Simon Bolivar als Denker der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
32 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Wurzeln des „politischen“ Bolivars
2.1 Bolivar als Mitglied der kreolischen Oberschicht
2.2 Die Lehrjahre Bolivars in Europa
2.3 Der „Brief aus Jamaica“ – Manifest seiner politischen Vorstellungen

3 Bolivars Rolle in der Independencia
3.1 Die Besonderheiten der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung
3.2 Bolivar als Verfassungsgeber – der Kongress von Angostura
3.3 Die Präsidentschaft Bolivars – Vorstellungen, Ziele und Konflikte
3.3.1 Auseinandersetzungen mit der kreolischen Oberschicht – Bolivar und die soziale Komponente
3.3.2 Zentralismus versus Föderalismus
3.3.3 Bolivar und sein Verhältnis zu San Martin – Republik oder Monarchie?
3.3.4 Der Kongress von Panama – Vorstellungen eines geeinten Amerikas
3.3.5 Die Religion als Stütze des Staates
3.4 Bolivars politische Vorstellungen in der Verfassung von Bolivien

4 Das Ende der republikanischen Ideen
4.1 Bolivar und sein Verhältnis zur Diktatur
4.2 Das Resümee des Befreiers

5 Die Nutzung der Ideen Bolivars durch die Nachwelt

6 Schlusswort

7 Literaturverzeichnis
7.1 Quellen
7.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

„Es ist schwieriger ein Volk aus der Knechtschaft zu befreien, als ein freies zu unterwerfen“[1], zitierte Simón Bolívar 1815 Montesquieu in seinem berühmten „Brief aus Jamaika “. Welchen Schwierigkeiten er in den kommenden Jahren ausgesetzt sein würde, ließ sich zu diesem Zeitpunkt für ihn kaum absehen.

Wie kein anderer steht der Name Simón Bolívars für den Kampf um ein unabhängiges Südamerika. Die Position, die George Washington in Nordamerika einnahm, besaß Bolívar in Südamerika. Er war ein überaus erfolgreicher Feldherr, Verfassungsgeber und Präsident verschiedener Staaten Spanisch – Amerikas. Seine eigentliche geschichtliche Bedeutung liegt in der Befreiung Südamerikas von den spanischen Kolonialherren – seine Größe zeigt sich aber in dem Versuch, durch dauerhafte Institutionen diese Freiheit aufrechtzuerhalten.[2] Anstatt den Titel „Libertador“ – eine Ehrenbezeichnung, die ihm bei seinem Einzug in Caracas 1812 verliehen wurde – für persönliche Herrschaft und Bereicherung zu nutzen, war sein Handeln geprägt von den Bemühungen, Verfassungen zu erlassen, die den befreiten Ländern Stabilität gewähren würden.

Zunächst ausschließlich als Kriegsheld in Erscheinung tretend, reifte Bolívar zum weitsichtigen Staatsmann und Staatengründer. Seine Begabungen waren mannigfaltig. Angetrieben von unbändiger Energie und vielfältigsten Ideen, überstrahlte er alle seine Zeitgenossen, was er in großem Maße genoss.[3] Warum aber überflügelte er die anderen Männer der Unabhängigkeitsbewegung? Was befähigte ihn dazu, als Befreier Südamerikas in die Geschichte einzugehen?

In der vorliegenden Hausarbeit steht die Frage nach Bolívars Einfluss auf die lateinamerikanische Unabhängigkeitsbewegung und die daraus resultierenden Republiken im Vordergrund. Was charakterisierte die Politik von Bolívar? Welche Werte und Ideale bildeten die Grundlage und musste er von diesen im Verlauf der Independencia abrücken? Wenn ja, warum konnte er seine Vorstellungen nicht durchsetzen? Inwieweit fand Bolívar noch nach seinem Tode Berücksichtigung in der Politik Lateinamerikas?

Um diesen Fragen nachzugehen, müssen ebenso die Besonderheiten Lateinamerikas zu Beginn des 19. Jahrhunderts wie auch die Rolle der kreolischen Oberschicht in Betracht gezogen werden.

