Friedrich Nietzsches Wahrheitskritik im außermoralischen und moralischen Sinn


Seminararbeit, 2001
18 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Prolog

I. Grundlegung: Und wenn Wahrheit eine Lüge ist?
1.1. Das Problem von Erkenntnis und Wahrheit: Das Ding an sich
1.2. Nietzsches Erkenntniskritik: Warum Wahrheit? Die Relation von Wahrheit und Leben
1.3. Wie Wahrheit zur Fabel wurde - Die Genese eines Illusion namens Wahrheit

II. Entfaltung: Wahrheit und Moral
2.1. Das Problem von Erkenntnis und Moral
2.2. Außermoralische Ursachen und Motive der Moral
2.3. Der Widerspruch zwischen Leben und Moral

Epilog: Nietzsches individualistischer Moralentwurf

Literaturverzeichnis

Prolog

„Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.”1 (Lichtenberg)

Gerade vor Kurzem noch zelebrierte die „Nietzsche-Industrie” den 100. Todestag des Denkers und Philosophen für den Philosophieren immer den Abgrund denken bedeutete. Paßt dazu das aktuelle, kommerzialisierte und populäre Nietzschebild des Philosophen für alle Lebenslagen? Oder täuscht man sich hier allzu leichtfer- tig darüberhinweg, daß es mit Nietzsche keine Bequemlichkeiten mehr gibt und den Abgrund denken eben auch heißt mit dem zerstörenden Hammer um sich zu schlagen. Abseits der Lobeshymnen für den „Elvis der Philosophie”2, darf man vermuten, liegt Nietzsches Attraktivität in einem „Zauber der Ambivalenz, einem Denken zwischen Zynismus und Kritik.”3 Unsere hedonistische Spaßgesellschaft scheint es allein auf diesen Zynismus abgesehen zu haben, und leicht vergißt man dann, daß Nietzsches Kritik seinem späteren Zynismus vorangeht und nicht ziellos einfach eine Lebenshaltung ist. Denn Nietzsches Werk verweist immer auf seinen Autor zurück, einen zeitlebens physisch und psychisch labilen Menschen, der an sich selbst und seinen Mitmenschen, der Gesellschaft im allgemeinen mit ihren moralischen Normen und Werten verzweifelt ist und von denen er sich zu befreien versuchte.4 Sein Mittel zur Befreiung, wenigstens des Geistes, ist die Kritik an diesen Normen und Werten gewesen.

Ich möchte in dieser Hausarbeit Nietzsche den scharfsinnigen Aufklärer betrach- ten, der mit seinem Denken kritische Impulse für die Philosophie im Allgemeinen, und die Ethik im Speziellen geliefert hat. Zweifellos gibt es auch den ungeheuren Nietzsche, den „Anti-Demokraten”, den „Vordenker des räuberischen Kapitalis- mus,” oder den „Biopolitiker und Eugeniker.”5 Dies zu unterschlagen oder gar zu vergessen, würde heißen, Nietzsche nicht verstanden zu haben. Entgegen seiner eigenen Prophetie vom hochgezüchteten Herrenmenschen, die im Nationalsozialismus und der menschlichen Katastrophe von Auschwitz nicht zufällig, wenn auch in umgekehrter Weise Wirklichkeit geworden ist, wie Günter Schulte vermutet,6 glaube ich, in Nietzsche ebenso den Rebellen der Befreiung, den Freigeist und den Individualisten erkannt zu haben.

Die Hausarbeit ist folgender Maßen konzipiert: Ihr Hauptaugenmerk gilt der Entlarvung, Demaskierung oder auch Aufklärung der Ambivalenz menschlicher Werturteile, die im Laufe von Jahrtausenden zu festen Normen, ja sogar Wahrhei- ten an sich geworden sind. Der erste Teil, eine Art Grundlegung, soll anhand von Nietzsches Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne” von 1872/73 an seine genetische Methode heranführen. Es soll die, für die folgenden Erörterungen wichtige Frage beantwortet werden, was Nietzsche unter Wahrheit versteht und welche Bedeutung sie für das menschliche Leben hat. Der zweite Teil kann als Entfaltung der Grundlage verstanden werden: Nietzsches Kritik an moralischen Werturteilen und ihrer scheinbar unabänderlichen Wahrheiten. Hier macht Nietzsche auf die Kehrseiten von verfestigten und institutionalisierten Normen und Wahrheiten aufmerksam, etwa die Unterwerfung und Entindividuali- sierung des Menschen und die Entsagung und Verachtung des sinnlichen Lebens. Ein Fazit soll schließlich die politische Bedeutung seiner Wahrheitskritik heraus- stellen: Die unumgängliche Beachtung des Individuums bei moralischen Wertset- zungen.

