Die Mafia. Ökonomischer Faktor Rußlands


Seminararbeit, 2002
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Bedeutung der Mafia
1.1 Der Begriff
1.2 Der Einfluß

2. Entstehung der russischen Mafia
2.1 Mafia in der Sowjetunion
2.2 Mafia in Rußland

3. Akteure
3.1 Das Organisierte Verbrechen
3.2 Die halblegale Wirtschaft
3.3 Die Staatsbürokratie
3.4 Das Beziehungsgeflecht der Akteure

4. Maßnahmen zur Bekämpfung der Mafia

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis
Printliteratur
Internet-Literatur

0. Einleitung

Über die russische Mafia ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Oft handelte es sich um medial ausgeschmückte Horrorgeschichten, in deren Mittelpunkt Erpressung, Raub, Menschenhandel, Drogenschmuggel oder gar Mord durch das „Organisierte Verbrechen“ standen. Während sich die deutsche öffentliche Meinung bei ihrer Einschätzung der sogenannten Russen-Mafia vielfach an Geschehnissen im Inland orientierte – erinnert sei an die Umstände des Abzuges der Westgruppe der Sowjetischen Streitkräfte aus der vormaligen DDR -, soll es in dieser Hausarbeit primär darum gehen, die vielfältigen Verknüpfungen von Mafia und Gesellschaft in Rußland selbst aufzuzeigen. Dabei geht es dem Autor insbesondere darum, darzulegen, um welche Akteure es sich bei der sogenannten Mafia handelt und inwieweit die Mafia die russische Wirtschaft beeinflußt oder gar kontrolliert.

In dieser Hausarbeit stehen die Akteure der Mafia im Mittelpunkt, die sich auf Wirtschaftsbereiche spezialisiert haben, die in unmittelbarem Maße der russischen Wirtschaft Schaden zufügen, unter anderen gesellschaftlichen Umständen aber problemlos in die offizielle Wirtschaft integriert werden könnten bzw. mafiose Aktivitäten, die damit in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Keine Berücksichtigung finden sollen auf den folgenden Seiten - obgleich auch dieser Bereich einen relevanten ökonomischen Faktor darstellt - mafiose Akteure, die ihr Geld mit grob rechts- und sittenwidrigen Aktivitäten verdienen, wie es u.a. beim Handel mit Drogen oder Menschenschmuggel der Fall ist.

1. Bedeutung der Mafia

1.1 Der Begriff

Zunächst sollte die Frage geklärt werden, was man überhaupt unter der „russischen Mafia“ versteht. Der Begriff ist sehr schwammig, zumal er auch seine Ursprünge im sizilianischen Raum hat.[1] Der Begriff sagt auch nichts über die ethnische Zugehörigkeit von Angehörigen der kriminellen Unterwelt aus – es handelt sich vielmehr um Personen verschiedenster Volksgruppen und Nationalitäten -, er macht lediglich deutlich, daß die russische Hauptstadt Moskau bedeutendes Zentrum weltweiter Kriminalität ist.[2]

Der Soziologe Alexei Lewinson definiert die russische Mafia als „höchste von allen illegalen Strukturen, die nicht offiziell handeln“.[3] Der Mafia komme eine Art Vermittlerfunktion zwischen Kriminellen und Staat zu.[4] Es lassen sich zudem drei verschienene Formen des Organisierten Verbrechens unterscheiden, wie sie nachfolgend von Alexandre Konanykhine charakterisiert wurden.

The first type of organized criminal groups derive most of their income from business activity, with thugs and officials protecting and assisting the business. For example, such a group may control an export-import business, where officials would provide licenses, cheap government funds, profitable government contracts, and, along with thugs, pressure the competitors and otherwise protect the interests of the group.

The second type of organized criminal groups derive most of their income from traditional criminal activities, like racket, prostitution, robbery, assassination, etc. […] The third type of organized criminal groups derive most of their income through the power of their officials. Such a group, for example, may control the city administration and use it to "privatize" the city's real estate and factories for a fraction of their value, siphon funds from the city budget, and extract extortion payments from businesses located in the city.[5]

Dieser Arbeit beschäftigt sich lediglich mit dem ersten und dritten Typ.

