Einleitung
„Was ist Aufklärung?“ Diese Frage beschäftigte die Aufklärer noch, als der Begriff schon längst zum Schlagwort der eigenen Epoche geworden war.1
„Indem die Aufklärer sowohl von der Bildungsfähigkeit des Menschen überzeugt waren, als auch ihr eigenes Zeitalter als aufgeklärter beurteilten denn die Zeit ihrer Väter und Vorväter, gingen sie von der Möglichkeit des Fortschrittes in der Geschichte aus.“2 Dabei waren sich die zeitgenössischen Autoren keineswegs einig über die Beurteilung ihrer eigenen Zeit und der genauen Definition der Begrifflichkeit „Aufklärung“. Ein Zustand der Aufgeklärtheit wurde erst durch die von Kant geforderte „Reform der Denkungsart“ realisiert, die zum Selbstdenken führen sollte. Erst das Vorhandensein eines solchen Zustandes ermöglichte es, diesen mit Inhalten zu füllen und darüber zu definieren. „Solange das nicht geschah, blieb bei Kant und anderen Autoren der Begriff Aufklärung tatsächlich auf eine oft irritierende Weise mehrdeutig.“3
In der hier vorliegenden Arbeit möchte ich einen historischen Überblick über die Epoche der Aufklärung geben und vor allem auf Kants Definition der Aufklärung eingehen. Dabei werde ich besonders auf seine 1784 in der „Berlinischen Monatsschrift“ veröffentlichte Abhandlung „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Bezug nehmen.
Dazu werde ich zuerst einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Aufklärung geben und dann speziell den Verlauf der deutschen Aufklärung skizzieren. Weiterhin werde ich auf Kant und sein Werk eingehen, das zeitlich und kontextuell in die Phase der Spätaufklärung fällt, um dann aufzuzeigen, warum gerade dieser Aufsatz für die Entwicklung und das Selbstverständnis der Aufklärung ausschlaggebend war. Im letzten Teil meiner Arbeit werde ich dann klären, warum Aufklärung ohne Aufklärung über die Aufklärung nicht möglich ist, und wie Kant zu diesem Problem stand.
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1 Vgl. Möller, Horst : Vernunft und Kritik, Deutsche Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1986, S. 11
2 Möller, H. Vernunft, S. 16
3 Möller, H. Vernunft, S. 17
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Epoche der Aufklärung
3. Die deutsche Aufklärung
4. Kant und die Aufklärung
4.1. Die Idee des Selbstdenkens oder die Frage nach der selbstverschuldeten Unmündigkeit
4.2. Aufklärung als Prozeß
4.3. Die öffentliche Person vs. der Privatperson
4.4. Kants Abhandlung als politische Schrift
5. „Aufklärung der Aufklärung“
6. Resümee
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das historische Selbstverständnis der Aufklärung mit einem spezifischen Fokus auf Immanuel Kants Abhandlung „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Kant die Aufklärung als Prozess der individuellen und kollektiven Mündigkeit begreift und in welcher Weise seine Definition als politischer Appell zu verstehen ist.
- Historischer Überblick über die Epoche der Aufklärung
- Die Entwicklung und Besonderheiten der deutschen Aufklärung
- Kants Konzept der selbstverschuldeten Unmündigkeit
- Die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Vernunftgebrauch
- Die Bedeutung der Aufklärung als fortlaufender Prozess
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Idee des Selbstdenkens oder die Frage nach der selbstverschuldeten Unmündigkeit
Kant definiert die Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, also als eine Idee des Selbstdenkens. Dies erläutert auch eine immer wieder beschworene Aufklärungsdefinition Kants: „Selbstdenken heißt, den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d.i. in seiner eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung“.
