Interkulturelle Kompetenz. Eine Schlüsselkompetenz in der Sozialen Arbeit?


Bachelorarbeit, 2014

59 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Migration
2.1 Migration und ihre Ursachen
2.2 Das Migrationsgeschehen in Deutschland
2.3 Zur Bezeichnung „Migrationshintergrund“
2.4 Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland
2.5 Notwendigkeit eines kritischen Umgangs bei der Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“
2.6 Der Umgang mit Migration in Deutschland

3 Kultur
3.1 Der Kulturbegriff
3.2 Die Erfindung von Fremdheit – Kultur als Differenzkategorie
3.3 Kulturelle Identität

4 Interkulturalität
4.1 Pluralisierung der Lebenswelten
4.2 Gesellschaftlicher Umgang mit Diversität: zwischen Annerkennung und Ausgrenzung

5 Annäherung an den Kompetenzbegriff in der Sozialen Arbeit

6 Interkulturelles Verständnis in der Sozialen Arbeit
6.1 Der Umgang mit Differenz in der Sozialen Arbeit
6.2 Interkulturelle Orientierung und Öffnung
6.3 Soziale Arbeit im Migrationskontext
6.4 Zugangsbarrieren deutscher Sozialarbeiter_innen zur Migrantenklientel?
6.4.1 Multiethnische Teams
6.5 Elemente und Ebenen interkultureller Kompetenz
6.6 Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz Sozialer Arbeit? – eine kritische Auseinandersetzung

7 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Jahr 2012…6

1 Einleitung

Sozialer Wandel, Globalisierung, Migration, gesellschaftliche Vielfalt – diese Phänomene stellen nur einen kleinen Teil der vielfältigen Prozesse dar, welche unseren Alltag, unsere Lebenswelt und unsere Zukunftsperspektiven stetig verändern (vgl. Handschuck/Klawe 2010, S. 15). Die Migrations- und Modernisierungsprozesse brachten in Deutschland den Diskurs über die Notwendigkeit und den Nutzen interkultureller Kompetenz von Individuen und Organisationen hervor. Besonders öffentliche und soziale Institutionen stehen der Aufforderung gegenüber, sich interkulturell zu öffnen und orientieren (vgl. Grünhage-Monetti 2006, S. 7). Die pädagogischen Grundsätze, welche hinter dieser interkulturellen Pädagogik stehen, sind Gleichheit und Anerkennung (vgl. Auernheimer 2001, S. 9). Das Gleichheitsgebot findet seinen Platz anlässlich der Benachteiligungen, des Alltagsrassismus und der Diskriminierung kultureller Randgruppen. Der Grundsatz der Anerkennung beinhaltet den Einbezug kultureller Zusammenhänge für die Identitätsentwürfe der Individuen, sowie das Verstehen und die Dialogizität mit Minderheiten (vgl. ebd., S. 9 ff.).

Trotz des Strebens nach einer interkulturellen Öffnung ist das Nationalverständnis Deutschlands überwiegend von einer Vorstellung kultureller Homogenität geprägt. Deutschland wird als einsprachig und – auf die Religionszugehörigkeit bezogen – einheitlich christlich geprägt gesehen. Diesem gängigen Selbstverständnis steht die Tatsache gegenüber, dass nahezu ein Fünftel der Bevölkerung Deutschlands einen Migrationshintergrund aufweist und dieses sich durch eine ausgedehnte Heterogenität und Differenziertheit auszeichnet (vgl. Kunz/ Puhl 2011, S. 9). Die infolge der Zuwanderung veränderte demographische Zusammensetzung der Bevölkerung Deutschlands, übt Einfluss auf die Lebens- und Berufslagen und stellt die Soziale Arbeit vor neue Aufgaben und Herausforderungen. Das Zauberwort in diesem Kontext heißt „interkulturelle Kompetenz“ (vgl. ebd., S. 9 f.). In meiner Bachelorarbeit setzte ich mich daher, unter Einbezug der Themen Migration, Kultur, Interkulturalität und des Kompetenzbegriffes, mit der „interkulturellen Kompetenz Sozialer Arbeit“ auseinander.

Im Rahmen meines Praxissemesters bei den Hilfen zur Erziehung befasste ich mich erstmals mit dieser Thematik. Gemeinsam mit meiner Anleiterin betreute ich ausschließlich Familien mit Migrationshintergrund. Bereits damals stellte ich mir die Frage, ob die Begleitung dieser Familien mit Migrationsbiografien eine besondere Anforderung, Einstellung oder Kompetenz benötigt. Daher entschied ich mich bei der Themenwahl meiner Bachelorarbeit, für die „Interkulturelle Kompetenz in der Sozialen Arbeit“, da diese Abschlussarbeit den passenden Rahmen für eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik bietet. Nach meiner Recherche- und Einarbeitungsphase erhielt ich einen Überblick über die unterschiedlichen Aspekte meines Themengebietes und habe mich letztendlich für folgenden Titel entschieden: „ Interkulturelle Kompetenz – eine Schlüsselkompetenz Sozialer Arbeit in der Migrationsgesellschaft ?“. Anhand meiner vorliegenden Literatur sollen aktuelle theoretische Grundlagen zur Thematik der interkulturellen Kompetenz Sozialer Arbeit erarbeitet werden, um letztendlich diese als Schlüsselkompetenz zu begründen oder zu widerlegen.

