabhängig sein, doch beide Figuren befinden sich in einem reziproken Wechselverhältnis zueinander. Trotzdem fungiert er weiterhin als Vertrauter seines Herrn und gibt seine Dienerposition nicht auf.

„Ein Grande wartet wie ein Dieb aufs Dunkel, scheut den Mond - o Gott! Verfluchtes Leben! Wie lang muß ich mich wohl noch mit ihm plagen? Mich verläßt die Kraft.“[13]

In den Worten Leporellos wird eine unzufriedene und verzweifelte Seite der Dienerfigur dargestellt, die bisher unter der Oberfläche verborgen blieb. Ebenso ist es sein vertrauter Diener, dem Don Juan erwartungsgemäß als erster von seinem „Stelldichein“[14]mit Dona Anna berichtet.[15]Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der „Frauenheld“[16]bereit ist, seine Emotionen mit seinem geachteten Diener zu teilen. Weiterhin benutzt Don Juan seinen Diener als sogenannten Zeugen, um seine Liebschaften um den Finger zu wickeln. „Nein, meine Laura, frag Leporello. Bin draußen vor der Stadt in einem dummen Gasthaus abgestiegen. Kam meine Laura in Madrid zu suchen.“[17]Trotz alledem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Don Juan und Leporello von einem „wir“ reden, dass eine Einheit assoziiert.[18]Damit wird eine gewisse Abhängigkeit voneinander symbolisiert. Ferner wird deutlich, dass beide in einem vertrauten Verhältnis zueinander stehen und Don Juan für keinen Augenblick die Treue seines Dieners in Frage stellt. Obendrein zeichnet sich sein Diener als ein treuer Weggefährte aus, denn er betrachtet die Konsequenzen, die sich mit Don Juans abenteuerlichen Vorhaben ergeben und die auch Auswirkungen auf ihn haben als eine Selbstverständlichkeit. „Ich heiße das nicht gut, wir werden als Narren einmal noch das Weite suchen, genarrt am Ende selbst entfliehen muß und seine Sünde büßt auf einen Schlag.“[19]Hiermit ist auch Klenke der Meinung, dass der Dienerfigur eine Sonderstellung zugesprochen wird, da sie der dramaturgischen Figur des Vertrauten entspricht und somit eine privilegierte Position innehat.[20]Dennoch hebt Gerigk hervor, dass Don Juan das Kraftzentrum des Dramas ist. Durch ihn entsteht erst die Leidenschaft und und die Provokation des Lebens, womit sich seine Intensität auf andere überträgt.[21]In diesem Fall überträgt sich seine Dynamik auf seinen Diener, der auch in schweren Zeiten an seiner Seite steht. So ist im Urwerk von Tirso de Molina (1976) sein Diener Namens Catalinón bereit mit dem Komtur zu Abend zu essen.[22]Ferner erwähnt auch Teletova, dass „Puschkins Don Juan gezwungen ist, sich als Mönch zu verkleiden, sein Diener übernimmt wiederum bald die Rolle eines Sancho Pansa, aus dem moralische Sentenzen heraussprudeln, bald aber die eines Freundes, der - wie in den mittelalterlichen Stammbüchern - seinen Herren begleitet und das Pferd dieses Glücklichen hütet, während er bis zum Morgengrauen bei seiner Dame verweilt.“[23]

Hinzukommt, dass Don Juan in Leporello nicht nur einen Diener sieht, sondern auch den Menschen dahinter. Fraglich ist jedoch, warum Don Juan seinen Diener mit körperlichen Maßnahmen bestraft, indem er ihn beispielsweise einen Backenzahn aus-schlägt.[24]Dennoch ist es unabwendbar, dass beide Figuren voneinander abhängig sind. Sowohl Don Juan als auch sein Diener, der auf sich allein gestellt keine existenzielle Aufgabe hätte, profitieren von dem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis.

2.2. Die Dienerfigur als Prophezeier

Neben der Eigenschaft als Vertrauter weist die vielschichtige Dienerfigur einen prophetischen Charakterzug auf. Wiederholt warnt sein Diener seinen Herrn vor den eintretenden Folgen, die seine unzähligen Liebesabenteuer mit sich tragen. „Ihr, der die Frauen so betrügt, Ihr müßt es mit dem Tode büßen!“[25]Obwohl sein Diener am Ende des Tages Recht behalten wird, nimmt Don Juan ihn nicht ernst und verspottet ihn wegen seiner ständigen Prophezeiungen. „Damit hat es nicht gute Weile! Catalinón wirst du mit Recht genannt.[26]“ Durch die prophetische Fähigkeit seines Dieners nimmt der Rezipient ihn als eine vorausschauende Figur wahr, die die Polarität zwischen den furchtlosen Don Juan und den voraussehenden, religiös motivierten Diener unterstreicht.

