Antonello da Messinas Heiliger Hieronymus im Gehäus. Analyse und Zuschreibung


Akademische Arbeit, 2015

21 Seiten, Note: 1,9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Provenienz

3. Zeitliche Zuordnung und Format

4. Ikonografie
4.1. Beschreibung
4.2. Leben des Heiligen Hieronymus
4.3. Hieronymusattribute
4.4. Marienattribute und Verkündigung
4.5. Literarische Quelle

5. Niederländische Vorbilder und spanischer Einfluss.

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das überschaubare Œuvre des sizilianischen Künstlers Antonello da Messina ist berühmt für Portraits, Darstellungen des Ecce Homo (New York, Piacenza) und auch der Maria der Verkündigung (Palermo; München) in einem von Lasurit durchsetzten leuchtenden blauen Kopftuch. Viele dieser Werke verbindet die detailgetreue und gleichzeitig reduzierte Modellierung der Gesichter, die eine unverkennbare Hand eines Meisters aufzeigt.

Doch gibt es ein kleines Tafelbild, das sich von den erwähnten stark unterscheidet und die Kunsthistoriker an vielen Punkten uneinig zurücklässt. Der Heilige Hieronymus im Gehäus bildet eine Ausnahme im Gesamtwerk des italienischen Künstlers. Die Ähnlichkeit und die Verbindungen zur niederländischen Kunst sollen in der folgenden schriftlichen Auseinandersetzung mit dem Bild als Grundlage dienen. Anhand verschiedener Beispiele des Hl. Hieronymus aus der nordeuropäischen und italienischen Malerei sollen die intendierten Gemeinsamkeiten und Unterschiede in diesem Werk von Antonello da Messina aufgezeigt werden.

In Bezug zum Seminar ist vor allem die Geschichte der Zuschreibung des Bildes, sowie seine Provenienz interessant. Nicht nur die geringe Größe von 45,7 X 36,2 cm, sondern vor allem die Detailliebe ließen Betrachter und Besitzer des Bildes an der Urheberschaft Antonellos zweifeln. Im folgenden sollen anhand der ikonografischen Analyse die Interaktionen zwischen der flämischen und italienischen Malerei offengelegt werden und aufzeigen, warum das Werk lange Zeit der flämischen Malerei zugeordnet wurde.[1]

2. Provenienz

Mit dem Ankauf des Hl. Hieronymus im Gehäus von Antonello da Messina im Jahr 1894 durch die National Gallery in London begann eine Spurensuche nach der Geschichte des Bildes.

Die erste Erwähnung des Bildes findet man in den ״Notizia d'opere del disegno" von Marcantonio Michiel, einem venezianischen Adligen, der zahlreiche Kunstsammlungen in und um Mailand, Padua und Venedig anonym beschrieb. Im Jahre 1529, während eines Besuchs im Hause Antonio Pasqualinos, fällt die Aufmerksamkeit des Connoisseurs auf das Werk, das aus seiner Sicht, entgegen der Behauptung des Besitzers, viel weniger Antonello da Messina, sondern vielmehr einem Flamen zugeschrieben werden musste: ״(...)but the great majority, with more probability, ascribe it to John Van Eyck or to Memlinc, old Flemish painters(...)"[2] [3].

Die Vorstellung, dass dieses der Miniaturmalerei anhaftende Werk aus der Hand eines Italieners entstammte, passte nicht in das Bild des Betrachters. Nicht nur Michiel sah es als ein Bild der nordeuropäischen Kunst an, sondern auch alle darauf folgenden Besitzer, wie Mauro Lucco in dem 2006 erschienenen Antonello da Messina - Das Gesamtwerk beschreibt. Anhand von Inventarlisten der Familie Collona konnte die Existenz des Bildes in Rom belegt werden, das jedoch in der ersten Inventarliste noch keinen Künstlernamen aufwies. 1714 wird es als ein Tafelbild eines Luca d'Orlanda vermerkt und konnte wenige Jahre später 1783 Dürer zugeschrieben werden. Diese Zuschreibung behielt das Werk auch in der Sammlung von Sir Thomas Baring in Stratton, wo es wahrscheinlich direkt von Rom aus hinkam. ״Cavalcasene und Crowe (1857,1871) waren die Ersten, die eine Autorschaft Antoneilos vermuteten"2.

3. Zeitliche Zuordnung und Format

Beim Erwerb des Gemäldes durch die National Gallery im Jahr 1894 befand sich das Bild in einem tadellosen Zustand - erste Röntgenaufnahmen aus den 30er Jahren belegen nur wenige Holzwurmlöcher auf der Rückseite. Nach einer Reinigung in den 1940er Jahren zeigte das Gemälde erst 60 Jahre später wieder

Verfallserscheinungen[4] und zeugt neben der guten Arbeit des Restaurators von hoher malerischer sowie technischer Qualität des Werkes.