Im Weiteren erfolgt ein Überblick zum inhaltlichen Aufbau der Bachelorarbeit. Das zweite Kapitel meiner Ausarbeitung befasst sich mit dem Thema Migration. Dieses soll einen Überblick über die Migrationssituation in Deutschland geben. Hierfür wird zunächst die Migration mit ihren möglichen Ursachen beschrieben, um anschließend auf das Migrationsgeschehen in Deutschland zu sprechen kommen. Des Weiteren wird eine Begriffsklärung der Bezeichnung „Migrationshintergrund“ vorgenommen, damit im nächsten Punkt Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland thematisiert werden können. Im Anschluss möchte ich auf einen reflektierten Umgang des Ausdrucks „Menschen mit Migrationshintergrund“ aufmerksam machen. Abgeschlossen wird das zweite Kapitel mit einem Blick auf die Meinungen und Einstellungen der Bevölkerung Deutschlands bezüglich der Migration. Im dritten Themenblock beschäftige ich mich mit dem Thema der Kultur. Nachdem das grundlegende Kulturverständnis erarbeitet wird, möchte ich mich mit der Kultur als Differenzkategorie auseinandersetzen. Hierbei soll auf den Differenzaspekt im Kontext des Kulturverständnisses hingewiesen werden. Im letzten Punkt dieses Kapitels wird die kulturelle Identität näher betrachtet. Das vierte Kapitel beginnt mit der Erarbeitung des Verständnisses von Interkulturalität, um später einen Bezug auf das „interkulturelle Verständnis“ nehmen zu können. Anschließend wird die Pluralisierung der Lebenswelten thematisiert, um einen Überblick über die Komplexität unserer Gesellschaft zu erhalten. Im letzten Punkt des vierten Kapitels wird es um den gesellschaftlichen Umgang mit Differenz gehen. In meinem fünften Kapitel befasse ich mich mit dem Kompetenzbegriff der Sozialen Arbeit, um auf den Begriff der Schlüsselkompetenz eingehen zu können. Mein sechstes und letztes Kapitel handelt von der Interkulturalität in der Sozialen Arbeit. Zunächst möchte ich auf den Umgang mit Differenz in der Sozialen Arbeit zu sprechen kommen. Darauf folgt das Thema der interkulturellen Orientierung und Öffnung, welches bereits Teil der Thematik der interkulturellen Kompetenz ist und diese einleiten soll. Bevor ich abschließend auf die interkulturelle Kompetenz zu sprechen komme, werde ich die Soziale Arbeit im Migrationskontext vorstellen, um danach der Frage nachzugehen, ob Zugangsbarrieren deutscher Sozialarbeiter zur Migrantenklientel bestehen und welche Kompetenzen interkulturelle Teams mitbringen. Schließlich befasse ich mich mit der interkulturellen Kompetenz, anhand einer Erarbeitung ihrer Elemente und Ebenen. In meinem vorletzten Punkt werde ich mich schließlich der Frage widmen, inwieweit ein Bedarf dieser Kompetenz in der Sozialen Arbeit besteht. Ein persönliches Fazit soll meine neu erworbenen Erkenntnisse darlegen.

In dieser Arbeit wird als Mittel einer gendersensiblen Sprache der Gender Gap verwendet, mit dem alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten, auch jenseits des hegemonialen Systems der Zweigeschlechtlichkeit, einbezogen werden sollen.

Abschließend möchte ich darauf aufmerksam machen, dass hinsichtlich des begrenzten inhaltlichen Rahmens der Bachelorarbeit nur bestimmte, ausgewählte Aspekte meiner Thematik dargelegt werden können, welche trotz allem einen größtmöglichen Einblick in mein Themengebiet geben sollen.

2 Migration

Interkulturelle Begegnungen stellen ein uraltes Phänomen dar. Wanderungen von Menschen über geographische Grenzen vollzogen sich zu allen historischen Zeiten der Menschheit (vgl. Mecheril 2010, S. 7), wobei Bevölkerungsgruppen versuchten Grenzen zu überschreiten oder gezwungen waren, sich mit „Grenzgängern“ im eigenen Land auseinanderzusetzen (vgl. Heinemann 2012, S. 15). Somit brachten diese Begegnungen, sowohl auf Seiten der Zuwanderer als auch auf Seiten der Einheimischen, Fremdheitserfahrungen mit sich (vgl. Evangelische Kirche in Deutschland 2009, S. 7). Für heutige gesellschaftliche Verhältnisse ist das ‚ Migrationsphänomen ‘ äußerst bedeutsam, da weltweit noch nie so viele Menschen freiwillig oder unter Zwang ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt auf Dauer verändert haben (vgl. Mecheril 2010, S. 7). Daher möchte ich mich zu Beginn meiner Arbeit mit der Thematik Migration befassen. Zunächst werde ich auf den Begriff der Migration zu sprechen kommen und anschließend deren Ursachen benennen.

2.1 Migration und ihre Ursachen

Das Wort Migration wird aus dem lateinischen „ migrare “ abgeleitet, welches mit „wandern “ übersetzt werden kann (vgl. Heinemann 2012, S. 16). Anhand der Definition des Migrationsberichtes des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2012, lässt sich Migration als eine Wanderung von Individuen oder auch Gruppen im geographischen Raum beschreiben (vgl. Migrationsbericht 2012, S. 12). Migration umschreibt somit „ Prozesse der Immigration und Emigration als Bewegungen von Personengruppen und Personen im Raum, die einen dauerhaften Wohnortwechsel in signifikanter Entfernung verursachen “ (Heinemann 2012, S. 16). Nach Paul Mecheril lässt sich das Phänomen der Migration im Hinblick auf räumliche Gesichtspunkte (intra- oder international), zeitliche Aspekte (temporär oder dauerhaft) und auf den Bezug zur Wanderungsentscheidung (freiwillig oder erzwungen) unterscheiden (vgl. Mecheril 2010, S. 42).