Dahingehend zitiert Klenke die Dienerfigur wie folgt:

„Sganarello ebenso der lächerlichgroteske Clown der Farce wie der flinke Helfer der Intrigenkomödie; seine dünkelhafte Überlegenheit, sein Streben nach sozialer Anerkennung situieren ihn im Umfeld der comédie burlesque spanischen Ursprungs, und schließlich erinnert sein pseudogelehrtes Geschwätz an die Figur des pédant, verleiht ihm die Züge eines Predigers und lässt ihn darüber hinaus durch seine Prophezeiungen stellenweise als Orakel des Schicksals erscheinen.“[27]

Daneben prophezeit sein Diener, dass die zahllosen Frauen in ihr Unglück rennen, sobald sie sich in die Händen Don Juans begeben. „Auch Ihr seid dabei der Genarrte!“[28]Mit anhaltenden, intensiveren Warnungen versucht der tugendhafte Diener seinen Herrn zur Vernunft zu bringen und ihn vor den bevorstehenden Ereignissen zu warnen. „Der Unglückselige! Sein blaues Wunder wird er jetzt erleben!“[29]Fortwährend versucht er vergeblich seinen Herrn vor Augen zu führen, welche gewissenlosen Streiche er mit den Frauen spielt. „Hab’s erwartet! Genau das fehlte uns! Zuerst den Mann erschlagen, jetzt der Witwe Tränen sehn. Gewissenlo-ser!“[30]Außerdem kann in diesem Zusammenhang davon gesprochen werden, dass Don Juan den Beschützerinstinkt in seinem Diener erweckt, da sein Diener warnend vor ihm steht und seine Prophezeiungen repetitiv zum Ausdruck bringt, wodurch er ihn vor den eintretenden Folgen beschützen möchte. Hierbei symbolisiert die Dienerfigur neben den Prophezeier, auch den Beschützer und ebenso einen gescheiterten Retter, der seinen Herrn nicht vor den eintretenden Folgen beschützen kann. Des Weiteren tritt hervor, dass Leporello eine gewisse frauenfeindliche Haltung innehat, dass wiederum ein häufiges Indiz für die schützende Haltung gegenüber seines Herrn begründet. „Nicht möglich! O ihr Witwen seid doch alle gleich.“[31]Am Ende des Dramas wird Don Juan von den Konsequenzen, die sein draufgängerisches Verhalten mit sich trägt, eingeholt, indem der steinerne Gast, der den toten Ehemann seiner Geliebten Doña Anna verkörpert als moralischer Zeigefinger Don Juan zum Tode verurteilt.

[...]


[1]Hiltrud Gnüg (1993): Don Juan. Ein Mythos der Neuzeit. Bielefeld: Aisthesis Verlag. S.7.

[2]Ebd.

[3]Tirso de Molina (1976): Don Juan - Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast. Stuttgart: Reclam jun. GmbH & Co. KG. S. 64.

[4]Henrieke Stahl-Schwaetzer (2002): Die verborgene Handlung in Puschkins „Kamennyi gost. In: Zeitschrift für Slawistik. Hrsg. von Prof. Dr. Holger Kuße, Prof. Dr. Peter Kosta, Prof. DR. Christian Prunisch und Prof. Dr. Ludger Udolph. Dresden. S. 432-457, hier S. 433.

[5]Alexander Puschkin (1999): Der steinerne Gast. Stuttgart. Philipp Reclam jun. GmbH & Co. S. 7.

[6]Hiltrud Gnüg (1993): S. 24.

[7]Vgl. Alexander Puschkin (1999): S. 49.

[8]Vgl. Henrieke Stahl-Schwaetzer, (2002): S. 451.

[9]Alexander Puschkin (1999): S. 13.

[10]Ebd., S. 51.

[11]Ebd., S. 15.

[12]Dorothea Klenke (1992): Herr und Diener in der französischen Komödie des 17. und 18. Jahrhunderts. Eine ideologiekritische Studie. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang GmbH. S. 217.

[13]Alexander Puschkin (1999): S. 21.

[14]Ebd., S. 49.

[15]Ebd., S. 49.

[16]Hiltrud Gnüg (1993): S.7.

[17]Alexander Puschkin (1999): S. 35.

[18]Ebd., S. 13.

[19]Ebd., S. 39.

[20]Vgl. Dorothea Klenke (1992): S. 155.

[21]Horst-Jürgen Gerigk (2011): Puschkin und die Welt unserer Träume. Ulm: Humboldt-Studienzentrum. S. 49.

[22]Vgl. Tirso de Molina (1976): S. 66.

[23]Natalia Teletova (2006): Zweimal Don Juan in den Dramen von Grabbe und Puschkin. In: Kurt Roessler & Peter Schütze. (Hrsg.) Nicht Shakespeare, nicht Goethe - Schillers Feuer machte mich zum Dichter. Bielefeld: Aisthesis Verlag. S. 40.

[24]Vgl. Tirso de Molina, (1976): S. 61.

[25]Ebd., S. 26.

[26]Tirso de Molina, (1976): S. 26.

[27]Dorothea Klenke (1992): S. 155.

[28]Tirso de Molina (1976): S. 45.

[29]Ebd., S. 46.

[30]Alexander Puschkin (1999): S. 19.

[31]Alexander Puschkin (1999): S. 49.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Diener-Herrschaftsverhältnis im Puschkin
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V419916
ISBN (eBook)
9783668684119
ISBN (Buch)
9783668684126
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diener, Herrschaft, Puschkin, Don Juan, Herr, Verhältnis, Leporello, Pushkin
Arbeit zitieren
Sina Sontowski (Autor), 2017, Diener-Herrschaftsverhältnis im Puschkin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419916

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