Der Einfluss nationalsozialistisch geprägter Erziehung auf die Schüler in Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Erziehung im Nationalsozialismus

2. Darstellung und Einfluss nationalsozialistischer Erziehung in Jugend ohne Gott
2.1 Ideologisierung der Jugend
2.2 Charakterliche Einflussnahme
2.3 Umgang mit abweichendem Verhalten

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

I Werke und Quellen

II Forschungsliteratur

Einleitung

Horváths Roman Jugend ohne Gott schildert die Durchdringung nahezu aller Lebensbereiche durch faschistische Ideologie und deren Einfluss auf die Figuren.1 Neben der Entwicklung des Ich-Erzählers auf „seine[m] Weg zu Gott“2 ist die moralische Verfassung der Jugend zentrales Thema des Romans3. Dabei wird die Frage aufgeworfen, wodurch die Jugendlichen in ihrem Denken und Handeln beeinflusst werden. Die vorliegende Arbeit analysiert diesbezüglich den Einfluss der faschistischen Erziehung auf die Schulklasse, deren Lehrer der Ich-Erzähler ist. Dabei soll zudem der Zusammenhang des im Roman dargestellten Faschismus und dem Nationalsozialismus untersucht werden. Inwieweit Horváth eine bestimmte oder beliebige Ausprägung des Faschismus darstellt und kritisiert, ist nämlich umstritten.4 Der biografische Kontext des Autors, der Entstehungsort und einige recht eindeutige Anspielungen im Roman, lassen einen möglichen Bezug zum Nationalsozialismus erkennen, während andere Aspekte gegen diese Deutung sprechen.5

Zur Untersuchung der Fragestellung sollen zunächst typische Merkmale der nationalsozialistischen Erziehung dargestellt werden. Dann wird die Schulklasse unter Beachtung der Besonderheiten einiger ihrer Mitglieder als Gruppe charakterisiert und zuletzt wird überprüft, inwiefern sich die nationalsozialistische Erziehung in den Eigenschaften der Schüler wiederfindet.

1. Erziehung im Nationalsozialismus

Um Erziehungscharakteristika herausarbeiten zu können, muss zunächst die Frage gestellt werden, was als Erziehung definiert werden kann. Es existiert eine große Vielfalt an Definitionen des Begriffs, die sich je nach Perspektive stark unterscheiden.6 Die vorliegende Arbeit bedient sich folgender Begriffsbestimmung von Wolfgang Brezinka:

Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten.7

Erziehung soll also erwünschte Eigenschaften stärken, während unerwünschte unterdrückt werden. Daher kommt der Bewertung, welche Merkmale als positiv, welche als negativ gelten sollen, elementare Bedeutung zu.

Die Grundsätze dafür, welche Charakteristika in der nationalsozialistischen Erziehung erwünscht sind, legt Hitler in seiner Programmschrift Mein Kampf fest:

Der völkische Staat hat (…) seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten.8

Hitler nimmt eine Herabwürdigung von Intellektualismus vor und betont dagegen besonders die physische und charakterliche Entwicklung. Jungen sollten so auf ein Leben als Soldat vorbereitet werden.9 Als Konsequenz dieser Ansichten erfuhr der schulische Sportunterricht nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 eine Aufwertung und wurde wehrsportlich geprägt.10 Hinzu kam die Schaffung außerschulischer Erziehungssituationen, beispielsweise durch vormilitärische Zeltlager, und später die Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Jugendorganisationen, wie der Hitlerjugend. Ein weiteres Mittel zur Beeinflussung der Jugendlichen war die massive Propaganda, die vor allem durch die Massenmedien betrieben wurde.11

Mit Hilfe der erwünschten und unerwünschten Eigenschaften lassen sich die nationalsozialistischen Erziehungsziele weiter differenzieren. Die Auffassung der eigenen Überlegenheit und des besonderen Wertes der eigenen Gruppe ist dabei zentral. Ideologisch begründet wird sie durch die Rassentheorie und ein ethnozentrisches Weltbild. Außerdem wird die Notwendigkeit von Selbstbeherrschung betont, worunter besonders das Ertragen von Leid, Unrecht und Gewalt verstanden wird sowie damit verbunden der Wille zur Opferbereitschaft.12 Dies lässt darauf schließen, dass die Unterdrückung von Emotionen durchaus erwünscht war. Ebenfalls erwartet wird absoluter Gehormsam gegenüber Autoritäten.13 Der Zwang, Unrecht hinnehmen zu müssen und der unreflektierte Gehorsam entbinden die Rezipienten der nationalsozialistischen Erziehung gewissermaßen davon, ihr Verhalten moralisch begründen zu müssen. Gleichzeitig soll durch Nivellierung das Gemeinschaftsgefühl unter Gleichgestellten gestärkt werden sowie eine Einordnung in die und starke Identifikation mit der Gruppe gewährleistet werden.14

Mehr noch, jede Art von individuellen Verhaltensweisen und eigenständigem Denken soll unterdrückt werden. Zudem sind „universalistische Bindungen“15 unerwünscht, also grundsätzlich auch Religionen, sofern diese das nationalsozialistische Weltbild in Frage stellen.16 All dies dient dem Ziel, oppositionelles Verhalten zu verhindern. Auch der geringe Stellenwert wissenschaftlicher Bildung und verschiedenen Aussagen Hitlers, die den vermeintlich geringen Nutzen von theoretischem Wissen herausstellen, lassen sich vor diesem Hintergrund erklären.17

Zusammenfassend kann man festhalten, dass das übergeordnete Ziel nationalsozialistischer Erziehung die körperliche und charakterliche Vorbereitung der Jugendlichen auf ein Leben im Krieg ist. Die Überhöhung der eigenen Gruppe verbunden mit menschenverachtendem Rassendenken bildet die ideologische Grundlage und soll das Gefühl von Dominanz und Opferbereitschaft hervorrufen. Moral- und vernunftgeleitetes Handeln wird durch unreflektierten Gehorsam und Selbstbeherrschung ersetzt, wodurch eigenständiges Denken und die Wahrnehmung von Gefühlen unterdrückt werden sollen. Gleichzeitig werden Individualismus, abweichende Weltanschauungen und wissenschaftliche Bildung abgelehnt und sanktioniert.

2. Darstellung und Einfluss nationalsozialistischer Erziehung in Jugend ohne Gott

Im Folgenden soll untersucht werden, ob und inwiefern die Merkmale der nationalsozialistischen Erziehung mit den Einstellungen und Verhaltensweisen der Erziehungsrezipienten in Jugend ohne Gott korrespondieren. Aufgrund des begrenzten Umfangs der vorliegenden Arbeit sollen die Schüler des Ich-Erzählers den Untersuchungsschwerpunkt darstellen, während auf die anderen jugendlichen Figuren des Romans nicht eingegangen werden kann.

Hervorzuheben ist, dass eine Darstellung der Schulklasse sich sowohl auf die relativ objektiv geschilderten Handlungen als auch auf subjektiv geprägte Aussagen einiger Figuren stützen muss, um die Komplexität der Einstellungen erfassen zu können. Zudem treten überwiegend erst im Laufe der Handlung und vor allem ab dem Zeltlager individuelle Charakterzüge der Schüler hervor. Das hat zur Folge, dass einige pauschalisierte Vorwürfe und Merkmalszuschreibungen später differenziert oder zurückgenommen werden.18 Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, sollen die der gesamten Jugend zugeschriebenen um individuelle Charakteristika ergänzt und unter dem Vorbehalt analysiert werden, dass sie nicht für jedes Individuum zutreffend, sondern eher symptomatisch für das Gros der Schüler sind.

