Dienstleistungsgesellschaften


Seminararbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Klassische Ansätze der Ökonomen
2.1. Sektorale und Funktionale Gliederung
2.2. Die drei Sektoren Theorie:
2.3. Die Kostenkrankheit
2.4. Die Selbstbedienungsgesellschaft

III. Deutschland: Eine Dienstleistungsgesellschaft
3.1 Die Vorbilder USA und Schweden
3.2 Die Umgehung der Kostenkrankheit:
3.3 Europäische Dienstleistungsgesellschaften im Vergleich

IV. Der soziologische Diskurs
4.1 Die Problematik der soziologischen Definition
4.2 Funktionale Erklärungen

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wenn wir es nicht schaffen, die Arbeitslosenquote signifikant zu senken,

dann haben wir es nicht verdient, wiedergewählt zu werden“[1]

Die aktuelle Debatte um die Anzahl der Erwerbslosen in Deutschland zeigt, wie wichtig es ist, die Grundprobleme der industriellen Gesellschaft zu lösen. Die Auf­gaben der Arbeitslosigkeit und der schwankenden Konjunkturdaten sind seit mehre­ren Jahrzehnten[2] ungelöst. Die politische Debatte mündet allzu oft in der Beschwö­rung einer Dienstleistungsgesellschaft in Deutschland.

Bei der Definition der Begrifflichkeit sind sich allerdings viele Wissenschaftler nur in einem Punkt einig: Dienstleistungen sind ein heterogenes Sammelsurium.[3] Meist wird eine Aufspaltung in produktionsorientierte und konsumorientierte Dienstleis­tungen vorgenommen, jedoch sind auch Kategorisierungen von distributiven oder gesellschaftsorientierten/sozialen[4] Dienstleistungen in der Literatur auszumachen.

Eine Findung einer Definition der Dienstleistungsgesellschaft scheint in der wissen­schaftlich dargebotenen Vielfalt unmöglich. Daher wird die von Hartmut Häußermann und Walter Siebel vereinfachte Definition zunächst übernommen, um den Weg in eine Dienstleistungsgesellschaft fassbar zu machen.

Diese Arbeit will sich einerseits mit den klassischen ökonomischen Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft auseinandersetzen (Kapitel zwei), andererseits die Gege­benheiten in Deutschland beschreiben und analysieren, um Gründe zu finden, warum ein zweites Wirtschafts- und Beschäftigungswunder in Deutschland anhand der Dienstleistungsstrukturen ausbleibt (Kapitel drei). Eine von den beiden Soziolo­gen Johannes Berger und Claus Offe aufgestellte Definition der Dienstleistungen (Kapitel vier) bildet zusammen mit einem schlussfolgernden Teil (Kapitel fünf) das Ende.

II. Klassische Ansätze der Ökonomen

Die Frage, ob eine Gesellschaft eine Dienstleistungsgesellschaft ist, richtet sich nach der Beschäftigungsstruktur. Ein Übergewicht an Arbeitnehmern im Dienst­leistungssektor ist dafür eine Vorraussetzung.[5] Über das Konsumverhalten und die Veränderung des Bedarfs an Dienstleistungen sagt diese Definition allerdings scheinbar wenig aus.

Um eine Trennung der produzierenden von dem dienstleistenden Arbeitnehmern vorzunehmen, werden anfänglich die Tätigkeitsbereiche sektoral und funktional ab­gegrenzt. Eine ausführliche Beschreibung der ökonomischen Debatte und die Vor­stellung der Argumentationsstränge der beiden ökonomischen Lager steht im Mit­telpunkt dieses ersten Kapitels.

2.1. Sektorale und Funktionale Gliederung

Der primäre Sektor besteht aus den extraktiven Industriezweigen, der Land- und Forstwirtschaft, der Energie und Wasserversorgung, sowie dem Bergbau.[6] Das verarbeitende Gewerbe und das Baugewerbe bilden den sekundären Sektor. Der tertiäre, der Dienstleistungssektor, wird residual definiert. Das heißt, dass sich alle übrigen Wirtschaftszweige zusammengefasst werden.

Gegliedert wird allein nach dem produzierten Endprodukt der Unternehmen. Die Beschäftigten des Betriebs werden allesamt der amtlichen Statistik nach in dem Sektor geführt, der Unternehmen unabhängig von dem eigentlichen Tätigkeits­bereich kategorisiert.

Die funktionale Gliederung ordnet nach der tatsächlich ausgeübten Tätigkeit unabhängig von der sektoralen Einteilung des Betriebs.

Zur Verdeutlichung sei die Betriebsarzttätigkeit in einem Automobil herstellenden Konzern zu nennen. Nach der sektoralen Gliederung wird sie als Fertigungstätigkeit und nach der funktionalen Gliederung als Dienstleistungstätigkeit eingestuft.

