Auswirkungen der Globalisierung auf ausgewählte sozioökonomische Parameter und Handlungsfelder deutscher Frauen im berufsfähigen Alter


Diplomarbeit, 2005

88 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Globalisierung und ihre Einflüsse auf ökonomische und politische Strukturen
2.1 Begriffsbestimmung Globalisierung
2.2 Entwicklungsprozess der Globalisierung
2.2.1 Systematische Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur als Triebkräfte der Globalisierung
2.2.2 Unsystematische Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur als Triebkräfte der Globalisierung
2.2.3 Durch systematische und unsystematische Triebkräfte entstandene wirtschaftliche Globalisierungstendenzen
2.3 Wirkungen der Globalisierung auf ausgewählte gesellschaftspolitische Aspekte in Deutschland
2.3.1 Auswirkungen der Globalisierung auf die deutsche Politik
2.3.1.1 Produktionsstandort Deutschland
2.3.1.2 Rückgang der Steuereinnahmen
2.3.1.3 Veränderungen von nationalstaatlichen Machtstrukturen
2.3.1.4 Veränderungen von nicht-staatlichen Machtstrukturen
2.3.2 Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
2.3.2.1 Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen
2.3.2.2 Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen

3 Sozialstruktur der deutschen Frauen im berufsfähigen Alter am Ende der 90er Jahre
3.1 Statistische Daten zur Sozialstruktur der deutschen Frauen im erwerbsfähigen Alter
3.1.1 Ausgewählte Determinanten zur Frauendemographie
3.1.2 Berufliche Qualifikation von Frauen
3.1.3 Frauenerwerbstätigkeit nach Wirtschaftsbereich und Branchen
3.1.4 Frauenerwerbstätigkeit nach Beschäftigungsform
3.1.5 Frauenerwerbstätigkeit nach Berufsposition
3.1.6 Geschlechtsspezifische Erwerbseinkommen
3.1.7 Frauenarbeitslosigkeit
3.1.8 Frauen in ausgewählten Bereichen der sozialen Sicherung
3.1.9 Frauen im Bereich der Reproduktionsarbeit
3.2 Entstehung und statusbezogene Wirkungen der Sozialstruktur deutscher Frauen
3.2.1 Herstellung von Geschlechterungleichheiten über kritische Zeitpunkte in der Erwerbsbiographie deutscher Frauen
3.2.1.1 Die Wahl der beruflichen Qualifikation und die Folgen für den Geschlechterstatus
3.2.1.2 Berufliches Verhalten während der Familiengründung und die Folgen für den Geschlechterstatus
3.2.2 Prägung der erwerbsbiographisch kritischen Zeitpunkte deutscher Frauen durch sozioökonomische Rahmenbedingungen
3.2.2.1 Geschlechtermodell als kulturelles Leitbild
3.2.2.2 Betriebliches Handeln
3.2.2.3 Verhalten gesellschaftlicher Institutionen
3.2.2.4 Leitbilder von Frauen während ihres biographischen Handelns
3.2.2.5 Wechselbeziehungen der geschlechtsverhältniserzeugenden Mechanismen

4 Auswirkungen der Globalisierung auf geschlechterbeeinflussende Sphären in der deutschen Gesellschaft
4.1 Einfluss der sozialstaatlichen und arbeitsmarktlichen Änderungen auf die weibliche Situation
4.1.1 Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II
4.1.2 Veränderungen beim Arbeitslosengeld
4.1.3 Neustrukturierung hin zur Bundesagentur für Arbeit
4.1.4 Ausweitung der Minijobs
4.1.4.1 Tendenz zur weiblichen Dominanz in Minijobs
4.1.4.2 Selbstverstärkende Ausweitung von Minijobs bei gleichzeitigem Abbau von Normalarbeitsverhältnissen
4.1.5 Deregulierung von Arbeitsverhältnissen
4.1.6 Ich-AG
4.1.7 Veränderungen von institutionellen Einrichtungen
4.1.7.1 Privatisierung öffentlicher Dienstleistungsbereiche
4.1.7.2 Kompensation des Rückgangs öffentlicher Leistungen durch den Ausbau einer Bürgergesellschaft
4.1.7.3 Bereitstellung öffentlicher Kinderbetreuungsplätze
4.2 Politische und ökonomische Einflussmöglichkeiten von Frauen in Zeiten der Globalisierung
4.2.1 Informalisierung und Internationalisierung von Politik im Zusammenhang mit weiblichen Einwirkmöglichkeiten
4.2.1.1 Begrenzung weiblicher Partizipation
4.2.1.2 Möglichkeiten weiblicher Partizipation
4.2.2 Partizipation von Frauen am Marktgeschehen
4.2.3 Veränderungen im Bereich der Frauenpolitik
4.3 Einfluss der Globalisierung auf die Geschlechterrollen
4.3.1 Einflüsse der Globalisierung, welche mit der traditionellen Ausrichtung der Geschlechtsrollen gleich laufen
4.3.2 Einflüsse der Globalisierung, welche die gleichberechtigte Ausrichtung von Geschlechterrollen unterstützen
4.3.3 Gegenüberstellung der traditionellen und gleichberechtigten Kräfte

5 Zusammenfassung

6 Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Weltweite Entwicklung des Handels

Abbildung 2 Anteil der erwerbstätigen Frauen und Männer nach Wirtschaftsbereichen in % - Deutschland 1998

Abbildung 3 Abhängig Beschäftigte nach Beschäftigungsform. Anteil der voll- und teilzeitbeschäftigten Frauen bzw. Männer an allen abhängig beschäftigten Frauen bzw. Männer der jeweiligen Altersgruppe

Abbildung 4 Erwerbsbeteiligung der Frauen ohne und mit Kindern im Haushalt und nach Alter des jüngsten Kindes – Deutschland 1996

Abbildung 5 Abhängig Beschäftigte nach Stellung im Betrieb. Anteil an allen abhängig Beschäftigten in der jeweiligen betrieblichen Stellung

Abbildung 6 Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente – Deutschland 1998

Abbildung 7 Bezahlte und unbezahlte Arbeit in einer Woche – Deutschland 2001/2002

Abbildung 8 Arbeitsteilung von Paaren - Deutschland 2001/02

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Wohnbevölkerung nach Familienstand in % - Deutschland 1997

Tabelle 2 Bevölkerung nach höchstem beruflichen Bildungsabschluss - Deutschland 1997

