Rituale der Freimaurer


Seminararbeit, 2005

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Freimaurer – eine verschwiegene Gesellschaft

2. Die Freimaurer – ein Männerbund

3. Der Dualismus der menschlichen Natur und seine Bedeutung für die Symbolwelt der Freimaurer

4. Die Macht der Gruppe und die Moralvorstellungen der Freimaurer

5. Die Rituale der Freimaurer als konstitutives Element

6. Die Symbole der Freimaurer als konstitutives Element

7. Freimaurerei und Hierarchie

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Die Freimaurer – eine verschwiegene Gesellschaft

„Überall, wo es einen Rechtsstaat und somit auch ein freies Land gibt, brauchen sich die Freimaurer nicht zu verstecken.“ schreibt Daniel Béresniak. Und weiter: „Angeprangert und verfolgt werden sie hingegen, wo ein Machthaber oder eine Einheitspartei allmächtig regiert – überall dort, wo die Wahrheit ein für allemal in einem Buch geschrieben steht, das einzig und allein zum Richtmaß erhoben wird.“[1]

Die Freimaurerei ist seit je her umstritten. Sei es die vermeintliche Schuld am Ausgang des Ersten Weltkrieges oder die angebliche „jüdisch – freimaurerische Weltverschwörung“. Die Bischofskonferenz erklärte die Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge und in der katholischen Kirche für unvereinbar, für die evangelische Kirche ist die Freimaurerei undurchsichtig. Auch in der DDR war sie verboten. Die Geschichte der Freimaurerei ist eine Geschichte des Ausgestoßenseins und daher eine Geschichte des Kommunizierens über Codes.

Béresniak: „Wenn eine offizielle Orthodoxie so viel Macht besitzt, dass sie diejenigen, die suchen und Fragen stellen, zu töten und zu verbannen vermag, wenn Konformismus so stark wird, dass er diejenigen, die sich nicht fügen, mit dem Tod bedroht, bleibt für freie Geister nur noch eine Möglichkeit zu kommunizieren: ihre Idee hinter dem Schleier der Allegorie zu verstecken oder sie sogar – um sie zu schützen – unter einer dicken Schicht von Lügen und Absurditäten zu begraben.“[2]

Im Hinblick auf die Diskriminierungen, Verfolgungen und Kriege, die Glaubenskonflikte in der Menschheitsgeschichte auslösten, ist die Idee der Frei-maurerei einleuchtend: Menschen unabhängig ihrer Religion zu versammeln, um den Austausch zu fördern und somit die Idee der Gleichheit zu feiern. Aus dieser Warte leuchtet auch die Kommunikation über Zeichen und Symbole ein.

Aber in der heutigen Zeit? Schätzungsweise sechs Millionen Freimaurer, organisiert in etwa 40.000 Logen, gibt es heute weltweit.[3] Ein Großteil davon lebt in demokratischen Staaten. Wozu? In diesen Ländern gibt es keine allmächtig regie-rende Einheitspartei – wozu also der Zusammenschluss zu einer abgesonderten Gemeinschaft? Wenn die Verfolgungen in den westlichen Staaten passé sind; wenn Evangelisten, Katholiken und Atheisten heute ungehemmt miteinander kommuni-zieren können, dann erscheint es als unnötig, sich in einem Bund zu organisieren und seltsame Rituale zu pflegen. Und in der Tat – die Freimaurerei zeichnet sich heute durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit aus. Aus dem vermeintlichen „Geheimbund“ wurde eine (ins Vereinsregister eingetragene und weit weniger mystifizierte) „verschwiegene Gesellschaft“. Aber obwohl sich inzwischen überall Abschriften über den Verlauf der Rituale finden, bleibt Außenstehenden der Zutritt in den Freimaurertempel dennoch verwehrt. All diese Faktoren legen die Vermutung nahe, dass es inzwischen andere Gründe sind, die Männer dazu bewegen, sich einmal wöchentlich zu verkleiden und in einem Tempel zu versammeln.

Für den Journalisten Helmut Blazek ist es der Zustand der kapitalistischen Gesellschaft. Er schreibt: „In der Entsinnlichung und Sinnentleerung durch die totale >>Verdatung<< und Vermarktung der Welt sind zwei Hauptfaktoren zu sehen, die zum Wiederaufleben der überkommenen >>Gesellenform<< Männerbund, aber auch zu dem nach wie vor anhaltenden Esoterik-Boom führten.“[4]

Dies mag den Beitritt erklären, lässt aber die häufig lebenslange Mitgliedschaft in einem Freimaurerbund ungeklärt. Es erklärt nicht die Treue, die die Mitglieder empfinden. Es scheint, als wirken in diesen Bünden Strukturen, die das Individuum einbinden, eine Macht auf es ausüben, die den Bestand des Bundes auf lange Zeit sichern. Im Folgenden werden diese Strukturen näher untersucht. Als aufschluss-reich erweisen sich hierzu die Schriften des französischen Soziologen Emile Durkheim zur Moral und zur Totemtheorie. Zuvor muss jedoch geklärt werden, um welche Gesellschaftsform es sich bei der Freimaurerei handelt.

2. Die Freimaurer – ein Männerbund

Helmut Blazek definiert einen Männerbund unter anderem über folgende Kriterien: Es sind sich aus freiem Willen bildende Männerorganisationen, die auf der Akzeptanz gemeinsamer Normen und geistiger Ziele beruhen. Meist hierarchisch organisiert, steht an ihrer Spitze häufig ein charismatischer Führer. Sie begreifen sich als Motor einer geistigen Erneuerung der Gesellschaft, haben in den meisten Fällen ein elitäres Sendungsbewusstsein, verlangen eine Unterordnung des einzelnen Individuums unter den Willen eines Führers und grenzen Frauen aus. Weitere Kennzeichen sind Initiationsriten und ein tatsächliches oder Außenstehenden vorgespieltes Geheim-wissen.[5] All diese Kriterien finden sich, mehr oder weniger ausgeprägt, in der Freimaurerei und definieren diese, trotz der Existenz der separaten Frauenlogen, als einen Männerbund.

Der Zusammenhalt dieser Männerbünde bestehe, so Blazek weiter, oftmals „auf rauschhaften, irrationalen Gruppenerlebnissen“[6]. Die Adjektive irrational und rauschhaft sind hier unter zwei Gesichtspunkten zu verstehen: Zum einen meint irrational eine Abkehr vom rein-rationalen, bewussten Denken, zum anderen betont es die Rolle der Emotionen. Letztlich ist es das Miteinander, das Zwischen-menschliche, das jede Gemeinschaft in ihren Grundsätzen zusammenhält. Für den Soziologen Hermann Schmalenbach sind es „emotionale Gefühlswogen […], oft rauschhaft aus dem >Herzen< oder der >Seele< quellende Ströme des Liebens (oder auch des Hassens) und gemeinsamer Begeisterung, die den Bund tragen.“[7]

Emotionalität und Irrationalität sind ihrer Natur gemäß jedoch unbeständig und flüchtig. Man denke an Massendemonstrationen oder gar Revolutionen. Wie kann also eine Gemeinschaft, die auf Emotionalität und Irrationalität fußt, dauerhaft bestehen?

Für Schmalenbach ist es das Element der Treue, welches hier als konstituierender Faktor wirkt.[8] Treueschwüre finden sich in wohl allen Bünden jedweder Art und auch in der Freimaurerei sind Neulinge angehalten, sich dem Orden anzuschließen und auf Lebenszeit zu dienen. Stolz sprechen Freimaurer von lebenslanger Mitgliedschaft und einem „unzerreißbares Freundschaftsband“.[9]

Doch kann auch eine auf Freundschaft und Treue basierende Ethik einen Bund nicht über so lange Zeit festigen. Es muss also weitere Mechanismen geben, die den Zusammenhalt sichern. Anhaltspunkte hierfür liefern die Schriften Durkheims.