Die Sozialwissenschaftlerin Anette Treibel nimmt eine weitere Unterteilung in verschiedene Wanderungsformen vor und benennt die Immigration, Arbeitsmigration oder Fluchtmigration (vgl. Arslan 2012, S. 5). Hierbei lassen sich verschiedene Wanderungsgründe finden. Franz Hamburger zählt Kriege und Naturkatastrophen zu den wichtigsten aktuellen Migrationsursachen sowie politische und religiöse Verfolgung, welche der Fluchtmigration zuzuordnen sind (vgl. Hamburger 2001, S. 1212 f.). Hinsichtlich der gegenwärtig zunehmenden Ethnisierung von Konflikten lassen sich immer häufiger Gründe wie Vertreibung und Flucht feststellen. Weiterhin nennt Hamburger Ursachen wie wirtschaftliche Not und Arbeitslosigkeit, die unter die Arbeitsmigration fallen. Darüber hinaus führt er soziale Gründe auf, worunter Familienzusammenführungen oder Verbesserungen der sozialen, wirtschaftlichen und beruflichen Situation gehören. Zuletzt nennt er Anlässe wie Neugier sowie Abenteuerlust (vgl. ebd.). An den eben genannten Wanderungsursachen ist erkennbar, dass eine Unterscheidung zwischen „gewaltsam erzwungener Wanderung“ und „freiwilliger Mobilität“ vorgenommen werden kann (vgl. Hamburger 2012, S. 15). Anhand des individuellen Wanderungsgrundes lässt sich ein Rückschluss auf den persönlichen Sinnzusammenhang und die soziale Bedeutung der Migration ziehen, weshalb die jeweils subjektive Rolle der Migration genau betrachtet und differenziert werden muss.

Diesen Aspekt werde ich in meinem Punkt 2.4 noch einmal genauer ausführen.

2.2 Das Migrationsgeschehen in Deutschland

Um im Weiteren der Frage nachgehen zu können, inwiefern es eine interkulturelle Kompetenz in der Sozialen Arbeit braucht, erscheint es mir wichtig, zunächst einen Überblick über den aktuellen Stand des Migrationsgeschehens in Deutschland zu geben. Dies soll im Folgenden behandelt werden.

Seit 2006 wurde ein kontinuierlicher Anstieg des Zuzugs nach Deutschland verzeichnet. Im Jahr 2012 registrierte man circa 1.081.000 Zuzüge, was einen Anstieg von 13% im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. 965.908 der Einreisenden besaßen eine ausländische Staatsangehörigkeit. Dies entspricht einem Anteil von 89,4% der Einreisenden. Dementsprechend lag der Anteil der Deutschen an der Zuwanderung bei 10,6 % (vgl. Migrationsbericht 2012, S. 14). Das Phänomen der ansteigenden Zuzüge führte zu einer wachsenden gesellschaftlichen Vielfalt sowie zu einer zunehmenden Dichte und Häufigkeit interkultureller Begegnungen. Daher kann Migration die Gesellschaft Deutschlands in vielfältiger Weise beeinflussen. Besonders die Arbeits- und Lebenswelten wurden nach Spetsmann-Kunkel durch unterschiedlichste Facetten der Migration verändert (vgl. 2013, S. 7), wodurch sich für die Soziale Arbeit neue Aufgaben und Herausforderungen ergeben (vgl. Kunz/Puhl 2011, S. 9 f.).

In der Bundesrepublik Deutschland leben circa 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, was einen Anteil von etwa 19% der Gesamtbevölkerung ausmacht (vgl. Migrationsbericht 2012, S. 137). Die größte Gruppe innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund stellen mit 18,3% Personen mit türkischem Migrationshintergrund dar. Die zweitgrößte Personengruppe weist einen polnischen Migrationshintergrund auf (9,4%). Gefolgt von 7,4% der Personen mit russischem und 5,6% mit kasachischem Migrationshintergrund. Weitere Personengruppen der Migrant_innen mit jeweils unter 5% kommen mit absteigendem Anteil aus Italien, Rumänien, Griechenland, Kroatien, Serbien sowie der Ukraine. 43,1% der deutschen Bevölkerung mit Migrationshintergrund kommen aus sonstigen Herkunftsländern (vgl. Migrationsbericht 2012, S. 138). Anhand der diversen Nationalitäten ist eine Gesellschaft zu verzeichnen, die sich aus den verschiedensten Sprachen, Religionen und Werten zusammensetzt. Daraus ergibt sich eine Vielfalt an Lebenswelten, wobei man auch von einer „Pluralisierung der Lebenswelten“ spricht. Dieser Ausdruck wird im vierten Kapitel „Interkulturalität“ erneut aufgegriffen und genauer erläutert.

2.3 Zur Bezeichnung „Migrationshintergrund“

Damit im weiteren Verlauf der Arbeit die Bezeichnung „Migrationshintergrund“ besser einzuordnen ist, wird im Folgenden eine kurze Definition gegeben. Anschließend werden im nächsten Punkt Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland vorgestellt.

Der Begriff Migrationshintergrund beinhaltet nach der Definition des statistischen Bundesamtes:

„alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil" (Statistisches Bundesamt: http://www.bamf.de, Stand: 09.10.14)

Auch wenn Aussiedler und Spätaussiedler rechtlich nach der Einreise zu Deutschen werden, sind sie doch soziologisch zur Gruppe der Migrant_innen zu rechnen (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge).

Entscheidend für das Zuordnungskriterium „Migrationshintergrund“ ist, dass zumindest ein Elternteil den Migrant_innen zugeordnet werden kann (vgl. Vahsen/Mane 2010, S. 135). Nach heutigen ausländerrechtlichen Vorschriften umfasst diese Definition somit üblicherweise Angehörige der 1. bis 3. Migrantengeneration (das bedeutet Zuwanderer, Kinder sowie Enkel von Zuwanderern) (vgl. Statistisches Bundesamt).

2.4 Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Jahr 2012 (vgl. Migra- tionsbericht 2012, S. 137).

In der oberen Abbildung 1 werden Personen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben, anhand verschiedener Kriterien untergliedert.