Kant richtet sich dabei zunächst an jeden einzelnen, wenn er den Terminus der Unmündigkeit einführt. Dieser aus dem Familienrecht entlehnte Begriff bedeutet im eigentlichen Sinne, nicht fähig zur Selbstbestimmung zu sein und somit einen Vormund zu benötigen, bis man erwachsen und damit mündig ist. Mündig zu werden bedeutet also: erwachsen werden. Dieses ergibt sich aber nicht von selbst, sondern muß von allen Menschen, „nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen“, noch eigens erstrebt werden. Erst wenn der Mensch sich selbst als freigesprochen begreift, kann er sich selbst freisprechen, um fortan selbst handeln zu können. Mündigwerden ist somit eine moralische Leistung, die Mangel an Selbsttätigkeit und Angst vor Selbstständigkeit, sowie Feigheit und Faulheit überwindet und zu der es des Mutes und der Entschließung bedarf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Begriffs „Aufklärung“ ein und skizziert das Vorhaben, Kants Definition historisch und kontextuell zu verorten.
2. Die Epoche der Aufklärung: Dieses Kapitel erläutert die Aufklärung als philosophische Bewegung und beleuchtet die unterschiedlichen Strömungen in England und Frankreich.
3. Die deutsche Aufklärung: Hier wird der Beginn der Aufklärung in Deutschland unter Christian Thomasius sowie die Rolle von Christian Wolff dargestellt.
4. Kant und die Aufklärung: Das Kapitel befasst sich intensiv mit Kants Definition, dem Konzept der Unmündigkeit und seiner Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Vernunftgebrauch.
5. „Aufklärung der Aufklärung“: Hier wird die Notwendigkeit einer reflexiven Betrachtung der Aufklärung selbst sowie die Paradoxie der Aufklärungsziele erörtert.
6. Resümee: Das abschließende Kapitel fasst die Bedeutung der Aufklärung als emanzipatorisches Ideal zusammen und ordnet Kritikpunkte, etwa von Horkheimer und Adorno, historisch ein.
Schlüsselwörter
Aufklärung, Kant, Selbstdenken, Unmündigkeit, Vernunft, Mündigkeit, Reform der Denkungsart, öffentlicher Vernunftgebrauch, Privatgebrauch, Emanzipation, politische Schrift, Spätaufklärung, Selbstkritik, Moral, Wissensgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das historische Selbstverständnis der Epoche der Aufklärung unter besonderer Berücksichtigung von Immanuel Kants berühmter Abhandlung „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Genese der Aufklärung in Europa, der Unterschied zwischen englischer, französischer und deutscher Aufklärung sowie Kants spezifische philosophische Definition von Mündigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kant die Aufklärung als moralischen Prozess des Selbstdenkens begreift und warum seine Abhandlung als eine politische Schrift zur Zeit Friedrichs II. zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, um Begriffe und Konzepte anhand von Primär- und Sekundärliteratur zu erläutern und in ihren historischen Kontext einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die verschiedenen nationalen Ausprägungen der Aufklärung, die Analyse von Kants Begriff der selbstverschuldeten Unmündigkeit sowie die Differenzierung zwischen öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Aufklärung, Selbstdenken, Vernunft, Unmündigkeit, Mündigkeit und die öffentliche Kritik als Korrektiv der Praxis.
Wie unterscheidet Kant den öffentlichen vom privaten Gebrauch der Vernunft?
Der öffentliche Gebrauch findet als Gelehrter vor der gesamten Leserwelt statt und darf nicht eingeschränkt werden, während der Privatgebrauch (z.B. im Staatsdienst) aus Gründen der Funktionsfähigkeit beschränkt werden darf.
Warum betont Kant, dass Aufklärung ein Prozess ist?
Kant stellt fest, dass Aufklärung kein statischer Zustand ist, sondern eine ständige Aufgabe der Selbsterziehung und des Fortschritts: „Aufklärung ist nicht, sondern wird“.
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- Aline Wisniewski (Author), 2004, Kant und die Beantwortung der Frage " Was ist Aufklärung?", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42017