Das Prinzip der lexikalischen Integrität. Eine Gegenstandsbeschreibung und Gegenüberstellung der unterschiedlichen Ansichten im fachdidaktischen Diskurs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Lexikalische Integrität als Eigenschaft vom „Wort“ - ein Definitionsversuch

2. Das Prinzip der Lexikalischen Integrität - eine Gegenstandsbeschreibung
2.1 Zugänge und Varianten
2.2 Lexikalische Integrität und die Schnittstelle zwischen Syntax und Lexikon
2.2.1 Anapher (ANAPHORA)
2.2.2 Gleichstellung (COORDINATION)
2.2.3 Gültigkeitsbereich (SCOPE)
2.2.4 Bewegung (MOVEMENT)
2.3 Lexikalische Integrität und der syntaktische Zugang zu morphologischen Einheiten
2.3.1 Anapher (ANAPHORA).
2.3.2 Gleichstellung (COORDINATION) und Auslassung (ELLIPSIS)
2.3.3 Gültigkeitsbereich (SCOPE)
2.2.4 Bewegung (MOVEMENT)
2.4 Kurzevaluation der Testungen im fachdidaktischen Diskurs

3. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Die Lexikalische Integrität als Eigenschaft vom „Wort“ - ein

Definitionsversuch

Diese Hausarbeit widmet sich der Thematik der Lexikalischen Integrität1. Das Prinzip der Lexikalischen Integrit ä t wurde von Morphologen bereits in den 1980er Jahren diskutiert. Um eine Gegenstandsbeschreibung vornehmen zu können muss vorab die Begrifflichkeit Wort definiert werden, da das Prinzip der Lexikalischen Integrität als (mögliche) Eigenschaft eines Wortes beschrieben werden kann.

Eine saubere Definition der Begrifflichkeit Wort ist schwierig. Der Begriff Wort erscheint in der Erklärung von Grewendorf, Hamm & Sternefeld (1987) und beschreibt im Kern, was unter Morphologie zu verstehen ist: „Gegenstand des Teilgebietes Morphologie bilden die universellen und sprachspezifischen Regularitäten, die auf einer Strukturebene zwischen Phonologie und Syntax angesiedelt sind: Es geht um die innere Struktur und den Aufbau von W ö rtern einer Sprache[...].” (ebd., S. 254).

Auch Weber (2011, S. 14-17) hat sich einschlägig damit befasst, eine präzise Definition der Begrifflichkeit Wort zu verfassen. Weber hebt hervor, dass sich eine Definition auf grammatische und auch lexikalische Eigenschaften beziehen muss: „Zum einen sind Wörter als die einfachsten bedeutungstragenden sprachlichen Elemente charakterisiert, die in ihrer Gesamtheit das Lexikon einer Sprache ausmachen, und zum anderen als Komponenten komplexer sprachlicher Einheiten“ (ebd., S. 15).

Allgemeiner ist der Begriff Wort definiert „(…) als komplexes Zeichen, das aus kleineren Teilen aufgebaut ist und das seinerseits Bestandteil noch größerer Zeichenkomplexe sein kann“ (vgl. hierzu die Ausarbeitung der Uni Saarland2, S. 10).Weiterhin ist ein Wort eine „(…) bedeutungstragende, in einem Satz verschiebbare Einheit, die durch eine Pause in einer Äußerung isoliert werden kann“ (ebd.). Anhand des Prinzips der Lexikalischen Integrität kann ebenfalls ein Ansatz der Definition vom Wort vorgenommen werden. Folgendes Beispiel soll der Veranschaulichung dienen:

(1) a. Er nahm ein Pfund Tee und tat zwei Löffel voll davon in die Kanne.

b. * Er nahm die Teekanne und goss ihn in die Tasse.

Erklärung: Das Pronomen da kann sich in (a) auf Tee beziehen. Das ist in (b) nicht möglich. Tee in (a) ist Teil des komplexen Wortes Teekanne. Deswegen kann es keine anaphorische Beziehung zwischen Tee und ihn in (b) geben3. Im fachdidaktischen Diskurs spricht man von sogenannten anaphorischen Inseln. Somit ist in (1-a) Tee nicht Teil eines Wortes und kann somit eine anaphorische Beziehung eingehen. Die Beobachtung, welche an dieser Stelle gemacht werden kann, beschreibt das Wort als atomare Einheit der Syntax. Der beschriebene syntaktische Prozess kann nicht in Wörter „hineinschauen“. Anders formuliert liegt kein syntaktischer Prozess vor, der auf Wortbestandteile Bezug nimmt. Anderson (1992, S. 84) fasst es folgendermaßen zusammen: „Die Syntax hat weder Zugang noch manipuliert sie die interne Struktur von Wörtern“. Die Syntax hat somit keinen Zugang zu wortinternen morphologischen Strukturen. Dies wird folglich als das Prinzip der Lexikalischen Integrit ä t benannt.

