Kiele und Kielboote. Rund Hasselwerder


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2018
16 Seiten
Dipl.-Ing. Michael Dienst (Autor)

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Leseprobe

Kiele und Kielboote

Rund Hasselwerder

Mi. Dienst

Berlin im Fruhjahr 2018

Also bin ich in der ausgesprochen glucklichen Situation und Lage, ein kleines, wirklich famos funktionierendes Heterotop, einen eigenen „AndersOrt" besuchen zu durfen. Oh, lala, nicht was Sie jetzt vermuten. Kein Bordell, kein Irrenhaus und auch keine Gefangniszelle, aus der ich zu Ihnen schreibe. Nein, mein AndersOrt ist eine liebenswerte, fur ihre Verhaltnisse schon etwas betagte, aber feine Dame. Behabig zwar, das ist eben ihr Wesen; schon seit Ihrem ersten Tag. Hier, herrschen nur ihre eigenen Gesetze, wie es sich fur einen AndersOrt gehort. Worte und Taten ohne Folgen; Gebote, die nicht gelten. Der handverlesene Gast zieht seine Schuhe aus, sagt „Du". Und ich liebe ihre allgegenwartige Prasenz. Nichts, aber auch gar nichts ist ohne Funktion, nicht mal der Name, SOVIND. Als ich schwer krank war, wurde ich in ihrem dunklen Bauch geheilt. Sie brauchte uber dreiBig Tage, wohl wahr. Meine Muse, mein AndersOrt, Heterotopia.

Laris: Was ist das denn fur eine bescheuerte Frage?

Mi: Und?

Laris: Na, ein Kiel ist ein Kiel. Und ein Kielboot ist ein Kielboot.

Dass wir uns uberhaupt kennen, ist fur mich immer noch merkwurdig. Anderer- seits auch wieder nicht. Laris, ziemlich intelligent, zieht sie Abitur und Studium durch; Wirtschaftsinformatik. Dann lernt sie Purzel kennen. Und bleibt bei ihm. Dass ich Karl-Heinz, hier in Berlin wiedertreffe ist das eigentliche Wunder. Purzel, ein begnadeter CCM-Schrauber aus Duderstadt. Im Industriegebiet dieser irgendwie ein wenig schabigen Stadt im Niemandsland mit Todes- streifen, dem heruntergekommenen Grenzgebiet zwischen BRD und DDR gibt es diese kleine, feine Werkstadt fur englische Motorrader. Hier schiebe ich im Sommer 1980 meine Enfield auf den Hof; die Kopfdichtung war am Edersee durchgeknallt, das Ol zu dunn, der Berg zu steil, was weiB ich und denke: sie hat gerade ihren vorletzten Hub gemacht. Ich bin pleite, das letzte Geld steckt im Sprit, das allerletzte im linken Stiefel. Fur den Notfall. Der einen Tag spater kommt. Aber das weiR ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„Ich brauche nur das Werkzeug, geht das?" bluffe ich den Mechaniker an. Er ist zehn, zwolf Jahre alter als ich, sieht mich mit einem irgendwie wolfigen Blick an, dann die Enfield und sagt, die Bullet wurden sie so machen. Jetzt setz Dich erst mal hin. Als erstes klebt er mir das Firmenlogo auf den Seitendeckel. Purwin und Simmert. Dann burstet er den Motor frei. Der hat es gerade noch so geschafft. Hoffentlich. Der Hinweis auf Purwin und Simmert kam von Helge B. Einem in seiner freien Zeit olverschmierten Gynakologen aus Bennihausen, irgendwo bei Gottingen. Die Notadresse wiederum stammte von einer Studentin, die ich auf der Treppe zu meiner Wohnung fand, als sie in ihren Motorradhelm weinte und mir dann bei einem Kaffee drei Stockwerke weiter erzahlte, dass sie sich in den Andi mit der CB 250 verliebt hatte. Andreas aus der schwulen Architekten-WG im Paterre; aber das gerade hatte sie nicht auf dem Plan. Und weinte ein halbes Jahr. Gelegentlich. Bei Helge und Mo durfte ich auf dem Scheunenboden ubernachten; unten dampfte meine geschundene Bullet aus, zwischen unzahligen anderen, meist einzylindrigen Schatzchen; die mit den Schwalbenschwanzen, die mit der Lukas-Zundung. Vor allem diese, damals. Die Kopfdichtung erwies sich als Problem, anderentags. Vielmehr die englischen Gewinde. Spater, uber die Jahre dann ersetzte ich alles durch metrische HeliCoil, aber jetzt in Duderstadt finde ich in Purzel den Meister der Improvisation. Er schraubt den ganzen Nachmittag, bastelt sie zurecht. Und ladt mich aus reiner Dankbarkeit uber sein Meisterwerk ein zu dem alten aufgegebenen Bauernhof auf dem er und etliche Andere leben, mit einem kleinen Umweg zur Zonengrenze und Blick auf die Wachturme druben. Micha Simmert und ich tauschen die Rader und seine 75oer Tiger fuhlt sich gut an. Fur die Enfield ist das gleichzeitig die Ausgangsprufung der Werkstatt Purwin und Simmert. Spater dann gibt es Bier und Huhnchen vom Holzfeuer und den ersten Punk in meinem Leben lerne ich nicht in Berlin Kreuzberg kennen, sondern hier. Er heiRt ausgerechnet Kreisch, sehr trefflich. Purzel in Duderstadt; aber nach ein paar Jahren bleiben die Postkarten aus. In Berlin geschehen nun die ganzen Dinge, die fur immer mein Leben verandern. Heide, dann Moritz dann Jana. Dann die Mauer, der Tegeler See. Die Kinder fangen an zu segeln und ich bin es leid, auf dem Steg zu stehen und WENDE und HALSE zu schreien und segle dann auch. Der Laser bleibt eine Offenbarung. Endlich und zum ersten Mal, seit ich das Fahren mit einem Gelubde beendet hatte - mein letztes Kind solle den Motorradfuhrerschein gemacht haben, so dass ich wieder einstiege und Heide und ich wollten funf, wobei es nur zwei werden, aber 25 Jahre dauert - zum ersten Mal also hatte ich wieder dieses Brummeln im Bauch. Ja, rund Hasselwerder, aber mit und ohne Ruder, mit Blindenbrille, dieses ganze Eso- Experimentierzeugs halt und viele Abgange. Ein Nachmittag kostet mich damals drei Kilo und es ist auf einmal wie das Schuleschwanzen auf der Honda und entlang der Wisper, als ich noch jung war und noch vor der Enfield, die ich mehr schob, durch West-Berlin. Fast dreiGig Jahre spater treffen wir uns auf einer Party bei Mecki und weinen, der Purzel und ich. Laris lernt jetzt Bootsbau, Purzel schraubt fur Roger, meinem DUCATI-Freund und Schrauber und alle zusammen sind wir glucklich an diesem Abend, jetzt wo wir hier und alte Manner sind und glucklich daruber, dass diese Welt gerade genau so klein ist, wie sie ist.

