Verheiratet mit einem Seebären. Ein historischer Rückblick auf die Ehefrau des Seemanns im 19. Jahrhundert, mit einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert


Hausarbeit, 2010
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A. Hinführung und Zielsetzung

B. Die Frau des Seemanns im 19. Jahrhundert
1) Brautwerbung, Verlobung und Hochzeit
2) Die Frau des Seemanns daheim
3) Die Frau des Seemanns an Bord

C. Ausblick auf das Leben der Seemannsfrau im 20. Jahrhundert

D. Abschließende Betrachtung

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG:

ABBILDUNG: WEBEKAMM MIT BILD EINES RAHSCHONERS

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Webebrett mit Bild eines Rahschoners

Rudolph, Wolfgang: Des Seemanns Bilderwelt. Volkskunst der Fahrensleute an der Ostseeküste von 1750 bis 1900. Hamburg 1993. S. 36.

A. Hinführung und Zielsetzung

Die Volkskunde erforscht und deutet seit dem Beginn der Moderne, das überwiegend auf das 18. Jahrhundert datiert wird, kulturelle Phänomene, wie Sagen, Märchen oder Bräuche. In Deutschland wurde diese Forschungsrichtung aber erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, durch das 1889 eröffnete Museum für deutsche Volkskunde in Berlin und den 1891 gegründeten Verein für Volkskunde, institutionalisiert. Infolgedessen wurde der Forschungsbereich auch auf ethnische Minderheiten innerhalb des eigenen Staatsgebiets, wie beispielsweise die Hafenbevölkerung, ausgedehnt.[1] Zunächst wurden überwiegend äußerliche Zeichen, insbesondere bei Seeleuten, untersucht. Darunter fielen die Seemannskleidung oder die Seemannstätowierungen. Die Seemannsehe oder, allgemeiner gefasst, die Beziehungen der Seeleute zu Frauen, blieben dabei überwiegend unberücksichtigt. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts, seitdem sich die Volkskunde als eine Kulturwissenschaft versteht, wurde der Untersuchungsbereich ausgedehnt, sodass nunmehr der gesamte Lebenszusammenhang einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe in die Forschung einfließt.

Nach der Erweiterung des Forschungsgebietes wurden einige interessante Arbeiten veröffentlicht, die sich mit dem Thema der maritimen Volkskultur beschäftigten. Zu nennen wären einige Untersuchungen von Wolfgang Rudolph zur maritimen Kultur und Bilderwelt. 1997 veröffentlichte Christine Keitsch ihre Studie Frauen zur See, in der sie sich mit den weiblichen Arbeitskräften an Bord vor und nach 1945 beschäftigte. Im Rahmen der genannten Arbeiten wurde auch das Thema von der Seemanns(ehe)frau umrissen. Doch den bislang bekanntesten und umfangreichsten Beitrag zu diesem Untersuchungsgegenstand lieferte Henning Henningsen im Jahre 1987 mit seinem Buch Der Seemann und die Frau. Henningsen befasst sich hierin nicht nur mit der Seemannsehefrau, sondern übergreifend auch mit Themen, wie Frauen in der Namensund Bilderwelt der Schifffahrt, Frauen an Bord oder Frauen im Hafen in der Zeit der Segelschifffahrt.

An dieser Stelle knüpft die vorliegende Arbeit an und versucht die Beschreibung der Seemannsehe aus Sicht der Frau temporal auszudehnen. Dementsprechend werden themenbezogene Aspekte aus dem 19. Jahrhundert beleuchtet. Da jede Ehe verschieden abläuft, insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche soziale Schichten, werden mehrere Gesichtspunkte erläutert. Ziel dieser Arbeit ist es, einen kulturellen Beitrag zu einem bislang kaum beachteten Themenfeld zu leisten. Da wenig wissenschaftliche Literatur über das Thema Seemannsfrauen besteht, orientiert sich die vorliegende Arbeit überwiegend an der Studie von Henning Henningsen. Natürlich können nicht alle Aspekte der Seemannsehe berücksichtigt werden. Daher wird sich die vorliegende Untersuchung auf die Ehefrau des Seemanns und ihre Sicht auf die Erfahrungen mit dieser, nicht ganz normal verlaufenden, Ehe beschränken. Dabei wird das Leben der Seemannsehefrau einerseits an Land, also daheim, andererseits an Bord betrachtet.

