Der historische Jesus als Herausforderung für die Didaktik des Religionsunterrichts im Gymnasium


Examensarbeit, 2004

88 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Gestalt des historischen Jesus und die Umwelt Jesu
2.1. Quellenlage
2.1.1. Christliche und außerkanonisch-christliche Quellen
2.1.2. Jüdische Quellen
2.1.3. Römische Quellen

3. Palästina in der Zeit zwischen Augustus und Tiberius
3.1. Geographie und Topographie
3.2. Politische und soziale Verhältnisse: Dynastie des Herodes und römische Besatzung
3.3. Jüdisches Gesetz, Tempel, Synagoge und Selbstverwaltung
3.4. Jüdische Religionsparteien, religiöse Gemeinschaften und Gremien
3.4.1. Die Pharisäer
3.4.2. Die Sadduzäer
3.4.3. Die Zeloten
3.4.4. Die Essener und Qumran
3.4.5. Johannes der Täufer
3.4.6. Jüngerinnen und Jünger Jesu

4. Leben und Botschaft Jesu
4.1. Zeitliche Einordnung des Lebens Jesu
4.2. Öffentliches Wirken
4.2.1. Rede- und Erzählstoff / Wort- und Tatüberlieferung (Gleichnis und Wunder)
4.3. Jesu Verhältnis zur Tora und die zentrale Botschaft vom Reich Gottes

5. Die Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler
5.1. Gesellschaftliches Umfeld
5.2. Kognitive Fähigkeiten
5.3. Geschichts- und Zeitbewusstsein, Historisches Lernen
5.4. Religiosität und Moral der Schülerinnen und Schüler
5.4.1. Die Stufentheorie des Glaubens nach Fowler
5.4.2. Religiöse Sozialisation, Gottesbild und Wertorientierung

6. Didaktische Herausforderungen
6.1. Didaktische Analyse
6.1.1. Elementarisierung als wissenschaftliche Vereinfachung komplexer Inhalte (elementare Strukturen)
6.1.2. Elementarisierung als Relevanz- und Sequenzproblem (elementare Erfahrungen und Zugänge)

7. Einordnung der Rückfrage nach dem historischen Jesus in den Synodenbeschluss zum Religionsunterricht und in den hessischen Lehrplan für die Gymnasien

8. Resümee

III. Literatur

1. Einleitung

Das Interesse an der Person Jesus von Nazareth hat in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten erstaunlich zugenommen und erreicht mittlerweile nicht mehr nur christliche Bevölkerungsschichten. Der in diesem Jahr erschienene und stark umstrittene Mel Gibson Film „Die Passion Christi“ zählt aufgrund hoher Besucherzahlen mittlerweile zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Auch Buchautoren und populärwissenschaftliche Magazine beschäftigen sich immer wieder mit dem Thema Jesus. So setzt sich etwa die Zeitschrift GEO in ihrer Januarausgabe 2004 mit dem Thema „Wer war Jesus? Der Mensch und der Mythos.“ auseinander und zeichnet ein biographisch anmutendes Jesusbild nach, das mit wissenschaftlichen Aussagen zu untermauern versucht wird.[1] Und auch das Magazin P.M. holt in einem Artikel in der Rubrik Geschichte zu einem Rundumschlag zum Thema Jesus von Nazareth aus und beschäftigt sich neben der Frage nach dem Aussehen Jesu mit verschiedenen Jesusbildern, wie etwa Jesus als Familienvater oder Bräutigam usw.[2] Die Reaktion auf solche Veröffentlichungen ist zumeist eine riesige Flut von Leserbriefen mit positiver wie negativer Kritik. Insgesamt auffällig hierbei erscheint aber vor allem die Tatsache, dass offensichtlich das Interesse an Jesus, seiner Person, seinem Umfeld und seiner Zeit größer ist, als seine z.T. durch Dogmen geprägte Verkündigung durch die christlichen Kirchen. Darüber hinaus resümiert Joachim Gnilka etwa im Vorwort der Sonderausgabe seines Buches „Jesus von Nazareth“ das Erreichen eines Stadiums, in dem Jesus zur billigen Modesache gemacht werde und in dem nicht Information, sondern vielmehr die Sensation die Feder so mancher Autoren diktiere.[3]

Rudolf Bultmann machte vor einiger Zeit demgegenüber deutlich, dass seiner Ansicht nach ein Fragen nach dem historischen Jesus zum Scheitern verurteilt ist und – aus der Sicht des Glaubens – illegitim erscheint: Vielmehr als die bloße Tatsache der Existenz sei für den historisch Fragenden aus den vorhandenen Quellen, die zudem zumeist vom Glauben an den Christus überlagert erscheinen, nicht abzuleiten.[4] Und dennoch entstanden vor allem verstärkt in den letzten 200 Jahren immer wieder neue Jesusbilder mit z.T. prägender Kraft und das zumeist dort, wo Menschen naiv und unkontrolliert sich Jesus als Spiegelbild ihrer eigenen Wünsche und Sehnsüchte konstruierten und zum Zweck eines stimmigen und brauchbaren Jesusbildes Aspekte und Tatsachen historischer Quellen ausblendeten[5]: Jesus als Sozialreformer, philosophischer Gesellschaftskritiker, Bauernrevolutionär, als Anwalt der gesellschaftlich Unterprivilegierten und Kritiker der Amtskirche, als Friedensfreund oder sogar als Vegetarier und nicht zuletzt Jesus in der kirchlichen Verkündigung zu verschiedenen Zeiten.[6] Vor den aufgezeigten Hintergründen stellt sich die Frage, was als tatsächlich historisch gesichertes und nicht aufgrund welcher Intentionen auch immer überlagertes Wissen über Jesus von Nazareth festgehalten werden kann. Doch greift diese Fragestellung für sich genommen zu kurz, denn – wie es Betz formuliert, wenn er Neusner zitiert – mit dem historischen Jesus beginnt der Christus der Theologie.[7]

Genau hier knüpft auch die Herausforderung an einen Religionsunterricht in den Schulen, insbesondere an hessischen Gymnasien, an, der sich in verschiedenen Altersstufen – zuerst jedoch in der Jahrgangsstufe 5 - mit dem historischen Jesus und dem überlieferten Christus auseinander zu setzen hat und sich dabei auf keinen der beiden genannten Aspekte ausschließlich beziehen darf. Beide Aspekte - die Gestalt des historischen Jesus und der hieraus hervorgehende Christus – unterliegen in ihrer Bearbeitung im Religionsunterricht den Wissens- und Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler. Insofern möchte diese Arbeit versuchen, zunächst als Grundlage einen Überblick über die Gestalt des historischen Jesus zu geben und festzustellen, was über ihn und seine Umwelt als wissenschaftlich gesichert gelten kann, bevor dann der Blick auf die o.g. Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler gerichtet werden soll. Hierbei scheint vor allem ein Blick auf deren gesellschaftliches Umfeld, auf ihre kognitiven Fähigkeiten (u.a. auf das Geschichts- und Zeitbewusstsein) und auf ihre Religiosität notwenig zu sein. Hieran anschließend und unter Berücksichtigung dieser Voraussetzungen stellt sich die Frage nach adäquaten Zugängen der Schülerinnen und Schüler zur Gestalt des historischen Jesus und des hieraus hervorgehenden Christus. Genau diese Verknüpfung aus den näher zu betrachtenden wissenschaftlichen Erträgen mit den umfassenden Vorbedingungen der Lernenden ist die grundlegende Herausforderung für die Didaktik des Religionsunterrichts an Gymnasien.

