Der Einfluss von Musik auf die Identitätsbildung bei Jugendlichen


Bachelorarbeit, 2011

51 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Begriffserlauterung Identitat
1.2 Musik im Kontext sozialgeschichtlicher Ereignisse

2 Jugend in der heutigen Gesellschaft
2.1 Definition Jugend nach Hurrelmann
2.2 Entwicklungsaufgaben nach Havighurst und Hurrelmann
2.3 Entwicklungsmodell nach Erikson
2.4 Entwicklung bei Keupp

3 Sozialisationstheorien
3.1 Strukturfunktionalistische Theorie Parson
3.2 Sozialbehaviorismus nach Mead
3.2.1 Identitatskonstruktionen nach Mead
3.3 Selbstsozialisation
3.4 Hurrelmanns Modell der produktive Realitatsverarbeitung
3.5 Integration der Identitatsmodelle als Zwischenfazit

4 Geschmack im Kontext der Gesellschaft
4.1 Bourdieus Habitustheorie
4.1.1 Kulturkapital als Mittel zur Distinktion
4.2 Drei Dimensionen des Geschmacks

5 Geschmack im Kontext von Gruppenkonstellationen
5.1 Tafjel und Turner: Soziale Identitatstheorie
5.2 Brewer & Picket Angleichung und Abgrenzung

6 Musikalische (Selbst-) Sozialisation
6.1 Parsons Strukturfunktionalismus und Musik
6.2 (Musikalischer) Geschmack als Interaktion bei Mead
6.3 Medien als Instrumente der Interaktion
6.4 Musik als Mittel zur sozialen Verortung nach Bourdieu
6.5 Musikalische Selbstsozialisation nach Muller

7 Wirkung und Funktion von Musik
7.1 Rainer Dollases Schema des musikalischen Interesses
7.2 Mood ManagementTheorie
7.3 Riggenbachs Funktionen von Musik

8 Fazit

9 Literatur

1 Einleitung

Die modeme Gesellschaft ist gekennzeichnet von einer Pluralisierung an Lebensstilen und einer Individualisierungstendenz, aus der heraus das Leben zu einem individuellen Projekt mit uneingeschrankter Entscheidungsfreiheit geworden ist (Honer & Hitzler, 1994, S. 307-308). Der Mensch sieht sich vor diesem Hintergrund gezwungen, seinen Werdegang in eigener Verantwortung zu gestalten, wobei Moglichkeiten der Orientierung an standardisierten Lebenslaufen oder anderen Verlasslichkeiten nicht mehr gegeben sind (Hitzler & Niederbacher, 2010, S. 11-12). Stattdessen liegt der Fokus mittlerweile auf dem erlebnisorientierten Denken, wodurch Kategorisierungsprozesse wie beispielsweise die Unterscheidung zwischen schon - nicht schon oder cool - uncool zu wichtigen Kriterien der Entscheidungsfindung und Lebensauffassung geworden sind (Schulze, 1994, S. 27). In diesem Kontext der Asthetisierung des Alltags sieht der Mensch schlichtweg „keine anderen Kriterien zur Verfugung [stehen] als die je eigenen Praferenzen“ (Habermas, 1992, S. 238). Kulturelle und mediale Angebote werden dementsprechend als sinnstiftendes Material genutzt, um neue Formen der Vergemeinschaftung zu kreieren und das eigene Selbst zu finden. Im Jugendalter ist der Beginn dieser Selbstfindungsphase zu verorten, der durch das Zusammenlaufen zahlreicher Entwicklungsaufgaben gekennzeichnet ist. Die eigenen Praferenzen fungieren auch in diesem Prozess als wichtige Anhaltspunkte uber die neben der Identitatsarbeit auch soziale Zugehorigkeit entsteht. Um das kulturelle Angebot entsprechend nutzen zu konnen, mussen Entscheidungskompetenzen entwickelt werden, wobei Jugendliche insbesondere in Bezug auf Musik einen erheblichen Einsatz beim Erwerb von produktiven wie auch rezeptiven Kompetenzen zeigen, was bedeutet, dass sie sich mit musikalischen Angeboten und Kulturen auseinandersetzen und lernen, diese zu verstehen und fur sich zu nutzen (Rhein & Muller, 2006, S. 552-553). „Musik horen“ gilt dabei auch auBerhalb von Gruppenkonstellationen als eine der beliebtesten Freizeitbeschaftigungen (Shell Jugendstudie, 2015) und hat daruber hinaus langst den Alltag in verschiedenen offentlichen und privaten Lebensraumen erobert (Baacke, 1997, S. 9-10). Dabei hat Musik als asthetisches Ausdrucksmittel trotz seiner Allgegenwartigkeit nicht an Faszination verloren, was insbesondere an ihrem eigenen Bedeutungssystem liegt, welches individuell wirkt und interpretiert wird (vgl. Lenz, 2013, S. 173). Dies macht es vor allem schwierig zu erfassen, wie Musik „funktioniert“ und inwiefern Musik als Ressource oder wichtiges Teilsystem der Gesellschaft gesehen werden kann. Es konnten dementsprechend in den dazugehorigen Forschungsbereichen bisher keine befriedigenden Erkenntnisse herausgestellt werden. Sogar zur musikalischen Sozialisation selbst existiert keine allgemeingultige Theorie, da das abzudeckende Themengebiet enorm weitlaufig ist (ebd., S. 165; Pape, 1996). Die Herausforderung besteht darin, sowohl den Einfluss musikalischer Umweltbedingungen auf die Personlichkeitsentwicklung zu berucksichtigen als auch den umgekehrten Einfluss individueller Merkmale auf die Verarbeitung und Verwendung musikalischer Inhalte mit einzubeziehen (Pape, 1996, S. 83). Dass der Mensch von Kindheit an mit Musik konfrontiert und somit in irgendeiner Art musikalisch sozialisiert wird, kann angesichts der symbiotischen Beziehung von Musik und Medien gestutzt werden, durch die Musik als Stilmittel vielseitig eingesetzt wird (Friedemann & Hoffmann, 2013, S. 381). Es erscheint daher notwendig, Musik als Teil von Sozialisation und im konkreten Fall dieser Arbeit als Teil der jugendlichen Entwicklung ausfuhrlich zu thematisieren. Ziel dieser Arbeit ist es deswegen aufzuzeigen, dass Musik im Jugendalter nicht nur bloBer Horgenuss und Mittel zur Unterhaltung und des Zeitvertreibs ist, sondern als Ressource zur Bewaltigung von Entwicklungsaufgaben und somit bei der Identitatsbildung verwendet wird. Besonders komplex ist dieser Themenzusammenhang aufgrund der drei zu berucksichtigenden groBen Konstrukte: der Identitat, der Jugend und der Musik. Um diese zusammenzubringen, wird ein theoretischer Ansatz gewahlt, der die jugendliche Entwicklung, mit Schwerpunkt auf der Identitatsfindung, in einen gesellschaftlichen Kontext setzt. Um die Entwicklung des Jugendlichen zu verstehen, muss somit ein Verstandnis der gesellschaftlichen Strukturen geschaffen werden, wobei Musik in das Verhaltnis von Mensch und Gesellschaft integriert wird und als soziales Austauschmedium eine vermittelnde Funktion einnimmt. Musik wird somit in einem Interpendenzverhaltnis zu Gesellschaft, Identitat und Jugend betrachtet.

Um sich dieser komplexen Thematik zu nahern und ihre Relevanz eingehender zu erlautern, wird zu Beginn kurz zusammengefasst was der Begriff der Identitat konkret erfasst und wie sich dieser bis heute angesichts des Wandels in der Gesellschaft entwickelt hat. Daran anschlieBend wird eine erste Verknupfung hergestellt zwischen „Gesellschaft“, „Musik“ und „Jugend“, indem aufgezeigt wird, wie Musik als Teil von Jugendkulturen in den vergangenen Jahrzehnten bis heute als Ausdrucksmittel fungiert, um auf gesellschaftliche Missstande aufmerksam zu machen bzw. mit den gesellschaftlichen Umstanden zurecht zu kommen. Welche Rolle der Jugend in der heutigen Gesellschaft zukommt und mit welchen sozialen Strukturen sie derzeit zu kampfen hat, wird im zweiten Kapitel behandelt. Verwendet werden dazu theoretische Anteile von Havighurst und Hurrelmann, wobei insbesondere die jugendlichen Entwicklungsaufgaben vorgestellt werden, um in diesem Zusammenhang die Identitatsbildung als die „wichtigste“ Entwicklungsaufgabe und das Hauptkonstrukt dieser Arbeit einzufuhren. Dies wird im psychosozialen Stufenmodell von Erikson fortgesetzt, indem die Identitat als Bestandteil der funften Entwicklungsstufe thematisiert wird und in den neueren Ausfuhrungen von Keupp ebenfalls Berucksichtigung findet. Da der Autor dieser Arbeit auBerdem der Ansicht Abels (2010) folgt, dass die Identitatsbildung nur auf Grundlage des Austausches mit anderen Individuen stattfinden kann, wird die Identitatsentwicklung als untrennbar von dem Prozess der Sozialisation angesehen. Das Individuum muss dementsprechend in seiner Wechselwirkung zu anderen Individuen und der Gesellschaft behandelt werden. Aus diesem Grund werden verschiedene Sozialisationstheorien vorgestellt, die die Identitatsbildung des Menschen jeweils integrieren. Die ausgewahlten Ansatze sind dabei so gewahlt, dass sie sich moglichst voneinander unterscheiden, um sie im spateren Verlauf der Arbeit facettenreich auf das Verstandnis und die Rolle von Musik anwenden zu konnen. Dazu wird der Strukturfunktionalismus von Parson (1959) vorgestellt, der die Gesellschaft in Systeme einteilt und die Identitatsentwicklung des Menschen im systemtheoretischen Kontext sieht. Im Gegensatz dazu steht die Meadsche Theorie (1934), die den Menschen als aktiv handelndes Subjekt beschreibt, das sich in Interaktion mit seiner Umwelt entwickelt. Dieser Gedanke wurde weiterfuhrend verwendet um das Konzept der Selbstsozialisation zu entwickeln, dessen Grundstruktur einleitend erklart wird, bevor das Modell der produktiven Realitatsverarbeitung Hurrelmanns dargestellt wird. Hurrelmann (2012) hebt darin die Eigenleistung des Menschen in seiner Identitatsbildung hervor, ohne die gesellschaftliche Komponente zu vernachlassigen. Um die Informationsfulle uber alle bis dato vorgestellten Theorien angemessen zusammenzufassen, wird abschlieBend zu dem dritten Kapitel ein Zwischenfazit gegeben, in dem eine Integration der Modelle vorgenommen- sowie Kritik geauBert wird. Im Anschluss an die theoretische Auseinandersetzung mit Identitat, wird der Bogen zur Musik uber die Thematik des Geschmacks geschlagen und sowohl im makro- als auch im mikrosoziologischen Kontext behandelt. Zu Beginn wird dazu die bedeutende, wenn auch umstrittene Gesellschaftsanalyse von Bourdieu (1982) vorgestellt, die den Geschmack eines Menschen als sozial determiniert beschreibt und somit auch musikalische Vorlieben als Spiegel der gesellschaftlichen Position sieht. Bourdieus Logik folgend, sind Geschmack und Musik demnach kein Mittel zur Identitatsarbeit, sondern lediglich das Ergebnis von Sozialisation und ein Mittel zur Distinktion. Erganzend dazu lasst sich die Rolle des Geschmacks durch die soziale Identitatstheorie von Tajfel und Turner (1979) und die optimale Distinktionstheorie von Brewer & Picket (1991) im Kontext von Gruppenkonstellationen erklaren. Beide Theorien legen bestimmte „Regeln“ und Bedurfnisse fest, denen in Gruppenkonstellationen gefolgt wird. Ubertragen auf jugendliche Peer Groups lasst sich der musikalische Geschmack hier ebenfalls als Mittel zur Distinktion beschreiben, wobei der Geschmack sehr von den asthetischen Regeln innerhalb einer Gruppe beeinflusst wird und ebenfalls zur Inklusion beitragt. Im Anschluss an die vorgestellte soziale Nutzung und den moglichen Ursprung des (musikalischen) Geschmacks, folgt die Beschreibung des

Aneignungsprozesses von Musik um sie als mogliche Ressource von Entwicklung in den Fokus zu rucken. Dazu geht es im Kapitel sechs um musikalische Sozialisation und die musikalische Selbstsozialisation. Da, wie bereits erwahnt, kein ausgearbeitetes Modell der musikalischen Sozialisation existiert, wird ein kurzer Uberblick uber den aktuellen Kenntnisstand gegeben, der die Relevanz von Musik als Element des Interpendenzverhaltnisses zwischen Individuum, Kultur und Gesellschaft verdeutlicht und die Rolle von Musik als Medium mit sozialer Bedeutsamkeit hervorhebt. Um einen eigenen Ansatz fur die Verknupfung von Sozialisation und Musik zu schaffen, werden die im Kapitel drei behandelten Theorien mit Musik verknupft, d.h. Musik wird als potentielle Komponente dieser Theorien verstanden und anhand der Erkenntnisse und Strukturen der einzelnen Modelle mal als Element der Gesellschaft, der spezifischen Interaktion oder der Medien erklart. Final wird dann das Konzept der musikalischen Selbstsozialisation von Muller (2006) vorgestellt, das sich an Mead und Hurrelmann orientiert und von Bourdieu distanziert. Laut Muller (2006) wahlen Jugendliche in Eigenleistung Kulturen aus und bilden musikalische Praferenzen, woruber sie sich fortwahrend sozial positionieren und ihr Selbst-, sowie Fremdbild formen. Was genau Jugendliche in Musik sehen bzw. was Musik allgemein fur eine Wirkung auf den Menschen besitzt wird im Kapitel sieben behandelt. Dort wird die Wirkung und Funktion von Musik auf einer personliche individuelle Bedeutungsebene gebracht, um das weitreichende Potenzial von Musik hervorzuheben. Die gewonnenen Erkenntnisse werden abschlieBend in einem Fazit zusammengefasst und auf weitere Forschungsausrichtungen bezogen.

1.1 Begriffserlauterung Identitat

Im gangigen Sprachgebrauch ist der Begriff der Identitat mittlerweile vor allem Krisen-behaftet, da er mit Begriffen wie Identitatsverlust, Diskriminierung oder Schwache in Verbindung gebracht wird (Abels, 2009, S. 323). Die Umstande, unter denen Identitat heutzutage konstruiert wird, sind gezeichnet von dem Wandel der Gesellschaft in ein dynamisches, vielfaltiges, soziales Gebilde mit widerspruchlichen Rollenerwartungen und zahlreichen identitatszerstorenden Faktoren (Fischer, 2009, S. 247). Eine Einheitlichkeit von Identitat ist in diesem Kontext nicht mehr moglich und die Theorien, die zu Zeiten einer stabilen, statischen Gesellschaft noch von einer solchen Konstanz von Identitat ausgingen, sind uberholt. An ihre Stelle treten neue Konzepte, die versuchen, die Komplexitat aktueller Entwicklungen zu berucksichtigen (ebd., S. 247). Nichtsdestotrotz existiert bis heute keine allgemeingultige Definition, weshalb das facettenreiche Konstrukt der „Identitat“ im folgenden anhand einiger Grundgedanken zusammenfassend dargestellt wird. Im Ursprung des Wortes Identitat steckt der lateinische Begriff: „ Idem“, was ubersetzt „derselbe“ oder „dasselbe“ bedeutet und verwirrenderweise die allgemein verbreitete Meinung zu bestatigen scheint, Identitat besaBe ein Mensch dann, wenn er in alien Situationen ,,sich gleich sei“ und konsequent nach festen Grundsatzen handele (Abels, 2010, S. 248). Die Identitatsmodelle, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, weisen Parallelen dazu auf, da sie die Aufgabe des Menschen darin sehen, sich dauerhaft an die gesellschaftlichen Werte zu binden und die eigene Identitatsbildung nach den vorhandenen Erwartungsstrukturen zu richten. In spateren Jahren wurden derartiges Gedankengut angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen revidiert und auf den voranschreitenden Rollenpluralismus verwiesen, der widerspruchliche Erwartungen an das Individuum herantragen wurde, was eine Einheitlichkeit der Identitat nicht mehr realistisch mache (Fischer, 2009, S. 245-247). Eine neuere und differenziertere Definition lautet deshalb wie folgt:

,,Identitat ist das Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit einer eigenen Lebensgeschichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit anderen eine Balance zwischen individuellen Anspruchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben“ (Abels, 2009, S. 322).

Die Bildung von Identitat erfolgt demnach immer in einem gesellschaftlichen Kontext, wobei das Ziel ist als handlungsfahiges Gesellschaftsmitglied integriert zu werden und zu bleiben. Der Mensch muss dabei eine Art Balanceakt zwischen den sozialen Anforderungen und seinen eigenen Bedurfnissen leisten, mit dem Ziel innerhalb seiner eingenommenen sozialen Rollen ein Handlungsmuster zu konstruieren, dass moglichst nicht im Widerspruch zu seinem aktuellen Selbstbild steht. Mead begreift Identitat daran anschlieBend als eine Form von Interpretation, die das Subjekt anhand der Interaktion mit seiner Umgebung und deren Folgen selbst leistet (Abels, 2009, S. 334-335). Oftmals munden derartige Interaktionsprozesse allerdings aufgrund der Ambivalenz und Verunsicherung des Individuums innerhalb der Gesellschaft in den Versuch mit der eigenen Haltung so wenig wie moglich zu polarisieren. Die Folge eines solchen Verhaltens ist eine ubermaBige Anpassung, wodurch das eigentliche Identitatskonstrukt hinter dieser Fassade diffus bleibt (ebd., 2010, S. 253). Goffmann (1959) bringt einen ahnlichen Gedankengang auf den Punkt, indem er sagt, jeder versucht sein wahres Selbst durch alltagliches „Theater“ spielen und das Hervorkehren seiner besten Seite zu schutzen. Durch Schauspiel wird also ein kunstlicher Freiraum fur Identitat geschaffen. Derartige Strategien mit sich selbst und der Gesellschaft umzugehen, entstehen meistens vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Entwicklung durch die sich das Individuum selbst und seinen Werdegang verunsichert sieht. Eine dieser Entwicklungen ist beispielsweise die Enttraditionalisierung, die dazu gefuhrt hat, dass stabilisierende Institutionen, wie Familie, Religion, Beruf, Nationalitat, Sprache zunehmend an Wert verlieren und durch Konsumgewohnheiten, neudefinierte Geschlechterrollen und Stars in Vorbildfunktionen ersetzt wurden. Dadurch besteht insbesondere fur Jugendlichen die Gefahr, dass sie ihre personliche Identitat zugunsten der oberflachlichen Reproduktion gangiger Popularmodelle aufgeben und sich in medial vorgegebene Strukturen fluchten; Strukturen, die sie in der der Gesellschaft vergeblich suchen (Fischer, 2009, S. 247-249). Ohne feste Rahmenbedingungen in Form von Werten und Normen, ist die Gesellschaft zu undurchsichtig geworden und verlangt von den Menschen mehr denn je, dass sie Identitatsarbeit leisten. Diese Eigenverantwortung des Einzelnen betont vor allem Keupp in seiner Theorie, in der er vom Individuum als Baumeister seiner Biographie spricht, der sich seine Identitat patchworkartig zusammenbasteln muss (Keupp, 2002, S. 7). Besonders in der Jugendphase, in der die Identitatsbildung seinen Einstieg erlebt, werden neue Kontexte fur die Entwicklung gesucht und ausprobiert. Als ein mogliche Plattform dafur kann die Musik genannt werden, da sie als Ausdrucksmedium sowohl Interaktion als auch selbstreflexive Prozesse ermoglichen kann (Baacke, 1993, S. 10-11). Wie sich dabei die Verknupfung von Jugend und Musik in den vergangenen Jahrzehnten im Kontext der Gesellschaft gezeigt hat, wird im Folgenden erlautert.

1.2 Musik im Kontext sozialgeschichtlicher Ereignisse

Die wechselseitige Beziehung von Musik und Gesellschaft lasst sich anhand der Entwicklung musikalischer Kultur und den damit zusammenhangenden sozialgeschichtlichen Ereignissen erklaren (Ferchhoff, 2013, S. 19). Jugendliche Sozialisationsentwicklung war und ist nach diesem Verstandnis stets an musikalische Orientierung geknupft, die sich nicht nur in einer bloBen Praferenz fur eine Musikrichtung niederschlagt, sondern sich auf das Gesamtarrangement des Musikstars bezieht (Eulenbach, 2013, S. 251). Die Empfanglichkeit der Jugend fur solche Vorbilder setzt nach Beendigung der primaren Entwicklungsphase innerhalb der Familie ein, da der junge Mensch sich dann von gewohnten Vorbildern abwendet und eigenstandig nach neuen Leitfiguren sucht, die ihn in seiner Identitatsfindung unterstutzen (ebd., S. 252-253). Das Phanomen der musikalischen Leitfigur entstand erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts und entwickelte sich im Zuge der aufkommenden Jugendkulturen der 50er Jahre zu einem Massenmagnet, wie er uns bis heute begegnet (ebd., S. 259). Ausschlaggebend fur die Entstehung klassischer Jugendbewegungen waren allerdings nicht ausschlieBlich musikalische Idole, sondern vor allem voran geschaltete musikalische und gesellschaftliche Entwicklungen in den USA. Von dort breiteten sich Trends und Lifestyle durch fruhe Globalisierungstendenzen nach Europa aus, was hierzulande in den 20er Jahren durch die Einfuhrung kommerzialisierter Popularkultur zu einem ersten Bruch mit der herrschenden Hochkultur fuhrte (Ferchhoff, 2013, S. 20). Insbesondere der „Jazz“ und der „Swing“ lieBen individuelle Tanz-, Mode-, und Kleidungsstile entstehen, die von der Jugend genutzt und weiter vorangetrieben wurden (ebd., S. 20). Die US-Forscher beobachteten aufmerksam die Rolle der Jugend bei der Entwicklung von Trends und kulturellen Bewegungen und erfanden, wie Jon Savage im Nachhinein herausstellen konnte, im Jahre 1944 die Gruppe der Teenager als attraktive wirtschaftliche Zielgruppe. Als moglicher AnstoB fur diese Marketingstrategie konnte die Entstehung erster Massenhysterien, ausgelost von Frank Sinatra, gewesen sein, die eine enorme Wirkung musikalischer Idole auf die Jugend offenbarte und sich uber die Wirtschaft instrumentalisieren lieB (ebd., S. 23-24).

Nach Ende des zweiten Weltkrieges erlebte der Jazz endgultig seinen Vormarsch; vor allem die Variante des Bigband Sounds galt als Demokratieaffine Musik der Freiheit. Parallel dazu entwickelten sich zahlreiche neue Stromungen des Jazz, wie der „Bebop“ oder der „Modem Jazz“, die die Entstehung gegenkultureller Bewegungen markierten und vor allem als Symbole der Subkultur Beatniks1 galten (ebd., S. 21).

