Einleitung – Zeitordnung als neues Politikfeld?
Nehmen wir die existierenden, ökonomisch aufgeladenen Zeitverhältnisse hin und überlegen, wie wir deren destruktive Folgen sozialstaatlich integrieren können (Politik also als Reparaturbetrieb), oder versuchen wir, den Umgang mit Zeit den gesamtgesellschaftlichen Erfordernissen anzupassen (Politik als Gestaltungsaufgabe)? Eberling & Henckel 1998
Zeit und zeitliche Koordination rücken am Anfang des 21. Jahrhunderts in unserer immer schnelllebigeren Gesellschaft in den Vordergrund. Dabei geht es nicht mehr nur um altbekanntes und offensichtliches Zeitmanagement wie Arbeitszeitvereinbarungen oder Fahrplangestaltungen. Die zunehmende Flexibilisierung und Individualisierung unserer Gesellschaft lässt Zeitkonflikte immer offensichtlicher zu Tage treten. Zeitliche Konventionen, die sich in über lange Jahre festen zeitlichen Abläufen widerspiegeln (Tagesabläufe, Wochenabläufe, etc.), verlieren rasant an Gültigkeit.
Das Problematische an dieser Entwicklung ist weniger eine mangelnde Akzeptanz in der Gesellschaft für die Notwendigkeit zu einer Abkehr von tradierten Zeitabläufen als die Externalisierung der Kosten für das Zeitmanagement auf das Individuum. Die Auflösung von traditionellen Zeitabläufen hat vor allem auf Familien und soziale Gruppen destruktive Auswirkungen, soziale Strukturen werden durch die fehlenden gemeinsamen zeitlichen Konventionen in einen Arhythmus gebracht und letztlich durch die fehlende gemeinsame Zeitbasis zerstört oder zumindest nachhaltig negativ beeinflusst. (vgl. Eberling & Henckel 1998, S. 157)
Offenkundig treten hier Probleme zutage, die über kurz oder lang zum Entstehen eines neuen Politikfeldes beitragen werden bzw. müssen. Nach Eberling & Henckel entstehen neue Politikfelder oft durch die Veränderung von Bedingungen und Zuständen, die lange Zeit als selbstverständlich galten. Die durch die veränderten Bedingungen entstehenden Probleme werden zunehmend offenbarer und sensibilisieren die Bevölkerung zunehmend für das Thema. Vor allem wenn die externen Kosten für die Gesellschaft als solche erkannt werden, wird der Ruf nach politischen Lösungen lauter. Ein Beispiel für diesen Prozess ist die Etablierung der Umweltpolitik in der Gesellschaft seit den 80er Jahren – die fortschreitend sichtbar werdenden Umweltprobleme und die Verknappung der Umweltgüter sensibilisierten die Gesellschaft für die Notwendigkeit zur Etablierung dieses bisher eher stiefmütterlich behandelten Politikfeldes.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Zeitordnung als neues Politikfeld?
2. Analyse von Zeitverhältnissen
2.1 Taktgeber
2.2 Zeitkonflikte
3. Kommunale Zeitpolitik
3.1 Dimensionen kommunaler Zeitpolitik
3.2 Formen von Zeitpolitik
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Notwendigkeit und die Möglichkeiten einer kommunalen Zeitpolitik als Antwort auf die zunehmende Flexibilisierung und Individualisierung städtischer Zeitstrukturen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie Kommunen als Mediatoren zwischen wirtschaftlichen Interessen und sozialer Zeitautonomie agieren können, um die Lebensqualität im städtischen Gefüge durch bewusste Zeitgestaltung zu sichern.
- Analyse von Taktgebern städtischer Zeitstrukturen
- Identifikation und Kategorisierung von Zeitkonflikten
- Dimensionen und strategische Ansätze einer kommunalen Zeitpolitik
- Vergleich von Regulierungs-, Begrenzungs- sowie Konsensstrategien
- Bedeutung von Zeitkultur als Identitätsmerkmal der Stadt
Auszug aus dem Buch
2.1 Taktgeber
Taktgeber üben einen dominanten oder zumindest spürbaren Einfluss auf die zeitliche Struktur einer Stadt aus. Eberling & Henkel unterscheiden die im Folgenden genannten sechs Kategorien städtischer Taktgeber. Deutlich sei schon zu Anfang darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Differenzierung nur um eine anfängliche Systematisierung handeln kann. Zwischen den einzelnen Aspekten können zudem durchaus enge Verknüpfungen und Überschneidungen bestehen.