Ausländer_innen mit eigener Migrationserfahrung stellen mit 35,9% die größte Gruppe aller Personen mit Migrationshintergrund dar. Die Gruppe der Deutschen mit Migrationshintergrund setzt sich wie folgt zusammen: 19,7% sind (Spät-) Aussiedler_innen und Deutsche mit eigener Migrationserfahrung, letztere jedoch ohne Einbürgerung. Selbst zugewanderte Eingebürgerte machen einen Anteil von 11,3% aller Migrant_innen in Deutschland aus. 9,2% der Personen mit Migrationshintergrund stellen Ausländer ohne eigene Migrationserfahrung dar, 2,6% sind Eingebürgerte ohne eigene Migrationserfahrung. Bei 21,3% handelt es sich um Deutsche ohne eigene Migrationserfahrung, deren Eltern entweder als Ausländer in Deutschland geboren wurden, oder das Kriterium aufweisen, dass mindestens ein Elternteil nach Deutschland zugewandert ist (vgl. Migrationsbericht 2012, S. 135 f.).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass etwa zwei Drittel der Personen mit Migrationshintergrund selbst Migrant_innen sind (erste Generation), während ein Drittel bereits in Deutschland geboren wurde und über keine eigene Migrationserfahrung verfügt (zweite und dritte Generation), die sie in irgendeiner Form geprägt haben könnte. Anhand des geringen Anteils an Migranten ohne eigenen Migrationshintergrund (siehe Abbildung 1), komme ich unter anderem zu folgenden Fragestellungen: Wird auf Grund der Tatsache, dass ein Drittel der Menschen mit Migrationshintergrund keine eigene Migrationserfahrung aufweisen, das politische und gesellschaftliche (Dauer-)Thema „Migrant_in“ zu stark thematisiert? Und werden Migrant_innen angesichts ihrer Bezeichnung defizitäre Vorurteile zugeschrieben, da dieser Begriff für einige Menschen eine negative Konnotation mit sich führt? Die folgenden Kapitel behandeln unter anderem die eben beschriebenen Fragestellungen anhand meiner vorliegenden Fachliteratur.

Im Anschluss an die Vorstellung der unterschiedlichen Formen von Migrationshintergründen möchte ich im auf einen kritischen und differenzierten Umgang bei der Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“ aufmerksam machen.

2.5 Notwendigkeit eines kritischen Umgangs bei der Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“

Grundlage meiner folgenden Überlegungen ist die These, dass die Benennung ‚mit Migrationshintergrund‘ „nicht an sich gegeben ist, sondern in vielen Interaktionen immer wieder reproduziert wird“ (vgl. Munsch 2014, S. 68). Deshalb ist es wichtig, die Bezeichnung „Migrationshintergrund“ kritisch zu reflektieren (vgl. ebd.).

Chantal Munsch beschreibt in ihrem Artikel „ Wer sind eigentlich Menschen mit Migrationshintergrund?[1], dass bei der Klärung der Bezeichnung „Migrationshintergrund“ vorweg drei unterschiedliche Perspektiven bedeutsam sind: die statistische Definition, die lebensweltliche Perspektive sowie der kritische Diskurs über Menschen „mit Migrationshintergrund“ (vgl. ebd.). Die statistische Definition fordert eine klar definierte Abgrenzung, um entscheiden zu können, ob eine Person einen Migrationshintergrund besitzt oder nicht. Diese Abgrenzung weist die in Punkt 2.3 gegebene Definition der Bezeichnung „Migrationshintergrund“ auf. Die lebensweltliche Perspektive umschreibt die große Vielfalt jener Menschen, die nach der statistischen Definition einen „Migrationshintergrund“ haben. Zu finden sind verschiedene Nationalitäten, Altersklassen, Bildungsabschlüsse und Milieus. Chantal Munsch erläutert, dass sich „aus dieser Perspektive auf unterschiedliche Gruppenzugehörigkeiten, Milieus und Lebensrealitäten […] kaum noch beschreiben [lässt], was denn diese so unterschiedlichen Menschen vereinen könnte“ (vgl. Munsch 2014, S. 68). Aufgrund der zwei Gegenpole, der statistischen Definition auf der einen Seite und den vielfältigen Lebensrealitäten auf der anderen Seite, kommt es somit zum Diskurs über „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Die statistische Definition des Migrationshintergrundes kann nach Chantal Munsch nicht dem Inhalt der Bezeichnung „mit Migrationshintergrund“ gerecht werden. Es gibt, wie bereits im vorherigen Punkt angesprochen, auch Personen mit Migrationshintergrund, die jedoch keine eigene Migrationserfahrung vorweisen und zudem deutsche Staatsbürger sind. Daher kann nicht verallgemeinert von „den Migrant_innen“ gesprochen werden. Zudem müssen die vielseitigen Gründe der Emigration in Augenschein genommen werden (vgl. Mecheril 2010, S. 45). „Es macht einen Unterschied, ob die Migration als Privileg oder Notfall, […] als Rettung oder Zwang, eher freiwillig oder eher unfreiwillig von statten ging“ (Eppenstein/Kiesel 2008, S. 30). Menschen, die ihre Auswanderung schon lange Zeit geplant hatten, unterscheiden sich sicherlich in ihrer anfänglichen Situation von anderen Migrant_innen, die auf Grund von Krieg oder Vertreibung ihr Land fluchtartig verlassen mussten. Somit ist ebenfalls der Faktor entscheidend, wie lange Personen mit Migrationshintergrund bereits in dem neuen Land leben. Menschen, die erstmals migrieren und zunächst für kurze Zeit eine neue Heimat haben, sehen sich mit anderen Problemen oder Themen konfrontiert, als Menschen, die schon vor Jahren emigriert sind. „Daher sind die Anforderungen und Risiken hier vergleichsweise höher als bei der ihr folgenden „Kettenmigration[2] “, die sich auf inzwischen aufgebaute „communities“ stützen“ (Eppenstein/Kiesel 2008, S. 31). Somit soll auf die Gefahr der Etikettierung bei der Anwendung des Begriffs „Migrationshintergrund“ aufmerksam gemacht werden (vgl. Hamburger 2006, S. 185 f.). Die individuellen Hintergründe sind differenziert sowie situativ zu berücksichtigen.