2. Die Gestalt des historische Jesus und die Umwelt Jesu

2.1. Quellenlage

Die Quellen, die über Jesus von Nazareth zur Verfügung stehen, stammen so gut wie ausschließlich aus dem Kreis seiner Anhänger, die professionelle antike Geschichtsschreibung hat Jesus weitestgehend ignoriert. Eine Ursache hierfür ist vor allem in der Tatsache zu sehen, dass es sich hierbei um Geschichtsschreibung „von oben“ gehandelt hat, d.h. das Interesse galt überwiegend den Herrschern und Mächtigen, den Kriegen und Eroberungen und den Philosophen und Weisen. Darüber hinaus hatte Jesu Wirkungsgebiet Palästina zusammen mit seinen Anhängern kaum Anteil an der geistig-literarischen Kultur der Zeit.[8]

2.1.1. Christliche und außerkanonisch-christliche Quellen

Richtet man deshalb zunächst den Blick auf die christlichen Zeugnisse, sind hierbei zwei grundlegende Feststellungen zu treffen. Zum einen sind diese Quellen durch den Glauben an Jesus geprägt. Sie verfolgen eine bestimmte kerygmatische Intention (etwa die Glaubensbestärkung oder –gewinnung), sind selektiv, wenig distanziert und beleuchten das Leben Jesu aus der Binnenperspektive derer, die davon überzeugt waren, dass Jesu Handlungen und Worte göttlich legitimiert waren.[9] Zum anderen sind die christlichen Zeugnisse keine Primärzeugnisse, sondern gründen sich auf mündliche Traditionen, die erst nach mehreren Jahrzehnten literarisch fixiert wurden und in denen die mündliche Basis noch immer erscheint.[10]

Durch die Etablierung der Literarkritik und der Redaktionskritik wurde forschungsgeschichtlich ein Instrumentarium entwickelt, welches einerseits das Aufspüren verarbeiteter Quellen ermöglicht und andererseits für Verfasserintentionen bei der Überarbeitung aufgenommener Quellen sensibilisiert.

Nach der Zwei-Quellen-Theorie sind für die Jesusforschung vor allem das Markusevangelium, die Logienquelle Q sowie größere Komplexe matthäischen und lukanischen Sonderguts – als unabhängige mündliche oder schriftliche Tradition - von hoher Bedeutung. Aufgrund des hohen Alters und der Streubreite der synoptischen Traditionen, die auch außerhalb des im engeren Sinne synoptischen Traditionsbereiches begegnen (etwa im Johannes- und Thomasevangelium und in der urchristlichen Briefliteratur), besteht ein breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass am ehesten über die synoptische Tradition Zugang zum historischen Jesus zu finden ist.[11]

Doch sowohl das Markusevangelium als auch die anderen Evangelien erscheinen in Bezug auf einen chronologischen und geographischen Abriss gegenüber den Einzeltraditionen sekundär und damit historisch weitgehend wertlos, wohingegen andererseits die durch Mk gebotenen und zeitlich weit zurück reichenden Überlieferungsstoffe wichtige Quellen zumindest zur Rekonstruktion des Lebens und allen voran der Lehre Jesu sein können. Die Logienquelle hingegen enthält fast ausschließlich Worte Jesu, wie etwa Weisheitsworte, prophetische und apokalyptische Worte, Gesetzesworte, Gemeinderegeln und Gleichnisse. Wahrscheinlich von urchristlichen Wandercharismatikern verbreitet, gilt Q zweifellos als die wichtigste Quelle zur Rekonstruktion der Lehre Jesu, wobei bereits hier gilt, dass anhand der Worte durchaus unterschiedliche Jesusbilder konstruiert werden können. Theißen und Merz verweisen hier etwa auf Mack, der anhand der von ihm der ältesten Schicht zugeordneten thematischen Gruppe von Logien das Bild von Jesus als galiläischem Kyniker entwirft.[12]

Fragt man hingegen nach den ältesten literarischen Erwähnungen Jesu, so ist auf die paulinischen Briefe zu verweisen. Unter diesen erhaltenen Briefen zählt der an die Gemeinde von Thessaloniki als ältester, welcher um 50 n.Chr. verfasst sein soll. In ihm benennt Paulus den „Herrn Jesus Christus“ als Gegenstand christlicher Hoffnung und erinnert an seine Auferweckung von den Toten durch Gottes Handeln (1Thess 1,1-10). Bereits wenige Jahre später – im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde von Korinth – erscheint Jesus primär als Mitte und Bezugspunkt christlichen Glaubens, was alleine auch schon durch die verstärkte Verwendung des Titels „Christus“ zum Ausdruck kommt und Jesu Funktion als Heilsbringer übergreifend umschreibt (1 Kor 15,3-5).[13]

Neben den genannten Quellen führen Theißen / Merz noch eine große Zahl eher untergeordneter Quellen an, so etwa das Johannes- und Thomasevangelium als gnosisnahe Quellen oder diverse Evangelienfragmente mit synoptischen und johanneischen Elementen (Papyrus Egerton 2, Geheimes Markusevangelium, Petrusevangelium, Oxyrhynchos Papyrus 840).[14]