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Eines der wichtigsten politischen Themen unserer Zeit ist die Globalisierung, welche bei politischen Streitfragen fast immer eine Rolle spielt. Denn über ihren Einfluss kommt es zu rasanten weltweiten Veränderungen von ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnissen. Diese Dynamik macht auch vor den Grenzen Deutschlands nicht halt, was zu grundlegenden Veränderungen der bundesdeutschen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Struktur führt. Die hiervon tangierten Aspekte sind sehr vielfältig und schließen ebenfalls das Gefüge von Frauen und Geschlechterverhältnissen mit ein. Denn selbst wenn das Thema Frau und Globalisierung in der öffentlichen Diskussion kaum angesprochen wird, wirken die Globalisierungseinflüsse nicht geschlechtsneutral. Untersuchungen ergeben vielmehr, dass die gesellschaftliche Gruppe der Frauen weltweit in einem besonderen Maße von den Umformungen in Ökonomie und Staat betroffen ist. Inwiefern dies auf deutsche Frauen zutrifft, wird in der vorliegenden Arbeit anhand ausgewählter sozioökonomischer Parameter und Handlungsfelder deutscher Frauen auf der gesellschaftlichen Ebene ausgeforscht.

Die Analyse bezüglich möglicher Auswirkungen der Globalisierung auf die Situation deutscher Frauen orientiert sich an den allgemeinen frauenpolitischen Forderungen nach gleichen Rechten und gleichen Chancen für die Frau, nach der Partnerschaft in Familie, Beruf und Gesellschaft sowie nach der Beteiligung der Frau an den Entscheidungsgremien in Politik, Wirtschaft und Verwaltung[1]. Das Zentrum der vorliegenden Arbeit wird dabei auf den Bereich der wirtschaftlichen Beteiligung über die Erwerbsarbeit gelegt. Denn sie nimmt eine herausragende Stellung zur Realisierung der Gleichstellung ein, da hierüber die Grundlage für eine eigenständige nicht mehr von der Ehe abgeleiteten sozialen Sicherung gebildet wird sowie die Teilhabe an politischen und ökonomischen Entscheidungen mitbestimmt wird. Um diesen Kern gruppieren sich weitere Aspekte wie die Reproduktionsarbeit oder der Bezug von staatlichen Zuwendungen, da es sich hierbei um Gesichtspunkte handelt, welche Einfluss auf die weibliche berufliche Tätigkeit sowie die weibliche Eigenständigkeit nehmen. Mit Hilfe dieser Betrachtungspunkte werden die Folgen der Globalisierungsdynamik auf die emanzipierte Stellung der Frau sowie ihrer Handlungspotenziale in der deutschen Gesellschaft ermittelt.

Um eine Aussage über die Auswirkungen der Globalisierung auf ausgewählte sozioökonomische Parameter und Handlungsfelder deutscher Frauen machen zu können, ist eine sorgfältige Betrachtung der beteiligten Größen notwendig. Hierzu wird im ersten Teil der Arbeit das Phänomen der Globalisierung vorgestellt. Dazu werden zunächst die Gründe zusammengestellt, welche zur Globalisierung der Weltwirtschaft geführt haben. Hieraus ergeben sich Auswirkungen im wirtschaftlichen und politischen Bereich, die darauffolgend benannt werden.

Im zweiten Teil wird die weibliche Sozialstruktur am Ende der 90er Jahre in Deutschland vorgestellt. Denn hierüber lässt sich ermitteln, auf welchen geschlechtlichen Kontext die Wirkungen der Globalisierung treffen und welche sozialen Handlungen und Prozesse sich hierüber prognostizieren lassen. Aufgrund der bereits erläuterten Orientierung dieser Arbeit werden dazu die statistisch belegten weiblichen Strukturen der Erwerbs- und Reproduktionsarbeit vorgestellt. Dabei wird diese Formation mit der jeweiligen männlichen Struktur verglichen, woraus ersichtlich wird, dass am Ende des 20. Jahrhunderts nicht von einer Gleichberechtigung der Geschlechter gesprochen werden kann. Hieran anschließend werden deshalb die Mechanismen vorgestellt, welche diese intergeschlechtlich ungleiche Sozialstruktur entstehen lassen und welche statusbezogenen Wirkungen sich hierüber für die Frauen ergeben.

Auf dem Verständnis vom Phänomen der Globalisierung sowie der Sozialstruktur deutscher Frauen aufbauend, werden im dritten Teil die „Auswirkungen der Globalisierung auf geschlechterbeeinflussende Sphären in der deutschen Gesellschaft“ beleuchtet. Hierzu werden Veränderungen vorgestellt, welche sozialstaatliche Leistungen, den Arbeitsmarkt sowie die politischen und ökonomischen Einflussmöglichkeiten von Frauen betreffen. Die diesbezüglichen Informationen werden dabei hinsichtlich ihrer voraussichtlichen Konsequenzen für die geschlechtliche Rollenverteilung sowie der weiblichen Handlungspotenziale untersucht. Hieraus lassen sich Auswirkungen der Globalisierung herauskristallisieren, die sich auf ausgewählte sozioökonomische Parameter und Handlungsfelder deutscher Frauen im berufsfähigen Alter beziehen und damit Einfluss auf die Realisierung der Emanzipation nehmen.

2 Globalisierung und ihre Einflüsse auf ökonomische und politische Strukturen

Globalisierung ist ein in der Öffentlichkeit häufig verwendeter Begriff, dessen genaue Charakteristik jedoch meist nicht eindeutig klar ist.[2] Um ein Verständnis bekommen zu können, was sich hinter diesem Wort verbirgt, werden in diesem Kapitel jene markanten Zusammenhänge herausgearbeitet, welche die Globalisierung ausmachen. Dazu wird zur Orientierung zunächst eine Begriffsbestimmung an den Anfang gestellt. Im Anschluss hieran folgt eine Skizzierung des Entwicklungsprozesses der Globalisierung seit dem Ende des 2. Weltkriegs und welche wirtschaftlichen Entwicklungen sich hieraus ergeben haben. Die damit verbundenen gesellschaftspolitischen Wirkungen in Deutschland werden im dritten Abschnitt vorgestellt.