Bei dem Versuch, die politischen Vorstellungen Simón Bolívars zu begreifen, ist eine Auseinandersetzung mit seiner Person unumgänglich. Dabei stehen seine Zugehörigkeit zur herrschenden Klasse der Kreolen sowie die Herausbildung seiner politischen Ideen während zweier Europaaufenthalte von 1799 bis 1802 und von 1803 bis 1805 im Vordergrund der Betrachtungen. Anschließend erfolgt die Untersuchung seines ersten bedeutenden politischen Manifestes – dem „Brief aus Jamaika “.

In dem zweiten Abschnitt der Arbeit wird Bolívars Rolle in der Independencia untersucht. Angefangen mit einer knappen Darstellung der Besonderheiten der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, folgt die Auseinandersetzung mit Bolívars Einfluss auf die Verfassung der Republik Großkolumbien und die Ausübung seiner Präsidentschaft. Die von Bolívar auszufechtenden Konflikte mit der kreolischen Oberschicht sowie der kontinentale Aspekt seines Befreiungskampfes finden dabei besondere Berücksichtigung. Anschließend werden sein Verhältnis zu dem Libertador San Martín und die unterschiedlichen Ansichten über die geeignete Regierungsform für Lateinamerika sowie seine Vorstellungen einer Verfassung des nach ihm benannten Staates Bolivien betrachtet.

Im nächsten Abschnitt erfolgt die Untersuchung der Einstellungen Bolívars zur Diktatur und sein letztendliches Resümee über den von ihm geprägten Unabhängigkeitskampf. Bevor im Schlussteil die Ergebnisse der vorliegenden Hausarbeit zusammengefasst werden, wird der Werdegang des „Mythos“ Bolívar knapp skizziert.

Umfangreiche Sekundärliteratur erlaubt trotz Unkenntnis der spanischen Sprache einen umfassenden Einblick in das Leben und Schaffen Simón Bolívars. Unter den Biografien hebt sich die von Gerhard Masur[4] ab, in der mit einer fundierten Auswertung des kaum zu überschauenden Quellenmaterials eine überaus treffende Darstellung Bolívars gelang. Daneben bietet die Revolutionsforschung der ehemaligen DDR einen aufschlussreichen Einblick in die Eigenarten der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Untrennbar sind in diesem Zusammenhang die Namen Manfred Kossok[5] und Michael Zeuske[6] zu nennen. Als Quellen wurden die Sammlungen von Hans – Joachim König[7] sowie Richard Konetzke[8] genutzt.

2 Die Wurzeln des „politischen“ Bolívars

2.1 Bolívar als Mitglied der kreolischen Oberschicht

Simón Bolívar, getauft auf den vollständigen Namen Simón José Antonio de la Santissima Trinidad, wurde am 24. Juli 1783 geboren. Seine Familie gehörte zu den vornehmsten und reichsten Kreolen in der ganzen Generalkapitanie Venezuela. In der Hauptstadt Caracas sesshaft, erwarben die Bolívars seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein beträchtliches Vermögen. Zwei Jahre nach der Geburt Simón Bolívars verstarb sein Vater Don Juan Vicente, der seiner Familie zahlreiche Immobilien und Ländereien mit einer Vielzahl von Sklaven sowie über 250 000 Peso in bar hinterließ.[9] Wenige Jahre darauf erkrankte seine Mutter tödlich an Tuberkulose, woraufhin dem Großvater und nach dessen baldigem Tod dem Onkel die Erziehung von Simón und seinem zwei Jahre älteren Bruder Juan Vicente übertragen wurde.

Zunächst deutete im familiären Milieu wenig auf Bolívars zukünftige Laufbahn als „Befreier“ Lateinamerikas hin. Er verlebte eine finanziell sorgenfreie Jugend auf den Gütern seiner kreolischen Familie. Die Kreolen, als die herrschende Klasse, besaßen sowohl das Bildungsmonopol als auch die größten materiellen Reichtümer. Doch als weiße Abkömmlinge von Spaniern in Amerika geboren, standen ihnen eine Vielzahl von hohen Regierungsämtern nicht zur Verfügung.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert galt es für die Spitze der Kolonialgesellschaft als standesgemäß, zugleich aufgeklärt zu sein.[10] Die Bücher der französischen Philosophen gingen in den besseren Kreisen Venezuelas von Hand zu Hand - die Staatstheorie Rousseaus war bekannt und beim Versuch, den Drang nach Unabhängigkeit theoretisch zu begründen, ließen sich die Kreolen von spanischen Staatslehrern des 16. Jahrhunderts inspirieren. Hinzukamen die Einflüsse der amerikanischen Unabhängigkeit, die dem Wunsch nach politischer Emanzipation und wirtschaftlicher Autonomie Auftrieb gaben.[11] Trotzdem nahm die kreolische Aristokratie die Ereignisse in Frankreich äußerst zwiespältig auf. Strikt den radikalen Jakobinismus ablehnend, blieb die Wahrung ihrer Privilegien stets im Augenmerk der kreolischen Oberschicht.