In den 50er Jahren bildeten sich dann die Halbstarken- und Teenagerkulturen heraus, was begleitet wurde von einer Aufwertung kultureller Schlusselobjekte wie Musik, Medien, Sport, Fahrzeugen oder Tanzhallen und die Kehrtwende hin zu einem spaB-, und freizeitorientierten Lebensgefuhl bedeutete (ebd., S. 24). Es folgte die Entstehung des ,,Rock & Rolls“ und des „Beats“, die beide zum Ausdruck der Trennung zwischen Jung und Alt wurden und als Sprachrohr fur den Generationenkonflikt dienten. Vor allem die Szene des Rock & Roll bildete sich unter dem starken Einfluss der Konsum und Medienindustrie, die vermittelten, welche Produkte, Symbole und Accessoires gekauft werden mussten, um sich als Teil der Szene bezeichnen zu konnen. Durch die Etablierung von derartigem Massenkonsum und der Massenmedien verbreitete sich der „american way of life“, was sich vor allem in einem Faible fur US-Produkte niederschlug (ebd., S. 30). Durch das Aufkommen des Beats in den 60er Jahren entstanden entlang der Bipolaritat zwischen Stones und Beatles Anhangern zwei entgegengesetzte Jugendkulturen. Die jeweiligen Fans verstanden sich selbst als aktiver Bestandteil einer subversiven Jugendkultur (Lehnartz, 2005, S. 120) mit dem Ziel durch geheime Tatigkeiten eine staatliche Ordnung zu verandern und schlieBlich den Umsturz herbeizufuhren. Je weltumspannender diese Bewegungen waren, desto starker wurde sie durch Musik-, und Kulturindustrie funktionalisiert.

Die Jugendkulturen differenzierten sich zunehmend in den folgenden Jahren und es entstanden zahlreiche, in ihren Haltungen sehr ambivalente Varianten der Jugendkultur. Darunter beispielsweise die „Hippie“ Bewegung, die sich angesichts der materiell gepragten Monotonie und Sterilitat der Gesellschaft fur freie Liebe und ein bewussteres Lebensgefuhl einsetzte oder die „Punkszene“ der 70er, die sich aufgrund der drohenden Arbeitslosigkeit, dem Streit um Kernenergie und Nachrustung und einer allgemeinen gesamtgesellschaftlichen Verunsicherung gegen die Gesellschaft abgrenzte und allein durch ihr AuBeres versuchten zu provozieren und sich gegen die konsumbezogene Allgemeinheit richtete. Die Musik der Punkszene zeichnete sich passend dazu durch schnelle, aggressive Songs aus (Ferchhoff, 2013, S. 51-52). Es wurde zu weit fuhren alle Stromungen ab den 70er Jahren anzufuhren, da sich die Musik zu dieser Zeit in sehr viele Richtungen ausdifferenzierte. Erwahnenswert im Hinblick auf die heutige Musikwelt, sind wohl am ehesten noch die 90er, die dominiert wurden von der „Hip-Hop“ und der „Techno“ Bewegung (ebd., S. 71). Besonders „Techno“ demonstrierte die Moglichkeiten neuartiger Technik, die verschiedene Beats und Taktfrequenzen entstehen lieB und neue Voraussetzungen der Produktion und Rezeption schuf. Mithilfe von elektronischer Musik naherte sich die Gesellschaft in gewisser Weise an die noch recht unbekannten technologischen und medialen Bedingungen an. Jugendkulturen gestalteten diese kreativ um, sodass sich sowohl Beatniks waren Mitglieder der Beat Generation, einer literarischen Stromung nach dem 2.Weltkrieg, die sich gegen die prude amerikanische Nachkriegsgesellschaft richtete.

kommerzielle massenkompatible Stilrichtungen als auch Subkulturen des Undergrounds entwickelten (ebd., S. 73).

Seit den 90ern ist bis heute auf diese Weise ein enormer Szenenpluralismus entstanden (ebd., S. 73). Die Zugehorigkeit in Techno Szenen ergab sich dabei im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen nicht aus politischen oder sozialen Motiven, sondern resultierte ausschlieBlich aus einem gemeinsamen asthetischen Empfinden. Die Offenheit und Weitlaufigkeit der Techno- Kultur distanzierte sich von den fruheren Aussteigermentalitaten anderer Szenen und war somit Inbegriff einer gesellschaftlichen Neustrukturierung. Techno richtete sich dementsprechend gegen nichts und niemanden, sondern ihre Mitglieder versuchten durch groB inszenierte Harmonie ein- meist auf das Wochenende begrenztes- Lebensgefuhl zu kreieren, das fern von uberzogenem Leistungsdenken und Individualisierungstendenzen gegen den langweiligen Alltagstrott wirken sollte (ebd., S.78-79). Die hedonistische Partykultur zeichnete sich durch einen in der Szene akzeptierten Drogenkonsum aus, der zu dem gewunschten temporaren Glucksgefuhl beitragen sollte. Die Szene, die es heutzutage gibt, ist immer noch gepragt von ihrer Offenheit und Allgegenwartigkeit. Sie sucht sich insbesondere in der Clublandschaft seine Nischen, fern ab vom Mainstream. Die AusmaBe des Einflusses von elektronisch produzierter Musik reichen mittlerweile sogar soweit, dass sie zum allgemein verwendeten Stilmittel geworden sind und auf diese Weise Einzug in zahlreiche Musikrichtungen erhalt (ebd., S. 90). Eine weitere Musikrichtung, die Ende der 90er Jahre bis heute, zu interessanten Reaktionen in der Gesellschaft gefuhrt hat, ist der „Schlager“. In der Schlagerwelt scheint der Abstand zwischen Bildungs-, und Kleinburgertum fast ganzlich zu verschwinden, da sich alle gemeinsam der temporaren Illusion einer besungenen heilen Welt hingeben und fur kurze Zeit die eigenen Sorgen vergessen konnen (ebd., S. 101). Die Besucherstruktur eines Helene Fischer Konzerts heutiger Zeit ist ahnlich variabel und weder an eine bestimmte Personengruppe noch an eine Altersklasse gebunden.

Es bleibt festzuhalten, dass uber alle Jugendkulturen hinweg, stets das Ziel verfolgt wurde, mit den gesellschaftlichen Umstanden zurechtzukommen und sich selbst einen Platz in- oder manchmal auch bewusst auBerhalb dieser zu suchen; ob nun durch Protestbewegungen gegen herrschende Regeln und die Kommerzialisierung, als friedliche Rebellion gegen das burgerliche Establishment oder als Flucht vor dem allgegenwartigen Druck; jede Kultur fur sich betreibt seine eigene Philosophie. Bis heute sind auf diese Weise, und durch Unterstutzung der industriellen Vermarktung, unzahlige Subkulturen entstanden, die an die Stelle der groBen Jugendbewegungen getreten sind und einen ,,Mainstream der Minderheiten“ gebildet haben (Holert & Terkessidis, 1996). Diese neue Szenelandschaft wird heutzutage vor allem anders genutzt; so zeichnete sich bereits 1996 innerhalb der Shell Jugendstudie keine eindeutige Identifikation mehr mit jugendkulturellen Gruppen ab, sondern eine identitatsflexible Nutzung des jugendkulturellen Angebots und eine Praferenz fur mehrere Stile (Friedmann & Hofmann, 2013, S. 384). Dieser andauernde Trend der Individualisierung hat dazu gefuhrt, dass Jugendliche mittlerweile aus einem „Supermarkt der Stile“ (Otte, 2010, S. 73) ihre Szenezugehorigkeit frei wahlen und ihre Lebensstile patchworkartig zusammenstellen konnen (Ferchhoff, 1999, S. 251). Selbst die bewussten Abgrenzungsbedurfnisse der Jugend gegenuber den Eltern haben sich gewandelt, sodass heutige Distinktionsbestrebungen eher gegen das Altmodische gerichtet sind, als gegen die Eltern selbst. Dies hangt damit zusammen, dass die Elterngeneration mittlerweile viele Staralluren und jugendkulturelle Phanomene miterlebt hat und sich die Konsumkultur an der Jugend orientiert. Es geht folglich nicht mehr primar um die Unterscheidung Jung vs. Alt, sondern um Angepasst vs. Eigensinnig sein.

