Narzissmus und narzisstische Wut in Kleists Novelle "Michael Kohlhaas"


Hausarbeit, 2017

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychologisch-psychoanalytische Klärung des Narzissmus-Begriffs

3. Der Narzissmus des Michael Kohlhaas
3.1 Kohlhaas‘ narzisstische (Prä-)Disposition
3.2 Kohlhaas als (krankhafter) Narzisst

4. Entstehung und Entwicklung der narzisstischen Wut bei Michael Kohlhaas
4.1 Traumata und Kränkungen
4.2 Der Ausbruch der narzisstischen Wut und deren Verlauf
4.3 Chronische narzisstische Wut
4.4 Die Befriedigung Kohlhaas‘ narzisstischer Wut: Die Kapselepisode

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heinrich von Kleists Novelle Michael Kohlhaas thematisiert den Rachefeldzug, den der gleichnamige Protagonist – eigentlich ein wohlhabender Rosshändler – als Reaktion auf eine erfolgte und für Außenstehende vermeintlich geringfügige, für ihn selbst jedoch signifikante, Kränkung unternimmt. Seine Wut richtet sich dabei zunächst gegen den Junker von Tronka, der zwei seiner Rappen für die eigne Feldarbeit einsetzen ließ, wobei die einst prachtvollen Tiere mit der Zeit abmagerten; später überträgt sie sich aber mit dem sächsischen Kurfürsten auf einen der Landesherren Kohlhaas‘. Dass dieser nicht nur im großen Stile Unruhe stiftet und brandschatzt, sondern sogar - motiviert durch den herabgewirtschafteten Zustand zweier seiner Pferde, deren Verlust der finanziell gut situierte Kaufmann eigentlich problemlos verschmerzen könnte – mordet, akzentuiert nochmals die Tatsache, dass Kohlhaas‘ Reaktion in keinem Verhältnis zu dem Unrecht steht, das ihm widerfahren ist.

Verständlicher wird sein Verhalten dagegen, wenn man sich der Novelle aus psychoanalytischer Sicht nähert, genauer gesagt dann, wenn man den Narzissmus und die narzisstische Wut in Kleists Novelle Michael Kohlhaas untersucht. Aus diesem Grunde wird just dieses Thema Gegenstand dieser Arbeit sein. Hierfür wird nach dieser Einleitung als ersten Punkt mit der psychologisch-psychoanalytischen Klärung des Narzissmus-Begriffs, dem zweiten Überpunkt, eine Grundlage geschaffen, die die Ausgangsbasis für alles Folgende darstellen wird. In einem dritten Schritt geht es dann konkret um den Narzissmus des Michael Kohlhaas, wobei Kohlhaas‘ narzisstische (Prä-)Disposition (3.1) behandelt wird sowie untersucht wird, ob und inwiefern Kohlhaas als (krankhafter) Narzisst anzusehen ist (3.2). Im vierten Gliederungspunkt erfolgt schließlich eine Hinwendung zur Entstehung und Entwicklung der narzisstischen Wut bei Michael Kohlhaas. Diese umfasst zunächst die Traumata und Kränkungen (4.1), welche beim Protagonisten auftreten, zudem wird aber ebenfalls der Ausbruch der narzisstischen Wut und deren Verlauf (4.2) analysiert. Im Anschluss hierauf erfolgt die Beobachtung eines bestimmten Subtyps der narzisstischen Wut beim Protagonisten, nämlich die chronische narzisstische Wut (4.3), bevor mit der Befriedigung Kohlhaas‘ narzisstischer Wut, namentlich der Kapselepisode, auch das Ende der Novelle thematisiert wird. In einem fünften und letzten inhaltlichen Punkt erfolgt daraufhin im Rahmen eines Fazits eine Zusammenfassung sämtlicher zuvor erarbeiteten Erkenntnisse. Ein Literaturverzeichnis, in dem die verwendete Literatur vollständig aufgelistet wird sowie eine Selbstständigkeitserklärung werden die Hausarbeit letztendlich abschließen.

2. Psychologisch-psychoanalytische Klärung des Narzissmus-Begriffs

Verhältnismäßig simpel, aber dennoch aussagekräftig gestaltet sich die folgende, oftmals verwendete Narzissmus-Definition als „Liebe, die man dem Bild von sich selbst entgegenbringt.“[1] Generell bedeutet und umfasst der Begriff Narzissmus aus psychologisch-psychoanalytischer Sicht folglich die libidinöse Besetzung des Selbst, wobei diese hierbei ein großes Spektrum an Erfahrungen beinhaltet. Diese reichen von ganz normalen, ja sogar als gesund anzusehenden Narzissmus-Ausprägungen (wie beispielsweise der Verliebtheit) zu solchen, die als ‚krankhaft‘ eingestuft werden (wie etwa der Größenwahn).[2] Gesund und wichtig für das Individuum ist der Narzissmus unter anderem deshalb, weil er das Selbstwertgefühl aufrecht erhält und es schützt. Der Narzissmus fungiert des Weiteren als Zwischenstadium zwischen dem Autoerotismus und der Objektliebe, es ist auch durch und mit ihm, dass (Trieb-)Objekte überhaupt erst an Bedeutung gewinnen.[3]

Der Begriff Narzissmus lässt sich im Wesentlichen in zwei Haupterscheinungsformen ausdifferenzieren: nämlich in den primären sowie in den sekundären Narzissmus. Ersterer ist dabei nicht unmittelbar, sondern stets lediglich indirekt erschließbar, zudem kennzeichnet er sich aus durch „die ursprüngliche Libidobesetzung des Ich, von der später, nach Art von Pseudopodien, an die Objekte abgegeben wird. Ich- und Objektlibido (Egoismus und Liebe) treten damit in Gegensatz […]“[4] Im Gegensatz dazu ist dann der sekundäre Narzissmus zu nennen, dessen sozial und kulturell wichtige Funktion – welche zuvor bereits angedeutet wurde – vor allem darin besteht, durch Selbstliebe die betroffene Person vor dem Versagen zu schützen. In dieser Hinsicht wird das Wohlbefinden oftmals als idealer Zustand für das Aufrechterhalten einer narzisstischen Balance angeführt.[5] Auch in gesellschaftlicher Hinsicht übernimmt der sekundäre Narzissmus eine bedeutende Rolle: denn verschiedenartigste kulturelle Errungenschaften (unter anderem lassen sich hier diverse Wissenschaften, aber ebenso Religion und Kunst nennen) fungieren als Kompensation für den sekundären Narzissmus[6]. Eine weitere Narzissmus-Ausprägung repräsentiert jedoch ebenso die sogenannte narzisstische Persönlichkeit. Auffällig an dieser ist dabei, dass das Selbst und Objekt nicht etwa getrennt sind; stattdessen wird das Selbstbild in hohem Maße individualisiert. Dies erfolgt durch die Tatsache, dass hier ausschließlich gute Teilobjekte aufgenommen werden. Auf diese Weise wird letzten Endes das Selbst auf das Objekt projiziert während andere, störende Komponenten dagegen konsequent verleugnet werden.[7]

Für den Narzissmus mitsamt seinen diversen Erscheinungsformen lassen sich entsprechend vielfältige psychologisch-psychoanalytische Ansätze ausmachen, besonders anschaulich gestalten sich dabei die des Psychoanalytikers Otto F. Kernberg. Laut ihm zeichnet sich der Narzissmus etwa dadurch aus, dass Selbst-Repräsentanzen mit Objekt-Repräsentanzen in Verbindung stehen. Ebenso widmete Kernberg der narzisstischen Persönlichkeitsstörung seine Aufmerksamkeit. Er stellte hierbei Ähnlichkeiten zum Narzissmus an sich her, wie etwa der Fakt, dass das Selbst, das eine libidinöse Besetzung aufweist, nicht ordnungsgemäß im Selbst enthalten ist. Als unmittelbare Folge hierauf entstehen dagegen krankhafte Formen, wie beispielsweise das sogenannte grandiose Selbst.[8] Otto Kernberg macht außerdem ganz klar deutlich, wo die Grenzen zwischen normalem, also gesundem, und krankhaftem Narzissmus verlaufen. Ersterer sei so bei beziehungsfähigen Personen auffindbar, die ein individualisiertes Über-Ich ihr Eigen nennen können.[9] Ebenso beschäftigte er sich aber auch mit dem Erscheinungsbild des krankhaften Narzissmus; nach seinen Erkenntnissen basiert dieser „auf pathologischer Ich-/Über-Ich-Entwicklung und konflikthaft gestörten Triebderivaten, während normalerweise libidinös-aggressive Komponenten zu einem realistischen Selbst-Konzept mit „guten“ wie „bösen“ Selbst-Repräsentanzen integrier sind.“[10]

Auffällig bei nicht normalen Narzissmus-Erscheinungen ist zudem, dass Selbst und Objekt die Rollen vertauschen. Aus diesem Grunde sieht Kernberg das Phänomen des Narzissmus als eng verknüpft mit einer gleichgeschlechtlichen sexuellen Orientierung an.[11] Zusätzlich hierzu nennt er außerdem acht konkrete Symptome, anhand derer sich ungesunde Narzissmus-Formen ausmachen lassen. Bei diesen handelt es sich um „extreme Selbst-Bezogenheit, übermäßiges Bedürfnis nach Bewundertwerden, inflationäres Selbstkonzept und gleichzeitig Minderwertigkeitsgefühle, emotionale Flachheit, mangelnde Empathie, Neid, Misstrauen, Entwertung und parasitäre Ausbeutung anderer […]“[12] Somit lässt sich ein anormaler und ebenfalls ungesunder Narzissmus folglich anhand der Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen des mutmaßlich betroffenen Individuums erkennen.

3. Der Narzissmus des Michael Kohlhaas

3.1 Kohlhaas‘ narzisstische (Prä-)Disposition

Michael Kohlhaas‘ narzisstische (Prä-)Disposition stellt nicht nur ein wichtiges und elementares Fundament für seinen beruflichen Erfolg dar: sie hilft zugleich dabei, die Motivation für sein (aus der Sicht des Lesers oftmals unverständliches, da im Verhältnis zur handlungsauslösenden Tat zum Teil völlig unangemessenes) Handeln nachvollziehen zu können. Denn nur über den Narzissmus und die narzisstische Wut lässt sich erklären, dass Kohlhaas für zwei Rappen – deren Verlust er, wie bereits erwähnt, ja zudem problemlos verschmerzen könnte – derart maßlos reagiert. Schließlich wäre es ansonsten noch um ein vielfaches unbegreiflicher, dass der Rosshändler den herabgewirtschafteten Zustand seiner Tiere damit rächt, dass er zahllose Menschen um ihr Leben bringt. Dieses Agieren ist kaum entschuldbar, wird durch die narzisstische (Prä-)Disposition des Protagonisten jedoch verständlicher. Auf diese Weise wird dieser somit von einer mordenden Bestie zu einer Person stilisiert, die schlichtweg ihrer narzisstischen Wut – die unmittelbar aus der narzisstischen (Prä-)Disposition und dem Narzissmus resultiert – erliegt und durch die hervorgegangenen Kränkungen ausgelöst wird.

Die narzisstische (Prä-)Disposition bei Kohlhaas ist folglich insofern von Bedeutung, da sie für den beruflich erfolgreichen Kaufmann, der gesellschaftlich angesehen ist und eine große, intakte Familie vorweisen kann, eine elementare Stütze für eben diesen privaten und gesellschaftlichen Erfolg darstellt. Wichtig ist diese aber zusätzlich, weil sie die unmittelbare Basis für die Entwicklung des Narzissmus bildet, woraus sich dann wiederum die narzisstische Wut entwickelt.[13] Also ist es exakt Kohlhaas‘ narzisstische Prädisposition, die die narzisstische Handlungskette erst in Gang setzt; nur so kann also seine narzisstische Wut letzten Endes überhaupt erst entstehen und ausbrechen. Ohne diese würde es dann im Umkehrschluss keine erzählbare (oder besser gesagt: erzählenswerte) Geschichte geben, da Michael Kohlhaas sein Leben lang das „Muster eines guten Staatsbürgers“[14] geblieben wäre und nicht durch irgendwelche verübten Gräueltaten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hätte.

3.2 Kohlhaas als (krankhafter) Narzisst

Da Michael Kohlhaas somit über eine narzisstische (Prä-)Disposition verfügt, stellt sich dementsprechend die Frage, ob und inwiefern diese sich in (krankhafte) narzisstische Strukturen transformiert. Auf diese Weise soll geklärt werden, ob der Rosshändler als Narzisst oder gar als krankhafter Narzisst anzusehen ist. Wie bereits zuvor erwähnt, nennt der Psychoanalytiker Kernberg acht narzisstische Symptome; in diesem Zusammenhang nennt er den Neid als eine der auffälligsten Charakteristiken einer Person, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erkrankt ist.[15] Und auch Kohlhaas ist in der Tat ein neidischer Mensch, was gleich zu Beginn der Novelle deutlich wird: ganz unumwunden bewundert der Kaufmann auf der Tronkenburg nämlich den Junker von Tronka (oder besser gesagt dessen Besitztum).[16] Dabei ist dieser Neid gar nicht angebracht, denn Kohlhaas ist zwar nicht von Adel wie der Junker und verfügt nicht über dessen Reichtümer, dennoch lebt der Rosshändler als Bürger in nicht unansehnlichem Wohlstand. Dieser Neid kann weitrechende Folgen haben und sich in aggressiven Aktionen gegenüber dem Subjekt und/oder Objekt des Neides entladen. Es ist daher also nicht verwunderlich, dass Kohlhaas seinen ersten Rachefeldzug gegen den Junker von Tronka und dessen Burg richtet, nachdem er Burg und Burgherr zuvor ganz offensichtlich beneidet hat. Kernberg erklärt dieses (gewaltsame) Vorgehen des Protagonisten nach dem empfundenen Neid dabei folgendermaßen: „Im Neid aber hassen wir das, was wir selber wollen. Wir hassen das Gute. […] denn unbewusst muss das, was beneidet wird, zerstört werden.“[17]

Des Weiteren stellt Kernberg fest, dass es narzisstischen Persönlichkeiten oftmals an einem Vorbild fehlen würde und dass diese nicht in der Lage dazu seien, wirklich zu trauern. Stattdessen würden die betroffenen Personen Schuldgefühle einfach durch Scham ersetzen.[18] Bei Kohlhaas gestaltet sich der Sachverhalt dagegen etwas anders: mit Luther kann der Rosshändler so etwa ein Vorbild aufweisen, das er respektiert und dessen Meinung ihm etwas bedeutet. Tatsächlich ist er jedoch wirklich nicht dazu in der Lage, aufrichtig um seine verstorbene Frau Lisbeth trauern zu können, sondern nimmt unmittelbar nach der Beerdigung seinen Rachefeldzug auf.[19] Ebenso substituiert Kohlhaas seine Schuldgefühle durch Scham, was an vielen Stellen innerhalb des Werkes sichtbar wird. Beispielsweise errötet der Rosshändler gegenüber seinem Vorbild Martin Luther, etwa, als er dessen über ihn verfasstes Plakat liest.[20] In dieser Hinsicht ist Kohlhaas also ein prototypischer Narzisst, da diese häufig zu Scham, insbesondere in Form von Erröten, neigen.[21] Eine weitere typische Verhaltensweise eines Menschen, der an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erkrankt ist, ist das antisoziale Verhalten.[22] Auch Kohlhaas lässt ein solches antisoziales Verhalten natürlich insofern erkennen, als dass er als Reaktion auf das ihm widerfahrene Unrecht brandschatzt und mordet. Er überschreitet hier sämtliche moralische Grenzen, da er beispielsweise nicht nur Vogt und Verwalter der Tronkenburg ermordet (bzw. ermorden lässt), sondern ebenfalls deren Frau und Kinder, die keinerlei Schuld an dem Geschehen tragen.[23]

Grund für diese übertriebene Aktion ist dabei die Tatsache, dass Kohlhaas sich einem Selbst-Objekt zuschreibt,[24] konkret sind dies in seinem Fall die zwei prachtvollen Rappen des Rosshändlers. Er idealisiert seine Tiere somit sozusagen, weswegen er auch derart wütend darüber ist, dass diese durch den Junker so schändlich behandelt und schlecht versorgt worden sind. