Benito Mussolini und Macchiavelli - Machiavelli-Rezeption in den Schriften Mussolinis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
44 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die „Machiavelli“-Verweise
2.1) Mussolinis Verweise auf „Machiavelli“
2.2) Chronologischer Überblick über die „Machiavelli“-Verweise
2.3.1) Die Machiavelli-Verweise im Gesamtwerk Mussolinis
2.3.2) Originalzitate aus Machiavellis Werken

3) Preludio al Machiavelli und Nicolò
3.1) Mussolinis Preludio al Machiavelli
3.2) Machiavellis Grundgedanken, mit besonderem Blick auf den Principe
3.3.1) Inhalt des Preludio al Machiavelli
3.3.2) Mussolinis Machiavelli-Verständnis im Preludio
3.4) Mussolinis Artikel Nicolò

4) Schluss

5) Literatur und Quellen

5.1) Quellenverzeichnis

5.2) Literaturverzeichnis

5.3) Links

6) Anhang
6.1) Textverweise auf “Machiavelli” in Mussolinis Opera Omnia
6.2) Übersetzung „Preludio al Machiavelli“, in: Gerarchia, N.4, April 1924 (=OO, Bd. 20,-254)
6.3) Übersetzung „Nicolò“ in: Popolo d’Italia, N.158, 5.7.1933 (OO, Bd.26, S.20f.)

1) Einleitung

Mussolini gilt als Verehrer der Machiavellischen Lehre, als Bilderbuch-Machiavellist, als Condottiere[1] im Stile der Renaissance. In kaum einer Biografie über Benito Mussolini fehlt ein Verweis auf den Einfluss, den Machiavelli auf diesen hatte. Schon in seiner Jugend habe der Duce zusammen mit seinem Vater den Principe gelesen, dessen Faszination ihn sein ganzes Leben lang in Bann hielt. Mussolini hat das Werk des Renaissanceautoren immer wieder gelesen, so betont er zumindest selbst mehrfach. Dennoch gibt es kaum Literatur, die sich mit dem Verhältnis Mussolinis zu Machiavelli auseinandersetzt. Verweise darauf greifen selten tiefer als bloße Anmerkungen, dass eine Beeinflussung bestanden habe. Allein Erwin Faul[2] beschäftigt sich ausführlicher mit dem modernen Machiavellismus (unter anderem) aus faschistischer Perspektive, aber auch bei ihm ist nicht die Frage nach Machiavellis Einfluss auf Mussolini, sondern der Machiavellismus generell das Thema. Was der Duce über Machiavelli sagt und schreibt, wie er Bezug nimmt, wird nicht ausgeführt. Konkrete Belege, die für eine Auseinandersetzung Mussolinis mit diesem Thema bestätigten, fehlen.[3]

Die vorliegende Arbeit möchte diesen Misstand beheben und die fehlenden Belege nachliefern, somit also eine grundlegende Überprüfung der Quellen leisten. Es soll untersucht werden, in welcher Form sich Mussolini über und zu Machiavelli äußert. Hierzu wurde mit Hilfe des Registers das Gesamtwerk[4] Mussolinis auf direkte Verweise auf „Machiavelli“ durchgesehen.[5] Diese Textstellen[6] sollen in ihren größeren Entstehungskontext[7] eingeordnet werden, um so durch eine Interpretation dieser Verweise Grundzüge des Machiavelli-Bildes Mussolinis herauszuarbeiten. Was wird zitiert? Wie wird Machiavelli dargestellt? Findet eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Werk des Renaissanceautoren statt?

Die zu untersuchenden Verweise lassen sich in zwei größere Gruppen teilen. Es können so zwei Seiten der Machiavelli-Rezeption Mussolinis unterschieden werden: Zum einen tauchen in seinen Reden und Artikeln immer wieder kurze Anmerkungen auf, zum anderen gibt es eine (einzige) eingehendere, „wissenschaftliche“ Auseinandersetzung mit dem Thema, das Preludio al Machiavelli sowie einen weiteren kurzen Text Nicolò. Beide Seiten werden getrennt von einander behandelt, da sie verschiedene Arten des Umgangs mit Machiavelli darstellen. Inwieweit sie Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede aufweisen, wird herauszuarbeiten sein. Da Mussolinis hauptsächliches Wirken das eines Redners und Journalisten war, sollen zuerst die kurzen Textverweise eingehend untersucht werden.

