Einleitung
„Wenn wir es nicht schaffen, die Arbeitslosenquote signifikant zu senken, dann haben wir es nicht verdient, wiedergewählt zu werden“ Die aktuelle Debatte um die Anzahl der Erwerbslosen in Deutschland zeigt, wie wichtig es ist, die Grundprobleme der industriellen Gesellschaft zu lösen. Die Aufgaben der Arbeitslosigkeit und der schwankenden Konjunkturdaten sind seit mehreren Jahrzehnten2 ungelöst. Die politische Debatte mündet allzu oft in der Beschwörung einer Dienstleistungsgesellschaft in Deutschland.
Bei der Definition der Begrifflichkeit sind sich allerdings viele Wissenschaftler nur in einem Punkt einig: Dienstleistungen sind ein heterogenes Sammelsurium. Meist wird eine Aufspaltung in produktionsorientierte und konsumorientierte Dienstleistungen vorgenommen, jedoch sind auch Kategorisierungen von distributiven oder gesellschaftsorientierten/sozialen4 Dienstleistungen in der Literatur auszumachen. Eine Findung einer Definition der Dienstleistungsgesellschaft scheint in der wissenschaftlich dargebotenen Vielfalt unmöglich. Daher wird die von Hartmut Häußermann und Walter Siebel vereinfachte Definition zunächst übernommen, um den Weg in eine Dienstleistungsgesellschaft fassbar zu machen.
Diese Arbeit will sich einerseits mit den klassischen ökonomischen Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft auseinandersetzen (Kapitel zwei), andererseits die Gegebenheiten in Deutschland beschreiben und analysieren, um Gründe zu finden, warum ein zweites Wirtschafts- und Beschäftigungswunder in Deutschland anhand der Dienstleistungsstrukturen ausbleibt (Kapitel drei). Eine von den beiden Soziologen Johannes Berger und Claus Offe aufgestellte Definition der Dienstleistungen (Kapitel vier) bildet zusammen mit einem schlussfolgernden Teil (Kapitel fünf) das Ende.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. KLASSISCHE ANSÄTZE DER ÖKONOMEN
2.1. SEKTORALE UND FUNKTIONALE GLIEDERUNG
2.2. DIE DREI SEKTOREN THEORIE:
2.3. DIE KOSTENKRANKHEIT
2.4. DIE SELBSTBEDIENUNGSGESELLSCHAFT
III. DEUTSCHLAND: EINE DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT
3.1 DIE VORBILDER USA UND SCHWEDEN
3.2 DIE UMGEHUNG DER KOSTENKRANKHEIT:
3.3 EUROPÄISCHE DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFTEN IM VERGLEICH
IV. DER SOZIOLOGISCHE DISKURS
4.1 DIE PROBLEMATIK DER SOZIOLOGISCHEN DEFINITION
4.2 FUNKTIONALE ERKLÄRUNGEN
V. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausforderungen Deutschlands auf dem Weg zur Dienstleistungsgesellschaft, wobei sie klassische ökonomische Theorien mit soziologischen Diskursen verknüpft, um Gründe für das Ausbleiben eines Beschäftigungswunders zu analysieren.
- Klassische ökonomische Ansätze und deren Kritik (Baumol, Fourastié, Gershuny)
- Internationaler Vergleich der Beschäftigungsstrukturen (Deutschland vs. USA/Schweden)
- Die Rolle soziologischer Definitionen von Dienstleistungen
- Triebkräfte für das Wachstum von Dienstleistungssektoren in Europa
Auszug aus dem Buch
2.2. Die drei Sektoren Theorie:
Der Ökonom Jean Fourastié eröffnete die Diskussion um die Dienstleistungsgesellschaft im Jahre 1949 mit der Veröffentlichung des Buches „Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts“. Hierin differenzierte er die neun Jahre ältere von Colin Clark aufgestellte Drei-Sektoren-Theorie. Die Sektoren werden von Fourastié nicht nach der Art der Produkte, sondern nach der Steigerung des Produktionsprozesses unterteilt. Aufgrund des „Uno-Actu-Prinzips“ seien Dienstleistungen rationalisierungsresistent. Dieses sagt aus, dass Dienstleister und Konsument während des Produktionsprozesses zur gleichen Zeit am gleichen Ort – „face-to-face“ - sein müssen. Weiter subsumiert werden sie dadurch weder lagerfähig noch transportabel. Hierdurch schließt er eine Steigerung der Produktivität durch Technisierung nahezu aus.
