Einleitung
Die Judenbuche von Annette von Droste Hülshoff ist eine der bekanntesten deutschen Erzählungen. Die Novelle, im 19. Jahrhundert geschrieben, ist seitdem immer wieder untersucht worden und ist auf verschiedenste Weise interpretiert worden.
Der Stoff beruht auf einer wahren Begebenheit. Der Knecht Johann Georg Winkelhagen erschlug den Juden Soestmann-Behrens, floh vor der Verhaftung und geriet in algerische Sklaverei. 22 Jahre später kehrte er in die Heimat zurück und erhängte sich bald darauf am Ort des Verbrechens. 1818 wurde die Angelegenheit von August von Haxthausen 1818 als Geschichte eines Algierer-Sklaven veröffentlicht und sie hat der Dichterin als Quelle und Vorlage für ihre Novelle gedient.
Dieser Arbeit wird sich mit dem Aufbau der Novelle beschäftigen, mit der Erzählstruktur und der Perspektive, aus der die Erzählerin die Geschehnisse betrachtet. Außerdem wird die Zeitbehandlung in der Novelle analysiert und Fragen hinsichtlich des Stils und der Gattung behandelt.
Die literaturwissenschaftliche Forschung hat sich intensiv mit der Judenbuche auseinandergesetzt und vieles ist darüber geschrieben worden. In dieser Arbeit stütze ich mich auf zwei Analysen, zum einen die von Karl Philipp Moritz und zum anderen die in der Reihe Oldenbourg Interpretationen erschienene Untersuchung von Heinz Rölleke.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Handlung
3. Wechsel von epischen und dialogischen Abschnitten
3.1. Aufbauplan
3.1.1. Epische Abschnitte
3.1.2. Dialogische Szenen
4. Zeitbehandlung
4.1. Zeitangaben
4.2. ‘Zeitraffung und Zeitdehnung’
4.3. Vorgriffe und Rückblenden
5. Einstellung des Erzählers zum Erzählten
5.1. Erzählperspektive
5.2. Auktorialer Erzähler
5.3. Anonyme Zeugen
6. Stil
6.1. ‘Gipfelstil’
6.2. ‘Unterirdischer Erzählfluss’
6.3. Filmische Erzählweise
6.4. Enthüllungen und Verrätselungen
6.5. Sprache
7. Gattung
7.1. ‘Eine unerhörte Begebenheit’
7.2. Die Geschichte eines Mordes
7.3. Die Kriminalgeschichte
7.4. Ein Seelendrama
7.5. Die Entwicklung eines Mörders
8. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexe Erzähltechnik und die Erzählperspektive in Annette von Droste-Hülshoffs Novelle "Die Judenbuche", um das tragische Schicksal des Protagonisten Friedrich Mergel und dessen moralischen Untergang zu analysieren.
- Analyse des Aufbaus und des Wechsels zwischen epischen Berichten und dialogischen Szenen.
- Untersuchung der Zeitbehandlung und ihrer Wirkung auf den Spannungsaufbau.
- Erforschung der Erzählperspektive sowie der Rolle auktorialer Erzählinstanzen.
- Stilanalyse, insbesondere hinsichtlich der "filmischen" Erzählweise und der Sprachökonomie.
- Einordnung der Gattungsmerkmale im Kontext von Novelle, Kriminalgeschichte und Schicksalsdrama.
Auszug aus dem Buch
6.3. Filmische Erzählweise
Beim Lesen der Novelle fällt die Ähnlichkeit mit der modernen Filmkunst auf. Die Szenefolge, wie sie in der Judenbuche angewandt wird zeigt oft nur kurze Situationsbilder und erzeugt dennoch die Illusion eines kontinuierlichen und vollständigen Handlungsflusses so wie wir es aus Spielfilmen kennen. Spiel mit Licht und Dunkelheit, Technik des Ein- und Ausblendens sowie der häufige Perspektivenwechsel erinnern an die Art, wie Geschichten auf der Leinwand erzählt werden. Das Geschehen wird aus der Sichtweise der jeweils im Mittelpunkt stehenden Person beleuchtet, wobei die Perspektive streng an den Gesichtspunkt dieser Figur gebunden ist. Dies wird sehr deutlich in der Heimkehrszene sichtbar:
Von einem point de vue aus wird das eindrucksvolle Panoramabild der Heimkehr entfaltet. Punktartig erscheint in der Schneelandschaft eine Gestalt, die sich mühsam an einem Krückstock fortbewegt, niedersinkt, sich wieder aufrichtet und dem Dorf nähert, wo es an mehreren Häusern vorbeikeucht und an einem schließlich leise anpocht. In der Bildführung eines Film wird die Totale langsam zu einem schärfer umrissenen Bildausschnitt verengt, der Erzähler übergibt die „Kamera“ der Familie Hülsmeyer, aus deren Blickwinkel der Heimkehrer mit seinem schiefen Hals, dem gekrümmten Rücken und dem schneeweißen Haar als „Johannes Niemand“ erkannt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Stoffes, der literaturgeschichtlichen Bedeutung der Novelle sowie der methodischen Grundlage der Arbeit.