2.1.2. Jüdische Quellen

Generell erscheint es schwierig, im jüdischen Umfeld an brauchbare Informationen über die Person Jesu zu gelangen. Falls Archive in Jerusalem vorhanden waren, wurden diese wohl beim Aufstand um das Jahr 66 oder im anschließenden Krieg zerstört, in dem Galiläa ebenfalls verwüstet wurde.[15] Insofern müssen zwei Bemerkungen des jüdischen Historikers Josephus (37/38 – ca. 100 n. Chr.) in seinem Werk „Antiquitates Iudaicae“ (etwa 93 n. Chr.) als herausragende Quellen betrachtet werden (Ant 18,63f. und 20,200). Die zweite Quelle stammt mit einiger Sicherheit von Josephus selbst, was vor allem anhand der festen Verknüpfung mit dem Kontext, dem fehlenden Interesse an Jesus und dem eher durch jüdischen Sprachgebrauch gekennzeichneten Umgang mit dem Begriff „Christus“ begründet wird. In ihr berichtet der Autor über die Steinigung des Jakobus und einiger anderer durch das Synedrium im Jahr 62. Josephus identifiziert Jakobus als „Bruder Jesu, der Christus genannt wird“. Anders jedoch bei der ersten Quelle, dem sog. „Testimonium Flavianum“, das seit dem 16. Jahrhundert Gegenstand heftigster Kontroversen ist, welche grob in drei verschiedene Richtungen gehen: Hypothese der Echtheit, Interpolation oder Überarbeitung der Quelle. Obgleich sich für alle der Thesen schlüssige Argumente finden lassen, geht die neuere Forschung mittlerweile zumeist von einer christlichen Überarbeitung des Testimonium Flavianum auf der Grundlage einer neutralen und sachlichen Urform aus (ähnlich den Berichten des Josephus über Johannes den Täufer und Jakobus).[16]

Im Gegensatz hierzu gehen Einschätzungen über den Quellenwert der ohnehin sehr seltenen rabbinischen Nachrichten über Jesus weit auseinander. So kommt etwa Maier zu dem Schluss, dass Jesus in keiner einzigen Stelle in der rabbinischen Literatur bis ca. 220 n. Chr. (tannaitische Zeit) erwähnt wird, sondern der Name Jesu vielmehr erst sekundär in den jahrhundertelangen Entstehungsprozess des Talmud – möglicherweise als Reaktion auf christliche Provokationen – eingefügt wurde.[17]

2.1.3. Römische Quellen

Richtet man den Blick auf mögliche römische Quellen zur Person Jesu, sind allem voran Sueton und Tacitus zu nennen, bei denen Jesus dennoch eher beiläufige Erwähnung findet: Sueton (70 – ca. 130 n. Chr.) kommt in seiner Biographie des Kaisers Claudius auf dessen Verhalten gegenüber den Juden zu sprechen und erwähnt dabei einen Vorfall, der beschreibt, dass Claudius die von „Chrestus“ aufgehetzten Juden aus Rom vertrieb. Einen Hinweis auf die historische Echtheit der Geschehnisse gibt hierzu Apg 18,2, wo gleichfalls von einer Ausweisung von Juden aus Rom durch Claudius die Rede ist.

Tacitus (55/56 – ca. 120 n. Chr.) hingegen gibt etwas genauere Ausführungen in seiner Biographie des Kaisers Nero und der Ursache des Brandes Roms (64 n. Chr.). Dabei wird deutlich, dass Tacitus von der Hinrichtung Jesu unter der Herrschaft des Tiberius und auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus ebenso wie vom Ursprung des christlichen Glaubens in Judäa wusste. Für ihn erscheint das Christentum als unheilvoller Aberglaube, der mit Recht durch die Staatsmacht verfolgt wird.[18]

Trotz der eher bescheidenen Zeugnisse der beiden römischen Historiker wird eines jedoch deutlich: Den immer wieder angestellten Versuchen, die Geschichtlichkeit der Person Jesu zu bestreiten, wird durch die Tatsache entgegengetreten, dass durch die genannten Quellen die christliche Bewegung in Rom bereits wenige Jahre nach ihrem Ursprung belegt und deren Existenz auf eine konkrete geschichtliche Gestalt zurückgeführt wird. Überdies kann hier die Möglichkeit einer späteren Umschreibung vor allem aufgrund des negativen Grundtenors bezüglich der Person Jesu weitestgehend ausgeschlossen werden.[19]

Eine weitere noch relativ frühe Erwähnung findet sich bei Plinius dem Jüngeren, der um 111 n. Chr. als Legat mit den Vollmachten eines Statthalters von Kaiser Trajan (98 – 117 n. Chr.) in die Provinz Bithynien und Pontus geschickt wurde, wo er sich mit Anzeigen gegen Christen zu beschäftigen hatte. Diese veranlassten ihn zu einer Korrespondenz mit dem Kaiser, in welcher Plinius zweimal in kultischem Kontext auf Christus zu sprechen kommt.[20]

Insgesamt ergibt sich, dass sowohl jüdische wie auch römische Quellen relativ selbstverständlich und unabhängig voneinander von der Existenz Jesu als historischer Persönlichkeit ausgehen und darüber hinaus die Kontrolle einzelner Daten und Fakten der urchristlichen Jesusüberlieferung erlauben, wie etwa der Name Jakobus als Jesu Bruder, der gewaltsame Tod Jesu oder sein Auftreten als Lehrer oder das Wirken von Wundern bzw. Zauberei.

3. Palästina in der Zeit zwischen Augustus und Tiberius

Jesus – als galiläischer Jude – hatte Anteil an einem ganz spezifisch geprägten kulturellen und geistigen Milieu, was seine Erscheinung nur dann erfassbar macht, wenn man diesen Hintergrund zur Erforschung seiner Person mit einbezieht. Dieser Blickwinkel war der Jesusforschung allerdings lange Zeit fremd. In ihrem Blickfeld befand sich primär das Besondere, Einmalige und Unvergleichliche an Jesus. Selbst die kritische Forschung, soweit sie sich maßgeblich vom Unähnlichkeitskriterium leiten ließ, erkannte weitestgehend nur jene Elemente der Jesusüberlieferung an, die mehr oder weniger aus dem Rahmen des zeitgenössischen Judentums herausfielen. Dies führte zu einer vom Judentum gelösten, zeit- und ortlosen Kunstfigur.[21]

Erst in jüngster Zeit ist die Jesusforschung aus dieser Engführung ausgebrochen und bezieht das Reden und Handeln Jesu unmittelbar auf die Welt des zeitgenössischen Judentums, dessen Situation sich in der Jesusüberlieferung widerspiegelt.