1.2 Der Einfluß

In kaum vorstellbarem Maße beeinflußt die russische Mafia heute die ökonomische Entwicklung der Russischen Föderation. Die russische Mafia ist keineswegs das alleinige Produkt des Zerfalls der Sowjetunion, es gab auch schon in der UdSSR so etwas wie Mafia und Schattenwirtschaft, begünstigt durch die vielfach schlechten Lebensumständen großer Teile der Bevölkerung und weit verbreiteter Bereitschaft zur Korruption in den Eliten von Wirtschaft und Bürokratie. Folglich ist die russische Mafia ein Sprößling ihrer Vorgänger im sowjetischen System, ohne aber ihr unmittelbarer Nachfolger zu sein.

Obgleich es also auch schon zu Sowjetzeiten eine Mafia gab, hat sie doch erst nach dem Zusammenbruch des einst allmächtigen Imperiums zu ihrer heutigen Bedeutung gefunden. Einige Autoren sprechen im Zusammenhang mit Russland sogar von einer dort herrschenden „Mafiocracy“, also einer Gesellschaftsordnung, die nach den Spielregeln der Mafia organisiert ist.[6]

Allein die Zahlen geben schon einen Eindruck, welches Ausmaß die Existenz der russischen Mafia für die Gesellschaft angenommen hat. Das russische Innenministerium schätzt, daß 40 Prozent der privaten und 60 Prozent der staatlichen Unternehmen Rußlands sowie die Hälfte der Banken, vom sogenannten Organisierten Verbrechen kontrolliert werden. Demnach wären etwa zwei Drittel der russischen Wirtschaft direkt oder indirekt in der Gewalt der Mafia.[7]

Laut Rußlands Vizeinnenminister Koschewnikow verfügte die Mafia 1996 über 94.000 Mitglieder, die sich in 22.000 Banden organisiert hatten.[8] Das Magazin Focus veröffentlichte 1994[9] einige Zahlen über den Einfluß der Mafia auf die russische Wirtschaft. Demnach wurde schon damals 55% des Kapitals von der Unterwelt kontrolliert. Über 40.000 Unternehmen standen unter der Kontrolle der Mafia, darunter rund etwa 1.500 Staatsbetriebe. Bei genauerer Aufzählung ergaben sich u.a. 37 Börsen, 678 Märkte und 566 Ost-West-Gemeinschaftsunternehmen. Ferner heißt es, zwei Drittel der auf Auktionen feilgebotenen Immobilien würden durch Mafiosi und ihre Komplizen erworben. Mehr als 90% aller kleinen und mittleren Unternehmen in Rußlands Metropolen würden 10 bis 30 % ihrer Gewinne an die Mafia abführen. Die Mafia erziele Profit mit dem Export von Öl, Uran, Gold und anderen Edelmetallen. Insgesamt, so Focus, betrage der Gewinn im ersten Halbjahr 1994 1,2 Milliarden DM.[10]

Im gleichen Jahr berichtete ein Vertreter der russischen Steuerpolizei in einer detaillierten Aufzählung über die mafiosen Aktivitäten in seinem Arbeitsbereich. Zu diesen gehörten demnach u.a. Devisenvergehen, Aufbau von Scheinfirmen, insbesondere im Versicherungsbereich, ferner das „Einsickern von Banden in den legalen Handel durch Erpressung, Infiltration von Aufsichtsräten und Sicherheitsdiensten der Unternehmen durch Kriminelle sowie Mißbrauch der Computerdaten von Banken und Sparkassen.“[11] Beim Steuerbetrug spielten die Banken eine führende Rolle. Auch der Immobilienmarkt habe sich mittlerweile zu einem Spielball des Organisierten Verbrechens entwickelt.[12]

Mitte der 90er Jahre wurde davon ausgegangen, daß rund ein Drittel des russischen Bruttosozialproduktes auf die Schattenwirtschaft zurückzuführen sei. 1997 bestanden 2 bis 3% des Bruttoinlandsprodukts Rußlands aus Mafiakapital. Die aufgrund von Steuerbetrug fehlenden Einnahmen wirken sich negativ auf den Haushalt des Landes aus und tragen damit maßgeblich zur Kapitalschwäche Russlands bei. Dies kann in seiner Konsequenz weitere Steuererhöhungen nach sich ziehen, die sich als schädlich für das allgemeine Wirtschaftsklima erweisen würden.

Die illegal erzielten Profite werden, angetrieben von der unsicheren Wirtschaftslage in Rußland und der Aussicht auf Spekulationsgewinne, durch die Mafiosi ins Ausland transferiert. Aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage wurden große Geldbeträge ins Ausland verbracht.

Da 5% der Bevölkerung über 72% des russischen Privatvermögens besitzt, ist es von enormer Bedeutung, gerade diese sogenannten „neuen Russen“ samt ihrem Kapital im Land zu halten.[13] Auch das gemeine Volk steht dem Staats- und Bankenwesen skeptisch gegenüber und lagert privates Vermögen vorzugsweise „im Sparstrumpf und unter der Matratze“.[14]

Schließlich ist der Übergang von Mafia und Schattenwirtschaft als fließend zu betrachten. Die Unfähigkeit des Staates, die flächendeckende Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, ließ die Schattenwirtschaft florieren und die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität verschwimmen. Ohne die Schattenwirtschaft wären weite Teile der russischen Bevölkerung nicht überlebensfähig. Diese Parallelwirtschaft bietet zudem einer Vielzahl von Menschen einen Arbeitsplatz und sei daher „nicht nur negativ zu beurteilen.“[15] Erhard Stölting meint gar, die Schattenwirtschaft trage die „Elastizität des Systems“ bei, die Illegalität sichere paradoxerweise, die Fortexistenz des Ganzen.[16]

[...]


[1] LALLEMAND, Allain: Russische Mafia - der Griff zur Macht. Das Netzwerk zwischen Moskau, Berlin und New York, München: Knaur 1999, S. 12.

[2] LALLEMAND, A.: Russische Mafia, S. 11 f.

[3] BONAVITA, Petra: Rußland im Griff der Mafia. Paten, Bürokraten, Bisnessmeni, Heilbronn: Distel Verlag 1999, S. 91.

[4] BONAVITA, P.: Rußland im Griff der Mafia, S. 91.

[5] Alexandre KONANYKHINE / Elena GRATCHEVA: Mafiocracy in Russia, http://www.konanykhine.com/mafiocracy.htm vom 26.03.2002.

[6] siehe ebd.

[7] Vgl. Philipp PACHOMOW / Dmitri KHUFENIA / Georgi GABASCHWILI: Die Wurzeln der Kriminalität in Rußland, in: GUS-Barometer Nr. 17, Bonn: Körber-Arbeitsstelle Rußland/GUS Nr. 17, 4. Jg., Juli 1998.

[8] Vgl. LALLEMAND, A.: Russische Mafia, S. 16.

[9] Vgl. o.V.: Ostmafia, in: Focus 48/1994, S. 306 f.

[10] Vgl. ebd.

[11] LALLEMAND, A: Russische Mafia, S. 150.

[12] LALLEMAND, A: Russische Mafia, S. 151.

[13] Vgl. Studie der russischen Akademie der Wissenschaften, zitiert nach: Roman Berger: Die Angst der Räuber vor ihresgleichen, Tages-Anzeiger vom 06.11.97, http://www.tages-anzeiger.ch/archiv/ 97november/971106/30226.HTM vom 26.03.02.

[14] Ebd.

[15] Roland GÖTZ: Wirtschaftliche Entwicklung in der GUS, in: Informationen zur Politischen Bildung Nr. 249, Bonn: 1995, http://www.bpb.de/info-franzis/html/body_i_249_2.html vom 26.03.02.

[16] Erhard STÖLTING: Rußlands Schattenwirtschaft. Schwierigkeiten einer zweiten Reformphase, in: Kommune 6/1997, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Mafia. Ökonomischer Faktor Rußlands
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Interdisziplinäres Mittelseminar: Probleme der Regional- und Stadt-Forschung (Regionale Probleme Russlands)
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V4240
ISBN (eBook)
9783638126274
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, Rußland, Sowjetunion, Geographie, Mafia, Russenmafia, Putin, Bürokratie, Organisiertes Verbrechen
Arbeit zitieren
Falko Wittig (Autor), 2002, Die Mafia. Ökonomischer Faktor Rußlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4240

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