Pragmalinguistische Analyse und Interpretation der Abschiedsrede Joachim Gaucks


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Abschiedsrede des Altbundespräsidenten Joachim Gauck
2.1 Das Exordium – „Wie soll es aussehen, unser Land?“
2.2 Die Narratio – Die Darstellung gegenwärtiger Problemfelder in Poli- tik und Gesellschaft
2.3 Die Argumentatio – Gauck als Mahner und Ratgeber
2.3.1 Gaucks Argument gegen ein umbruchsaversives Verhalten
2.3.2 Gaucks Argument für die Integration des Populismus in den politischen Diskurs
2.3.3 Ratio und Emotio als Quellen eines (Verfassungs-)Patriotismus sein Plädoyer für politisches Engagement
2.4 Die Conclusio – Gaucks optimistischer Blick in die Zukunft

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 18. Januar 2017 hat der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck vor ca. 200 geladenen (politischen) Gästen im Schloss Bellevue eine Rede anlässlich des Endes seiner Amtszeit gehalten. Die Feierlichkeiten sind von einem fröhlichen Instrumentenspiel begleitet worden, welches harmonisch mit den an die Wände projizierten Zeitungsschlagzeilen aus jüngster Vergangenheit maximal kontrastiert hat:

Vom ‚Dauerkrisenmodus‘ ist da die Rede, von einem Europa, das ‚aus den Fugen ist‘, von einer ‚neuen Völkerwanderung‘, von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte oder vom ‚ersten Selbstmordanschlag in Deutschland‘. (Schuler 2017)

Diese Schlagzeilen, auf die sich der Spitzenpolitiker in seiner Rede noch beziehen wird, stimmen die Zuhörerinnen und Zuhörer[1] in Verbindung mit den munteren, unbeschwerten Dur-Klängen bereits auf die Worte des Altbundespräsidenten ein, denn so deutet sich schon der ambivalente Charakter der folgenden Rede an. Tatsächlich hat gerade Gauck, der vielen Bürgern als „Mutmacher“ (Birnbaum 2017) bekannt ist, in seiner Abschiedsrede mit einer Vielzahl von kritisch-besorgniserregenden Aussagen überrascht, welche auch in den Medien breit rezipiert worden sind. So schreibt bspw. „Spiegel Online“ in seinem Artikel „Der ernüchterte Präsident“:

Als er ins Amt kam, war er aufgrund seiner Biografie der ‚Freiheitspräsident‘. Nun spricht er angesichts der Terrorgefahr ziemlich abgeklärt über notwendige Sicherheitsverschärfungen und damit einhergehende Einschnitte in die Freiheit der Bürger. Er kann das gut erklären. Und dennoch hätte man sich solche Gauck-Worte vor fünf Jahren nicht vorstellen können. (Gathmann 2017)

Das Staatsoberhaupt spricht in der Tat einerseits davon, dass es zwar das „beste, das demokratischste Deutschland“ (Gauck 2017)[2] aller Zeiten sei, in dem wir derzeit leben. Andererseits verweist Gauck aber auch auf die enormen Bedrohungen für die Stabilität dieses demokratischen Landes und betont, „dass große Anstrengungen notwendig sein werden, um es für die Zukunft stark zu machen“. Der Mahner und Ratgeber richtet seinen Blick dabei auf die aktuell herausforderungsreiche innen- und außenpolitische Situation und zeigt einen Weg auf, den die Bürger beschreiten sollten, um das Deutschland, das sie geschaffen haben und das ihnen am Herzen liegt, zu „bewahren, [zu; DR] entwickeln und [zu; DR] verteidigen“.

Die vorliegende Hausarbeit betrachtet Gaucks Abschiedsrede primär aus pragmalinguistischer Perspektive. Indem die Pragmatik Sprache als (kommunikative) Handlung versteht, präsupponiert sie, dass dem (sprachlichen) Tun Intentionalität zugrunde liegt (vgl. Keller 1997, S. 8f.). Dieser pragmatischen Maxime folgend werden im Analyse- und Interpretationsverlauf der Arbeit die Redeabsichten des Politikers eruiert und sein Argumentationsgang[3] detailliert nachvollzogen. Hierzu wird sich des Topos-Modells[4] bedient, um die Argumentationsstruktur differenzierter erarbeiten zu können. Außerdem werden flagrante sprachlich-stilistische und lexikalische Mittel, von denen der Orator in seiner Rede – allen voran für persuasive Zwecke – Gebrauch macht, Beachtung finden und deren Funktion resp. Wirkung erläutert.