3.1. Geographie und Topographie

Betrachtet man die Hauptereignisse des Lebens und Wirkens Jesu, richtet sich der Blick auf Palästina, dem Gebiet westlich und in Teilen auch östlich des Jordans. Palästina erstreckt sich von den Orten Dan im Norden bis Beerscheba im Süden und ist gleichzusetzen mit dem Begriff „Land Israel“, wie er sich häufig in hebräischen Schriften finden lässt. Eine genaue Eingrenzung wird durch die ungünstige Quellenlage erschwert. Hierfür, wie auch für die Vorgänge im Land, ist wiederum Flavius Josephus der wichtigste Zeuge im ersten vorchristlichen und ersten nachchristlichen Jahrhundert.[22]

Der Name Palästina stammt ursprünglich von den Philistern und findet seine erste Erwähnung im 5. Jahrhundert v. Chr. bei Herodot. Von besonderer Wichtigkeit war das antike Palästina vor allem wegen seiner strategisch wichtigen Lage, durch die es als Brücke zwischen zwei Kontinenten eine Schlüsselrolle in der internationalen Politik, in Kultur und Fernhandel einnahm, an dem sich das Land aber offenbar nur in geringem Umfang beteiligte.[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1: Palästina nach dem Tode Herodes des Großen (4 v. Chr.) / Aufteilung des Reiches)[24]

Die Reiserouten Jesu durch dieses Land lassen sich nicht mehr rekonstruieren. K.L. Schmidt hat zudem nachgewiesen, dass die in den Evangelien enthaltenen topographischen und chronologischen Angaben häufig zu einem redaktionellen Rahmen gehören, der vorrangig durch theologische und nicht durch historiographische Interessen bestimmt ist.[25]

Die Region an sich ist von natürlichen Grenzen eingefasst. Im Norden liegt das Hermon - Gebirge, der Süden wird durch die Negebwüste abgegrenzt, im Osten ist die Syrische Wüste zu finden, im Westen das Mittelmeer. Palästina selbst kann geographisch von Norden nach Süden in vier Regionen aufgeteilt werden: zum einen in die Küstenebene von der nördlich von Palästina gelegenen phönizischen Stadt Sidon bis nach Gaza, lediglich unterbrochen durch das Hochland des Karmel und der Landzunge von Tyrus. In Mk 3,8 wird erwähnt, dass Jesus Sidon und Tyrus besuchte. Bei der zweiten Region handelt es sich um den östlich der Küstenebene verlaufenden Gebirgszug von Galiläa im Norden nach Judäa im Süden, wo sich Hügelland und die judäische Wüste anschließen. In diesem Bereich lag auch ein Zentrum des Wirkens Jesu, da sich hier Städte wie Jerusalem und Betlehem befinden. Ein sicheres Urteil darüber, ob sich Jesus häufiger in Jerusalem aufhielt, ist aus den o.g. Gründen dennoch unmöglich.[26] Bei dem an den unteren Jordan und das Tote Meer grenzenden Gebiet handelt es sich eher um unkultiviertes Weideland als um Wüste.

Die dritte Region Palästinas besteht aus Teilen des afroasiatischen Senkungsgrabens, durch den der Jordan von Norden kommend durch den Hulasee und den See Gennesaret in das Tote Meer fließt. Das Jordantal liegt zum größten Teil unterhalb des Meeresspiegels und gilt mit Ausnahme von Fluss- und Seeufern als weitgehend unfruchtbar. Die vierte Region Palästinas liegt östlich des Jordans und des Toten Meeres und wird als Transjordanien bezeichnet. Im Norden ist das Hermon - Gebirge zu finden. Mt 8,28-33 und Mk 5,1-13 beschreiben, dass Jesus sich auch im transjordanischen Gebiet aufhielt.

Richtet man den Blick auf die Hauptsiedlungsformen im Palästina des 1. Jahrhunderts n. Chr., sind vor allem die Stadt und das Dorf zu nennen. Beide unterschieden sich weniger in ihrer Größe voneinander, als vielmehr durch die Tatsache, dass Städte Stadtmauern besaßen.

Die Angabe des Josephus, dass alleine Galiäa – in seiner Ausdehnung ca. doppelt so groß wie die Stadt Hamburg - etwa 204 Dörfer und Städte mit einer errechneten Gesamteinwohnerzahl von 3 bis 4 Millionen Menschen beherbergte, gilt in der Forschung als maßlose Übertreibung. Trotz dichter Besiedelung wird heute eine Einwohnerzahl von rund 200.000 Menschen angenommen.[27] Archäologische Befunde verdeutlichen, dass es sich bei den meisten Ansiedlungen um von Juden bewohnte kleinere Dörfer handelte. In Städten hingegen hatten sich auch nichtjüdische Bewohner angesiedelt, welche zumeist stark hellenistisch geprägt waren, obgleich von einer hellenistischen Inkulturation nicht gesprochen werden kann. Hierfür spricht zudem nach Josephus, dass Herodes d. Gr. auf die Errichtung von heidnischen Tempeln in jüdischen Gebieten aus Angst vor religiös motiviertem Widerstand verzichtete.[28]

Dennoch führten die hellenistische Kultur einerseits und der konzentrierte urbane Reichtum andererseits zu Spannungen und zu Mentalitätsdistanz zum jüdischen Umland.[29] Die Ansiedlungen in diesem Umland waren zumeist nach dem gleichen Schema erbaut: einfache Häuser an Straßen, die zu einem Mittelpunkt, dem Marktplatz hinmündeten. Dieser war der zentrale Ort des öffentlichen Geschehens. Über andere öffentliche Gebäude, abgesehen von Synagogen, deren genaue Entstehungszeit und Erscheinungsform jedoch Fragen aufwirft[30], ist wenig bekannt.

Die Evangelien berichten neben Aufenthalten Jesu in Jerusalem und der Umgebung von Besuchen in Städten Galiläas, beispielsweise in Caesarea - Philippi (Mt 16,13 ; Mk 8,27) oder Tyrus und Sidon (Mk 7,31). Nach Lk 19,2 besteht auch eine Verbindung Jesu zur Stadt Jericho, die etwa 30 v. Chr. durch eine Schenkung durch Kaiser Augustus an Herodes d. Gr. zum administrativen Zentrum der Region wurde.

Ein weiterer Hauptschauplatz des Wirkens Jesu war das galiläische Gebiet um den See Gennesaret. In diesem Gebiet setzte sich die Bevölkerung aus Juden und Heiden zusammen, weshalb das Gebiet auch „Galiläa der Nationen“ genannt wurde (Jos 9,1). Die Galiläer unterschieden sich hauptsächlich durch ihre Regionalsprache von der restlichen Bevölkerung Palästinas (etwa in Mt 26,73) und waren zumeist von den Pharisäern verachtet, da sie ihrer Ansicht nach das Gesetz nicht erfüllten.

