Das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit war es, herauszufinden, wie geeignet die unterschiedlichen Sanktionierungsmaßnahmen des Jugendgerichtsgesetzes sind, um eine erneute Straffälligkeit von jugendlichen und heranwachsenden Straftätern zu vermeiden.
Dazu wurden im Kernteil der Arbeit verschiedene nationale und internationale Erkenntnisse der empirischen Sanktionsforschung exemplarisch zusammengetragen. Dabei hat sich gezeigt, dass der Forschungsstand große Defizite aufweist, wobei die Forschungsfrage auf Grund einer Forschungsdesign-Problematik nicht beantwortet werden konnte, da hierzu Experimente notwendig wären, die juristisch und ethisch nicht vertretbar sind. So war nur eine Annäherung an die Fragestellung möglich.
Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass bei leichter und mittelschwerer Kriminalität von einer Austauschbarkeit der Sanktionen ausgegangen werden kann und keine bessere Wirkung von eingriffsintensiveren gegenüber weniger drastischen Sanktionen nachgewiesen werden konnte. Deshalb sollten diese unter dem verfassungsrechtlichen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit bei Erst- und Gelegenheitstätern vorrangig genutzt werden. Für die vergleichsweise kleine Gruppe der Intensivtäter erfahren jedoch auch die „härteren“ Sanktionierungsmaßnahmen des Jugendgerichtsgesetzes ihre Begründung. Die Bachelorarbeit ist sowohl für Studierende der Sozialen Arbeit und der Rechtswissenschaften als auch für alle Praktiker interessant, die in ihrer Arbeit Berührungspunkte mit Jugendkriminalität und Jugendstrafrecht haben, vor allem solche, die selbst an der Urteilsfindung in Jugendstrafprozessen beteiligt sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Phänomen Jugendkriminalität
2.1. Lebensphase Jugend
2.2. Abweichendes Verhalten, Delinquenz und Kriminalität im Jugendalter
2.3. Empirische Befunde in Deutschland
2.3.1. Ergebnisse der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS)
2.3.2. Ergebnisse der Strafverfolgungsstatistik (SVS)
2.3.3. Zusammenfassung der Befunde
3. Einführung in das Jugendgerichtsgesetz
3.1. Historische Entwicklung
3.2. Anwendungsbereich
3.3. Zielsetzungen und Unterschiede zum Erwachsenenstrafrecht
3.4. Inhalte
4. Die Sanktionierungsmaßnahmen des Jugendgerichtsgesetzes
4.1. Diversion
4.1.1. Diversion durch die Staatsanwaltschaft
4.1.2. Diversion durch den Jugendrichter
4.2. Erziehungsmaßregeln
4.2.1. Erteilung von Weisungen
4.2.2. Anordnung Hilfe zur Erziehung in Anspruch zu nehmen
4.3. Zuchtmittel
4.3.1. Verwarnung
4.3.2. Erteilung von Auflagen
4.3.3. Jugendarrest
4.4. Jugendstrafe
5. Erkenntnisse der empirischen Sanktionsforschung
5.1. Was ist empirische Sanktionsforschung?
5.2. Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen
5.3. Experimentelle und Quasi-experimentelle Studien
5.3.1. Evaluation informeller Sanktionen
5.3.2. Evaluation formeller Sanktionen
5.4. Internationale Forschungsergebnisse
5.4.1. Evaluation informeller Sanktionen
5.4.2. Evaluation formeller Sanktionen
6. Alternative Möglichkeiten
6.1. Entkriminalisierung bestimmter Straftatbestände
6.2. Anwendung des § 171 StGB
6.3. Täter-Opfer-Ausgleich
6.4. „Teen Courts“ - Schülergerichte
6.5. Projekt „Gelbe Karte“ und Diversionstage
6.6. Häuser des Jugendrechts
6.7. Jugendstrafvollzug in freien Formen
7. Bedeutung für die Soziale Arbeit
8. Fazit
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die Arbeit untersucht kritisch die Eignung der verschiedenen Sanktionierungsmaßnahmen des Jugendgerichtsgesetzes (JGG), um erneute Straffälligkeit bei Jugendlichen und Heranwachsenden zu vermeiden. Dabei wird erforscht, ob eine Eingriffsintensivierung tatsächlich einen spezialpräventiven Nutzen bietet oder ob mildere Alternativen zielführender sind.
- Historische und inhaltliche Grundlagen des JGG
- Empirische Analyse von Jugendkriminalität in Deutschland
- Kritische Bewertung der Wirksamkeit von Diversion, Erziehungsmaßregeln, Zuchtmitteln und Jugendstrafe
- Einsicht in die empirische Sanktionsforschung und ihre Ergebnisse
- Rolle und Bedeutung der Sozialen Arbeit im Jugendstrafverfahren
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
"Ich wollte, es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig, oder die jungen Leute verliefen die ganze Zeit: Denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen, balgen" (Shakespeare 1610). Dieses über 400 Jahre alte Zitat aus William Shakespeares Wintermärchen zeigt, dass über kriminelle Jugendliche zu allen Zeiten geklagt wurde und wird. Wie der Staat auf Kriminalität von jungen Menschen reagiert, ist dabei einem stetigen historischen Wandel unterworfen. Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich dabei mit der Frage, wie geeignet unterschiedliche Sanktionsmaßnahmen des gegenwärtigen Jugendgerichtsgesetzes (JGG) sind, um eine erneute Straffälligkeit von jugendlichen und heranwachsenden Straftätern im Sinne des § 2 Abs. 1 S. 1 JGG zu vermeiden? Im Kernteil der Arbeit wird also die spezialpräventive Wirkung der einzelnen Sanktionierungsmaßnahmen untersucht. Die Beantwortung der Fragestellung ist dabei wichtig, weil juristische Entscheidungen nicht alleine auf Praxiserfahrungen und somit das Alltagswissen derjenigen beziehen dürfen, die am Prozess der Urteilsfindung beteiligt sind.
