Im Teufelskreis der Unterdrückung. Wie Frauen mit Kopftuch in Deutschland diskriminiert werden


Fachbuch, 2018
69 Seiten

Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

2 Theoretischer Teil
2.1 Der Islam
2.2 Geschlechterrollen im Islam
2.3 Islam in Deutschland
2.4 Frauen mit Kopftuch in Deutschland

3 Empirischer Teil
3.1 Forschungsansatz der Studie
3.2 Datenerhebungsinstrument
3.3 Empirische Ergebnisse

4 Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Die Säulen des Islam

Abbildung 2 Einige Titelseiten mit kritischem Islamblick

Abbildung 3 Die Religionszugehörigkeit der Befragten

Abbildung 4 Warum tragen sie ein Kopftuch?

Abbildung 5 Was schätzen sie, wie viele Frauen ihr Kopftuch nicht freiwillig tragen, sondern aus Zwang?

Abbildung 6 Von den Frauen, die freiwillig ein Kopftuch tragen, was glauben sie, ist der häufigste Grund dafür?

Abbildung 7 Ist das Kopftuch in Deutschland ihrer Meinung nach ein akzeptiertes Kleidungsstück?

Abbildung 8 Ist es für sie etwas Normales, in Deutschland einer Frau mit Kopftuch zu begegnen? Welcher Aussage ordnen sie sich am ehesten?

Abbildung 9 Ist das Tragen eines Tuches um den Kopf in der Öffentlichkeit als religiöses Symbol durch die Religionsfreiheit in Deutschland ihrer Ansicht nach gedeckt?

Abbildung 10 Würden sie bei den folgenden Personen akzeptieren, wenn sie aus religiösen Gründen ein Kopftuch trügen?

Abbildung 11 Haben sie den Eindruck, sie werden wegen ihres Kopftuches anders behandelt?

Abbildung 12 Trägt ihre Mutter auch ein Kopftuch?

Abbildung 13 Mit Kopftuch bin ich verpflichtet besonders auf mein verhalten zu achten!

Abbildung 14 Bestehen bestimmte Verhaltensweisen seitens ihrer Familie, die befolgt werden, da sie ein Kopftuch tragen?

Abbildung 15 Wie würde Ihr Umfeld (Familie, Bekannte und Freunde) bei folgendem Verhalten Ihrerseits Reagieren?

Abbildung 16 Weshalb würde Ihr Umfeld manches Ihrer Meinung nach nicht akzeptieren?

1 Einführung

Das muslimische Kopftuch ist ein häufig diskutiertes, umstrittenes Thema in Deutschland. Für Frauen, die das Kopftuch tragen, muss es nicht einfach sein, immer wieder deswegen zu einem Thema der Öffentlichkeit zu werden. Die fortbestehende Aktualität des Themas führt dazu, mehr darüber wissen zu wollen und die Lebensumstände dieser Frauen näher kennenzulernen.

Das Kopftuch wird oft missverstanden, dass sich daran auch Vorbehalte zeigen und Vorurteile entzünden. Eine Nonne aus einem Kontemplativen Orden würde sich auf der Straße stets im Gewand, das auch ihrer religiösen Überzeugung entspricht oder diese ausdrückt, zeigen und zeigen müssen. Wenn also ein solches Gewand, so wie auch ein Kopftuch, Zeichen der Ordensgemeinschaft ist, den Glauben ausdrückt, warum sollte man sich in Deutschland an einem „Kopftuch“ in der Öffentlichkeit stoßen.

Es entsteht der Eindruck, dass durch die Fehleinschätzung und -intepretation der Mehrheitsgesellschaft über das Kopftuch erhebliche Benachteiligungen für sie entstehen können. Ihre Einstellungen und Motive in Bezug auf das Kopftuch sind jedoch so vielfältig, dass ein Überblick von vornherein nur eingeschränkt möglich ist. Auch die Angehörigen machen den Frauen das Leben oft nicht leicht. Mit dem Tragen eines Kopftuches werden bestimmte Verhaltensweisen vorgegeben, an die sich die Frauen halten sollten. Sie werden von ihrer Familie dazu gedrängt, ein Kopftuch zu tragen. Nicht besser sieht die Situation im Islam aus.

Es gibt viele Unterschiede zwischen den Rechten beider Geschlechter. Die Frauen haben sich zu verschleiern, damit die Männer nicht „verführt“ werden. Sollen die Frauen für etwas büßen, woran die Männer schuld sind? Diese Arbeit geht von der Annahme aus, dass diese Frauen sowohl von der Religion als auch von der Familie und der Gesellschaft diskriminiert werden. Das Anliegen der Arbeit ist es, durch einen theoretischen und empirischen Ansatz sich den Lebenswelten dieser Frauen anzunähern.