Clarks Grundthese, des Wandels der Beschäftigungsstruktur vom argraischen zum industriellen und vom industriellen zum tertiären Sektor, erweiterte Fourastié. Im Mittelpunkt sah er den technischen Fortschritt und das Konsumverhalten. Durch Wohlstand, Überfluss und Sättigung an materiellen Produkten stelle sich der „Hunger nach Tertiärem“ ein. Die Steigerung der Wohlfahrt durch technischen Fortschritt löse eine Konsumpräferenz zugunsten von Luxusgütern und konsumorientierten Dienstleistungen aus. Durch die Rationalisierungsresistenz der Dienstleistungen werden daher im tertiären Bereich immer mehr Arbeitskräfte gebunden.
Den Abschluss des beschriebenen Transformationsprozesses einer tertiären Zivilisation sieht Fourastié trotz seines Optimismus erst in 200 bis 300 Jahren verwirklicht. Wobei hier dann etwa 80% der Erwerbstätigen im tertiären Sektor beschäftigt seien und jeweils 10% im primären und sekundären Sektor.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Darstellung der aktuellen Debatte um Arbeitslosigkeit in Deutschland und die Zielsetzung der Arbeit, Dienstleistungsstrukturen ökonomisch und soziologisch zu beleuchten.
II. KLASSISCHE ANSÄTZE DER ÖKONOMEN: Analyse ökonomischer Theorien, die den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft entweder als Beschäftigungswunder oder aufgrund der Kostenkrankheit als problematisch einstufen.
III. DEUTSCHLAND: EINE DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT: Vergleich der deutschen Situation mit den USA und Schweden sowie Diskussion europäischer Modelle zur Steigerung der Beschäftigung.
IV. DER SOZIOLOGISCHE DISKURS: Kritische Auseinandersetzung mit der statistischen und soziologischen Definition von Dienstleistungen als Alternative zum rein ökonomischen Verständnis.
V. FAZIT: Zusammenfassung der Handlungsoptionen für die Politik unter Einbeziehung von Bosch/Wagner und Berger/Offe zur Förderung des Dienstleistungssektors.
Schlüsselwörter
Dienstleistungsgesellschaft, Beschäftigungsstruktur, Uno-Actu-Prinzip, Kostenkrankheit, Selbstbedienungsgesellschaft, Tertiärer Sektor, Soziologischer Diskurs, Arbeitslosigkeit, Wohlfahrtsstaat, Rationalisierung, Arbeitsteilung, Konsumverhalten, Dienstleistungsbeschäftigung, Wirtschaftsmodell, Strukturwandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Transformation Deutschlands hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft und untersucht, warum der erwartete Beschäftigungszuwachs in diesem Sektor im Vergleich zu anderen Nationen bisher hinter den Erwartungen zurückblieb.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt klassische ökonomische Theorien (Optimisten vs. Pessimisten), internationale Vergleiche (insbesondere USA, Schweden und europäische Modelle) sowie den soziologischen Diskurs zur Definition und Notwendigkeit von Dienstleistungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch die Verknüpfung ökonomischer und soziologischer Ansätze Gründe für die Stagnation bei der Dienstleistungsbeschäftigung in Deutschland zu finden und politische Handlungsoptionen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die bestehende wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Literatur und Modelle (u.a. von Häußermann/Siebel, Fourastié, Baumol, Berger/Offe) zusammenführt und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die ökonomischen Ansätze zur Dienstleistungsgesellschaft, eine empirische Analyse der Situation in Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten sowie eine soziologische Perspektive auf den Wandel der Tätigkeitsstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Dienstleistungsgesellschaft, Kostenkrankheit, Beschäftigungsstruktur, Tertiärer Sektor sowie die Unterscheidung zwischen konsum- und produktionsorientierten Dienstleistungen.
Was versteht man unter der "Kostenkrankheit" nach Baumol?
Diese Theorie besagt, dass Dienstleistungen aufgrund ihrer Produktivitätsresistenz (im Gegensatz zur industriellen Produktion) bei steigenden Löhnen immer teurer werden, was zu einer Hemmung des Wachstums im Dienstleistungssektor führt.
Warum kritisieren Soziologen die amtliche Statistik zur Dienstleistungsgesellschaft?
Die Kritik basiert darauf, dass die amtliche Statistik weiterhin industriell geprägt ist und Dienstleistungen meist nur residual (als "Rest") definiert, was die reale Bedeutung und Qualität des sozialen Wandels verzerrt darstellt.
Welche Rolle spielen "traditionelle Haushaltsstrukturen" im Fazit?
Das Aufbrechen dieser Strukturen gilt als ein Mittel, um das Dienstleistungsvolumen zu erhöhen, da durch den Wegfall privater Eigenleistung der Bedarf an professionellen sozialen Dienstleistungen wie Ganztagsschulen steigt.
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- Henning Landsiedel (Author), 2005, Dienstleistungsgesellschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42268