Die Szene Joh 7,45-52 kann dies insofern verdeutlichen, als dass hier galiläische Gerichtsdiener zusammen mit Teilen des Volkes von den Hohenpriestern[31] und Pharisäern zur „massa damnata“, zur Masse derjenigen gerechnet werden, „die vom Gesetz nichts versteht“, obgleich Ebner sehr wohl belegt, dass sich Galiläer vor allem bezüglich praktischer Torafrömmigkeit durchaus leidenschaftlich engagierten und das außerbiblische Bild des Landes in späterer Zeit häufig durch die Außenperspektive von Schriftgelehrten beeinflusst war.[32]

Die beiden größten Städte Galiläas, Sepphoris und Tiberias, werden in den synoptischen Evangelien nicht näher beschrieben. Daraus und aus den o.g. Mentalitätsunterschieden lässt sich schließen, dass Jesus sich hauptsächlich der ländlichen Bevölkerung zuwandte.[33] Galiläa selbst umfasst den nördlichen zentralen Gebirgsabschnitt Palästinas und lässt sich abermals in zwei Regionen aufteilen, in Obergaliläa und Untergaliläa. Das Hauptsiedlungsgebiet und Zentrum des Wirkens Jesu lag in Untergaliläa, wo sich auch der unterhalb des Meeresspiegels gelegene See Gennesaret befindet, welcher zur Zeit Jesu gute Möglichkeiten zum Fischfang und fruchtbare Uferzonen bot.[34] Am häufigsten aber werden die beiden Städte Nazaret und Kafarnaum mit Jesus in Verbindung gebracht. Nazaret, der Heimatort Jesu, war zu dieser Zeit ein unbedeutendes Dorf und galt als Vorort der weitaus größeren Stadt Sepphoris.

3.2. Politische und soziale Verhältnisse: Dynastie des Herodes und römische Besatzung

Der römische General Pompejus nahm im Jahr 63 v. Chr. Jerusalem ein, beendete damit die Herrschaft der Hasmonäer und führte Palästina so unter römische Hoheit, die über sieben Jahrzehnte indirekt durch die Dynastie der Herodianer ausgeübt wurde. Begründer der Dynastie war Antipater als Prokurator Roms; sein Sohn Herodes der Ältere (auch „der Große“ genannt / reg. 37-4 v. Chr.) wurde König über Judäa, Samaria, Galiläa und weite Teile des Ostjordanlandes.[35]

In seiner Laufbahn zunächst Statthalter von Galiläa (47 – 43 v. Chr.), dann als neuernannter König ohne politische Macht (40 – 37 v. Chr.) und schließlich als König bis 4 v. Chr., gelten vor allem die Jahre zwischen 25 und 15 v. Chr. als die Glanzzeit des Herrschers. In dieser Zeit regierte er sein Reich in Frieden, förderte die hellenistische Kultur und Wohlfahrt und baute einen ihm ergebenen Beamtenapparat auf, der gleichsam ein Gegengewicht zu der jüdischen, ihm nicht immer wohlgesonnenen, Bevölkerung bildete.[36] Nach seinem Tod wurde das Reich unter seinen drei überlebenden Söhnen Archelaos, Herodes Philippus und Herodes Antipas aufgeteilt. Der römische Kaiser verweigerte ihnen allerdings den Königstitel und machte sie zu sog. „Ethnarchen“ (= Herrscher des Volkes) oder „Tetrarchen“ (= Vierfürsten). Archelaos bekam dabei Judäa zugesprochen und versuchte ohne Erfolg, sich in Rom die Nachfolge seines Vaters vom Kaiser bestätigen zu lassen und war bei seinem Volk, insbesondere bei Pharisäern und Sadduzäern, als Despot verhasst und gefürchtet (Mt 2,22). Nachdem sich judäische und samaritanische Oberschichten wiederholt bei Augustus über ihn beschwert hatten, setzte dieser ihn bereits im Jahr 6 n. Chr., nach nur zehnjähriger Regierungszeit, ab und verbannte ihn nach Gallien.[37] In der Folgezeit bis 41 n. Chr. wurde Judäa von römischen Präfekten regiert. Herodes Philippus hingegen regierte von 4 v. Chr. bis 34 n. Chr. Sein Gebiet grenzte an das Ostufer des Sees Gennesaret. Geachtet als gütiger und gerechter Herrscher, wird ihm eine fundierte hellenistische Bildung sowie mildes und friedliches Regiment nachgesagt. Zudem gilt er als Erbauer der Städte Caesarea Philippi und Betsaida - Julias.[38]

Für die Geschichte Jesu von besonderer Bedeutung aber war Herodes Antipas, der gleichzeitig der berühmteste Herrscher der Herodes - Dynastie wurde. Er regierte von dem Tod seines Vaters an bis ins Jahr 39 n. Chr. in Galiläa und Peräa und galt ebenfalls als typisch hellenistischer Fürst. Ihm wird die Erbauung der Städte Sepphoris und Tiberias zugeschrieben. In den Evangelien erscheint Antipas aus unterschiedlichen Perspektiven. So warnten Pharisäer Jesus vor Antipas (Lk 13,31), wohingegen aber die Schuld für den Tod Johannes des Täufers bei Antipas Frau Herodias gelegen haben (Mk 6,17-20), Antipas selbst Jesus aber gerne gehört haben soll (Lk 9,9). Er betrachtete ihn bei Mk 6,14 als Wiedergeburt des Johannes. Bekannt ist zudem, dass Antipas allgemein Rücksicht auf fromme Juden nahm, indem er beispielsweise Münzen ohne das Abbild des durch die Römer als Gott verehrten Kaisers prägen ließ.[39] Insgesamt jedoch erscheint es schwierig, die Regierungszeit des Antipas zu bewerten, da – obgleich selbst das NT ihn 30 Mal erwähnt – die vorhandenen Quellen wenig aussagekräftig sind.[40]

Wie bereits beschrieben, wurde Judäa nach der Absetzung von Archelaos durch einen Präfekten regiert. Dieser Präfekt hatte politische und gerichtliche Befugnisse, sowie den Oberbefehl über militärische Hilfseinheiten und war zudem verantwortlich für die Eintreibung der kaiserlichen Steuern. Sein Sitz war in der Küstenstadt Caesarea. Lediglich über den fünften Präfekten von Judäa sind nähere Informationen bekannt: Pontius Pilatus, der von 26-36 n. Chr. regierte. Seine Herrschaftszeit kennzeichnete sich durch Konfrontationen mit den jüdischen Untertanen, da er offensichtlich die religiösen Gefühle der Juden nicht respektierte und militärische Insignien in die Heilige Stadt Jerusalem bringen ließ, auf denen der römische Kaiser zu sehen war. Die Römer verehrten den Kaiser als Gott, für die Juden hingegen waren die Bilder von ihm Götzenbilder. Weiterhin versuchte er auf den Tempelgründen ein Aquädukt zu bauen, was in Jerusalem immer wieder zu Aufruhr führte. Auch zur Zeit der Verurteilung Jesu kam es nach Beschreibungen der Bibel zu Unruhen aus Protest gegen Pilatus (Mk 15,7).