Anhand des aktuellen deutschen Diskurses über Migration wird deutlich, dass sich dieser auf eine bestimmte Gruppe fokussiert, welche als „fremd“ dargestellt wird. Besonders im Fokus der politischen Debatte steht die „türkische Kultur“. Wenn von dieser die Rede war, wurde weder die Vielfalt unterschiedlicher ethnischer Gruppen, noch die unterschiedlichen sozialen Milieus, Generationen oder Religionszugehörigkeiten reflektiert[3]. Spezifische Verbindungen sehr unterschiedlicher Merkmale dieser „Kultur“ werden hierbei unter dem Stichwort „Migrant_in“ verallgemeinert (vgl. Munsch 2014, S. 69). Die Population der Menschen mit Migrationshintergrund weist eine bemerkenswerte Vielfalt an Lebensauffassungen und Lebensweisen auf. Somit stellen Menschen mit Migrationshintergrund – genau so wenig wie die „einheimische“ deutsche Bevölkerung – eine soziokulturelle Gruppe dar (vgl. Merkle 2011, S. 87). Allgemein von den „Migrant_innen“ zu sprechen würde ihre unterschiedlichen Werte, sozialen Situationen sowie die verschiedenen Lebensstile der individuellen Menschen mit Migrationshintergrund zu stark verallgemeinern (vgl. ebd.).

Wie für die deutsche Gesamtbevölkerung die Sinus-Milieu Studie[4] entworfen wurde, gibt es auch ein Migranten-Milieu-Modell, in dem die Grundorientierungen sowie die soziale Lage der Bevölkerung der Migrant_innen beschrieben werden. Darin fällt auf, dass das Spektrum der Grundorientierungen bei Migrant_innen, welche im folgenden Zitat beschrieben werden, sogar heterogener, als bei den Bürgern ohne Zuwanderungsgeschichte ist (vgl. Merkle 2011, S. 89).

Es reicht vom verhaftet sein in vormodernen, bäuerlich geprägten Traditionen über das Streben nach materieller Sicherheit und Konsumteilhabe, nach Erfolg und gesellschaftlichem Aufstieg, nach individueller Selbstverwirklichung und Emanzipation, bis hin zu Entwurzelung und Unangepasstheit“ (Merkle 2011, S. 89).

Um einen genaueren Blick auf die Modelle und deren spezifische Verteilung werfen zu können, habe ich die Sinus-Milieu Studie, wie auch das Migranten-Milieu-Modell als Grafik in den Angang eingefügt (Anhang 1, 2). Da diese Modelle nur als exemplarisches Mittel zur Veranschaung der Bandbreite von Lebensentwürfen dienen sollen, werden sie im Folgenden nicht weiter ausgeführt.

Wenn im weiteren Verlauf der Ausarbeitung die Bezeichnung „Migrant_innen“ verwendet wird, ist der Aspekt des differenzierten Umgangs mitbedacht.

2.6 Der Umgang mit Migration in Deutschland

Um das Kapitel ‚Migration‘ abzuschließen, wird im Folgenden der Umgang mit Migration in Deutschland ausgeführt. Damit soll aufgezeigt werden, mit welchen Denk- und Meinungsmustern einheimischer Bürger Deutschlands sich Migrant_innen konfrontiert sehen.

„Migration war schon immer ein bedeutender Motor gesellschaftlicher Veränderungen und Modernisierungen. Migrant/innen können in dieser Perspektive als Akteure gesehen werden, die neues Wissen, Erfahrungen, Sprachen und Perspektiven in unterschiedliche soziale Ordnungen einbringen und diese mitgestalten“ (Mecheril 2010, S. 8).

Trotz dieser positiven Aspekte hat in Deutschland und Europa hartnäckig eine Negativ- und Defizitperspektive Bestand, welche Migration immer wieder in Verbindung mit Armut und Kriminalität bringt. Auf dem Begriff der Migration lasten Worte wie störend, bedrohend und fremd (vgl. ebd.). Betrachtet man das Verhältnis zwischen den Angehörigen der Mehrheit, den „Einheimischen“ und den Ausländern, so lässt sich eine Abgrenzung gegenüber den Ausländern erkennen. Zwar reduziert sich der klassische Rassismus, so Peter Nick, doch es existiere eine deutliche Abwertung von Minderheiten (vgl. Nick 2006, S. 136).

Nach Petra Bendel und Marianne Haase wird es in den kommenden Jahrzehnten zu einer folgenreichen demographischen Entwicklung kommen: „[I]m Jahr 2050 [wird] voraussichtlich ein Drittel der heute 490 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union über 65 Jahre alt sein.“ (Bendel/ Haase 2008, o.S.). Damit ließe sich für viele europäische Staaten ein Mangel an erwerbsfähiger Bevölkerung verzeichnen. Aufgrund des demografischen Wandels werden die Nachfrage nach Waren oder Dienstleistungen und letztlich auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen sowie das Wirtschaftswachstum stark negativ beeinflusst. „Migration kann diese Bevölkerungsentwicklung dabei nicht vollständig ausgleichen, jedoch zumindest ihre negativen Folgen vorerst abschwächen“, so Bendel und Haase (vgl. ebd.).

Die Intention der wirtschaftlich ausgleichenden Migrationspolitik ist hierbei stark ökonomisch orientiert: die Nutzung von Arbeitskraft, der Erhalt und Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen, die Gewinnung Hochqualifizierter und die Sicherung des Wohlstandes (vgl. Mecheril 2010, S. 9 f.). Die Anerkennung und Befürwortung der Migrationstatsache war zwar längst überfällig, jedoch sollte an dieser Stelle verdeutlicht werden, dass eine Politik, die versucht, „Migration vorrangig durch die instrumentelle Bedeutung der Migrant_innen und ihre Verwertbarkeit zu begründen“ (vgl. ebd., S. 10), viele Probleme mit sich bringt. Beispielsweise kann dadurch eine Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Migrant_innen entstehen. „Gute“ sind solche, die einen Beitrag zur Sicherung „unseres“ Wohlstandes leisten und „schlechte“ sind diejenigen, die „unsere“ Ressourcen verbrauchen (vgl. ebd.). Diese Instrumentalisierung von Migrant_innen unter einer Perspektive ökonomischer Verpflichtungen bewirkt, dass sie ihre Anwesenheit durch gesellschaftliche Erträge legitimieren müssen. Veränderungen, die mit Migrationsprozessen verbunden sind, hängen mit gesellschaftlichen Herausforderungen zusammen, die in Deutschland oftmals als Probleme oder Schwierigkeiten gesehen werden, und nicht als potentielle Chance zur Überwindung national verengter Sichtweisen (vgl. Mecheril 2010, S. 10). Die mit der Migration einhergehenden Wandlungsprozesse betreffen also nicht alleine spezifische gesellschaftliche Bereiche, sondern vielmehr Strukturen und Prozesse der Gesellschaft im Ganzen (vgl. Mecheril 2010, S. 9).

Immer wieder wird von den Ausländer_innen verlangt, ihren Lebensstil hierzulande anzupassen. Jedoch womit unterstützt die Politik oder die Gesellschaft die Migrant_innen, damit diesen ihr Einstieg in ihr neues Leben in Deutschland erleichtert wird? Peter Nick betont, dass sich die Fachdiskussion um das Thema Multikulturalismus und Integration auf den Aspekt und die Analyse der Lebenssituation von Migrant_innen konzentriere. Aus analytischer Sicht sei jedoch die Verarbeitung von Differenz, genau wie die individuelle Identitätsentwicklung besonders zu beachten (vgl. Nick 2006, S. 136), auf welche ich später ausführlich zu sprechen komme. Auch ich bin der Meinung, dass die Migrationstatsache endlich anerkannt werden muss. Anstatt sich mit vermeintlich negativen Aspekten zu beschäftigen, sollte man stattdessen eine bestmögliche Lösung zum gleichgestellten Umgang, egal ob Migrant_in oder Nicht-Migrant_in, angehen.

Um dem Begriff des Interkulturellen näher zu kommen, wurden bereits die Migrationsformen, Migrationsmotive sowie die Differenzierung des Migrationsbegriffs behandelt. In der Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit besteht die Auffassung, dass dem Begriff der „Interkulturalität“ ein weit gefasster Kulturbegriff zu Grunde liegen muss (vgl. Handschuck/Schröer 2012, S. 33). Deshalb werde ich im Weiteren auf das Thema „Kultur“ eingehen und deren Bezug zur Differenzkategorie hervorheben. Abschließen möchte die das Kapitel durch die Erarbeitung der kulturellen Identitätsbildung.

3 Kultur

Obwohl eine starke Kritik am Kulturbegriff der heutigen Zeit geübt wird, wird er immer noch verwendet. Der Soziologe Wolf-Dietrich Bukow weist darauf hin, dass seit des Aufkommens der historisch-kritischen Forschung „ immer wieder der Verdacht bestätigt wurde, dass Kultur nicht nur orientiert, sondern oft auch im Dienst bestimmter gesellschaftlicher Interessen ideologisch inszeniert wird.“ (vgl. Handschuck/Klawe 2010, S. 67). Unser persönliches Verständnis von Kultur habe somit Einfluss auf unseren Umgang mit sogenannten „kulturellen Faktoren“ und damit auch auf unsere berufliche und alltägliche Praxis. Daher scheint es dringend erforderlich, sich kritisch mit der Bezeichnung von „Kultur“ auseinanderzusetzen und für sich einen reflexiven Kulturbegriff zu entwickeln (vgl. Handschuck/Klawe 2010, S. 67).

3.1 Der Kulturbegriff

In der öffentlichen Debatte wird der Begriff der Kultur stark von der Annahme geprägt, dass verschiedene nationale Gruppen eine eigene Kultur aufweisen (vgl. Munsch 2014, S. 69). Die Auffassung, Nationen hätten charakterisierende und homogene Kulturen, die gemeinsam geteilte moralische, geistige und künstlerische Werte einer Nation vereinen, sind jedoch Teil antiker Vereinheitlichungsprozesse, so Safiye Yildiz (vgl. ebd. 2009, S. 90). Auch Marion Gemende, Wolfgang Schröer und Stephan Sting betonen, dass es keine verbindliche Sammlung von Merkmalen gibt, die eine Kultur oder Nation bestimmt (vgl. Gemende u.a. 1999, S. 13). Trotzdem würden konstruierte Nationalkulturen als schon gegeben angesehen und durch verschiedene Strategien, wie die Erfindung von Traditionen den Mitgliedern eines Volkes nahegebracht (vgl. Yildiz 2009, S. 92). Sowohl Gemende, Schröer als auch Sting heben die Diversität von Kultur hervor, welche sich in verschiedenen kulturellen Ebenen zeigt. Diese reichen von transnationalen Strömungen, wie beispielsweise Weltreligionen, über nationale und regionale Strömungen, bis hin zu subkulturellen Bewegungen (vgl. Gemende u.a. 1999, S. 13). Daher stellt es sich als ausdrücklich problematisch dar, von einem Nebeneinander verschiedener, sich gleichbleibender nationaler Kulturen auszugehen, wie in früheren Konzepten der „multikulturellen Gesellschaft“ üblich war. Folglich lässt sich nicht von „der Kultur“ der Deutschen, Afrikaner oder Türken sprechen. Stattdessen existieren sogenannte „kulturelle Mischformen“, da innerhalb einer Gesellschaft diverse Kulturen gegenwärtig sind, die als Teilkulturen, Subkulturen, Milieus oder Lebenswelten bezeichnet werden können (vgl. Nick 2003, S. 22). Safiye Yildiz nimmt Bezug auf Migrantengruppen, die ebenfalls heterogene Lebensformen aufweisen. Diese sind Bedingung ihrer unterschiedlichen materiellen Lebensbedingungen und regionalen Zugehörigkeiten sowie ihrer Eingebundenheit in unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen (vgl. Yildiz 2009, S. 178).