I. Grundlegung: Und wenn die Wahrheit eine Lüge ist?

1.1. Das Problem von Erkenntnis und Wahrheit: Das Ding an sich

Wahrheit ist seit der Antike zunächst gar kein ethischer, sondern ein erkennt-

nistheoretischer Begriff und bedeutet, laut philosophischem Wörterbuch, daß als wahr gelten könne, wenn ein „Gemeintes mit einem dinglichen oder undinglichem Sachverhalt übereinstimmt.”7 Es geht hierbei weniger um einen formalen Wahrheitsbegriff, wie etwa in der Logik, als vielmehr um den Inhalt menschlicher Erkenntnis. Erkenntnis ist eine Leistung des vernünftigen Verstandes, des Intel- lekts, von dem Nietzsche aber behauptet, „hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen … die Regel (...).”8 Nietzsches Wahrheitskritik impliziert daher immer auch eine Kritik der menschlichen Vernunft. Nun wird man jedoch schnell zu einigen Fragen gelangen, z.B. was kann der Mensch überhaupt erkennen? - Die Realität!? Also z.B. die ihn umgebenden Gegenstände wie Baum, Tisch, Computer o.ä.?! Was aber charakterisiert die benannten Dinge, von denen es offensichtlich ganz vielfältige Ausprägungen gibt? Vielleicht ist es ein idealtypisches Urbild, ein sogenanntes Wesen eines Dinges, das unabhängig von den Täuschungen (wie Platon sagen würde) unserer dynamischen Alltagswelt, unabänderlich und ewig existiert? Wie aber kann der Mensch, so läßt sich weiterfragen, dieses Wesen dann wahrnehmen, wenn sein Auge doch so oft „irritiert” wird? - Das sind große Fragen für Philosophen. Um Nietzsches Überle- gungen zu Wahrheit und Lüge verstehen zu können, insofern sie zuallererst erkenntnis- und erst dann moralkritisch sind, bedarf es der Klärung eines Hinter- grundes: Kants Erörterung des Dinges an sich. Denn auch Kant dachte daran die Frage, was der Mensch denn wissen, d.h. hier erkennen könne, zu beantworten.

Kant nahm an, daß es für alle Objekte menschlicher Anschauung, die nur (subjek- tive) Erscheinungen, Phänomene seien, einen übersinnlichen Grund gibt, das Ding an sich, das uns rätselhaft bleibt, weil laut Zitat Kant: „Uns die Gegenstände an sich gar nicht bekannt [sind], und, was wir äußere Gegenstände nennen, nichts anders als bloße Vorstellungen unserer Sinnlichkeit [sind], deren Form der Raum ist, deren wahres Correlatum aber, d.i. das Ding an sich selbst, dadurch gar nicht erkannt wird, noch erkannt werden kann, nach welchem aber auch in der Erfah- rung niemals gefragt wird.”9

Kants Verdienst ist daher für Nietzsche, die Grenze der menschlichen Erkenntnis ausfindig gemacht zu haben, jenes Ding an sich, das „wahre Sein” der Dinge, das eben nicht erkennbar ist. Braucht man überhaupt, wie Schopenhauer fragte, dieses „erträumte Unding, dessen Annahme ein Irrlicht in der Philosophie [ist]?”10 Nun, Kant brauchte das Ding an sich für die Begründung und Rechtfertigung seines metaphysischen Sittengesetzes, dazu aber im zweiten Teil.

Im Folgenden geht es darum zu verstehen, welche Bedeutung die Wahrheit, die nun nicht mehr mit einem Ding an sich zu rechtfertigen ist, für den Menschen hat.

Ist in dieser Bedeutung der Ursprung des Strebens nach Wahrheit zu finden? Was ist dann Wahrheit?