Zusammenfassend lasst sich die dargestellte jugendkulturelle Entwicklung mit Entstrukturalisierung und Pluralisierung charakterisieren, was gleichzeitig einen Teil der sozial- gesellschaftlichen Entwicklung reprasentiert und somit erneut auf den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Jugendkulturen verweist. Aktuell stehen Jugendliche einer neuen Gestaltungsfreiheit in Alltag, Beruf und Gesellschaft gegenuber, die allerdings nicht selten Druck und Unsicherheit erzeugt und dadurch erst recht zur Herausforderung wird (Hitzler &

Honer, 1994, S. 307-309). Als pragmatische Gesellschaft unter Druck betitelte die 17. Shell Studie (2015) die heutige Jugend, um die es im folgenden Kapitel ausfuhrlicher gehen soll.

2 Jugend in der heutigen Gesellschaft

In der Jugendphase findet der wichtigste Teil der Identitatsbildung statt, da hier eine Staffelung an Entwicklungsaufgaben zu beobachten ist. Der Jugendliche wird das erste Mal mit der Aufgabe konfrontiert, eine Verbindung zwischen personlicher Individuation und sozialer Integration zu schaffen, um seinen weiteren Lebenslauf zu ebnen (Ecarius, Eulenbach, Fuchs & Walgenbach 2011, S. 41). Durch die Destandardisierung des jugendlichen Werdegangs ist eine unendliche Vielzahl an Moglichkeiten der beruflichen und privaten Selbstverwirklichung entstanden. Eine Orientierung an Standard- Lebenslaufen ist kaum noch moglich, sodass Jugendliche sich gezwungen sehen, sich selbst einen Platz im Leben zu suchen, wobei der Erwartungsdruck nicht nur auf Seiten der Eltern, sondern auch bei den Jugendlichen selbst groB ist (Hitzler & Niederbacher, 2010, S. 11). Dieser innere Antrieb ist der individualisierten Gesellschaft geschuldet, in derjeder ein ,,zur Freiheit verurteiltes Leben“ fuhrt (Hitzler & Honer, 1994, S. 307). Damit ist sowohl gemeint, dass durch strukturelle Veranderungen in klassischen Schichtstrukturen und Gesellungsformen mehr individuelle Entscheidungschancen bestehen, als auch „garantierte“ Verlasslichkeiten seitens der gesellschaftlichen Ordnung verloren gehen (Hitzler & Niederbacher, 2010, S. 12). Chancen und Risiken halten sich sozusagen die Waage. Honer und Hitzler fassen die negativen Auswirkungen von Individualisierungs-, und Pluralismusprozessen wie folgt zusammen: ,,Die alltagliche Lebenswelt des Menschen ist zersplittert in eine Vielzahl von Entscheidungssituationen, fur die es (nicht trotz, sondern wegen der breiten Angebots-Palette) keine verlaBlichen (sic!) >Rezepte< mehr gibt“ (Honer & Hitzler, 1994, S. 308). Anders formuliert: Der Mensch steht einer individualisierten Welt an Reizuberflutungen mit viel Auswahlmoglichkeit und Entscheidungsfreiheit gegenuber, wodurch es zu einem Gefuhl der Uberforderung kommen kann. Dieses Gefuhl der Uberforderung verspuren viele vor allem angesichts der Tatsache, dass Bildungsabschlusse entwertet werden und auch ein Studienabschluss keinen sicheren oder gut bezahlten Arbeitsplatz mehr garantiert (Hitzler & Niederbacher, 2010, S. 11-13). Heranwachsende sehen sich gezwungen sich den hoher werdenden Anspruchen zu fugen, Eigeninitiative zu ergreifen und Kompetenzen zu erwerben, die ihnen auf dem Arbeitsmarkt zu Gute kommen (Zehentmair, 2013, S. 9). In diesem Kontext zeigt sich z.B. das Bedurfnis des Einzelnen nach Differenzierung von der Masse; denn wem es gelingt, herauszustechen, der kann sich im Konkurrenzkampf behaupten. Das Bedurfnis nach Differenzierung schlagt sich auch nieder in der zahlreichen Entstehung neuer Trends, Entertainmentangebote und Lebensstile (und Jugendkulturen). Die Konsumgesellschaft unterstutzt dabei die wachsende Anzahl an Auswahlsituationen und orientiert sich an den Interessen der Jugendlichen, nutzt aber auch die positiven Assoziationen, die die Gesellschaft mit der Jugend verbindet, um ihren Umsatz grundsatzlich zu steigern. Jugendlichkeit umfasst in diesem Sinne keine bloBe Zeitspanne mehr, sondern steht fur ein Lebensgefuhl, fur Individualitat und wird in der Regel mit Attributen wie „Gesundheit, Schonheit, Lebendigkeit und Leistungsfahigkeit“ assoziiert, die es gilt, so lange wie moglich zu erhalten (Zehentmair, 2013, S. 6).

Eine weitere Definition des modernen Identitatsproblem stammt von Keupp und lautet:

“Identitat erwachst nicht mehr aus einer gemeinsamen Welt-Sicht vieler, einem ideologischen, moralischen Normenpaket, sondern aus der dialogischen Welt-Erfahrung der einzelnen in ihren Lebenswelten“ (Keupp, 1999, S. 99).

Damit verweist Keupp auf die Tatsache, dass die Jugend sich im individuellen Austausch die Anerkennung anderer sichern muss, um die eigene Positionierung in der Gesellschaft selbstverantwortlich zu gestalten. Als heterogene Gruppe sieht sich die Jugend fern ab von Normalbiografien dazu gezwungen, enorme Orientierungsleistungen zu erbringen. Dadurch sind sowohl der Ubergang ins Erwachsenenalter als auch die Entwicklung einer Identitat nicht mehr an ein bestimmtes Lebensereignis gebunden (Hitzler, 2010, S. 13).

2.1 Definition Jugend nach Hurrelmann

Hurrelmann hat sich intensiv mit dem Thema „Jugend“ beschaftigt und versucht den Eintritt in das- sowie den Austritt aus dem Jugendalter zu definieren. Hurrelmann markiert dabei das Einsetzen der Pubertat und der Geschlechtsreife als Eintritt in das Jugendalter. Da die Pubertat mittlerweile weitaus fruher einsetzt als noch vor einigen Jahrzehnten, beginnt auch die Phase der Jugend dementsprechend fruher. (vg. Hurrelmann, 2004, S. 40). In diesem Kontext untergliedert Hurrelmann die Jugendphase in drei Abschnitte (ebd., S. 41):

- fruhe Jugendphase: 12-17

- mittlerer Jugendphase: 18-21

- spatere Jugendphase: 22-27

Wann die letzte Jugendphase abgeschlossen ist, ist ebenfalls schwer festzulegen, da verbindliche Statusubergange wie z.B. die Heirat wegfallen. Laut Hurrelmann gilt die letzte Jugendphase erst als beendet, wenn das Individuum die volle Selbststandigkeit als Gesellschaftsmitglied erlangt (ebd., S. 34).