Aus Platzgründen können sowohl die Person Mussolinis als auch die faschistischen Ideen genauso wenig wie die Theorie Machiavellis besprochen werden. Letztere soll aber an gegebener Stelle in den für die vorliegende Arbeit relevanten Punkten vorgestellt werden. Die Arbeit versteht sich vor allem als Untersuchung der Originalbelege zu Machiavelli und der darin zum Ausdruck kommenden Deutung Mussolinis.

2) Die „Machiavelli“-Verweise

2.1) Mussolinis Verweise auf „Machiavelli“

In 18 Texten sowie einer Fußnote der gesamten Schriften Mussolinis finden sich Verweise auf „Machiavelli“. Meist wird der Name nur einmal genannt, in einigen wenigen Texten finden sich auch Mehrfachnennungen, die aber meist lediglich Wiederholungen sind. Nur zwei Artikel, das Preludio al Machiavelli und der kurze Text Nicolò, handeln durchgehend über das Thema, während es in allen anderen relevanten Texten nur Satz- bzw. Abschnittsweise vorkommt. Gelegentlich wird auch – unkommentiert – aus Originalschriften Machiavellis zitiert. Außer in den beiden genannten Schriften findet keine längere Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des Florentiners statt; daher werden diese – vor allem das Preludio – gesondert zu untersuchen sein.

Im Folgenden wird in einer chronologischen Auflistung der Textverweise auf Machiavelli ein Überblick gegeben; dabei werden die Textausschnitte – soweit als möglich – in ihren historisch-politischen Zusammenhang und den Entstehungskontext eingeordnet. So wird auch ein relativ umfassender, wenn natürlich nur in groben Zügen bleibender Überblick über Mussolinis Wirken und seinen politischen Werdegang gewonnen, denn diese Arbeit kann weder eine Biografie leisten noch die persönlichen Eigenschaften des Duce beurteilen, etwa seinen Pragmatismus und wie dieser die politischen Entscheidungen beeinflusst hat. Zudem werden die Ausführungen immer im Bezug zu den Textverweisen stehen, so dass bedeutende politische Entwicklungen, die für diese Arbeit jedoch unrelevant sind, nur gestreift oder aber unbeachtet bleiben.

Neben der Einordnung der Artikel oder Reden in das historische Umfeld werden die wesentlichen Aussagen Mussolinis über Machiavelli zusammengefasst. Abschließend soll untersucht werden, welche Tendenzen in der Art und Weise, wie Mussolini Machiavelli nennt und/oder zitiert, zu beobachten sind. Gibt es bestimmte Zusammenhänge, in denen auf bestimmte Aussagen verwiesen wird? Wird aus dem gesamten Corpus Machiavellis geschöpft? Lassen sich Entwicklungen feststellen?

2.2) Chronologischer Überblick über die „Machiavelli“-Verweise

Im Dezember 1910 erschien in Mussolinis sozialistischer Zeitung La Lotta di Classe (Klassenkampf)[8] der Artikel „ Nazionalismo[9]. Mussolini kritisiert darin die Forderungen der neugegründeten nationalistischen Partei, die sich 1910 um Enrico Corradini gebildet hatte.[10] Seine Haltung gegen die Monarchie und gegen die kriegerischen Expansionsbestrebungen bestimmter promonarchischer Gruppierungen, darunter vor allem die genannten Nationalisten, wird deutlich. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Mussolini selbst noch der sozialistischen Partei (PSI)[11] an.[12]

Bezeichnenderweise lehnt Mussolini den Krieg nicht aus pazifistischer Überzeugung ab, Gewalt gilt ihm nicht grundsätzlich als schlecht;[13] vielmehr wettert er gegen das monarchische System und die Politik der Regierung, die den Zielen der Sozialisten nicht entspreche. Die Monarchie könne aus Gründen der Tradition und ihrer Allianzen nicht für einen italienischen Nationalismus (allerdings nicht der Nationalismus der nationalistischen Partei, sondern der sozialistische) sein. Außerdem habe das italienische Heer „traurigerweise“ noch nie gewonnen, wie schon Machiavelli festgestellt habe.[14] Es ist also bedauerlicherweise nicht kriegstauglich – deutlich schon hier die grundsätzliche Bejahung militärischer Aktionen Mussolinis.

Ein dreiviertel Jahr nach Erscheinen dieses Artikels, im September 1911, erklärte die Regierung Giolitti der Türkei den Krieg um Libyen.[15] Im Oktober 1912 trat die Türkei ihren letzten afrikanischen Besitz ab.[16] Die Sozialisten einigten sich während der Kriegsphase auf aktiven Widerstand gegen die Vorgehensweise des Staats, in dem sich Mussolini stark engagierte. Er avancierte zu einer „Art Helden des Sozialismus“, erregt mit seinen Reden zunehmend mehr Aufmerksamkeit.[17]

In den folgenden Jahren änderte sich Mussolinis politische Haltung grundlegend. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs forderte er zunächst im Sinne seiner Partei und der Mehrheit von Volk und Regierung die Neutralität Italiens.[18] Mit der Marneschlacht im September 1914, bei der der deutsche Vormarsch im Westen gestoppt wurde,[19] veränderte sich jedoch seine Gesinnung.[20] So spricht Mussolini sich etwa im Artikel „ Pedate ai Neutri “ vom März 1915[21] deutlich für einen Kriegseintritt Italiens aus. Der Titel ist Programm. Die Politik der Diplomatie sei abzulehnen, wie auch schon Machiavelli dies getan habe. Wenn das Schicksal ganz Europas in den Händen der Generäle liege, könne man nicht Diplomatie betreiben. Der Ruf Italiens stehe auf dem Spiel. Mussolinis Reden werden immer deutlicher nationalistisch.

Warum Mussolini aus dem sozialistischen Lager ausscherte und zum Kriegsbefürworter wurde, ist nicht ganz geklärt und lässt verschiedene Sichtweisen zu. Sicher war er seit den sogenannten Roten Wochen, einem Generalstreik, im Juni 1914 vom in seinen Augen feigen Verhalten seiner Partei[22] enttäuscht und stand nicht mehr voll hinter ihr.[23] Außerdem war Mussolini, wie schon geschildert, nie prinzipiell Kriegsgegner. Vielmehr bedeutete Krieg für ihn immer auch die Möglichkeit zur totalen (sozialistischen) Revolution.[24] Zudem wird über französische Geldzahlungen spekuliert, die höchstwahrscheinlich nicht in Frage zu stellen sind.[25] Jedenfalls wurde Mussolini im November 1914 aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen, kurz nachdem er seine eigene Zeitung Popolo d’Italia gegründet hatte – was sicher nicht ohne die nötigen Mittel hätte geschehen können.[26]

Zwei Monate nach Erscheinen dieses Artikels trat Italien im Mai 1915 tatsächlich auf Seiten der Ententemächte in den Krieg ein.[27]

Der nächste Verweis auf Machiavelli findet sich in einer Rede Mussolinis im März 1918[28], der Krieg war zu diesem Zeitpunkt also noch im Gange. Mussolini selbst war bis Februar 1917 an der Front.[29] Im Oktober 1917 erlitt Italien eine empfindliche Niederlage bei Caporetto, als die deutsch-österreichischen Truppen die italienische Front durchbrachen und nach Venetien vordringen konnten.[30] Mussolini warb unermüdlich für neue Kriegsbegeisterung. Noch hatte er aber keine politische Linie gefunden.[31]

In dieser Rede zitiert Mussolini erstmals aus einer Schrift Machiavellis, aus dem Principe, Kapitel VI, übrigens auch in der späteren Veröffentlichung im Popolo d’Italia ohne Quellenangabe.[32] Er überträgt Machiavellis Ideal vom uomo virtuoso[33] auf das gesamte Volk. Die besondere Tüchtigkeit des italienischen Volkes, wie auch der tugendhafte uomo virtuoso, braucht vom Schicksal nichts anderes als eine günstige Gelegenheit, um die eigene Tüchtigkeit umzusetzen.[34] Nach Mussolini ist diese Situation ein Krieg. Bietet sich aber eine solche Gelegenheit zum Krieg, so ist es die Tüchtigkeit des Volkes, die es die günstige Gelegenheit erkennen und beim Schopfe packen lässt. Diese Interpretation Mussolinis verengt Machiavellis Theorien auf die eine Situation des Krieges. Der Florentiner entwickelt sein Konzept von fortuna und occasione als ein generelles, das grundsätzlich situationsbestimmend ist, virtù zeichnet sich nicht nur im Krieg aus. Neben dieser zugespitzten Auslegung Machiavellis findet sich in dieser Rede auch eine Inkonsequenz in Mussolinis Denken, denn seinen späteren Ausführungen im Preludio zum Menschenbild Machiavellis werden dieser nationalistischen Hochschätzung des Volkes gerade entgegengesetzt sein.

Im September desselben Jahres, gute zwei Monate vor Kriegsende, erscheint ein weiterer für diese Arbeit relevanter Artikel „ I Sonniniani “.[35] Im selben Monat forderte Deutschland ein Waffenstillstandsangebot.[36] Mussolini schreibt am Ende seines Artikels deutlich von der Gefahr, die Italien in seinen Augen droht. Es ist eine klare Aufforderung an den Außenminister Sonnino[37], seine Politik eines „genau begrenzten Landes“[38] fortzuführen. Wenn aber Sonninos Bestrebungen in Italien weiterhin als „ tabù “ gelten, wenn der Geist Machiavellis und Metternichs nur übertüncht werde, nicht aber wahrhaftig zur Geltung kommt, so drohe Italien nicht am Ziel anzukommen.

Der rhetorische Verweis auf die beiden historischen Persönlichkeiten bleibt unerläutert, wie überhaupt in vielen Schriften immer wieder bekannte Namen – wie etwa Machiavelli – herangezogen werden, die in Mussolinis Augen für eine bestimmte Sache stehen, ohne dass er dies aber genauer begründet. Vielmehr setzt er die Vertrautheit des Lesers bzw. Zuhörers damit voraus – oder aber auch gerade nicht, dann nämlich, um mit rhetorischen Mitteln Eindruck zu machen. Gerade das Beispiel Machiavellis lässt als ziemlich sicher vermuten, dass zumindest in einigen Schriften vor allem mit dem „Ruf“ des florentinischen Sekretärs in der öffentlichen Meinung gearbeitet wird, und weniger mit dem tatsächlichen Inhalt seines Gedankenguts.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und mit dem Versailler Vertrag war Italien in zwei Lager geteilt, die Situation im Land aufs Höchste gespannt. Auf der einen Seite die interventionistischen und demokratischen Gemäßigten, die einen gerechten Frieden mit demokratischer Selbstbestimmung erreichen wollten[39] ; auf der anderen Seite, zu der auch Mussolini gehörte, die „Anhänger“[40] Sonninos, die wie er die Ergebnisse des Friedens so nicht akzeptieren wollten: Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurden zwar alle inneritalienischen Ziele des Risorgimento befriedigt, die imperialistischen Wünsche jedoch nicht.[41] Das Schlagwort vom „verlorenen Sieg“ kam auf.[42]

In dieser brodelnden Atmosphäre der Nachkriegszeit kam es im März 1919 zur Gründung der Faschistischen Partei Italiens (PNF).[43] Ehe sie jedoch zu einer wirklichen politischen Partei wurde, sollte noch einige Zeit vergehen.[44] Erst drei Jahre später begann der „Siegeszug“ der Faschisten.[45] Waren sie lange Zeit nur geduldet worden, so erhielten sie jetzt Unterstützung der Regierung.[46] Im Mai 1921 zog die Faschistische Partei erstmals ins Parlament ein, unter ihren Abgeordneten auch Mussolini.[47] Dies änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass nach wie vor Bürgerkrieg im Land herrschte: zwischen Sozialisten und Faschisten kam es immer wieder zu – von letzteren heraufbeschworenen – blutigen Auseinandersetzungen.[48] Obwohl diese lange als „Bollwerk gegen den Bolschewismus“ galten, äußerte sich die Bevölkerung zunehmend empört über das faschistische Vorgehen.[49] Mussolini reagierte sofort. Er leitete Verhandlungen über einen Waffenstillstand beider Parteien ein, der schließlich im August ’21 auch unterzeichnet wurde, allerdings gegen den Willen der faschistischen Mehrheit.[50] Die Partei drohte in zwei Teile zu zerfallen. In dieser Lage veröffentlichte Mussolini kurz vor Abschluss des genannten Vertrages den Artikel „ Ritorno al Principio[51] – eine deutliche Aufforderung an seine Parteigenossen, sich auf die Ursprünge ihrer Partei zu besinnen und so ihren Erhalt zu ermöglichen.[52] Der Text schließt mit einer – in Mussolinis Augen – mahnenden Sentenz Machiavellis[53], den Titel zum dritten Buch der Discorsi[54], die besagt, dass man eine Religionsgemeinschaft oder eine Republik notwendigerweise immer wieder zu ihren Ursprüngen zurückführen müsse, wenn diese lange leben solle. Allein aus diesem Zitat, ohne Kenntnis des folgenden Kapitels, ist Mussolinis Vergleich allerdings nicht gerechtfertigt. Die Partei ist weder eine religiöse Gruppierung noch eine Republik. Selbst eine sinngemäße Übersetzung des Wortes „ setta “ als Geheimbund, erleichtert das Verständnis des Zitats in diesem Zusammenhang nicht.