2.2. Die drei Sektoren Theorie:

Der Ökonom Jean Fourastié eröffnete die Diskussion um die Dienstleistungs­gesellschaft im Jahre 1949 mit der Veröffentlichung des Buches „Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts“. Hierin differenzierte er die neun Jahre ältere von Colin Clark aufgestellte Drei-Sektoren-Theorie. Die Sektoren werden von Fourastié nicht nach der Art der Produkte, sondern nach der Steigerung des Produktionsprozesses unterteilt. Aufgrund des „Uno-Actu-Prinzips“ seien Dienst­leistungen rationalisierungsresistent. Dieses sagt aus, dass Dienstleister und Kon­sument während des Produktionsprozesses zur gleichen Zeit am gleichen Ort – „face-to-face“ - sein müssen[7]. Weiter subsumiert werden sie dadurch weder lager­fähig noch transportabel. Hierdurch schließt er eine Steigerung der Produktivität durch Technisierung nahezu aus.[8]

Clarks Grundthese, des Wandels der Beschäftigungsstruktur vom argraischen zum industriellen und vom industriellen zum tertiären Sektor, erweiterte Fourastié. Im Mittelpunkt sah er den technischen Fortschritt und das Konsumverhalten. Durch Wohlstand, Überfluss und Sättigung an materiellen Produkten stelle sich der „Hunger nach Tertiärem“[9] ein. Die Steigerung der Wohlfahrt durch technischen Fortschritt[10] löse eine Konsumpräferenz zugunsten von Luxusgütern und konsum­orientierten Dienstleistungen aus. Durch die Rationalisierungsresistenz der Dienst­leistungen werden daher im tertiären Bereich immer mehr Arbeitskräfte gebunden.

Den Abschluss des beschriebenen Transformationsprozesses einer tertiären Zivili­sation sieht Fourastié trotz seines Optimismus erst in 200 bis 300 Jahren ver­wirklicht.[11] Wobei hier dann etwa 80% der Erwerbstätigen im tertiären Sektor be­schäftigt seien und jeweils 10% im primären und sekundären Sektor.[12]

Der Optimismus Fourastiés lag in der Überwindung der Schwächen der Industrie­gesellschaft. Arbeitslosigkeit und schwankende Konjunkturkurven würden durch die Gesellschaft beherrscht. So könnte die Lebensqualität jedes einzelnen gesteigert und verbessert werden. Eine Umstrukturierung des Arbeitsprozesses durch den ver­mehrten Anteil der Dienstleister werde die Arbeit höher qualifiziert und weniger körperlich anspruchsvoll gestalten.

2.3. Die Kostenkrankheit

Das durch die Optimisten dargestellte Beschäftigungswunder durch die Dienst­leistungsgesellschaft wurde mit der Kritik durch William J. Baumols Kosten­krankheit in Frage gestellt.

Mit der Klassifizierung nach produktionssteigerungsunfähigen Prozessen (Dienst­leistungen) in einem „nicht progressiven“ Bereich und der produktionssteigerungs­fähigen Prozesse (Güterproduktion) in einem „progressiven“ Bereich baut er auf den Theorien Fourastiés auf.

Baumol setzt allerdings drei Randbedingungen, die ihn zu einer pessimistischen Schlussfolgerung kommen lassen:

- Ein Vergleich der Bereiche soll nur unter den Aspekten der Lohnkosten erfolgen.
- Die Unterschiedlichkeit der Produktivitätsentwicklung ist unabhängig von der parallelen Entwicklung der Lohnstrukturen der beiden Bereiche.
- Die Lohnerhöhungen in Güterproduktion und Dienstleistung richten sich nach den Produktivitätszuwächsen des „produktiven“ Bereichs.

Durch diese Bedingungen ist der „Weg in die Dienstleistungsgesellschaft nicht gangbar“[13], da die relativen Kosten von Dienstleistungen durch die Kumulation „ohne Grenzen steigen“[14]. Die rationale Wahl der Kosten-Nutzen-Rechnung, den homo oeconomicus[15], veranlasst von Dienstleistungen Abstand zu nehmen.

[...]


[1] Bundeskanzler Gerhard Schröder am 21.9.1998

[2] Seitdem Mitte der siebziger Jahre die Zahl der Erwerbslosen erstmals auf über eine Million gestiegen ist, vergrößert sich diese Zahl Stetig (Hilbk, Merle, „Und was machst Du so?“, in: Die Zeit, 41, 2003)

[3] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S. 97, sowie Bosch, Gerhard/Wagner, Alexandra: Dienstleistungsgesellschaften in Europa und Ursachen für das Wachstum der Dienstleistungsbeschäftigung, 2003, S. 480

[4] Einteilung nach NACE (Nomenclature Générale des Activités Economiques dans I’Union Européenne)

[5] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S. 21

[6] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S. 22

[7] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S.24

[8] Als Beispiel sei hier der Vergleich der Produktivität eines Arbeiters in der Automobilherstellung mit der eines Frisörs anzuführen. Während ersterer in den letzten hundert Jahren seine Produktivität enorm durch technischen Fortschritt vergrößern konnte, blieb die des Frisörs in der Relation aus.

[9] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S. 33

[10] Der technische Fortschritt wird nach Fourastié durch den wissenschaftlichen Fortschritt bedingt.

[11] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S. 36

[12] Die Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft der Optimisten sind weiterhin durch Daniel Bell, der die postindustrielle Gesellschaft als Wissensgesellschaft charakterisierte und Gartner/Riessman, die ihre Perspektive auf Selbstbestimmung und Demokratie richten, beeinflusst worden.

[13] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S. 46

[14] Vgl. Häußermann/Siebel: Dienstleistungsgesellschaften, 1995, S. 45

[15] Vgl. Runkel, Allgemeine Soziologie, 2002, S. 171

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Dienstleistungsgesellschaften
Hochschule
Universität Lüneburg  (Zentrum für Demokratieforschung)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V42268
ISBN (eBook)
9783638403443
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dienstleistungsgesellschaften, Seminar
Arbeit zitieren
Henning Landsiedel (Autor), 2005, Dienstleistungsgesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42268

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