Der Themenkoffer „Erste Hilfe“ als Möglichkeit zur Förderung der Bereitschaft zum Helfen


Hausarbeit, 2005

38 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begründung der ausgewählten Thematik
2.1 Aufgaben der Schule
2.1.1 Aussagen der Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule
2.1.2 Rechtliche Grundlagen
2.2 Zur derzeitigen Situation an der St. Marienschule Appelhülsen

3. Erste Hilfe an der St. Marienschule Appelhülsen
3.1 Zum Begriff Erste Hilfe im Hinblick auf die Thematisierung in der Grundschule – Versuch einer näheren Bestimmung
3.2 Grundsätze und Zielsetzungen des Themenkoffers Erste Hilfe in der Grundschule

4. Verschiedene Aspekte der Zusammenstellung des Themenkoffers
„Erste Hilfe“ an der St. Marienschule Appelhülsen
4.1 Allgemeine Überlegungen zu dem Einsatz und Aufbau des Themenkoffers Erste Hilfe
4.2 Inhalte des Koffers
4.2.1 Die Arbeitsmappe für den Lehrer
4.2.2 Medien
4.2.3 Reale Materialien
4.3 Überlegungen und Konsequenzen für den Themenkoffer Erste Hilfe
4.4 Mögliche Schwierigkeiten und Grenzen bei der Verwirklichung an der St. Marienschule
4.5 Möglichkeiten zur Beschaffung der Materialien

5. Einsatzmöglichkeiten des Themenkoffers „Erste Hilfe“ in Form einer spiralcurricularen Vorgehensweise
5.1 Ermöglichung unterschiedlicher Arbeitsformen
5.2 Ausgewählte Aspekte und Möglichkeiten für die Jahrgangsstufe 1/2
5.3 Ausgewählte Aspekte und Möglichkeiten zur Weiterführung für die Jahrgangsstufe 3/4
5.4 Außerschulische Hilfen und Lernorte
5.5 Elternarbeit

6. Schlussbetrachtung / Retrospektive

7. Anhang

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Je früher ein Kind mit dem Begriff „Helfen“ konfrontiert wird, umso eher wird es als Heranwachsender die Bereitschaft zur Hilfeleistung mitbringen.“

(Malteser Hilfsdienst e. V. 2000, 7)

Durch meine abgeschlossene Berufsausbildung zur Arzthelferin habe ich mich schon seit langer Zeit für medizinische Sachverhalte und Erste Hilfe interessiert. Da es in den Schulpausen häufig zu kleinen „Notfällen“ kommt, die von den Schülern[1] oftmals falsch bewertet werden, kam die Idee, einen „Themenkoffer Erste Hilfe“ zusammenzustellen.

Zudem existieren bereits unterschiedliche Themenboxen in der Schule, die von den Lehrern positiv aufgenommen und häufig eingesetzt werden.

Eine Vorüberlegung war, dass dieser Koffer mit unterschiedlichsten Gegenständen, Materialien und Medien ausgestattet sein soll, die sowohl die Bereitschaft zum Helfen bei den Kindern wecken, als auch ihre Handlungskompetenzen in Erste Hilfe Situationen erweitern sollen. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Rettungskette in einem Notfall ist sowohl die Bereitwilligkeit zum Handeln, als auch ein ausreichendes Wissen der Beteiligten.

Daher soll bereits bei den Kindern in der Grundschule ein Bewusstsein für diese Aspekte schrittweise aufgebaut werden (vgl. Klein 2001). Da in Notfällen häufig wertvolle Sekunden entscheidend sind, sollte jedermann Grundkenntnisse in Erster Hilfe erwerben und zum Helfen bereit sein, um möglichst schnell und effektiv handeln zu können.

In der nachfolgenden Arbeit soll daher aufgezeigt werden, wie die o. g. Gesichtspunkte mit Hilfe eines solchen „Themenkoffers Erste Hilfe“ insbesondere an der St. Marienschule Appelhülsen gefördert werden können.