2.2 Entwicklungsaufgaben nach Havighurst und Hurrelmann

Die Jugend bezeichnet also eine hochst sensible Phase, in der eine eigenstandige Orientierung geschaffen werden soll, um letztendlich die Unabhangigkeit vom Elternhaus zu erreichen. Die Gewinnung einer Identitat wird dabei als Kernkonflikt des Jugendalters verstanden und muss ab einem bestimmten Lebensalter in Eigenverantwortung erlangt werden, (Luhrmann, 2006, S. 149­150) um als vollwertiges Gesellschaftsmitglied akzeptiert zu werden. Robert J. Havighurst analysierte als erster die gesellschaftlichen Erwartungen, die fur einzelne Lebensphasen typisch sind und die es gilt, vor dem Hintergrund der personlichen Entwicklung zu erfullen. Er fuhrte in diesem Kontext den Begriff der Entwicklungsaufgabe ein und definierte: ,,Eine Entwicklungsaufgabe ist eine Aufgabe, die sich in einer bestimmten Lebensperiode stellt. Ihre erfolgreiche Bewaltigung fuhrt zu Gluck und Erfolg, wahrend Versagen das Individuum unglucklich macht, auf Ablehnung durch die Gesellschaft stoBt und zu Schwierigkeiten bei spateren Aufgaben fuhrt“ (Havighurst, 1982, zit. n. Munch 2002, S. 71). Entwicklung kann demnach auch als Lernprozess verstanden werden, der sich uber die gesamte Lebensspanne erstreckt und die aktive Beschaftigung mit personlichen und sozialen Anforderungen umfasst. Entwicklungsaufgaben entstehen dabei durch verschiedene Faktoren und deren Zusammenspiel: beispielsweise wird die Sexualitat durch physische Reifungsprozesse wie das Einsetzen der Pubertat angeregt, gesellschaftliche Erwartungen fordern die Abnabelung vom Elternhaus und die individuelle Personlichkeit des Individuums formt dessen Zielsetzungen und Werte (Oerter & Montada, 2012, S. 262). Die Anforderungen an die Entwicklung konnen dabei als korperlicher, kultureller, sozialer und psychischer Natur benannt werden, wobei vor allem zwischen psychologischer und soziologischer Aufgabenbewaltigung unterschieden wird (Hurrelmann, 2015, S. 75-76). Havighurst (1953) demonstriert zudem, inwiefern die einzelnen Entwicklungsstufen zusammenhangen und dass die erfolgreiche Bearbeitung einer Stufe, als Voraussetzung fur die Bewaltigung der darauffolgenden Stufe fungiert. Dreher und Dreher griffen 1985 das Konzept von Havighurst auf und konnten innerhalb einer empirischen Untersuchungsreihe die aktuelle Gultigkeit der Entwicklungsaufgaben uberprufen. Sie konnten den groBen Katalog an Entwicklungsaufgaben in zehn Hauptkategorien eingrenzen. Hurrelmann arbeitet in seiner Theorie mit einer ahnlichen Auflistung an Entwicklungsaufgaben, verstarkt allerdings den gesellschaftlichen Einfluss auf die Entwicklung. Somit greift er die Kritik an Havighursts Modell auf, welches zu starr sei und die Stufen zu normativ, um die individuellen Variationen von Entwicklung zu erfassen (Schneider, Lindenberger, Oerter & Montada, 2012, S. 262). Hurrelmanns Grundkonzept geht in diesem Sinne von aufeinander aufbauenden Phasen aus, die jedoch ziemlich gleichartige Anforderungen an das Individuum herantragen. Dies verdeutlicht Hurrelmann durch seine Unterteilung der Entwicklungsaufgaben in vier Cluster, welche im Folgenden in Bezug auf das Jugendalter zusammengefasst werden (Hurrelmann, 2012, S. 79): Die erste Gruppe „Binden“ behandelt die Akzeptanz des eigenen Korpers und die emotionale Ablosung vom Elternhaus. Mit den, in der Pubertatsphase, einsetzenden korperlichen Veranderungen wird eine neue physische Erscheinung definiert. Die Herausforderung besteht hier darin, diese Reifung zu akzeptieren, den eigenen Korper als solchen anzunehmen und eine Geschlechtsidentitat zu entwickeln. Der junge Mensch muss im Verlauf seiner Sozialisation zudem lernen, enge Freundschaftsbeziehungen zu knupfen. Sprich: mit Gleichaltrigen zurechtkommen, um fortwahrend die Fahigkeit zu entwickeln, neue Beziehungen aufzunehmen. In diesem Zuge findet ebenfalls die Eingliederung in Gleichaltrigengruppen statt, wobei sich die Integrationsleistung auf das Finden angemessener Gruppen und ein sozial verantwortliches Verhalten bezieht. Neben platonischen Beziehungen geht es im Jugendalter zudem um die Aufnahme sexueller Beziehungen, also die Wahl eines Partners und im weiteren Verlauf der Entwicklung um die Fahigkeit mit dem Partner leben zu lernen. Allmahlich wird auch die emotionale Abhangigkeit von den Eltern abgebaut; der Kontakt zu Gleichaltrigen gewinnt an Bedeutung und die Jugendlichen ubernehmen verstarkt selbst die Verantwortung fur ihre Taten (Hurrelmann, 2012, S. 79; Dreher & Dreher, 1985, S. 59). Weiterhin wird die Entfaltung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz in der Phase der „Qualifikation“ erreicht. Dazu zahlen vor allem die Ubernahme von Selbstverantwortung im Kontext von schulischen Leistungen und die Vorbereitung des Ausbildungs- und Berufslebens, die schlieBlich in den Berufseinstieg mundet und neben der emotionalen auch die finanzielle Unabhangigkeit vom Elternhaus einlautet. Der Jugendliche nimmt auf diese Weise seinen Platz in der Leistungsgesellschaft ein (Hurrelmann, 2012, S. 79-80; Dreher & Dreher, 1985, S. 59). „Konsumieren“ steht bei Hurrelmann fur den Aufbau selbststandiger Handlungsmuster in der Konsumgesellschaft. Vor allem mit diesem Punkt schafft Hurrelmann den Bezug zum Wandel der Gesellschaft und hebt die Notwendigkeit hervor, bereits im Jugendalter lernen zu mussen, mit dem Freizeit-, Medien-, und Unterhaltungsangebot umzugehen. Der Jugendliche lernt im Idealfall ein verantwortungsvolles Nutzungsverhalten und kann sich im Konsumwarenmarkt sicher bewegen. Auf diese Weise entwickelt sich ein individueller Lebensstil, durch den der Jugendliche Freizeitbedurfnisse benennen kann und selbst fahig ist, sich Entlastungs- und Ausgleichsmoglichkeiten zu schaffen (Hurrelmann, 2012, S. 80; Dreher & Dreher, 1985, S. 59). Hurrelmann fuhrt des Weiteren das Feld der „Partizipation“ ein, das den Aufbau autonomer Werte- und Normenorientierungen meint. Hier ist der Jugendliche um die Schaffung eines Systems bemuht, das fur ihn als Leitfaden fur sein Verhalten fungiert. Dieses bildet sich anhand von Moral, Gewissen und Werten aus, wobei ebenfalls eine politische Orientierung stattfindet. Es folgt die personliche Abnabelung von den Eltern und somit die Eigenstandigkeit des Jugendlichen als Staatsburger, die mit der Kompetenz einhergeht, seine eigenen Bedurfnisse und Interessen in der Offentlichkeit vertreten zu konnen. Damit ist er fahig Verantwortung als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu ubernehmen (Hurrelmann, 2012, S. 80; Dreher & Dreher, 1985, S. 59). Damit sei nur ein grober Ausschnitt dessen gegeben, dem sich ein Jugendlicher stellen muss, um zu gewahrleisten als Erwachsener in die Gesellschaft eintreten zu konnen. Eine das ganze Leben umfassende (in der Jugendphase besonders intensive) Aufgabe stellt hingegen das Herausbilden einer Identitat dar (Erikson, 1964, S. 105-106).