Im theoretischen Teil werden die Sachverhalte dargestellt und alle Informationen gesammelt, die ggf. die Persönlichkeit der Frauen beeinflussen. Im empirischen Teil werden durch eine Stichprobe verschiedene Unklarheiten dieser Thematik exemplarisch untersucht und diskutiert. Die Online-Umfrage, an der eine Vielzahl von Frauen mit Kopftuch und andere Menschen aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft teilgenommen haben, enthält die eigenen Beobachtungen und Meinungen der Befragten. Sie sind die besten Experten für ihre Lebenswelt und nur sie können ihrer Wahrnehmung nach beurteilen, ob sie in verschiedenen Bereichen diskriminiert bzw. anders behandelt werden. Erst wenn das Kopftuch als Teil von Deutschland und als akzeptiertes Kleidungsstück angesehen wird, könnte es zu einer gegenseitigen Verständigung und zu einem friedlichen Miteinander kommen, fern der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Hierfür müssen die Frauen, die ein Kopftuch tragen, verstanden werden. Vor allem muss eine Wissenslücke bei manchen Menschen geschlossen werden.

Aus dem theoretischen und empirischen Teil wird im Anschluss eine Gesamtbewertung der Ergebnisse herausgearbeitet und dargestellt.

2 Theoretischer Teil

Das folgende Kapitel beschäftigt sich zunächst mit dem Islam als Religion. Nach den einleitenden Informationen über die Zahl der Muslime weltweit und einer Vorstellung des Kerns des Islams wird das Ursprüngliche dargestellt. Das Wesen des Islam gilt es in den Fokus zu nehmen, um die bestehenden Zusammenhänge im Verhältnis von Religion und Welt zu beleuchten. Die Beziehung und Haltung der einzelnen Gläubigen zu der Gesellschaft, in der sie leben, fußen auf verschiedenen Hintergründen. So kommt dem islamischen Menschenbild eine besondere Bedeutung für das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft zu.[1] Die Entstehung des Islam und geschichtliche Fakten werden dargestellt. Eine historische Rückschau erfolgt. Die Grundlagen des Islam, die das alltägliche Leben der Muslime ausmachen, werden ausführlich dargestellt. Hierzu gehören zunächst das Heilige Buch der Muslime, der Koran, die Glaubensartikel, die „fünf Säulen“ und die Hadithen. Anschließend werden sowohl die Rolle der Scharia im Leben der Muslime als auch die Beeinflussung des Alltags hierdurch beschrieben.

Nach der Erarbeitung des Hintergrundwissens werden die Geschlechterrollen der Muslime dargestellt. Hierbei werden zuerst die Gemeinsamkeiten in Bezug auf Rechte und Pflichten erläutert, anschließend werden die Unterschiede der einzelnen Geschlechter gegenübergestellt. In einem zweiten Abschnitt befasst sich das Kapitel mit dem Islam in Deutschland. Zu Beginn stelle ich allgemeine Daten und Fakten über Muslime in Deutschland dar. Im nächsten Schritt wird die Darstellung des Bildes der Muslime und des Islam in den Medien diskutiert. Diese medialen Bilder werden von vielen übernommen, was die allgemeine Vorstellung über diese Minderheit beeinflusst. Wie dies das Leben der Muslime in Deutschland erschwert und welche Herausforderungen diese zu bewältigen haben, wird im nächsten Schritt beschrieben. Schwierigkeiten und Herausforderungen, die sie erleben, sind bei den muslimischen Frauen feststellbar. So werden die Lebensverhältnisse der muslimischen Frauen und ihre Situation hierzulande dargestellt.

Dies geschieht zunächst ohne Bezug auf den Tragen eines Kopftuches, denn viele Musliminnen tragen auch kein Kopftuch. Im Anschluss daran wird das Kopftuch in den Mittelpunkt gestellt. Ein erster Eindruck über den Islam als Religion, über den Islam in Deutschland, das muslimische Leben in Deutschland und auch muslimische Frauen wird so möglich. Mit dem ausreichenden Wissen über die Menschen, um die es hauptsächlich in dieser Arbeit geht, geht es danach vom Allgemeinen zum Besonderen.