Mussolinis Position war zunächst starker Kritik ausgesetzt, doch wurde der innerparteiliche Zwist bald beigelegt.[55] Der Streit zwischen Sozialisten und Faschisten dagegen flammte schnell wieder auf. Die faschistischen Squadre wurden zu halbmilitärischen Einheiten ausgebaut, im Mai 1922 kam es zur ersten großangelegten Militäraktion.[56] Einige Tage zuvor erschien ein weiterer Artikel[57] Mussolinis, in dem er auf Machiavelli verweist. Inhaltlich beschäftigt er sich darin allerdings nicht mit der innenpolitischen Krise, sondern mit einem außenpolitischen Problem um Italiens Stellung in der Weltpolitik.[58] Der Inhalt soll hier nicht weiter ausgeführt werden, zumal er für die inneritalienischen Entwicklungen weniger relevant ist. Der Verweis auf Machiavelli ist wiederum keine inhaltliche Referenz, sondern eine bloß rhetorische Formulierung, dass „der gute Niccolò Machiavelli in seinem ewigen Schlaf gestört“ werde. Zugleich erhebt Mussolini die Behauptung, Machiavelli werde in Italien viel zu wenig gelesen und seine Lehren viel zu wenig befolgt.

In der folgenden Zeit etablierte sich Mussolinis Position sowohl innerhalb der Partei, als auch außerhalb als Journalist und Parlamentarier immer mehr.[59] Er wurde „gesellschaftsfähig“[60]. Auch die Faschisten gewannen an Einfluss.[61] Gleichzeitig ließen die innenpolitischen Spannungen nicht nach, wieder wurde eine Regierung gestürzt.[62] Die Ereignisse überschlugen sich, es kam zu den Vorbreitungen für den faschistischen „Marsch auf Rom“, für die faschistische Revolution.[63] Als die Truppen jedoch tatsächlich – kampflos – in der Hauptstadt einrückten, war Mussolini bereits vom König zum Ministerpräsidenten ernannt worden.[64] Formell vollzog sich der Regierungswechsel damit legal.[65]

In den nun folgenden Jahren bemühte sich Mussolini als Regierungschef um eine parlamentarische Regierung[66], die erst nach und nach zur Diktatur wurde. Eingeleitet wurde dieser Umschwung durch die Matteotti-Krise im Juni 1924[67], die erste ernsthafte Bedrohung für Mussolini in seiner Funktion als Ministerpräsident.[68] Kurz zuvor entstand im Frühjahr 1924 das „ Preludio al Machiavelli “, das später in einem eigenen Kapitel ausführlicher besprochen wird.[69] Im Zuge der durch die Ermordung Matteottis eingeleiteten Unruhen änderte Mussolini schließlich seinen politischen Kurs.[70] Auf Druck seiner Partei wandte er sich von seinen Versuchen der parlamentarischen Zusammenarbeit ab und nahm die Regierung allein in die Hand.[71] In den Jahren bis 1926 wurde Italien zum „monolithischen“ und nach 1926 schließlich „korporativen“[72] Polizeistaat umgebaut, der „jedwede Tätigkeit [...] kontrollierte und anleitete“.[73] Eine Vielzahl von Gesetzen beschnitten nach und nach die Freiheitsrechte im Staat, dem Amt des Regierungschefs wurde „unbeschränkte politische Führungsgewalt“ eingeräumt.[74] Opposition war verboten, Wahlen wurden mehr oder weniger abgeschafft.[75] Auch die faschistische Partei hatte Mussolini nun ganz unter seiner Kontrolle.[76] Ende 1929 war die faschistische Revolution Mussolinis vollendet. Jetzt konnte er daran gehen, Faschismus und Staat zu einer Einheit zu verschmelzen.[77]

Deutlich wird Mussolinis (Selbst)Einschätzung dieser Umwandlungen in einer Rede[78], die er bei einem Besuch der Accademia delle Belle Arti in Perugia hielt. Italien „heute“ sei ein Land großer Möglichkeiten. Es habe alle Bedingungen und Erwartungen erfüllt, die die großen Denker des Landes sich erhofft haben, von Machiavelli bis Mazzini[79]. Italien präsentiere sich als geeinter Staat, der gar über die kühnsten Erwartungen der Vorfahren hinaus noch eine weitere Qualität aufzuweisen habe: moralische Einheit. Wiederum findet hier keine Auseinandersetzung mit Machiavellis Gedanken statt. Vielmehr rückt Mussolini das Italien dieser Tage und damit sich selbst und seine Veränderungen in einen glorreichen historischen Gesamtzusammenhang: Mussolini als Retter Italiens und als Vollender der Wünsche und Hoffnungen aller großen Persönlichkeiten, der darüber hinaus noch mehr geleistet hat. Diese fast schon messianischen Selbsteinschätzung steht ganz im Zuge des Personenkults, der immer stärker um Mussolini aufgebaut wird.[80]

[...]


