Townshipidentität durch Kommunikation und Partizipation

Entwicklung eines interkulturellen Kommunikationskonzepts als Idealstandard für partizipatorische, identitätsstiftende Stadtentwicklung in den Townships von Kapstadt


Masterarbeit, 2004

107 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Relevanz des Themas

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

A. Einleitung

B. Theoretisch-analytischer Teil
1.0 Südafrika im Kontext interkultureller Kommunikation
2.0 Globales Denken und Handeln als Beitrag zu identitätsstiftender Stadtentwicklung
3.0 Die Townships von Kapstadt - Stadtentwicklung und Geschichte
3.1 Townships - ein Produkt der Apartheid
3.2 Beginn des Informal Settlement und der damit verbundenen sozialen wie strukturellen Probleme
3.3 Stadtplanerische Lösungsansätze, ihre Schwachstellen und das mögliche Potential internationaler Kooperationen
4.0 Voraussetzungen für die Initiierung städtebaulicher Maßnahmen in den Townships
4.1 Sprache
4.2 Zeichen und Bilder
4.3 Partizipation und Identifikation
4.4 Nachhaltigkeit
5.0 Medien- und Rezipientenstruktur in den Townships
5.1 Kommunikationskoordination in der Praxis
5.1.1 Stadtverwaltung
5.1.2 NGOs
5.2 resultierende Analyse der für ein Kommunikationskonzept geeigneten Multiplikatoren
5.2.1 Akustische Medien
5.2.2 Visuelle Medien
5.2.3 „Alternative“ Medien
6.0 Chancen, Risiken und Planungsstrategien townshipinterner und -externer Kommunikation
6.1 Grundvoraussetzungen und -bedingungen interkultureller Kommunikation
6.2 Ergänzende kommunikationswissenschaftliche Strategien zum Umgang mit Teilhabern fremder Kulturen
6.2.1 Steigerung der Motivation als kulturübergreifender Initiator
6.2.2 Kulturanthropologische Analyseverfahren
6.2.2.1 Kultur-Dimensionen
6.2.2.2 Empirische Einzelfallstudie in Khayelitsha
6.2.3 Critical Incident Technique und ihr praktischer Nutzen im Culture Assimilator Programm
6.3 Gefahren und mögliche Fehlentwicklungen interkultureller Kommunikation
6.3.1 „Machtasymmetrien“
6.3.2 „Stereotypen“
6.3.3 „Kultureller Schock“
6.4 Konfliktstrategien

C. Exemplarisch-projektbezogener Teil
1.0 Vorstellung des Entwurfs Live on Square
1.1 Grundprinzipien und beabsichtigte Wirkung
1.2 Gründe für die Wahl des Entwurfs
1.3 Langfristige Perspektiven
2.0 Exkurs: Öffentlicher Raum und Gesellschaft
2.1 Deutschland
2.2 Townships von Kapstadt
3.0 Entwicklung eines idealtypischen Kommunikationskonzepts am Beispiel des Entwurfs Live on Square in der Township Nyanga
3.1 Zusammenhang zwischen Kommunikationskonzept und Entwurf
3.2 Zielsetzung und beabsichtigte Wirkung des Manuals
3.3 Darstellung des Kommunikationsablaufs
3.3.1 Kommunikationsagitatoren
3.3.2 Kommunikationsbeziehungen
3.3.3 Medienexempel
3.4 Konzeption der resultierenden Maßnahmen
3.4.1 Planungsphase
3.4.1.1 Definition der Zielgruppe
3.4.1.2 Herstellung von Kontakten
3.4.1.3 Auswahl der Kommunikationsbausteine und Planung ihrer zeitlichen Einsatzabfolge
3.4.1.3.1 Interaktive Radiosendungen
3.4.1.3.2 Local Newspapers
3.4.1.3.3 Graffiti-Workshop
3.4.1.3.4 Theater-Workshop
3.4.1.3.5 Fernsehmonitore an “Touch Points”
3.4.1.3.6 Poster- und Flyer-Workshop
3.4.1.3.7 Lautsprecher
3.4.1.3.8 Live on Square-Anniversary
3.4.1.4 Finanzierungsmöglichkeiten
3.4.2 Aktionsphase
3.4.2.1 Teambildung und Verteilung von Kompetenzen
3.4.2.1.1 “Direction-Team”
3.4.2.1.2 “Assistance-Team”
3.4.2.1.3 “Workshop-Team”
3.4.2.1.4 “Press-Team”
3.4.2.2 Prozesskoordination
3.4.2.2.1 Regelmäßige „Jour-Fix-Termine“
3.4.2.2.2 Delegation der Teams
3.4.2.2.3 Durchführung von Problemanalysen bei Planabweichungen
3.4.3 Evaluationsphase
3.4.3.1 Angemessenheit der einzelnen Schritte
3.4.3.2 Akzeptanz / Identifikation in der Bevölkerung
3.4.3.3 Durchführbarkeit der Aktionen
3.4.3.4 Konsistenz der Kommunikationsbausteine

D. Schluss

E. Literaturverzeichnis

F. Anlage
1.0 Medienbeispiel der Stadtverwaltung
2.0 Graphische Auswertung der Fragebögen
2.1 Townshipbewohner
2.2 Radiosender

Relevanz des Themas

Die Stadtplanung in Südafrika steht vor der schwierigen Herausforderung, die Lebensbedingungen für Millionen von Menschen ohne angemessenen Wohnraum zu verbessern. In den Townships von Großstädten wie Kapstadt tritt dieses Problem besonders deutlich in Erscheinung. Gegensätzlichkeiten zwischen arm und reich und die nicht vollzogene Aufarbeitung der Apartheidszeit prägen das Stadt- und Gesellschaftsbild. Trotzdem hat sich das Land in den letzten zehn Jahren innen- wie außenpolitisch stark verändert: Seit Ende der Apartheid hat Südafrika eine moderne, nach deutschem Vorbild gestaltete Verfassung und erhält deutsche Unterstützung für Kommunalentwicklung und Berufsbildung sowie Beratung für gute Regierungsführung. Für die zukünftige Entwicklung des Landes und die Stärkung der eigenen Identität werden sicherlich auch die Vorbereitung und Austragung der Fußball WM 2010 von entscheidender Bedeutung sein. Kapstadt nimmt aus verschiedenen Gründen eine Sonderrolle innerhalb Südafrikas ein. Zum einen verfügt die Stadt aufgrund klimatisch und geografisch begünstigender Faktoren über einen hohen Grad an Lebensqualität, der sich auch in ihrem stetigen Wachstum widerspiegelt. Zum anderen treffen hier aber auch auf engstem Raum Gegensätze aufeinander, wie es sie kaum ein zweites Mal auf der Welt gibt: Riesige Slummetropolen wie Khayelitsha mit gewaltigen sozialen Problemen liegen nur wenige Kilometer getrennt von nach amerikanischem Disneyland-Vorbild gestylten Shopping- und Vergnügungsvierteln, in denen sich vor allem weiße Touristen mit Souvenirs kaufen und Achterbahn fahren die Langeweile zu vertreiben suchen. Diese harten Gegensätze führen ihrerseits vielfach zu integrativ bedingten Spannungen und Konflikten, sind aber auch Teil des Stadtbildes und der Kultur des Landes. Der Hauptfokus dieser Arbeit beschränkt sich auf die Peripherie um Kapstadt, die so genannten „Townships“, weil sie in vielfacher Hinsicht als Meltingpoint dieser Spannungen bezeichnet werden können, der Aktionsbedarf also sehr groß ist. Kapstadts Administration reagiert unter anderem mit städtebaulichen Entwicklungsprogrammen wie dem „Dignified Places Program“ auf die vorherrschenden Probleme. Dieses versucht durch verschiedene bauliche Maßnahmen an ausgewählten Plätzen in den Townships öffentliche Plattformen für soziales und gewerbliches Leben zu initiieren. Dazu wurden in der Vergangenheit Backsteinkolonnaden und Versorgungsstationen für Strom und Wasser errichtet, hinter denen Townshipbewohner gegen ein geringes Entgelt Container aufstellen konnten, um formellen Handel zu betreiben. Langfristiges Ziel ist es, durch die Bündelung von gewerblichem Handel eine städtebauliche Aufwertung und soziale Stabilisierung zu erzielen. Viele dieser Programme zeigen jedoch nicht die beabsichtigte Wirkung, weil die Bewohner sich nicht mit den baulichen Anlagen identifizieren können. Sie äußern die Kritik, eigene Wünsche und Bedürfnisse nicht adäquat kommunizieren zu können. Plätze werden deshalb oft schon kurz nach ihrer Fertigstellung aus Frustration wieder verwüstet. Das Potenzial eigener Visionen und Ideen bleibt dabei auf der Strecke, stattdessen entstehen Passivität und Gleichgültigkeit.

Der Lehrstuhl „Habitat Unit“ an der TU Berlin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Stadtplanung in Südafrika und bot sich für eine Zusammenarbeit auf diesem Gebiet an. Im Wintersemester 03/04 wurde hier ein Studienprojekt initiiert, dessen Ziel es war, sich am Beispiel der Stadt Kapstadt mit der für Südafrika typischen Verstädterungsproblematik auseinandersetzen.

Meine Masterarbeit soll exemplarisch an einem dieser Entwürfe zeigen, warum die kommunikative Vermittlung planerischer Konzepte gerade in Ländern wie Südafrika von existenziellem Nutzen für ihre Realisierung ist. Der Entwurf, auf den sich die Masterthesis bezieht, nennt sich „Live on Square“ und ist eine Art idealtypische Metastruktur für den Start einer partizipativen, bevölkerungsbezogenen Projektentwicklung, die exemplarisch an acht Plätzen in der Township Nyanga bei Kapstadt dargestellt und erläutert wird. Der Hauptfokus der Projektentwicklungsstruktur liegt in seiner beabsichtigten, identitätsstiftenden Wirkung. Die Bewohner sollen Ideen und Visionen für den öffentlichen Raum entwickeln, diese prozessorientiert artikulieren und sie schließlich gemeinsam im Team realisieren. Langfristiges Ziel ist die persönliche Identifikation mit öffentlichem Raum und seine sich daraus ergebende städtebauliche Aufwertung. Diese kann jedoch nur dann entstehen, wenn die von diesem Entwurfs-Pilotprojekt betroffenen Anwohner von Beginn an in wesentliche Planung- und Entscheidungsprozesse miteingebunden werden, der Informations- und Kommunikationsfluss zwischen Planenden und direkt „Betroffenen“ zu keinem Zeitpunkt abreißt und die verwendeten Transfermedien auf das Thema und die Rezipienten abgestimmt sind. Für das Gelingen dieses Entwurfsprojekts sind folglich eine genaue Analyse und die daraus resultierende praktische Umsetzung von zielgruppenorientierten Kommunikationsmedien nötig. Die Entwicklung eines individuell auf diesen Entwurf abgestimmten Kommunikationskonzepts ist daher von sehr großem Nutzen und steigert die Chance einer nachhaltigen städtebaulichen Aufwertung öffentlichen Raums.