2. Die Abschiedsrede des Altbundespräsidenten Joachim Gauck

2.1 Das Exordium – „Wie soll es aussehen, unser Land?“

In seinen einleitenden Sätzen rekurriert Gauck auf die Leitfrage seiner Antrittsrede vom 23. März 2012. So deutet sich bereits an, dass er aus einer retrospektiven Sicht heraus im Folgenden reflektierende Gedanken zum Ausdruck bringen und – auch mit Blick auf die Zukunft – eine (kritische) Bilanz der vergangenen Jahre ziehen wird:

Als ich vor fast fünf Jahren das Amt des Bundespräsidenten übernahm, da habe ich mich und meine Landleute gefragt, wie es denn aussehen solle, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal ‚unser Land‘ sagen sollen.

Mit dieser Einleitung gelingt es Gauck nicht nur, die anschließenden Redeteile inhaltlich vorzubereiten, sondern auch durch die Verknüpfung von Antritts- und Abschiedsrede seine fünfjährige Amtszeit in einen Rahmen zu kleiden. Obendrein ist gerade in der Leitfrage der durch das kataphorische „es“ betonte Nachsatz signifikant, denn es manifestiert sich in den (in der Rede exzessiv gebrauchten) Possessivartikeln resp. -pronomen das Bestreben des Staatsoberhauptes, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft zu stiften. Dieses inkludiert nicht nur die anwesenden Politiker und Botschafter, sondern – im Sinne der Mehrfachadressiertheit – auch die gesamte Bevölkerung, der die Rede (massen-)medial zugänglich ist. Ebenso durch die in der Rede repetitiv verwendete (personal-)„[d]eiktische [Leerformel]“ (Sáfár 2001, S. 25) „wir“, welche als Nomination der Eigengruppe dominiert, fühlen sich die Rezipienten miteinbezogen und der Politiker wirkt bürgernah.

Im Sinne einer captatio benevolentiae hebt der ehemalige Bundespräsident zunächst hervor, dass er zu Anfang seiner Amtszeit „dankbar und zuversichtlich für die Zukunft“ gestimmt gewesen sei. Noch zum Augenblick lasse sich in der Bevölkerung ein wachsender Zusammenhalt sowie ein kraftvolles Streben nach „Demokratie, Freiheit und Fortschritt“ verzeichnen. Ferner sei ihm auch auf diversen Auslandsreisen die große Ehre zuteil geworden, die internationale Anerkennung und Wertschätzung „unsere[s] freien und stabilen Landes“ zu erfahren, wie er mittels einer klimatischen Correctio unterstreicht: „Bei den zahlreichen Reisen […] habe ich den Respekt, ja manchmal sogar die Bewunderung erlebt […].“

Lexikalisch fällt an dieser Stelle allen voran das oben zitierte Trikolon an Miranda auf, denn die ersten beiden aus dem Ideologievokabular[5] gewählten (positiven) Symbolwörter, welche mit der Historie der Bundesrepublik in Verbindung stehen, zielen „auf die emotionale und intellektuelle Beeinflussung der Öffentlichkeit“ (Strauß et al. 1989, S. 33). Generell ist es für Gaucks Rede(auftakt) signifikant, dass er der (unspezifischen) Wir-Gruppe zahlreiche positiv konnotierte Wörter wie bspw. Chancengerechtigkeit oder Freiheit zuschreibt.[6] „Ihr besonderes Potenzial für die politische Kommunikation ist dadurch begründet, dass sie stark appellativ wirken: […]“ (Niehr 2014, S. 68). In der Tat ist es den deontischen Bedeutungskomponenten der inzitiv verwendeten Ausdrücke geschuldet, dass hier implizit die Aufforderung, solche Güter zu erstreben resp. zu erhalten, manifest wird.