1.2. Nietzsches Erkenntniskritik: Warum Wahrheit? Die Relation von Wahrheit und Leben

In einer frühen Schrift von 1872/73 „Über Wahrheit und Lüge im außermorali- schen Sinne”11 versucht Nietzsche die Bedeutung der Wahrheit für den Menschen herauszustellen. Das Kriterium, das Nietzsche seinen Überlegungen zu Grunde legt, ist das des Lebens. Und scheinbar muß der „Wahrheitstrieb” des Menschen, sein Streben nach Erkenntnis damit etwas zu tun haben. Es gilt jedoch zu allererst die Stellung des Menschen in der Welt zu betrachten oder mit Nietzsche auszuru- fen: „Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst!” (WL, S. 11) Hier soll man - abseits der Metaphysik - die Wahrheit suchen und finden: Der Mensch und sein Leben.

Der Mensch so kann man mit Nietzsche folgern, erfährt sich selbst und die ihn umgebende Objektwelt, besonders die Natur, dieses „undefinierbare X” (WL, S.15), völlig unvermittelt und inhalts- bzw. qualitätslos vor. D.h. die einzige Gewißheit ist die der Existenz, gleichgültig ob nun als Erscheinung oder Gegen- stand an sich (zumal diese letztere Unterscheidung für Nietzsche gleichgültig, weil nicht klärbar, und ohnehin für das Leben nicht wichtig ist). Das bloße Dasein wird begleitet vom Gefühl der Angst. Angst vor der „schweigenden” Natur, die „den Schlüssel wegwarf” (S. 11) und sich zunächst ( für Nietzsche fortwährend) als Gegenstand des Nichtwissens präsentiert. Nun muß sich der Mensch in irgendeiner Weise verhalten, und da er dem Gefühl des Ausgeliefertseins entkom- men will, beginnt er, das „kluge Tier”, in dieser „verlogenste[n] Minute der Weltgeschichte” (S.9), das was heute Erkenntnis und Wahrheit genannt wird, zu konstruieren. Der Mensch fängst also an zu handeln. Ziel dieses Handelns ist es sich selbst gegenüber der Umwelt zu erhalten und zu behaupten. Schöpferisches Produkt ist die Errichtung der „Wahrheit”, hinter der Nietzsche den Wunsch vermutet, dem „Widerspiel der lebendigen Gegensätze”12 einen Haltepunkt, etwas Festes und Unwandelbares entgegenzusetzen. Daher schafft der Mensch sich die, jenseits der Erscheinungen verborgene, „wahre” Welt und einen Gott als dessen Schöpfer. So vergleicht Nietzsche den Menschen mit einem „Baugenie” (S.18), dessen architektonisches Meisterwerk der „Turmbau” (WL, S. 23) der Begriffe und schließlich der Wahrheit ist. In diesem Schaffensprozeß sieht Nietzsche eine „Metamorphose der Welt in den Menschen; er [der Mensch] ringt nach einem Verstehen der Welt als eines menschenartigen Dinges ...,” (S. 18) in dem er Subjektives in die Welt projiziert. Dieser Akt ist nun aber nicht hoch genug zu schätzen, weil in ihm menschliche Lebensbejahung ausgedrückt ist. Die erste Schlußfolgerung lautet daher für Nietzsche: Im Wahrheitstrieb verbirgt sich der Wille das Leben für sich erträglich zu machen. Es wird deutlich, daß für Nietz- sche einerseits die Wahrheit selbst ein Produkt, etwas Gewordenes ist und andererseits dieses Produkt weder strikt von der Lüge zu trennen, noch ihr wider- sprüchlich entgegenzusetzen ist, weil eine Lüge das Fundament der Wahrheit wird, da wo der Mensch sich sein Nichtwissen eingestehen müßte. Und wenn die Wahrheit eine Lüge ist, so ist sie dennoch eine lebensbejahende Notlüge.