2.1 Begriffsbestimmung Globalisierung

Bevor an dieser Stelle eine Begriffsbestimmung zur Globalisierung vorgestellt wird, sei darauf hingewiesen, dass bisher keine einheitliche Definition zur Globalisierung entwickelt wurde. Aus diesem Grund ist die hier vorgestellte Globalisierungsauslegung als eine richtungsweisende Begriffsbestimmung und nicht als eine allgemein gültige Definition zu verstehen.

Globalisierung ist ein „Prozess, durch den Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern immer mehr voneinander abhängig werden – dank der Dynamik des Handels mit Gütern und Dienstleistungen und durch die Bewegung von Kapital in Technologie.“ (OECD)[3]

Mit diesen Begriffsbestimmungen lässt sich ein erstes Verständnis dafür entwickeln, was sich hinter dem Begriff der Globalisierung verbirgt. Woher dieses Phänomen stammt und welche Folgen sich daraus ergeben, wird im Folgenden genauer betrachtet.

2.2 Entwicklungsprozess der Globalisierung

Der Begriff der Globalisierung ist zwar erst seit Anfang der 90er Jahre aufgetreten und in diesem Jahrzehnt allgegenwärtig geworden[4], das dahinterstehende Phänomen ist jedoch Ergebnis einer lang andauernden Entwicklung, die vielfältige grenzüberschreitende Aktivitäten umfasst[5]. Diese Vorgänge werden in den folgenden Teilabschnitten vorgestellt, deren Nachzeichnung am Ende des 2. Weltkriegs beginnt, da nach diesem Ereignis die wirtschaftlichen Verflechtungen und die Außenhandelsausdehnung zu vorrangigen politischen Zielen werden.[6] Dies führt dazu, dass gezielte, schrittweise verlaufende Prozesse initiiert werden, deren grundlegende Stationen im ersten Teilabschnitt vorgestellt werden. Daneben wirken außerdem unsystematische Vorgänge auf das wirtschaftliche Geschehen, welche im zweiten Teilabschnitt erläutert werden. Im dritten Teilabschnitt werden die wirtschaftlichen Entwicklungen aufgezeigt, die sich über das gemeinsame Wirken der systematischen und unsystematischen Veränderungen ergeben.

2.2.1 Systematische Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur als Triebkräfte der Globalisierung

Die gezielten Veränderungen der wirtschaftlichen Strukturen beginnen bereits vor Ende des 2. Weltkrieges mit der Gründung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) 1944 in Bretton Woods. Damit werden die institutionellen Grundlagen für die angestrebte internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit gelegt.[7]

Um den grenzüberschreitenden Handel möglichst hemmnisfrei zu organisieren, wird 1947 das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) gegründet. Hierüber werden in insgesamt acht GATT-Runden unter den Mitgliedsstaaten in fast allen Marktsegmenten die Zölle entscheidend gesenkt und nicht-tarifäre Handelshemmnisse abgebaut.[8]

Besonders die letzte Runde, die Uruguay-Runde von 1986-1994, hat im Verhältnis zu vorher­gehenden Runden deutlich größere Auswirkungen. Der Grund liegt unter anderem in der Liberalisierung von Dienstleistungen, welche im Allgemeinen Handelsabkommen für Dienstleistungen (GATS) festgeschrieben sind.[9]

Das GATT wird nach Abschluss der Uruguay-Runde im Jahr 1994 abgelöst von der Welthandelsorganisation (WTO). Die Aufgaben dieser neuen Institution bestehen darin, einen internationalen Rahmen für Verhandlungen, Vereinbarungen von Handelsregeln sowie zur Streitbeilegung bereitzustellen. Um diese Aufgaben erfüllen zu können, werden die Zuständigkeiten der WTO um zusätzliche Themen neben den vormaligen GATT-Themen erweitert sowie mit effektiven Sanktionsmechanismen ausgestattet.[10]

Ihre Weltgeltung hat in der verhältnismäßig geringen Zeit ihres Bestehens stark zugenommen, was man am erheblichen Anwachsen der Mitgliedsländer ablesen kann. Im Jahr ihrer Arbeitsaufnahme 1995 gehören ihr 76 Staaten an, während es 2002 bereits 144 Mitglieder sind.[11]

Als weitere Institution, welche das Phänomen der Globalisierung gestützt hat, ist die Bildung des regionalen Wirtschaftsblocks in Europa, namentlich der heutigen Europäischen Union (EU), zu nennen. Denn innerhalb dieses Systems kommt es zu einem Abbau der Grenzen sowie hinderlicher Zoll- und anderer Wirtschaftsschranken und zur Liberalisierung der Märkte einschließlich der Kapitalmärkte.[12]

Diese Politik dient weiteren Wirtschaftsblöcken in anderen Weltregionen als Vorbild und hat außerdem zusammen mit den USA einen maßgeblichen Einfluss auf die Politik der vorgestellten Institutionen.[13]

Das wesentliche Wirken der aufgeführten supranationalen politischen Organe zielt somit darauf ab, die Handelshemmnisse zwischen den Staaten abzubauen und einen länderübergreifenden Handel realisieren zu können.[14]

2.2.2 Unsystematische Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur als Triebkräfte der Globalisierung

Neben der Liberalisierung des internationalen Handels ist ferner der Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Osteuropa und die Entwicklung der Computer- und Informationstechnik entscheidend für die Gestaltung der ökonomischen Struktur in den 90er Jahren:[15]

Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus ist die Auflösung des politisch motivierten Systemwettbewerbs zwischen Ost und West verbunden.[16] Es haben sich neue Absatzmärkte und Konkurrenten in den marktwirtschaftlich orientierten Staaten in Ostmitteleuropa und Südostasien entwickelt, welche die weltweiten Handelsströme erhöhen.[17] Daran gekoppelt hat sich an die Stelle des Systemwettbewerbs zwischen fast allen Staaten ein vorwiegend ökonomisch motivierter Standortwettbewerb entfaltet.[18]

Aber auch die rapide Entwicklung und seit Anfang der 90er Jahre rasant ansteigende kommerzielle Nutzung der Computer- und Informationstechnik verändert die Handelsstrukturen grundlegend.[19] Denn der intensive kommerzielle Einsatz ermöglicht eine neuartige, weltweit verflochtene Produktionstechnik und Logistik, die sekundenschnelle weltweite Finanztransaktionen sowie Preisvergleiche zulässt. Das Ergebnis ist die Herausbildung eines intensivierten Kostenwettbewerbs.[20]