[1] Georges Sorel 1913 über Mussolini (in: Kirkpatrick, S. 139).

[2] Faul, E.: Der moderne Machiavellismus, Köln, Berlin 1961.

[3] Abgesehen von gelegentlichen, meist nur knappen Verweisen auf das Preludio, vgl. etwa Bosworth, S. 192; Farrell, S. 143f.

[4] OO, Bd. 36.

[5] Im Rahmen dieser Arbeit können nur die direkte Verweise, sprich die im Register unter dem Namen „Machiavelli“ verzeichneten Textstellen berücksichtigt werden, nicht aber sinngemäße Verweise sowie Originalzitate, die als solche aber nicht kenntlich gemacht sind.

[6] Vgl. Anhang, S. I für eine Auflistung der italienischen Originalverweise.

[7] Es sei darauf hingewiesen, dass im beschränkten Rahmen der vorliegenden Arbeit keine ausführliche Gesamtbewertung der Politik Mussolinis etc. geleistet werden kann.

[8] Mussolini gründete die vier Seiten starke Wochenzeitung selbst; im Januar 1910 erschien die erste Ausgabe. Er schrieb und gestaltete das Blatt selbst. Nur kurze Zeit später wurde es zum Sprachrohr des radikalen Flügels der sozialistischen Partei (Kirkpatrick, S. 41).

[9] Nazionalismo (Nationalismus), in: La Lotta di classe, N.49, 10.12.1910 (OO, Bd. 3, S. 280-281). Verweis auf S. 280.

[10] Mack Smith: Modern Italy, S. 239; Schieder, S. 447: In dieser Partei trafen imperialistische Forderungen mit dem Wunsch „nach revolutionärer Neuformung der Nation im Innern“ zusammen.

[11] PSI = Partito Socialista Italiano.

[12] Mussolini kritisierte auch seine Partei stark. Im Frühjahr 1911 kam es zur Sezession der von ihm geführten lokalen Partei in Forli, die allerdings ohne Auswirkungen blieb, zumal im September der Libysche Krieg begann (und damit andere Probleme im Vordergrund standen) (Mack Smith: Modern Italy, S. 104f.).

[13] In einem Artikel dieser Zeit etwa empfiehlt Mussolini Mord als „politisches Kampfmittel“ für die revolutionären Bestrebungen der Sozialisten (Kirkpatrick, S. 41).

[14] Es ist nicht klar, auf welche(n) Text(e) Machiavellis sich Mussolini hier bezieht, wahrscheinlich auf den Principe, Kap. XXVI, aber auch auf die Arte della Guerra, die von Mussolini aber erst viele Jahre später angeführt wird.

[15] Libyen war das einzige Gebiet der afrikanischen Mittelmeerküste, das noch nicht in europäischer Hand war, sondern zur Türkei gehörte. Seine Besitzergreifung wurde lange diplomatisch vorbereitet und bedeutete für den jungen italienischen Nationalstaat einen ersten Schritt in Richtung der imperialistischen Bestrebungen (Schieder, S. 445f.). Zum Verlauf des Libyschen Krieges vgl. Mack Smith: Modern Italy, S. 241-249.

[16] Seildmayer, S. 445f.

[17] Vgl. Kirkpatrick, S. 43f., Zitat ebd. S. 44.

[18] Kirkpatrick, S. 54.

[19] Schöllgen, S. 80.

[20] Kirkpatrick, S. 55.

[21] Pedate ai neutri (Fußtritte gegen die Neutralen), in: Il Popolo d’Italia, N.85, 2.3.1915 (OO, Bd. 7, S. 283-285), Verweis auf S. 285.

[22] Die Gewerkschaften beendeten den Streik nach einer Woche, da ohne bewaffnete Unterstützung keine Erfolgschancen bestanden (Kirkpatrick, S. 53).

[23] Kirkpatrick, S. 53f.

[24] Schieder, S. 452f.

[25] Schieder, S. 452; Kirkpatrick, S. 56.

[26] Kirkpatrick, S. 57.

[27] Schieder, S. 454.

