"Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis". Immaterialismus nach George Berkeley


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zielsetzung der Hausarbeit

2 Einleitung: Berkeleys Hinführung zu Locke
2.1 Darstellung des Problems
2.2 Ein Lösungsversuch
2.3 Zusammenfassung der Einleitung

3 Hauptteil: Über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis
3.1 Darlegung der Philosophie des Immaterialismus
3.2 Konkrete Bezugnahme auf Lockes Ideenlehre
3.3 Zusammenfassender Vergleich von Locke und Berkeley

4 Auswertung

5 Literaturverzeichnis

1. Zielsetzung der Hausarbeit:

Sein Werk überschreibt George Berkeley in der Einleitung als Abhandlung, in der “die Hauptursachen der Schwierigkeiten in den Wissenschaften zusammen mit den Gründen von Skeptizismus, Atheismus und Irreligion untersucht werden“.

Diese einleitenden Beschreibungen zu beleuchten ist Ziel der vorliegenden Hausarbeit: Worin sieht Berkeley Schwierigkeiten in den Wissenschaften? Welche Wissenschaften sind gemeint? Inwieweit gelingt es ihm, die in seinen Augen als Hauptursachen dieser Schwierigkeiten fungierenden Gründe für Skeptizismus, Atheismus und Irreligion für den Leser nachvollziehbar darzulegen? Und welche Rolle spielt bei alledem John Locke?

2. Einleitung: Berkeleys Hinführung zu Locke

2.1 Darstellung des Problems

Über das Wesen der Dinge nachzudenken und einem höheren Prinzip folgend die Sinne und Instinkte hinter sich zu lassen, führt bei Menschen laut Berkeley zu Widersprüchen und Schwierigkeiten, die den Geist veranlassen können, in hoffnungslosem Skeptizismus zu versinken (S. 11). Die ungebildete Masse der Menschen erachtet er aber als sorglos und unbeschwert; sie ist in seinen Augen „überhaupt nicht in Gefahr, Skeptiker zu werden“. Angesichts dieser Erfahrung erklären laut Berkeley John Locke und andere Philosophen (denn auf diese scheint er sich angesichts der Unterscheidung in „ungebildete Masse“ und Menschen, die sich mit Philosophie beschäftigen, zu beziehen) das Aufkommen von Paradoxien und Schwierigkeiten beim Nachdenken entweder durch Unergründlichkeit der Dinge oder durch Unzulänglichkeit unseres Verstandes. In §3 der Einleitung (ab hier mit §E3 bezeichnet) legt er dem Leser nahe, den Ursprung des Fehlers einmal darin zu sehen, dass wir unsere Geisteskräfte falsch gebrauchen und uns als Philosophen die Schwierigkeiten auf dem Weg zur Erkenntnis selbst schaffen (S. 12). Diese Erklärung für gedankliche Verwirrung ist naheliegend, weil er unseren Geisteskräften einen göttlichen Ursprung zugrundelegt: Berkeley glaubt an Vorsehung eines liebevollen Gottes, zu der die offenkundig existierenden Widersprüche im menschlichen Erkenntnisbestreben und die offenkundige Fehlbarkeit des sie ermöglichenden Geistes nicht zu passen scheinen.

Darauf aufbauend formuliert Berkeley die Absicht, „die ersten Prinzipien menschlicher Erkenntnis genau zu untersuchen“, weil er als Ursache menschlicher Verwirrung keine Schwäche unserer Geisteskräfte ansieht, sondern diese vielmehr in „falschen Prinzipien, an denen man festgehalten hat, obwohl man sie hätte vermeiden können“, sieht (S. 13).

Zum Wesen der Sprache schickt Berkeley vorweg, die Vorstellung abstrakter Ideen stelle für ihn ein entscheidendes Problem in Bezug auf Gewinn von Erkenntnis dar. Die Logik, die Metaphysik sowie alle anderen abstrakten Wissenschaften setzten die Existenz solcher abstrakten Ideen im Geist voraus und verteidigten sie sogar, wenn klar sei, dass die durch sie bezeichneten Eigenschaften der Dinge niemals einzeln existieren könnten. Wie ist das nun gemeint? Wir haben eine abstrakte Idee von Farbe, können uns eine Farbe aber nie ohne dazugehörigen Körper oder zumindest die zugehörige Ausdehnung oder Gestalt denken. Was bleibt dann als Idee von etwas, wenn ich es mir nicht allein und ohne Anwesenheit anderer Eigenschaften vorstellen kann? Was genau ist eine abstrakte Idee, wenn ich beim Vorstellen derselben vor meinem geistigen Auge immer etwas anderes hinzudenken muss, um sie sichtbar zu machen? Was ist die abstrakte Idee der Bewegung, wenn ich immer ein konkret Sich-Bewegendes oder Bewegtes brauche, um der Bewegungsidee eine Vorstellung zu verleihen?