Der strukturelle Aufbau meiner Arbeit gliedert sich in einen theoretisch-analytischen und einen exemplarisch-projektbezogenen Teil. Im ersten möchte ich anhand verschiedener kommunikationswissenschaftlicher Analysen Probleme und Lösungsansätze interkultureller Vermittlung von Architektur in den Townships von Kapstadt darstellen. Ausgehend davon möchte ich im praktischen Teil ein darauf aufbauendes Kommunikationskonzept entwickeln. Dieses soll Antworten auf die Fragen geben, wie sich Informationstransfer in den Townships konkret gestaltet und wie ein städtebaulicher Entwurf mit den direkt betroffenen Anwohnern vor Ort diskutiert, kommuniziert und evaluiert werden kann. Da dies auf andere Weise geschehen muss, als bei uns in Europa, ist es mein Ziel, unkonventionelle Medien ausfindig zu machen, die geeignet sind, die Townshipbewohner über den Planungsstand in Kenntnis zu setzen und sie im Idealfall dazu zu ermutigen, ihre eigene Meinung auf dafür geeigneten Plattformen kundzutun. Eine wichtige Voraussetzung und ein erster Schritt war in diesem Zusammenhang eine Studienreise nach Kapstadt. Die dort aufgenommenen Eindrücke und Gespräche mit Anwohnern, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen bildeten einen unverzichtbaren Baustein bei der Analyse dortiger Lebensumstände.

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb.1 : Phasen des Kulturschocks

Abb.2 : Ablaufschema der Projektentwicklungsstruktur Live on Square

Abb.3 : Zusammenhang zwischen Kommunikationskonzept und Entwurf

Abb.4 : Netzplan der Kommunikationsbeziehungen

Abb.5 : Medienexempel 1 - Werbetafel

Abb.6 : Medienexempel 2 - Zeitungsbeitrag

Abb.7 : Balkendiagramm der unterschiedlichen Kommunikationsschritte

Abb.8 : Luftfoto 1 - Nyanga

Abb.9 : Luftfoto 2 - Nyanga

Tab.1 : Kommunikationsagitatoren

Tab.2 : Herstellung von Kontakten

A. Einleitung

Die viel zitierte Strukturkrise in der Baubranche führte in den vergangenen Jahren mancherorts zu bizarren, streckenweise auch amüsant anmutenden Diskussionen über ihre faktischen Ursachen. So schimpfen die einen voller Inbrunst auf die Politik und betonen dabei eindringlich, dass es deren Aufgabe gewesen wäre, die hausgemachte wirtschaftliche Flaute frühzeitig abzuwenden. Andere beklagen dagegen die Architektenschwemme und sehen den universellen Heilsbringer in härteren Hochschulzulassungsbeschränkungen und gezielter Elitenförderung. Eine dritte Gruppe schließlich zieht sich nach der Manier antiker Klageweiber gänzlich aus der Debatte zurück und schwelgt in grenzenloser Passivität: bloß keinen Schritt weiter - es könnte ja vielleicht einer in die falsche Richtung sein. Interessanterweise sehen sich die meisten dieser drei „Klagetypen“ angesichts der nationalen Tristesse völlig außer Stande, ihren Fokus auf irgendetwas anderes als die viel zitierte „Ankurbelung der Wirtschaft im eigenen Land“ zu richten.

Grund genug, den Blick ein wenig über den nationalen Tellerrand schweifen zu lassen und zu untersuchen, welche Probleme und Herausforderungen es neben den eigenen in anderen Kulturkreisen gibt, wie persönliche Kompetenzen und Interessen einen Beitrag zu dem Umgang mit ihnen darstellen können und unter welchen Bedingungen Teilhaber verschiedener Kulturen schließlich gleichermaßen davon profitieren.

Südafrikas Townships erschienen mir aus zwei Gründen für dieses Thema besonders plausibel: Zum einen handelt es sich um ein Gebiet, das geographisch nur wenige Kilometer von Kapstadt entfernt liegt, dessen innere Distanz zu der südafrikanischen Metropole aber etwa vergleichbar ist mit jener der Erde zum Mond. Zum anderen - und dies mag damit zusammenhängen - versucht die Kapstädter Stadtverwaltung bereits seit mehreren Jahren erfolglos in immer wieder neuen Stadtentwicklungsprogrammen der mannigfaltigen Probleme wie Armut, Kriminalität oder HIV Herr zu werden. Die Gründe für das Scheitern sind vielschichtiger Natur: Sie lassen sich weder vorschnell auf mangelnde Fachkompetenzen, noch auf ein zu niedrig angesetztes Finanzbudget zurückführen. Vielmehr scheinen die wahren Ursachen mit der Art der praktizierten Kommunikationsgestaltung sowie der kulturellen Diskrepanz zwischen Verwaltung und Townshipbewohnern verknüpft zu sein.

Das vorrangige Ziel meiner Arbeit soll darin bestehen, diese Schwachstellen und Konfliktpunkte zu lokalisieren, sie im interkulturellen Kontext zu verorten und dafür adäquate Lösungsvorschläge zu entwickeln. Ausschlaggebend für deren Nachhaltigkeit ist der Grad möglicher Identifikation mit ihnen. Obwohl diese Erkenntnis so neu nicht zu sein scheint, glauben viele Architekten nach wie vor, Architektur wie Identifikation bedingten einander zwangsläufig. So findet sich in der Ausstellung Organische Architektur in Berlin unter der Überschrift Kulturelle Identität folgendes Zitat: „Weil wir täglich von ihr (der Architektur, F.G.) umgeben sind, ist sie sogar eines der mächtigsten Mittel zum Weiterreichen kultureller Inhalte und Werte. Sie wirkt dadurch auch als Quelle individueller und kollektiver Identifikation“ (van der Ree, 2001). Dies mag in Einzelfällen tatsächlich in dem von Architekten erwünschten und intendierten Maß eintreten, daraus ein allgemeingültiges Generalpostulat zu formulieren, scheint mir jedoch ein äußerst kühnes Unterfangen zu sein. Vielmehr entwickelt sich Identifikation mit einem bestimmten Objekt oder Bauwerk durch den Grad der für seine Entstehung notwendigen Partizipation. Auch dieser Gedanke ist nicht neu: So „lehrt uns das griechische Denken, dass Gleichheit und Partizipation einerseits, Könnerschaft und Leistung andererseits in der Demokratie zu einer inneren Einheit kommen können“ (Nusser 2001).

Um zu klären, welche Bausteine nötig sind, um partizipatorische Kommunikationsprozesse in den Townships zu initiieren und sie im Sinne eines nachhaltigen Städtebaus langfristig zu erhalten, war es unverzichtbar, in einem ersten theoretisch-analytischen Teil zunächst historische, mediale, kommunikationswissenschaftliche sowie spezifisch kulturelle Aspekte der Townships näher zu beleuchten. Der Anspruch, ein interkulturelles Kommunikationskonzept zu entwickeln, wäre ohne diese ausführliche, wissenschaftliche Analyse und ohne eine selbst organisierte Studienreise nach Kapstadt und Khayelitsha1 im Juli 2004 nicht zu halten gewesen. Die Reise bot mir die einzigartige Gelegenheit, wertvolle Gespräche zum einen mit den Initiatoren der Stadtentwicklungsprogramme und zum anderen mit von diesen direkt betroffenen Townshipbewohnern zu führen.

Um die verschiedenen Aspekte einer Kontrolle hinsichtlich ihrer Transparenz und Vergleichbarkeit zu unterziehen habe ich darüber hinaus bei Bewohnern wie lokalen Medien verschiedene Multiple-Choice-Befragungen durchgeführt. Im exemplarisch- projektbezogenen Teil werden diese Erkenntnisse in Form eines Kommunikationskonzepts für den studentischen Township-Entwurf Live on Square eine konkrete Gestalt erhalten. Bei diesem handelt es sich um eine Projektentwicklungsstruktur, mittels derer acht Plätze der Township Nyanga unter Einbindung der Bewohner einen individuellen Charakter entwickeln sollen. Für diese Projektentwicklungsstruktur (das zentrale Element ist dabei ein Wettbewerb unter den Bewohnern) sollen in meiner Arbeit Mittel und Wege aufgezeigt werden, um sie in Nyanga zu kommunizieren. Es versteht sich von selbst, dass nicht alle der im theoretisch-analytischen Teil angesprochenen Punkte direkt mit in das Konzept integriert wurden. Weder war dies mein Ziel, noch wäre es unter den gegebenen Bedingungen als sinnvoll zu erachten gewesen.

B. Theoretisch-analytischer Teil

1.0 Südafrika im Kontext internationaler Kommunikation

Die Stadtplanung in Südafrika steht vor der schwierigen Herausforderung, die Lebensbedingungen für Millionen von Menschen ohne angemessenen Wohnraum zu verbessern. In den Townships der Millionenmetropolen Kapstadt und Johannesburg tritt dieses Problem besonders deutlich in Erscheinung. Gegensätzlichkeiten zwischen Arm und Reich sowie die nicht vollzogene Aufarbeitung der Apartheidszeit prägen das Stadt- und Gesellschaftsbild. Trotzdem hat sich das Land in den letzten zehn Jahren innen- wie außenpolitisch stark verändert: Seit Ende der Apartheid hat Südafrika eine moderne, nach deutschem Vorbild gestaltete Verfassung und erhält deutsche Unterstützung für Kommunalentwicklung und Berufsbildung, sowie Beratung für gute Regierungsführung. Im Bereich Forschung und Entwicklung hält Südafrika innerhalb des afrikanischen Kontinents eine absolute Spitzenstellung, und auch international wurde die Forschungszusammenarbeit in den letzten Jahren deutlich verstärkt. In bestimmten Forschungsbereichen ist das Land mittlerweile weltweit führend2. Für Deutschland ist Südafrika der wichtigste Forschungs-Kooperationspartner in Afrika3. Es verwundert daher nicht, dass es hierzulande eine Vielzahl von Forschungsförderprogrammen mit dem Thema Südafrika gibt4.

Unter wirtschaftlichen Kriterien ist Südafrika in einer stabilen, wachstumsorientierten Verfassung. Die durchschnittlichen Zuwachsraten liegen bei 2,8%, Der Rand verzeichnete 2003 mit 19% eine kräftige Wechselkursaufwertung. Mit einem Handelsvolumen von über 7,6 Mrd. EUR pro Jahr ist Deutschland einer der bedeutendsten Handelspartner und gleichzeitig wichtigster Lieferant für Südafrika. 450 deutsche Unternehmen haben sich hier niedergelassen und beschäftigen mehr als 70.000 Arbeitnehmer. Unter diesen Unternehmen sind nicht nur die großen Namen der deutschen Wirtschaft, sondern gerade auch viele kleine und mittlere Betriebe (vgl. www.auswaertiges-amt.de). Für die zukünftige Entwicklung des Landes und die Stärkung der eigenen Identität werden sicherlich auch die Vorbereitung und Austragung der Fußball WM 2010 von entscheidender Bedeutung sein: „Auch wenn die Bedeutung von Fußball gerne überschätzt wird, die WM in Südafrika hat wirklich enorme Signalwirkung. Denn wenn es ein einigendes Element für die Menschen in Afrika gibt, dann ist es das Gefühl, vom Rest der Welt vernachlässigt zu werden. Keine andere Weltgegend steht vor solch gewaltigen Problemen, keine andere Weltgegend wird mit der Lösung so alleine gelassen. Nun aber rückt der Kontinent in den Fokus der Welt, Milliarden von Menschen werden nach Südafrika blicken und dadurch den Kontinent ein bisschen besser kennen lernen“ (Bitala 2004: 4).

Gerade vor diesem Hintergrund werden interkulturelle Kommunikation und die entsprechenden Qualifikationen dafür in Südafrika an Bedeutung gewinnen. Der landläufigen Meinung, Internationalisierung und Globalisierung bedingten auch automatisch eine sukzessive Nivellierung kultureller Unterschiede - potentieller Konfliktstoff reduziere sich also langfristig von alleine - steht die Tatsache entgegen, dass Häufigkeit und Intensität internationaler Kontakte zunehmen. Die Anzahl potentieller Critical Incidents5 nimmt damit zukünftig eher noch zu. Hinzu kommt die Tatsache, dass räumliche Distanz das Entstehen und Pflegen von sozialen Kontakten, die für ein international vernetztes Handeln dringend notwendig sind, wenn nicht blockiert, so doch erschwert: „Globalisierung bedeutet im Grunde genommen Handeln auf Distanz. Das Abwesende bestimmt das Anwesende, und zwar nicht als sedimentäre Zeit, sondern infolge einer Rekonstruierung des Raumes“ (Küpers 2000: 29).

Es stellt sich also nicht mehr die Frage nach der Bewertung von Globalisierung und Internationalisierung, vielmehr ergibt sich aus deren Existenz die Notwendigkeit, sinnvoll auf sie zu reagieren. Vielleicht ließe sich von dadurch erzeugten Synergien auch profitieren. Der Versuch, sich interkulturelle Qualifikationen anzueignen, kann dabei jedoch nur ein erster Schritt sein. Vielfach entstehen Konfliktsituationen nicht aufgrund mangelnder Kenntnis über die Kultur des jeweils anderen, sondern hängen mit der eigenen Psyche und dem individuellen Erfahrungsschatz zusammen: „Das Scheitern vieler kulturell komplexer Kooperationen kann (…) einmal an einer mangelnden Ausbildung der Akteure sowie andererseits oder gleichzeitig an einer fehlenden oder zumindest nicht gelebten ethischen Grundorientierung liegen“ (Küpers 2000: 32). Beides kann in der Praxis auch auf Südafrika übertragen werden: Extreme soziale wie kulturelle Differenzen sowie mangelnde Bereitschaft, diese konstruktiv auszugleichen, führen hier vielfach zu integrativ bedingten Spannungen und Konflikten. Gleichzeitig ist die Multikulturalität aber auch Teil des Stadtbildes, Teil der Kultur und Teil des Entwicklungspotenzials des Landes. Der Hauptfokus dieser Arbeit beschränkt sich auf die Peripherie um Kapstadt, die so genannten Townships, weil viele der angesprochenen Themen hier in konzentrierter Form in Erscheinung treten. Zugleich gelten die Townships gewissermaßen als Meltingpoint vieler nationaler Spannungen, der Aktionsbedarf ist also gerade hier sehr groß.

2.0 Globales Denken und Handeln als Beitrag zu identitätsstiftender Stadtentwicklung

Worin besteht nun auf stadtplanerischer Ebene die Notwendigkeit globaler Interaktionen? Können sie überhaupt einen Beitrag zu sinnvoller, nachhaltiger Stadtentwicklung leisten, oder besteht ihr Nutzen, wie aus sozialwissenschaftlicher Sicht oftmals kritisiert wird, einzig in imperialistisch orientierter Profitsucht?

Wichtig für die Beantwortung dieser Frage ist die Überlegung, um welche Art von Interaktion es sich konkret handelt. Außerdem gilt es zu beachten, dass stadtplanerische Lösungsansätze nicht ohne weiteres von einem Land in ein anderes implantiert werden können. Beispiele aus der Vergangenheit haben gezeigt, dass dies der falsche Weg ist. Dabei sei auf Le Corbusiers städtebaulichen Entwurf für das indische Candigarh verwiesen: Der Entwurf ist ein Beispiel dafür, dass sich die Frage interkultureller Vereinbarkeit oft erst nach Fertigstellung eines Projekts stellt. So wurden die Wohneinheiten in Chandigarh von Corbusier beispielsweise nach (aus europäischer Sicht) modernsten bauökonomischen Erkenntnissen entwickelt: kleine auf das absolut notwendigste reduzierte Küchen- und Schlafeinheiten, dafür relativ große Wohn-, Speise- und Aufenthaltsbereiche. Unglücklicherweise stellte sich jedoch nach der Fertigstellung heraus, dass indische Familien traditionell nicht nur in der Küche essen, sondern sich auch den überwiegenden Teil des Tages dort aufhalten. Ein elementarer Planungsfehler also, der durchaus von einer gewissen interkulturellen Ignoranz zeugt und bei genauerer Analyse dortiger Lebensgewohnheiten hätte vermieden werden können.

Natürlich stellen, wie von Kommunikationswissenschaftlern betont wird, auch soziale und kommunikative Asymmetrien zwischen Planenden, Ausführenden und direkt Betroffenen ein hohes Konfliktpotenzial dar. Die Schlussfolgerung allerdings, dass all diese Probleme den langfristigen Erfolg globaler Kooperationen prinzipiell in Frage stellen, erscheint vor dem Hintergrund vergleichbarer innernationaler Differenzen fragwürdig. Anstatt also Globalisierungs-Chancen und -Risiken fortwährend gegeneinander aufzuwiegen, wäre es intelligenter, Überlegungen darüber anzustellen, wie potentielle Kultur-Asymmetrien von vornherein so gering wie möglich gehalten werden können und wie sie sich, treten sie dennoch auf, konstruktiv bewältigen lassen. Dazu müssen die Kooperationspartner eines internationalen Projekts zunächst ein Bewusstsein und Gespür dafür entwickeln, welchen Input jeder einzelne für das gemeinsame Projekt zu leisten vermag, worin daraus resultierende Synergien bestehen könnten und wie sich diese schlussendlich effektiv nutzen lassen. Beispiele für diese Verfahrenweise liefern die bereits existierenden Partnerschaften zwischen deutschen Bundesländern und südafrikanischen Provinzen6, die es sich zum programmatischen Ziel gemacht haben, interkulturellen Austausch zu initiieren und zu fördern.

Auf nichtstadtplanerischer Ebene findet interkultureller Austausch also bereits statt, Synergien werden erfolgreich genutzt. Auf stadtplanerisches Denken übersetzt bedeutet dies in der Folge, sich Gedanken darüber zu machen, ob nicht ein gemeinsames Interagieren beispielsweise im Bereich des Urban Upgrading7 von beiderseitigem Nutzen sein kann. Dabei spielt weniger der Austausch über bauliche Maßnahmen oder technische Innovationen eine Rolle, als vielmehr der über individuelle Erfahrungen auf dem Gebiet der Kommunikation, da diese, wie bereits erwähnt, das Fundament vieler stadtplanerischer Aktionen darstellen. Wie lassen

sich nun Wege und Ziele so früh wie möglich mit allen Betroffenen diskutieren? Welche Medien können unter welchen Bedingungen wie genutzt werden? Bei diesen Fragen können internationale Erfahrungen helfen, Stadtentwicklung im Sinne gegenseitiger Toleranz und Offenheit zum Initiator von Gesellschaftsentwicklung zu machen. Im günstigsten Fall können so Bedingungen geschaffen werden, unter denen sich die von Urban Upgrading-Maßnahmen betroffenen Bewohner mit ihrer neuen baulichen Umgebung identifizieren können und dazu motiviert werden, sie zu erhalten oder nach eigener Vorstellung weiterzuentwickeln.

3.0 Die Townships von Kapstadt - Stadtentwicklung und Geschichte

3.1 Townships - ein Produkt der Apartheid

Kapstadt nimmt aus verschiedenen Gründen eine Sonderrolle innerhalb Südafrikas ein. Zum einen verfügt die Stadt aufgrund klimatisch und geografisch begünstigender Faktoren über einen hohen Grad an Lebensqualität, der sich auch in ihrem stetigen Wachstum widerspiegelt. Zum anderen treffen hier aber auch auf engstem Raum Gegensätze aufeinander, wie es sie kaum ein zweites Mal auf der Welt gibt: Riesige Slum-Metropolen wie Khaylidsha mit gewaltigen sozialen Problemen liegen nur wenige Kilometer getrennt von nach amerikanischem Disneyland-Vorbild gestylten Shopping- und Vergnügungsvierteln, in denen sich vor allem weiße Touristen mit Souvenirs kaufen und Achterbahn fahren die Langeweile zu vertreiben suchen. Diese harten Gegensätze führen ihrerseits vielfach zu integrativ bedingten Spannungen und Konflikten, sind aber auch Teil der multinationalen Stadtkultur.

Die Entstehung und Entwicklung der Townships ist auf das engste mit der Apartheid verbunden - sie sind ein Produkt der Apartheid. 1923 begann die Regierung erstmals mit dem Native Urban Areas Act die Apartheid in Südafrika gesetzlich zu verankern. Dieses Gesetz teilte städtische Gebiete in Wohngebiete für Schwarze, Farbige und Weiße8 ein. Schwarzen und Farbigen war Wohnsitz und Landerwerb nur noch in den ihnen zugewiesenen Territorien, den so genannten Townships, möglich. Dazu wurden sie in zwei „Kategorien“ eingeteilt: Wanderarbeiter, die sich zeitweise, solange sie eine Arbeitsstelle nachweisen konnten, ohne Familie in Kapstadt aufhalten durften. Für sie wurden so genannte Hostels errichtet, provisorische, meist zweistöckige Notunterkünfte, in denen sie oft unter menschenunwürdigen Bedingungen hausten. Die zweite Kategorie waren Schwarze, die ein Dauerwohnrecht erhielten. Sie waren entweder in Kapstadt geboren oder lebten seit langem hier. Sie wohnten mit ihren Familien in von der Regierung errichteten Reihenhäusern. Nach dem 2. Weltkrieg setzte in Kapstadt eine stürmische industrielle Entwicklung ein. Der Bedarf an billigen Arbeitskräften war kaum noch zu decken und die Landflucht nahm ein Tempo an, dem die Behörden bald nicht mehr gewachsen waren. Als die Zahl der zuziehenden Arbeiter schließlich die Zahl der neu errichteten Wohnungen überschritt, begann das so genannte Informal Settlement9. 1982 wurde auf Regierungsebene geschätzt, dass 42% der Schwarzen „illegal“ in so genannten Shacks10 in Kapstadts Townships lebten. Die Apartheidsbehörden mussten diese Entwicklung tolerieren, da sie der Lage nicht mehr Herr wurden. Nach Beendigung der Apartheid und dem Wegfall der beschränkenden Gesetze verstärkte sich die Landflucht, da viele Wanderarbeiter nun auch ihre Familien in die Townships holten.

3.2 Beginn des Informal Settlement und der damit verbundenen sozialen wie strukturellen Probleme

Mit dem Einsetzen des Informal Settlements begannen sich die sozialen Probleme der Townships zuzuspitzen - mit ihnen wuchs auch der Unmut in der Bevölkerung. 1985 wurde die Township Athlone zum Synonym für den Widerstand gegen die Apartheid. Bürgerkriegsähnliche Situationen, in denen die Polizei immer wieder scharfe Munition einsetzte, schockierten ganz Südafrika. Im Laufe der letzten 20 Jahre bildeten sich riesige Squatter Camps, Elendsviertel in denen sich ein Shack neben ein anderes reiht. Ein Squatter Camp lässt sich für unser Verständnis am ehesten mit Hausbesetzerlager übersetzen, allerdings werden keine Häuser besetzt, sondern Land. Dies stellt für Kapstadts Stadtverwaltung eines der größten Probleme dar. Schätzungen der lokalen Regierung in Kapstadt zu Folge leben in diesen informell bebauten Arealen ca. 1,5 Millionen Menschen (vgl. www.capetown.gov.za) und täglich kommen mehr hinzu. Da die Entlohnung in den weiter abgelegenen ländlichen Gebieten immer noch weitaus schlechter ist als in Kapstadts näherer Umgebung, wird sich der Zustrom auch in naher Zukunft kaum stoppen lassen. Die damit verbundenen sozialen wie strukturellen Probleme sind vielschichtiger Natur: Größe, Form und Dichte der einzelnen Stadtteile unterliegen einem ständigen Wandel - für die Stadtverwaltung ist es daher außerordentlich schwer, eine dauerhaft funktionsfähige Infrastruktur für die Versorgung mit Strom und Wasser, sowie für die Entsorgung von Abwasser und Müll aufzubauen. Viele Bewohner können sich die anfallenden Gebühren zudem nicht leisten und beginnen daher, Strom illegal aus dem öffentlichen Netz abzuleiten. Dazu gibt es in jeder Community11 Geschäfte, die den Anschluss zum öffentlichen Netz gegen ein geringes Entgelt illegal herstellen „(…) angeblich sollen 70 Prozent des gesamten Stromverbrauchs auf das Konto solcher Township-Abzweigungen gehen“ (Gysling 1998). Immer wieder kommt es wegen dieser Provisorien jedoch zu Kurzschlüssen und verheerenden Schwelbränden. Schwierigkeiten macht außerdem die Gewährleistung hygienischer Mindeststandards: vielfach gibt es weder Wasser- noch Abwasserleitungen, sondern lediglich offene Kanäle, wodurch die Entstehung von Krankheiten begünstigt wird. Für Frischwasser müssen Bewohner oft mehrere

Kilometer zu Fuß zurücklegen. Darüber hinaus verläuft die Kommunikation und der Informationstransfer mit der Stadtverwaltung nur sehr schleppend, weshalb viele Bewohner nicht ausreichend über das Gefahrenpotenzial bestimmter Baugrundstücke informiert sind: So werden beispielsweise Gebiete bebaut, die unter Hochspannungsstromleitungen liegen oder bei Sturmflut im Winter überschwemmt werden. Jedes Jahr kommen auf diese Weise zahlreiche Hausbewohner ums Leben.

Bei einer 1999 von der Stadtverwaltung in Auftrag gegebenen Befragung unter Bewohnern der Township Khayelitsha wurden auf die Frage nach den Hauptproblemen folgende Wertigkeiten nach Punkten angegeben: Arbeitslosigkeit 70; Alkoholmissbrauch 30; Analphabetismus 29; Teenagerschwangerschaften 19; Tuberkulose 19; Drogenmissbrauch 18; Gewalt in der Familie 17; Kindesmissbrauch 15; Aids 14; Bandenkriminalität 13. Diese Einschätzung ist nach Ansicht der Stadtverwaltung allerdings sehr subjektiv: Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Aids seien angesichts der Statistiken insgesamt zu niedrig bewertet. Gleichzeitig werden Statistiken jedoch auch gerne dazu verwendet, diese Probleme zu relativieren. Beispielhaft sei hier auf das Wachstum der Wirtschaft und die Stagnation der Arbeitslosenzahlen in Südafrika verwiesen. Beides darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass für die Townships genau das Gegenteil zutrifft: Hier führt die rasante Verlagerung von Arbeitsplätzen aus dem primären12 in den tertiären13 Bereich dazu, dass vielen Townshipbewohnern die Existenzgrundlage entzogen wird, da vor allem die älteren von ihnen nicht mehr über die nötigen Qualifikationen verfügen. Man schätzt die Arbeitslosigkeit in den Squatter Camps heute auf 50% bis 70% (www.capetown.gov.za). Da es kaum ein staatlich organisiertes, soziales Netz gibt, erwachsen aus ihr andere soziale Probleme wie Armut und Kriminalität: „Statistisch gesehen wurde ein Viertel aller Südafrikaner - mehr als zehn Millionen Menschen - allein im vergangenen Jahr Opfer eines Verbrechens. Fast 22000 Menschen werden Jahr für Jahr umgebracht; jeder siebte Südafrikaner über 16 Jahre hat einen Mord miterlebt“ (Dieterich Johannes 2004). Zu diesen niederschmetternden Zahlen kommt die Tatsache, dass die Polizei chronisch unterbesetzt ist und viele Fälle nicht zur Anzeige kommen, da das Vertrauen in ihre Aufklärung nicht groß ist. Stattdessen sind es in den meisten Townships die Communities, die eine Art Schutz- oder Polizeifunktion übernehmen. Aids, eines der Hauptprobleme, rangierte in der Befragung zu den sozialen Problemen 1999 nur an neunter Stelle. Doch obwohl Aids in den Schulen thematisiert wird, in öffentlichen Gebäuden und Krankenhäusern Poster und Flyer ausliegen und Kondome an den unterschiedlichsten Stellen kostenlos verteilt werden, ist die niedrige Bewertung ein Hinweis darauf, dass die Informationspolitik von Stadtverwaltung und Hilfsorganisationen noch immer nicht ausreicht, um ein Bewusstsein für die existenzielle Bedrohung durch diese Krankheit zu schaffen. Stattdessen zweifeln wichtiger politische Identifikationspersonen, wie die Gesundheitsministerin, immer noch daran, dass eine Aids-Erkrankung durch das HI-Virus ausgelöst wird und empfehlen stattdessen die Einnahme von Olivenöl und

Knoblauch (vgl. Kapp 2004). Welches Ausmaß die Epidemie bereits angenommen hat, zeigen Schätzungen, denen zu Folge ca. 25% aller Schwangeren in Südafrika HIV positiv sind (ebd. 2004). Die Ansteckungsrate zählt damit zu den weltweit höchsten.

3.3 Stadtplanerische Lösungsansätze, ihre Schwachstellen und das mögliche Potenzial internationaler Kooperationen

Trotzdem unternimmt die Regierung große Anstrengungen, um dieser Probleme Herr zu werden, aber die Möglichkeiten sind begrenzt. Sie ist auf die Hilfe von NGOs14, wie Kirchen und Hilfsorganisationen angewiesen, da diese mit den regionalen Bedürfnissen besser vertraut sind und zudem eine gut funktionierende Kontaktschnittstelle zwischen Townshipbewohnern und Verwaltung bilden. Neben Aufklärungs- und Informationskampagnen15 reagiert die Stadtverwaltung mit städtebaulichen Entwicklungsprogrammen wie dem Dignified Places Program. Dieses versucht durch verschiedene bauliche Maßnahmen an ausgewählten Plätzen in den Townships öffentliche Plattformen für soziales und gewerbliches Leben zu initiieren. Als erster Schritt wurden in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit Backsteinkolonnaden und Versorgungsstationen für Strom und Wasser errichtet, hinter denen Townshipbewohner gegen ein geringes Entgelt Container aufstellen konnten, um formellen Handel zu betreiben oder Dienstleistungen anzubieten. Mit diesen Maßnahmen versucht die lokale Regierung, die Bildung urbaner Zentren zu initiieren, wodurch sich, in einem zweiten Schritt, die Chance ergeben soll, Informationen gebündelt an die Bevölkerung weiterzuleiten. Der Grund für dieses Bestreben liegt in der strukturellen Schwachstelle aktueller Kommunikationsmöglichkeiten mit und in den Townships. Es fehlen zentrale öffentliche Plattformen, um sich untereinander auszutauschen. Daher versucht man Orte zu schaffen, an denen den Bewohnern eine bestimmte Grundausstattung (elektrische Anschlüsse, Straßenbeleuchtung, Bodenversiegelung) zur Verfügung gestellt wird und an denen langfristig Bibliotheken, Schulen oder Informationszentren mit Internetzugang angesiedelt werden sollen. Dadurch sollen Anreize geschaffen werden, die wiederum Identifikation, städtebauliche Aufwertung und soziale Stabilisierung zur Folge haben.

Warum zeigen viele dieser Programme jedoch nicht die beabsichtigte Wirkung? Aus der Durchführung einer Multiple-Choice-Befragung in Khayelitsha und dem Interview mit Fikiswa Mahote, einer Verantwortlichen der Organisation DAG16 ergaben sich folgende Gründe dafür: Viele Bewohner können sich nicht mit den baulichen Anlagen identifizieren, weil sie der Meinung sind, nicht in Planungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden gewesen zu sein: „The main risk to the project to not succeed was the lack of involvement, participation by people who are the actual beneficiaries of the project. (…) They don’t feel responsible because they are not really involved. It will not address their needs.” (Göger 2004: 26). Viele von ihnen äußern die Kritik, eigene Wünsche und Bedürfnisse nicht adäquat kommunizieren zu können. Plätze werden deshalb oft schon kurz nach ihrer Fertigstellung aus Frustration wieder verwüstet. Das Potenzial eigener Visionen und Ideen bleibt dabei auf der Strecke, stattdessen machen sich Passivität und Gleichgültigkeit breit. Hinzu kommen historisch bedingte, unterschwellige Vorbehalte und Verständigungsprobleme zwischen Schwarzen, Farbigen und Weißen.

Woher rührt diese beiderseitige Skepsis zwischen Schwarzen und Farbigen auf der einen und Weißen auf der anderen Seite?

Die Gründe finden sich zum einen in mangelnder oder nicht stattfindender Kommunikation beider Gruppen, der eigentliche Ursprung der Skepsis ist jedoch tief verwurzelt mit der nicht vollzogenen Aufarbeitung der Geschichte des Rassismus: Viele Townshipbewohner waren selber direkt von diskriminierenden Maßnahmen des Apartheidsregimes betroffen. Dazu gehörten:

- die gesetzlich verankerte Klassifizierung nach Haufarbe und Religion
- die Ausweisung und Umsiedlung von Schwarzen und Farbigen durch die Homeland-Politik
- die ethnische Separierung und partielle Zerstörung ganzer Stadtteile durch den Urban Areas Act
- die Aufteilung des benutzbaren „öffentlichen“ Raums (Treppen, Parkbänke, Ein- und Ausgänge) nach Schwarzen und Weißen
- und schließlich in jüngerer Zeit auch der „Zootiertourismus“ in den Townships, der die Armut der Bewohner zu vermarkten droht

Übertriebene Erwartungen und überschwängliche Euphorien nach Ende der Apartheid vor zehn Jahren tragen dazu bei, dass Frustration und Wut über nicht erlangte Ziele bei vielen Townshipbewohnern über Zuversicht und Motivation überwiegen. Viele weiße Afrikaner nehmen nach wie vor eine offen oder unterschwellig rassistische Position ein, indem sie Kontakte mit schwarzen und farbigen Townshipbewohnern auf das absolut Notwendige reduzieren. Die meisten weißen Kapstädter haben die umliegenden Townships noch nie besucht und kennen sie nur von der Durchfahrt auf der Autobahn: „Weiße Südafrikaner meiden die Townships. Da gebe es erstens nichts zu sehen, zweitens nichts zu verdienen, drittens nichts als tödliche Gefahren (…)“ (Gysling 1998).

Welchen Beitrag kann nun eine internationale Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Südafrika zu der Lösung dieser größtenteils auf Verständigungsproblemen basierenden Konflikte leisten und wo findet vernetztes Denken bzw. das Streben danach bereits statt?

Die Tatsache, dass 25% aller Südafrikaner europäischer Abstammung sind, und Deutsch nach Xhosa, Afrikaans und Englisch die am häufigsten gesprochene Sprache des Landes ist, mag bereits einen ersten Hinweis dafür liefern, dass es - zumindest auf administrativer Ebene - eine gewisse Verbundenheit sowie eine Bereitschaft zur internationalen Kooperation gibt. Natürlich kann diese Verbundenheit mit Europa argumentativ nicht für ein gesteigertes Interesse der Townshipbewohner ins Feld geführt werden, da die überwiegende Anzahl von ihnen afrikanischer Abstammung ist. Aus persönlichen Gesprächen mit Townshipbewohnern in Kahyelisha17 lässt sich allerdings zusammenfassend feststellen, dass der Grad an Offenheit und Neugier gegenüber Europäern durchaus tiefer geht, als man das zunächst erwarten könnte. Im Gegensatz zu vielen asiatischen Ländern, in denen es oft sehr schwer fällt, Gespräche über persönliche Wünsche, Ängste und Hoffnungen zu führen, haben viele Townshipbewohner ein ernstes Bedürfnis, sich gerade auch mit Ausländern offen über ihre Probleme auszutauschen. Dies manifestiert sich auch in dem regen Interesse an der in Zusammenhang mit dieser Thesis durchgeführten Multiple- Choice-Befragung.

Auf politischer Ebene finden Kooperationen, wie eingangs bereits beschrieben, in vielen Bereichen statt. Nach offiziellen Angaben erhofft sich die südafrikanische Regierung von dieser internationalen Zusammenarbeit vor allem Beratungshilfe bei der Beseitigung des "Erbes" der Apartheid sowie Unterstützung bei der Modernisierung des Staates und der Integration in den Weltmarkt (vgl. www.auswaertiges-amt.de). Dass in diesem Zusammenhang auch ein gesteigertes Interesse an der Vertiefung wissenschaftlicher Zusammenarbeit besteht, spiegelt sich in der Tatsache wieder, dass das Communication Department der Stadtverwaltung von Kapstadt bereits großes Interesse an den Ergebnissen dieser Arbeit geäußert hat.

Aus deutscher Sicht wird vor allem die Integration von Minderheiten für die eigene Stadtplanung an Bedeutung gewinnen. Z.B. im Zusammenhang mit der EU- Osterweiterung. Steuerung und Koordination von Prozessen der Identitätsstiftung werden daher zukünftig unverzichtbare Bestandteile vieler Stadtentwicklungsprogramme werden. Erfahrungen wie die des Dignified Places Program können für Deutschland - wenn sie auch nicht direkt übertragbar sind - sehr wertvoll, vielleicht sogar unverzichtbar werden. Doch auch in technischen Fragen kann Südafrika für Deutschland ein wichtiger Kooperationspartner werden: Südafrika ist weltweit führend in der Herstellung und Nutzung regenerativer Energiesysteme für Low Cost Houses. Vertreter der Stadtverwaltung von Kapstadt waren aus diesem Grund im Mai des Jahres 2004 zu der Konferenz für erneuerbare Energien in Bonn eingeladen. Da auch Deutschland international eine Spitzenposition auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien einnimmt, könnten hier die Synergien beider Länder genutzt werden.

4.0 Voraussetzungen für die Initiierung städtebaulicher Maßnahmen in den Townships

4.1 Sprache

Um als Teilhaber einer fremden Kultur ein konkretes Projekt in den Townships zu initiieren, gilt es bereits bei der Vorbereitung diejenigen Aspekte interkultureller Kommunikation zu berücksichtigen, die für die Realisierung des Projekts von besonderer Relevanz sein könnten. Da Sprache in ihrer Hauptfunktion als Kommunikationsträger gerade bei der Herstellung von Kontakten wie auch bei deren Pflege eine besonders wichtige Rolle einnimmt, erscheint es sinnvoll, sie im Folgenden genauer zu beleuchten:

Obwohl Sprachprobleme selten der eigentliche Grund eines interkulturellen Konfliktes sind, da vor allem bei eher „technischen“ Aufgaben oft schon geringe Fremdsprachenkenntnisse genügen, um sich ausreichend verständigen zu können, und obwohl sich fehlende Sprachkompetenzen im Großteil der Fälle vermeintlich sogar durch Fachkompetenz oder Persönlichkeitskomponenten ersetzen lässt, können Sprachprobleme „(…) Interessensgegensätze zwischen den „Parteien“ (überdecken, F.G.). Wenn dies von den Betroffenen nicht erkannt wird, können Sprachprobleme die Konflikte auch verstärken (Beispiel Volmerg)“ (Küpers 2004: 249). Diese Feststellung unterstreicht die Bedeutung von Sprache im interkulturellen Kontext und verlangt zugleich eine genaue Analyse des lokalen Sprachgebrauchs im jeweiligen Gastland.

In Südafrika gibt es neun verschiedene Stämme, die jeweils andere Sprachen sprechen. Zusammen mit Englisch und Afrikaans existieren somit elf offizielle Sprachen. In Kapstadt und der Kap-Provinz leben hauptsächlich Schwarze vom Stamm der Xhosa. Die zweite große Bevölkerungsgruppe in Kapstadt und Umgebung sind die Coloureds, Afrikaans sprechende Nachkommen der ersten weißen Seefahrer und schwarzer Sklaven. Die Weißen teilen sich in jene englischen und jene burischen Ursprungs auf, wobei die Buren ebenfalls Afrikaans sprechen. Heute sind Xhosa, Afrikaans und Englisch in Kapstadt die drei offiziellen Amtssprachen. Informationsbroschüren der Stadtverwaltung, Wahlunterlagen oder lokale Zeitungen werden demzufolge auch zumeist dreisprachig gedruckt. Lediglich in Kapstadts Finanz-Zentrum dominiert Englisch.

Welchen interkulturellen Stellenwert nimmt Sprache nun in den Townships ein und welche Funktion erfüllt sie in diesem Zusammenhang? Auch in den Townships ist Sprache „nicht nur ein Instrument für Kommunikation und für das Erregen von Emotionen“ (Maletzke 1996: 73), sie ist auch “ein Mittel, um die Erfahrungswelt zu kategorisieren“ (ebd.: 73). Das Erlernen einer Sprache wie Xhosa bietet die Chance, sich diese Erfahrungswelt durch gleichzeitige Auseinandersetzung und Identifikation mit der fremden Kultur zu erschließen. Xhosa muss, wie andere Sprachen auch, bis zu einem gewissen Grad als verschlüsselter Code gesehen werden, dessen Entschlüsselung Auskunft über die unglaubliche Fülle an Informationen der zugrunde liegenden Kultur gibt. Daneben strukturiert Sprache „die Erfahrung mit der Umwelt, und die Erfahrung mit der Umwelt strukturiert Sprache. (…) So unterscheidet der Flachländer gewöhnlich nur unter Schnee und Eis, der Skifahrer aber hat schon mehrere Begriffe für verschiedene Formen des Schnees, und der Eskimo hat über hundert Begriffe, mit denen er seine unterschiedlichen Erfahrungen hinsichtlich Schnee und Eis ausdrückt“ (ebd.: 74). Natürlich wäre es fern jeder möglichen praktischen Durchführbarkeit, für interkulturelle Zusammenarbeit generell ein vollständiges Beherrschen der Sprache des jeweils anderen zu verlangen. Trotzdem sollte man sich auch der Risiken bewusst sein, die Übersetzungen mit sich bringen, vor allem dann, wenn es um die Realisierung von Konzepten geht, die einen hohen Grad an Partizipation erfordern und vor allem dann, wenn die kulturellen Differenzen so gewaltig sind, wie zwischen Deutschland und den Townships in Kapstadt. Der Anforderung, einen bestimmten Gesprächsinhalt gleichsam sinnidentisch von einer in die andere Sprache zu transferieren, können Übersetzungen in keinem Fall gerecht werden. Wie sonst auch wäre es zu erklären, dass für viele Worte keine Übersetzungen existieren (z.B.: Management, Computer, Apartheid, Perestroika, Savoir-vivre, Sauna). Vielmehr wird die Relation zwischen der Zeit, die für das Erlernen einer fremden Sprache notwendig ist und dem „Nutzen“, der sich daraus für ein konkretes Projekt ergibt zumeist falsch eingeschätzt. Dies trifft vor allem dann zu, wenn Englisch die Muttersprache ist und wenn - wie bei sehr vielen Townshipbewohnern der Fall - davon ausgegangen werden kann, dass der andere die eigene Sprache versteht. Im Großteil der Fälle ist jedoch Xhosa die Muttersprache. Die Kenntnis und Anwendung von Xhosa signalisiert daher in jedem Fall Interesse, Offenheit und Neugier an der fremden Kultur, wodurch Sympathien und gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden können, die oftmals die entscheidende Basis für den Beginn einer Projektkommunikation darstellen.

4.2 Zeichen und Bilder

Natürlich darf Sprache im Kontext der Initiierung städtebaulicher Maßnahmen in den Townships nie losgelöst von dem zweiten wichtigen Kommunikationskanal, den Zeichen und Bildern, im weitesten Sinne also der nonverbalen Kommunikation betrachtet werden. Ebenso wie Sprache folgt ihre „Entschlüsselung“ einem ganz spezifischen, kulturabhängigen Code, dessen vollständige Kenntnis für den Teilhaber einer fremden Kultur im Letzten unmöglich ist. Gerade deswegen scheint es jedoch relevant zu sein, die Funktion von Zeichen und Bildern im Kommunikationsprozess zu untersuchen.

Bei kommunikativen Handlungen verfügt man über eine sehr große Auswahl an Zeichenarten oder wählt zwischen unterschiedlichen Zeichenrepertoires. Man denke etwa an einen Werbespot, wo sie zwischen Bildern, Bildzeichen, musikalischen Tonzeichen oder gestischen Zeichen unterschieden werden. Und damit sind bei weitem noch nicht alle Zeichentypen erfasst. Hinsichtlich der Verständigung und Wirkung von Botschaften in den Townships ist es wichtig, sich als Kommunikator oder Absender einer Nachricht über die Angemessenheit des Zeichenrepertoires bewusst zu werden. Denn die Wahrnehmungsweise und Verarbeitung der gewählten Zeichen bei den Empfängern wirkt sich entscheidend auf deren bewusste und unbewusste Reaktionen aus. Ein Beispiel aus der Praxis soll dies verdeutlichen: Bei der Gestaltung eines Flyers18, der den Townshipbewohnern in comichafter Darstellung den Prozess der Registrierung im Amt erklären sollte, war es nach Angaben der Stadtverwaltung von entscheidender Bedeutung für die Akzeptanz der übermittelten Information, wie die dargestellten Townshipbewohner gekleidet waren. Weder durften sie zu elegant wirken, da sich sonst ein Mangel an Identifikation eingestellt hätte, noch sollten sie durch zu schäbige Darstellung den Eindruck vermitteln, man respektiere ihre Kultur nicht. Ähnliches galt auch im Bezug auf folgende Fragen: Ist der dargestellte Beamte der Stadtverwaltung ein Weißer oder Schwarzer? Trägt er einen Anzug? Sitzt er an einem Computer oder nicht?

Fikiswa Mahote von der Development Action Group in Kapstadt berichtet darüber hinaus, dass Kleidung ein wichtiger Sympathieträger sei. Es sei daher notwendig, sich vor dem Besuch bestimmter Townships Gedanken über die eigene Kleidung zu machen: „I normally think about how I am in terms of appearance when I go, depending on what different parts of Townships (…) so for some people it might not be typical having someone coming wearing trousers” (Göger 2004: 28). Diese Beispiele zeigen, mit welcher Sensibilität das Thema Zeichen und Bilder bei der Kommunikation mit den Townships behandelt werden muss.

4.3 Partizipation und Identifikation

Weniger offensichtlich, dafür aber von mindestens ebenso großer Bedeutung für den Kommunikationsprozess sind Partizipation und Identifikation. Welchen Stellenwert nehmen sie bei stadtplanerischen Konzepten in den Townships ein, wie entstehen sie und lassen sie sich unter Umständen durch gebaute Umwelt initiieren? Bei der Beantwortung dieser Fragen sei darauf verwiesen, dass Architekten oder Stadtplaner generell dem Irrglauben widerstehen sollten, durch Gebäudeformen individuelle und vielleicht sogar kollektive Identitäten prägen zu können. Beispiele, auch großer Architekten der Vergangenheit, haben gezeigt, dass sich Identifikation nicht vorhersehen oder gar auf Vorrat produzieren lässt. Meist waren diese Entwürfe zwanghafte Versuche, mittels eines kulturellen Produkts erzieherisch auf bestimmte, als ungünstig bewertete Verhaltensweisen einzuwirken. Einige „Heroen“ der Architekturgeschichte mögen mit dem Wunschtraum gespielt haben, ein Wahrzeichen - den Inbegriff baulicher Identifikation - zu schaffen. An dieser Stelle sei an die Fernsehtürme der 60er Jahre erinnert, die sich Städte wie München, Stuttgart oder Düsseldorf in der Hoffnung auf Prestigesteigerung reihenweise zulegten. Damit hat Identität jedoch wenig zu tun.

Viel mehr spielen in diesem Zusammenhang Begriffe wie Verantwortung und Wertschätzung gegenüber öffentlichem Raum eine Rolle. In der Analyse der zu ihrer Entstehung führenden Gründe liegt die wahre Herausforderung für identitätsstiftende Stadtplanung: Verantwortungsbewusstsein entsteht, auch in den Townships, nur dann, wenn sich Bewohner sozial oder ökonomisch direkt von dem sie umgebenden Raum tangiert fühlen. Ist dies der Fall, sind viele von ihnen bereit, sich für eine Veränderung und einen Erhalt mit einzubringen. Dies wird zum Beispiel an den Vorgärten der einzelnen Township-Shacks deutlich, die oft in einem sehr gepflegten Zustand sind und phantasievoll dekoriert wurden. Offenbar gibt es Identifikationspunkte, für die man bereit ist, Verantwortungsbewusstsein zu übernehmen. Die Frage ist also, wie sich dieses nun auf den öffentlichen Raum übertragen lässt? Partizipatorische Prozesse können einen wichtigen Anstoß geben: Zum einen trägt die frühzeitige Beteiligung möglichst vieler Townshipbewohner dazu bei, dass die elementaren Probleme eines Stadtteils erkannt und zur Sprache gebracht werden, zum anderen führt sie dazu, dass Wünsche und Bedürfnisse mit in Entscheidungsprozesse einfließen, was später maßgeblich dafür ist, ob und wie sich urbanes Verantwortungsbewusstsein entwickeln kann. Werden Projekte ohne die Partizipation der Bewohner initiiert, „then, they don’t really feel that they own the process, and ownership is a very important aspect, (…) ownership of feeling that this is my responsibility. Yes, even if it means ownership of (a new installed, F.G.) toilet in the sense that I’m going to keep it clean” (Göger 2004: 6).

Wie wichtig dieser bevölkerungsbezogene Teil der Öffentlichkeitsarbeit für den Erfolg eines Projekts sein kann zeigt die Resonanz der Townshipbewohner auf das bereits eingangs erwähnte Dignified Places Program. Obwohl man nur in sehr geringem Maße bauliche Eingriffe, wie etwa die Backsteinkollonaden und Baumanpflanzungen, vornahm und dadurch versuchte, den Bewohnern bei der endgültigen Gestaltung des öffentlichen Raums freie Hand zu lassen, weisen die Zerstörungen und vertrockneten Anpflanzungen trotzdem darauf hin, dass viele Bewohner die Plätze als fremde Implantate betrachten, zu deren Entstehung sie nicht befragt worden waren. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig eine frühzeitige und breit angelegte Bevölkerungsbeteiligung als Basis für Stadtentwicklung ist. Nur wenn die Gestaltung öffentlichen Raums das Produkt von Ideen und Visionen derer ist, die ihn nutzen, besteht die Chance, dass Menschen, ähnlich wie auch für ihren privaten Raum, Verantwortung übernehmen.

4.4 Nachhaltigkeit

Die Nachhaltigkeit städtebaulicher Konzepte für die Townships geht einher mit deren langfristiger Glaubwürdigkeit und ihrer wirtschaftlichen Rentabilität. Sie ist also für Stadtverwaltung und Bevölkerung gleichermaßen ein ökonomisches, wie auch ein allgemein qualitatives Kennzeichen moderner Stadtentwicklung. Dabei liegt ihr Fokus nicht auf einer kurzfristigen Entschärfung sozialer Spannungen, sondern auf einer dauerhaft spürbaren Verbesserung der Lebensumstände für alle. Nachhaltigkeit lässt sich im Zusammenhang mit Städtebau wie folgt unterteilen:

- sozialintegrative Nachhaltigkeit
- ökonomische Nachhaltigkeit
- bauliche Nachhaltigkeit
- ökologische Nachhaltigkeit

Natürlich sind alle vier Bereiche miteinander verzahnt und bedingen sich gegenseitig. Trotzdem nimmt die sozialintegrative Nachhaltigkeit gewissermaßen eine Schlüsselrolle ein. Sie kann nur unter der Prämisse einer breiten Bevölkerungsbeteiligung entstehen. Dafür müssen z.B. Plattformen geschaffen werden, auf denen ein konstruktiver Diskurs stattfinden kann und auf denen vorhandene Spannungen abgebaut werden können. Praktisch übersetzt auf die Townships könnten das z.B. regelmäßige Veranstaltungen oder Festivals sein, auf denen sich jeder Anwohner zu Wort melden kann. Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch der Ausbau von Bildungseinrichtungen, sowie die Intensivierung von Aufklärungskampagnen über verschiedene Themen - allen voran HIV. Natürlich kann soziale Nachhaltigkeit nur dann entstehen, wenn Aufgaben und Verantwortungsbereiche (z.B. für das Pflegen von öffentlichen Grünanlagen) unter den Bewohnern gerecht verteilt werden und natürlich müssen auch die ökonomischen Voraussetzungen dafür gegeben sein.

Es versteht sich von selbst, dass dies auf der Grundlage einer Arbeitslosenquote von 70% in den Squatter Camps nicht möglich ist. Deren Bekämpfung muss also oberstes Ziel bleiben. Wieder kann das Dignified Places Program als Versuch gewertet werden, gegen dieses Problem anzugehen: Durch die Bündelung von Einrichtungen, die formellen Handel begünstigen, erhofft man sich hier eine marktbelebende Wirkung. Auch die geschaffenen baulichen Einrichtungen müssen schließlich - damit sie einem Nachhaltigkeitsaspekt gerecht werden - bestimmten Anforderungen genügen. Zunächst muss ihre Konstruktion den enormen Wetterschwankungen in Kapstadt trotzen. Zugleich müssen sie aber auch stabil genug sein, um eventuellen Vandalismus Stand zu halten.

Der letzte Aspekt der Nachhaltigkeit bezieht sich auf die Ökologie. Auch dies ist ein Thema, dessen Brisanz, aber auch dessen Chancen, sich die Regierung durchaus bewusst ist. Wie bereits angesprochen, ist Südafrika führend auf dem Gebiet der Entwicklung und Nutzung regenerativer Energiestrategien für Low Cost Houses. Diese internationale Führungsposition in einem Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit bringt zum einen den Menschen im eigenen Land einen spürbaren Nutzen, weil die Umwelt weniger durch individuelle Energieproduktion belastet wird, und steigert zum anderen die wirtschaftliche Position auf dem Weltmarkt.

5.0 Medien- und Rezipientenstruktur in den Townships

5.1 Kommunikationskoordination in der Praxis

5.1.1 Stadtverwaltung

Für die Entwicklung des Kommunikationskonzepts19 war es von entscheidender Bedeutung, zu untersuchen, wie die lokale Stadtverwaltung mit den Townshipbewohnern interagiert, über welche Kontakte sie verfügt und mit welchen Medien sie dabei operiert. In welchen Bereichen funktioniert dieser Informationstransfer, wo haben sich Kommunikationsstrategien vielleicht nicht bewährt oder sogar Gegensätzliches bewirkt? Um dies zu recherchieren, wurden vom Verfasser vor Ort Gespräche mit folgenden Personen des Communication Department der Stadtverwaltung von Kapstadt geführt:

- Corbus Grobler - Department of Finances and Communication
- Jan Krueger - Department of Communication
- Grace Stead - Local Agenda 21

Diese Personen sind für die Steuerung und Koordination sämtlicher Kommunikationsprozesse zwischen Verwaltung und Townships zuständig. Ihre Erfahrungen und Kompetenzen stellen damit, ebenso wie die der im nächsten Kapitel behandelten NGOs, einen wichtigen Baustein dieser Arbeit dar. Der Kontakt zu ihnen wurde durch die Assistentin Astrid Ley (TU Berlin) hergestellt. Die Informationen des folgenden Kapitels entstammen zum größten Teil diesen Interviews.

Worin liegen zunächst die Gründe dafür, ein ausschließlich für lokale Kommunikation zuständiges Verwaltungsteam aufzubauen, und welche Strategien verfolgt dieses? Die Antwort auf diese Frage hängt vor allem mit dem gesellschaftlichen Aufbau in Kapstadt zusammen: Die Kap Provinz zeichnet sich, wie bereits erwähnt, durch einen hohen Grad an Multikulturalität aus. Elf offizielle Sprachen sowie Unterschiede in Herkunft, Glaubensorientierung und Lebensweise dokumentieren dies sehr anschaulich. Die Stadtverwaltung muss daher in vielen Bereichen, allen voran der Kommunikationsorganisation, sehr flexibel reagieren und fortlaufend neue Strategien entwickeln, die es den Bürgern langfristig ermöglichen, politische Entscheidungen mit zu tragen und sie dabei kritisch zu reflektieren. Da der überwiegende Teil Kapstadts in den Townships lebt und diese sich in einem ständigen Wandel (und gleichzeitig enormen Wachstum) befinden, liegt der Hauptfokus der strategischen Maßnahmen auf diesen Stadtgebieten. Hinzu kommt der folgende Umstand: Viele Menschen ziehen aus den umliegenden Homelands20 in die Townships, weil sie auf der Suche nach einem Job oder einem neuen Leben sind. In der überwiegenden Zahl der Fälle wenden sich viele jedoch aus Furcht nicht selber an die Regierung, sondern tauchen in den Informal Areas unter. Hier muss die Stadtverwaltung aktiv werden und Bewohner davon überzeugen, dass es, gerade um soziale Leistungen in Anspruch zu nehmen, wichtig ist, sich zu registrieren. Insbesondere für die Übermittlung von Hinweisen, die die Existenz der Bewohner betreffen und sie vor bevorstehenden Gefahren, wie z.B. Unwetter oder Sturmflut, warnen, müssen institutionelle Instrumente gefunden werden, die einen reibungslosen Informationsfluss gewährleisten.

Für die Entwicklung dieser Kommunikationsinstrumente geht die Stadtverwaltung nach einem aus Erfahrungswerten generierten Stufenplan vor: dieser beginnt zunächst mit der Definition der zu übermittelnden Informationen. Anschließend wird die beabsichtigte Zielgruppe eingegrenzt, wobei die folgenden Fragen eine wichtige Rolle spielen: Handelt es sich um Bewohner eines informellen Wohngebietes? Welche Gruppe von Menschen wohnt hier vornehmlich? Welche Sprache sprechen die Menschen? Über welchen Grad an Bildung verfügen sie? Im Falle der Squatter Camps sind dies zumeist Schwarze, die Xhosa sprechen und zum Teil weder lesen noch schreiben können. Informationen müssen also sehr einfach, sinnvollerweise in Bildern transportiert werden: “We have to tone down a message, very simple, and when we do communicate: a single theme, not a complex theme, not too many details, not too technical and abstract. A very simple message that’s packaged in such a way that a person can understand it immediately” (Göger 2004: 11). Dieser Schritt wäre auch für ein Kommunikationskonzept des Entwurfs Live on Square die Grundlage aller weiteren Bemühungen.

Als nächstes stellt sich die Frage nach den Multiplikatoren, die für das Erreichen dieses Ziels konkret in Frage kommen. Aus Sicht der Verwaltung stellt Radio das mit Abstand effizienteste Medium dar: “Radio is our strongest medium, because a lot of people have a radio so they do listen to radio“ (Göger 2004: 13). Da Radiogeräte, im Vergleich zu Fernsehern, für viele Townshipbewohner durchaus erschwinglich und außerdem wesentlich weniger reparaturanfällig sind, besitzen viele ein Empfangsgerät. Anders als in Deutschland fallen in Südafrika dafür auch keine laufenden Gebühren an: „Most of them will have a radio, or even a TV, but not all of them will have money to buy a newspaper” (Göger 2004: 16). Für Stadtentwicklungsprogramme, wie das Dignified Places Program, wird daher zunächst meist über lokale Radiostationen geworben. Dieses Verfahren hat sich in der Vergangenheit als ein sehr breitenwirksames Instrument erwiesen. Sein Nachteil besteht allerdings darin, dass die Informationen vom Rezipienten nicht fixiert werden können, sie lassen sich also nicht wie bei einer Zeitung oder einem Flyer immer wieder individuell abrufen. Dafür bietet Radio dem Rezipienten die Chance, interaktiv und live zu partizipieren: Sendungen, bei denen Bewohner zu bestimmten Themen anrufen und ihre Meinung kundtun können, sind in den Townships mittlerweile sehr populär. Dies mag vor allem damit zusammen hängen, dass viele Bewohner der Auffassung sind, sich über andere Medien nicht effizient genug mitteilen zu können und daher nach einem solchen Sprachrohr suchen.

Die Bedeutung des Fernsehens als Medium der Stadtverwaltung für Kommunikation mit den Townshipbewohnern ist aus verschiedenen Gründen als eher gering einzustufen. Zwar handelt es sich um ein Zweikanalmedium (visuell und akustisch), was sich, bedingt durch der Möglichkeit, auf Text zu verzichten gerade für Analphabeten als nachhaltige Informationsquelle anbieten würde, allerdings kann sich die überwiegende Mehrheit der Squatter-Camps-Bewohner kein Gerät leisten. Zudem sind Produktion und Ausstrahlung von Informationsbeiträgen über das Fernsehen für die Stadtverwaltung, im Vergleich zum Radio, relativ kosten- und aufwandsintensiv, man greift also meist nur bei groß angelegten, überregionalen Kampagnen darauf zurück. Für ein Projekt wie Live on Square eignet es sich daher kaum.

Die dritte klassische Mediensparte findet sich im Print-Bereich21. Ähnlich wie auch beim Fernsehen lassen sich mit gedruckten Bildern und Farben Emotionen wecken. Für Verständnis und Akzeptanz der transferierten Botschaft müssen sie allerdings nicht zwangsläufig ein Vorteil sein. Oft ist gerade hier der kulturelle Identifikationsgrad so groß, dass schon alleine die Wahl der Farben über Sympathie oder Antipathie der Sache gegenüber entscheidet.

Die intensivste und für alle Beteiligten effektivste Form der Kommunikation stellt jedoch das persönliche Gespräch dar: In der Vergangenheit wurden des Öfteren so genannte Mayor’s Listening Campaigns22 veranstaltet, in denen sich jeder Townshipbewohner individuell zu Wort melden konnte. Die Resonanz war nach Angaben der lokalen Regierung überwältigend. Die Problematik lag jedoch darin, dass man nur die etwas besser verdienende Schicht der Bewohner erreichte, da sich die Übrigen eine Fahrt nach Kapstadt nicht leisten konnten.

Seit kürzerer Zeit kommt nun ein ganz anderer Weg der Kommunikation zum Einsatz: Es werden in einem großflächig angelegten Township-Programm Monitore an Orten installiert, die von einer großen Anzahl an Menschen regelmäßig aufgesucht werden und an denen diese erfahrungsgemäß häufig anstehen oder warten. Natürlich müssen diese Plätze vor Witterung und Vandalismus geschützt werden. In Frage kommen beispielsweise Postbüros, Krankenhäuser, Büchereien, Badehäuser oder auch die Pay Offices, an denen Bewohner ihre Steuern entrichten. Da es in den Townships kaum urbane Zentren gibt, erfüllen diese Touch-Points auch in sozialer Hinsicht die Funktion provisorischer Treffpunkte. Hier werden Poster aufgehängt, Flyer oder Kondome verteilt.

Will man besonders dringliche Informationen (z.B. Sturmwarnungen) oder regional begrenzte Hinweise zu kurz bevorstehenden Ereignissen (z.B. dem Besuch der Bürgermeisterin) übermitteln, so eignet sich keine der bereits beschriebenen Methoden, da sie eher auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit ausgelegt sind: „It’s very important, you need to leave sufficient time for these people, for the network to go through, because it does take time to get from one to the next, like a bush telephone, but that actually works quite well“ (Göger 2004: 5). Für ein direkt bevorstehendes Ereignis werden Medien benutzt, die einen höheren Sensationswert haben. Natürlich sinkt damit auch gleichzeitig ihre Nachhaltigkeit: „For some events you cannot inform people five or six days before. People tend to forget. The best is, say you have the event on a Saturday, announce it on the Friday, the Friday afternoon” (Göger 2004: 18). Dafür kommen oft Wagen mit Lautsprechern auf dem Dach zum Einsatz. Oft arbeitet man parallel mit Streetworkern zusammen, die von Haus zu Haus gehen. In einem Pilotprojekt wurde vor einem Jahr versucht, Kassetten mit Informationen zu bespielen, und sie an Minibusorganisationen23 weiterzuleiten. Die Fahrer sollten sie dann während der Fahrt abspielen. Dies stellte sich allerdings als wenig effizient heraus, weil sich nicht kontrollieren ließ, ob die Kassetten während der Fahrt eingelegt wurden.

Wichtige Ansprechpartner bei der Kommunikationskoordination sind zum einen die NGOs, zum anderen aber auch die so genannten Street-Comitees der einzelnen Townshipbezirke. Diese sind informelle Bezirksverwaltungen, die sich aus verschiedenen ehrenamtlich tätigen Bewohnern zusammensetzen und daher sehr vertraut mit dem jeweiligen Stadtteil und seinen Problemen sind. Sie verfügen meist über die notwendigen Kontakte, um einen Großteil der dort ansässigen Menschen zu aktivieren. Über sie ist es auch möglich, das dringend notwendige Feedback zu erhalten. In der Vergangenheit kam dafür oft ein Briefkastensystem zum Einsatz. Man installierte Boxen an relativ stark frequentierten Orten (zum Beispiel Bahnstationen), die für Anregungen und Beschwerden gedacht waren: „Yes, I think maybe the most effective is to have a letter-box there in the evening for them to give their suggestions (…) And when they come in to pay their bill, their municipal bill, rates, taxes, for services, there are also boxes there where they can put in their suggestions” (Göger 2004: 19). Viele dieser im öffentlichen Raum aufgestellten Boxen wurden jedoch sehr schnell wieder zerstört oder mit Müll verstopft.

Um sprachbedingte Verständigungsprobleme bei der Kommunikation zu minimieren, beschäftigt das Communication Department einen dafür zuständigen Spezialisten: „We’ve got a person speaking the specific dialect and language fluently and we’ve got him onto the radio stations people listen to“ (Göger 2004: 11). Oft arbeitet man dabei aber auch mit externen Firmen zusammen. Um zu kontrollieren, ob sich bestimmte Township-Strukturen verändert haben, es also sinnvoll ist, Kommunikationsstrategien zu überdenken und den neuen Strukturen anzupassen, werden in regelmäßigen Abständen Luftfotos gemacht. Sie geben Auskunft darüber, wo neue informelle Wohngegenden entstehen, die mit Strom und Wasser versorgt werden müssen und welche Bewohner evtl. Informations- und Aufklärungsbedarf haben: „They take aerial photographs and know where developments are. We are up-to-date with the latest development. Where the next 20, 30 temporary Shacks went up. We need to service, bring services to those areas, such as water and toilets, as primary concerns” (Göger 2004: 19).

[...]


1 Township bei Kapstadt

2 Z.B. in der Entwicklung und Nutzung regenerativer Energien für Low Cost Houses.

3 Gemeinsame Forschung findet bereits in den Bereichen Astronomie, Biodiversität, Geo-, Antarktis-und Meereswissenschaft statt (vgl. www.auswaertiges-amt.de).

4 Z.B. das Volkswagenförderprogramm der Volkswagen-Stiftung oder Förderprogramm der Europäischen Kommission „Wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit zwischen EU und Südafrika“.

5 interkultureller Konfliktsituationen

6 Bayern mit Gauteng und Western Cape, Baden-Württemberg mit Kwazulu Natal, Nordrhein-Westfalen mit Mpumalanga, Niedersachsen mit Eastern Cape.

7 Städtebauliche Maßnahme, deren Ziel es ist, die Infrastruktur einkommensschwacher Stadtteile zu rehabilitieren bzw. zu erweitern, Wohnraum zu schaffen bzw. instand zu setzen sowie die kommunale Verwaltung zu stärken.

8 Die Bezeichnungen „Schwarze“, „Farbige“ und „Weiße“ werden im weiteren Verlauf der Arbeit immer wieder verwendet. Es sei darauf verwiesen, dass es sich hierbei nicht um eine rassistische Kategorisierung, sondern um eine allgemeingültige, und vor allem im südafrikanischen Raum neutral zu wertende Unterscheidung handelt.

9 informelle Landbesiedlung

10 Blechhütten

11 informell gegründete Townshipgemeinschaft

12 Landwirtschaft und Fertigung

13 High Tech und Dienstleistungen

14 Nichtregierungsorganisationen

15 Hierauf wird im Kapitel B.5.1.1 noch genauer eingegangen.

16 Development Action Group: NGO, die versucht, Townshipbewohner beim Bau von Häusern zu unterstützen.

17 Der Verfasser verbrachte hier im Juli 2004 einige Tage bei einer Familie. 20

18 siehe Anlagepunkt 1.0

19 Es wird im exemplarisch-projektbezogenen Teil dargestellt.

20 Als Homelands wurden während der Apartheid die Stammesgebiete der Schwarzen in Südafrika bezeichnet. Das Apartheidsregime wollte die Rassentrennung unter dem Motto der "separaten Entwicklung" auch territorial durchsetzen und formell unabhängige Staaten der Schwarzen in Südafrika schaffen, deren Bewohnern (Schein-)Unabhängigkeit zugestanden werden sollte. Die Homelands waren ökonomisch, finanziell und militärisch jedoch vollständig von Südafrika abhängig. De facto stellten sie also lediglich vom übrigen Staatsgebiet abgetrennte Reservate dar.

21 Zeitungen, Poster, Flyer

22 Dabei handelt es sich um in Kapstadts City stattfindende Bürgerversammlungen

23 Minibusse sind für viele Townshipbewohner das meist genutzte öffentliche Verkehrsmittel im Großraum Kapstadt.

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Townshipidentität durch Kommunikation und Partizipation
Untertitel
Entwicklung eines interkulturellen Kommunikationskonzepts als Idealstandard für partizipatorische, identitätsstiftende Stadtentwicklung in den Townships von Kapstadt
Hochschule
Hochschule Bochum  (Architektur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
107
Katalognummer
V42327
ISBN (eBook)
9783638403832
ISBN (Buch)
9783638762762
Dateigröße
1108 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Master Thesis versucht, Schwachstellen und Konfliktpunkte der vorherrschenden Kommunikationspraktiken in den Kapstädter Townships zu lokalisieren, sie im interkulturellen Kontext zu verorten und dafür in Form eines praktisch anwendbaren Kommunikationskonzepts adäquate Lösungsvorschläge zu entwickeln.
Schlagworte
Townshipidentität, Kommunikation, Partizipation
Arbeit zitieren
Florian Göger (Autor), 2004, Townshipidentität durch Kommunikation und Partizipation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42327

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