Wie in den Evangelien erwähnt, hatten die römischen Besatzer ihren Untertanen Steuern auferlegt. Das Steuersystem war relativ umfassend und besteuerte die Bevölkerung, die Ernte und den Transport von Gütern. Mit dem Eintreiben dieser Steuern waren Zollpächtern unterstellte Steuereintreiber beauftragt, welche zumeist noch mehr als die fälligen Steuern eintrieben, weshalb sie sehr unbeliebt waren und auf die gleiche Stufe mit Räubern und Sündern gestellt wurden. Jüdische Steuereintreiber galten als Verräter und Heiden; die Verachtung der Zöllner ist in der Antike ein weit verbreitetes Phänomen.[41] Dennoch hatte Jesus, zumindest nach Aussage der Evangelien, häufiger Kontakt mit Steuereintreibern; Matthäus (Levi) war sogar einer seiner Jünger.

Eine weitere Befugnis der Römer bezog sich auf deren Militär: Dieses durfte jeden Bürger für öffentliche Aufgaben requirieren.

3.3. Jüdisches Gesetz, Tempel, Synagoge und Selbstverwaltung

In der Regierungszeit der Hasmonäer von 142-63 v. Chr. galt das Staatsoberhaupt als oberste zivile und religiöse Autorität Palästinas. Ihm kam neben dem Titel „König“ auch das Amt des Hohenpriesters zu. Mit der Machtübernahme durch die Römer endete diese Verbindung. Herodes der Große ernannte seine Hohenpriester, die zwar ohne politische Macht ausgestattet waren, aber dennoch ein wirtschaftlich gesichertes Leben führten und am politischen Leben mitwirken konnten.[42] Die Hohenpriester kontrollierten den Tempelschatz in Jerusalem, der als der wichtigste Wirtschaftsfaktor Palästinas galt, soweit sie Vorsteher des Synedriums, des Hohen Rates der Juden, waren. Neben dem o.g. römischen Steuersystem gab es zudem eigene jüdische Steuern, die der Tempel erhob. Hierzu zählte der „Zehnte“ auf Landwirtschaftsprodukte und die Tempelsteuer, der sog. „Halbschenkel“, eine jährliche Abgabe jedes männlichen Juden in Palästina. Die Tempelschatzkammer diente darüber hinaus auch als Bank, auf der die Reicheren ihre Wertsachen hinterlegen konnten. Die Macht der Hohenpriester beruhte damit auf ihrer Position als Tempelvorsteher. Sie führten religiöse Rituale aus, deren Ziel es war, Reichtum und Wohlergehen der Menschen zu sichern. Offensichtlich erwählten die Römer die Hohenpriester aus nur fünf reichen Familien. Wichtiges Auswahlkriterium für Rom war dabei, dass die Hohenpriester das Volk in Jerusalem durch ihre Autorität ruhig hielten. Die Familien der Hohenpriester waren mit hoher Wahrscheinlichkeit Mitglieder der Gruppe der Sadduzäer, die mit Rom zusammenarbeiteten, um die religiösen Institutionen der Juden zu bewahren und möglichst große Autonomie für das Volk zu gewährleisten.[43]

Zu den fundamentalen Institutionen des Judentums zählten vor allem das Gesetz und der Tempel von Jerusalem. Der Ausdruck Gesetz, wie er in den Evangelien verwendet wird, ist dabei in erster Linie ein Synonym für die ersten fünf Bücher des AT (auch Tora, Pentateuch oder mosaisches Gesetz genannt). Diese Verhaltensvorschriften wurden u.a. nach Beschreibungen der Bibel von den Juden streng eingehalten (Mt 5,18 ; Lk 16,17).

Nach der später von Rabbinen entwickelten Ansicht gilt die Tora als präexistent, war bereits vor Erschaffung der Welt bei Gott vorhanden und genießt daher unumstößliche Autorität und unvergleichliche Heiligkeit und Würde.

Als Gesetz umfasste sie die schriftlich aufgezeichnete und mündlich tradierte Tora, deren Gültigkeit im einzelnen genau nachgewiesen werden musste, indem die Sätze der Tradition exegetisch am Pentateuch begründet bzw. von ihm abgeleitet wurden. Die Entfaltung der Tradition wurde dabei weitgehend durch Schriftauslegung vorgenommen, die keineswegs willkürlich war, sondern festen Regeln folgte (etwa der Schluss vom Geringeren auf das Größere, der Analogieschluss usw.) Diese Regeln spiegeln sich z.T. ebenfalls in der neutestamentlichen Überlieferung wider (vgl. Mk 12,26f. und Röm 5,15).[44]

Gelehrte, die sich mit der Auslegung der Schrift beschäftigen, werden häufig sofort in Zusammenhang mit den Pharisäern gesehen, obgleich nicht alle Schriftgelehrten Pharisäer waren, sondern zunächst in erster Linie Lehrer und Gelehrte des jüdischen Gesetzes, also eben auch etwa Sadduzäer, die ihrerseits sich ausschließlich auf die geschriebene Tora beriefen (s.u.).

Als zweite Institution des Judentums galt der Tempel in Jerusalem, welcher gleichsam den religiös-geistigen Mittelpunkt aller Juden bildete.[45] Seine Hauptbedeutung lag vor allem darin, dass ausschließlich hier die Juden ihrem Gott opfern konnten, ähnlich wie es in Lk 2,22 beschrieben wird. Die hier dargebrachten Opfer waren in ihrer Objektivität Ausdruck des Einheitswillens des Volkes.[46]

Der Gottesdienst und die Opfer im Tempel wurden von einer großen Gruppe von Priestern im Auftrag des Hohenpriesters je eine Woche lang verrichtet. Lk 1,9 beschreibt beispielsweise, wie das Los um die Aufgabe des allmorgendlichen und abendlichen Rauchopfers geworfen wurde. Zutritt zum, vom restlichen Tempel abgetrennten, Allerheiligsten hatte ausschließlich der Hohepriester als Vorsitzender des Synedriums, der am Großen Versöhnungstag die kultischen Handlungen für ganz Israel hier vollzog. Nach dem jüdischen Exegeten, Philosophen und Apologeten Philo von Alexandrien wurde er als eine Art Mittelwesen zwischen Gott und Mensch betrachtet.[47] Als besonders wichtig im Zusammenhang mit dem Tempel galten die Leviten, das sog. Tempelpersonal (vgl. Lk 10,31f.). Sie übernahmen die Aufgaben von Sängern und Torwächtern, waren damit beauftragt, die Ordnung in den Tempelbezirken aufrecht zu erhalten, und sorgten zudem dafür, dass der Kult in rechter Weise vollzogen wurde. Sie übernahmen damit auch polizeiliche Aufgaben, wie beispielsweise im Auftrag der Hohenpriester bei der Verhaftung Jesu in Getsemani.