In diesem Spannungsfeld zwischen aristokratischem Lebensstil und aufkommendem revolutionären Gedankengut wuchs der junge Bolívar auf. Besonderen Einfluss übte dabei sein Lehrer Simón Carreño Rodriguez aus. Rousseau verehrend, versuchte er, seinen Zögling im Sinne von dessen Bürgertugenden zu erziehen. Sie diskutierten viel über die Französische Revolution, wobei Rodriguez seinem Schüler die republikanischen Ideen näher brachte. Das Vertrauensverhältnis endete jäh, als Rodriguez, involviert in einen missglückten Aufstandsversuch, 1797 aus Venezuela fliehen musste.[12] Erst in Europa sollten die beiden wieder aufeinander treffen.

2.2 Die Lehrjahre Bolívars in Europa

Im Januar 1799 schickte Bolívars Vormund seinen Zögling nach Europa, um dort die Ausbildung zu vollenden. In Madrid eingetroffen, verbrachte Bolívar seine Zeit im Kreise einflussreicher Landsleute aus Caracas, die, wie er, häufig Zugang zum königlichen Hof hatten. Von nur wenigen Reisen unterbrochen, verbrachte er drei Jahre in der spanischen Hauptstadt. Hier lernte er die aus einer vornehmen kreolischen Familie stammende María Teresa Rodríguez kennen, die er später heiratete. 1802 kehrte er in ihrer Begleitung nach Venezuela zurück, doch sollte das familiäre Glück nicht lange währen. Bereits nach wenigen Monaten verstarb seine junge Frau und Bolívar reiste erneut nach Europa. Der Weg für den „politischen“ Bolívar war geebnet. Für kurze Zeit wieder in Madrid ansässig, siedelte er im Frühjahr 1804 nach Paris über. Während seiner ersten Reise hatte er begierig die Werke von Locke und Voltaire studiert und sich mit den Klassikern der Antike sowie den Historikern, Rednern und Dichtern Spaniens, Frankreichs, Italiens und Englands vertraut gemacht.[13] Jetzt, in Paris lebend, traf er die vornehmen und bedeutenden Personen seiner Zeit. Einen besonderen Stellenwert nahm dabei das Treffen mit Alexander von Humboldt ein, den Bolívar später den eigentlichen „Entdecker der neuen Welt“[14] nennen wird. Wie stark und nachhaltig der Einfluss des welterfahrenen Humboldts auf den 21jährigen Bolívar tatsächlich war, lässt sich heute nicht mit Bestimmtheit feststellen.[15] Nur so viel ist verbürgt: Der gern belehrende Humboldt gab dem jungen Südamerikaner Ratschläge mit auf den Weg, inwieweit er sie befolgte, ist nicht überliefert. Von Bestand blieb eine Korrespondenz und gegenseitige Wertschätzung über die Jahrzehnte hinaus.[16]

Zu den frühsten Zeugnissen seines revolutionären Sinneswandels gehörte Bolívars Schwur auf dem Monte Sacro 1805. Zusammen mit seinem alten Lehrmeister Simón Rodriguez, den er in Paris wieder sah, besuchte der junge Kreole Rom und tätigte auf dem Berg Monte Sacro seinen berühmt gewordenen Schwur, Südamerika von der Kolonialherrschaft zu befreien. Von Historikern teilweise theologisch überhöht, wird anhand von Selbstzeugnissen deutlich, dass für Bolívar die Persönlichkeit Napoleons 1804/1805 gewichtigere Wirkung ausübte.[17]

