Schul- und Konzeptgeschichte des Sachunterrichts


Seminararbeit, 2001

15 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeit, Schulentwicklung, Didaktik
2.1. Das 17. Jahrhundert
2.2. Das 19. Jahrhundert
2.3. Der Beginn des 20. Jahrhunderts
2.4. Die sechziger Jahre
2.5. Die siebziger Jahre
2.6. Die Zeit nach 1980

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für das Thema „Schul- und Konzeptgeschichte des Sachunterrichts“ muss zuerst auf die Frage eingegangen werden, was Sachunterricht überhaupt ist.

Seit der Meisterlehre und dem Schulunterricht existiert der Unterricht über Sachen, der inhaltlich stets verschieden konzipiert und ausgeführt wurde. Didaktische Konzeptionen zum Sachunterricht waren schon immer beeinflusst durch philosophische, anthropologische, wissenschaftliche, gesellschaftliche oder politische Vorstellungen. So gab und gibt es Sachunterricht, verstanden als:

- Erkenntnis der göttlichen Weltordnung (Johann Amos Comenius),
- als nützliche und vollständige Erkenntnisse (Basedow),
- als Erziehung im Hinblick auf die künftige Lebensbewältigung (Philanthropen),
- als Entfaltung der naturgegebenen Anlagen im Kind (Pestalozzi)
- und als Befähigung zum wissenschaftlichen Denken und Handeln (Moderner Sachunterricht).[1]

Aber was ist Sachunterricht eigentlich wirklich? Man kann ihn unterschiedlich begreifen:

- als Unterricht über fachliche Grundlagen von Geschichte, Politik und Biologie,
- in enger Verbindung zur Heimatkunde, in der der Nahraum, die äußere räumliche Gliederung, zentral gekennzeichnet ist,

- nur bezogen auf Sachen wie Fahrräder etc.
- oder als allgemeinbildenden Unterricht.

Astrid Kaiser vertritt ein weites Verständnis von Sachunterricht und würde ihn präziser als Sach- und Sozialunterricht oder als Beziehungsunterricht bezeichnen, um zu verdeutlichen, dass keine engen, gegenständlichen Inhalte beim Sachunterricht gemeint sind, sondern Menschenbildung. Eine Vielzahl von Bezeichnungen und Vorläufern dieses Faches zeigt, dass die Geschichte des Sachunterrichts breitgefächert ist:

- Realienunterricht,
- Anschauungsunterricht,
- Heimatkunde,
- heimatkundlicher Anschauungsunterricht,
- Kernunterricht des Gesamtunterrichts,
- Sachkunde,
- Deutschheimatkunde,
- ungefächerter Sachunterricht,
- Sach- und Heimatkunde.[2]

Die folgende Ausarbeitung beschränkt sich auf die Zeit des 17. Jahrhundert, des 19. Jahrhunderts, auf den Beginn des 20. Jahrhunderts, auf die sechziger sowie die siebziger Jahre und die Zeit nach 1980. Diese Zeitabschnitte spielen für die Geschichte des Sachunterrichts eine gravierende Rolle.

2. Zeit, Schulentwicklung, Didaktik

2.1. Das 17. Jahrhundert

Das 17. Jahrhundert wird als die Epoche des Realienunterrichtes bezeichnet, dessen Ansätze heimatlich und situationsbezogen waren. In den damaligen Dorfschulen wurde er nicht unbedingt unterrichtet, er stand aber im Mittelpunkt didaktischer Auseinandersetzungen. Später entstanden als Folge davon neben den sprachorientierten Lateinschulen Realschulen und Realgymnasien, die Sachfächer wie Geschichte, Naturkunde und Geographie unterrichteten.

Im 17. Jahrhundert wurden die Realien von pädagogischen Philosophen gefordert. Das erste theoretische Konzept zur allumfassenden Bildung vertrat der böhmische Aufklärer Comenius in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts, indem er das erste als allgemeinbildend verstandene Sachbuch „Orbis sensualium pictus“ 1658 mit dem Anspruch herausgab, das gesamte Wissen der Welt zu vermitteln. Abgedruckt waren pro Seite ein Bild und darunter in vier (bzw. zwei) Sprachen (Latein, Deutsch, Tschechisch, Ungarisch) kurze Erläuterungen. Thematisiert wurden Naturdinge, Szenen aus dem menschlichen Arbeitsleben sowie biblische Geschichten. Comenius beabsichtigte, die Menschen durch „wahres Wissen“ zur Weisheit zu bringen und allen alles zu lernen, nicht nur den Kindern der Privilegierten. Er wollte die Menschen bilden, nicht nur durch Bücherwissen, sondern vor allem durch motivierendes Unterrichten und durch Originalbegegnungen.