John Locke betrachtete die abstrakte Idee als etwas von jedem Konkreten Abgetrenntes. Die Idee der Bewegung in abstracto entsteht durch Abstraktion von allem die einzelnen Bewegungen Unterscheidenden und durch Beibehaltung alles ihnen Gemeinsamen. Der menschliche Geist schaut aus Sicht John Lockes also isoliert auf das den konkreten Bewegungen Gemeinsame, was in ihm eine Idee der Bewegung in abstracto erzeugt. Auf gleiche Weise, nämlich durch mentale Zergliederung, bildet der menschliche Geist abstrakte Ideen in Lockes Vorstellung nicht nur von Eigenschaften, sondern auch von zusammengesetzten Dingen mit mehreren Eigenschaften: Er trennt zum Beispiel von Personen die ihre Einzelexistenzen kennzeichnenden Eigenschaften ab, abstrahiert von ihnen und bildet durch Betrachtung dessen, was allen diesen Personen zukommt, die abstrakte Idee „Mensch“. In ihr sind unterscheidende Merkmale nicht enthalten.

Diese Umschreibung des Vorgangs scheint einleuchtend. Betrachten wir aber die dabei entstehende Idee, wird es kompliziert: Wenn ich von jeder Eigenschaft abstrahiere, die Paul, Alexandra und Juliette unterscheidet, wenn ich dabei alle Eigenschaften beibehalte, die ihnen gemeinsam sind, die Ausformung dieser Eigenschaften allerdings nicht kenne oder von ihr ebenfalls abstrahiere, wie sieht dann die abstrakte Idee „Mensch“ aus? Wenn sie nicht groß, nicht klein, nicht mittelgroß ist, aber eine Ausdehnung hat. Wenn ihre Haut nicht dunkel, nicht hell, nicht mittelbraun ist, aber eine Farbe hat. Wenn ihre Bewegung nicht laufen, nicht gehen, nicht schleichen ist, sie aber über eine aufrechte Art der Fortbewegung verfügt - wie ist es um Aussehen und Bewegung der abstrakten Idee „Mensch“ bestellt? Wie Berkeley feststellt, ist diese abstrakte Idee schwer vorstellbar. Wie soll der Mensch über etwas sprechen, das er gar nicht vor seinem geistigen Auge vorzustellen in der Lage ist? Dies ist aus der Sicht eines George Berkeley unsinnig und so kommt er in §10 der Einleitung deutlich zum Punkt seiner Kritik: Er beschreibt, dass er sich Ideen von Dingen, die er wahrgenommen hat, vorzustellen in der Lage sei, wie dabei aber immer eine bestimmte Gestalt, Farbe oder Bewegung vor seinem inneren Auge auftauche. Dass er also zu einem gewissen Grad der Abstraktion fähig sei – insofern als er sich einzelne Körperteile eines Lebewesens beispielsweise getrennt von den anderen Teilen dieses Körpers vorstellen, sie auf beliebige Weise miteinander mischen oder neu zusammensetzen könne; dass er sich aber außerstande sehe, diejenigen Eigenschaften getrennt voneinander zu betrachten, die unmöglich ohneeinander existieren können.

Laut Berkeley besteht der Hauptunterschied zwischen Mensch und Tier hinsichtlich des Verstandes für Locke darin, dass ersterer sich abstrakte allgemeine Begriffe bilden kann, letzteres dagegen nicht. Auch Berkeley spricht nichtmenschlichen Tieren die Fähigkeit zur Abstraktion ab, sieht darin aber kein grundlegendes Unterscheidungskriterium zwischen Menschen und Tieren: Während Locke den entscheidenden Unterschied im Gebrauch allgemeiner Zeichen sieht, die wiederum das Vorhandensein allgemeiner Ideen beweisen, über die laut ihm der Mensch im Gegensatz zum Tier verfügt, streitet Berkeley genau diesen Unterschied ab; er unterstellt dem Menschen eine ebenfalls eingeschränkte Fähigkeit zur Abstraktion. So sind für ihn Worte keine Zeichen für allgemeine Ideen! Mehrere Einzelideen und Aussagen über eine konkrete Eigenschaft beziehen sich laut ihm nicht auf eine abstrakte Idee, sondern auf alle möglichen Formen dieser Eigenschaft, welche sich der Mensch auch immer vorstelle.