Die Einstellung gegenüber Napoleon gestaltete sich für den jungen Kreolen zwiespältig. Ohne Zweifel bewunderte er den Korsen, dem Europa zu Füßen lag. Als dieser sich im Dezember 1804 zum Kaiser der Franzosen krönen ließ, weilte Bolívar dem Ereignis bei und erlebte, dass Millionen Menschen Bonaparte zujubelten. Rückwirkend schilderte er seine Empfindungen wie folgt:

„Die Krone, die Napoleon sich auf das Haupt setzte, betrachtete ich als kümmerliches Ding. Was mir groß erschien, waren der allgemeine Jubel und die Teilnahme, die seine Person hervorrief. Doch muss ich gestehen, dass ich dabei an das Sklavendasein meines Vaterlandes denken musste und an den Ruhm, den derjenige erringen würde, der ihm die Freiheit schenkte.“[18]

Aber auch die andere Seite Napoleons wurde ihm bewusst, widergespiegelt in seinem härtesten Urteil über den Franzosen, überliefert durch Bolívars Adjutanten O´Leary:

„Ich verehrte ihn als den Helden der Republik, als des Ruhmes hellen Stern, als den Genius der Freiheit…Er hatte sich selber zum Kaiser gemacht, und von jenem Tage an betrachtete ich ihn als einen heuchlerischen Tyrannen, als Beleidigung der Freiheit….Sein Ruhmesglanz deuchte mir ein Widerschein der Hölle.“[19]

Napoleon verkörperte für Bolívar zeitlebens diese zwei Seiten. Einerseits der Befreier, der mehr europäische Throne beseitigte als sonst jemand, dessen Ruhm unerreichbar schien und den die Menschenmassen vergötterten, andererseits der Diktator und der selbst gekrönte Kaiser, der seine Macht für Eroberungen und zur Festigung seiner eigenen Position nutzte.

Bolívars Lehrjahre in Europa festigten in ihm den Wunsch, sein Heimatland von der Kolonialherrschaft zu befreien. Sie vertieften seine Auseinandersetzung mit den Ideen der europäischen Aufklärung, den republikanischen Staatsvorstellungen sowie den Erfahrungen der Französischen Revolution.

2.3 Der „Brief aus Jamaika “ – Manifest seiner politischen Vorstellungen

In der „Carta de Jamaica “ formulierte Simón Bolívar zum ersten Mal eindeutig und unmissverständlich seine politischen Ziele. Seit Mai 1815 verarbeitete er im Exil auf Jamaika die Erfahrungen der Ersten Republik, in der sich Bolívar aktiv einbrachte, aber noch keine tragende Rolle innehatte, und der Zweiten Republik, die er als Diktator führte.

Das Scheitern der Ersten Republik, maßgeblich geformt durch den alten Revolutionär Miranda, analysierte Bolívar in dem „Manifest von Cartagena“ (1812), wobei sein Augenmerk auf die militärischen und politischen Gründe gerichtet war. Drei Jahre später erweiterte Bolívar seine Sichtweise und ließ im „Brief aus Jamaika “ neben den politischen Aspekten ebenfalls die soziale Komponente mit einfließen. In den Mittelpunkt stellte Bolívar die Forderung nach „Freiheit“, damit einhergehend die Vernichtung der spanischen Kolonialherrschaft und das Erringen der politischen Macht für die Kreolen mit einem Gleichheitskonzept nach „außen“ und einem Appell für eine aktive Rolle Amerikas.[20]