2.1 Ideologisierung der Jugend

Wie im Nationalsozialismus ist die Propaganda auch in Horváths Roman ein sehr wichtiges Mittel zur Verbreitung der faschistischen Ideologie. Während sie die Jugendlichen durch Überbeanspruchung ihrer Emotionalität gefühlsmäßig verbraucht, hat sie für sie andererseits auch einen bequemen Effekt: Sie brauchen die verbreiteten Ansichten nur unreflektiert wiedergeben, um gute Noten zu bekommen.19 Der Lehrer formuliert seine Kritik noch deutlicher: „Alles Denken ist ihnen verhasst.“20 Obwohl hauptsächlich durch Propaganda in den Massenmedien symbolisiert, wird die Ideologisierung auch in der Schule betrieben. Zusätzlich zum vormilitärischen Zeltlager tritt sie hier vor allem in Form von behördlich vorgegebenen, suggestiven Aufsatzthemen auf. Die vom Lehrer beispielhaft zitierten Aufsätze belegen dabei nicht nur die Unfähigkeit zu kritischem Denken, sondern auch die Verinnerlichung der faschistischen Ideologie. So begründen der B und der N die Notwendigkeit von Kolonien mit der Wichtigkeit der eigenen Gruppe, des „Volksganzen“, bzw. mit der Überlegenheit der eigenen Rasse.21 Obwohl sie sich in der Ausprägung ihrer Begründungen unterscheiden, weisen beide Argumentationen starke Parallelen zur nationalsozialistischen Auffassung der eigenen Überlegenheit auf, wobei der N zusätzlich noch rassistische Einstellungen wiedergibt. Die energische Reaktion des Lehrers auf die Äußerungen des N lassen darauf schließen, dass dessen Einstellung in ihrer Radikalität nicht als typisch für die gesamte Klasse angesehen werden kann.22

Gerade am Beispiel des N wird aber auch deutlich, dass die Übertragung der Ideologie auf die Jugendlichen nicht nur durch Propaganda in Medien und Schule verfolgt wird, sondern auch durch die Eltern verstärkt werden kann.23 So stellen sich im Laufe des Romans weitere Eigenschaften des N heraus, die offensichtlich auf die elterliche Erziehung zurückzuführen sind. Auf diese wird aufgrund später detaillierter eingegangen.

Das die Aufsätze prägende Gefühl der Überlegenheit spiegelt sich in einem weiteren Merkmal wieder. Julius Cäsar schreibt der Jugend nämlich eine grundsätzliche Freude an Hohn und Spott zu.24 Im Laufe der Handlung stellt sich allerdings heraus, dass es auch Jugendliche gibt, auf die dies nicht zutrifft, wie etwa die Gruppe oppositioneller Jugendlicher um B.25 In seiner vollen Schärfe zeigt sich diese Eigenschaft schließlich nur beim T, der sich seinen Mitmenschen gegenüber besonders überlegen fühlt.26

Die faschistische Ideologie des Romans drückt sich zudem in einer Überbetonung des Kollektivs aus. Dies zeigt sich einerseits in der entindividualisierten Darstellung der Figuren, andererseits aber auch in ihrem Handeln als Gruppe. Bis auf wenige Ausnahmen werden die Schüler vom Lehrer nur mit einzelnen Buchstaben bezeichnet.27 Zudem sprechen er und Julius Cäsar allgemein von „Generation“ oder „der Jugend“.28 Dies lässt ebendiese besonders im ersten Teil des Romans als anonyme Menge erscheinen. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass individuelle Merkmale erst im Laufe der Handlung und dann auch nur vereinzelt herausgestellt werden. Auch das Handeln der Schüler zeichnet das Bild einer einheitlich handelnden, homogenen Masse, in der individuelles Verhalten unterdrückt wird. Der Brief, in dem wegen der Aussage des Lehrers, Schwarze seien auch Menschen, dessen Absetzung gefordert wird, wird – mit Ausnahme eines kranken Schülers – von allen unterzeichnet.29

Die Schüler im Roman werden also auf vielfältige Weise ideologisch beeinflusst, wobei neben rassistischen Einstellungen, die anscheinend noch nicht von der Mehrheit vertreten werden, insbesondere das Gefühl der Überlegenheit und eine überhöhte Bewertung des Kollektivs unter den Jugendlichen verbreitet sind..