3. Der Dualismus der menschlichen Natur und seine Bedeutung für die Symbolwelt der Freimaurer

Emile Durkheim unterscheidet zwei Bestandteile der menschlichen Natur: Auf der einen Seite der Körper, der integrale Bestandteil der materiellen Welt; auf der anderen Seite die Seele, deren Heimat „die Welt des Heiligen“[10] ist. Beide Elemente, in jedem Menschen enthalten, erscheinen ihrem Wesen nach als konträr und wider-sprüchlich und verfügen über unterschiedliche Charakteristika. Da die Handlungen des Menschen immer Ausdruck seiner Natur sind, erscheinen auch sie folglich als widersprüchlich. Hierzu Durkheim: „Man misst unseren verschiedenen sachlichen Leistungen einem unterschiedlichen Wert bei: sie stehen in einer hierarchischen Ordnung, und diejenigen, die am meisten mit dem Körper verbunden sind, stehen am Fuße dieser Hierarchie.“[11] Alle Handlungen, die ein rein egoistisches Ziel verfolgen, werden seit je her mit dem körperlichen Element in Verbindung verbracht - Durkheim bezeichnet sie als profan - während selbstlose Handlungen der Seele zugeschrieben werden - diese nennt er heilig. Diese Unterteilung in profan und heilig kennzeichnet nicht nur die menschliche Natur, sondern sie überträgt sich auch nach außen. Und sie bildet die Grundlage jeder Religion.

Auch wenn sich die Freimaurerei nicht als Glaubensgemeinschaft begreift, teilt sie mit der Kirche doch die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit des Heiligen, und die Ver-ehrung einer überweltlichen Macht, bei den Freimaurern verkörpert durch den Allmächtigen Baumeister aller Welten.[12] Die Freimaurerei besitzt also, ebenso wie die Kirche, weil sie sich vom profanen Alltag abwendet und weil sie an das heilige Element des Menschen appelliert, einen heiligen Charakter.

Da dieser heilige Charakter und die mit ihm verbundenen Gefühle ein Abstrak-tum sind, müssen sie, um für den Menschen greifbar zu werden, in die sinnlich er-fahrbare Welt übertragen werden. Dies geschieht mittels der Übersetzung in Zeichen. Erst die Vermittlung durch Zeichen ermöglicht eine Darstellung der heiligen Gefühle. Diese als heilig definierten Zeichen stehen dabei im Gegensatz zu den profanen Gegenständen. Durkheim schreibt hierzu: „Die Dinge die diese Rolle spielen, nehmen notwendigerweise an denselben Gefühlen teil wie die Bewusstseins-zustände, die sie darstellen und sozusagen materialisieren. Auch sie werden als hilfreiche Mächte geachtet, gefürchtet und gesucht. Sie stehen also nicht auf einer Stufe mit den vulgären Dingen, die nur unsere körperliche Individualität interessieren.“.[13] Es sind Zeichen und Symbole, die den heiligen Charakter eines Denkgebäudes manifestieren und somit stellvertretend für das gesamte Denk-gebäude stehen. Auch bei den Freimaurern findet sich diese Übertragung mittels Zeichen.

Als erstes Beispiel soll der Tempel der Freimaurer dienen. Auch wenn Klaus – Jürgen Grün insistiert, dass es sich bei dem maurerischen Tempel nicht um ein Heiligtum handelt, da er aus der „Lebenswelt der Mitglieder einer Loge“ aufgebaut sei[14], ist er nach der Definition Durkheims dennoch als heilig anzusehen, da er sich vom Alltag absetzt. Für Béresniak fungiert er als „Vermittler zwischen dem Universum – dem Makrokosmos – und dem Menschen – dem Mikrokosmos.“[15] Der Tempel symbolisiert den Tempel Salomons und der Stuhl des Meisters, der sich immer im Osten befindet, sei somit gleichzusetzen mit Salomons Stuhl. Für Alfried Lehner ist die Ausrichtung nach Osten, jener Himmelsrichtung, „ wo die höchste Gottheit immer von neuem wiedergeboren wird“[16], ein Zeichen für den Sonnenkult und der Tempel somit ein „Abbild des Kosmos“[17].