Zusätzlich wird ein Ausblick auf das 20. Jahrhundert angestrebt. Dadurch soll die sozialgeschichtliche Entwicklung, die mit dem technologischen Fortschritt einhergeht, in Hinblick auf dieses Thema aufgedeckt werden. Eine detaillierte Ausarbeitung der Seemannsehefrau im 20. Jahrhundert wird nicht angestrebt, weil es den Rahmen dieser Arbeit bei weitem übersteigen würde. Durch den Ausblick auf das 20. Jahrhundert soll vielmehr die Frage beantwortet werden, ob sich die Situation der Seemannsfrau im Verlauf der Geschichte verändert hat. In einer abschließenden Betrachtung werden die Ergebnisse zusammengetragen.

B. Die Frau des Seemanns im 19. Jahrhundert

1) Brautwerbung, Verlobung und Hochzeit

Aufgrund des hohen Sinkrisikos der Segelschiffe bei Herbstund Winterstürmen, wurden die Seeleute in Europa und Amerika zur Winterzeit abgemustert und blieben bis zum Frühling in ihren Heimatstädten. Wer nicht verheiratet war, vertrieb sich die Zeit oft bei privaten oder organisierten Veranstaltungen mit Spiel und Tanz. Denn an Land war selten Arbeit zu finden. Die Seeleute waren bei den jungen Mädchen häufig viel beliebter als die einheimischen Landknaben und wurden von ihnen sehr bewundert:

„Sie imponierten ihnen mit ihrer feschen Kleidung, ihrem weltmännischen Auftreten, ihren Berichten über Erlebnisse zur See, die bisweilen übertrieben, ja manchmal ein wahres Lügengewebe waren“.[2]

Die Weihnachtszeit war für viele Seeleute der Höhepunkt ihres unfreiwilligen Urlaubs. Denn bis nach Neujahr wurden die meisten Bälle und Feste gehalten. Häufig veranstalteten in dieser Zeit die Seeleute selbst Bootaufzüge oder so genannte Seemannsstechen,[3] wodurch sie bei den jungen Mädchen ihren Mut und ihren Ergeiz unter Beweis stellen konnten. Es mag nicht verwundern, dass infolgedessen oft viele Verlobungen und Hochzeiten gefeiert wurden. Häufig kannte sich aber das Paar bereits aus der Schulzeit und war somit schon miteinander vertraut.

Im 19. Jahrhundert, besonders zu Anfang, hielt sich die Seefahrtsgesellschaft noch an den alten überlieferten Traditionen. So konnte ein Seemann auf Mandö in Dänemark „um 1800 normalerweise nur ein Mädchen von derselben Insel heiraten“.[4] Zur Not konnte er sich aber mit einem Mädchen von einer Nachbarinsel vermählen. Nur in den seltensten Fällen nahm er sich eine ausländische Frau. Klassenunterschiede bei der Vermählung waren hingegen relativ legitim. Wollte ein armer Seemann ein wohlhabendes Mädchen heiraten, musste er nur tüchtig und enthaltsam sein und eine Aussicht darauf haben, einmal Schiffsführer zu werden. Infolgedessen wurde er auch von dem Schwiegervater unterstützt. Üblicherweise wurden jedoch Kinder aus Schifferund Reederfamilien, die den maritimen Adel darstellten, miteinander vermählt. Dementsprechend konnte auch ein weniger hübsches Mädchen aus einem vermögenden Hause verheiratet werden.[5] Arme Seeleute hingegen hatten weniger Chancen auf eine Familie. Denn eine Seemannsheuer war zu klein, um Frau und Kinder ohne Not und Elend zu unterhalten. Daher waren auch „mehr Offiziere als gemeine Seeleute verheiratet“.[6]