2. Handlung: Überblick über den Lebensweg von Friedrich Mergel vom Außenseiter zum Täter und dessen schicksalhaftes Ende.
3. Wechsel von epischen und dialogischen Abschnitten: Erörterung der rhythmischen Struktur, die durch den Wechsel von chronikartigem Bericht und szenischer Darstellung erzeugt wird.
4. Zeitbehandlung: Analyse der präzisen Zeitangaben und der bewussten Zeitraffung als Mittel zur Erzeugung eines spannungsvollen Erzählflusses.
5. Einstellung des Erzählers zum Erzählten: Untersuchung der auktorialen Instanz und der vielschichtigen Perspektivwechsel, die Objektivität vortäuschen.
6. Stil: Betrachtung der knappen, schmucklosen Sprache und der filmischen Inszenierung, die den Leser zur eigenen Rekonstruktion zwingt.
7. Gattung: Diskussion der Einordnung des Werkes als Novelle, Kriminalgeschichte oder Seelendrama vor dem Hintergrund der Gattungstheorie.
8. Schlusswort: Fazit zur Erzählkunst Droste-Hülshoffs und zur Wirkung der Struktur auf die Vermittlung der tragischen Existenz Friedrich Mergels.
Schlüsselwörter
Annette von Droste-Hülshoff, Die Judenbuche, Erzähltechnik, Erzählperspektive, Zeitbehandlung, Kriminalgeschichte, Novelle, Friedrich Mergel, auktorialer Erzähler, filmische Erzählweise, Zeitraffung, Motivik, Schicksalsdrama, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Erzähltechnik und Erzählstruktur in der Novelle "Die Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Erzählperspektive, die Zeitstruktur, der Wechsel zwischen epischen und dialogischen Elementen sowie die gattungstheoretische Einordnung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie durch die spezifische Erzählweise das tragische Schicksal und der moralische Werdegang von Friedrich Mergel für den Leser greifbar gemacht wird.
Welche methodische Herangehensweise wird gewählt?
Die Arbeit stützt sich primär auf die literaturwissenschaftlichen Analysen von Karl Philipp Moritz und Heinz Rölleke.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Aufbau, Zeitbehandlung, Erzählerhaltung, Stilmitteln (insbesondere der "filmischen" Erzählweise) und Gattungsfragen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Erzählstruktur, auktorialer Erzähler, Zeitraffung, Kriminalgeschichte und Motivik.
Warum wird die Erzählweise als "filmisch" bezeichnet?
Die Arbeit vergleicht die Szenefolge und den Perspektivwechsel mit filmischen Techniken wie Ein- und Ausblenden sowie der bewussten Fokussierung auf bestimmte Ausschnitte.
Wie bewertet die Arbeit den "Gipfelstil" der Novelle?
Der Gipfelstil beschreibt die Technik, nur die entscheidenden Knotenpunkte der Handlung dramatisch darzustellen, während der restliche Lebensweg des Protagonisten nur in knappen Berichten abgehandelt wird.
Was bedeutet das "Zwielicht" in der Erzählung?
Es bezieht sich auf die bewusste Verrätselung und das Offenlassen von Fakten, wodurch der Leser zwischen Sicherheit und Ungewissheit schwankt und Friedrich Mergel nicht eindeutig als Opfer oder Täter verurteilt wird.
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- Heimir Steinarsson (Author), 2004, Erzählhaltung, Erzählstruktur und Erzählperspektive in der Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42134