2.2 Ein Lösungsversuch

Diese Unterscheidung ist von großer Bedeutung für Berkeleys weitere Ausführungen: Er streitet nicht die Existenz allgemeiner Ideen an sich ab, sondern nur solcher, die gemäß Lockes Beschreibung durch Abstraktion gebildet werden. Eine Idee wird für Berkeley allgemein, wenn sie als Zeichen für alle Einzelvorstellungen derselben Art benutzt wird, wenn über sie Gesagtes also auch für alle anderen Einzelideen gilt. Wie der Name „Linie“ alle verschiedenen Linien unterschiedslos bezeichnet, so bezeichnet der Name „Mensch“ alle einzelnen Menschen und ist Zeichen für viele Einzelideen, nämlich Einzelmenschen oder Personen. Daraus folgt aber nicht, so Berkeley, dass eine abstrakte Idee „Linie“ oder eine ebensolche Idee „Mensch“ existiert, die von existierenden Einzellinien oder -menschen abstrahiert; vielmehr sind alle individuell möglichen Linien und Menschen mit der allgemeinen Idee „Linie“ und der allgemeinen Idee „Mensch“ beschrieben.

Berkeley merkt an, dass bereits Locke selbst bei seiner Konzeption allgemeiner, abstrakter Ideen auf Schwierigkeiten gestoßen sei, und führt eine Formulierung Lockes an, die die abstrakte allgemeine Idee des Dreiecks letztlich als etwas darstellt, das nicht existieren kann. Während Locke aber darin insofern kein Problem sieht, als der Mensch eine solche Idee nur als Hilfsmittel zur bequemen Kommunikation und zur Erweiterung seiner eigenen Erkenntnis bilde, diese Idee daher -im rechten Sinne verstanden- auch nur als solches Hilfsmittel angesehen und damit nicht überschätzt werden sollte, besteht darin für Berkeley ein grundlegender Konflikt, den er in §§E14f. umreißt: Er ist sich sicher, dass wenn der menschliche Geist vor eine solch schwierige Herausforderung gestellt werde wie die, ein Dreieck zu denken, das weder schiefwinklig noch rechtwinklig, weder gleichseitig noch gleichschenklig noch ungleichseitig ist, sondern dies alles und zugleich auch nichts von diesem (so Lockes Formulierung in seinem Essay), es sich nicht um eine Notwendigkeit zur Verständigung oder zur Wissenserweiterung handeln könne. Er widerspricht erneut nicht der Annahme von allgemeinen Begriffen, sondern deren Konzeption als etwas durch Abstraktion Gebildetes und deren Anwendung. Während er bei Locke Allgemeinheit als das absolute, positive Wesen von etwas verstanden sieht, ist für ihn ebendiese Allgemeinheit die Beziehung, in der etwas zu dem Einzelnen steht, das dadurch bezeichnet oder vertreten wird. Hierin liegt ein weiterer Unterschied zwischen beiden Autoren! Seine Gedanken dazu konkretisiert Berkeley in §E16: Für ihn sind die Besonderheiten eines Dreiecks, welches jemand im Moment der Ideenbildung vor Augen hat, zwar diesem Dreieck inhärent, entscheiden aber keinesfalls über Zutreffen oder Nichtzutreffen eines Beweises, der sich auf das Dreieck bezieht. Sie sind also vorhanden, spielen aber beim Beweis eines Satzes keine Rolle. Berkeley erklärt, in seinen Augen könne ein für alle geradlinigen Dreiecke formulierter Satz anhand besonderer Dreiecke bewiesen werden, ohne dass eine abstrakte allgemeine und in sich widersprüchliche Idee des Dreiecks wie die in der Theorie von Locke vonnöten wäre.