Im Weiteren hebt der Politiker – akzentuiert durch die Verwendung eines emphatischen Superlativs – seinen unveränderten Eindruck hervor, dass sich Deutschland derzeit auf dem Höhepunkt seiner (historisch-politischen) Entwicklung befinde: „Es ist, […] das beste, das demokratischste Deutschland, was wir jemals hatten.“ Schließlich, so die Konsolidierung seines Werturteils, könne heutzutage z. B. jeder Bürger sein Recht einfordern und frei seine Meinung bilden. Insbesondere kehrt Gauck mit Nachdruck am Ende einer Reihung an veranschaulichenden Beispielen den Zuwachs politischer Partizipation hervor. Dies geschieht durch die Formulierung „besonders erfreulich“ sowie durch eine längere Aufzählung an politisch engagierten Gruppen bzw. Organisationen: „Eine starke Bürgergesellschaft aus Initiativen, Vereinen, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen und Ad-hoc-Gruppen […].“

Im Folgenden wird aber sukzessiv eine skeptischere Haltung fassbar, wenn der Orator in einem Adversativsatz auf die „aktuellen Herausforderungen“ und „Mängel“ Deutschlands zu sprechen kommt, denen es mit „Mut“ und „große[n] Anstrengungen“ zu begegnen gelte, damit auch noch für nachfolgende Generationen „dieses Land so lebenswert“ bleibe. Gauck beginnt nun tatsächlich wesentlich kritischer zu reflektieren und bedient sich dabei auch des Topos der (inneren) Stabilität, welcher in Anbetracht der das Land preisenden Eingangsworte dem Rezipienten wesentlich drastischer erscheint: „Nun, nach fast fünf Jahren bin ich stärker beeinflusst von dem Bewusstsein, dass diesem demokratischen und stabilen Deutschland auch Gefahren drohen.“ Aufgrund dieser persönlichen Einstellung erweitert Gauck seine einleitend (re-)zitierte Leitfrage von 2012 und formuliert angesichts der entworfenen Bedrohungskulisse damit zugleich den thematischen Kern bzw. die quaestio seiner Rede:

Was können wir unseren Kindern und Enkeln mitgeben, damit dieses friedliebende, freie und soziale Deutschland erhalten und entwickelt werden kann? Und vor allem: Mit welcher Haltung soll dies gelingen?

2.2 Die Narratio – Die Darstellung gegenwärtiger Problemfelder in Politik und Gesellschaft

In den folgenden Redeteilen erörtert das Staatsoberhaupt (quasi in Form einer Hypophora) seine eingangs gestellte Frage. Bevor er diese jedoch endgültig klärt und damit den Adressaten auf Basis formulierter Zielsetzungen (Finaltopos) zu (politischen) Handlungen rät, nimmt er zunächst eine Situationsbewertung (Valuationstopos) vor.[7] Dieser liegen Situationsdaten (Datentopos) sowie die Normen, Werte und Prinzipien unseres pluralistisch-demokratischen Staates (Prinzipientopos) zugrunde.

Zuvorderst stellt Gauck unter Rekurs auf den Geschichtstopos die These auf, dass die Welt zahlreiche Widersprüche berge und „vieles einfach anders gelaufen [sei; DR], als wir uns das vor einem guten Vierteljahrhundert vorgestellt hatten“. Dies werde schon allein durch einen kurzen Blick auf die präsentierten Schlagzeilen der vergangenen zwei Jahre deutlich. Wenn er gerade in diesem Zusammenhang die „Charta von Paris für ein neues Europa“ zitiert, fällt bei der Verwendung der Ausdrücke Demokratie, Frieden [8] und Einheit auf, dass „[i]n solchen als historisch empfundenen Momenten […] sich das Schwergewicht vom deontisch Fordernden auf emotional-evaluative Expression verlagern [kann; DR]“ (Klein 2006, S. 21). Durch die Bezugnahme auf gemeinsame und sogar für die Nation identitätsstiftende Erinnerungen versucht Gauck, nicht mehr nur formal durch die Personaldeixis, sondern auch auf inhaltlicher Ebene ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Der selbst aus Ostdeutschland stammende Altbundespräsident erinnert sich an die (eigens verspürte) Euphorie, Hoffnung und Erwartung nach dem Fall der Berliner Mauer, aber er verweist zugleich auf eine weitestgehende Enttäuschung, denn in Europa seien (heute) „weder alle einig, noch leben wir überall in Frieden“.