Als wir letztens auf der Welkisch-Werft waren - ich brauchte eine neue oder auch eine alte Rolle fur den Masttop der SOVIND - warteten wir auf Mecki und kamen ins Gesprach; Laris, Heide und ich. Sie hort es ja nicht gern, aber ich machte meiner Bewunderung Platz. Nach der Informatik das Vakuum. Dann Bootbauerlehre, Berufsschule mit Jungs, die genau halb so alt sind wie sie selbst, dann PRINCIPALS OF YACHDESIGN bei Lars Larsson an der International School of Yacht Design, ISYD in Sweden, jetzt Meisterprufung. Das ist auf jeden Fall eine Ansage.

Ich erzahle ihr, dass fur uns Heides SOVIND mehr ist als nur ein Segelboot. Einmal gab sie mir sechs Wochen Dunkelheit und ich war geheilt. Sie ist mein Denk-Ort. Sie ist unser Anders-Ort, das Heterotop. Der straffreie Raum. Ausbreitungsflache fur heikle Theorien, unbeliebte Fragen, vage Antworten. Auf der SOVIND, sage ich, wolle ich mit ihr uber Bootskiele sprechen und Laris sagt zu. Und genau dort befinden wir uns jetzt. Heide lasst Hasselwerder auf Backbord liegen und steuert ihre SOVIND mit einem leichten SudWest auf den Tegeler See.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Wind schlaft jetzt ein. Heide halst an der Franzosentonne, ein Ritual. Vor ganz leisem Wind nimmt sie Kurs auf die Malche. Gerade kommen dort die Ganse nach Hause. Ohne Hohenverlust schweben sie ein. Laris und ich drehen uns Zigaretten. Der Rauch fullt das Segel. Verschwindet am Unterliek. Laris wendetsich an Heide.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kiele und Kielboote. Rund Hasselwerder
Veranstaltung
Bionik
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V423677
ISBN (eBook)
9783668691070
ISBN (Buch)
9783668691087
Dateigröße
910 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kiele, kielboote, rund, hasselwerder
Arbeit zitieren
Dipl.-Ing. Michael Dienst (Autor), 2018, Kiele und Kielboote. Rund Hasselwerder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423677

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