2.3 Entwicklungsmodell nach Erikson

Erikson (1959) greift die Identitatsfindungsproblematik in seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung als Konflikt zwischen personlichen Bedurfnissen und gesellschaftliche Anforderungen auf. In diesem integriert er die Phasenlehre Freuds mit den sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen, denen ein Kind in Interaktion mit seiner Umwelt begegnet (Abels, 2009, S. 367). Auf Grundlage der psychoanalytischen Erkenntnisse spricht Erikson der Triebenergie des Menschen in der anfanglichen Phase der Entwicklung eine zentrale Funktion zu. Diese von Freud als ES bezeichnete GroBe trifft im Laufe des Erreichens hoherer Lebensstufen auf ein ausgebildetes Uber-Ich, dass die Werte und Normen der Gesellschaft reprasentiert und auf diese Weise die Triebenergien im Zaun halt und ausgleicht (Erikson, 1959). Erikson beschreibt diese Entwicklung als innerpsychischen Prozess, bei dem er soziologische Komponenten als nachhaltig entscheidend fur eine positive Entwicklung hervorhebt. Den Prozess der Entwicklung unterteilt Erikson (1959) weiterhin in acht Phasen, wobei jede Phase die Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt bedeutet und bestimmte Aufgaben mit sich bringt. Erikson schreibt hierzu: Jede Phase "kommt zu ihrem Hohepunkt, tritt in ihre kritische Phase und erfahrt ihre bleibende Losung" (Erikson, 1959, S. 60). Die Identitat, die in einer Lebensphase erreicht wird fungiert also als Grundlage fur den darauffolgenden Abschnitt. Fur die Entwicklung ist es zudem notwendig, dass jede Stufe ausreichend bearbeitet wird, um die nachste Stufe erfolgreich bewaltigen zu konnen (Hurrelmann nach Erikson, 2012, S. 62). Bis zur funften Phase entsprechen die von Erikson postulierten Lebensphasen den psychosexuellen Entwicklungsstufen der psychoanalytischen Entwicklungstheorie Freuds. (orale, anale, genitale Phase, Latenz und Adoleszenz) (Noack, 2010, S. 44). Fur die Abhandlung dieser Arbeit ist die nahere Betrachtung der funften Phase entscheidend, da in dieser die Pubertat und die sexuelle Reife einsetzt und somit den Beginn des Jugendalters bedeutet (Erikson, 1971, S. 257). Das Individuum hinterfragt in dieser Phase alle Identifizierungen aus seiner Kindheit, wendet sich von alten Bezugspersonen (Eltern) ab und beginnt nach neuen Identifikationen in anderen Kontexten (Peer Group) zu suchen. Der Jugendliche versucht zwischen seinem fruher und aktuellen Selbstbild, Fremdbilder und verschiedenen Erwartungshaltungen zu vermitteln, um ein „Gefuhl der Ganzheit“ zu erfahren (Erikson 1964, S. 77-78). Er wird auBerdem von der Gesellschaft zunehmend als vollwertiges Mitglied angesehen und erhalt von dieser Seite neue Rollen und Aufgaben. Die funfte Phase der jugendlichen Entwicklung dreht sich also um die zentralen Fragestellung des ,,Wer bin ich?“ und ,,Wer bin ich nicht? (Erikson 1959, S. 106). Ein Spannungsfeld von Identitat und Identitatsdiffusion, wobei "das Kernproblem der Identitat", "in der Fahigkeit des Ichs (besteht), angesichts des wechselnden Schicksals Gleichheit und Kontinuitat aufrechtzuerhalten" (Erikson, 1964, S. 87). Meistert das Individuum diese Problematik, ist ein Zuwachs an Personlichkeitsreife das Ergebnis und der Jugendliche tritt als erwachsenes Mitglied in die Gesellschaft ein. Gelingt die Definition des Selbst nicht, entsteht ein Gefuhl der psychosozialen Uberforderung, meist ausgelost durch widerspruchliche und daher belastende Rollenerwartungen seitens der Umwelt. Storungen der Leistungsfahigkeit, starke Minderwertigkeits-, und Deplaziertheitsgefuhle stellen mogliche Charakteristiken dar fur einen Zustand den Erikson als Identitatsdiffusion bezeichnet (Erikson, 1959, S. 109-111; Fischer, 2001, S. 25-26).

2.4 Entwicklung bei Keupp

Das Identitatskonzept von Erikson bildet den Grundstein fur alle neueren Ansatze in der Identitatsforschung (Keupp, 1999, S. 25-26). Nichtsdestotrotz lasst es sich angesichts der immer komplexer werdenden Gesellschaft nicht mehr auf die heutige Zeit anwenden. Allein die Tatsache, dass sich die Phase der Adoleszenz bei vielen Jugendlichen aufgrund der erweiterten Bildungsmoglichkeiten sehr in die Lange zieht und bei einigen quasi nie endet, lasst sich mit Eriksons Konzept nicht fassen, da die Genannten schlichtweg nicht erwachsen werden wurden (Keupp, 1988). Heiner Keupp distanziert sich von gangigen normativen Ansatzen (Keupp, 1997, S. 12) und versucht diese theoretischen Lucken mit seinem Identitatsmodell zu schlieBen, indem er die veranderten Lebensbedingungen der individualisierten Gesellschaft berucksichtigt und Identitat zu einem Arbeitsbegriff ernennt. Identitat sehen Keupp et. al. (2002) als lebenslangen, permanenten Prozess, der durch die alltagliche Identitatsarbeit und die Eigenleistung des Individuums charakterisiert werden kann (S. 60). Es geht dabei um die „Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven Innen und dem gesellschaftlichen AuBen; also um die Herstellung individueller sozialer Verortung“ (Keupp et.al., 2002, S. 28). Durch diese Beschreibung wird vor allem die Abhangigkeit der Identitat von der Gesellschaft deutlich;

multiple Realitaten fordern dementsprechend multiple Identitaten (Keupp, 1989, S. 54). Keupp bringt in diesem Kontext den Begriff der Patchwork-Identitat ein, der darauf verweist, dass Jugendliche sich in Konfrontation mit auflosenden gesellschaftlichen Strukturen und der Flexibilisierung eine moglichst facettenreiche Identitatsstruktur aufbauen mussen, um Anpassungsfahig zu bleiben (Keupp et.al., 2002, S. 7). Diese kreative Verknupfungsleistung, die Erfahrungselemente des Alltags versucht in einen sinnhaften Zusammenhang zu bringen, erfolgt unter der Verwendung von Ressourcen (Keupp, 2006, S. 189). Dies wird was im spateren Verlauf dieser Arbeit erneut aufgegriffen, wenn es um die Kapitalsorten bei Bourdieu geht.

