Der Serienmörder im Film - Oliver Stone´s "Natural Born Killers" als philosophisch-satirische Medienkritik betrachtet


Hausarbeit, 2000
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mord im Film
2.1 Der Serienmörder
2.1 Henry
2.3 Natural Born Killers

3 Mord und Philosophie
3.1 Philosophische Anklänge in NBK

4 Mediensatire
4.1 Surrealistische Momente - die Wüstenbar
4.2 Die Sitcomsequenz
4.3 Sensationen um jeden Preis

5 Fazit

Verwendete Literatur

Anhang: Sequenzprotokoll

1 Einleitung

Serienkiller, psychopathische Mörder und mordende Pärchen waren für Hollywoods` Regisseure und Produzenten schon immer ein Thema. Vorbild für Alfred Hitchcocks´ Psycho war zum Beispiel Ed Gein[1], der - besessen von seiner überaus besitzergreifenden Mutter - zum vierfachen Frauenmörder mit nekrophilen und kanibalischen Tendenzen wurde. Die Geschichte von Bonnie and Clyde (Arthur Penn/USA 1967) ist hinlänglich bekannt und wurde oft kopiert. Die Namen der beiden wurden zum Inbegriff und geflügelten Wort für außerhalb des Gesetzes stehende Pärchen.

Aber gerade in den letzten Jahren hatten Filme wie Henry - Portrait of a serial killer, Knight Moves, Das Schweigen der Lämmer, oder aus jüngstr Zeit Natural Born Killers, Sieben und Copykill Hochkonjunktur. Wie kommt es, daß Filme, die zum Teil vor den übelsten Gewaltdarstellungen nicht zurückschrecken, sowohl in Amerika als auch in Europa ein Massenpublikum erreichen. Serienmörder und auch Massenmörder scheinen einen bizarren Reiz auf Publikum, Filmschaffende, Journalisten und Wissenschaftler auszuüben, denn neben fiktiven Spielfilmen sind Serienmörder wie Jeffrey Dahmer, Ted Bundy, Charles Manson, und Jack the Ripper Gegenstand zahlreicher Publikationen, Fernsehsendungen[2] und Dokumentationen.

Ich werde mich im Verlauf dieser Arbeit schwerpunktmäßig mit einem eher untypischen Serienmörderfilm auseinandersetzen: Natural Born Killers von Oliver Stone. Dabei möchte ich mich nicht so sehr mit einer filmimmanenten Analyse beschäftigen, sondern vielmehr Stones´ Film unter einem philosophischen Ansatz betrachten und diese Überlegungen in den Kontext der Medienkritik von Natural Born Killers stellen. Von eher allgemeinen Überlegungen über Mord im Film und dem Genre des Serienmörderfilms[3] ausgehend, werde ich auch die Faszination des Publikums an eigentlich abstoßenden Themen beleuchten, um dann die von Stone kritisierten Fernsehmechanismen aufzuzeigen, die diese Lust am Schauen bedienen und ausnutzen.

2 Mord im Film

„Die Lust am Schauen schließt die Lust am Grauen ein“[4]. Mord und Gewalt sind ein Hauptbestandteil des populären Kinos und seit den Anfängen der Cinematographie wird auf der Leinwand getötet und gemordet. Da Filme meist Spiegel der Wirklichkeit sind, können sie auch nichts anderes als - natürlich oftmals überhöht und idealisiert - Wirklichkeit abzubilden. Gewalt, Mord und Tod sind sehr real und werden in fiktiven Geschichten literarisch oder filmisch umgesetzt.

1922 drehte Fritz Lang Dr. Mabuse, der Spieler und etablierte den Superverbrecher im Kino, der vor keiner Gewalt zurückschreckte. Das Bekenntnis des Dr. Mabuse, dem Spieler mit Menschen und Menschenleben, ist programmatisch für viele nachkommende Leinwandbösewichte und Mörder : „Es gibt keine Liebe - es gibt nur Begehren. Es gibt kein Glück - es gibt nur Willen zur Macht“[5].