Als Beispiele für natürliche Rhythmen gelten der Ablauf der Jahreszeiten, das Wetter, Mondphasen oder der Hell-Dunkel-Rhythmus im Verlaufe des Tages. Obwohl die modernen Städte es zunehmend verstehen, beispielsweise über künstliche Beleuchtung oder Klimatisierung, die Effekte teilweise aufzuheben, kann der Biorhythmus des Menschen, der seit Jahrtausenden auf diese natürlichen Rhythmen eingestellt ist, nur bedingt getäuscht werden. Auch wenn hier nicht mehr ein so dominanter Einfluss des Taktgebers festzustellen ist, können spürbare Auswirkungen auf das städtische System erkannt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Zeitordnung als neues Politikfeld?: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Erosion tradierter Zeitabläufe in der Gesellschaft und begründet die Notwendigkeit, Zeit als neues Feld politischer Gestaltung zu begreifen.
2. Analyse von Zeitverhältnissen: Dieses Kapitel systematisiert städtische Zeitstrukturen durch die Untersuchung verschiedener Taktgeber und analysiert die aus der Flexibilisierung erwachsenden Zeitkonflikte.
3. Kommunale Zeitpolitik: Es werden die inhaltlichen Dimensionen und spezifische Strategien für eine aktive kommunale Zeitpolitik vorgestellt, die über eine reine Verwaltung von Zeit hinausgeht.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Relevanz der Zeitkultur für die Lebensqualität in der Stadt zusammen und betont die Notwendigkeit einer ganzheitlichen, konsensorientierten Zeitplanung.
Schlüsselwörter
Zeitpolitik, Stadtentwicklung, Zeitmanagement, Taktgeber, Zeitkonflikte, Flexibilisierung, Individualisierung, Zeitrhythmen, Stadtplanung, Lebensqualität, Zeitautonomie, Konsensstrategie, Zeitkultur, soziale Strukturen, Synchronisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Etablierung von Zeitpolitik als eigenständigem Politikfeld in der Stadtentwicklung, um der zunehmenden Entrhythmisierung und den daraus resultierenden sozialen Spannungen entgegenzuwirken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Identifizierung städtischer Taktgeber, die Analyse von Zeitkonflikten sowie die Ausarbeitung von Strategien zur Steuerung zeitlicher Abläufe auf kommunaler Ebene.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Städte durch gezielte Zeitpolitik einen Interessenausgleich schaffen können, um die soziale Kohäsion und Lebensqualität in einem globalisierten, flexiblen Umfeld zu bewahren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit raum- und zeittheoretischen Konzepten, insbesondere basierend auf der Systematik von Eberling & Henckel zur Kategorisierung von Taktgebern und Zeitkonflikten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse von Taktgebern (z.B. natürlich, räumlich, sozioökonomisch) sowie eine Untersuchung der vier Konflikttypen zwischen Taktgebern und Taktnehmern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Zeitpolitik, Taktgeber, Zeitkonflikte, Flexibilisierung und städtische Lebensqualität.
Welche Strategien für eine kommunale Zeitpolitik werden diskutiert?
Es werden drei Hauptstrategien unterschieden: die Deregulierungsstrategie, die Begrenzungsstrategie und die Kompromiss- und Konsensstrategie.
Warum ist die Unterscheidung zwischen dominanten und rezessiven Taktgebern wichtig?
Diese Differenzierung hilft zu verstehen, welche Faktoren die zeitliche Struktur einer Stadt maßgeblich prägen (dominante Faktoren wie Arbeitszeiten) und welche nur unterschwellig wirken, um zielgerichtetere politische Interventionen zu ermöglichen.
Inwiefern hat die räumliche Struktur Einfluss auf die zeitliche Organisation?
Die topographische Lage, die Siedlungsdichte und die polyzentrale oder monozentrale Stadtstruktur beeinflussen maßgeblich den "Taktschlag" einer Stadt und somit die zeitlichen Verhältnisse ihrer Bewohner.
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- Hilmar Schimming (Author), 2002, Zeitpolitik in der Stadtentwicklung und Erreichbarkeitsplanung - Ansätze einer kommunalen Zeitpolitik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42218