Auswirkung der Pest auf die Figuren in Albert Camus Werk "La peste"


Hausarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung der Protagonisten
2.1. Bürger Orans
2.2. Rieux
2.3. Pater Paneloux
2.4. Grand
2.5. Tarrou
2.6. Rambert
2.7. Cottard

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Albert Camus Werk La peste, welches im Jahre 1947 veröffentlicht wurde, gilt als ״Werk der Okkupationszeit“1, nicht nur weil es wenige Jahre nach Ende dieser Zeit erschien, sondern weil die Pest eine Metapher für diese Zeit darstellt. Pest ist für Camus ein andres Wort für Krieg2, so vergleicht er beides bereits zu Beginn seines Romans: ״II y a eu dans le monde autant de pestes que de guerres. Et pourtant pestes et guerres trouvent les gens toujours aussi dépourvus.“3 Camus verkörpert mit der Pest das Unglück der Menschen4, welches er selbst erfahren musste. Auch Albert Camus fühlte sich einst verpestet, so schreibt er in seinen Tagebüchern: ״Ich will mit der Pest das Ersticken ausdrücken, an dem wir alle gelitten haben, und die Atmosphäre der Bedrohung und des Verbanntseins, in der wir gelebt haben.“5 Somit besteht eine große Identität zwischen Autor und Werk6. Einerseits, da Camus seine persönlichen Erfahrungen verarbeitet, andererseits indem einige Figuren Züge Camus tragen7. Wie auch sie musste der Autor in der Vergangenheit Gefühle wie Trennung und Exil hinnehmen. Er selbst erkrankt, wie Rieux Frau, an Tuberkulose und muss die Kriegsjahre getrennt von seiner Familie in Frankreich verbringen, da er nicht in seine Fleimat zurückkehren kann8. Da der Pestzustand einem Kriegszustand gleicht, löst er bei den Menschen gleiche Gefühle aus und bestimmt ihr Flandeln. Klaus Bergdolt schreibt: ״Seit Jahrhunderten verband man mit der Pest Leiden, Verzweiflung, ein einsames und qualvolles Sterben, [...] die Auflösung gesellschaftlicher Bindung, den Verlust religiöser und weltanschaulicher Sicherheit, utilitaristisch begründete Freiheitseinschränkungen sowie einen mentalen Ausnahmezustand.“9 Auch die Protagonisten in La Peste sind dieser hoffnungslosen Situation ausgesetzt.

Ich werde mich im Folgenden damit beschäftigen und den Fragen nachgehen, wie ein solcher Zustand die Menschen verändert und welche Rollen sie dabei einnehmen. Flierzu gehe ich auf die Protagonisten des Werkes ein und reflektiere deren Verhalten vor und nach Bekanntmachung der Epidemie und fasse schließlich die Ergebnisse im Schussteil allgemein zusammen.

2. Entwicklung der Protagonisten 2.1. Bürger Orans

Oran wird vor Ausbruch der Pest als eine ruhige, sogar langweilige Stadt beschrieben, in der viel gearbeitet wird und deswegen nie etwas Besonderes passiert. Im Roman wird sie zusammenfassend kurz als ״Neu neutre“10 beschrieben. Die Bewohner gehen stets ihren Gewohnheiten nach, sie denken nicht viel über ihr Leben nach, denn das würde sie womöglich aus ihrem Alltag reißen11, ebenso wie der Tod, der deswegen als ״inconfort"12 gilt, oder Krankheiten. Beides stört die Menschen in ihrem alltäglichen Leben und den Oraniem bleibt keine Zeit sich darum zu kümmern. Dieser Aspekt wirkt Paradox, wenn man bedenkt, dass sich deren Leben durch die Pest bald nur noch um eine Krankheit und um Sterben dreht. Allerdings ahnen die Bewohner davon noch nichts, da in dieser ״ville sans supçons“13 niemand etwas voraussieht oder Zeit hat über kommende Geschehnisse oder mögliche Gefahren nachzudenken, kurz gesagt ״[...] die Menschen [waren] völlig ahnungslos und unvorbereitet [...].“14 15 Als die Oranier jedoch mit Erscheinen der Ratten und dem Tod des Concierges erstmals aus ihren Gewohnheiten gerissen werden, wächst zwar deren Angst, allerdings versuchen diese lange ihre Beunruhigung zu kaschieren und wollen es so lange wie möglich vermeiden, das Wort Pest auszusprechen. Stattdessen sind sie bemüht, den Virus so gut wie möglich zu ignorieren: ״[...] ils ne croyaient pas aux fléaux. Le fléau n’est pas à la mesure de l’homme, on se dit donc que le fléau est irréel, c’est un mauvais rêve qui va passer."16 Erst mit der Schließung der Stadttore ändert sich erstmals etwas Grundlegendes im Verhalten der Oranier. Roland Doschka beschreibt diese neue Situation wie folgt: ״Mit der offiziellen Erklärung über den Ausbruch der Pest und dem Beschluß, die Stadt zu schließen, wandelt sich die Auffassung der Bewohner Orans. Sie fühlen, dass sie alle betroffen sind, und dass die Epidemie zur Angelegenheit aller wird. Diese Erkenntnis ist ein erster Ansatzpunkt für das

Entstehen des Gefühls der Zusammengehörigkeit und der daraus wachsenden menschlichen Solidarität.“17 Den Bürgern Orans wird nun bewusst, dass es sich hier um ein Kollektivschicksal handelt, bei dem persönliche Gefühle in den Hintergrund treten, keiner kann mehr in seinen Anliegen bevorzugt werden oder auf Mitgefühl hoffen,״[...] [die Situation] hat zur Folge, dass jeder mit absoluter Gleichheit behandelt wird. [...] Orans Bevölkerung [wird] zu einer homogenen Todesgemeinschaft, in der jeder jedem absolut gleichgestellt ist.“18 Was alle Bürger jedoch verbindet, ist das Gefühl der Trennung, als spürbarste Folge19. Die Bewohner von Oran werden mit der Schließung der Tore einerseits ihrer Freiheit beraubt, nämlich die Freiheit sich außerhalb der Stadt zu bewegen und die Stadt zu verlassen oder gegebenenfalls sogar rechtzeitig vor der Pest zu fliehen, andererseits sind viele von ihren Angehörigen getrennt und wissen nicht wann und ob sie diese wieder sehen werden. Es sind nicht nur Reisende und Besucher die bei Ausbruch der Pest und Schließung der Stadt in Oran weilen und nun nicht wieder zurück in ihre Heimat dürfen, auch umgekehrt können Bürger Orans, die sich zu dieser Zeit woanders als in Oran aufhalten, nicht wieder nach Hause zu ihrer Familie und ihrer gewohnten Umgebung. Diese ausweglose Situation lässt bei den bisher eher wenig emotionalen Oraniem ein völliges Wechselbad der Gefühle aufkommen:״[...] [L]a peste est le mal que représente toutes les formes de la souffrance qui accable l’homme."20 21 Nicht nur, dass zum ersten Mal Emotionen wie Eifersucht, Isolation, Einsamkeit und Verfremdung in den Menschen aufkommt und zu Kennzeichen und Folgen der Pest werden, auch werden sie so sehr von dem Wunsch, ihre Verwandten wiederzusehen bestimmt, dass sie jede Vorsicht und Gefahr, die sie ihren Liebsten damit aussetzen würden, vergessen22. Mit dem Gefühl der Trennung, kommen das Gefühl des Exils und Schuldgefühle. Die Menschen denken in ihrer Verlassenheit nun erstmals über ihre Gefühle nach, über ihre Liebsten, über die Vergangenheit, darüber was sie falsch gemacht haben und was sie nun ändern würden, ihr ganzes Leben gaben sie sich mit der Mittelmäßigkeit ihrer Liebe ab, ״[m]ais le souvenir est plus exigeant.“23 24 Richtig ihrer Lage bewusst werden sich die Oranier erst nach der ersten Predigt des Paters Paneloux. Diese jagt ihnen Angst ein und es fällt ihnen nun schwer die Situation in der sie steckten zu akzeptieren. Die Bürger wenden sich im Verlauf der Pest immer mehr vom gewöhnlichen Glauben ab. Nicht, dass sie an nichts mehr glauben, sie wenden sich jedoch lieber Aberglauben zu, da ihnen dadurch das geboten wird, was sie gerne hören wollen und ihnen nicht, wie in Pater Paneloux Predigt, Schuld zugesprochen und Angst gemacht wird. Denn es handelt sich bei diesem Glauben meistens um Prophezeiungen, die ihnen Hoffnung geben und sie beruhigen, indem sie das Aufhören der Pest Vorhersagen. So versuchten immer mehr aus Oran zu flüchten, dadurch kommt es zu steigenden Gewalttaten, Panik und wachsende Unzufriedenheit. Als die Epidemie ihren Höhepunkt erreicht, haben sich die Menschen grundlegend verändert: ״[A]n ein geliebtes Wesen, konnten sie sich nicht mehr erinnern. Zu Liebe und Freundschaft waren sie nicht mehr fähig weil diese Hoffnung auf Zukunft voraussetzen, die es für Rieux Mitbürger nicht mehr zu geben schien.“25 Die lange Trennung verfremdet die Menschen, die Erinnerung an eine Liebe verschwimmt mit der Zeit, man weiß nicht was der andere gerade macht, mit dem eigenen Leid fällt es schwer Liebe, Leidenschaft und Vertrautheit in den persönlichen Erinnerungen aufkommen zu lassen. Der Erzähler beschreibt diese Änderung der Befindlichkeit wie folgt: ״Personne, chez nous, n’avait plus de grands sentiments. Mais tout le monde éprouvait des sentiments monotones. [...] Auparavant, les séparés n’étaient pas réellement malheureux, il y avait dans leur souffrance une illumination qui venait de s’éteindre.“26 Als sie wieder hoffen dürfen, da die Pest zu Ende zu sein scheint, macht sich zunächst Unruhe bei ihnen breit. Die Menschen sind besorgt, ob sie ihre Geliebten wieder sehen werden oder ob sie so kurz vor ihrem Ziel noch von der Pest befallen werden würden. Für viele bedeutete schließlich das öffnen der Tore Wiedervereinigung und Freude. Für andere, die ihre Liebsten unterden Lebenden nicht wiederfinden konnten, ist die Pest jedoch noch nicht zu Ende

2.2. Rieux

Bernhard Rieux entpuppt sich im Laufe des Romans nicht nur als Chronist, sondern wird auch zum Drahtzieher im Kampf gegen die Epidemie. Er erkennt diese frühzeitig und wagt es neben seinem Kollegen Castel den Virus beim Namen zu nennen. Anschließend besteht er darauf dies auch den Bürgern zu offenbaren. Auch wenn die Gefahr, trotz eigenständiger Erkenntnis, für ihn noch unwirklich erscheint27, ist er von Anfang an bereit dagegen anzukämpfen und wird somit zum Experten der Pest 28. Er kann nicht wegschauen und fühlt sich gleich dazu verpflichtet zu helfen. Rieux macht klar deutlich, dass die Pest alle betrifft und dass nun jeder erst Recht seine Pflicht erfüllen muss 29 Rieux Pflicht als Arzt ist es also seinen Job auszuüben. Sein Beruf wird somit zur Berufung. Er tut dies nicht um später als Held dazustehen, sondern wie er sagt aus ״honnêteté“30, er möchte lieber ein Mensch, als ein Held sein31. Roland Doschka bringt diesen Aspekt auf den Punkt, indem er sagt: ״Illusionslose Pflichterfüllung, statt heroische Maßlosigkeit kennzeichnet den von ihm eingeschlagenen Weg.“32 Eine weitere Ambition für Rieux Handeln bietet aber auch seine Haltung gegenüber dem Tod. Er hat durch seinen Beruf unzählige Menschen sterben sehen, und doch konnte er sich nie mit dem Tod abfinden. Auch wenn er weiß, dass er diesen nie vollkommen bezwingen kann, besteht ״[sjein kategorischer Imperativ [...] im niemals zu beendenden Kampf gegen das Übel33. So kann er sich erst Recht nicht mit der Pest, als Gefahr für die Menschen und dem daraus resultierenden Leid abfinden, sondern hilft und kämpft bis zur eigenen Erschöpfung um so viele Menschen wie möglich zu retten und muss doch erkennen, dass ihn dieser Kampf verändert.

[...]


1 Frausing Vosshage, Frauge: Erläuterungen zu Albert Camus, Die Pest (La peste). Hollfeld: c. Bange Verlag, 2005, S.16.

2 Vgl. Forest Philippe: Camus.Etude de L'Etranger, La peste, Les justes, La chute. Alleur, Belgique: Marabout, 1992, s.132.

3 Camus, Albert: La Peste. Paris: Gallimard, 2005, s.41.

4 Vgl. Angelard, Véronique; Höfer, Werner: Lektürenhilfe Albert Camus, La Peste. Stuttgard, Dresden, Paris: Klett, 1995, s.90f.

5 Camus, Albert: Tagebücher 1935-1951. Reinbeck: Rowohlt, 1997, s.164.

6 Vgl. Frausing Vosshage, 2005, s.5f.

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Frausing Vosshage, 2005, s.9ff.

9 Bergdolt, Klaus: Die Pest. Die Geschichte des Schwarzen Todes. München: C.H.Beck, 2006, S.7.

10 Camus 2005, S.11.

11 Vgl. Höfer 1995, S.22.

12 Camus 2005, s. 12.

13 Ebd.

14 Frausing Vosshage 2005, s. 35.

15 Vgl. Camus 2005, S.62.

16 Camus 2005, s. 42.

17 Doschka, Roland: Naturmythos und Geschichten im Werk von Albert Camus. Tübingen: Narr, 2003. s. 92f.

18 Doschka 2003, S.93.

19 Vgl. Camus 2005, s. 67.

20 Guérin, Jeanyves.-Dictionnaire Albert Camus. Paris : R. Laffont, 2010, S.666.

21 Vgl. Frausing Vosshage 2005, S.34.

22 Vgl. Camus 2005, S.69.

23 Camus 2005, s. 74.

24 Bahners, Klaus: Albert Camus, Die Pest. Darstellung und Interpretation. Hollfeld: Joachim

25 Beyer Verlag, 2004, S.53.

26 Camus 2005, S.167.

27 Vgl. Camus 2005, S.42.

28 Vgl. Fausing Vosshage 2005, S. 52.

29 Vgl. Bahners 2004, S.24.

30 Camus 2005, S. 151.

31 Vgl. Forest 1992, S.171.

32 Doschka 2003, S.103.

33 Vgl. Doschka 2003, S. 102.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Auswirkung der Pest auf die Figuren in Albert Camus Werk "La peste"
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V424254
ISBN (eBook)
9783668697317
ISBN (Buch)
9783668697324
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Albert Camus, La peste, die Pest, Camus
Arbeit zitieren
Rebecca Wendel (Autor), 2014, Auswirkung der Pest auf die Figuren in Albert Camus Werk "La peste", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424254

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