In diesem Kontext konkretisiert Gauck nun die unausweichlichen Herausforderungen, mit denen Deutschland und die Welt derzeit konfrontiert seien und welche die stabile Demokratie dieses Landes unmittelbar bedrohen würden. Der Politiker kommt in einer parataktischen Reihung auf den sog. „Brexit“, auf den islamistischen Terror und die internationalen Auswirkungen des Trump-Triumphs (bezüglich der NATO) zu sprechen. Additional weist er darauf hin, dass einige Ereignisse wie die Kriege im Nahen Osten und in der Ostukraine oder die Krimkrise „die begrenzten Handlungsmöglichkeiten deutscher und europäischer Außenpolitik offenbart“ hätten.

Lexikalisch sind innerhalb dieser Akkumulation gerade die negativ bewerteten fremdgruppenrelevanten Nominationsausdrücke Krieg und Terror aus dem Ideologievokabular signifikant, denn die Anti-Miranda beinhalten „emotionale Bedeutungselemente, insofern [sie; DR] […] Ängste, und evaluative, insofern [sie; DR] […] Ablehnung zum Ausdruck bring[en]“ (Klein 2006, S. 20). Allen voran ist gerade die dem Stigmawort Terror inhärente Negativwertung und die damit verbundene normative Prätention, diesen zu ächten und zu bekämpfen, salient. Obendrein kon-trastiert der Orator mithilfe von drei in Anaphern gekleideten Antithesen präteritale Sätze, welche die ursprünglich erhofften Ziele nach 1989 enthalten, mit präsentischen, die sich auf den gegenwärtigen deutsch-europäischen Zustand beziehen. Auf diese Art beabsichtigt er, das klägliche Scheitern initialer Hoffnungen mit Eindringlichkeit deutlich zu machen:

Das Ziel war Freiheit – nun fühlen sich einige in Freiheit bedroht oder gar verloren. Das Ziel war ein Europa ohne Grenzen – nun erscheint einigen die Offenheit als Bedrohung. Das Ziel war ein vereinter Kontinent – nun fürchten einige den Verlust von zu viel eigener Souveränität.

Anschließend fokussiert Gauck seinen Blick auf die Geschehnisse innerhalb der Grenzen dieses Landes. Er hält fest, dass aus seiner Sicht innenpolitisch – wie auch in anderen Staaten – bedrohliche Entwicklungen zu verzeichnen seien, denn die quantitative Anzahl an und Agitationskraft von extremen Bewegungen wachse stetig. Diese negativ bewerteten Fremdgruppen, von welchen das Staatsoberhaupt die Wir-(Eigen-)Gruppe entschieden durch den anaphorischen Gebrauch der (dezent pejorativ gefärbten) pronominalisierten Koreferenz „sie“ abgrenzt, werden in parallel gebauten Parataxen charakterisiert:

Sie propagieren die Rückkehr ins Nationale, die Abwehr von Fremden und Freihandel. Sie ziehen kulturelle Geschlossenheit der Vielfalt vor und präsentieren Konkurrenzmodelle zur repräsentativen Demokratie. Sie erklären sich zum alleinigen Sprecher des Volkes und attackieren das sogenannte System.

Unter Zugrundelegung der dargelegten innen- und außenpolitischen Problemlagen konstatiert Gauck schließlich unter Beibehalt der drastischen Bildsprache: „Die liberale Demokratie und das politische, normative Projekt des Westens, sie stehen unter Beschuss.“ Gerade diese angst- und befürchtungsweckende Metaphorik aus militant-kriegerischen Bildfeldern, welche syntaktisch noch durch den Nachsatz betont wird, dient der Dramatisierung und suggeriert die immense Bedeutung der thematisierten Sache. Überdies birgt die verwendete Kampfmetaphorik eine (illokutionäre) Implikation, denn wenn etwas unter Beschuss steht, dann muss sich zur Wehr gesetzt werden. An dieser Stelle wird indes en passant „[d]er enge Bezug zwischen Metaphorik und Argumentation“ (Niehr 2014, S. 147) ersichtlich.

2.3 Die Argumentatio – Gauck als Mahner und Ratgeber

2.3.1 Gaucks Argument gegen ein umbruchsaversives Verhalten

Im weiteren Verlauf der Rede zeigt sich Gauck zunächst bestrebt, den Bürgern angesichts ebenjener verhängnisvoll erscheinenden Herausforderungen unserer Zeit Mut zu machen, denn schon seit jeher seien Umbruchsituationen stets von großen Ängsten vor dem Neuen, Unwägbaren und Unausweichlichen begleitet gewesen. Besonders diese furchtsamen Erfahrungen seien aber doch reich an Potential, denn an dem historischen Beispiel der industriellen Revolution illustriert Gauck seine These, dass die Menschen […] es immer wieder vermocht [haben], eine zunächst als bedrohlich empfundene Entwicklung zu ihrem Guten zu nützen. Sie haben sich mit dem Unvertrauten vertraut gemacht, sich erweiterte Erkenntnis- und Handlungsräume erschlossen und sich schließlich im Neuen beheimatet.