Aber auch die Elemente, mit denen der Tempel geschmückt ist, besitzen einen ideellen Überbau. So stehen die zwei am Eingang des Tempels befindlichen Säulen Jakin und Boas für die Polarität im täglichen Leben und die drei Kerzen für Weisheit, Stärke und Schönheit.[18] Seine Ausrichtung nach Osten , sein klar struktu-rierter Aufbau, die feste Sitzverteilung der Mitglieder – all diese Faktoren sind festgelegt und heben den Tempel von der profanen Außenwelt ab.

Der Salomonische Tempel stellt jedoch nicht nur das Vorbild für den Tempel der Freimaurer, sein Bau bildet auch den Bezugspunkt der maurerischen Tätigkeit. Seine Erbauung und die „Arbeit am rauen Stein“ versinnbildlichen das Streben des Menschen nach Vervollkommnung. In der Symbolwelt der Freimaurer schlägt sich dies vor allem in der Bedeutung der Werksymbole, also jener an den Ursprung der Freimaurerei als Gemeinschaft von Steinmetzen erinnernden Symbole, nieder. Auch wenn ihre genaue Bedeutung nicht festgeschrieben ist, sondern von der Interpre-tation und Reflexion des Betrachters abhängt[19], sind sie dennoch heilig. Sie stehen nicht mehr für das handwerkliche Handeln, sondern für die Selbstvervollkommnung des Individuums. Béresniak schreibt hierzu: „Der maurerische Symbolismus stützt sich auf die Idee des Erbauens. Erbauen, werden, an sich selbst arbeiten.“[20]. Winkel-maß, Zirkel, Hammer stehen für die Arbeit am Menschen und eben jene Zeichen finden sich überall, vom Tempelschmuck bis zum Zunftwappen.

[...]


[1] Béresniak. Daniel. Seite 6.

[2] Ebenda

[3] Holtorf, Jürgen. Die Logen der Freimaurer. Seite 7.

[4] Blazek, Helmut. Seite 236.

[5] Blazek, Helmut. Seite 14

[6] Ebenda

[7] Schmalenbach, Herman. Die soziologische Kategorie des Bundes in Blazek, Helmut. Seite 28.

[8] Ebenda

[9] Auszug aus dem Lehrlingsritual der Johannisloge. http://www.stelling.nl/vrijmetselarij/gllfvd_r1.html

[10] Durkheim, Emile. Seite 369.

[11] Ebenda, Seite 377.

[12] Auch wenn die Freimaurerei allen Religionen offen steht, setzt sie dennoch den Glauben an ein höheres Wesen bei seinen Mitgliedern voraus. Atheisten bleibt der Zutritt also verwehrt. Vgl. Holtorf, Jürgen. Stichwort: Freimaurer. Seite 14.

[13] Durkheim, Emile. Seite 378.

[14] Grün, Klaus-Jürgen. Freimaurerische Innenwelten und Tempelarbeit in Berger& Grün. Geheime Gesellschaft. Seite 112

[15] Béresniak, Daniel. Seite 90

[16] Lehner, Alfried . Freimaurerische Symbole und Rituale in der Entwicklung der unterschiedlichen Logensysteme in Berger& Grün. Geheime Gesellschaft. Seite 114

[17] Ebenda. Seite 116

[18] Vgl. Béresniak, Daniel. Seite 44.

[19] Lehner, Alfried . Freimaurerische Symbole und Rituale in der Entwicklung der unterschiedlichen Logensysteme in Berger& Grün. Geheime Gesellschaft. Seite 115.

[20] Béresniak, Daniel. Seite 7.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rituale der Freimaurer
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Soziologie)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V42383
ISBN (eBook)
9783638404259
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersucht die konstitutive Wirkung von Ritualen und Symbolen in der Freimaurerei mit Bezug auf die Schriften Emile Durkheims
Schlagworte
Rituale, Freimaurer, Seminar
Arbeit zitieren
Sascha Lübbe (Autor), 2005, Rituale der Freimaurer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42383

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