Walter Moers hat in seinen bisher sechs Zamonien-Romanen, zu denen auch "Die Stadt der Träumenden Bücher" (2004) gehört, eine faszinierende fiktive Welt erschaffen, die sich durch einen besonderen Detailreichtum und außerordentliche Originalität auszeichnet. Dabei sind sie beim Lesepublikum beliebt und wurden von Literaturkritikern in der Presse sehr positiv bewertet. Trotz vielfältiger Verweise auf literarische Klassiker und einer großen Zahl formaler und stilistischer Gestaltungsmittel, hat sich die geisteswissenschaftliche Forschung bisher nur wenig mit Moers‘ Werk auseinandergesetzt.
Diese Arbeit versucht eine Analyse des Romans anhand ausgewählter erzähltheoretischer Kategorien bzw. solcher, die Auswirkungen auf die Erzählung haben. Dabei soll insbesondere der Frage nachgegangen werden, welche Merkmale als charakteristisch für Die Stadt der Träumenden Bücher angesehen werden können. Der speziellen Erzähltechnik Moers‘ soll im Rahmen dieser Untersuchung Rechnung getragen werden, indem nicht ein spezifisches Merkmal herausgegriffen und alleinstehend analysiert und interpretiert wird, sondern der Versuch unternommen wird, gerade die Heterogenität wiederzugeben. Dabei kann aufgrund des begrenzten Umfangs freilich dennoch nur ein Ausschnitt der verwendeten Gestaltungsmittel betrachtet werden. Die untersuchten Aspekte sind dabei nicht ausschließlich narrative Elemente, sollen aber insbesondere hinsichtlich ihrer Wirkungen für die Narration analysiert und interpretiert werden.
Dazu wird in Abschnitt zwei die besondere Stellung des Autors analysiert, die einerseits durch eine Autor- bzw. Herausgeberfiktion, andererseits durch eine Abschwächung der Trennung von Autor und Erzähler gekennzeichnet ist. Im Anschluss wird ebendiese spezielle Rolle des Erzählers im übergeordneten Konzept der Stimme noch näher betrachtet. In Abschnitt drei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der Roman Formen unzuverlässigen Erzählens beinhaltet und welche Auswirkungen dies für die Erzählung haben könnte. Abschnitt vier beschäftigt sich schließlich mit drei verschiedenen Charakteristika des Romans, von denen nur der dramatische Modus eine erzähltheoretische Analysekategorie darstellt, während die Namensgebung und die visuelle Gestaltung eher indirekt auf die Narration wirken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Moers vs. Mythenmetz – Autorschaft und Stimme in Die Stadt der Träumenden Bücher
2.1 Die Herausgeberfiktion – Moers als Übersetzer und Illustrator
2.2 „Seid gegrüßt, meine waghalsigen Freunde“ – die Stimme
3. Zwischen Erlebnisbericht und künstlerischer Freiheit – unzuverlässiges Erzählen in Die Stadt der Träumenden Bücher
4. Weitere Besonderheiten in Die Stadt der Träumenden Bücher und ihre Wirkung
4.1 „Da kann keiner aufhören zu lesen!“ – der dramatische Modus
4.2 Buchhaim bis Schattenkönig – die Bedeutung der Namen
4.3 Visuelle Gestaltung des Buches
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit analysiert den Roman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers mithilfe erzähltheoretischer Kategorien. Im Fokus steht dabei die Untersuchung, wie durch das Spiel mit der Autorschaft, die Gestaltung der Erzählstimme und den Einsatz visueller Mittel eine spezifische Wirkung auf die Leser erzielt sowie die Grenze zwischen Realität und Fiktion bewusst manipuliert wird.
- Analyse der komplexen Autor- und Herausgeberfiktion
- Untersuchung der Unzuverlässigkeit des Erzählers und des Einsatzes von Ironie
- Betrachtung des dramatischen Modus als Mittel der Spannungssteigerung
- Deutung der Namensgebung bei Figuren und Orten
- Untersuchung der visuellen Gestaltung als integraler Bestandteil der Narration
Auszug aus dem Buch
Die Verwendung von Ironie und ihre Wirkung
Allerdings gibt es noch einen weiteren Hinweis darauf, dass sich einige Aussagen möglicherweise nicht wortwörtlich verstehen lassen und insofern auf einen unzuverlässigen Erzähler hinweisen – der Einsatz von Ironie. Als Charakteristikum der Ironie sehen Martínez/Scheffel, dass neben die explizite eine implizite Botschaft in der Kommunikation zwischen zwei Gesprächspartner trete, die als die „eigentlich gemeinte“ aufgefasst werden solle. Kurz gefasst: Bei einer ironischen Äußerung sagt man etwas anderes, als man eigentlich meint. So lassen sich viele Stellen des Romans ironisch deuten. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit soll hier nur auf zwei Textstellen näher eingegangen werden, die beispielhaft für die ironische Brechung der Figuren und der Umwelt stehen, während auf eine mögliche ironische Wirkung der Namensgebung der Figuren im entsprechenden Abschnitt näher eingegangen wird.