[28] [La vittoria fatale (Der verhängnisvolle Sieg)], Rede, Bologna, 19.Mai 1918; in: Il Popolo d’Itallia, N.142, 24.5.1918 (OO, Bd. 11, S. 79-87). Verweise auf S. 80.

[29] Kirkpatrick, S. 62.

[30] Schieder, S. 454; Kirkpatrick, S. 66.

[31] Kirkpatrick, S. 66.

[32] Zitiert werden zwei Abschnitte aus Machiavelli: Principe, Reclam, S. 42f. In diesem Artikel finden sich auch keine Angabe des Werks und des Kapitels, wie es in manchen Schriften angegeben wird.

[33] Zu Machiavellis Grundgedanken vgl. Kap. 3.2), S. 22.

[34] In Kap. VI des Principe wird das Zusammenspiel von “fortuna”, “occasione”, „ necessità “ und “virtù “ besonders deutlich beschrieben, vgl. auch Hoeges, S. 158.

[35] I Sonniniani (Die Sonnino-Anhänger), in: Il Popolo d’Italia, N.248, 7.9.1918 (OO, Bd. 17, S. 338-340). Verweis auf S. 340.

[36] Die deutsche Regierung bietet einen Waffenstillstand auf Basis des 14.Punkte-Programms des US-Präsidenten Wilson (vgl. Schöllgen, S. 82).

[37] Giorgio Sidney Baron Sonnino, *11.3.1847, +4.11.1922. Außenminister 1914-19. Er vertrat Italien auf der Pariser Friedenskonferenz (Brockhaus Wissen 2004, PC-Bibliothek).

[38]Un terreno nostro ben definito“, Mussolini, I Sonniniani, S. 340.

[39] Schieder, S. 456.

[40] Dazu gehören sowohl Liberale wie nationalistische Rechte und der Kreis um Mussolini (Schieder, S. 456). Diese „ Sonniniani “ verbindet weniger eine gemeinsame politische Linie, als vielmehr die Unzufriedenheit mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs für Italien.

[41] Das Londoner Abkommen vom 26.4.1915 sah verschiedene Gebietserweiterungen Italiens vor (Schieder, S. 453). 1918 jedoch hatte sich die politische Situation verändert, so dass von den imperialistischen Expansionswünschen Italiens – etwa auf dem Balkan und Kleinasien – keiner erfüllt wurden (Schieder, S. 455f.).

[42] Schieder, S. 456.

[43] PNF = Partito Nazionale Fascista. Zur Bezeichnung „ Fasci “ bzw. „ Fasci di Combattimento” vgl. Kirkpatrick, S. 59; Farrell, S. 80f.; Payne, S. 131f. Die Partei hatte in dieser Form noch nicht viel gemein mit dem späteren Faschismus (etwa sah das Parteiprogramm auch das Frauenwahlrecht vor – zu dieser Zeit höchst fortschrittlich, Ridley, S. 91; vgl. bes. auch Gregor, Kap. 9+10, S. 203ff.).

[44] So wurde etwa das Parteiprogramm erst einige Monate nach der Gründung verabschiedet (Überblick über das Programm vgl. Kirkpatrick, S. 94). Auch war die Resonanz auf die neue Partei zunächst noch recht verhalten (vgl. Kirkpatrick, S. 68ff.).

[45] Vgl. hierzu Kirkpatrick, S. 81f., Zitat S. 81.

[46] Kirkpatrick S. 81.

[47] Kirkpatrick, S. 84f.

[48] Vgl. exemplarisch Kirkpatrick S. 82. Erst Ende 1922 endeten die Zusammenstöße.

[49] Kirkpatrick, S. 89, Zitat ebd.

[50] Kirkpatrick, S. 90.

[51] Ritorno al Principio (Zurück zum Ursprung), in: Il Popolo d’Italia, N. 178, 27.7.1921 (OO, Bd. 17, S. 73-74). Verweis auf S. 75.

[52] Der Titel knüpft deutlich an Machiavelli Theorie der Rinnovazione per riduzione verso il principio an, an die Erneuerung, Festigung (einer Bürgerschaft) durch Rückführung, Rückbesinnung auf ihre Anfänge. Dies muss sowohl bei äußerer Bedrohung als auch bei inneren Unruhen geschehen (vgl. Kersting, S. 145f.)

[53] Auch dieses direkte Zitat ohne Quellenangabe.

[54] Die Discorsi bleiben in dieser Arbeit weitestgehend unberücksichtigt, für einen inhaltlichen Überblick vgl. etwa Mittermaier, Kap. III.8, S. 302ff.

