Erzählhaltung, Erzählstruktur und Erzählperspektive in der Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff


Seminararbeit, 2004

25 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlung

3. Wechsel von epischen und dialogischen Abschnitten
3.1. Aufbauplan
3.1.1. Epische Abschnitte
3.1.2. Dialogische Szenen

4. Zeitbehandlung
4.1. Zeitangaben
4.2. ‘Zeitraffung und Zeitdehnung’
4.3. Vorgriffe und Rückblenden

5. Einstellung des Erzählers zum Erzählten
5.1. Erzählperspektive
5.2. Auktorialer Erzähler
5.3. Anonyme Zeugen

6. Stil
6.1. ‘Gipfelstil’
6.2. ‘Unterirdischer Erzählfluss’
6.3. Filmische Erzählweise
6.4. Enthüllungen und Verrätselungen
6.5. Sprache

7. Gattung
7.1. ‘Eine unerhörte Begebenheit’
7.2. Die Geschichte eines Mordes
7.3. Die Kriminalgeschichte
7.4. Ein Seelendrama
7.5. Die Entwicklung eines Mörders

8. Schlusswort

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Judenbuche von Annette von Droste Hülshoff ist eine der bekanntesten deutschen Erzählungen. Die Novelle, im 19. Jahrhundert geschrieben, ist seitdem immer wieder untersucht worden und ist auf verschiedenste Weise interpretiert worden.

Der Stoff beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Knecht Johann Georg Winkelhagen erschlug den Juden Soestmann-Behrens, floh vor der Verhaftung und geriet in algerische Sklaverei. 22 Jahre später kehrte er in die Heimat zurück und erhängte sich bald darauf am Ort des Verbrechens. 1818 wurde die Angelegenheit von August von Haxthausen 1818 als Geschichte eines Algierer-Sklaven veröffentlicht und sie hat der Dichterin als Quelle und Vorlage für ihre Novelle gedient.

Dieser Arbeit wird sich mit dem Aufbau der Novelle beschäftigen, mit der Erzählstruktur und der Perspektive, aus der die Erzählerin die Geschehnisse betrachtet. Außerdem wird die Zeitbehandlung in der Novelle analysiert und Fragen hinsichtlich des Stils und der Gattung behandelt.

Die literaturwissenschaftliche Forschung hat sich intensiv mit der Judenbuche auseinandergesetzt und vieles ist darüber geschrieben worden. In dieser Arbeit stütze ich mich auf zwei Analysen, zum einen die von Karl Philipp Moritz und zum anderen die in der Reihe Oldenbourg Interpretationen erschienene Untersuchung von Heinz Rölleke.

2. Handlung

In der Judenbuche wird das Leben Friedrichs Mergels erzählt, von seiner Geburt bis zu seinem Tod. Es ist die Geschichte einer gescheiterten Existenz. Friedrich Mergel wird als Sohn eines chronischen Säufers in einem abgeschiedenen Dorf in Westfalen geboren in dem ‘Holz- und Jagdfrevel an der Tagesordnung waren’. Der Vater stirbt unter mysteriösen Umständen als Friedrich noch ein Kind ist, und von da an entwickelt sich der Junge zu einem verschlossenen Außenseiter der mit den anderen Kindern im Dorf nichts gemeinsam hat.

Erst als Friedrichs Onkel Simon den Knaben an sich nimmt wird er wieder selbstbewusster und fängt an mehr ‘auf sein Äußeres zu achten’. Bei seinem Onkel trifft Friedrich den verwahrlosten Johannes Niemand, der von da an sein Gefährte und ständiger Begleiter wird. Simons Einfluss auf den Jungen ist negativ. Durch Simons Anleitung wird Friedrich immer stolzer und hochmütiger und kümmert sich immer weniger um seine verwitwete Mutter. Auch seine Achtung vor dem Gesetz schwindet immer mehr. So schickt er einen Förster in den offenen Tod, als dieser einer Bande von Holzfrevlern auf der Spur ist, verschweigt dem Untersuchungsgericht seine Kenntnis vom Mörder und versäumt es schließlich, sein Gewissen in der Beichte zu erleichtern.