So beschwert sich der Protagonist im Kapitel „Gasthaus des Grauens“ wortreich über den schlechten Zustand seiner Unterkunft, wobei ein Aspekt seiner Kritik der Umstand ist, dass er befürchtet, die Sonne würde morgens in das Zimmer scheinen. Eine einfache Lösung schlägt er von vornherein aus und nennt auch den Grund dafür:
Schlafmasken lehne ich übrigens ab, seitdem ich einmal eine ausprobiert und dann am nächsten Morgen vergessen hatte, daß ich eine trug. Minutenlang befand ich mich in heller Panik, weil ich davon überzeugt war, über Nacht blind geworden zu sein.
Während Mythenmetz hier für ihn scheinbar selbstverständlich seine Probleme mit Sonnenlicht und Schlafmasken schildert, entsteht bei den LeserInnen das Bild eines Protagonisten, der einerseits recht verwöhnt zu sein und andererseits unter verschiedenen Marotten zu leiden scheint. Die Ironie, die durch die Diskrepanz zwischen Selbstbild der Figur und Beurteilung der geschilderten Situation durch die RezipientInnen entsteht, wird im Anschluss an die zitierte Textpassage noch gesteigert, indem der Ich-Erzähler die Beschreibung der Unzulänglichkeiten der Unterkunft durch die Aussage, er habe sowieso nicht vor, die Nacht im Hotel zu verbringen, ad absurdum führt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die fiktive Welt des Romans ein und definiert das Ziel der Arbeit, den Roman anhand ausgewählter erzähltheoretischer Kategorien auf seine charakteristischen Merkmale hin zu untersuchen.
2. Moers vs. Mythenmetz – Autorschaft und Stimme in Die Stadt der Träumenden Bücher: In diesem Kapitel wird das Verhältnis zwischen dem tatsächlichen Autor Walter Moers und der fiktiven Figur Hildegunst von Mythenmetz analysiert, um die Vermischung von Realität und Fiktion zu beleuchten.
3. Zwischen Erlebnisbericht und künstlerischer Freiheit – unzuverlässiges Erzählen in Die Stadt der Träumenden Bücher: Dieser Abschnitt untersucht, inwieweit der Roman Formen des unzuverlässigen Erzählens nutzt und wie Ironie dazu beiträgt, Aussagen des Erzählers als satirische Kritik zu deuten.
4. Weitere Besonderheiten in Die Stadt der Träumenden Bücher und ihre Wirkung: Das vierte Kapitel analysiert drei spezifische Merkmale: den dramatischen Modus, die Namensgebung als Mittel der intertextuellen Satire und die Bedeutung der visuellen Gestaltung für die gesamte Narration.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Moers ein vielschichtiges Werk geschaffen hat, das durch die Einheit von Form und Inhalt hohe Anforderungen an die Leser stellt und vielfältige Möglichkeiten der wissenschaftlichen Analyse bietet.
Schlüsselwörter
Erzähltheorie, Walter Moers, Die Stadt der Träumenden Bücher, Zamonien, Herausgeberfiktion, unzuverlässiges Erzählen, Ironie, dramatischer Modus, Intertextualität, Anagramme, visuelle Gestaltung, Hildegunst von Mythenmetz, Buchhaim, Narration, Fiktionalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine erzähltheoretische Analyse des Romans „Die Stadt der Träumenden Bücher“ von Walter Moers, um zu verstehen, wie der Autor durch formale und inhaltliche Mittel eine einzigartige, fiktive Erzählwelt erschafft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt schwerpunktmäßig die Autor-Herausgeber-Fiktion, die Rolle des unzuverlässigen Erzählers, den Einsatz von Ironie, den dramatischen Modus sowie die Bedeutung von Namen und visueller Gestaltung im Roman.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Identifizierung und Interpretation charakteristischer erzähltechnischer Merkmale, die Auswirkungen auf die Narration haben und das komplexe Spiel mit der Fiktionalität des Werkes prägen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer Analyse anhand ausgewählter erzähltheoretischer Kategorien, um die Heterogenität der Gestaltungsmittel des Romans wiederzugeben.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Autorschaft, der Erzählstimme, der Glaubwürdigkeit des Erzählers (durch Ironie und Paratexte) sowie die Untersuchung spezifischer Merkmale wie dem dramatischen Modus, der Namensgebung und der visuellen Gestaltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Erzähltheorie, Herausgeberfiktion, unzuverlässiges Erzählen, Intertextualität und das Spiel mit Realität und Fiktion charakterisiert.
Welche Rolle spielt die visuelle Gestaltung konkret im Roman?
Laut der Analyse ist die visuelle Gestaltung nicht nur dekorativ, sondern ein integraler Bestandteil der Narration, der Inhalt und Form vereint und hilft, die Grenze zwischen der realen Welt des Lesers und der fiktiven Welt Zamonien aufzuheben.
Warum ist die Namensgebung im Roman aus erzähltheoretischer Sicht relevant?
Die Namen – ob „sprechend“ oder als Anagramme angelegt – dienen als intertextuelle Anspielungen und ermöglichen Moers eine satirische Kritik, wobei sie gleichzeitig die ironische Distanz zum Geschehen verstärken.
- Arbeit zitieren
- Steven Dunn (Autor:in), 2016, Erzähltheoretische Besonderheiten in "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423856