2.2.3 Durch systematische und unsystematische Triebkräfte entstandene wirtschaftliche Globalisierungstendenzen

Die Einflüsse der systematischen und unsystematischen Triebkräfte sowie ihr Zusammenwirken haben zur Intensivierung des Welthandels geführt. Dieser lässt sich mit Beginn der 70er bis zu den 90er Jahren auf den Zollabbau sowie auf die Handelsderegulierung zurückführen. Ab den 90er Jahren haben sich zu den Triebkräften der Liberalisierung noch die unsystematischen Dynamiken hinzugesellt, wie sie im vorhergehenden Teilabschnitt erläutert sind. Die Folge ist ein sprunghafter Anstieg des Exports in den 90er Jahren, was in Abbildung 1 deutlich hervortritt.[21]

Abbildung 1 Weltweite Entwicklung des Handels

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung modifiziert nach Deutscher Bundestag 2002, S. 51

Der Außenhandel (Export) hat seit den 60er Jahren einen linear ansteigenden Verlauf, der in den 90er Jahren, dem Jahrzehnt in dem sich der Globalisierungsbegriff verbreitet hat[22], sprunghaft angestiegen ist.

Mit der Intensivierung des Welthandels ist es zur Herausbildung globaler Finanzmärkte gekommen. Diese dienen anfänglich der Finanzierung von Direktinvestitionen und haben sich dann mit der Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte seit den 70er Jahren verselbständigt.[23]

Dabei wachsen die globalen Finanzmärkte um ein Vielfaches schneller als der Welthandel. So dienen in den späten 90er Jahren nur noch circa 5% des Handels an den Weltdevisenbörsen der Finanzierung von Handelsgeschäften und Direktinvestitionen, während der große Rest Interbankenhandel darstellt.[24]

Die Liquidität der globalen Finanzmärkte ist enorm gestiegen. Dies ermöglicht sogenannte Arbitragegeschäfte, in denen das kurzfristige Kapital wendig dorthin transferiert wird, wo die kurzfristigen Renditen am höchsten sind.[25]

Ferner ist es durch die Intensivierung des Welthandels zu einer deutlichen Zunahme von transnationalen Unternehmen (TNU) gekommen, welche Waren und Dienstleistungen jenseits ihrer nationalen Grenzen produzieren.[26] Sind es zu Beginn der 90er Jahre circa 7000 TNU, gibt es im Jahr 2003 bereits 65.000 Muttergesellschaften mit 850.000 Tochtergesellschaften.[27]

Verbunden mit der globalisierten Produktion ist ein breiter Strom an grenzüberschreitenden Direktinvestitionen.[28]

2.3 Wirkungen der Globalisierung auf ausgewählte gesellschaftspolitische Aspekte in Deutschland

Die im vorhergehenden Abschnitt vorgestellten Veränderungen führen dazu, dass die ganze Welt zu einem Produktionsstandort wird und es zunehmend zur Realisierung einer freien Welt-Markt-Wirtschaft kommt. In der soll ein Produzent in jeder Region der Welt ohne Beschränkungen ein Produkt herstellen und anbieten können.[29]

Hierüber stehen den global tätigen Unternehmen einerseits große neue Absatzmärkte zur Verfügung und andererseits müssen sie auf ihren traditionellen Absatzmärkten gegen eine verschärfte Konkurrenz aus anderen Teilen der Welt ankämpfen. Dies zwingt die Unternehmen dazu, ihre Produkte effizient, qualitativ hochwertig und möglichst kostengünstig herzustellen, um mit der internationalen Konkurrenz mithalten zu können.[30]

Es entsteht ein Konkurrenzkampf, der weitreichende Folgen auf die nationalstaatlichen Gesellschaften im Allgemeinen und auf die deutsche Gesellschaft im Speziellen hat, wie in den folgenden Teilabschnitten gezeigt wird.[31] Dabei sind jedoch nicht alle Transformationen ausschließlich globalisierungsbedingt. Häufig ist die Globalisierung als ein Katalysator für ohnehin anstehende Veränderung beteiligt.[32]

2.3.1 Auswirkungen der Globalisierung auf die deutsche Politik

Der Konkurrenzkampf der global tätigen Unternehmen fördert vielfältige und grundlegende Veränderungen im Bereich der staatlichen Organisation und Machtstruktur, wie in den kommenden drei Unterpunkten gezeigt wird.

Dabei beschränkt sich die Modifikation politischer Möglichkeiten nicht nur auf die staatlichen Strukturen. Ferner wird auch die Einflussnahme von nicht-staatlichen Organisationen (NGO) tangiert, wie im vierten Unterpunkt dargestellt wird.

2.3.1.1 Produktionsstandort Deutschland

Auf die Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens hat es einen maßgeblichen Einfluss, welche Produktionsbedingungen vom Produktionsstandort als Rahmen vorgegeben werden. Hieraus haben sich globale Standards entwickelt, die einen Nationalstaat für unternehmerische Direktinvestitionen attraktiv machen.[33] Damit steigt die Wahrscheinlichkeit der Investition in einem Land mit dem Vorhandensein von günstigen Bedingungen für das Unternehmen.[34] Für den Standort wiederum sind Direktinvestitionen wichtig, da hierüber volkswirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung gesichert bzw. hervorgerufen werden.[35] Dies führt dazu, dass es mit der Globalisierung zu einer Verschärfung des Anpassungsdrucks der jeweiligen „Standorte“ an solche globalen Standards gekommen ist.[36]

Zu den globalen Standards zählt ein minimalistischer Staat, der möglichst wenig in Form von Marktregulierungen in das Marktgeschehen eingreift.[37]

Indem jedoch in Deutschland die soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung wirkt, hat der Staat erhebliche Eingriffs- und Kontrollrechte in wichtigen ökonomischen und sozialen Gebieten.[38] Zu nennen sind hier unter anderem die Bereiche der arbeitsrechtlichen Regelung, der Steuerpolitik und der sozialen Sicherung.[39]

Inwiefern sich die Einflussnahme des Staates auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirkt, soll an folgendem Sachverhalt offenbart werden:

Um die Absicherung gegen die Risiken von Krankheit und Arbeitslosigkeit gewährleisten zu können, werden auf Löhne und Gehälter Sozialbeiträge erhoben. Diese werden je zur Hälfte von den Beschäftigten und den Arbeitgebern getragen. Hierdurch entstehen Lohnzusatzkosten, die sich 2001 auf 81,2% des Bruttolohns belaufen haben. Dies ist ein Nachteil für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Denn durch die hohen Arbeits- und Lohnzusatzkosten wird die Produktion für ein Unternehmen um ein Vielfaches teurer als die Produktion in einem Land mit niedrigeren Arbeits- und Lohnzusatzkosten.[40]

Dies macht deutlich, dass ein Sozialstaat wie er in Deutschland praktiziert wird, im Gegensatz zu einem Wettbewerbsstaat, Standortnachteile hat.[41]

Aus diesem Grund wird in der öffentlichen Diskussion Deutschlands darüber nachgedacht, ob das Land noch als konkurrenzfähig eingestuft werden kann. Konkret heißt dies, inwiefern seine hohen Sozialstandards, der Umfang seiner Steuern und seine arbeitsrechtlichen Regelungen, wie z. B. Kündigungsschutzbestimmungen hinderlich im globalen Wettbewerb wirken.[42]

Aufgrund der momentan herrschenden Auffassung, dass es keine andere Alternative als die neoliberale Politik gibt[43], geht die Diskussion deshalb zunehmend zur Reform des Sozialstaates über[44]. Im Rahmen der Agenda 2010 sind diesbezüglich bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt und eingeleitet worden, wie dies beispielsweise in den Hartz-Reformen der Fall ist.[45]

2.3.1.2 Rückgang der Steuereinnahmen

Doch nicht nur aufgrund des Standortdrucks kommt es zum Umbau der Staatstrukturen. Unter Druck gesetzt wird der Sozialstaat ferner durch die für das Kapital bestehenden Durchlässigkeit der Landesgrenzen. Diese ermöglicht es Banken und anderen Kapitalanlegern, ihr Kapital innerhalb weniger Minuten vor dem Zugriff der deutschen Finanzämter zu schützen.[46]

Die Deutsche Steuergewerkschaft vermutet, dass 2003 die Größenordnung des auf ausländischen Konten gehorteten Kapitals bei geschätzten 400 bis 500 Milliarden Euro liegt. Von den erzielten Zinserträgen werden schätzungsweise lediglich ein Drittel beim Finanzamt deklariert, womit zwei Drittel der Zinserträge nicht versteuert werden können. Dies führt zu einem jährlichen Steuerausfall von circa zehn bis 20 Milliarden Euro.[47]

Verluste im Bereich der Steuereinnahmen gibt es ferner bei der Besteuerung von Unternehmen. Über spezifische Gewinnbilanzierungen ist es den Unternehmen und ihren Tochtergesellschaften möglich, ihre Gewinne dort auszuweisen, wo die Besteuerung am günstigsten ist.[48]

Über die geringeren Steuereinnahmen gerät der Sozialstaat unter Finanzierungsdruck, da öffentliche Gelder fehlen, um Leistungen für die Bürger und Bürgerinnen kostenlos bzw. kostengünstig zur Verfügung zu stellen. Dies hat zur Folge, dass Bund, Länder und Gemeinden solche Leistungen verringern müssen. So steht für Sozialarbeit weniger Geld zur Verfügung und es kommt zu Schließungen von Frauenhäusern, Jugendhäusern, Kindergärten, Spielplätzen, Hallenbädern, Kulturzentren oder Theatern, um nur einige Einsparungen zu nennen.[49]

2.3.1.3 Veränderungen von nationalstaatlichen Machtstrukturen

Ein weiteres Feld des Wandels staatlicher Organisationen durch den Globalisierungseinfluss ergibt sich durch die neue Koordination deutscher Politik. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Internationalisierung und Informalisierung von Politik:[50]

Hinter der Internationalisierung von Politik verbirgt sich eine ansteigende Verlagerung politischer Entscheidungen auf supranationale Institutionen. Dabei sind nicht nur Organe der EU oder der vorgestellten Institutionen der Weltwirtschaft wie beispielsweise die WTO gemeint. Auch Kommandozentralen der Wirtschaft, in denen Geldströme dirigiert und Entscheidungen getroffen werden, können mit einbezogen werden.

Die Internationalisierung von Politik ist damit eine Entstaatlichung politischer Entscheidungen.[51]

Die Herausbildung neuer Verhandlungsnetzwerke ist mit der Informalisierung von Politik zu benennen.[52]

Dies bedeutet, dass staatliche Institutionen nicht mehr die alleinigen oder bevorrechtigten Akteure der politischen Steuerung sind. Vielmehr sind sie oft nur noch Vermittler, die zusammen mit nicht-staatlichen Akteuren einen verhältnismäßig nicht-hierarchischen Steuerungsprozess koordinieren.[53]

Dabei sind es die ressourcenstarken Gruppen, die Zugang zu solch öffentlich diskret handelnden Verhandlungssystemen haben. Zu ihnen zählen zu einem großen Teil nationale Interessensverbände der Wirtschaft und des Arbeitslebens, denen von der Bundesregierung ein hoher Stellenwert bei der politischen Gestaltung eingeräumt wird.[54] Weiterhin zählen zur ressourcenstarken Gruppe die internationalisierte Elite der Ökonomie.[55]

Durch die starke Präsens der ressourcenstarken Gruppen haben ressourcenschwache Gruppen deutlich weniger Möglichkeiten, ihre Interessen in den Verhandlungssystemen vertreten zu können.

Hiermit haben sich Strukturen entwickelt, die ein zunehmend geschlosseneres Netzwerk begünstigen, welches die politischen Rahmenbedingungen nach den eigenen Vorstellungen gestalten kann.

Durch den über die Internationalisierung und Informalisierung wachsenden Positionsverlust des Staates, kommt es zu einer sich ausbreitenden Aushöhlung der Demokratie, da die Möglichkeit zu einseitigen Interessensdurchsetzungen besteht.[56]

Obwohl diese Veränderungen verlustreich auf das Demokratieprinzip wirken, kann die Regierung aufgrund der Macht des Kapitals diesen Gang bisher nicht konsequent abwenden. Denn über die neuen globalen Machtverteilungen bei gleichzeitig starker Involvierung in die Weltwirtschaft gerät der Nationalstaat zunehmend in den Wettbewerb der Standorte.[57] Hierdurch befindet sich der Staat in der Situation, seine Gegebenheiten so abstimmen zu müssen, dass er für Direktinvestitionen attraktiv wird und die Anpassung kleiner und mittlerer Unternehmen an die neuen ökonomischen Strukturen erleichtert.[58]

2.3.1.4 Veränderungen von nicht-staatlichen Machtstrukturen

Nicht nur im staatlichen Bereich verändern sich die Einflussmöglichkeiten, auch im Bereich der politischen Gestaltung von NGOs kommt es zur Umwandlung bzw. Neugestaltung von Machstrukturen. Erläutert werden soll dies über die Darstellung von zwei Beispielen.