[...]


1 Vgl. Ulrich Schlemmer: Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott. München 1993, S. 56.

2 Vgl. Wolf Kaiser: Jugend ohne Gott – ein antifaschistischer Roman? In: Traugott Krischke (Hrsg.): Horváths Jugend ohne Gott. Frankfurt a. M. 1984, S. 48-68, S. 61.

3 Vgl. Schlemmer, Ödön von Horváth…, 1993, S. 61.

4 Kaiser, Jugend ohne Gott…, S. 55.

5 Vgl. ebd., S. 61f. Kaiser führt als Argumente gegen eine Festlegung auf den Nationalsozialismus an, dass Horváth namentliche Erwähnungen vermeide, der Handlungskontext klar österreichisch geprägt sei und der Rassismus als bloße Ideologie, nicht als gängige Praxis dargestellt werde.

6 Im Gegensatz zur hier verwendeten Definition vgl. auch Heinz-Joachim Heydorn: Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Frankfurt a. M. 1970, S. 10.

7 Wolfgang Brezinka: Metatheorie der Erziehung. Eine Einführung in die Grundlagen der Erziehungswissenschaft. München, Basel 1978, S. 45.

8 Adolf Hitler: Mein Kampf. München 1941, S. 451.

9 Vgl. ebd., S. 451f.

10 Vgl. Norbert Heymen/ Getrud Pfister/ Irmhild Wolff-Brembach: Erziehung zur Wehrhaftigkeit im Sportunterricht. In: Reinhard Dithmar (Hrsg.): Schule und Unterricht im Dritten Reich. Neuwied 1989, S. 163-186, S.163f.

11 Vgl. Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, 1985, S. 11f.

12 Vgl. Hitler, Mein Kampf, 1941, S. 453-459.

13 Vgl. Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, 1985, S. 12.

14 Vgl. ebd., S. 160-161.

15 Scholtz, Erziehung unterm Hakenkreuz, 1985, S. 161.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Hitler, Mein Kampf, 1941, S. 451-456.

18 Vgl. Schlemmer, Ödön von Horváth…, 1993, S. 61.

19 Vgl. Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott. Hrsg. von Heike Wirthwein. Stuttgart 2013, S. 24; im Folgenden zitiert als JoG.

20 Ebd., S. 19.

21 Vgl. JoG, S. 8.

22 Vgl. ebd., S. 8f. und Kaiser, Jugend ohne Gott…, S. 55.

23 Vgl. JoG., S. 14.

24 Vgl. ebd., S. 24.

25 Vgl. ebd., S. 108.

26 Vgl. ebd., S. 29. Neben der direkten Zuweisung dieser Eigenschaft durch den Lehrer, zeigt sich das Gefühl der Überlegenheit auch insgesamt im Handeln des T.

27 Vgl. JoG, S.8.

28 Vgl. Schlemmer, Ödön von Horváth…, 1993, S. 61.

29 Vgl. JoG, S. 17.

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Details

Titel
Der Einfluss nationalsozialistisch geprägter Erziehung auf die Schüler in Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Textanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V423853
ISBN (eBook)
9783668717411
ISBN (Buch)
9783668717428
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Horvath, Nationalsozialismus, Jugend ohne Gott, Erziehung, Ideologie, Verhalten, Charakterisierung, Figuren
Arbeit zitieren
Steven Dunn (Autor), 2015, Der Einfluss nationalsozialistisch geprägter Erziehung auf die Schüler in Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423853

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