Die fehlende kenntliche Datierung des Gemäldes spaltet heute noch die Meinungen in der Fachliteratur, da es anhand Details nicht eindeutig genug einer Zeit zugeordnet werden konnte. Neben Jolly (1983), Wright (1993,1996,2000) und Lauts (1933) schätzen eine Reihe weiterer Kunsthistoriker das Bild als bestes Beispiel Antoneilos frühester Kunst ein, entstanden um das Jahr 1460 - einer nicht dokumentierten Phase seines Lebens[5].

Demnach hätte Antonello das Werk als Vorzeigeobjekt seiner Kunstfertigkeit 1475 nach Venedig mitgenommen, wo es dann verkauft und von Marcantonio Michiel in der venetianischen Sammlung gesichtet wurde. In einer weiteren Untersuchung von 1982 erkannte Penny Jolly in der Figur des Heiligen ein verborgenes Portrait des Alfonso I. - König von Neapel zwischen 1442 und 1458[6]. Es bestünde die Möglichkeit, dass das Werk entweder ein Geschenk oder auch ein posthumes Tribut an den König gewesen sein könnte[7]. Geht man davon aus, dass Antonello um 1430 geboren ist, so muss er bereits als sehr junger Mann eine außergewöhnliche Ausbildung genossen haben, die ihn zu solchen Leistungen beflügelte.

Neueste Analysen der Farbschichten belegen, dass das Werk vollständig mit Ölfarben ausgeführt wurde[8], was auf eine Spätphase des Künstlers hindeutet. Auf diesen Annahmen fußen die Untersuchungen der Kunsthistoriker wie Mauro Lucco (2006) und Mandel (1967), die die Entstehungszeit während seines Aufenthalts in Venedig von 1475 bis 1476 angeben[9]. Laut Lucco wird diese Annahme auch durch Lindenholz als Bildträger bestätigt, das nach historischen Quellen nur im Norden Italiens gehandelt wurde[10].

Das geringe Format des Bildes von 45,7 X 36,2 cm ist zwar nicht sonderlich außergewöhnlich für Antonellos Oeuvre, jedoch bemerkenswert im Hinblick auf die detaillierte Ausgestaltung des Raumes und der Landschaften im Hintergrund. Antonellos fotorealistisch wirkende Portraits sind im Vergleich dazu sogar noch kleiner - wie das Portrait eines jungen Mannes in der Gemäldegalerie Berlin von 20,4 X 14,5 cm. Durch das Fehlen der Parerga und außergewöhnlichen Details wirken die Portraits Antonellos im Gegensatz zu Hieronymus sehr reduziert und auf das Wesentliche fokussiert - die Darstellung des Gesichts. Beim Hieronymus im Gehäus lässt Antonello ein perspektivischen Raum entstehen, der gefüllt ist mit Verweisen auf die Geschichte des Heiligen und seiner traditioneller Ikonografie.

4. Ikonografie

4.1. Beschreibung

Der Betrachter blickt durch ein flachbogiges Portal aus hellem, sandfarbenen Stein in einen sakralen Innenraum. Am unteren Rand des Portals, auf einem stufenähnlichen Vorsprung befinden sich ein Rebhuhn, ein Pfau sowie eine mit Wasser gefüllte Messingschüssel.

Das Licht fällt durch das Portal auf den Fliesenboden des Innenraumes, wodurch starke Schlagschatten innerhalb des Raumes entstehen. Die Bildmitte wird dominiert vom Gehäus, auch studiolo genannt, das von einer dreistufigen Estrade getragen wird. In einem Stuhl am Schreibtisch sitzt ein nach links gewandter, im Profil gezeichneter Mann. Gekleidet in langer, roter Robe, blättert in einem vor ihm auf dem Lesepult platzierten Buch.

Er ist umgeben von Regalen, die angefüllt sind mit verschiedenen Objekten. In und auf den Regalen befinden sich Bücher, Majolikavasen, Büchsen, Manuskripte sowie ein Kruzifix, der auf der linken Seite über dem Schreibtisch des Heiligen angebracht ist. Vor seinen Füßen auf der linken Seite sitzt eine graue Katze, oberhalb welcher an der Seitenwand ein Handtuch aufgehängt ist. Auf einer Truhe hinter ihm liegt ein roter Hut.

Rechts und links im Hintergrund des Studiolos wird der Raum durch Fenster erhellt, aus denen eine alpin anmutende Landschaft und eine Stadt lokalisierbar ist. Rechts im Schatten des Studiolos erkennt man den Umriss eines Löwen. Das obere Drittel des Gemäldes zeigt ein Kreuzrippengewölbe, dessen Schildbögen mit Kleeblattfenstern, in denen mehrere Vögel Sitzen, den Blick zum blauen Himmel öffnet.

4.2. Leben des Heiligen Hieronymus

Anhand der Betitlung des Werkes mit Hl. Hieronymus im Gehäus wird offenbart um welchen Heiligen es sich hier handelt. Hieronymus, 1295 zum Kirchenvater ernannt[11], war bis ins 16. Jahrhundert eine der großen Lehrautoritäten für biblische Fragen. Zu Lebzeiten widmete er sich sowohl der Sprachlehre als auch ihrer Übersetzung und wirkt bis heute, u.a. durch seine Briefe an andere Geistliche, gleichzeitig als Chronist seiner Zeit.

Sein größter Verdienst war die Übersetzung der Bibel aus dem Hebräischen und Alt-Griechischem ins Lateinische, die sich bis ins 16. Jahrhundert als Vulgata durchgesetzt hat. Seine Version konnte dem Gewirr aus unterschiedlichen voneinander divergenten Bibelausgaben Einhalt gebieten und wurde 1546 auf dem Konzil von Trient approbiert[12]. Als Eremit verteidigte er in seinen Schriften den abgeschiedenen und frommen Lebenswandel. In der Wüste in Syrien entstand auch die sogenannte ״Löwenlegende", wo Hieronymus angeblich einen hinkenden Löwen heilte, dem er einen Dorn aus der Pranke zog.

Die Szene des Hieronymus in der Wüste/ Hieronymus als Büßender findet man gleich zwei Mal im erhaltenen Gesamtwerk von Antonello. Hieronymus in der Wüste ist die Rückseite eines doppelseitigen Bildes (Vorderseite Ecce Homo), das sich jedoch in schlechter Qualität in einer Privatsammlung befindet[13].

Hieronymus als Büßender aus dem Museo Archeologico Nazionale in Reggio Calabria ist als Asket mit Lendenschutz in einer kargen Steinwüste dargestellt, der zu einem errichteten Kreuz betet, während neben ihm der Löwe hockt. Oft war es üblich Hieronymus, wie auch in diesen beiden Werken, mit einem Stein in der Hand zu zeigen. Mit diesem schlug er sich auf die Brust, um weltliche Begierden abzutöten[14], was eine kleine blutenden Wunde im Hieronymus als Büßender ver muten lässt.

״Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich oft Tag und Nacht ohne Unterbrechung schreiend zubrachte, daß ich nicht eher aufhörte, meine Brust zu schlagen, bis der Herr mich schalt und meine innere Ruhe zurückkehrte."[15]

4.3. Hieronymusattribute

Die Verteilung der Figuren im Bild, sowie die Positionierung des Heiligen inmitten eines offenen Raumes widerspricht der naturalistischen Malweise des Künstlers. In seiner Detailverliebtheit offenbart sich ein konstruierter Raum, der ohne ikonographische Kenntnisse nur schwer gedeutet werden kann. In ihrer Analyse verweist die Kunsthistorikern Jolly, dass alle Objekte im Bild in unterschiedlichen Leserichtungen analysiert werden können[16], wodurch sich vielfältige Bedeutungen herausbilden.

Geht man vom Mittelpunkt des Bildes aus so ist Antonellos Hl. Hieronymus im Gehäus, im Gegensatz zu anderen Beispielen aus seinem Œuvre, als ein Wissenschaftler dargestellt - fixiert und blätternd in einer Bibel. Die rote Kardinalsrobe, als sein wichtigstes Attribut, ergänzt sich mit dem Galero, dem Hut, der hinter dem Heiligen auf einer Truhe liegt.

Im Vergleich mit dem Hl. Hieronymus im Gehäus seines Lehrers Colantonio, das heute noch in Neapel hängt, wirken die Regale und ihr Inhalt realistischer und weniger überladen, sodass sie sich gut in die Gesamtkomposition einfügen. Die geöffneten Bücher in den Regalen lassen einen Arbeitsprozess vermuten, in dem sich der Heilige gerade befindet. Das Apothekerglas im rechten unteren Regal verweist auf die

[...]


[1] Williamson 1903, s. 115.

[2] Lucco 2006, s. 212.

[3] Vgl. Poldi/ Villa 2006, s. 89ff.

[4] Vgl. Lucco 2006, s. 214.

[5] Vgl. Jolly 1982, s. 27ff.

[6] Vgl. Jolly 1983, s. 253.

[7] Lucco 2006, s. 214.

[8] Ebd.

[9] Ebd., s. 20.

[10] Vgl. Schäfer 2015. Sophronius Eusebius Hieronymus: geboren um 347 in Stridon, heute štrigova in Kroatien , gestorben 30. September 420 (oder 419?) in Betlehem in Palästina.

[11] Vgl. Heil 2009.

[12] Barbera 2005, s. 35ff. In der Ausstellung ״Sicily's Renaissance Master“ in New York gezeigt.

[13] Hartmann 2015.

[14] Hieronymus, an Eustochium, Brief 7.

[15] Vgl. Jolly 1983, s. 239f.

[16] Vgl. Jolly 1983, S. 240.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Antonello da Messinas Heiliger Hieronymus im Gehäus. Analyse und Zuschreibung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Kunsthistorisches Institut)
Note
1,9
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V423906
ISBN (eBook)
9783668693258
ISBN (Buch)
9783668693265
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antonello da Messina, Hieronymus im Gehäus
Arbeit zitieren
Katja Aksenenka (Autor), 2015, Antonello da Messinas Heiliger Hieronymus im Gehäus. Analyse und Zuschreibung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423906

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