In M - eine Stadt sucht einen Mörder von 1931 mißbraucht und tötet ein Lustmörder kleine Mädchen und eine ganze Stadt - vom Polizisten bis zum Verbrecher - sucht ihn. Einer der ersten Serienmörder betritt die Leinwand und wird im Gegensatz zum Dr. Mabuse von Fritz Lang als ein von seinen Trieben und Schwächen zwanghaft bestimmter Mann gezeigt[6].

In den 30er und 40er Jahren beschäftigten sich vor allem die Filme der französischen schwarzen Serie und des amerikanischen film noir mit Verbrechen und Mord. Die Kriminal- und Detektivfilme dieser Zeit zeichnen sich mehr durch ihr düsteres Ambiente, die atmosphärischen Dichte und ihren Pessimismus und Zynismus aus. Die oftmals gebrochenen, desillusionierten und ziellosen Charaktere[7] bildeten damals schon einen Gegenpart zu den strahlenden Helden, die durch alle Kinoepochen geisterten. Der desillusionierte Polizist und Detektiv tritt vor allem in Filmen der 70er Jahre wieder in Erscheinung, wenn Clint Eastwood als Dirty Harry (1971) oder Gene Hackman in French Connection (1972) polizeilich sanktionierte Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Zielen propagieren. „Der Filmpolizist vermochte nicht, die Gewaltspirale zu unterbrechen, sondern wurde zu ihrem Teil“[8]. Auch wenn die Grenze zwischen Gut und Böse durchlässiger wurde, so waren die Rollen doch klar verteilt.

Als in den 80ern die alles vernichtenden <Einmann - Armeen> in Form von Rambo I-III (1982-1987)und Officer McClane aus Die Hard die Leinwand bestiegen, waren die Verhältnisse wieder hergestellt , obwohl die Gewalt brutaler und blutiger wurde. Besonders die Rolle des Polizisten, der mit brutaler Gewalt gegen die übermächtigen Terroristen vorging, zeigte mit aller Deutlichkeit den Kampf des Guten gegen das Böse, welches am Ende natürlich unterlegen war. Sobald die Gewalt in Notwehr erfolget und zudem von einem Polizisten verübt wurde, war und ist sie für den Zuschauer legitimiert und ausreichend motiviert.

Wenn der Mord oder das Verbrechen im allgemeinen - wie im klassischen Kriminalfilm - aus niederen Beweggründen begangen wird, dann muß die Polizei oder der Detektiv dafür sorgen, daß der Täter überführt und der Gerechtigkeit genüge getan wird. Es ist im Film alles eine Frage der Motivation und der Rechtmäßigkeit - wie in der Realität. Schwierig wird es für den Zuschauer, wenn die Motivation des Mörders nicht greifbar ist, wenn kein materielles Interesse hinter der Tat steckt: Der <Killer without a cause>.

2.1 Der Serienmörder

Dem Serienmörder haftet nicht nur die Desillusioniertheit und der Selbsthaß, sondern in erster Linie auch die Krankheit an, die sich in sozial deviantem Verhalten äußert. Georg Seeßlen spricht von dem Weg des amerikanischen Helden, der sich immer mehr von seinem Land entfremdet, der auf einer endlosen Suche nach seinen Wurzeln und denen seines Landes an der brutalen Gleichgültigkeit seiner Umwelt scheitert[9]. Jede Dekade brachte eine neue Variation dieses Helden hervor. Ob der einsame Westerner, der zynische Cop (Dirty Harry/1970), der unrettbare Outlaw (Bonnie and Clyde/1967 ), oder der professionelle Killer (Der eiskalte Engel/1967). Das letzte Glied dieser Kette entwurzelter Helden ist der Serienmörder, der seit Ende der 80iger verstärkt im Kino zu sehen ist. Einige Filme sind angelehnt an wahre Begebenheiten, andere wiederum sind fiktiv. Die meisten Filme diese Genres sind vom Aufbau und Verlauf sehr ähnlich. Stark vereinfacht und generalisiert kann man es so umschreiben: Ein Mann, der sich aufgrund nicht aufgearbeiteter Kindheitstraumata zu einem Psychopathen mit schizoiden Tendenzen und extremen sexuellen Neigungen entwickelt hat, begeht Morde nach einem bestimmten Muster- vornehmlich an Frauen. Das FBI samt Spezialistenteam kommt ihm auf die Schliche und überführt oder tötet ihn.

Im Schweigen der Lämmer (1990)[10] wird der transsexuelle Buffalo Bill gejagt, der sich aus Menschenhaut eine neue Haut schneidern will. Sieben( 1995) zeigt die Suche nach einem vom religiösen Wahn befallenen Mann, der im Auftrag Gottes die sieben Todsünden an Sündern exemplarisch rächen soll. Rampage (USA 1987) erzählt die Geschichte eines Mannes, der glaubt, ohne das Blut seiner Opfer nicht mehr leben zu können. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Filme diese Genres sind auf Spannung ausgerichtet, sie spielen mit den Ängsten des Publikums, sie wecken die Faszination am Bösen und Abartigen, sind zugleich abstoßend und anziehend. Auch wenn die Filme inhaltliche und natürlich auch ästhetische Differenzen aufweisen, so ist ihnen allen gleich, daß zur Beruhigung des Publikums ein FBI-Team dem Mörder auf der Spur ist und dieser ganz sicher zu Strecke gebracht wird. Es ist ein ungeschriebenes Hollywoodgesetz, daß das Böse am Ende immer besiegt wird. Das moralische Ende bedeutet die Bestrafung des Mörders, der die Gewalt personifiziert. Der Schrecken darf in konkreten Bildern eskalieren, wenn Gewalt und Horror im Detail gezeigt werden[11]. Die Lust am Schauen schließt das Grauen mit ein, aber es muß gewährleistet sein, daß das Grauen ein Ende hat.

2.1 Henry

Dem Grauen ohne Ende sah sich der Zuschauer im 1986 gedrehten Henry - Portrait of a serial Killer ausgesetzt. Henry, der wegen Bedenken seitens der Verleiher erst 1992 in Europa aufgeführt wurde[12], ist angelehnt an die Geschichte von Henry Lee Lucas, der bis 1983 nach eigenen Angaben über 600 Menschen umgebracht hat[13]. Der Film fängt genauso unvermittelt an wie er aufhört. In fast dokumentarischer Manier werden wenige Tage oder Wochen aus Henrys Leben gezeigt, die nur einer einzigen Logik folgen: Henrys Beziehungsunfähigkeit und seinem unbestimmten Drang zu morden. „Er mordet, weil er morden muß“[14] und Regisseur McNaughton dokumentiert diese Zwangsläufigkeit mit seinem nüchternen Kamerablick.

In der ersten Einstellung des Films erkennt man das reglose Gesicht einer Frau. Langsam zoomt die Kamera zurück und wir sehen, daß ihr Leib aufgeschlitzt wurde. In der zweiten Einstellung sehen wir einen Mann (Henry) in einem Schnellimbiß. Er bezahlt sein Essen, verläßt das Lokal und steigt in sein Auto. Es wird nun auf einen Körper umgeschnitten, der leblos auf einer Theke zu liegen scheint. Ein Kameraschwenk nach rechts erschließt dem Zuschauer den Raum und man sieht zwei grausam zugerichtete Leichen. Die Kamera fährt ruhig über die toten Körper und sofort erfolgt wieder ein Umschnitt auf den Mann im Wagen. Der Zuschauer ahnt, daß er die Morde verübt hat. Die Vermutung wird jedoch erst zur Gewißheit, als der Fahrer ein junge Anhalterin mit Gitarre in den Wagen bittet und wir ihn nach kurzer Zeit samt Gitarre in seine Wohnung kommen sehen. Bis zu diesem Zeitpunkt sind gerade neun Minuten vergangen und der Zuschauer hat schon sieben Leichen gesehen. Im weiteren Verlauf des Films bringt Henry mit seinem Mitbewohner Ottis wahllos weitere Menschen um, filmt die Morde mit einer Videokamera und guckt sie sich später an. In einem Gespräch mit Becky, der Schwester seines Mitbewohners, erzählt Henry von seinen traumatischen Kindheitserlebnissen, verstrickt sich jedoch in Widersprüche. Zwischen den beiden bahnt sich eine Beziehung an, doch die Geschichte nimmt ihren konsequenten, grausamen Lauf. Am Ende sind Ottis und Becky tot und Henry fährt mit seinem Wagen davon.