Vier Jahre später wird der Jude Aaron erschlagen, nachdem er Friedrich bei einer Hochzeit öffentlich bloßgestellt hatte. Friedrich, von dem vermutet wird, dass er der Mörder sei, flieht mit seinem Gefährten Johannes Niemand und entkommt dem Gesetz. Die Juden in der Umgebung aber ritzen eine geheimnisvolle Inschrift in den Stamm der Buche, bei der der Ermordete gefunden wurde.

Nach 28 Jahren kehrt schließlich ein gebrochener Mann in das Dorf zurück, der von ‘einer alten Frau’ als der verschollene Johannes Niemand erkannt wird. Er erzählt, dass er fast die ganze Zeit in türkischer Sklaverei verbracht habe und nun ins Heimatdorf zurückgekehrt sei, um ‘wenigstens auf einem katholischen Kirchhofe’ begraben zu werden. Doch der Mann findet sich im Leben nicht mehr zurecht und wenige Monate nach seiner Heimkehr erhängt er sich in der Buche, bei der damals der Jude ermordet wurde. Der Erhängte wird nun aufgrund einer Narbe als Friedrich Mergel erkannt. Mit seinem Selbstmord erfüllt sich der Spruch, den die Glaubensgenossen des ermordeten Juden damals in den Stamm eingeritzt hatten: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast“(59).

3. Wechsel von epischen und dialogischen Abschnitten

Ein besonderes Merkmal der Erzähltechnik ist der ständige Wechsel von epischen Erzählabschnitten und dialogischen Szenen.

K. P. Moritz bemerkt zurecht, dass: „Aus dem regelmäßigen Wechsel von chronikartigem Bericht und szenischer Darstellung resultiert der abwechslungsreiche Rhythmus der Erzählstruktur, der unterschiedliche Lesehaltungen bewirkt.“ An der gleichen Stelle stellt er fest: „Wir werden bei den Dialogen wie beim Hörspiel oder Theaterstück zu einem dramatischen Miterleben veranlasst, beim epischen Bericht reflektierenden dagegen mit dem Chronisten auf einen herausgehobenen Standpunkt versetzt und zum reflektierenden und kritischen Mitdenken gezwungen.“[1]

3.1. Aufbauplan

Moritz hat den Wechsel von chronikartigem Bericht und szenischer Darstellung untersucht und hat folgende Tabelle erstellt:

Chronikartiger Bericht:

I. Einleitung
III. Friedrich 0-12 Jahre
V. Friedrich 12-18 Jahre
VII. Friedrich 18-22 Jahre
IX. Die kurze Überbrückung von 28 Jahren
XI. Schluss
XII.

Szenische Darstellung:

II. Tod Hermann Mergels
IV. Simon und Johannes
VI. Förstermord und Folgen
VIII. Judenmord: Anlass und Folgen
X. Heimkehr und Selbstmord[2]

3.1.1. Epische Abschnitte

Es ist bezeichnend für die Novelle, dass alle eigentlichen Höhepunkte, wie z.B. die beiden Morde, der Tod des Vaters, die Flucht und die türkische Gefangenschaft und schließlich Friedrichs Selbstmord nicht direkt beschrieben werden, sondern immer nur als Aussagen anderer wiedergegeben werden.

Der Zweck der epischen Abschnitte ist, Auskünfte und Erklärungen zu den Geschehnissen zu geben und die Dialogszenen einzuleiten und zu kommentieren. Außerdem dienen sie dazu, die Zeit zu überbrücken.

3.1.2. Dialogische Szenen

Die dialogischen Szenen ‘geben nur knappe Eindrücke des Geschehens’, während die wichtigsten Teile des Buches wie die Morde u.s.w. Gipfelstellen in der Geschichte bilden die mit ‘Eisbergspitzen’ verglichen werden können, die uns den Umfang des Ganzen ahnen lassen.

In seiner Untersuchung hat Moritz wichtige Momente der Geschichte, wie die beiden Morde und den Selbstmord, den dialogischen Szenen zugeordnet.[3] Man fragt sich, ob das ganz richtig ist, denn alle diese Geschehnisse passieren ja nicht vor den Augen des Lesers. Überhaupt ist es ein characteristischer Zug des Werkes, dass der Leser bei diesen wichtigen Augenblicken der Handlung nicht dabei ist, sondern dass bei den Höhepunkten der Geschichte der Blickpunkt nie auf die eigentliche Handlung gerichtet ist:

Alle für den Handlungsfortgang entscheidenden Begebenheiten bleiben hinter der Szene verborgen. Als Hermann Mergel im Wald umkommt, verweilt die Erzählung im Hause Mergels; was zwischen Simon und Friedrich in der ersten Nacht ihres Zusammenseins abgesprochen wird, wie dieser seinem Doppelgänger zum erstenmal begegnet, das wird nur im Gespräch unter der Eiche in seiner Voraussetzung, bei der Rückkehr Friedrichs mit Johannes in seinen Folgen angedeutet; während der Förster erschlagen wird, lenkt die Erzählung zum Haus Mergels; als Friedrich beschämt wird, verweilt die Erzählung bei der Brauthaubung; als der Jude ermordet wird, ist von der Umgebung des Barons die Rede; wenn Friedrich sich erhängt, werden wieder die Vorgänge im Schloß berichtet.[4]

4. Zeitbehandlung

Die Novelle erzählt das ganze Leben des Protagonisten Friedrich Mergel von den Ereignissen vor seiner Geburt bis zu seinem Tod fünfzig Jahre später. Der erste Satz der Geschichte (nach dem einleitenden Gedicht) gibt uns das Datum „Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten Halbmeiers...“(3) und einer der letzte Sätze gibt uns ebenfalls ein Datum: Somit ist die Zeit, in der die Geschichte spielt, genau festgelegt.

4.1. Zeitangaben

„Die Zeitangaben durchziehen die gesamte Erzählung und prägen den chronikartigen Charakter der Novelle, stellen aber auch ein wichtiges Verknüpfungselement sowohl für die berichtenden Partien wie für die szenischen Darstellungen.“[5] Viele Abschnitte beginnen mit einer Zeitangabe; entweder einem Datum: – „Friedrich Mergel, geboren 1738,...“(3), „Es war im Juli 1756 früh um drei Uhr...“(24), „Vier Jahre waren verflossen; es war im Oktober; der milde Herbst von 1760...“(37), „Es war am Vorabende des Weihnachtsfestes, den 24 Dezember 1788.“(49), „Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1789.“(59), –einer relativen Zeitangabe „So verging Jahr um Jahr...“(6), „Von dieser Zeit an...“(21), „Um diese Zeit...“(23), „Eine schöne lange Zeit war verflossen, achtundzwanzig Jahre,...“(49), „Vierzehn Tage später...“(58) – oder einer Altersangabe des Protagonisten „Friedrich stand in seinem neunten Jahre“(8), „Er war zwölf Jahre alt...“(12), „In seinem achtzehnten Jahre hatte Friedrich...“(22)

[...]


[1] Moritz, Karl Philipp: Droste-Hülshoff, Die Judenbuche: Sittengemälde und Kriminalnovelle. Ferdinand Schöningh, Paderborn 1989, S. 63.

[2] ebda. S. 46.

[3] Moritz,. a.a.O., S. 46.

[4] Rölleke, Heinz: Annette von Droste-Hülshoff, Die Judenbuche. Oldenbourg Interpretationen Bd. 33, München 1989, S. 31.

[5] Hier und im folgenden stütze ich mich auf die Ausführungen von: Moritz,. a.a.O., S. 50.

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Details

Titel
Erzählhaltung, Erzählstruktur und Erzählperspektive in der Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff
Hochschule
Háskóli Íslands
Note
1.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V42134
ISBN (eBook)
9783638402422
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählhaltung, Erzählstruktur, Erzählperspektive, Judenbuche, Annette, Droste-Hülshoff
Arbeit zitieren
Heimir Steinarsson (Autor), 2004, Erzählhaltung, Erzählstruktur und Erzählperspektive in der Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42134

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