[55] Kirkpatrick, S. 93f.

[56] Kirkpatrick, S. 96f.

[57] Rilevazioni... (Enthüllungen...), in: Popolo d’Italia, N.107, 5.5.1922. (OO, Bd. 18, S. 179-180). Verweis auf S. 179.

[58] Es handelt sich um die Türkeifrage: Nach Ende des 1. Weltkriegs wurde das Osmanische Reich als Verliererstaat (vor allem von Griechenland) besetzt. Es regte sich nationaler Widerstand unter Mustafa Kemal mit dem Zentrum Ankara (Angora). Italien verzichtete bereits 1921 auf die von ihm okkupierten Gebiete. Im Oktober 1922 (also nach Erscheinen des hier behandelten Artikels Mussolinis) beendet ein Waffenstillstand die Kämpfe de griechisch-türkischen Kriegs (vgl. Adanir, Kap. I, 2+3, S. 9-33). Mussolini handelt also eigenmächtig gegen die Ententemächte, zu denen auch Griechenland gehörte, indem er schon vor Ende des griechisch-türkischen Krieges mit den Gegnern der Entente, mit den Türken verhandelt.

[59] Kirkpatrick, S. 99f.

[60] Kirkpatrick, S. 100.

[61] Kirkpatrick, S. 68; 105: Während bei der Gründungsversammlung der PNF keine 200Leute anwesend waren, verzeichnete die Partei 1922 etwa eine Million Mitglieder, davon etwa 1/5 in halbmilitärischen Kampfgruppen organisiert.

[62] Sturz der Regierung Facta im Juli 1922 (Kirkpatrick, S. 101).

[63] Vgl. Schieder, S. 460f., Kirkpatrick, S:131

[64] Vgl. u.a. Kirkpatrick, S. 126ff.

[65] Schieder, S. 461.

[66] Kirkpatrick, S. 128-132.

[67] Giacomo Matteotti, sozialistischer Oppositionspolitiker, kritisiert Mussolini deutlich. Kurz nach seiner öffentlichen Kritik im Parlament wird er entführt und ermordet. Die Hintergründe und Mussolinis mögliche Beteilung an diesem Mord sind ungeklärt (Kirkpatrick, Kap. 9, S. 195-217; Mack Smith: Mussolini, S. 126-134; Mack Smith, Modern Italy, S. 329-331; Ridley, Kap. 18, S. 159ff.).

[68] Kirkpatrick, S. 211.

[69] Kap. 3.3.1), S. 24.

[70] In diesem Zusammenhang hielt Mussolini eine jetzt berühmte Rede, in der er sich mit seiner Partei und ihrem Tun identifizierte (Schieder, S. 464).

[71] Kirkpatrick, S. 215f.; 221f.

[72] Vgl. Anm. 97.

[73] Vgl. Kirkpatrick, S. 225, Zitate ebd.

[74] Kirkpatrick, S. 225, Schieder, S. 464f., Zitat ebd. S. 465: Typisch für das faschistische Regime ist, etwa im Vergleich zur Nazidiktatur, der Versuch, sich institutionell abzusichern.

[75] Schieder, S. 369.

[76] Kirkpatrick, S. 226.

[77] Kirkpatrick, S. 226; zu den verschiedenen Schritte vgl. etwa Mack Smith: Modern Italy, S. 337ff.; Schieder, S. 464ff. Zum ideologischen Unterbau des faschistischen Einparteienstaates vgl. Schieder, S. 467f.

[78] Arte e civiltà (Kunst und Zivilisation), Rede, 5.10.1926, in L’Asalto, N. 239, 7.10.1926 (OO, Bd. 22, S. 230). Verweis auf S. 230.

[79] Giuseppe Mazzini, *1805-+1872, italienischer Freiheitskämpfer im Risorgimento (Brockhaus, PC-Bibliothek; verwiesen sei auch auf Mack, Smith: Mazzini, New Haven, London, 1994).

[80] Mack Smith, Mussolini, S. 265ff.; 311.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Benito Mussolini und Macchiavelli - Machiavelli-Rezeption in den Schriften Mussolinis
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
44
Katalognummer
V42339
ISBN (eBook)
9783638403931
ISBN (Buch)
9783638714044
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benito, Mussolini, Macchiavelli, Machiavelli-Rezeption, Schriften, Mussolinis
Arbeit zitieren
M. A. Simone Kraft (Autor), 2004, Benito Mussolini und Macchiavelli - Machiavelli-Rezeption in den Schriften Mussolinis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42339

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