Wie würde die Zukunft der lateinamerikanischen Völker aussehen? „Das Schicksal Amerikas ist unwiderruflich festgelegt; das Band, das es mit Spanien vereinte, ist zerschnitten…“, schrieb Bolívar in seinem Brief.[21] Wesentlich trug zu diesem Umstand der von beiden Seiten erbarmungslos geführte Austilgungskrieg bei, der Venezuela nach dem Untergang der Zweiten Republik in Schutt und Asche zurückließ. Klagend stellte Bolívar fest, dass die Staaten bei ihrem Kampf um Unabhängigkeit allein gelassen wurden. Weder Europa noch die „nördlichen Brüder“[22] griffen in das Geschehen ein, um den Freiheitskampf zu unterstützen. Als bestechend stellt sich in diesem Punkt Bolívars Weitsicht heraus. Er ordnete die Freiheit Lateinamerikas in den internationalen Kontext ein, indem er die amerikanische Unabhängigkeit für die Gleichgewichtspolitik unumgänglich hielt. Freie Völker bedeuteten ebenfalls freien Handel, der besonders Großbritannien am Herzen lag.[23] In England sah Bolívar zeitlebens den natürlichen Verbündeten im Freiheitskampf Lateinamerikas. Am Ende des Briefes forderte der Kreole einen liberalen Schutzherrn, der die nötige Sicherheit gewährt, um die republikanischen Tugenden und Tätigkeiten auszubilden, die zu Ruhm und Annerkennung führen.[24]

Bevor sich Bolívar dem Problem der optimalen Regierungsform zuwendete, griff er erstmals die Frage auf: Wer sind die Amerikaner? Er kam zum Schluss, dass sie „weder Indianer noch Europäer sind, sondern eine Mischung aus rechtmäßigen Eigentümern des Landes und spanischen Usurpatoren, kurzum…Amerikaner von Geburt.[25] Über Jahrhunderte ausschließlich passiv gehalten, „in einer Art dauernden Kindheit in Bezug auf Staatsgeschäfte“[26], schien ihm die einzige Erfolg versprechende Regierungsform die der konservativen Republik zu sein: Führung durch eine große Persönlichkeit und eine kleine Schar moralischer Eliten, Einheit und Freiheit gewährend, aber im Zweifelsfall bereit, die innerpolitische Freiheit der Einheit vorzuziehen. Seinem Ziel entsprach es, den Gedanken der Volkssouveränität mit dem Prinzip der Autorität auszusöhnen.[27] Dazu plante Bolívar eine in zwei Kammern gegliederte legislative Gewalt in Form eines erblichen Senates und einer frei gewählten zweiten Kammer. Mit großen Befugnissen ausgestattet, sollte die Exekutive in einer Person konzentriert sein, die, wenn sie günstig agierte, bis ans Lebensende diese Position innehaben würde.[28] Dieser Präsident verkörperte die von Bolívar geforderte autoritäre Stabilität.

Das Föderative System verwarf er, „weil es zu perfekt ist und Tugenden und politische Talente erfordert, die unsere übersteigen.“[29] Aus demselben Grund lehnte Bolívar ebenfalls die aus Aristokratie und Demokratie gemischte Monarchie, praktiziert in England, ab. So kam er zu dem Schluss „nicht das beste, sondern das am ehesten erreichbare“ Schicksal für seinen Kontinent zu wählen.[30] Den Gedanken an eine einzige Nation in der gesamten Neuen Welt hielt Bolívar zwar für grandios, aber unregierbar. Stattdessen schlug er einen Kongress von Repräsentanten vor, auf dem über die Interessen von Krieg und Frieden beraten werden sollte. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt sprach Bolívar das Thema der amerikanischen Solidarität an.[31]

Welche Reaktionen der „Brief aus Jamaika“ hervorrief, lässt sich schwer nachvollziehen. Jedoch legte Bolívar erstmals umfassend seine politischen Gedanken dar, die im Laufe der Zeit Erweiterungen erfuhren, aber im Grundton identisch blieben. Bolívars Wandel vom Krieger zum Visionär einer neuen Welt war deutlich vollzogen.[32]

3 Bolívars Rolle in der Independencia

3.1 Die Besonderheiten der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung

Der Grundstein der südamerikanischen Befreiungsbewegung lag in der Ideenwelt der Amerikanischen und Französischen Revolution. Die Einflüsse französischer Autoren werden deutlich in der Übernahme teilweise ganzer Textpassagen durch die bestimmenden Protagonisten.[33] Aber nicht nur aus den Ideen, sondern auch aus dem Erfahrungsschatz der vorangegangenen Revolutionen schöpfte die Independencia. Ihre Akteure wussten, dass sie Menschen- und Bürgerrechte, eingebunden in einer konstitutionellen Monarchie oder bürgerlichen Republik, wollten, gleichzeitig sahen sie die Gefahr der entfesselten Menschenmassen als Schreckgespenst des Jakobinismus. Die Erfahrungen flossen in den Lernprozess der Unabhängigkeitskämpfer mit ein, ließen sich aber nur schwer auf die Situation in Lateinamerika übertragen. Tiefgreifende Niveauunterschiede zwischen Europa und Südamerika, die Größe des Kontinentes, die Gewaltigkeit der Natur und die Rassenproblematik verlangten neu zu überdenkende Verhaltensweisen.[34]

Den Anstoß für die Independencia boten die Ereignisse in Europa. Auf Grund der Besetzung Spaniens durch französische Truppen 1808 entstand mit der Absetzung des Königs ein Machtvakuum. Ebenso wie im Mutterland bildeten sich in den Hauptstädten des spanischen Kolonialreiches autonome Juntas. Zusätzlich ermutigt durch die von der spanischen Interimsregierung betonte Gleichheit des Mutterlandes zu seinen Kolonien, begannen die Kreolen ihre politischen Forderungen laut auszusprechen, die den Ruf nach Selbstbestimmung und gleichen Zugangsmöglichkeiten zur politischen Gewalt beinhalteten. Bereits länger andauernde Entfremdungsprozesse, hervorgerufen durch politische und ökonomische Benachteiligungen, sowie der dazu parallel verlaufende, voranschreitende Identifizierungsprozess gaben den Anlass für die Forderungen.[35]

Die Träger der Unabhängigkeitsbewegung waren eindeutig in der kreolischen Oberschicht zu finden. Nur eine kleine entschlossene Intelligenzschicht, geformt durch Auslandsaufenthalte und Privatlehrer, wie Miranda oder auch Bolívar, besaßen die nötigen Voraussetzungen. Es waren Männer, die alles zu verlieren hatten, denn sie besaßen große Güter und viel Prestige. Gerade in der ersten Phase spielte der aristokratische Charakter der Unabhängigkeitsbewegung eine entscheidende Rolle. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung trieb die Independencia voran, die Masse des Volkes partizipierte nicht daran oder stand dem Freiheitskampf skeptisch bis ablehnend gegenüber.[36]

In wissenschaftlichen Kreisen existieren unterschiedliche Ansichten darüber, ob die lateinamerikanische Unabhängigkeitsbewegung als Revolution betrachtet werden kann. Während unter anderem Gerhard Masur[37] und Michael Zeuske[38] den Begriff Revolution ausgiebig benutzten, äußerte sich Günter Kahle dazu wie folgt:

[...]


[1] Bolívar, Simón: „Brief aus Jamaika “. In: Lateinamerika - Geschichte und Gegenwart. Akademiebericht des Zentralinstituts für Lateinamerika - Studien der Katholischen Universität Eichstätt 1991. Dillingen a. d. Donau 1991. Nr. 190. S. 121.

[2] Preuss, Ulrich K.: Der Feldherr als Verfassungsgeber. In: Simón Bolívar. Rede von Angostura am 15. Februar 1819. Mit einem Essay von Ullrich K. Preuss. Hamburg 1995. S.60 f.

[3] Mann, Golo: Simón Bolívar. Der Befreier als Opfer und Prophet. In: Madariaga, Salvador de: Simón Bolívar: Der Befreier Spanisch – Amerikas. Mit einem einleitenden Essay von Golo Mann. Zürich 1989. S. 1.

[4] Masur, Gerhard: Simón Bolívar und die Befreiung Südamerikas. Konstanz 1949.

[5] Kossok, Manfred: Simón Bolívar und das historische Schicksal Spanisch-Amerikas. Anläßlich der 200. Wiederkehr seines Geburtstages (24. Juli 1783): Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR Gesellschaftswissenschaften. Jahrgang 1983. Berlin 1984. Nr. 12 G.

[6] U.a. Zeuske, Michael: "Simón Bolívar und das Verhältnis von Hegemonie und Triebkräften in der Independencia 1815-1820" In: Asien Afrika Lateinamerika. Berlin 1986. Heft 5. S. 880-894.

[7] König, Hans-Joachim: Simón Bolívar. Reden und Schriften zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Hamburg 1984.

[8] Konetzke, Richard: Lateinamerika seit 1492. Stuttgart 1971.

[9] Lawrezki, Josef: Simón Bolívar. Rebell gegen die spanische Krone. Berlin 1980. S. 22 ff.

[10] Kossok, Manfred: Aufklärung in Lateinamerika: Mythos oder Realität? In: Aspekte der Aufklärungsbewegung in Lateinamerika, Deutschland, Rußland und der Türkei: Sitzungsberichte des Plenums und der Klassen der Akademie der Wissenschaften der DDR. Jahrgang 1972. Berlin 1974. Nr. 10. S. 7.

[11] Niess, Frank: Am Anfang war Kolumbus. Geschichte einer Unterentwicklung – Lateinamerika 1492 bis heute. München 1991. S. 149.

[12] Lawrezki, S. 28 ff.

[13] Ebd, S. 43.

[14] Kahle, Günter: Simón Bolívar und die Deutschen. Berlin 1980. S. 40.

[15] Lange Zeit maßen Biografen dem Treffen gewichtigen, sogar entscheidenden Einfluss auf Bolívars Willen zur Befreiung des Kontinentes bei. Bei einer Begegnung zwischen Humboldt und Bolívar Ende 1804 soll Humboldt geäußert haben, dass Lateinamerika schon reif sei für die Unabhängigkeit, aber dass er noch keinen Mann sähe, der es vollbringen könnte. Dadurch soll in Bolívar der Gedanke entstanden sein, diesen Mann zu verkörpern. Vgl. Kienzl, Florian: Bolívar: Ruhm und Freiheit Südamerikas. Berlin 1943. S. 12 f.; Masur S. 58 f.;

[16] Kahle, S. 43 ff.

[17] Kossok, 1984. S. 5.

[18] Kienzl, S. 122.

[19] Madariaga, Salvador de: Simón Bolívar: Der Befreier Spanisch – Amerikas. Mit einem einleitenden Essay von Golo Mann. Zürich 1989. S. 119.

[20] Zeuske, 1986. S. 882.

[21] Bolívar, Brief aus Jamaika, S. 117.

[22] Ebd., S. 118.

[23] Bolívar, Brief aus Jamaika, S. 118.

[24] Ebd., 123.

[25] Ebd., 119.

[26] Ebd., 119.

[27] Masur, S. 265 f.

[28] Bolívar, Brief aus Jamaika, S. 122.

[29] Ebd., S. 122.

[30] Ebd., S. 122.

[31] Masur, S. 268 f.

[32] Ebd., S. 269.

[33] Werz, Nikolaus: Das neuere politische und sozialwissenschaftliche Denken in Lateinamerika. Freiburg 1992. S. 41.

[34] Zeuske, Michael: „Heroische Illusion“ und Antiillusion bei Simón Bolívar. Überlegungen zum Ideologiekomplex in der Independencia 1810 – 1830. In: Kossok, Manfred; Kross‚ Editha (Hrsg.): 1789 – Weltwirkung einer großen Revolution. Band 2. Berlin 1989. S. 580 f.

[35] König, Hans Joachim: Auf dem Wege zur Nation: Nationalismus im Prozess der Staats- und Nationbildung Neu – Granadas 1750 bis 1856. Stuttgart 1988. S. 102 ff.

[36] Masur, S. 110.

[37] Vgl. Masur, Gerhard: Simón Bolívar und die Befreiung Südamerikas. Konstanz 1949.

[38] Vgl. Zeuske, Michael: „Heroische Illusion“ und Antiillusion bei Simón Bolívar. Überlegungen zum Ideologiekomplex in der Independencia 1810 – 1830. In: Kossok, Manfred; Kross‚ Editha (Hrsg.): 1789 – Weltwirkung einer großen Revolution. Band 2. Berlin 1989. S. 577-596.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Simon Bolivar als Denker der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaft)
Veranstaltung
HS Eliten in Lateinamerika
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V42170
ISBN (eBook)
9783638402675
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
1,7, da Bezug zum Elitenthema weiter ausgebaut sein könnte
Schlagworte
Simon, Bolivar, Denker, Unabhängigkeitsbewegung, Eliten, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Corinna Schulz (Autor), 2005, Simon Bolivar als Denker der südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42170

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