PraktikerInnen müssen sich vielmehr auf die Erkenntnisse empirischer Studien stützen. Im Jugendstrafrecht ist dabei der Einfluss der Sozialen Arbeit auf die richterliche Entscheidungsfindung nicht zu unterschätzen, sodass auch deren Fachkräfte über dieses Wissen zwingend verfügen müssen. Nur so können qualitativ hochwertige Urteile gefällt werden, welche die Ziele des JGG auch erreichen. Dafür ist empirische Sanktionsforschung notwendig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Wahrnehmung von Jugendkriminalität ein und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich der Eignung der Sanktionen des JGG im Hinblick auf Spezialprävention.
2. Das Phänomen Jugendkriminalität: Dieses Kapitel definiert die Lebensphase Jugend, erläutert Begriffe wie Delinquenz und analysiert empirische Befunde aus offiziellen Statistiken.
3. Einführung in das Jugendgerichtsgesetz: Hier werden die historische Entwicklung, der Anwendungsbereich und die Zielsetzungen des JGG sowie dessen Abgrenzung zum Erwachsenenstrafrecht erläutert.
4. Die Sanktionierungsmaßnahmen des Jugendgerichtsgesetzes: Dieses umfangreiche Kapitel stellt die verschiedenen Sanktionsformen des JGG – von der Diversion über Erziehungsmaßregeln und Zuchtmittel bis zur Jugendstrafe – im Detail vor.
5. Erkenntnisse der empirischen Sanktionsforschung: Das Kapitel bietet einen Überblick über die empirische Forschung zur Legalbewährung und evaluiert anhand von Studien die Wirksamkeit informeller sowie formeller Sanktionen.
6. Alternative Möglichkeiten: Hier werden alternative Ansätze zur gängigen Sanktionspraxis, wie der Täter-Opfer-Ausgleich oder Projekte wie „Teen Courts“, kritisch diskutiert.
7. Bedeutung für die Soziale Arbeit: Dieses Kapitel verdeutlicht, warum Fachkräfte der Sozialen Arbeit fundierte Kenntnisse über die Wirkungen von Sanktionen benötigen, um ihre Aufgabe im Jugendstrafverfahren effektiv wahrzunehmen.
8. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass das Ziel einer vollständigen Legalbewährung utopisch bleibt, fordert jedoch eine evidenzbasierte Sanktionspolitik.
Schlüsselwörter
Jugendkriminalität, Jugendstrafrecht, Jugendgerichtsgesetz, empirische Sanktionsforschung, Legalbewährung, Soziale Arbeit, Diversion, Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel, Jugendstrafe, Spezialprävention, Täter-Opfer-Ausgleich, Jugendstrafvollzug, Rückfallstatistik, Kriminologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das deutsche Jugendstrafrecht (JGG) und untersucht, wie effektiv dessen Sanktionen dabei sind, bei jungen Straftätern erneute Straffälligkeit zu verhindern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen und Zielsetzungen des JGG, eine detaillierte Übersicht der verschiedenen Sanktionierungsmaßnahmen sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der empirischen Forschung zu deren Wirksamkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob eingriffsintensive Sanktionen bei Jugendlichen und Heranwachsenden eine bessere spezialpräventive Wirkung haben als mildere Maßnahmen oder informelle Erledigungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse, in der nationale und internationale Erkenntnisse der empirischen Sanktionsforschung exemplarisch zusammengetragen, verglichen und auf die Forschungsfrage bezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil deckt die Darstellung des Jugendstrafrechts, die Analyse der verschiedenen Sanktionstypen (Diversion, Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel, Jugendstrafe), die Auswertung von Rückfallstatistiken und Studien sowie die Diskussion von Alternativen und der Rolle der Sozialen Arbeit ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Jugendkriminalität, Jugendstrafrecht, empirische Sanktionsforschung, Spezialprävention, Legalbewährung und Soziale Arbeit stehen im Zentrum.
Welche Rolle spielt die "Diversion" im Jugendgerichtsgesetz?
Die Diversion ist eine informelle Erledigung von Strafsachen, die darauf abzielt, Stigmatisierung durch ein förmliches Gerichtsverfahren zu vermeiden und schnell auf Delikte zu reagieren, ohne die Justiz zu überlasten.
Wie bewertet der Autor die Wirksamkeit von "Jugendarrest" und "Jugendstrafe"?
Der Autor äußert sich kritisch und weist darauf hin, dass diese eingriffsintensiven Maßnahmen nach der Forschungslage oft keine bessere spezialpräventive Wirkung gegenüber milderen Sanktionen zeigen und daher subsidiär eingesetzt werden sollten.
- Arbeit zitieren
- Marcel Riepegerste (Autor:in), 2018, Zwischen Diversion und Jugendknast. Eine kritische Betrachtung der staatlichen Sanktionen des Jugendgerichtsgesetzes für jugendliche und heranwachsende Straftäter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/421591