Zuerst wird die Lage der Frauen mit Kopftuch in Deutschland beschrieben. Die Motive für das Tragen des Kopftuches werden herausgearbeitet und stehen zunächst im Mittelpunkt. Im Anschluss wird das Motiv Kopftuch als politisches Symbol thematisiert. Dieses Motiv wird einzeln ausführlicher dargestellt, denn der Grund des Tragens eines Kopftuches stellt ein Problem dar, besonders in Hinsicht auf die mangelnde Akzeptanz seitens der Mehrheitsgesellschaft. Danach werden die „dreidimensionalen Diskriminierungsversuche“ erörtert, zunächst ist dies die Religion, die den Grundstein für eine abweichende Behandlung mit verschiedener Begründung zeigt. Weiterhin setzen Familien die Töchter unter Druck und behandeln sie in vielerlei Hinsicht anders. Zuletzt erfolgt der Blick auf die Gesellschaft, die den Frauen mit Kopftuch das Leben erschwert. Nach dieser theoretischen Ausarbeitung folgt der empirische Teil der Studie.

2.1 Der Islam

Der Islam ist nach dem Christentum die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft auf der Welt. Die Zuwachsrate steigt schnell.[2] Anfang des dritten Jahrtausends sind fast ein Viertel der Menschheit Muslime, nämlich 1,5 Milliarden Menschen.[3]

„Die Staaten mit der größten muslimischen Bevölkerung sind Indonesien (rund 200 Mio.), Pakistan (174 Mio.), Indien (160 Mio.) und Bangladesch (145 Mio.)“ (Halm 2015, S. 7).

Was diese Menschen verbindet und vereint, ist das Bekenntnis zum Monotheismus. Der Glaube besagt, es gebe nur einen Gott und den Glauben an Gottes Offenbarungen, die in dem Buch, dem Koran, aufgezeichnet worden sind. Die Offenbarungen wurden vom Propheten Mohammed verkündet. Man kann sich den Islam als einen Lebensweg vorstellen, der sich auf alle Bereiche des menschlichen Daseins erstreckt. Für die Gläubigen bedeutet dies, dass der Islam eine innere Haltung ist und ihnen eine Orientierung und Leitung für das eigene Leben bietet.[4]

Doch was beinhalten der Islam und der Glaube daran im Einzelnen? Dieses Kapitel befasst sich mit der Entstehung und Ursprung des Islam. Im Anschluss erfolgen sowohl ein kurzer Blick auf die Biographie des Propheten als auch die Darstellung der wichtigen Grundlagen, die die meisten Muslime prägen und die ihr Handeln leiten.

2.1.1 Die Entstehung

Der Ursprung des Islam liegt in Saudi-Arabien. In diesem Land herrschte im Jahre 610 nach Christus der altarabische Polytheismus. Die Menschen hielten Säulen, Statuen oder einfache Steine für heilige Götter und verehrten sie. Von solch einer polytheistischen Gesellschaft umgeben wuchs der Prophet Mohammed in der Stadt Mekka auf. Bis zur Nacht des 26. Ramadan im Jahr 610 nach Christus herrschte der Polytheismus, der dem Islam zufolge die schlimmste Form des Unglaubens ist. Die Zeit vor der Verkündung des Islam wird als Zeit der Unwissenheit bezeichnet. Der Wandel der alten Weltanschauung begann durch die Berufung Mohammeds. Ein Wandel, der einen großen Einfluss sowohl auf Mekka als auch auf andere arabische Länder nahm.[5] In dieser Nacht des Alleinseins in einer Höhle eines Berges namens Hira erschien dem Propheten Mohammed, während er meditierte, der Erzengel Gabriel.[6] So wurde die Kernbotschaft des Islam direkt in der ersten offenbarten Sure des Koran, die Gabriel Mohammed in dieser Nacht mitteilte, deutlich:

„Lies im Namen deines Herren, Der erschuf, Erschuf den Menschen aus einem Klumpen Blut. Lies! Denn dein Herr ist der Allgütige, Der (den Menschen) lehrte durch die Feder, Den Menschen lehrte, was er nicht wußte [sic!].“ (Sure 96: 2-6).

Der Beginn der Entstehung des Islam fing mit den zitierten Versen der Sure 96 des Korans an. Nach diesem Augenblick begann Mohammed für den Monotheismus zu werben und die Offenbarungen zu popularisieren. Die Bewohner seiner Heimatstadt Mekka empfanden ihn als Warner vor dem Gericht und als Mahner, der den Glauben an den einen Gott und die Verantwortung jedes Menschen für das Leben nach dem Tod predigte. Viele Bewohner, die eine eigene jahrhundertealte Tradition pflegten, lehnten sich gegen die neue monotheistische Botschaft des Propheten auf. Aus diesem Grund zog Mohammed nach Medina, das 350 Kilometer nordwestlich von Mekka entfernt liegt. Dort wollte er seine Anhänger vor seinen Gegnern beschützen und seine Botschaft verbreiten. Die Übersiedlung ist der Beginn der islamischen Zeitrechnung.[7]

Innerhalb von zehn Jahren schaffte es der Prophet, alle Bewohner der arabischen Halbinsel vom Islam zu überzeugen und sie seiner Glaubensgemeinschaft zuzuführen. Im Jahr 630 erlangte er die Herrschaft über Mekka, dort starb er zwei Jahre später.[8] Die ihm zuteil gewordenen Eingebungen gab er mündlich an seine Zeitgenossen weiter, damit diese für spätere Generationen und für die Menschen aufbewahrt werden konnten. Um sicherzustellen, dass die Eingebungen original bleiben und nicht im Laufe der Jahre verfälscht werden, wurden diese nach seinem Tod in Buchform gesammelt. Diese Offenbarung hat eine bedeutende Stellung, denn nach der Lehre des Islam wird es nach Mohammed, dem Vollender aller Offenbarungen, keine göttlichen Sendungen mehr geben.[9]

Als ehemaliger Zeitgenosse und Vertrauter des Propheten wird nun Abu Bakr sein Nachfolger, er wird Kalif. Das Wort Kalif leitet sich vom arabischen chalîfa ab, was Stellvertreter oder Nachfolger bedeutet. Weitere Kalifen folgten. Nicht einmal einhundert Jahre später spaltete sich der Islam in die Sunniten und in die Schiiten. Der Hauptgrund für diese Spaltung ist, dass die Sunniten in allen Kalifen rechtmäßige Nachfolger des Propheten Mohammeds sehen, dagegen die Schiiten in Ali, dem vierten Kalifen und Schwiegersohn Mohammeds, den letzten der richtig geleiteten Kalifen sehen. Der Name der Sunniten leitet sich vom arabischen Wort Sunna ab, was Sitte und Brauch bedeutet. Der Name der Schiiten von arabischen Wort Schia, was Partei heißt. Heute sind etwa 15 Prozent der Muslime Schiiten. Die Spaltung der muslimischen Gemeinschaft in Sunniten und Schiiten hat ursprünglich auch eine politische Begründung und Bedeutung.[10]

Beide muslimische Konfessionen, auch andere, sehen im Koran das Zentrum ihres Glaubens. Worin sich aber alle einig sind, ist die Wichtigkeit des Propheten. Viele Anhänger nehmen den Propheten als Vorbild. Was macht ihn zu einer wichtigen und einflussreichen Person?

2.1.2 Der Prophet

Für Muslime ist er nicht nur ein Prophet in einer langen Reihe von Propheten, sondern der letzte und damit „das Siegel der Propheten“. Dieser Stellung nach soll er die Sendungen der früheren Propheten nicht nur bekräftigt, sondern auch abgeschlossen haben.[11] Vorher war er ein durchschnittlicher Bewohner seiner Heimatstadt. Geboren ist er um 570 als Sohn eines Händlers in Mekka, im heutigen Saudi-Arabien. Als Waisenkind wuchs er zunächst unter der Obhut seines Großvaters und dann seines Onkels Abu Talib auf. Mit fünfundzwanzig Jahren hat er die ältere Kaufmannswitwe Chadidsche geheiratet. Sie war eine wohlhabende und erfolgreiche Frau in der Stadt. Durch die Heirat gewann er eine gesellschaftliche Position und wirtschaftliche Selbstständigkeit. Für den Propheten war seine Frau eine wichtige Bezugsperson. Zum einen gehörte sie zu den ersten Anhängern des Islam, zum anderen glaubte sie an die Wahrhaftigkeit ihres Mannes und unterstützte ihn sowohl ideell als auch finanziell.[12]

Seine Berufung ist im Jahr 610 anzusetzen. Hiervon wird nicht im Koran berichtet. Die Geschichte der Berufung ist in einer Überlieferung, die auf seine Witwe Chadische zurückgeführt wird, erörtert. Mohammed galt für seine Mitmenschen als Abgesandte sittlicher Werte und Normen.[13]

„Wegen seines Eintretens besonders für die Schwachen ist er bekannt und geachtet. Als Kaufmann genießt er das Vertrauen seiner Kunden und Gläubiger. Auch die Menschen aus Medina vertrauen dem Propheten und geloben ihm zu gehorchen“ (Klußmann 2016, S. 22).

Ebenfalls war er wegen seiner Zuverlässigkeit und Arbeitsfreudigkeit weithin bekannt. Auch im Koran wird er für seinen Charakter gelobt, seine Menschenliebe und Erbarmen gegenüber der Welt wird beschrieben. In demselben Maße zeichnen seine Biografien das Bild eines charakterfesten, ehrgeizigen Menschen. Seine Eigenschaft, Barmherzigkeit im Umgang mit seinen Mitmenschen zu zeigen, wird auch oft bestätigt.[14] Er hat eine Vorbildfunktion für viele Muslime. Dieser Folge zu leisten, würde bedeuten, seine Persönlichkeit nachzuahmen. Praktisch würde es beispielsweise bedeuten, den Mitmenschen mit Gnade und Barmherzigkeit zu begegnen, genauso wie der Prophet es selbst tat.[15] Außerdem wird anhand von Aussagen aus den Hadithen deutlich, dass es nur dem Propheten vorbehalten ist, Fürbitte für Menschen beim Jüngsten Gericht vor Gott abzulegen.[16] Es kam zur Auflehnung gegen die vorher bestehende Ordnung, wie oben verdeutlicht wurde. Ein wichtiges Ziel seiner Berufung war unter anderem die Gleichstellung der Geschlechter. Der Prophet habe den Grundstein für Frauenrechte gelegt und dafür gesorgt, dass die Frauen eine bessere Stellung bekommen.[17]

Daraus resultiert seine Wichtigkeit, deshalb sähe der Muslim den zweiten, sehr umfangreichen Komplex von göttlichen Resolution neben dem Koran in den Reden und im Handeln des Propheten.[18] Seine Gewohnheiten wurden erst einhundertfünfzig Jahre nach seinem Tod beschrieben. Die Einzelheiten seines Lebens, das viele nachahmen, sind also nur in der Form vorhanden, in der sie über einhundert Jahre nach seinem Tod im Umlauf waren.[19]

„Der Prophet ist der ideale Muslim, und wer sich so verhält wie er, verhält sich richtig“ (Halm 2015, S. 43).

Als Muslim gilt, wer sich wie ein Muslim verhält! Wie verhält sich ein Muslim? Welche Vorschriften sollen beachtet werden?

2.1.3 Die Grundlagen

Die wichtigste textliche Grundlage des Islam ist der Koran, der als der dem Propheten Mohammed offenbarte Wille Gottes gilt. Daraus entstanden die Glaubensartikel und die „fünf Säulen“ des Islam, die die grundlegenden Vorschriften dieser Religion darstellen. Die zweitwichtigste Grundlage sind die Berichte (Hadithen) über die Handlungsweisen und Gewohnheiten Mohammeds, der als der „Gesandte Gottes“ Vorbildcharakter für alle Muslime hat. Die sich aus diesen Texten ergebenden Normen werden in ihrer Gesamtheit als Scharia bezeichnet. Begonnen wird mit der wichtigen schriftlichen Quelle, dem Koran. Es lässt sich definieren, dass derjenige Muslim ist, der den Koran als Offenbarung des einzig-einen Gott anerkennt und sich daranhält.[20]

2.1.3.1 Der Koran

Der Koran wird als göttliche Manifestation angesehen und gibt damit Gottes Wort genau wieder. Er gehört nicht zu den Büchern, die sich einem Leser leicht erschließen.[21] Dieser ist zwar in arabischer Sprache verfasst, weise aber deutliche Unterschiede zur arabischen Hoch- und Literatursprache und gälte als besondere Sprache Gottes.[22] Aus dem Grund kommt es häufig vor, dass diverse Auslegungen mancher Stellen existieren.[23]

Als Definition würde es als Sammlung der von Mohammed empfangenen und öffentlich bekannt gemachten Offenbarungen Gottes bezeichnet werden.[24] Die Muslime vertrauen den Aussagen des Koran, weil Gott versprochen habe, dass er diese bis zum Ende der Zeiten vor Umgestaltungen beschützen werde. So bleibt diese Rechtleitung für die Menschen deutlich unverkennbar.[25] Das Wort Koran lasse sich aus dem Arabischen mit „vortragen“ oder „lesen“ übersetzen. Der Koran besteht aus 114 Kapiteln, den so genannten Suren. Die einzelnen Suren differenzieren sich nach dem Ort und der Zeit ihres „Herabstieges“. Die Grobeinteilung unterscheidet zwischen mekkanischen Suren und medinensischen Suren.[26]

Die Ordnung der Suren im Koran erfolge nicht chronologisch oder inhaltlich, sondern der Länge nach. Zu bemerken ist, dass jede Sure mit den Worten „Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen“ beginnt. Alle Muslime, gleich welchen Bekenntnisses oder welcher Konfession, halten sich an einen im Wesentlichen übereinstimmenden Korantext.[27] Die Ansprache Gottes erfolge stets in der ersten Person Plural, wobei er sich direkt an den Propheten oder an die Gläubigen wendet.[28]

Die Intention des Korans ist im Wesentlichen, die Menschheit in allen Lebenssituationen zu leiten. Dies solle sowohl geistig und säkular als auch individuell und kollektiv erfolgen. Hinzu kommt, dass der Koran Richtmaßen zur Lebensführung enthält und dies in Form von Geschichten und Parabeln erklärlich wird. Auch ihren Gott sollen Muslime durch Charakterisierung seine Eigenschaften kennenlernen. Weiter spricht der Koran über die besten Gesetze, um das gesellschaftliche Leben zu bestimmen und vorbildlich zu leben. Der Koran enthalte die Grundlagen für die ordnungsgemäße Lebensführung für jeden Menschen, jeden Ort und alle Zeiten, sodass er immer anwendbar sei. Schätzungsweise haben Millionen von Menschen heutzutage den Koran auswendig gelernt. Alle bisherigen Koranexemplare seien absolut identisch.[29]

Daraus resultierend besteht der Islam aus der Befolgung des Korans als wichtigste, unveränderbare Grundlage und den hieraus erfolgenden Vorschriften. Durch bestimmte Koranverse sind sechs Glaubensartikel und die „fünf Säulen“ hergeleitet worden, die den Grundstein des Glaubens darstellen.

2.1.3.2 Die Glaubensartikel

Ein wichtiger Bestandteil der Glaube ist es, von den Glaubensartikeln fest überzeugt zu sein. Nach islamischem Verständnis bilden diese sechs Faktoren eine unzertrennliche Einheit. Würde man einen Punkt nicht akzeptieren, so bestreitet man dadurch zugleich auch die anderen. Hergeleitet wurden diese Grundlagen des Glaubens von einem bestimmten Vers aus dem Koran, der wie folgt lautet:

„O ihr Gläubigen, glaubt an Allah und seinen Gesandten und an das Buch, das Er seinem Gesandten herabgesendet hat, und an die Schrift, die Er zuvor herabsandte. Und wer nicht an Allah und seine Engel und seine Bücher und seine Gesandten und an den jüngsten Tag glaubt, der ist wahrlich weit irregegangen“ (Sure 4: 137).

Durch diesen Vers wurden diese Bekenntnisse ein wichtiger Teil dieser Religion. Es wird von den Muslimen zuerst gefordert, dass sie an Gott glauben. Doch wie wird er im Koran dargestellt?

„Im Islam ist Gott der eine Schöpfer, Herr, Erhalter, Gesetzgeber, Richter und Bewahrer des Universums. Es gibt keinen, der Ihm in Seinen Fähigkeiten und Eigenschaften, wie Wissen und Macht, gleich ist. Jeglicher Gottesdienst, Verehrung und Huldigung ist direkt an Gott zu richten und an niemand sonst. Jeder Bruch mit diesem Konzept leugnet die Grundlage des Islam“ (Abdulsalam 2008).

Als zweiter Artikel gelte der Glaube an die Engel, die Gott gehorsam seien und als seine „ Diener“ gesehen werden. Der vorgeschriebene Glaube an sie darf nicht zur Verehrung werden, doch der reine Glaube an sie und an die unsichtbare Welt soll vorhanden sein.[30]

Weiter soll der Glaube an die Propheten und Gesandten und an die durch die von den Propheten offenbarten heiligen Schriften befestigt werden. Der Glaube an die Propheten bezieht sich nicht nur auf den Propheten des Islam, damit sind alle Propheten, die von Gott geschickt wurden, gemeint. Die Propheten sollten die gleiche Stellung bei den Gläubigen haben und nicht unterschieden werden. Zwar glauben die Muslime an die heiligen Bücher, die von den Propheten und Gesandten mitgeteilt wurden, doch keine von ihnen sei original unverändert geblieben wie die letzte göttliche Botschaft der Koran.[31]

Der fünfte Artikel wäre hiermit der Glaube an das Jüngste Gericht und an das Leben nach dem Tod. Der Islam verfügt über die Ansicht, dass der Mensch nach seinem Tod eines Tages für die von ihm vollstreckten Taten zur Verantwortung gezogen werden. Im Anschluss werden die Menschen entweder mit dem Feuer der Hölle bestraft oder mit dem Paradies belohnt.[32]

„Jene, die an dem richtigen Glauben an Gott und das Leben nach dem Tod festhielten und ihrem Glaube rechtschaffene Taten folgen ließen, werden in das Paradies eingehen, auch wenn sie für einige ihrer Sünden im Höllenfeuer zahlen müssen, falls Gott nicht in Seiner Unendlichen Gerechtigkeit wählt, ihnen zu vergeben“ (Abdulsalam, 2008).

Zuletzt wird erwartet, dass man an die göttliche Prädestination glaubt. Dieser Artikel gehört zu den wichtigen Artikeln, die Einfluss auf den Alltag nehmen. Darunter wird verstanden, dass

„Gott vollständige Kraft und Wissen über alle Dinge besitzt, und dass nichts geschieht, außer mit Seinem Willen und Seinem vollen Wissen. Was als Göttlicher Ratschluss bekannt ist, Schicksal oder “Verhängnis” heißt auf arabisch al-Qadr. Das Schicksal eines jeden Geschöpfes ist Gott bereits bekannt“ (Abdulsalam, 2008).

Alles, was den Menschen im Alltag widerfährt, ist mit Gottes Willen und Wissen geschehen. Manchmal sind die Menschen nicht in der Lage, ihre alltäglichen Situationen zu verstehen, dennoch wird erwartet, dass sie Zuversicht in Gott und seine Allmächtigkeit haben.[33]

„Dieser Glaube widerspricht nicht dem freien Willen des Menschen, die Art seiner Taten selbst zu bestimmen. Gott zwingt uns nicht, etwas zu tun; wir können entscheiden, ob wir Ihm gehorchen oder nicht. Unsere Wahl ist Gott bereits bekannt, bevor wir es tun. Wir kennen unser Schicksal nicht selbst, aber Gott kennt das Schicksal aller Dinge“ (Abdulsalam, 2008).

Alle praktizierenden Muslime akzeptieren den Glauben an die „sechs Glaubensartikel“ und sind auch verpflichtet, die „fünf Säulen“ zu befolgen.

2.1.3.3 Die „fünf Säulen“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Die Säulen des Islam[34]

Neben den beschriebenen sechs Glaubensartikeln sind weitere „fünf Säulen“ als Pflicht jedes Muslims anzusehen. Die fünf Grundpflichten des Islam werden als seine Säulen bezeichnet. Diese Grundpflichten beinhalten unter anderem das Glaubensbekenntnis (Shahada). Damit ist gemeint, dass zu bezeugen ist, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohammed sein Gesandter ist. Hierbei ist wichtig mitzuteilen, dass der Wechsel zum Islam ein formloses Verfahren ist. Daher genügt das Äußern des Glaubensbekenntnisses in achtbarer Absicht, um dem Islam anzugehören. Allerdings gilt der Sinneswechsel vom Islam zu einer anderen Religion als unzulässig.[35] Das Proklamation der Monotheismus ist die Sure 112:

„Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen. Sprich: << Er ist Allah, der Einzige; Allah, der Unabhängige und von allen Angeflehte. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt; Und keiner ist Ihm gleich >>“ (Sure 112).

Die zweite Säule des Islams ist das Verrichten des Gebets (Salat). Damit die Nähe zum Schöpfer gestärkt wird, sollen Muslime täglich fünf Pflichtgebete verrichten. Dieses besteht nicht nur aus gesprochenem Manuskript, sondern aus einer bestimmten Reihenfolge von Körperhaltungen. Bei der Verrichtung sollte man mehrere Regelungen beachten, wie z. B. die rituelle Waschung vollziehen und die Gebetsrichtung nach Mekka anordnen.[36]

„Verrichte das Gebet bei neigender Sonne bis zum Dunkel der Nacht, und das Lesen des Qurans bei Tagesanbruch ist besonders angezeigt“ (Sure 17: 79).

Weiter sollte man, um den Bedürftigen Solidarität zu erweisen, ist jede/r volljährige Muslim/in dazu verpflichtet, je nach Einkommen und Vermögen, 2 bis 2,5 Prozent in Form einer Pflichtabgabe (Zakat) abzugeben. Dadurch wird das soziale Zusammenleben gefördert, da die Gesamtgemeinde als Fraternität aufgefasst wird, in der alle füreinander einstehen sollten.[37]

Dies gilt als die dritte Säule des Islam, und dabei handelt es sich um einen wichtigen Bestandteil des Islam. Die Wichtigkeit unterstreicht diese Sure aus dem Koran:

„Seid ihr unruhig in bezug [sic!] auf das Geben von Almosen vor eurer vertraulichen Beratung? Nun denn, wenn ihr es nicht tut und Allah euch in Seine Barmherzigkeit aufnimmt, dann verrichtet das Gebet und zahlet die Zakat und gehorchet Allah und seinem Gesandten. Und Allah ist wohl kundig dessen, was ihr tut“ (Sure 58: 14).

Nach den innigsten Gottesverehrungen, in denen die Beziehung zum Schöpfer zum Vorschein treten kann, bildet der Fastenmonat (Ramadan) die vierte Säule.

„O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf daß [sic!] ihr euch stützet“ (Sure 2: 184).

Häufig ist hierbei die Rede vom „Glück im Verzicht“. Der jährliche Fastenmonat bringt mit sich, dass die Muslime einen Monat lang täglich von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken verzichten.[38] Durch den Verzicht ist

„dem Fastenden zu verdeutlichen, welch existenzielle Bedeutung Gottes Gaben für ihn haben. Denn für einen Hungrigen und Durstigen schmeckt auch ein einfaches Brot wundervoll und auch ein Glas Wasser hat einen ganz anderen Wert. Alles, was der Mensch besitzt, erfährt so eine Aufwertung. Und so denkt der Muslim während des ganzen Monats an Gott, seine Gaben und seine Barmherzigkeit“ (Karakoyun 2011).

[...]


[1] Vgl. Häberle 2012, S. 30

[2] Vgl. Bösel 2012, S. 1-3

[3] Vgl. Halm 2015, S. 7- 9

[4] Vgl. Mazyek 2016, S. 81-146

[5] Vgl. Halm 2015, S. 9-10

[6] Vgl. Halm 2015, S. 12-14

[7] Vgl. Schirrmacher 2012, S. 12

[8] Vgl. Halm 2015, S. 12-13

[9] Vgl. Halm 2015, S. 9-10

[10] Vgl. Halm 2015, S. 17

[11] Vgl. Halm 2015, S. 11-13

[12] Vgl. Halm 2015, S. 19-20

[13] Vgl. Schirrmacher 2012, S. 13

[14] Vgl. Bobzin 2016, S. 26-36

[15] Vgl. Mazyek 2016, S. 54-56

[16] Vgl. Mazyek 2016, S. 139

[17] Vgl. Ahmed 2011, S. 8

[18] Vgl. Halm 2015, S. 76-78

[19] Vgl. Halm 2015, S. 17

[20] Vgl. Halm 2015, S. 7

[21] Vgl. Bobzin 2015, S. 8

[22] Vgl. Halm 2015, S. 16

[23] Vgl. Bösel 2012, S. 8

[24] Vgl. Bobzin 2015, S. 17

[25] Vgl. Halm 2015, S. 13

[26] Vgl. Halm 2015, S. 14

[27] Vgl. Halm 2015, S. 15

[28] Vgl. Halm 2015, S. 16

[29] Vgl. Halm 2015, S. 16

[30] Vgl. Abdulsalam 2008

[31] Vgl. Abdulsalam 2008

[32] Vgl. Abdulsalam 2008

[33] Vgl. Abdulsalam 2008

[34] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/50/F%C3%BCnf_S%C3%A4ulen_ des_Islam.svg (Zugriff: 17.02.2017)

[35] Vgl. Halm 2015, S. 63

[36] Vgl. Halm 2015, S. 65

[37] Vgl. Halm 2015, S. 68

[38] Vgl. Mazyek 2016, S. 101-103

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Details

Titel
Im Teufelskreis der Unterdrückung. Wie Frauen mit Kopftuch in Deutschland diskriminiert werden
Autor
Jahr
2018
Seiten
69
Katalognummer
V424000
ISBN (eBook)
9783956874833
ISBN (Buch)
9783956874857
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kopftuch, Diskriminierung, Muslimische Frauen, Islam, Geschlechterrollen, Hijab
Arbeit zitieren
Nojin Malla Mirza (Autor), 2018, Im Teufelskreis der Unterdrückung. Wie Frauen mit Kopftuch in Deutschland diskriminiert werden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424000

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