Im ersten Beispiel wird die Geltungsänderung der Gewerkschaften angesprochen und im zweiten Beispiel werden neue Einflussstrukturen über die Arbeit des globalisierungskritischen Netzwerks ATTAC umrissen.

Beispiel 1: Geltungsänderung der Gewerkschaften

Das Kapital ist höchst mobil und kann sich die Orte und Staaten aussuchen, in denen es die höchsten Erträge erzielt. Über die Standortunabhängigkeit gewinnt das Kapital in der Globalisierung stark an Macht. Während sich auf der anderen Seite die verhältnismäßig immobile Arbeitnehmerschaft negativ auf die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften auswirkt.

Offensichtlich werden die Stärkeunterschiede vor allem darin, dass die Arbeitgeber den Arbeitnehmern bzw. ihren Verhandlungsinstitutionen - den Gewerkschaften und Betriebsräten - mit der Verlagerung des Betriebsstandorts ins Ausland drohen.

Es kommt also zur Machtverschiebung zwischen den Tarifpartnern, die zu einem Machtungleichgewicht zu Ungunsten der Gewerkschaften führt.[59]

Neben dem eben vorgestellten Zusammenhang, der zur Einbuße an Verhandlungsmacht der Gewerkschaften führt, wird ihre Macht zudem über die Abnahme der Solidaritätsbereitschaft in der Bevölkerung geschwächt. Denn durch die Tendenz, nur noch Beiträge zahlen zu wollen, auf die man unmittelbar angewiesen ist, kommt es zu Gewerkschaftsaustritten. Dieser Mitgliederschwund und die damit verbundenen geringeren finanziellen Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge führen zur Verringerung der Vertretungsmacht der Gewerkschaften.[60]

Beispiel 2: ATTAC

Das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC wurde 1998 in Paris gegründet und hat seitdem seine Arbeit auf 40 Länder ausgeweitet. Auch in Deutschland haben sich in 160 Regionalgruppen rund 12.000 Menschen organisiert.

Dabei arbeitet das Bündnis nicht mit einem detaillierten Programm. Stattdessen werden unter dem einigenden Band der Kritik an der unkontrollierten Globalisierung die vielen Regionalgruppen autonom tätig. Ihr Engagement richtet sich gegen die Globalisierungsfolgen, die entstehen wenn nur der freie Welthandel im Mittelpunkt der weltweiten Verflechtungen steht.

In ihrem Vorgehen konzentriert sich ATTAC dabei weniger auf Lobbygespräche mit Politikern und Parteien. Vielmehr setzen sie ihren Schwerpunkt auf den Versuch, öffentlichen Druck beispielsweise gegen die Privatisierung des Renten- und Gesundheitssystems zu organisieren. Bei den eingesetzten Mitteln handelt es sich unter anderem um Publikationen, Informationsveranstaltungen oder Demonstrationen.

In diesem Vorgehen kann ATTAC in zweifacher Hinsicht Erfolge verzeichnen.

Zum einen können jüngere Menschen, die von Parteien und Gewerkschaften eher abgeschreckt sind, wieder für Politik begeistert werden.[61]

Zum anderen haben die Aktionen dazu beigetragen, dass die Probleme, die im Zuge der Globalisierung auftreten, in der Politik weit offener diskutiert werden. Zwar zeichnen sich noch keine Lösungen ab. Doch die Politik ist gefordert, weil ATTAC viele Fragen stellt, die über Jahre nicht angesprochen wurden.[62]

Diese beiden Beispiele machen deutlich, dass es auch außerhalb staatlicher Machtstrukturen zu Neuausrichtungen kommt. Während traditionelle Organisationen wie Gewerkschaften an Stärke verlieren, bilden sich an anderer Stelle neuartige Gestaltungsorganisationen, wie das im soeben genannten Beispiel verwendete Netzwerk ATTAC.

2.3.2 Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Die weltweiten wirtschaftlichen Veränderungen wirken sich nicht nur strukturverändernd auf die deutsche Politik sondern auch auf den Arbeitsmarkt aus. Zum einen stellt sich der Strukturwandel in der allmählichen Ablösung des Normalarbeitsverhältnisses durch sogenannte atypische oder flexibilisierte Arbeitsverhältnisse dar. Zum anderen werden durch die fortschreitende Liberalisierung des Dienstleistungssektors in einem großen Arbeitsbereich neue Formen eingeführt. In einem jeweiligen Unterpunkt werden die angesprochenen Änderungen des Arbeitsmarktes dargestellt.

2.3.2.1 Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen

Um für global agierende Unternehmen Arbeitskosten und Steuerbelastungen zu senken, steigt seit den 80er Jahren der Druck, den Arbeitsmarkt und damit die Beschäftigungssituation zu flexibilisieren.[63] Dies bedeutet zum einen die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, welches sich über eine dauerhafte, unbefristete abhängige Vollzeitbeschäftigung auszeichnet.[64] Zum anderen kommt es zur Zunahme von atypischen Beschäftigungsformen[65], welche mit der Entstandardisierung von Arbeitsverträgen, Arbeitszeiten und Arbeitsentgelten verbunden sind.[66] Die Folge ist die Zunahme von Teilzeitarbeit, geringfügiger oder befristeter Beschäftigung, Mehrfachbeschäftigung, Scheinselbständigkeit und informellen Arbeitsverhältnissen.[67] Hierbei handelt es sich um Beschäftigungsformen, bei denen es sich mit steigender Tendenz um sozialversicherungsfreie Erwerbsarbeit handelt, wodurch die Standards sozialer Sicherung für viele Arbeitnehmer nicht mehr zugänglich sind.[68]

Die Charakteristika flexibler Beschäftigung führen häufig dazu, dass sich die Berufstätigen dieser Arbeitsverhältnisse in einer Abhängigkeit zum Arbeitgeber sowie in Ungewissheit bezüglich zukünftiger Einkommenschancen befinden. Zudem kommt es zur Polarisierung der Einkommen und Arbeitsbedingungen im Verhältnis zu Beschäftigten in Normalarbeitsverhältnissen.[69] Dies führt insgesamt zu einer voraussichtlichen Erhöhung der sozialen Verwundbarkeit von Menschen in den vorgestellten flexibilisierten Arbeitsverhältnissen.[70]

2.3.2.2 Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen

Eine wesentliche Folgewirkung der Globalisierung ist die Liberalisierung der Dienstleistungsmärkte wie sie im GATS-Abkommen festgeschrieben ist.[71] Da es sich bei der öffentlichen Daseinsvorsorge in den meisten Fällen um Dienstleistungen handelt, kommt es zu einer zunehmenden wirtschaftlichen Privatisierung der öffentlichen Leistungen.

Die Öffnung für den privaten Markt erfolgt dabei zum einen aus eingegangenen Verpflichtungen beim GATS-Abkommen und zum anderen, weil Deutschland hierdurch zu einem at­trak­­tiven Standort für Direktinvestitionen wird. Einer nicht zu unterschätzenden Größe, da im Jahre 2002 über 50% aller weltweit getätigten ausländischen Direktinvestitionen in die Dienstleistungsindustrie geflossen sind. Man spricht daher beim GATS von einem Handels- und Investitionsabkommen.[72]

Im Gespräch bzw. bereits durchgeführte Privatisierungen lassen sich unter anderem in den Bereichen des Gesundheitswesens, des Bildungssystems, der Wasserversorgung, der Energiebetriebe, der Altenpflege, der Kindergärten und vieler anderer nennen.[73]

Zu den Liberalisierungswirkungen herrschen ambivalente Erwartungen:

Häufig werden optimistische Annahmen in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigungswirkungen, Preissenkungen und verbesserter Service-Qualität geäußert.[74]

Auf der anderen Seite werden Befürchtungen laut ob einer Bedrohung der Arbeitsplätze und des Verlusts von Arbeitschutzrechten wie Kündigungsschutz, geregelte Arbeitszeiten, Sozialversicherungen oder Mutterschaftsschutz.[75] Begründen lässt sich diese Annahme darüber, dass auch Dienstleistungen nicht vor Rationalisierungen immun sind und sich deshalb vor allem für Geringqualifizierte die Beschäftigungsaussichten verschlechtern können. Konkret bedeutet dies, dass es im Dienstleistungsbereich voraussichtlich zu einer Zunahme von flexibilisierten Erwerbsstrukturen kommt, wie sie im vorhergehenden Unterpunkt vorgestellt sind.[76]

3 Sozialstruktur der deutschen Frauen im berufsfähigen Alter am Ende der 90er Jahre

Unter Sozialstrukturen sind relativ dauerhafte und regelmäßige soziale Beziehungen zu verstehen, welche - auch zukünftige - ähnliche Abläufe sozialer Handlungen und Prozesse erwarten lassen.[77]

Um die Auswirkungen der Globalisierung auf deutsche Frauen aufdecken zu können, ist es deshalb notwendig, ausgewählte Aspekte der Sozialstruktur dieser Gruppe und die dahinter stehenden Wirkzusammenhänge und Wechselbeziehungen zu anderen gesellschaftlichen Teilbereichen[78] aufzuzeigen.

Um die Sozialstruktur deutscher Frauen und ihre Wirkzusammenhänge offen zulegen, werden im ersten Abschnitt relevante statistische Daten vorgestellt. Aufgrund des wirtschaftlichen Ausgangspunktes der Globalisierung sowie der besonderen gleichstellungspolitischen Bedeutung wird sich dabei am Gesichtspunkt der Erwerbstätigkeit orientiert. Da hiermit die Arbeit im Haushalt (Reproduktionsarbeit) eng verbunden ist, wird ferner die Arbeitsstruktur im Haushalt näher betrachtet. Um einen Maßstab zur Beurteilung der Frauenstruktur zu haben, werden dabei die weiblichen Verhältnisse an den gegebenen Stellen in Relation zu den Strukturen deutscher Männer gesetzt.

Im zweiten Abschnitt wird erläutert, welche Mechanismen die vorgestellte Sozialstruktur entstehen lassen und welche statusbezogenen Konsequenzen sich in Wirtschaft und Gesellschaft aus der weiblichen Sozialstruktur heraus ergeben.

3.1 Statistische Daten zur Sozialstruktur der deutschen Frauen im erwerbsfähigen Alter

Als Zeitpunkt zur Betrachtung der statistischen Daten zur Sozialstruktur deutscher Frauen ist die zweite Hälfte der 90er Jahre gewählt. Damit ist zwar eine Zeit angesprochen, in der die Globalisierung bereits Einflüsse geltend gemacht hat. Trotzdem wird diese Sozialstruktur aus zwei Gründen als Ausgangslage zur Erörterung des Arbeitstitels verwand.

Zum einen handelt es sich hierbei um einen Zeitabschnitt, in dem die Wiedervereinigung kein ganz junges Phänomen mehr darstellt, sich das vereinte Deutschland relativ stabilisiert hat und Daten aus Gesamtdeutschland verwendet werden können.

Zum anderen ist mit dem Ende der 90er Jahre eine Zeit angesprochen, die kurz vor den staatlich initiierten Strukturänderungen der Agenda 2010 steht. Hierbei handelt es sich um ein Bündel staatlicher Maßnahmen, welches unter Einwirkung der Globalisierung initiiert ist. Zielimmanent wird die Agenda 2010 einschneidende Auswirkungen auf die Sozialstruktur Deutschlands im Allgemeinen und - wie im dritten Teil der Arbeit überprüft wird - vermutlich auf deutsche Frauen im Speziellen haben.[79]

Wie bereits angekündigt werden sich die ausgewählten statistischen Parameter an der Erwerbstätigkeit und Reproduktionsarbeit orientieren. Um hierzu einen Überblick über die Größenordnung in Arbeitswelt und Haushalt zu bekommen, werden zunächst diesbezügliche Daten zur Frauendemographie vorgestellt. Die sich daran anschließenden Teilabschnitte stellen die Daten zur Erwerbsarbeit vor. Im letzten Teilabschnitt des ersten Abschnitts kommt es dann zur Vorstellung von Daten aus dem reproduktiven Bereich des Haushalts.