Dazu werde ich in Kapitel 2 zunächst anhand theoretischer Vorgaben die Notwendigkeit der Förderung dieses Themenkomplexes in Grundschulen darstellen. Besonders in den Blick geraten hier die Forderungen der Richtlinien und der Lehrpläne für den Sach- und Sportunterricht. Zusätzlich werden verschiedene rechtliche Grundlagen genauer betrachtet, um den Themenkoffer u. a. darauf aufbauend zu gestalten.

Da der Begriff der Ersten Hilfe in der Literatur sehr komplex und umfangreich formuliert ist, wird im 3 . Kapitel eine Eingrenzung des Begriffs vorgenommen. Diese bezieht sich ausschließlich auf die Behandlung des Themenkomplexes „Erste Hilfe“ in der Grundschule. Dadurch ergeben sich unterschiedliche Zielsetzungen, die durch den Themenkoffer verfolgt und realisiert werden sollen.

Im anschließenden Abschnitt werden verschiedene Aspekte der Zusammenstellung des Koffers aufgezeigt. Dazu wird zunächst kurz dargestellt, welche Medien, Materialien und Gegenstände Inhalt des Themenkoffers geworden sind und welche Möglichkeiten zur Beschaffung derselben bestehen. Zusätzlich werden hier (Kapitel 4 ) Schwierigkeiten und Grenzen des Themenkoffers dargestellt.

Abschließend werden einige Ideen für den unterrichtlichen Einsatz des Themenkoffers Erste Hilfe dargestellt und thematisiert (Kapitel 5 ).

2. Begründung der ausgewählten Thematik

Im Folgenden wird eine generelle Begründung für die Notwendigkeit der Förderung der Bereitschaft zum Helfen sowie einer Erweiterung der Handlungskompetenzen der Kinder an der St. Marienschule Appelhülsen gegeben. Dazu wird kurz dargestellt, warum die Thematik Erste Hilfe integraler Bestandteil der Schule sein sollte. Der erste Abschnitt beschäftigt sich daher mit den Aufgaben der Grundschule, die sich vor allem aus den Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule ergeben. Bedeutsam sind hier auch die verschiedenen Rechtsvorschriften, die die Bearbeitung des Themas in der Grundschule festlegen. Anschließend wird insbesondere die derzeitige Situation an der St. Marienschule dargestellt.

2.1 Aufgaben der Schule

Aktuelle Unfallzahlen des Gemeindeunfallversicherungsverbandes Westfalen-Lippe (GUVV W-L) belegen, dass jedes elfte Schulkind einen Unfall erleidet.

Dem GUVV wurden im Jahr 2004 rund 164.000 Unfälle gemeldet, wovon cirka 150.000 auf den Bereich der Schülerunfallversicherung fielen (vgl. http://www.guvv-wl.de/news-archiv/archiv.cfm?meldung=68, 08.03.2005).

Auf den Bereich Westfalen Lippe fallen hierbei ungefähr 4000 gemeldete Fälle (vgl. http://www.westline.de/nachrichten/lokal/index_nachricht.php?file_name=32b1afa.nit&newsline=lokal&catchline=ms/%/ln&szm_flag=1, 30.05.2005). Diese Zahlen verdeutlichen die Aktualität des Themas und zeigen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Daher sollte auch die Schule vermehrt auf eine verantwortungs- und bereitschaftsfördernde Erziehung Wert legen. Eine solche Erziehung macht vor allem in der Grundschule Sinn, da Kinder in diesem Alter Einstellungen und Verhaltensweisen entwickeln, die bestimmend auf ihren weiteren Lebensverlauf wirken (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2000, 5).

Die Schule steht damit vor der Aufgabe, seinem Bildungs- und Erziehungsauftrag nachzukommen. Dies beinhaltet die Vermittlung grundlegender Fähigkeiten und Kenntnisse, die den individuellen Lernmöglichkeiten und Erfahrungen der Kinder angepasst sind (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, 1999, IX).

