Neben einer Übersicht über die Vernichtungen durch den IS steht vor allem die Medialisierung und Inszenierung der Anschläge im Mittelpunkt der folgenden Untersuchung. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Organisation und die damit implizierte Finanzierung der Taten, die jedoch aufgrund lückenhafter Quellenlage nur schwierig nachvollziehbar bleiben werden.
Kaum ein Ereignis des Jahres 2015 hat auf der ganzen Welt größere Empörung und Trauer ausgelöst als die Zerstörungen der Ruinen in Palmyra durch die fundamentalistische Terrororganisation Islamischer Staat. Das in den internationalen Medien festgehaltene Echo der Verzweiflung galt neben den unzähligen Menschenopfern, deren Hinrichtungen sorgfältig inszeniert wurden, vor allem der Zerstörung des Welterbes – der Wiege der Menschheit.
Binnen kürzester Zeit zerstörte der IS die wichtigsten Heiligtümer auf dem Areal der 2000 Jahre alten Antikenstadt und entweihte die heiligen Stätten von Palmyra. Bel/Baal Tempel, Baalschamin Tempel, der Triumphbogen sowie unzählige Artefakte wurden durch die Terror-Miliz gesprengt und die Stadt zur Hauptstadt des IS auserkoren. Der erhoffte Sieg der syrischen Regierung im März 2016 konnte jedoch die fortschreitenden Angriffe auf die antiken Stätten nicht aufhalten. Erneut nahm der IS im Dezember 2016 Palmyra ein und verübte weitere Zerstörungen am antiken Theater sowie dem Tetrapylon. Bis jetzt konnte weder der syrische Staat noch die UNESCO oder die UN taktische Schritte gegen ihre Belagerung einleiten und überlässt damit die Stadt und ihre Kultur einer ungewissen Zukunft.
Die weltweite Medienresonanz übermittelte den Nachklang einer ganzen Post-Palmyrenischen Generation mit dem apathischen Unverständnis für die gelebte Brutalität der ISIS und einer Suche nach einer Erklärung dafür. Keine Argumente könnten jedoch jemals eine hinreichende Erklärung für diese Destruktion liefern, die sich in das Kollektivgedächtnis unseres Jahrhunderts eingeprägt hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die historische Bedeutung der Stadt Palmyra
3. Religiöse Diversität
4. Rezeption
5. Palmyra zur Zeit des Assad Regimes
5.1. Der IS – erste Angriffe auf Palmyra
5.2. Hauptanschlagsziele in Palmyra – ihre Bedeutung und Funktion
6. Medialisierung, Organisation, Durchführung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die systematische Zerstörung des antiken kulturellen Erbes in Palmyra durch den sogenannten Islamischen Staat. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der Frage, wie diese Zerstörungen medial inszeniert wurden, um psychologischen Druck auszuüben und eine fundamentalistische Ideologie zu propagieren, die historische Zeugnisse vormohammedanischer Kulturen tilgen will.
- Historische Entwicklung und Bedeutung Palmyras als kultureller Schmelztiegel.
- Die religiöse Diversität und das synkretistische Erbe der antiken Stadt.
- Die instrumentelle Zerstörung antiker Denkmäler durch den IS als politisches und ideologisches Machtmittel.
- Die Rolle der Medialisierung und Inszenierung von Gewalt als psychologisches Druckmittel.
- Vergleichende Betrachtung der Zerstörung von Kulturgütern im Kontext von Ideologie und Ikonoklasmus.
Auszug aus dem Buch
2. Die historische Bedeutung der Stadt Palmyra
Würde man den biblischen Quellen Glauben schenken, so wurde der Grundstein für Tadmor, Tadmur, Tamor, wie die anliegende moderne Stadt heute noch auf arabischen Landkarten bezeichnet ist, durch König Salomon gelegt. Somit hätte Salomon die Stadt Palmyra, wie sie erst später von den Römern bezeichnet wurde, um 1000 v. Christi begründet, was weder in historischen Quellen noch archäologischen Funden belegt werden kann und somit mehr in das Reich der Legenden gehört, als in die tatsächliche Geschichtsschreibung. Bei archäologischen Ausgrabungen auf dem Gelände der Antikenstadt gefundene Steinwerkzeuge belegen eine sehr viel ältere Geschichte der Stadt, die weit bis in das zweite Jahrtausend vor Christi reicht.