An dieser Stelle wird deutlich, dass das (geschichtliche) Exemplum „als eine Art induktiv aus der Empirie gewonnenes Argument“ (Ueding 42005, S. 73) herangezogen wird. Mit der im Kontext des verwendeten Geschichtstopos gestellten Interrogatio: „Warum sollten wir historische Erfahrungen wie diese nicht ernst nehmen?“ plädiert der Agitator nämlich dafür, aus der Historie zu lernen. Vielmehr scheine es nur so, als seien wir nicht fähig, „unsere Demokratie den neuen Herausforderungen anzupassen“. Dass es sich hierbei um eine Illusion handele, welcher viele bereits anheimgefallen seien, hat Gauck zuvor bereits durch die Verwendung des Konjunktivs suggeriert: „Es ist, als befänden wir uns alle in einer Übergangssituation: […].“

Unter Zugrundelegung dessen konkludiert das optimistische Staatsoberhaupt in anaphorisch konstruierten Sätzen: „Wir wollen weiter darauf vertrauen, dass große Veränderungen sich keineswegs als […] Verhängnis erweisen müssen. Wir sind weiter überzeugt, effektive Antworten finden zu können […].“ Mit einem Adhortativ wendet er sich deshalb unmittelbar auffordernd an die Adressaten:

Lassen Sie uns also Kraft schöpfen aus der bisherigen Erfahrung, dass vernunftgeleitete Wahrnehmung zur Erkenntnis und zu entschlossenem Handeln und weitsichtigem Handeln führen kann.

Ausgehend von diesem direktiven Sprechakt appelliert Gauck an die Rezipienten, entschlossen zu handeln und somit das Risiko des derzeit Unwägbaren nicht aus einer aus Frieden und/oder Wohlstand erwachsenden Bequemlichkeit zu scheuen. Dies gelte gleichsam für politische Konfliktlagen wie auch für diverse andere Problemfelder, die er asyndetisch gereiht aufzählt: „[…] Klimawandel, Umweltverschmutzung, Bevölkerungswachstum, […] die digitale Revolution […].“

Vor diesem Hintergrund beginnt der Altbundespräsident, sich dem schon mehrfach verwendeten Terminus Demokratie, dessen Bedeutsamkeit in seiner Rede qua Lexem-Rekurrenz signifikant hervorsticht, semantisch zu nähern.[9] Diese Iterativität dient jedoch nicht nur der Kohäsionsstiftung, sondern sie geht mit Gaucks Definitionsbestreben zum Zwecke der „explizite[n] Bedeutungsfixierung“ (Girnth 2015, S. 79) einher, wodurch der Ausdruck denotativ aufgeladen wird.[10] Deshalb stellt der Agitator mit einer ökonomischen Analogie pointiert heraus, dass der Staat kein „Dienstleister“ sei, von dem (häufig klagende) Bürger „wie Kunden erwarten [könnten; DR], dass er ihre Erwartungen und Wünsche […] befriedigt“. Mittels einer Antithese hebt er ergänzend hervor, dass „Demokratie […] kein politisches Versandhaus“ sei, wie noch viele fälschlicherweise annehmen würden, sondern „die Mitgestaltung am eigenen Schicksal“. Durch die Verwendung einer Klimax betont der Spitzenpolitiker, dass diese kollektive Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung auf vielen Hierarchieebenen möglich sei, „in der Gemeinde, Stadt, in der Region, in der Nation“. Obendrein wird auch durch die Verwendung einer Correctio bzw. Retraktion unter-strichen, dass aktive Mitbestimmung resp. Teilhabe konstitutiv für das Funktionieren eines Demokratiesystems sei: „Demokratie erfordert, ja, sie ist Selbstermächtigung […].“[11] Zudem spiegelt sich in einer emphatischen Anapher der Verantwortlichkeits-Topos wider, denn die Bürger trügen zusammen die Verantwortung für die (bestmögliche) Gestaltung des Gemeinwesens und für die Zukunft ihres Landes. Freiheit ist demnach für Gauck untrennbar mit Verantwortungsbewusstsein verbunden:

[...]