Die Problematik, welche sich an dieser Stelle ergibt, ist die, dass Linguisten bezweifeln würden, dass die Syntax nur auf Wörtern operieren kann. In den nachfolgenden Kapiteln werde ich mich nun näher mit dem Prinzip der Lexikalischen Integrität befassen, eine Gegenstandsbeschreibung vornehmen, verschiedene Zugänge und Varianten erläutern und anschließend unterschiedliche Meinungen bezüglich dieses Prinzips im fachdidaktischen Diskurs gegenüberstellen.

2. Das Prinzip der Lexikalischen Integrität - eine Gegenstandsbeschreibung

2.1 Zugänge und Varianten

Rochelle Lieber und Sergio Scalise (2005) haben gemeinsam mit Geert Booij (2009) wichtige Ausarbeitungen mit dem Themenschwerpunkt der Lexikalischen Integrit ä t verfasst, welche als Basisliteratur für mein weiteres Vorgehen dienen. Die Ausarbeitung von Lieber beispielsweise benennt unterschiedliche Ansichten verschiedener Morphologen, welche sich mit dem Prinzip der Lexikalischen Integrität befasst haben. Das Prinzip der Lexikalischen Integrität ist in den klassischen Konzepten der Grammatik eher implizit, aber in den Fachwerken der nachstehenden Morphologen explizit in den Vordergrund gerückt (Bosque 2012, S. 140). Lapointe (1980, S. 8) beispielsweise beschreibt: „No syntactic rule can refer to elements of morphological structure (Generalized Lexicalist Hypothesis)“. Selkirk (1982, S. 70) führt an: „No deletion of movement transformations may involve categories of both W- structure and S-structure (Word Structure Autonomy Condition)“. Di Sciullo und Williams (1987, S. 49) hingegen argumentieren mit ihrer „Atomicity Thesis“ ähnlich: „Words are atomic at the level of phrasal syntax and and phrasal semantics. The words have features, or properties, but these features have no structure, and the relation of these(s) features to the internal composition oft he word cannot be relevant in syntax - this ist he thesis oft he atomacity of words, or the lexical integrity hypothesis, or the strong lexicalist hypothesis (as in Lapointe 1980), or a version oft he lexicalist hypothesis of Chomsky (1970), Williams (1978), and numerous others“.

Auch wenn sich kleinere Unterschiede hinsichtlich der Formulierungen finden, so ist die Kernaussage bei alle genannten Morphologen gleich: Syntaktische Regeln lassen es nicht zu, dass in die interne Struktur von Wörtern hinein geschaut werden kann.

Bosque (2012) formuliert die These, dass es zwei Zugänge zum Prinzip der Lexikalischen Integrität gibt, diese somit doppeldeutig zu verstehen ist:

I.: Die Schnittstelle zwischen Syntax-Lexikon (Syntax-Wortschatz)

II.: Der syntaktische Zugang zu morphologischen Einheiten

Boiij (2015) schließt sich dieser Doppeldeutung an und beschreibt für (I.): „Syntax kann die interne Struktur von Wörtern nicht beeinflussen“. Zu (II.) benennt er den Fakt, dass „Syntax keinen Zugang hat zur internen Struktur von Wörtern“. Spencer (2005, S. 81) unterteilt das Prinzip der Lexikalischen Integrität ebenfalls in zwei Bestandteile (Revised Lexical Integritiy):

„Syntactic rules cannt alter the lexical meaning of words (including argument structure);

Syntactic rules have no access to the internal structure of X° categories“.

Wäre dieses Prinzip grundsätzlich falsch (dies wurde des Öfteren im fachdidaktischen Diskurs behauptet), so würde es keinerlei Abkommen unter Morphologen hierzu geben und es hätte sich niemand näher mit dem Prinzip der Lexikalischen Integrität vertiefend befasst. Aber das Prinzip kann an dieser Stelle auch nicht einfach als anerkannt angesehen werden. Selbst wenn eine „milde“ Version der Lexikalischen Integrität als anerkannt gilt, so existieren zu viele fehlerhafte Voraussagen hierzu, sodass Zweifel hinsichtlich der Umsetzbarkeit existieren müssen, unabhängig davon wie weit verbreitet und vertieft das Prinzip der Lexikalischen Integrität in den traditionellen Ansichten der Grammatik auch sein mag (vgl. hierzu: Bosque 2012, S. 141). Diese Fehler werden aus lexikalischer Sicht in der Grammatik nicht erwartet, da die Syntax keinen Zugang zu Wortbildungsregeln hat. Gegensätzliche grammatikalische Theorien hierzu, welche sich von der Unterscheidung zwischen Morphologie und Syntax lösen, können die fehlerhaften Umsetzungen der Lexikalischen Integrität besser darstellen. Nennenswerte Ausarbeitungen hierzu liefern beispielsweise Marantz (1997), Borer (2003) und Caha (2009). Diese Ausarbeitungen handeln, zusätzlich zum rein Morphologischen Aspekt, noch vom Lexikon (bzw. Wortschatz). Auch wenn in diesen beiden Theorien große Unterschiede vorliegen, so verknüpfen sie strukturell dennoch simple grammatikalische Eigenschaften und fügen phonologische Bestandteile hinzu, sodass sich syntaktische Kontenpunkte finden lassen.

Versucht man sich von der Unterscheidung zwischen Morphologie und Syntax zu lösen, so sollte auch begründet werden, worin sich diese Unterscheidung vollendet. Bosque (2012) benennt folgendes Beispiel: „Take the simple DP a slow composition, and consider this natural question: “What specific grammatical principle allows us to explain the fact that this phrase does not refer to some piece of music that has been composed slowly?” The straightforward answer is “Lexical Integrity Hypothesis”, since LIH prevents the adjective slow from having access to the nominalization’s verbal base (i.e., compose). But another, ever simpler, answer to this question might have gone as follows: This interpretation is ruled out because Morphology exists. That is, because there is a part of Grammar devoted to the organization of word components, and because this internal organization has no effects outside the word.“

Es muss an dieser Stelle erlaubt sein zu hinterfragen, welche alternativen Theorien nun begründen, wie der Unterschied zwischen Morphologie und Syntax verwirklicht wird. Es muss bei der Beantwortung jedoch ein Umstand bedacht werden: Wörterbücher beinhalten morphologisch abgeleitete Wörter. Wenn alle Wortbildungen in der Syntax verwirklich würden, dann stünden in den Wörterbüchern keine abgeleiteten Worte, zumal sie keine phrasalen Ansätze beinhalten und deren Einträge wären schlicht überflüssig.

Eine für diese Hausarbeit weitaus prägnantere Frage leitet sich aus dem Fakt ab, dass das Prinzip der Lexikalischen Integrität manchmal scheitert. Wo genau kann dieses Nicht-Gelingen jedoch festgestellt werden? Dieser Fragestellung ist Bosque (2012) nachgegangen und benennt drei mögliche Varianten dieser Hypothese, welche er hinsichtlich der beiden genannten Zugänge zum Prinzip der Lexikalischen Integrität (I.) „Schnittstelle zwischen Syntax-Lexikon“ und (II.) „Syntaktischer Zugang zu morphologischen Einheiten“ untersucht hat. Die drei Varianten lauten:

a. LIH4 -1: Syntactic processes do not have access to the semantic components of lexical items.

b. LIH-2: Syntactic processes do not have access to morphological components of (simple) lexical items.

c. LIH-3: Syntactic processes do not have access to the components of complex lexical items.

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werde ich nun auf die drei Varianten näher eingehen und diese, in Anlehnung an Bosque (2012), auf die beiden Zugänge zum Prinzip der Lexikalischen Integrität beziehen, sodass dieses Prinzip ausführlich erläutert und Problemfelder herausgestellt werden5. Hierfür unterziehe ich den Varianten LIH-1 und LIH-2 unterschiedliche Testungen, um zu bestätigen oder widerlegen, ob die genannten Aussagen Gültigkeit besitzen oder nicht.

Um LIH-1 zu illustrieren kann das „Beispiel des Waisen“ von Postal (1969) herangezogen werden, da in diesem Beispiel die semantische Komponente des Wortes hu é rfano (Waise) das Bezugswort eines Pronomen wird:

(2) * Max es hu é rfano y los echa mucho de menos.

Max ist Waise und sie-MASK-AKK vermisst-3.PERS-PL mehr von weniger `Max ist ein Waise und vermisst sie fürchterlich‘

Unter Berücksichtigung von LIH-2 kann dies als anaphorische Insel angesehen werden:

(3) * La mayor parte de los [europ]eos no [le] ven un futuro

[...]


1 Eine Vielzahl der Fachliteratur zu dieser Thematik ist auf englischer Sprache verfasst, weshalb das „Prinzip der Lexikalischen Integrität“ auch mit LIH abgekürzt wird, abgeleitet von der englischen Übersetzung „Lexical Integrety Hypothesis“.

2 http://www.coli.uni-saarland.de/~tania/ws2009/handouts/V_02.handout.pdf

3 Wie in der Literatur üblich, werden ungrammatische Strukturen durch einen “*” markiert.

4 Aufgrund eines besseren Leseflusses wird folglich die englische Abkürzung „LIH“ (vgl. Fußnote 1) verwendet.

5 Um den Rahmen einer Hausarbeit nicht zu überschreiten werde ich die Varianten und Zugänge lediglich im Ansatz darstellen und erläutern.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Prinzip der lexikalischen Integrität. Eine Gegenstandsbeschreibung und Gegenüberstellung der unterschiedlichen Ansichten im fachdidaktischen Diskurs
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Morphologie-Syntax Schnittstelle
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V420826
ISBN (eBook)
9783668686175
ISBN (Buch)
9783668686182
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lexikalische Integrität, anaphorische Insel, Morphologie, Syntax, Schnittstelle Morpologie Syntax, Wort, Anapher, Scope, Bewegung, Koordinierung, Lexikon, lexikalische Eigenschaft
Arbeit zitieren
Rolf Kramer (Autor), 2018, Das Prinzip der lexikalischen Integrität. Eine Gegenstandsbeschreibung und Gegenüberstellung der unterschiedlichen Ansichten im fachdidaktischen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420826

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