3 Sozialisationstheorien

Die kreative Verknupfungsleistung, die Keupp beschreibt, versucht die Erfahrungselemente des Alltags in einen sinnhaften Zusammenhang zu bringen, wobei neben der Auseinandersetzung mit der auBeren Realitat in sozialer und physischer Umwelt auch die innere Realitat von Korper und Psyche eine Rolle spielt. Der Prozess, in dem diese Entwicklung stattfindet, wird mit dem Begriff der Sozialisation zusammengefasst (Hurrelmann, 2015, S. 14-15). Sozialisationstheorien untersuchen dabei auf Grundlage des Spannungsfeldes zwischen Gesellschaft und Individuum, wie der Mensch es schafft, sowohl in soziale Strukturen integriert zu werden als auch eine individuelle Personlichkeit zu entwickeln. Anders ausgedruckt: es wird angenommen, dass der Mensch sich auf einem Kontinuum von Anpassung und Differenzierung bewegt, wobei die Gesellschaft und der Mensch selbst fur Balance sorgen mussen. Um die Identitatsentwicklung von Jugendlichen also vollends nachvollziehen zu konnen ist es entscheidend ein Gesellschaftsverstandnis zu schaffen, durch das die allgemeinen Rahmenbedingungen der Entwicklung mit all ihren Risiken und Chancen deutlich herausgestellt werden. Es gibt zwei Herangehensweisen an diese Thematik. Einmal die soziologische, die eher den Standpunkt der Gesellschaft vertritt und untersucht, welche Einstellungen und Verhaltensweisen von den Menschen gefordert werden mussen, um Zusammenhalt zu gewahrleisten. Dann die psychologische, die aus Sicht des Individuums analysiert, unter welchen Umstanden der Einzelne seine Personlichkeit hin zur Individualitat frei entfalten kann (Hurrelmann, 2012, S. 12­13). Zu den psychologischen Ansatzen zahlen unter anderem die bereits behandelten Theorien von Erikson und Havighurst. Erstmals definiert wurde der Begriff der Sozialisation Ende des 19. Jahrhunderts von Durkheim bzw. Simmel als „Vergesellschaftung der menschlichen Natur“ (Durkheim, 1973, zit. n. Hurrelmann, 2012, S. 14). Damit vertraten sie die Ansicht, dass der Mensch aufgrund seiner triebhaften Energien nur dann gesellschaftsfahig gemacht werden kann, wenn er die Normen und Mechanismen der Gesellschaft verinnerlicht und auf diese Weise zu einem loyalen Mitglied geformt wird. Im Gegenzug profitiert er von den Vorzugen des Gemeinschaftslebens (Hurrelmann, 2012, S. 13-14). Soziale Integration kann man hier als eine Art aufgezwungenen Prozess verstehen, der keine Individualitat zulasst bzw. Individualitat als funktionale Ordnung versteht, die durch allgemeingultige MaBstabe kreiert wird. Vor dem Hintergrund der, durch die Industrialisierung, immer komplexer werdenden Gesellschaft war dies zu damaliger Zeit die einzig naheliegende Erklarungsmoglichkeit fur die Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts (ebd., S. 14). Zeitlich spater einzuordnende Ansatze verfolgen systemtheoretische Argumentationslinien, die ein moglichst allgemeingultiges Verstandnis von Gesellschaft zeichnen wollen, dass auf alle Formen von Sozialitat anwendbar ist. Talcott Parson lieferte Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner strukturfunktionalistischen Theorie einen dieser Ansatze.

3.1 Strukturfunktionalistische Theorie Parson

Parsons greift die Fragestellung Durkheims auf, wie komplexe Gesellschaftssysteme ihre Stabilitat bei gleichzeitigem Einbezug der individuellen Personlichkeiten des Menschen aufrecht erhalten konnen (Hurrelmann, 2015, S. 25). Talcott Parsons sieht Gesellschaft als System verschiedener Subsysteme, die untereinander funktionieren mussen, um die Gesamterhaltung und Stabilitat des Systems zu gewahrleisten (Kunzler, 1986, S. 424). Um sein Gleichgewicht zu erhalten und seine Aufgaben zu erfullen, muss jedes System fur sich, unabhangig von seiner Komplexitat und GroBe, vier Funktionen erfullen. Dabei sieht Parsons die groBte Herausforderung darin, dass aufeinander bezogene Handlungen sich als eigenstandiges System gegenuber der Umwelt abgrenzen und sich reproduzieren konnen. Angelehnt an organische Prozesse definiert er dabei in seinem „AGIL“ Schema die Voraussetzungen fur Strukturerhaltende Systeme. Dazu zahlt die (1) Adaption, sprich: die Anpassung an die Umwelt, die (2) Fahigkeit Zielparameter zu erreichen, die (3) Integration der verschiedenen zielorientierten Prozesse und ein ubergeordnetes Konstrukt, dass Struktur erhalt, indem es (4) allgemeine Wertorientierungen schafft (Parsons, Bales & Shils, 1953, S. 64). Angewandt auf das allgemeine Handlungssystem bedeutet dies, dass die von Parsons festgelegten Systeme Organismus, Personlichkeit, Gesellschaft und Kultur folgendermaBen zusammenspielen: der Verhaltensorganismus reprasentiert die psychische Konstitution und nimmt die Funktion der Adaption ein, die es uber die Bereitstellung von Ressourcen leistet. Der Verhaltensorganismus ist zudem eng an das Personlichkeitssystem gekoppelt, das als individuelle, psychisch- motivationale Struktur fungiert und die Motive des Einzelnen widerspiegelt. Das Personlichkeitssystem steuert aufgrund seiner Bedurfnisdispositionen den Verhaltensorganismus und bezieht uber diesen Energien. Als Medium der Interaktion existiert das Sozialsystem, welches nahezu identisch mit der Gesellschaft ist und die Handlungsorientierungen und - erwartungen zwischen mehreren Individuen stellt und auf diese Weise Integration, im Sinne von erfolgreicher Kommunikation, versucht zu schaffen (Hurrelmann, 2015, S. 26). Das ursprungliche Ausgangsproblem von Kommunikation stellt dabei die doppelte Kontingenz dar, die in mikro- und makrosoziologischen Kontexten auftritt, sobald zwei Parteien miteinander kommunizieren. Daraus konnen problematische Verhaltensabstimmungen resultieren, da beide sowohl handelnder Akteur fur sich selbst als auch jeweils Objekt fur den anderen darstellen. Sobald beide sich in eine abwartenden Haltung begeben mit dem Ziel ihr Handeln auf die Erwartungen/ Reaktionen des anderen auszurichten, kommt es zu keiner Handlung und zum Kommunikationsabbruch (Parsons, 1968, S. 436). Das Problem der doppelten Kontingenz wird bei Parsons durch den Verweis auf das kulturelle System als vierte Instanz gelost. Dort sind gemeinsame Werte, Normen und Rollendefinitionen verankert, die der Handlungsorientierung dienen und auf allen Ebenen als umfassendes System Ordnung stiftet. (Parsons, Bales & Shils, 1953, S. 70). Die Kultur wirkt auf diese Weise Struktur-erhaltend, da sie durch festgelegte Werte ein allgemeingultiges Verstandnis von Verhalten herstellt, durch das Interaktion erst moglich wird. Des Weiteren kann uber Normen gemessen werden, ob Verhalten „richtig“ ist (Abels, 2009, S. 131). Die verschiedenen Funktionen bedingen einander und organisieren auf diese Weise gemeinsam den Zusammenhalt des Systems. Die Ausdifferenzierung des allgemeine Handlungssystem vollzieht sich dabei immer als eine Reduplikation des Vierfelderschemas, wobei eine Integrations-, und Kommunikationsleistung der Subsysteme untereinander- und im Verhaltnis zum Gesamtsystem gefordert ist. Dies bedingt die Notwendigkeit ausdifferenzierter Medien uber die Kommunikation, also den Austausch von Informationen, sodass Interaktion stattfinden kann (Kunzler, 1986, S. 424-425). Parsons fuhrt an dieser Stelle die symbolisch generalisierten Medien ein, die auf generalisierten Werten des Kultursystems aufbauen und als Integrationsmechanismen des Handlungssystems und seiner Subsystemen fungieren. Sie leiten Individuen und Systemeinheiten zur Integration der Gesellschaft an, indem sie das menschliche Handeln steuern und strukturieren (Abels, 2009, S. 230). Parsons geht des Weiteren von einer Doppelstruktur der Medien aus, die sich in zu leistende regulative sowie integrative Prozesse niederschlagt. Interaktionsmedien agieren dabei auf der Eben des Sozialsystems und liefern dort Orientierung, um Handeln zu ermoglichen, wahrend Austauschmedien Informationsstrome zwischen den Differenzierungsebenen der Subsysteme vermitteln. Zu den symbolisch generalisierten Medien gehoren beispielsweise: Wertbindung, Einfluss, Macht und Geld. (Kunzler, 1986, S. 425). Diese Strukturen des Systems erlernt der Mensch in Phasen primarer

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Musik auf die Identitätsbildung bei Jugendlichen
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
51
Katalognummer
V420660
ISBN (eBook)
9783668693944
ISBN (Buch)
9783668693951
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identitätsentwicklung, Jugendliche, Musik, Geschmack, Mead, Bourdieu, Parsons
Arbeit zitieren
Nina Heinrich (Autor), 2011, Der Einfluss von Musik auf die Identitätsbildung bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420660

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