Der Tempel war aber neben seiner Bedeutung als Ort der Opferung gleichzeitig auch Ort der festgesetzten Gebetszeiten und des öffentlichen Lehrens.

Es ist anzunehmen, dass der ideelle Wert des Tempelkultes auf Dauer dem unmittelbar praktischen religiösen Leben der Juden nicht genügte. So versammelten sie sich möglicherweise in ihren Heimatorten unter freiem Himmel oder in einem Gemeindehaus zu den Gebetszeiten. Der Ursprung der Synagoge als Versammlungsort wird in der Diaspora zu suchen sein, wo die Juden zerstreut unter andersgläubigen Völkern lebten.[48] Und so stammt die erste inschriftliche Erwähnung einer Synagoge auch aus Schedia in der jüdischen Diaspora in Ägypten und wird ins 3. Jahrhundert vor Christus datiert.[49] Bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. fanden die meisten „Synagogen“ (Versammlungen) aber wahrscheinlich weithin in Räumen von Privathäusern statt.[50] In nur wenigen Fällen gab es für die Versammlung ein eigenständiges Haus. Anhand von Ausgrabungen u.a. in Dura-Europos am Westufer des Euphrat oder in Beth-Alpha wird deutlich, dass rund um die Mauern dieses meist rechteckigen und in Richtung Jerusalem orientierten Gebäudes sich stufenförmige Steinbänke befanden, die in die Richtung eines zentralen Raumes zeigten. Dort wurden offenbar die Schriften vorgelesen und erläutert. Im Gegensatz zum Tempel wurde in der Synagoge in erster Linie das jüdische Gesetz gelehrt. Die wichtigste Aktivität der Synagoge war hierbei eine wöchentliche Versammlung am Sabbat, bei der aus der Tora oder anderen Schriften vorgelesen wurde. Die Synagoge, in Ez 11,16 beschrieben als „Heiligtum im Kleinen“, gewann vor allem nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels an Bedeutung und hielt die Erinnerung an diesen wach.[51]

Neben den genannten verschiedenen Aktivitäten erfüllte die Synagoge aber auch eine wichtige soziale Funktion, z.B. als Treffpunkt öffentlichen Lebens und durch gemeinsame Mahlzeiten. Die auftretenden Prediger übten einen tiefgreifenden Einfluss auf das Bewusstsein und die Mentalität der Zuhörer aus, weil die dort behandelten Fragen von eminent theologischem Gewicht waren und das Gesetz gleichzeitig den Weg zum Heil vorgab.[52] Geleitet wurde die Synagoge von einem sog. Synagogenvorsteher und dessen Gehilfen, einem sog. „hazan“, der beispielsweise über die Schriftrollen wachte (vgl. Lk 4,20) oder festgesetzte Strafen vollstreckte (vgl. 2.Kor 11,24).

3.4. Jüdische Religionsparteien, religiöses Gemeinschaften und Gremien

Das Judentum in Palästina befindet sich vor, während und nach der Zeit Jesu in einer Krisensituation, ausgelöst durch die Bedrohung der kulturellen und religiösen Identität infolge römischer Besatzung. In dieser politischen und der damit verbundenen theologischen Krisensituation stellen sich zentrale Fragen, wie der Gott Israels die von ihm zugesagte unverbrüchliche Treue zu seinem Volk bewahren wird, was das letzte Ziel seines Heilshandelns ist und wie sein Plan für die Zukunft und Vollendung der Welt aussieht.[53] So verbreitet derart apokalyptische Gedanken zur Zeit Jesu auch waren, so unterschiedlich war ihre Aufnahme und Ausgestaltung in den verschiedenen Gruppierungen des Judentums, welches sich in dieser Hinsicht keineswegs als eine einheitliche Religion präsentierte und demnach religiös genauso wie politisch gespalten in Erscheinung trat. Vielmehr setzte es sich aus verschiedenen Gruppen zusammen, die das Gesetz unterschiedlich interpretierten, verschiedene Ansichten und Vorstellungen vertraten und oftmals untereinander verfeindet waren. Jede dieser Gruppierungen nahm für sich in Anspruch, das „wahre Israel“ (als Bezeichnung des Gottesvolkes), Israel in Israel zu sein.[54]

3.4.1. Die Pharisäer

Die Anfänge der pharisäischen Bewegung reichen bis in die Makkabäerzeit des 2. Jahrhunderts v. Chr., als es galt, den jüdischen Glauben gegen die hellenistische Überfremdung zu verteidigen. 1.Makk 2,29ff. erwähnt den Rückzug der Chassidim, jener gesetzestreuen „Frommen“, die sich den durch die Seleukiden angeordneten Veränderungen in Jerusalem durch Abwanderung in abgelegene Gebiete entzogen hatten.[55] Spätestens im 1. Jahrhundert v. Chr. sind die Pharisäer als Chabura, als Genossenschaft, organisiert.[56]

Der Name Pharisäer leitet sich aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen ab und lässt verschiedene Interpretationen zu: So etwa als die „Abgesonderten“ oder „Spalter“ (pruschim / z.B. als die heilige Gemeinde Gottes, die sich von ihrer Umwelt fernhält und auf diese Weise die Berührung mit aller Unreinheit meidet), aber auch als die „genau Unterscheidenden“ (paroschim / z.B. als Ausdruck für kompromisslose Treue zur Tora und deren genauer Gesetzesauslegung in den alltäglichen Lebensvollzügen). Entwickeln die Evangelien häufig ein eher negatives Bild von dieser Gemeinschaft – etwa in der Rede Jesu gegen diese Gruppe – so beschreibt Flavius Josephus die Pharisäer als die herausragendste Gruppe des Judentums und tendiert – wohl zu Unrecht – dazu, die Gemeinschaft als eine Art Philosophenschule zu beschreiben.[57]

Besonders ausgezeichnet hat sich die Gemeinschaft – ebenfalls nach Josephus - durch ihre sehr genaue Auslegung des geschriebenen mosaischen Gesetzes und vor allem durch die Tatsache, dass sie zudem die mündlichen Überlieferungen als verbindlich ansahen.[58] Im NT etwa wird die auf mündlicher Tradition beruhende Position der Pharisäer vor allem in Auseinandersetzungen mit Jesus bezüglich des Verbotes der Arbeit am Sabbat oder der Legalität der Ehescheidung deutlich. Die Sammlung dieser mündlichen Unterweisungen, die ca. 200 n. Chr. schriftlich festgehalten wurde, wird als Mischnah bezeichnet.