Ein sprachkritisches Beispiel mag diese Überlegungen verdeutlichen: Die Bildung von Begriffen, z.B. dem Begriff „Blatt”, setzt Abstraktionsvermögen voraus, in dem der Mensch für Nietzsche „Nicht-Gleiches” gleichsetzt (S. 14). Jedes Blatt sei nie mit einem anderen identisch, sondern stets verschieden. Durch das Verges- sen der Differenz werde aber nun eine Vorstellung erweckt, „als ob es, in der Natur außer den Blättern etwas gäbe, das „Blatt” wäre, etwa eine Urform nach der alle Blätter gewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt wären […] .” (S 14f.) Von dem „Blatt als Ursache” (S. 15), „einer wesenhaften Qualität” (S.15) aber könne der Mensch gar nichts wissen, wohl aber von den zahlreichen, aber ungleichen, konkreten und „individualisierten” Blättern. Erst „das Übersehen des Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff … wohin- gegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und undefinierbares X.” (S.15)

[...]


1 G. Ch. Lichtenberg: Aus den „Südelbüchern”. In: Schriften und Briefe. München 1967-72, S. 763.

2 R. Maresch: „Lernt mich gut lesen.” In: Die Tageszeitung, 6./7. Januar 2001, S. 13.

3 K. Mishima: Die falschen Töne der Vernunft. In: Die Zeit 35/2000.

4 vgl. J. Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Freiburg 1991, Bd. 2 S. 505. Hirschberger weist daraufhin, daß Nietzsches Werk selbst eine Spiegelung von Nietzsches zerrissener Psyche ist. Diesen Zugang zum Verständnis von Nietzsche verfolgt ausführlicher auch G. Schulte: Ecce Nietzsche - Eine Werkinterpretation. Frankfurt/New York. 1995. Nietzsches Problem ist demnach: Wie man als Dionysos, die zentrale Projektionsfigur seiner Wünsche, leben kann. Besondere Beachtung für die Lösung des Rätsels Nietzsche mißt Schulte Nietzsches Homose- xualität und seinem Hang zum Masochismus bei - beides ist in der Figur Dyonisos belegbar -, die ihn in eine Konfliktsituation mit den gängigen Moralvorstellungen bringen mußten.

5 R. Maresch: „Lernt mich gut lesen.” (Fußn. 2)

6 vgl. G. Schulte: Ecce Nietzsche. (Fußn.4) S. 123f.. Demnach wollte Nietzsche weder die Vernichtung der Juden und schon gar nicht der Homosexuellen.

7 G. Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart 1991, S. 765.

8 F. Nietzsche: Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. Frankfurt a.M./Leipzig 2000, S.10.

9 I. Kant: Kritik der reinen Vernunft . In: Werke in zwölf Bänden. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. Frankfurt a.M. 1977, Bd. 3, S. 78.

10 A. Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. In: Werke in zehn Bänden (=Züricher Ausgabe). Zürich 1977, Bd. 1, S. 31.

11 F. Nietzsche: Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. Frankfurt a.M./Leipzig 2000. (Folgend abgekürzt als WL) Ursprünglich ein Weihnachtsvortrag für Cosima Wagner 1872 mit dem Titel „Pathos der Wahrheit”. Erst nachträglich hat Nietzsche den Text umgearbeitet. Weil es in diesem Vortragstext um Ruhm, Kunst und Unsterblichkeit geht, vermutet Günter Schulte ist Nietzsches Problem von Anfang an ein moralisches, bei dem es um „Selbstachtung und Achtung anderer” geht, auch wenn er es dann in ein erkenntnistheoretisches Problem umwan- delt. (Vgl. G. Schulte: Ecce Nietzsche. (Fußn. 4) S. 50f.) Ich meine allerdings, daß Nietzsches Erkenntniskritik trotzdem beachtenswert ist, auch wenn sie nur ein Nebenprodukt sein sollte.

12 V. Gerhardt: Nietzsches ästhetische Revolution. In: V. Gerhardt: Pathos und Distanz - Studien zur Philosophie Friedrich Nietzsches. Stuttgart 1988, S. 19.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Friedrich Nietzsches Wahrheitskritik im außermoralischen und moralischen Sinn
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Wahrheit und Lüge in der Politik
Note
1.0
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V4215
ISBN (eBook)
9783638126113
ISBN (Buch)
9783638756440
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Nietzsches, Wahrheitskritik, Sinn, Seminar, Wahrheit, Lüge, Politik
Arbeit zitieren
Nils Ramthun (Autor), 2001, Friedrich Nietzsches Wahrheitskritik im außermoralischen und moralischen Sinn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4215

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