Berkeley sieht in der Lehre von abstrakten allgemeinen Ideen eins der einflussreichsten, falschen Prinzipien, denen die Wissenschaften auf den Leim gegangen seien, und aus der Beleuchtung dieses falschen Prinzips meint er ein wenig Licht ins Dunkel der vielen, oft zerstrittenen Wissenschaften zu bringen: Den Ursprung des Glaubens an dieses falsche Prinzip schreibt Berkeley der Sprache zu: Klar belegt sieht er diese Behauptung dadurch, dass Vertreter der abstrakten allgemeinen Ideen deren Zweck nur in der Benennung von Ideen sähen, welches überhaupt nur möglich sei, wenn es so etwas wie Verständigung in Form allgemeiner Zeichen, also einer Sprache, gebe. Diese erfülle nach vorherrschender Meinung fälschlicherweise den bloßen Zweck der Ideenvermittlung und oft sei unklar, welche Einzelidee durch einen Namen bezeichnet wird. Dadurch sei das Missverständnis entstanden, es gebe abstrakte Begriffe, für die die jeweiligen konkreten Namen stehen.

Im Gegensatz zur gängigen Meinung und Locke liegt für Berkeley der Zweck von Sprache nicht hauptsächlich und erst recht nicht ausschließlich in der Mitteilung von Ideen. Er geht vielmehr davon aus, dass Worte und Sätze beim Gegenüber direkt Affekte auslösen oder angesprochene Personen - etwa durch Nennung des Namens eines Gelehrten ohne weitere Information zu ebendiesem - indirekt von einer Meinung überzeugt werden sollen. Laut Berkeley ist der Zweck der Sprache in diesem Fall eindeutig von dem der reinen Ideenvermittlung verschieden; für ihn geht es um die Erzeugung bestimmter Geisteszustände und Affekte beim Gegenüber.

Interessant ist hier, dass Berkeley zwar Lockes Herangehensweise widerlegen möchte, ein gegensätzlicher Effekt aber auch vorstellbar ist: Aus Sicht eines John Locke kann Berkeleys Beispielen entgegengehalten werden, dass die gewünschte Wirkung (einen Affekt beim Gegenüber zu erzeugen) aufgrund von bereits früher gebildeten abstrakten Ideen eintritt. Dieses Argument könnte Lockes Annahme abstrakter Ideen sogar stützen. Für Berkeley allerdings ist die Nichtexistenz abstrakter Ideen an der Stelle hinreichend bewiesen und aufgrund der Gefahren, die seiner Meinung nach durch Sprache und deren Missbrauch entstehen können, will er seine eigenen Ideen möglichst von Namen und Benennungen durch Worte reinhalten, um sie unverfälscht anschauen zu können (S. 30).

Ein Haupthindernis für die Vermehrung zuverlässiger Erkenntnis in den verschiedenen Disziplinen sieht Berkeley in Wortstreitigkeiten zwischen den Wissenschaftlern. Diese zu umgehen, gleichzeitig die Annahme abstrakter Ideen zu meiden und sein Denken auf eigene, von Worten abgelöste Ideen zu fokussieren, ist sein Bestreben bei dem Versuch, die Verknüpfung von Namen mit Ideen auszublenden und zu beobachten, was in seinem eigenen Verstand vorgeht. Dass hierbei Einschränkungen vorgegeben sind, aus denen sich kein denkendes Wesen befreien kann, scheint ihm allerdings auch bewusst, denn er stellt in §E23 sofort klar, dass die völlige Befreiung einer durch Worte hervorgerufenen Täuschung nicht zu erreichen sei. Zu eng ist seiner Meinung nach die Verbindung von Worten und Ideen, als dass sie vollständig zu beseitigen wäre. Ein ansatzweiser Ausweg aus diesem Dilemma findet sich bei Bacon, der dazu rät, bei einer Betrachtung von Ideen die Aufmerksamkeit auf die genannten Ideen selbst und nicht auf die Worte zu richten, die sie bezeichnen. Doch auch dieser Rat bleibt für Berkeley problematisch, weil er auf der Annahme aufbaut, jeder allgemeine Name bezeichne eine bestimmte, abstrakte Idee.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis". Immaterialismus nach George Berkeley
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V423496
ISBN (eBook)
9783668691643
ISBN (Buch)
9783668691650
Dateigröße
1164 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Vanessa Hansen (Autor), 2017, "Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis". Immaterialismus nach George Berkeley, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423496

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