3.1.1 Ausgewählte Determinanten zur Frauendemographie

In Deutschland leben 1997 insgesamt über 82 Millionen Menschen, wovon über 42 Millionen bzw. 51,3% Frauen darstellen.[80] Davon sind rund 27,5 Millionen Frauen im Erwerbsfähigenalter zwischen 15 und 65 Jahre.[81]

Der Alltag von Individuen wird im Haushalt und gegebenenfalls im Familienverband organisiert[82], weshalb die diesbezügliche Einbindung für die persönliche Situation von Personen entscheidend ist[83].

Die dazu in Deutschland herrschende Struktur wird in Tabelle 1 dargestellt:

[...]


[1] Nave-Herz 1997, S. 52

[2] bpb 2003, S. 2

[3] bpb 2003, S. 3

[4] Weiszäcker 2004, S. 1

[5] bpb 2003, S. 3

[6] Deutscher Bundestag 2002, S. 50

[7] Deutscher Bundestag 2002, S. 50

[8] Deutscher Bundestag 2002, S. 50

[9] Deutscher Bundestag 2002, S. 50

[10] Deutscher Bundestag 2002, S. 156

[11] Deutscher Bundestag 2002, S. 156 - 157

[12] bpb 1995, S. 3 – 4; Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[13] Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[14] Deutscher Bundestag 2002, S. 50; Rürüp et al. 2001, S. 254

[15] Deutscher Bundestag 2002, S. 51; Rürüp et al. 2001, S. 254; Weiszäcker 2004, S. 2

[16] Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[17] Deutscher Bundestag 2002, S. 51; Rürüp et al. 2001, S. 254

[18] Weiszäcker 2004, S. 2

[19] Deutscher Bundestag 2002, S. 51; Rürüp et al. 2001, S. 254

[20] Deutscher Bundestag 2002, S. 51; Weiszäcker 2004, S. 2

[21] Deutscher Bundestag 2002, S. 50 – 51; Rürüp et al. 2001, S. 253

[22] Weiszäcker 2004, S. 1

[23] Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[24] Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[25] Deutscher Bundestag 2002, S. 52

[26] bpb 2003, S. 18 – 19; Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[27] bpb 2003, S. 19

[28] Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[29] bpb 2003, S. 27 - 28

[30] bpb 2003, S. 28

[31] bpb 2003, S. 28

[32] Leitner 2000, S. 3

[33] Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[34] bpb 2003, S. 31

[35] bpb 2003, S. 4 – 5; Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[36] Deutscher Bundestag 2002, S. 51

[37] Sauer 1999, S. 5

[38] Poser 1994, S. 5

[39] bpb 2003, S. 5; Poser 1994, S. 11

[40] bpb 2003, S. 31

[41] Sauer 1999, S. 6

[42] bpb 2003, S. 5

[43] Sauer 1999, S. 1

[44] bpb 2003, S. 31

[45] Clement 2003, S. 2

[46] bpb 2003, S. 30 - 31

[47] bpb 2003, S. 30 - 31

[48] bpb 2003, S. 31

[49] bpb 2003, S. 31

[50] Sauer 1999, S. 12

[51] Sauer 1999, S. 12

[52] Sauer 1999, S. 12

[53] Sauer 1999, S. 12

[54] bpb 1996, S. 22

[55] Sauer 1999, S. 6

[56] Deutscher Bundestag 2002, S. 53; Sauer 1999, S. 12 – 13

[57] Deutscher Bundestag 2002, S. 53 - 54

[58] Deutscher Bundestag 2002, S. 53 - 54

[59] Deutscher Bundestag 2002, S. 54

[60] bpb 1996, S. 25; Leitner 2000, S. 7

[61] bpb 2003, S. 5

[62] bpb 2003, S. 5

[63] Hans-Böckler-Stiftung 2000a, S. 93; Leitner 2000, S. 6 – 7

[64] Hans-Böckler-Stiftung 2000a, S. 93

[65] Hans-Böckler-Stiftung 2000a, S. 93

[66] Hans-Böckler-Stiftung 2000a, S. 93; Leitner 2000, S. 7

[67] Deutscher Bundestag 2002, S. 152; Leitner 2000, S. 6

[68] Hans-Böckler-Stiftung 2000a, S. 93; Leitner 2000, S. 7

[69] Leitner 2000, S. 6

[70] Leitner 2000, S. 12

[71] Deutscher Bundestag 2002, S. 146

[72] Deutscher Bundestag 2002, S. 147 – 151; Mies 2002, S. 112

[73] Mies 2002, S. 112

[74] Deutscher Bundestag 2002, S. 151

[75] Mies 2002, S. 112

[76] Deutscher Bundestag 2002, S. 152

[77] Schäfers 1998, S. 3

[78] Schäfers 1998, S. 3

[79] Clement 2003, S. 4 - 6

[80] Hans-Böckler-Stiftung 2000b, Tabelle 1.A.1

[81] Hans-Böckler-Stiftung 2000a, S. 30

[82] Piorkowsky 1997, S. 13 - 14

[83] Hans-Böckler-Stiftung 2000a, S. 15

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Auswirkungen der Globalisierung auf ausgewählte sozioökonomische Parameter und Handlungsfelder deutscher Frauen im berufsfähigen Alter
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Landwirtschaftliche Fakultät)
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
88
Katalognummer
V42255
ISBN (eBook)
9783638403351
ISBN (Buch)
9783638799195
Dateigröße
845 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eines der wichtigsten politischen Themen unserer Zeit ist die Globalisierung, da es über ihren Einfluss zu rasanten weltweiten Veränderungen von ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnissen kommt. Die hiervon tangierten Aspekte sind sehr vielfältig und wirken dabei nicht geschlechtsneutral. Inwiefern die deutschen Frauen von den Umformungen in Ökonomie und Staat betroffen sind, wird in der vorliegenden Arbeit anhand ausgewählter sozioökonomischer Parameter ausgeforscht.
Schlagworte
Auswirkungen, Globalisierung, Parameter, Handlungsfelder, Frauen, Alter
Arbeit zitieren
Ariane Kröncke (Autor), 2005, Auswirkungen der Globalisierung auf ausgewählte sozioökonomische Parameter und Handlungsfelder deutscher Frauen im berufsfähigen Alter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42255

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