Für die Pharisäer war insgesamt von hoher Bedeutung, dass die gesetzlich vorgegebene kultische Reinheit nicht nur eine Sache des gottesdienstlichen Vollzugs im Tempel blieb, sondern in den Alltag hineinwirkte. Auf diese Weise rückte das Gesetz gegenüber der Tempelkultpraxis bei den Pharisäern verstärkt in den Mittelpunkt, die durch zahlreiche Einschränkungen und Pflichtübungen zunehmend das Alltagsleben ritualisierten.[59] So entwickelte sich gerade im Pharisäismus ein Schriftgelehrtentum, das seine Aufgabe in der Diskussion über die Anwendung von Bestimmungen der Tora auf bestimmte Fälle und Situationen sah.[60]

[...]


[1] Vgl. Rademacher, C.: Wer war Jesus?,136-162.

[2] Vgl. Ripota, P.: Zeigt dieses Bild etwas, das wir nicht wissen sollen?, 24-32.

[3] Vgl. Gnilka, J.: Jesus von Nazaret, Botschaft und Geschichte, 5.

[4] Vgl. Betz, O.: Was wissen wir von Jesus?, 15ff.

[5] Vgl. Berger, K.: Wer war Jesus wirklich?, 9.

[6] Vgl. hierzu u.a. Heiligenthal, R.: Der verfälschte Jesus.

[7] Vgl. Betz, O.: Was wissen wir von Jesus?, 8.

[8] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 11.

[9] Vgl. Ebner, M.: Jesus von Nazaret in seiner Zeit, 21.

[10] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 12.

[11] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 41f.

[12] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 43ff.

[13] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 13.

[14] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 48ff.

[15] Vgl. Sanders, E. P.: Sohn Gottes, 86.

[16] Vgl. hierzu Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 82; mögliche Übersetzungen 75/78/81 oder Sanders, E. P.: Sohn Gottes, 88.

[17] Vgl. Maier, J.: Jesus von Nazareth in der talmudischen Überlieferung, 268.

[18] Vgl. Heiligenthal, R.: Der Lebensweg Jesu von Nazareth, 32.

[19] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 31.

[20] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 87f.

[21] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 32.

[22] Vgl. Lohse, E.: Umwelt des neuen Testaments, 102.

[23] Vgl. Ebner, M.: Jesus von Nazaret in seiner Zeit, 34ff.

[24] Vgl. Bühlmann, W.: Wie Jesus lebte, 21.

[25] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 161.

[26] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 161.

[27] Vgl. Bösen, W.: Galiäa. Lebensraum und Wirkungsfeld Jesu, 29; 57f.

[28] Vgl. Ebner, M.: Jesus von Nazaret in seiner Zeit, 35.

[29] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 163.

[30] Vgl. Bösen, W.: Galiäa. Lebensraum und Wirkungsfeld Jesu, 206ff.

[31] Vgl. Conzelmann, H./ Lindemann, A.: Arbeitsbuch zum Neuen Testament, 170. Das NT (etwa Mt 26,14) und auch Josephus sprechen davon, dass es mehrere Hohepriester zur selben Zeit gegeben habe. Dabei ist jedoch nach Conzelmann/ Lindemann offenbar an diejenigen Mitglieder des Synedriums (vgl. d. Anm. unter 3.4.2.) gedacht, die aus hohepriesterlichen Familien stammten, und an die Angehörigen der vornehmsten Priestergeschlechter.

[32] Vgl. Ebner, M.: Jesus von Nazaret in seiner Zeit, 38ff.

[33] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 163.

[34] Vgl. Bösen, W.: Galiäa. Lebensraum und Wirkungsfeld Jesu, 34ff.

[35] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 34.

[36] Vgl. Dommershausen, W.: Die Umwelt Jesu, Politik und Kultur in neutestamentlicher Zeit, 36.

[37] Vgl. Bösen, W.: Galiäa. Lebensraum und Wirkungsfeld Jesu, 154.

[38] Vgl. Dommershausen, W.: Die Umwelt Jesu, Politik und Kultur in neutestamentlicher Zeit, 42.

[39] Vgl. Dommershausen, W.: Die Umwelt Jesu, Politik und Kultur in neutestamentlicher Zeit, 43.

[40] Vgl. Bösen, W.: Galiäa. Lebensraum und Wirkungsfeld Jesu, 156.

[41] Vgl. Schottroff, L./ Stegemann, W.: Jesus von Nazareth, Hoffnung der Armen, 21.

[42] Vgl. Lohse, E.: Umwelt des Neuen Testaments, 106.

[43] Vgl. Porter, J.R.: Jesus und seine Zeit, 28.

[44] Vgl. Lohse, E.: Umwelt des Neuen Testaments, 122ff.

[45] Vgl. Dommershausen, W.: Die Umwelt Jesu, Politik und Kultur in neutestamentlicher Zeit, 118.

[46] Vgl. Gnilka, J.: Jesus von Nazaret, Botschaft und Geschichte, 53.

[47] Vgl. Lohse, E.: Umwelt des Neuen Testaments, 111.

[48] Vgl. Lohse, E.: Umwelt des Neuen Testaments, 115.

[49] Vgl. Dommershausen, W.: Die Umwelt Jesu, Politik und Kultur in neutestamentlicher Zeit, 122.

[50] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 160.

[51] Vgl. Lohse, E.: Umwelt des Neuen Testaments, 117.

[52] Vgl. Gnilka, J.: Jesus von Nazaret, Botschaft und Geschichte, 53.

[53] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 38.

[54] Vgl. Gnilka, J.: Jesus von Nazaret, Botschaft und Geschichte, 51.

[55] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 41.

[56] Vgl. Dommershausen, W.: Die Umwelt Jesu, Politik und Kultur in neutestamentlicher Zeit, 57.

[57] Vgl. Lohse, E.: Umwelt des Neuen Testaments, 53.

[58] Vgl. Theißen, G./ Merz, A.: Der historische Jesus, 135.

[59] Vgl. Gnilka, J.: Jesus von Nazaret, Botschaft und Geschichte, 60.

[60] Vgl. Roloff, J.: Jesus, 41f.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Der historische Jesus als Herausforderung für die Didaktik des Religionsunterrichts im Gymnasium
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Katholische Theologie)
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
88
Katalognummer
V42125
ISBN (eBook)
9783638402330
Dateigröße
895 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit umfasst einen exegetischen und religionspädagogischen Teil.
Schlagworte
Jesus, Herausforderung, Didaktik, Religionsunterrichts, Gymnasium
Arbeit zitieren
Holger Götz (Autor), 2004, Der historische Jesus als Herausforderung für die Didaktik des Religionsunterrichts im Gymnasium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42125

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