[1] Fortan werden entweder geschlechtsneutrale Formulierungen verwendet oder es wird der Lesbarkeit und dem besseren Verständnis halber der geschlechtergerechten Sprache entbehrt und lediglich von der männlichen Form Gebrauch gemacht.

[2] Im Folgenden wird stets auf Grundlage dieser Quelle zitiert. Angesichts der hohen Anzahl an wörtlichen Zitaten wird der Ökonomie halber auf diese aber nicht mehr explizit verwiesen.

[3] Für diesen Zweck muss dem klassischen Argumentationsmodell nach Toulmin entsagt werden, denn es „stößt […] an seine Grenzen, wenn man mit seiner Hilfe Texte analysieren möchte, in denen kom-plexe Argumentationen entfaltet werden“ (Niehr 2014, S. 115), wie es bei Gaucks Rede der Fall ist.

[4] Die terminologische Grundlage hierfür bilden Girnth (22015, S. 94-96) und Wengeler (2003).

[5] Terminologisch wird sich in der vorliegenden Hausarbeit an Kleins (1989) Ausführungen zur politischen Lexik orientiert, wenn es um die Analyse des lexikalischen Inventars geht.

[6] Der Nominationssektor „Nominationen politisch relevanter Intentionen und Interessen in konkreter Form“ (Girnth 22015, S. 70) wird allen voran durch die zitierten Termini konstituiert. Ergänzung finden sie im weiteren Redeverlauf bspw. durch die (semantisch zuweilen recht offenen) eigengruppenbezogenen Nominationsausdrücke Demokratie, Werte, Frieden, Verantwortung oder Zukunft.

[7] „Unter Situation [Hervorhebung im Original] ist die „subjektive Umweltinterpretation und -orientierung des einzelnen Kommunikators, soweit sie als komplexe Voraussetzung […] der Handlung fungiert“ (Bayer 21984: 101) zu verstehen. Um deutlich zu machen, dass der Einzelne die Umwelt subjektiv interpretiert, wird in diesem Zusammenhang auch von Situationsdefinitionen [Hervorhebung im Original] gesprochen […].“ (Girnth 22015, S. 38)

[8] „Der Frame, der durch Frieden [Hervorhebung im Original] aktiviert wird, enthält positive Konzepte wie ‚Ruhe und Sicherheit (im Zusammenleben der Menschen)‘. Darüber hinaus aber aktiviert Frieden [Hervorhebung im Original] aber auch ein Konzept, das erst in jüngster Zeit im Zusammenhang mit den Rechtfertigungen von militärischen Einsätzen entstanden ist, nämlich ‚Zustand, in dem die Menschenrechte verwirklicht werden können‘.“ (Girnth 2010)

[9] Bezeichnenderweise spricht Gauck durchgehend von der repräsentativen Demokratie und misst dieser einen großen Wert bei. Volksabstimmungen könnten nämlich, wie Gauck impliziert, die Gefahr bergen, dass sich Populisten diese zu eigen machen.

[10] Wenn die Proposition opak bleibt, kann die evaluative und deontische Bedeutungskomponente eines Ausdrucks nicht zur Geltung kommen und der perlokutionäre Sprechakt indes nur erfolglos sein.

[11] An diesem Punkt wird erneut deutlich, dass der Orator in seiner Rede vor allem die deontische Bedeutungskomponente des Ausdrucks Demokratie explizit macht. So kann er mit diesem Terminus nicht nur die Staatsform in Deutschland bezeichnen, sondern sie zugleich als positiv bewerten und durch kodifizierte Sollens-Aussagen die Adressaten zu deren Erhalt und Fortentwicklung auffordern.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Pragmalinguistische Analyse und Interpretation der Abschiedsrede Joachim Gaucks
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V423546
ISBN (eBook)
9783668691476
ISBN (Buch)
9783668691483
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
joachim, gaucks, abschiedsrede, eine, analyse, interpretation, rede, bundespräsidenten
Arbeit zitieren
Dustin Runkel (Autor), 2017, Pragmalinguistische Analyse und Interpretation der Abschiedsrede Joachim Gaucks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423546

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