„Alles soll wo immer möglich den Sinnen vorgeführt werden, was sichtbar dem Gesicht, was hörbar dem Gehör, was riechbar dem Geruch, was schmeckbar dem Geschmack, was fühlbar dem Tastsinn.“[3]

Trotzdem war aufgrund des sehr weiten Inhaltsspektrums von 142 Themen, das so erst 300 Jahre später im Sachunterricht wieder auftauchte, eine Vertriefung kaum möglich.[4]

2.2. Das 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert hatte die Anschauungspädagogik einen hohen Stellenwert. Die Realschulen waren verbreitet und gaben den stärksten Impuls für die Entstehung der Realien als Schulfächer. Berufsvorbereitende Kenntnisse und Fertigkeiten standen zuerst im Vordergrund, bis sie sich dann allmählich zu allgemeinbildenden Schulen entwickelten. Gymnasien ließen inzwischen neben Latein und Griechisch auch Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Geographie und Deutsch zu. Volksschulen (Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion) erfuhren Rückschritte aufgrund von Kinderarbeit.

Unter Anschauungsunterricht versteht man die bildliche Veranschaulichung als Methode, als primär visuelle Vermittlung. Durch die Anschauung von Haus, Hof, Garten etc. sollten die Kinder geographische und naturkundliche Inhalte lernen, die durch eine äußere, auf die bildliche Oberfläche orientierte Wahrnehmung erkennbar sind. Das Anzünden eines Streichholzes wäre ein Beispiel.

Man strukturierte den Unterricht im Sinne von „konzentrischen Kreisen“ um, vom Nahen zum Fernen: Je älter der Schüler wurde, über um so mehr Umgebung lernte er (erst Schulstube, dann Dorf, schließlich über das Land). Die Umgebung war der Inhalt des Unterrichts.

Als Ziel sollte die Anschauung das selbständige Denken und Handeln fördern. Dennoch gab es das schematische Lernen im Frage-Antwort-Schema und das Chorsprechen, so dass die Ergebnissicherung unmittelbar durch das Abfragen des Wissensstandes erfolgte. Ein weiterer Nachteil war, dass die Themen trotz der Industrialisierung auf den ländlichen Lebensraum bezogen waren.[5]

Ein Mitbegründer und großer Vertreter der Anschauungspädagogik war der 1786 geborene Schweizer Pädagoge Pestalozzi, der mit seiner Formel „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ auch heute noch viel zitiert wird. Für ihn bedeutete die Anschauung das Fundament der Erkenntnis, führte die reale Kenntnis wirklicher Gegenstände zur Weisheit und Wahrheit. Dagegen würde eine künstliche Bahn der Schule, die allenthalben die Ordnung der Worte der freien, wartenden, langsamen Natur verdrängt, den Menschen zu künstlichem Schimmer bilden, der den Mangel innerer Naturkraft bedeckt und Zeiten wie dieses Jahrhundert befriedigt.[6]

In der Mitte des 19. Jahrhundert entwickelte sich die Anschauungspädagogik vor allem durch die demokratischen Pädagogen Diesterweg und Harnisch weiter. Zusätzlich zum Bisherigen wurde nun der Vergleich mit anderen Ländern und Staaten als kosmopolitisches Ziel herangezogen. Der Begriff der Weltkunde fiel. Diesterweg stellte einer von ihm so genannten „Schule der Kirchenlehre“ eine „Schule der Pädagogik“ entgegen: statt Auswendiglernen Anschauen, statt Worte hersagen sich über eigene Wahrnehmung äußern, statt Glauben Nachdenken, statt gegebener Wahrheit selbstgefundene Wahrheit, statt Autorität und Passivität Selbständigkeit.

Beide konnten sich nicht durchsetzten und wurden ihres Postens enthoben bzw. zwangsversetzt.

In Nachfolge des bekannten Schulpädagogen Herbart empfahlen die Herbartianer das Legen von dünnen Stäbchen als schematische Abbildung der Form von Dingen wie z. B. eines Kirschbaums. Ob diese Darstellungsweise wirklich anschaulich ist, kann man bezweifeln.

Trotz all dieser Fortschritte stieß der Annschauungsunterricht mit seiner Begrenzung auf das Sinnesorgan Auge im vorigen Jahrhundert als zu progressiv auf heftigen Widerstand. Nach dem Niederschlagen der bürgerlichen Revolution (Paulskirche) verbot eine preußische Administration unter Stiehl 1854 den Sachunterricht völlig. Religion und Gehorsam waren aktuell (Stiehl'sche Regulative). Der Anschauungsunterricht war in Preußen erst 1872 wieder erlaubt.[7]

[...]


[1] Bäuml-Roßnagl, Sachunterricht in der Grundschule, S. 9

[2] Kaiser, Einführung in die Didaktik des Sachunterrichts, S. 13 f.

[3] Comenius, Didactica Magna, in: Bäuml-Roßnagl (Hrsg.), Sachunterricht, S. 59

[4] Kaiser, Einführung in die Didaktik des Sachunterrichts, S. 18 ff.

[5] ebenda, S. 22 f.

[6] Pestalozzi, Die Abendstunde eines Einsiedlers, in: Bäuml-Roßnagl (Hrsg.), Sachunterricht, S. 117

[7] Kaiser, Einführung in die Didaktik des Sachunterrichts, S. 24 ff.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Schul- und Konzeptgeschichte des Sachunterrichts
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Seminar
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V42216
ISBN (eBook)
9783638403054
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schul-, Konzeptgeschichte, Sachunterrichts, Seminar
Arbeit zitieren
Silke Gellhaus (Autor), 2001, Schul- und Konzeptgeschichte des Sachunterrichts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42216

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