Die geografische Lage der Stadt auf der Mitte der Strecke zwischen Euphrat und dem Mittelmeer mitten in der Syrischen Wüste Al-Bādiya, war lange vor der Blütezeit der Seidenstraße substanziell für den Fortbestand der Karawanen. Südlich flankiert durch die Gebirgsrücken der Palmyraketten, wurde die Stadt von drei Quellen gespeist, die für die Vegetation in dieser niederschlagsarmen Gegend verantwortlich waren. Steile Treppen, ein Höhleneingang und einrahmende Säulen verweisen heute noch auf den hohen Stellenwert der Hauptquelle Efqa. Entgegen jeder Annahme war die leicht schwefelige Quelle jedoch nie eine Trinkwasserbasis in Palmyra. Archäologische Funde, sowie heute noch sichtbare architektonische Überreste von Aquädukten, Foggara und Brunnen legen eine bereits frühe Aneignung der Wasserressourcen offen, die untrennbar mit dem Emporkommen der Wüstenoase verbunden sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die weltweite Bestürzung über die Zerstörung des UNESCO-Welterbes Palmyra durch den Islamischen Staat und skizziert die historische sowie kulturelle Bedeutung der "Braut der Wüste".
2. Die historische Bedeutung der Stadt Palmyra: Dieses Kapitel analysiert die frühen Ursprünge der Stadt, ihre geografische Lage in der syrischen Wüste und ihre Entwicklung als bedeutendes Handelszentrum mit einzigartiger architektonischer Prägung.
3. Religiöse Diversität: Der Autor beschreibt das multikulturelle und synkretistische Erbe Palmyras, in dem über Jahrhunderte hinweg verschiedene Gottheiten und religiöse Praktiken koexistierten.
4. Rezeption: Dieses Kapitel zeichnet die europäische Wiederentdeckung Palmyras ab dem 18. Jahrhundert nach und zeigt auf, wie die Ruinenstätte zum Sehnsuchtsort und Vorbild für die europäische Architektur wurde.
5. Palmyra zur Zeit des Assad Regimes: Hier wird der Kontrast zwischen Palmyra als historischem Ort und seiner Nutzung als Schreckensort durch das Assad-Regime sowie die Eskalation durch den IS thematisiert.
5.1. Der IS – erste Angriffe auf Palmyra: Dieser Abschnitt behandelt den Beginn der systematischen Zerstörungen antiker Kulturgüter durch den IS ab 2015.
5.2. Hauptanschlagsziele in Palmyra – ihre Bedeutung und Funktion: Hier werden spezifische Bauwerke und die gezielte Auswahl dieser Ziele für die Vernichtungsstrategie des IS analysiert.
6. Medialisierung, Organisation, Durchführung: Das Kapitel untersucht die Nutzung digitaler Medien und technischer Schnittmontagen, mit denen der IS seine Anschläge als psychologisches Druckmittel inszeniert.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Zerstörung Palmyras als Ausdruck eines fundamentalistischen Programms zur Auslöschung vormohammedanischer Geschichte zusammen und stellt diese in den größeren Kontext des historischen Ikonoklasmus.
Schlüsselwörter
Palmyra, Islamischer Staat, Kulturerbe, Zerstörung, Syrien, Ikonoklasmus, Medialisierung, Archäologie, Welterbe, Synkretismus, Fundamentalismus, Geschichte, Tadmor, Propaganda, Kulturvandalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gezielte Zerstörung der antiken Stätten von Palmyra durch den sogenannten Islamischen Staat und beleuchtet die Hintergründe dieser Handlungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Bedeutung Palmyras, seine religiöse Vielfalt, die Rezeptionsgeschichte in Europa sowie die moderne, mediale Inszenierung von Zerstörung als politisches Machtmittel.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die ideologische Motivation hinter der Zerstörung des kulturellen Erbes zu verstehen und aufzuzeigen, wie der IS diese Taten medienwirksam für seine Zwecke nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse historischer Quellen, archäologischer Befunde sowie eine medienanalytische Betrachtung der durch den IS verbreiteten Propagandavideos und Fotografien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung Palmyras, die religiösen Strukturen, die Zeit unter dem Assad-Regime und die detaillierte Dokumentation der Zerstörungen ab 2015 bis hin zur Medialisierung dieser Gewalt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Palmyra, Islamischer Staat, Ikonoklasmus, Medialisierung, Kulturerbe und Fundamentalismus charakterisiert.
Warum wählte der IS gerade Palmyra für seine Zerstörungen?
Palmyra symbolisiert als Welterbe eine multikulturelle und polytheistische Vergangenheit, die dem fundamentalistischen, auf Reinheit und der Auslöschung fremder Einflüsse basierenden Weltbild des IS diametral entgegensteht.
Welche Rolle spielt die Medialisierung bei den Anschlägen?
Die Medialisierung dient als Werkzeug der psychologischen Kriegführung: Durch die visuelle Aufbereitung der Zerstörung in den sozialen Medien wird weltweit Angst geschürt und die eigene Ideologie des IS verbreitet.
- Arbeit zitieren
- Katja Aksenenka (Autor:in), 2017, Palmyra und der IS. Chronologie einer Tragödie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423900