Für mittellose Mädchen in Hafengegenden war es jedoch viel schwieriger einen Ehemann zu finden. Denn in seefahrenden Gebieten gab es einen Überschuss an Frauen, da viele Männer auf See umkamen. Oft hatte der Seemann in dieser Region also eine große Auswahl. Wollte da ein Mädchen gerne ein häusliches Familienleben führen, so blieb ihr oft nichts anderes übrig, als sich mit den Schattenseiten einer Seemannsehe abzufinden. Denn neben dem schlechten Einkommen, mussten sie sich darauf einstellen, dass sie ihren Verlobten bzw. ihren Ehemann nur äußerst selten sehen würden. So konnte die Verlobungszeit auf 7, 8 oder sogar 9 Jahre ausgedehnt werden, wenn die Seemänner auf großer Fahrt waren. Die meisten Mädchen warteten auf ihren Verlobten, zumal sie die damit verbundenen Bedingungen aus Erfahrungen in der eigenen Familie kannten. Es gab natürlich auch Fälle, in denen die Frau nicht wartete. So ist aus den 1870er Jahren in England bekannt, dass ein Mädchen seinem Freund ein ewiges Treueversprechen gab. Doch da der besagte Seemann ihre Adresse vergessen hatte, konnte er sich über zwei Jahre nicht bei ihr melden. Als er dann wieder im heimischen Hafen anlegte, musste er feststellen, dass sie bereits verheiratet war und zwei Kinder hatte.[7] Andererseits konnte auch der Einfluss der Familie, insbesondere der weiblichen Mitglieder, die Verlobung zunichte machen. Oft ermunterten sie die Mädchen dazu sich zu trennen, da sie aus eigener Erfahrung heraus zu wissen meinten, dass Seeleute alles andere als treu wären und in jedem Hafen eine andere Frau hätten.[8]

Umworben wurden die jungen Mädchen je nach Region auf verschiedene Weise. Sie konnten entweder direkt umworben werden, oder die Seeleute bewarben sich selbst oder durch einen Stellvertreter bei ihrem Vater. Manchmal kam es sogar vor, dass sich ein Bewerber um ein Mädchen bemühte, das er nie gesehen, aber von dem er viel Gutes gehört hatte. Schüchterne Seemänner, die sich nicht trauten ihre Auserwählte von Angesicht zu Angesicht zu umwerben, konnten sie ihr natürlich Liebesbriefe oder -Karten senden, soweit er die Schreibkunst beherrschte. Andernfalls musste ihm ein Kamerad mit besserer Schulbildung aushelfen. Oft handelte es sich dabei um Schiffsjungen, die durch ein kleines Entgelt für seine Mühen und seine Diskretion entlohnt wurde.[9] Die Liebesbriefe und -Karten wurden von dem Seemann oft mit Blumen, Herzen, maritimen Motiven wie Schiffe oder Anker und poetischen Liebenserklärungen verziert. Offiziell wurden sie als so genannte Bindebriefe verstanden, mit denen der Seemann um ein Mädchen warb. Daher konnte es auch „gefährlich sein, einen an sich ganz unschuldigen Gruß per Postkarte an ein Mädchen zu schicken“.[10] Henningsen nennt als Beispiel den dänischen Seemann S.H. Sörensen, der seiner Kusine eine kleine Freude mit einem Gruß aus Argentinien machen wollte, weil er eine Postkarte übrig hatte. Seine Kusine fasste die Karte jedoch als Werbung auf, wodurch sich der Seemann in eine schwierige Angelegenheit brachte. Nach seiner Heimkehr musste er versuchen das Missverständnis im Guten aufzulösen und seine Werbung als nichtig zu erklären.[11]

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war es modern, dem auserwählten Mädchen Minnegaben, als Zeichen ihrer Zuneigung und als Liebesbeweis, zukommen zu lassen. Dabei handelte es sich meistens um selbst angefertigte Volkskunstgegenstände wie Webekämme, Wäschehölzer, Mangelbretter, Spinnwocken, Nähkästchen oder Flachschwingen, die mit feinen Schnitzereien, Gravierungen oder Bemalungen verziert wurden. Erfahrungsgemäß fertigten die Seeleute ihre Minnegaben auf See in der Freiwache mit einem hohen Maß an Geschicklichkeit an. Die Verziehrungen waren, dem Beruf entsprechend, maritimer Art, wie beispielsweise Kompassrosen, klare oder unklare Anker, Schiffe oder Flaggen.[12] Das Verschenken von Liebesgaben stellte eine bedeutende Brauchhandlung dar. Denn nahm die Geliebte die Minnegabe an, so bedeutete es, dass sie den Antrag des Schenkers angenommen hatte.[13]

Liebesbriefe oder -Symbole auf See zu versenden konnte aber gefährlich werden. Bekanntermaßen konnten sie unterwegs verloren gehen oder zu spät am Bestimmungsort ankommen, sodass sie die Mädchen oder Frauen nie erreichten. Es gab aber viele Gründe, warum Briefe oder Pakete die Auserwählte nicht ankamen. So konnten die Briefe mangelhaft adressiert sein oder das Schiff hatte unterwegs die Fahrtroute geändert.[14] Doch in den meisten Fällen glückte der Zustellungsverkehr mit den Liebesbriefen und Minnegaben, sodass sie bei der nächsten Heimfahrt die Verlobung oder Hochzeit feiern konnten.

Sowohl Verlobungen als auch Hochzeiten wurden im 19. Jahrhundert öffentlich gefeiert und waren mit festen Bräuchen und Ritualen verbunden. Traditionsgemäß zog das Paar nach dem Verlobungsfest zusammen und heiratete häufig nur wenige Wochen später.[15] In vielen Regionen war es Tradition, dass die Verlobung im Hause des Bräutigams und die Hochzeit im Hause der Braut gefeiert wurden. Auf Sylt war es beispielsweise üblich, dass in der Woche vor dem 1. Sonntag im Advent, also Ende November, geheiratet wurde, damit „das junge Paar einige Monate für die Flitterwochen hatte“.[16]

Die Hochzeit eines Steuermannes oder eines Kapitäns wurde groß, prunkvoll und zeremoniell gehalten. So wurde oft die ganze Stadt mit Flaggen geschmückt und angelegte Schiffe feuerten Freudenschüsse ab. Zu der Festlichkeit wurden sämtliche Familienangehörige und Freunde eingeladen, vor allem aber die Kameraden des Seemannes. Die Hochzeit eines einfachen Seemanns wurde dagegen recht bescheiden und nur im engen Kreis gefeiert. Natürlich kam es auch vor, dass Seeleute ihren Entschluss zur Heirat im letzten Augenblick bereuten und die Braut sprichwörtlich vor dem Altar stehen ließen. Henningsen verweist diesbezüglich darauf, dass die Braut dadurch öffentlich entehrt und gedemütigt wurde.[17]

2) Die Frau des Seemanns daheim

Da der Seemann bestenfalls einige Monate im Jahr zu Hause bei seiner Familie war, wurden Seemannsehen häufig als ‚Besuchsehen’ bezeichnet. War der Seemann auf langer Fahrt, weil es dafür eine größere Heuer gab, dann konnte er sogar einige Jahre abwesend sein, wenn er nicht auf See verunglückte. Von dem Kapitän N.P. Petersen ist bekannt, „daß er 8 Jahre mit seiner Frau verheiratet war, aber daß sie in der Zeit alles in allem nur wenige Monate zusammen verbrachten, und zwar auf kurze Besuche verteilt“.[18] Dennoch muss betont werden, dass es insgesamt nur wenige Scheidungen gab. Einerseits mag es daran liegen, dass es besonders im 19. Jahrhundert als verwerflich galt, wenn die Frau sich von ihrem Ehemann scheiden ließ. Andererseits wusste die Ehefrau schon im Vorfeld, worauf sie sich einließ.

Die Rollen in der Seemannsehe waren besonders im 19. Jahrhundert klar verteilt. In der Regel galt es für den Mann draußen auf See Geld zu verdienen. War er, zum Beispiel in der Winterzeit, zuhause, musste er zudem das Haus oder die Wohnung instand setzen. Da der Ehemann aber eher selten daheim war, verpasste er häufig wichtige Lebensabschnitte oder Feste der Familienmitglieder, wie Taufen, Konfirmationen oder Begräbnisse. Aufgrund dessen war er für die Familie oft so etwas wie ein gern gesehener Gast, aber kein festes Familienmitglied. Denn bedingt durch seine Abwesenheit, übernahm die Frau das ganze Kommando im Haus. Der robuste Seebär fühlte sich somit oft entmündigt, wenn er daheim war. So musste er zuerst seine Frau um Taschengeld bitten, wenn er in den Dorfkrug gehen und sich mit seinen Kameraden treffen wollte. Zudem kannten seine eigenen Kinder ihn häufig nicht, weil sie ihn nie gesehen hatten oder sich nur dunkel an ihn erinnerten. Für die Kinder war es daher ein Problem, wenn plötzlich ein für sie fremder Mann ins Haus kam, auf den sie Rücksicht nehmen sollten und der sie kommandieren wollte. Auch für die Ehefrau konnte die Anwesenheit ihres Mannes zuweilen beschwerlich werden. Denn oft machte er es sich zu bequem und trank und rauchte zudem viel. Außerdem war er den Kindern gegenüber häufig zu ungeduldig und verlangte zu viel von ihnen, weil er in der Erziehung nicht geübt war. Daher schimpfte der Mann zu schnell seine Kinder aus und schlug sie sogar zumal. Nicht selten musste sich dann der Seemann von seinen Kindern anhören: „Geh weg! Wir können Dich hier nicht gebrauchen!“[19]

Im Allgemeinen bedeutete dem Seemann das eigene Heim aber sehr viel, denn es stellte den einzigen festen Akt in seinem Leben dar. Aus diesem Grund schickte der Seemann in der Regel seine gesamte Heuer an die Familie. Die gewöhnliche Seemannsheuer war jedoch meist zu niedrig für eine oft großköpfige Familie. Kapitänsfamilien ging es da besser, weil die Heuer größer war und sie Extrazulagen bekamen. Manche hatten sogar einen Anteil am Schiff.[20] Um ihre Familie öfter sehen zu können, bestellten Seemänner oft ihre Angehörigen zu angefahrenen benachbarten Häfen, wo sie längere Zeit verbrachten, weil sie auf neue Fracht oder auf die Fertigstellung von Reparaturarbeiten am Schiff warten mussten. Bei Reparaturen konnte es sogar mehrere Monate dauern bis das Schiff wieder auslief. Diese Umstände boten den Seemännern natürlich eine hervorragende Gelegenheit an, um ihre Familien wieder sehen zu können. Oft reisten dann aber die Kapitänsfrau oder die Mutter mit den Kindern des Kapitäns dorthin, weil sie die finanziellen Mittel dafür hatten. Solange das Schiff dort lag, hauste die Kapitänsfamilie dann in der Kajüte. Gelegentlich kam auch die Familie des Steuermannes in die Hafenstädte. Da die Reise zu den Häfen aber oft zu teuer war, konnten sich die einfachen Seemannsfamilien selten diesen Luxus leisten.[21] Zudem war die Fahrt mit kleinen Kindern dorthin sehr beschwerlich und da es sich meistens um fremde Häfen in benachbarte Länder handelte, stellte auch die sprachliche Barriere ein sehr großes Problem dar. Manchmal konnte die Frau überhaupt kein Wort sprechen und somit auch nicht nach dem Weg oder im Notfall nach einem Arzt fragen.[22] Wenn die Seemannsfrau in so einem Fall ohne einen Mann an der Seite verreiste, konnte es für sie natürlich sehr gefährlich werden. Henningsen bewundert aufgrund dessen die tapferen Seemannsehefrauen für ihren Mut. Zugleich betont er aber, dass dieses Wagnis immer noch besser war, „als zu Hause zu sitzen und den Mann selten zu sehen“.[23]

Ob nun wohlhabend oder bedürftig, für die Frau war es ohne Mann zu Hause sehr schwierig. Denn sie allein war zuständig für die häusliche Wirtschaft, die Ökonomie, den gesamten Haushalt, die Erziehung und Pflege der Kinder und für den Ausbau und Erhalt der sozialen Kontakte. Die Seemannsfrau musste also sehr selbstständig sein. Da sie aber allein nicht alle Aufgaben im Haus erfüllen konnte, mussten sich die älteren Kinder um die kleineren kümmern und sie betreuen. Oft gab es nach jedem Besuch des Mannes ein Kind, sodass die Familie stetig größer wurde. Daher musste sie zudem äußerst sparsam sein.

Einen zusätzlichen Verdienst konnte manche Seemannsfrau einnehmen, indem sie die Mitbringsel, die ihr Mann aus den angefahrenen Häfen in der Welt mitbrachte, während seiner Abwesenheit in der gemeinsamen Wohnung zum Verkauf anbot. Henningsen verweist darauf, dass es sich dabei oft um Kapitänsfrauen handelte, weil ihre Ehemänner die mitgebrachten Gegenstände als Führungsgut abrechnen und sich meist nur die Kapitäne die Anschaffung von edlen Stoffen oder teurem chinesischen Porzellan von ihrem Einkommen leisten konnten.[24] Zum Verkauf standen jedoch auch andere Güter wie Lebensmittel (Gewürze, Zuckerhüte etc), Getränke (Wein, Rum etc.) oder Genussmittel (Kaffe, Tee, Tabak etc.). Angeboten wurden aber wahrscheinlich auch Toilettenartikel (Seifen, Kämme, Spiegel etc.), Schmuck, Ethnographische Gegenstände (Waffen, Skulpturen etc.) oder alle Art von Möbel und Pflanzen.[25] Der Verkauf von exotischen Gegenständen war ein rentables Geschäft, „das einen Verdienst von mehreren hundert Prozent“ einbrachte.[26]

Der einfache Seemann konnte sich derartige Güter oft nicht leisten, weil seine Heuer zu klein war. Um die Familie ernähren zu können, musste sich die einfache Seemannsfrau, und auch die Kinder sobald sie alt genug dafür waren, häufig zusätzliche Arbeiten annehmen. Wenn die Familie ein wenig Land und Vieh hatte, so waren sie vollkommen mit dieser Arbeit beschäftigt, konnten aber ihre erwirtschafteten Waren zum Verkauf anbieten. Falls die Familie nicht über eine Landwirtschaft verfügte, konnten die Frauen das Einkommen beispielsweise dadurch aufbessern, indem sie für die Kapitänsund Reederfrauen wuschen, nähten, webten oder andere Arbeit für sie verrichteten. Die Jungen gingen hingegen, wie ihr Vater, oft zur See. Die einfache Seemannsfrau konnte aber auch dadurch ihre Haushaltskasse aufbessern, indem sie Zimmer an Reisende vermietete. Nach 1890 konnte sie zudem im Touristikgewerbe wie Hotels oder Pensionen, Arbeit finden, da es Ende des 19. Jahrhunderts „mondän wurde, die Ferien an See zu verbringen“.[27]

Wenn der Seemann jedoch abgemustert wurde, blieb meist noch weniger Geld zum Leben für die Familie. Oft versuchte er dann vergebens an Land Arbeit zu finden. Denn im Winter waren weder maritime noch landwirtschaftliche Beschäftigte gefragt. Henningsen betont, dass viele Seeleute es aber auch oft unter ihrer Würde fanden, bäuerlich tätig zu werden. Dies galt selbst für den eigenen Hof. Denn „[d]erartige Arbeit wurde wie bei vielen Naturvölkern einfach als Frauenzimmerarbeit betrachtet“.[28]

Dennoch war es für die Frau sehr belastend, wenn der blaute Panter (Signalflagge) gehisst wurde und damit ankündigte, dass ihr Mann wieder fort musste. Denn häufig musste sich die Seemannsfrau in der Abwesenheit ihres Mannes und ohne seine Stütze durch Schwangerschaften kämpfen und Geburten durchstehen. Zudem starben viele Kinder im 19. Jahrhundert aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung. Meistens musste die Seemannsfrau auch diese schmerzhafte Zeit ohne ihren Mann bewältigen. Hinzu kam die Versorgung der Hausund/oder Landwirtschaft und die Erziehung und Betreuung der Kinder:

„Wo Landwirtschaft zum Hof gehörte, mußte sie selbst an der Arbeit auf dem Feld und beim Vieh teilnehmen, und wenn die Kinder schulpflichtig waren, ihnen helfen, so gut sie es konnte“.[29]

Um die ganze Arbeit befriedigend zu erfüllen, musste die Frau häufig Fremdarbeiter „aus dürftigen Gegenden oder vom Festland“ beschäftigen.[30] Es war also eine große Verantwortung, die auf den Schultern der Seemannsfrau lag.

Ihre größte Sorge bestand bei der Abreise des Mannes aber wohl darin, dass er vielleicht nie wiederkäme. Wie oben erwähnt, konnten manchmal Jahre voller Bedrückung und Kummer vergehen, bis sie von ihm hörte oder ihn wieder sah. Denn Briefe gingen, aus oben genannten Gründen, leicht verloren. Telegraphieren konnte zudem nur der Kapitän und das „nur zu Geschäftszwecken“.[31] Ansonsten lebte die Familie des Seemannes überwiegend in Ungewissheit über sein Leben, sein Befinden und seine Heimkehr. Oft hörten sie erst Monate später durch Mundpropaganda von geglückten Reisen und angetretener Heimkehr.[32] Viele Frauen bedienten sich daher übernatürlicher Hilfen, um ihren Mann wieder gesund zuhause zu haben. So ist von mecklenburgischen Seemannsfrauen bekannt, dass sie sich durch etwas Hexenkraft behalfen, um einen guten Wind zu bekommen, der ihren Mann sicher in den Heimathafen zurückführen sollte. Diese Prozedur lief dann folgendermaßen ab: „Sie konnten den Esslöffel des Mannes draußen ins Gras stecken und ihn so wenden, dass der Wind, der für das Schiff am günstigsten war, in den Löffel hineinblies“.[33]

Auch wenn es die Moral forderte, dass die Frau ihrem Mann treu blieb, ließen sich manche Seemannsfrauen während der langen Abwesenheit von einem anderen Mann trösten. Denn ohne eine Nachricht über das Befinden ihres Ehemannes, konnte die Hoffnung auf ein Wiedersehen nach einiger Zeit vergehen. Dementsprechend musste sich mancher Seemann nach der Heimkehr mit einem oder mehreren Kindern abfinden, die seine Frau in der Zwischenzeit von einem anderen Mann empfangen hatte. Einige Seemannsfrauen heirateten sogar erneut, weil sie nach mehrjähriger Abstinenz ihres Mannes und ohne eine Nachricht von und über ihn annahmen, dass er auf See umgekommen war. Abwegig war der Gedanke nicht, denn schließlich starben fast ein viertel aller Seeleute bei Schiffsunglücken.[34]

Kam der Seemann tatsächlich auf See um, bedeutete es ein sehr großes Unglück für seine hinterlassene Familie. Neben der Tatsache, dass sie oft kein Grab hatten an dem sie trauern konnten, wussten sie häufig nicht einmal wo oder wie der Mann gestorben war. Die größte Sorge bestand aber in Hinblick auf die finanzielle Versorgung der Familie ohne das Einkommen des Seemannes. Kapitänsfrauen hatten es bei Weitem nicht so schwer wie einfache Seemannsfrauen. Denn sie konnten häufig auf ein erspartes Vermögen oder Ländereien zurückgreifen und auf die Unterstützung ihrer wohlhabenden Verwandten hoffen. Für die einfache Seemannsfrau war es hingegen katastrophal, wenn der Ehemann starb und sie auf sein Einkommen verzichten musste. Wenn sie schon zu seinen Lebzeiten arbeiten ging, musste sie oft noch zusätzliche Beschäftigungen annehmen. Oft nahmen auch die jungen Mädchen frühzeitig einen Dienst an, für den sie aber sehr bescheiden entlohnt wurde. In schweren Zeiten konnte sich die arme Seemannswitwe an die Armenführsorge wenden, was jedoch wenig effektiv war, da dieser, im Vergleich zu den vielen bedürftigen Familien, geringe Mittel zur Verfügung standen. Daneben galt es als schändlich, Gnadengeschenke anzunehmen. Oft blieb der armen Witwe aber nichts anderes übrig als Spenden anzunehmen, um ihre Familie ernähren zu können. Die finanziellen Mittel die die maritime Armenführsorge erhielt, waren überwiegend Spendengelder der Seeleute. Sammelbüchsen wurden in der gesamten maritimen Gewerbewelt ausgestellt. So auch in Schiffergilden, Heuer-, Zoll-, Rathausund Kaufmannsbüros, aber auch an Bord von größeren Schiffen. In die letzteren wurde ein Teil der Geldstrafen der Seeleute hineingetan oder Seemänner spendeten freiwillig, beispielsweise nach überstandener Gefahr oder wenn Feste (z.B. Äquatortaufe) gefeiert wurden.[35] Sammelbüchsen wurden zudem vor den Kirchen der Gemeinden aufgestellt oder der

[...]


[1] Vgl. Rudolph, Wolfgang: Des Seemanns Bilderwelt. Webebrett mit Bild eines Rahschoners. Hamburg 1993. S. 115.

[2] Henningsen, Henning: Der Seemann und die Frau. Herford 1987. S. 87.

[3] Seemannsstechen sind nachgeahmte Turniere aus der Ritterzeit, die jedoch zur See stattfanden. Dabei wurden zwei maritim geschmückte Boote „mit Schaluppernruderern, Steuermann und Göschjungen bemannt, achertern war eine Plattform aufgebaut, auf der die Kämpfenden mit langen Stangen standen [und] versuchten, sich gegenseitig ins eiskalte Wasser zu stoßen“. Ebd. S. 88.

[4] Ebd. S. 89.

[5] Vgl. ebd.

[6] Ebd.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd. S. 92.

[10] Ebd. S. 91.

[11] Vgl. ebd. S. 91 f.

[12] Siehe Anhang V.

[13] Vgl. ebd. S. 94 f.

[14] Vgl. ebd. S. 92.

[15] Vgl. ebd. S. 95.

[16] Ebd. S. 96

[17] Vgl. ebd.

[18] Ebd.

[19] Zitiert nach Henning Henningsen. Ebd. S. 99.

[20] Vgl. ebd. 97 ff.

[21] Vgl. ebd. S. 57 f.

[22] Vgl. ebd. S. 58.

[23] Ebd. S. 58.

[24] Vgl. ebd. 110.

[25] Ebd. S. 86.

[26] Ebd. S. 110.

[27] Ebd.

[28] Ebd. S. 109.

[29] Ebd. S. 109.

[30] Ebd.

[31] Ebd. S. 79.

[32] Vgl. ebd. S. 80.

[33] Ebd.

[34] Vgl. ebd. S.

[35] Vgl. ebd. S. 111.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Verheiratet mit einem Seebären. Ein historischer Rückblick auf die Ehefrau des Seemanns im 19. Jahrhundert, mit einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert
Hochschule
Universität Rostock
Veranstaltung
Frauen im Seemannsleben – an Bord, im Hafen, Daheim
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V423954
ISBN (eBook)
9783668694859
ISBN (Buch)
9783668694866
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verheiratet, seebären, rückblick, ehefrau, seemanns, jahrhundert, ausblick
Arbeit zitieren
M.A. Florina Jurca (Autor), 2010, Verheiratet mit einem Seebären. Ein historischer Rückblick auf die Ehefrau des Seemanns im 19. Jahrhundert, mit einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423954

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