In Bezug auf das Thema Erste Hilfe in der Grundschule bedeutet dies, dass den Schülern bewusst werden muss, dass in einer akuten Notfallsituation eine rechtzeitige und sachgerechte Hilfe von besonderer Bedeutung sein kann, da hierdurch die Verletzungsfolgen beim Opfer wesentlich gemindert werden können. Dafür ist es notwendig, mit den Schülern das Verhalten in solchen Situationen einzuüben und regelmäßig zu wiederholen. Sie sollen durch die in der Schule aufgebauten Kompetenzen befähigt werden, sich an Hilfsmaßnahmen zu beteiligen, um so nach einem Unfall die Versorgung des verletzten Schülers gewährleisten zu können.

2.1.1 Aussagen der Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule

Bedeutend und leitend für das Leben und Lernen in der Schule sind die Richtlinien und Lehrpläne der einzelnen Bundesländer. Auch sie nehmen auf das Themengebiet Erste Hilfe Bezug. Hier sind insbesondere der Lehrplan für den Sachunterricht als auch für den Sportunterricht zu berücksichtigen.

So wird beispielsweise in den Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule für das Land Nordrhein-Westfalen[2] gefordert, dass die Kinder grundlegende Kompetenzen entwickeln sollen, die die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Dazu gehören unter anderem die Herausbildung von Urteils- und Handlungsfähigkeit. Darüber hinaus sollen sie Schlüsselqualifikationen, die sich aus dem Zusammenspiel von fachlichen, sozialen und personalen Kompetenzen wie Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft und Einfühlungsvermögen sowie Lern- und Leistungsbereitschaft ergeben, entfalten. (vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen 2003, 17).

Der Lehrer trägt somit die Verantwortung, diese Aspekte in den Unterricht mit einzubeziehen und seinen Unterricht auch zu einem erziehenden zu machen.

So hat die Grundschule die Aufgabe, die Kinder zu selbstständigem und verantwortungs-bewusstem Handeln hinzuführen und bei den Kindern Einstellungen und Haltungen aufzubauen, die für ihre weitere Persönlichkeitsentwicklung und für die mündige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erforderlich sind (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen 1999, XII).

Das Schulleben, der Unterricht und die Erziehung sollen dabei verbindliche, gemeinsame Lern- und Lebensbezüge schaffen.

In dem Fach Sachunterricht findet die Thematisierung der Ersten Hilfe besondere Beachtung. Dort wird angesprochen, dass die Kinder zur Übernahme von Verantwortung und aktiver Teilnahme an der Gestaltung der Lebenswirklichkeit befähigt werden sollen (vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen 2003, 56). Konkret bedeutet dies, dass sie grundlegende Kenntnisse bezüglich der Leistungen der Sinnesorgane feststellen und die Körperfunktionen erklären und beobachten können sollen. Weiterhin stellt das Erlernen und Anwenden von Erste Hilfe Maßnahmen und von Unfallverhütungsmaßnahmen eine Aufgabe des Faches Sachunterricht dar (vgl. ebd., 60).

Des Weiteren sollen laut der verbindlichen Anforderungen nach Klasse 4 ein Verantwortungsbewusstsein sowohl für den eigenen Körper als auch für andere Menschen entwickelt worden sein (vgl. ebd.).

2.1.2 Rechtliche Grundlagen

Laut § 323 Strafgesetzbuch (StGB) besteht eine gesetzliche Pflicht zur Erste Hilfe Leistung für alle Menschen (vgl. Bundesverband der Unfallkassen 2003b, 6).

Die rechtlichen Grundlagen für die praktische Arbeit in der Schule lassen sich vor allem in der Allgemeinen Schulordnung (ASchO), in der Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften (BASS) als auch in den Rechtsgrundlagen der Sicherheitsförderung im Schulsport finden.

Unter § 46 der ASchO wird betont, dass die Schule mit geeigneten Mitteln für die Verhütung von Unfällen als auch für eine wirksame Erste Hilfe zu sorgen hat (vgl. ASchO, 184). Diese Forderung bezieht sich vor allem auf das Wecken des Sicherheitsbewusstseins der Schüler in allen Unterrichtsfächern und bezieht hier das Verhalten in Pausen und auf dem Schulweg ein (vgl. ebd.). An jeder Schule sollten möglichst viele Lehrkräfte und auch Schüler für die Erste Hilfe Leistung sachgemäß vorgebildet sein. Diese Bildung erfolgt für die Schüler im Rahmen oder in Ergänzung des Unterrichts (vgl. ebd., 190). Zur Ausbildung der Lehrkräfte und der Schüler in Erster Hilfe wird auf den Runderlass des Kultusministeriums vom 24. 5. 1976 hingewiesen. Dieser Runderlass schreibt jedoch die Ausbildung in Erster Hilfe für die Lehrkräfte nicht vor, sondern eine Teilnahme wird lediglich empfohlen (vgl. BASS 18 – 24 Nr. 1).

Besondere Bedeutung im Hinblick auf die Erste Hilfe kommt auch dem Sportunterricht zu. In den Rechtsgrundlagen der Sicherheitsförderung im Schulsport heißt es, dass das Verhalten in Unfallsituationen mit den Schülern einzuüben und regelmäßig zu wiederholen ist (vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen 2002, 42). Das macht das zusätzliche Vorhandensein eines Sanitätsraums in der Sporthalle notwendig.

Der dort und auch in der Schule befindliche Verbandkasten sollte den Vorschriften entsprechen (DIN 13157)[3] und regelmäßig überprüft werden. Darüber hinaus sollte eine Notrufeinrichtung und eine Liste mit den Telefonnummern der in Betracht kommenden Ärzte und der Rettungsleitstelle vorhanden sein (vgl. ebd.). Die sachlichen Voraussetzungen hierzu müssen vom Schulträger zur Verfügung gestellt werden.

2.2 Zur derzeitigen Situation an der St. Marienschule Appelhülsen

Die St. Marienschule in Appelhülsen ist eine katholische Grundschule mit gegenwärtig 248 Schülern.

Der Sachunterricht wird durch die Klassenlehrer erteilt und orientiert sich an dem aktuellen Lehrplan (vgl. Kap. 2.1.1).

Im Hinblick auf die Kenntnisse bezüglich der Ersten Hilfe sind m. E. die Lehrkräfte für den Sportunterricht besonders qualifiziert. Für den Sportunterricht stehen momentan eine Sportlehrerin, die gleichzeitig auch die Sicherheitsbeauftragte der Schule ist, und ich als Lehramtsanwärterin zur Verfügung. Durch diesen personellen Engpass an ausgebildeten Sportlehrern an der Schule ist es nicht möglich, alle Klassen im Sportunterricht durch einen Fachlehrer zu betreuen.

Die weiteren Lehrkräfte der Schule verfügen leider nur über geringe und teilweise veraltete Kenntnisse im Bereich Erste Hilfe. Dies scheint unter anderem daran zu liegen, dass keine rechtlichen Grundlagen existieren, die den Nachweis einer aktuellen Bescheinigung über das Wissen auf diesem Themengebiet fordern (vgl. Kap. 2.1.2).

Aktuelle Zahlen aus den Unfallberichten der Jahre 2003 bis Ende 2004 der Schule zeigen, dass es durchaus nötig ist, ein Grundwissen bezüglich der Ersten Hilfe zu besitzen.[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Unfallzahlen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Unfalluhrzeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Unfallort

Diese Daten zeigen einerseits, dass die Zahl der Unfälle insgesamt gestiegen ist. Zum Anderen geht aus den Grafiken deutlich hervor, dass vor allem in der Zeit von 9 – 10 Uhr morgens, d. h. während der ersten großen Pause, auf dem Schulhof die meisten Unfälle geschehen (vgl. Abb. 2 und 3). In dieser Zeit führt eine Lehrkraft die alleinige Aufsicht auf dem Schulhof. Daraus folgt oftmals die Schwierigkeit, bei Unfällen auf dem Schulhof dem zu versorgenden Kind gerecht zu werden, als auch die Aufsichtspflicht den anderen Schülern gegenüber nicht zu verletzen.[5]

Das Verhalten in der Pause bei kleinen und großen Notfällen ist bei den meisten Schülern sehr ähnlich. Bemerken sie einen Unfall, lassen sie den Verletzten meist allein zurück und informieren, meist sehr aufgeregt und panisch, die Lehrkraft. Hier zeigt sich deutlich, dass den Kindern die notwendigen Handlungskompetenzen (vgl. Kap. 3.2) fehlen und sie aus diesem Grund externe Hilfe suchen. Oftmals hätten sie m. E. jedoch selbstständig handeln und dem Verunglückten helfen können, wären die nötigen Kenntnisse vorhanden. Hier sind z. B. das Auflegen eines Kühlakkus oder das sachgerechte Aufkleben eines Pflasters bei kleinen Wunden gemeint (vgl. Kap. 5.2). Zudem zeigen diese Daten, dass es ebenfalls bedeutsam ist, die Kinder im Sinne der Unfallverhütung für unfallträchtige Situationen zu sensibilisieren (vgl. Kap. 2.1.1).

Die o. g. Zahlen als auch das von mir beobachtete Verhalten während der Pausen zeigen, dass es zwingend erforderlich ist, den Kindern das nötige Wissen zu vermitteln und ihr Handlungsrepertoire zu erweitern, damit sie in Zukunft adäquat auf solche Situationen reagieren und angemessen agieren können. Bei den Kindern werden dadurch Ängste abgebaut und sie lernen selbstbewusst mit Verletzungen umzugehen. Demzufolge entwickelt sich ein Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, wenn sie erkennen, dass sie in der Lage sind, sich selbst und anderen helfen zu können. Durch diese neu erworbene Sicherheit kann Gelerntes nicht nur im Schulleben, sondern vielmehr auch im Alltag Anwendung finden.

Selbstverständlich wurde dieses Thema im Rahmen des Sachunterrichts von einigen Lehrern bereits in Grundzügen aufgegriffen. Aufgrund nicht vorhandener Materialien wird dieses Thema, wie ich durch Nachfragen erfahren konnte, eher flüchtig im Unterricht behandelt. Als Begründung nannten die Kollegen, dass sich bei den Kindern durch diesen eher mäßigen Erwerb von Kenntnissen und Handlungskompetenzen keineswegs die gewünschten Haltungen und Einsichten einstellten. Dies ist für mich ein Grund mehr, den „Themenkoffer Erste Hilfe“ in die Schule zu integrieren und damit ein Feld für alle Lehrer zu öffnen, mit dem sie kontinuierlich und effektiv arbeiten und auch Erfolge erzielen können.

Ein weiteres Problem ist sicherlich die Angst der Lehrer vor diesem Thema, da eine Erste Hilfe Ausbildung bei den meisten in der Regel längere Zeit zurückliegt und sie sich auf diesem Gebiet nicht sicher genug fühlen.

Die St. Marienschule verfügt über einen separaten Raum, in dem sich ein Verbandkasten sowie eine Liege befinden. Vor einiger Zeit wurde der Verbandkasten in Kooperation mit einer Apotheke halbjährlich von der Apothekerin gewartet und aufgefüllt. Dieser Service ist leider seit einiger Zeit nicht mehr durchgeführt worden und soll im Zusammenhang mit dieser Arbeit wieder ins Leben gerufen werden, da der Verbandkasten derzeit nicht immer den Vorschriften (vgl. Kap. 2.1.2) entspricht.

3. Erste Hilfe an der St. Marienschule Appelhülsen

Im folgenden Kapitel wird der Begriff Erste Hilfe genauer bestimmt. Dabei wird vor allem auf eine Begriffsbestimmung zurückgegriffen, die in der Grundschule von Belang ist. Darauf aufbauend werden die Grundsätze und Zielsetzungen, die der Themenkoffer verfolgt, dargestellt.

Diese Ziele können und müssen nicht von allen Schülern gleichermaßen erreicht werden. Sie sollen jedoch im Hinblick auf die Anforderungen der neuen Lehrpläne angestrebt, angebahnt und nach individuellem Vermögen erreicht werden (vgl. Kap. 2.1.1).

3.1 Zum Begriff Erste Hilfe im Hinblick auf die Thematisierung in der Grundschule – Versuch einer näheren Bestimmung

Laut Pschyrembel (1993, 434) bedeutet die Erste Hilfe eine Erstmaßnahme durch medizinisch Geschulte oder Laien bei einem medizinischen Notfall.

Die Johanniter (1999, 7) erweitern diese Definition, indem sie alle Maßnahmen einbeziehen, die eine Verschlimmerung der Zustände vermeiden. Zudem ergänzen sie ihre Erklärung dadurch, dass dieses Eingreifen mit dem, unter den Umständen möglichen, gezielten Zugriff auf die vorhandenen Materialien geschieht.

Diese Definition halte ich in Bezug auf die Schulsituation für geeignet. Kleine Notfälle, die in der Schulpraxis häufig geschehen, erfordern entsprechende Maßnahmen, die auch von den Schülern durchgeführt werden können.

Viele Menschen verbinden mit Erster Hilfe einseitig schwere Unfälle, die mit lebensbedrohlichen Unfallverletzungen, akuten Erkrankungen oder Vergiftungen einhergehen. Erste Hilfe im Hinblick auf die schulische Praxis bedeutet jedoch, dass auch in nicht akut lebensbedrohlichen Fällen Erste Hilfe mit den verfügbaren Materialien geleistet werden muss.

Das bedeutet, dass damit auch kleinere Unfälle während der Schulzeit gemeint sind. Hier sind alle Verletzungen zu nennen, die sich bei Sport und Spiel sowie im Unterricht ereignen können wie z. B. Wunden, leichte Verstauchungen und Prellungen, Verbrennungen etc. Von besonderer und oft unterschätzter Bedeutung ist die Betreuung der Verletzten. Die menschliche Zuwendung ist für viele Unfallbetroffene häufig die wichtigste Hilfe (vgl. Deutsches Rotes Kreuz 1996, 1).

Aus den o. g. Erläuterungen resultieren nun die Grundsätze und Zielsetzungen des Themenkoffers Erste Hilfe für die Grundschule, auf die ich im Folgenden näher eingehen werde.

3.2 Grundsätze und Zielsetzungen des Themenkoffers Erste Hilfe in der Grundschule

Lehrer können und sollen Unfälle in der Schule nicht ausschalten. Diese stellen für die Kinder notwendige Erfahrungen in ihrer physischen und psychischen Entwicklung dar.

Das Durchführen von Hilfeleistungen setzt die Hilfeleistungsbereitschaft, d. h. das Helfen wollen, sowie die Hilfeleistungsfähigkeit, das Helfen können, voraus (vgl. Deutsches Rotes Kreuz 1996, VII).

Hierbei ist von Belang, dass den Kindern die Möglichkeit geboten wird, diese grundlegenden Voraussetzungen erlangen zu können. Ein ausreichendes Wissen auf diesem Themengebiet gibt den Kindern Sicherheit und befähigt sie verantwortungsvolle und selbstständige Menschen zu werden. Diese notwendigen Voraussetzungen können durchaus im Unterricht der Grundschule geschaffen werden.

Funktion des Lehrers ist es, den Kindern dieses Wissen altersentsprechend zu vermitteln und für die nötigen Materialien zu sorgen, die von den Kindern dann verwendet werden können. Hierzu bietet der Themenkoffer die Möglichkeit (vgl. Kap. 5).

Vorrangiges Ziel des Themenkoffers ist es, die Schüler dahingehend zu motivieren, Erste Hilfe leisten zu wollen und auch anwenden zu können. Dies ist vor allem durch eine motivationsfördernde Bestückung des Koffers zu erreichen, wodurch die Schüler kindgemäß für das Thema sensibilisiert werden (vgl. Kap. 4.2).

Daher muss ihnen zunächst die Angst vor dem Handeln genommen werden und sie müssen mit den grundsätzlichen Verhaltensweisen der Ersten Hilfe in Hinblick auf die o. g. Begriffsklärung (vgl. Kap. 3.1) vertraut gemacht werden.

Im Rahmen des Themenkoffers wird dieses Handeln also als „Handlungskompetenz“[6] verstanden. Das heißt, dass es um eine Erweiterung des Handlungsrepertoires geht. Hierzu zählen das Erlernen der grundlegenden Kenntnisse, Fähig- und Fertigkeiten in Erste Hilfe Situationen insbesondere im Schulalltag der Kinder. Das Anbahnen dieser Schlüsselqualifikationen wird auch in den Richtlinien des Landes NRW gefordert (vgl. Kap. 2.1.1).

Darüber hinaus sollen die Kinder mit Freude am Tun die Grundlagen der Ersten Hilfe erlernen. Durch ihre erweiterten Kenntnisse wird ihr Gefahrenbewusstsein entwickelt, wodurch Unfälle vermieden werden und die Unfallzahlen herabgesetzt werden können. Positiv anzumerken ist auch, dass die Unterrichtsinhalte im praktischen Handeln direkt umgesetzt werden können, wodurch das Selbstbewusstsein eines jeden gestärkt wird (vgl. Kap. 5). Die Kinder werden insgesamt in ihren sozialen Verhaltensweisen gestärkt und entwickeln mehr Verantwortung für ihre Mitschüler. Dies hat eine positive Beeinflussung des Klimas an der Schule zur Folge.

Der Themenkoffer soll zudem als Anliegen haben, die möglicherweise vorhandenen Hemmschwellen bezüglich des Themenkomplexes von Seiten der Schüler aber auch der Lehrer abzubauen.

[...]


[1] Zur Vereinfachung benenne ich die Gruppe der Schülerinnen und Schüler in dieser Arbeit geschlechtsneutral als Schüler. Dies geschieht auch im Hinblick auf die Gruppe der Lehrer.

[2] Es wird ausschließlich auf die neuen Richtlinien und Lehrpläne Bezug genommen.

[3] Der vorgeschriebene Inhalt des genannten Verbandkastens kann entnommen werden aus: Bundesverband der Unfallkassen (Hrsg.): Erste-Hilfe-Material. Verlag von Fachpublikationen, München, 1998

[4] Die Daten zum Erstellen der Abbildungen (Abb. 1-3) habe ich aus den Unfallanzeigen der Jahren 2003 bis 2004 für den GUVV entnommen. Diese Zahlen spiegeln nur die zu meldenden Unfallzahlen wieder. Dazu kommen jedoch unzählige kleine Unfälle, die oft eine Erste Hilfe erfordern. Weitere Grafiken über die Verletzungsarten sowie der verletzten Körperteile finden sich im Anhang auf der beigefügten CD-Rom dieser Arbeit.

[5] Die rechtlichen Grundlage der Aufsichtspflicht finden sich in: Pöttgen et al.: Allgemeine Schulordnung (ASchO) 1993, 79 ff.

[6] Der Begriff „Handlungskompetenz“ ist als festgelegter Begriff in der Literatur zu finden. Selbstverständlich lassen sich die dort aufgezählten Kompetenzbereiche auch auf den vorliegenden Themenkomplex beziehen. Diese theoretische Auseinandersetzung soll im Rahmen dieser Arbeit jedoch vernachlässigt werden. Es wird daher auf folgende Literatur verwiesen: Lang, Rudolf W.: Schlüsselqualifikationen. Handlungs- und Methodenkompetenz, Personale und Soziale Kompetenz, 1. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, 2000; Langemaack, Barbara: Soziale Kompetenz. Verhalten steuert den Erfolg, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2004

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Der Themenkoffer „Erste Hilfe“ als Möglichkeit zur Förderung der Bereitschaft zum Helfen
Hochschule
Seminar für das Lehramt für Sonderpädagogik Münster
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
38
Katalognummer
V42392
ISBN (eBook)
9783638404310
ISBN (Buch)
9783638683098
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Themenkoffer, Hilfe“, Möglichkeit, Förderung, Bereitschaft, Helfen
Arbeit zitieren
Astrid van Reine (Autor), 2005, Der Themenkoffer „Erste Hilfe“ als Möglichkeit zur Förderung der Bereitschaft zum Helfen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42392

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