Der Film bietet keine Instanz, die das Geschehene psychologisch aufschlüsselt, erklärt oder Henry zu überführen versucht. Der Zuschauer wird allein gelassen. Hier wird der Mord zur grausamen Alltäglichkeit und absoluten Beiläufigkeit. Der Zuschauer muß sich die Frage stellen, wie weit er bereit ist zu gehen und diese ganzen Grausamkeiten, die im Film (und allabendlich über den Fernseher) konsumiert werden, als alltäglich anzusehen. „Angst ist ein Gefühl“, so Alfred Hitchcock, „das die Menschen genießen, wenn sie wissen, daß sie selbst nichts zu befürchten haben“[15]. Henry läßt diesen Ausweg nicht so ohne weiteres zu. Vielmehr fühlt sich der Zuschauer durch seinen voyeuristischen Blick mitschuldig. Die Angst geht beim Zuschauer soweit, daß er sie nicht mehr genießen kann und als scheinbar reale Bedrohung empfindet.

An dieser Stelle möchte ich den Bogen zu Oliver Stones´ Natural Born Killers schlagen, denn er ist meiner Meinung nach in gewisser Weise die logische Weiterführung von Henry - Portrait of a serial killer und wirft die gleichen Fragen („wie weit will ich als Zuschauer mitgehen?“) auf die Produzenten und Konsumenten medialer Gewaltakte zurück. Stilistisch befinden sich beide Filme jedoch an entgegengesetzten Enden einer Skala.

[...]


[1] Vgl. Gabriele Meierding: Psychokiller. Reinbeck 1993, S.14

[2] Um nur einige Sendungen zu nennen, in denen Serienkiller interviewt und deren Verbrechen zum Teil nachgestellt werden, seien aus dem US-amerikanischen Raum folgende genannt: Most Wanted, Crime Stoppers, Giraldo Rivera-Talkshow, West 57th (CBS), Nightline (ABC) und The Ophra Winfrey Show

[3] Ursprünglich wollte ich mich in dieser Arbeit mehr mit dem Serienmörderphänomen und den verschiedenen medialen und filmischen Umsetzungen beschäftigen, mußte aber im Verlauf der Ausarbeitung feststellen, daß ich das Thema zu sehr von der soziologisch - psychologischen Seite angegangen bin, so daß ich noch einmal umstrukturieren mußte.

[4] Meierding, Gabriele: Psychokiller. Reinbeck 1993, S.112

[5] Dahlke, Günther (Hrsg.):“Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933“. S.75

[6] Vgl.Seeßlen, Georg: Kino der Angst. S.40

[7] Vgl. Seeßlen, S.56

[8] Seeßlen. G: Gewalt im populären Film. In: Medien praktisch 1/93, S.14

[9] Seeßlen: Kino der Angst, S.238

[10] das Schweigen der Lämmer funktioniert auf verschiedenen Ebenen und ist zu vielschichtig, um mit anderen Genrefilmen verglichen zu werden. Es geht mir nur um den groben Aufbau der Handlung

[11] Vgl. Meierding, S.68

[12] Seeßlen: Kino der Angst, S.242

[13] Vgl. Meierding, S.69

[14] Meierding, S.69

[15] Seeßlen: Kino der Angst, S.265

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Serienmörder im Film - Oliver Stone´s "Natural Born Killers" als philosophisch-satirische Medienkritik betrachtet
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Geschichte der Zensur
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V42059
ISBN (eBook)
9783638401838
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Serienmörder, Film, Oliver, Stone´s, Natural, Born, Killers, Medienkritik, Geschichte, Zensur
Arbeit zitieren
Alexander Thiele (Autor), 2000, Der Serienmörder im Film - Oliver Stone´s "Natural Born Killers" als philosophisch-satirische Medienkritik betrachtet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42059

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