Das traditionelle Kulturverständnis hat sich dahingehend verändert, dass Kultur heutzutage nicht mehr als homogen und statisch betrachtet wird, sondern als ein sich in Bewegung befindliches, adaptionsfähiges System, welches reflexiv, heterogen und aus mehreren, lose verkoppelten Systemebenen besteht (vgl. Hamburger 1999, S. 39). Somit kann Kultur nicht als beständig angesehen werden, denn „ zwischen den verschiedenen kulturellen Gruppierungen, Elementen und Einflüssen etabliert sich Kultur als ein dynamisches Diskursfeld “, bei dem Deutungsmuster, Artikulationsformen, Werte und Normen ständig neu ausgehandelt werden müssen (vgl. Gemende u.a. 1999, S. 13). In vielen bereits bestehenden Definitionen von Kultur finden sich nach Georg Auernheimer zwei Aspekte wieder. Zum einen gibt es den symbolischen Charakter von Kultur, zum anderen die Orientierungsfunktion, worunter Werte und Normen allgemein als elementare Bestandteile von Kultur verstanden werden (vgl. Auernheimer 2012, S. 77). Kulturelle Symbole hingegen dienen der Verständigung und unserer Darstellung nach außen. Daher lässt sich Kultur als „ unser Repertoire an Kommunikations- und Repräsentationsmitteln “ definieren (vgl. Auernheimer 2012, S. 78).

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass Kultur vielfältig, offen und dynamisch ist. Durch den Wandel von Lebensumständen verändert sich Kultur ständig, weshalb neue Deutungs- und Orientierungsmuster entstehen können. Angesichts des gesellschaftlichen Wandels müssen sich Menschen mit ökonomischen und sozialen Strukturveränderungen auseinandersetzen, um neue adäquate kulturelle Formen zu finden. Kultur ist somit, wenn auch nicht immer freiwillig, das Produkt aus sozialer und ökonomischer Neuordnungen (vgl. Auernheimer 2012, S. 79). Daher lässt sich kein allgemeingültiger Kulturbegriff finden, da dieser immer an einen gesellschaftlichen Kontext zu einer bestimmten Zeit gebunden ist (vgl. Handschuck/Klawe 2010, S. 68).

3.2 Die Erfindung von Fremdheit – Kultur als Differenzkategorie

Wie bereits anfangs des Kapitels erwähnt, verwerfen einige Erziehungswissenschaftler_innen den Begriff der Kultur. Durch dessen Gebrauch befürchten sie eine Kulturalisierung von gesellschaftlichen Problemlagen (vgl. Auernheimer 2012, S. 76). Diese Verunsicherung leitet sich von der Erkenntnis ab, dass der Differenzdiskurs zur Exotisierung und Ausgrenzung beigetragen hat, so der Ethnologe Schiffauer (vgl. ebd.). Daher möchte ich im Folgenden das Verständnis und die Erfindung von Fremdheit im Kontext der Kultur näher ausführen.

Kultur definiert sich in der Abgrenzung und dem Verhältnis zu anderen Kulturen (vgl. Gemende u.a. 1999, S. 13). Ausgehend von der eigenen kulturellen Identität wird so zwischen dem eigenen Vertrauten sowie dem fremden Unbekannten unterschieden (vgl. Wimmer 1997, o.S.). Das Sprechen über den „Migrationshintergrund“ und die damit verbundene kulturelle Differenz reproduziert folglich die Unterscheidung zwischen den als „normalen Deutschen“ angesehenen und denjenigen, die auf Grund ihres Migrationshintergrundes nicht dazugehören. Durch die sich wiederholende Bezugnahme auf das „Fremde“ wird der Gebrauch des „Wir“ und „des Anderen“ am Leben gehalten (vgl. Munsch 2014, S. 70). Durch die Konstruktion des „Anderen“ oder „Fremden“ werden andere Kulturen nicht so wahrgenommen, wie sie wirklich existieren, da es zu Fremdzuschreibungen kommt. Die Wahrnehmung des „Fremden“ wird ebenfalls durch eigene Erwartungen, Ängste oder Wünsche beeinflusst (vgl. Gemende u.a. 1999, S. 14). Georg Auernheimer spricht hierbei von einer „Konstruktion von Fremdheit“ (vgl. Auernheimer 2012, S. 77).

Das Eigene und das Fremde stellen nach Gemende hierbei ein komplementäres, konstruiertes Gegensatzpaar dar, wobei die Gefahr eines stigmatisierten „schwarz-weiß Denkens“ besteht. Zwischenbereiche werden ausgeblendet und nur ein „entweder – oder“ existiert (vgl. Gemende u.a. 1999, S. 14) . Meiner Auffassung nach müssen das Eigene und Fremde nicht zwangsläufig komplementär sein. Möglicherweise unterscheiden sich die eigenen Lebensweisen und Ansichten nur teilweise von denen des anderen oder es lassen sich gar Überschneidungen finden. Entgegen der Vorstellung vieler lässt sich möglicherweise mittels der Darlegung, dass keine derart kulturellen Unterschiede existieren, die Entstehung dieses Differenzdenkens beeinflussen oder die Differenzhaltung gar auflösen.

Bei der Verwendung des Ausdrucks „kulturelle Differenz“ sollte daher auf die Gefahr der Überbetonung des Differenzaspektes hingewiesen werden (vgl. Auernheimer 2013, S. 22). Es ist problematisch, kulturelle Unterschiede nur daran festzumachen, dass der kulturell Andere unterschiedliche Praktiken pflegt als der kulturell Nicht-Andere (vgl. ebd.). Auch durch die Berücksichtigung horizontaler Dimensionen von Unterschieden, wie Geschlecht, Alter oder Herkunft, wird eine Gleichheit geschaffen, die faktisch nicht existiert (wenn beispielsweise von „den Türken“ die Rede ist). Kulturelle Differenz nimmt demnach zwar Unterschiede in den Blick, verschleiert diese aber auch gleichzeitig (vgl. Auernheimer 2013, S. 22). Zwar ist die Rede von unterschiedlichen Kulturen, die wirklichen Unterschiede auch innerhalb der „Kulturgruppen“ werden jedoch nicht berücksichtigt.

Auch wenn Kultur nicht ohne weiteres mit Ethnizität in Verbindung gebracht werden darf, handeln viele Konzepte von internationalen oder interethnischen Situationen (vgl. Auernheimer 2013, S. 21). In Aufgaben oder Übungen kommt es häufig zu direkten ethnifizierenden Attributen, wie „der türkische Vater“ oder „die marokkanische Arbeiterin“, womit bestimmt Eigenschaften und Verhaltensformen assoziiert werden (vgl. ebd.). Kulturelle Zugehörigkeit wird hier über national-ethnische Zugehörigkeit definiert. Diesbezüglich trägt kulturelle Differenz verstärkt zur national-ethnischen Unterscheidung bei, wobei das „Wir“ und „Nicht-Wir“ als Funktion national-ethnischer Zugehörigkeit begriffen wird.

3.3 Kulturelle Identität

Im letzten Punkt meines dritten Kapitels möchte ich mich abschließend mit der kulturellen Identitätsbildung auseinandersetzen, um herauszufinden, inwieweit die Herkunftskultur für Menschen mit Migrationshintergrund bestimmend ist.

Identität ist ein komplexes, flexibles und unabgeschlossenes Gefüge, an dem wir in Interaktionen mit der sozialen Umwelt kontinuierlich und lebenslang feilen “ (Theunert 2009, S. 9). Der Terminus „Identität“ kann daher zum einen als selbstreflexiver Prozess des Individuums verstanden werden, zum anderen aber auch als ein von außen zugeschriebener Merkmalskomplex (vgl. Köhler 2003, S. 61). Bei Letzterem zählt die Sichtweise von Außenstehenden auf das Individuum, welches sich durch eine Kombination von Merkmalen und Rollenerwartungen kenntlich und identifizierbar macht (vgl. ebd.). Im Kern unserer Identität geht es also darum, von uns selbst und von anderen als der Selbe wahrgenommen zu werden (vgl. Vordermayer 2012, S. 16).

Bei der individuellen Identitätskonstruktion spielt die Umwelt eine große Rolle. Sie bietet die Möglichkeit, uns von unseren Mitmenschen abzugrenzen, indem wir aus ihrem vielfältigen Repertoire an Möglichkeiten das auswählen, was wir für die Gestaltung unserer Identität benötigen (vgl. Vordermayer 2012, S. 27). Bei dieser Wahl begegnen wir immer wieder Gleichgesinnten aller gesellschaftlicher Bereiche, die sich beispielsweise als „Frauen“, „Männer“‚ „Griechen“, „Christen“, oder „Schüler“ bezeichnen. Hierbei handelt es sich um kollektive Identitäten, denen wir freiwillig oder zwangsläufig angehören (vgl. ebd.). Einerseits handele es sich hierbei um die Übernahme eines kollektiven Erfahrungsschatzes, andererseits um gemeinsam geteilte Verhaltensweisen, Normen und Konventionen, so Georg Berg (vgl. Berg 2001, S. 234). Die kollektive Identität erweist sich dadurch für den Menschen als besonders nützlich, da er durch ihre vorgegebenen Normen und Verhaltensweisen neue Situationen einfacher bewältigen kann (vgl. Vordermayer 2012, S. 29). Auch ein narrativer Aspekt verbirgt sich hinter kollektiven Identitäten: So wird die Geschichte des Kollektivs als Teil der eigenen interpretiert und man selbst ist Teil ihrer Geschichte (vgl. Vordermayer 2012, S. 28). Demzufolge hat es nicht nur die deutsche Nationalmannschaft geschafft Fußballweltmeister zu werden, sondern entsprechend ganz Deutschland.

[...]


[1] Dieser Artikel ist im Anhang eingefügt (Anhang 4).

[2] Kettenmigration: ist jene Form der Migration, in der Familienangehörige, Bekannte oder Personen zur Migration, durch persönliche Informationen oder materieller Hilfe unterstützen und motivieren. Da eine Reihe an Personen den im Residenzland bereits lebenden Landleuten folgt, wird im übertragenen Sinne von einer Kettenmigration gesprochen (vgl.http://de.wikibooks.org/wiki/Soziologische_Klassiker/_Migrationssoziologie/_Grundbegriffe#Kettenmigration) (Stand 08.11.14).

[3] Exemplarischer Artikel: „Türkischer Minister fordert Migranten zur Anpassung auf“. In: Spiegel online http://www.spiegel.de/politik/deutschland/integration-in-deutschland-tuerkischer-minister-fordert-migranten-zur-anpassung-auf-a-722553.html (Stand 02.12.14).

[4] Die Sinus-Milieu Studie ist ein Modell, das Menschen nach ihren Lebensauffassungen und Lebensweisen gruppiert.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Kompetenz. Eine Schlüsselkompetenz in der Sozialen Arbeit?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Erziehungswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
59
Katalognummer
V421275
ISBN (eBook)
9783668689367
ISBN (Buch)
9783668689374
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelle Kompetenz, soziale Arbeit, Migration, Migrationsgesellschaft
Arbeit zitieren
Lisa Straub (Autor), 2014, Interkulturelle Kompetenz. Eine Schlüsselkompetenz in der Sozialen Arbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/421275

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Interkulturelle Kompetenz. Eine Schlüsselkompetenz in der Sozialen Arbeit?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden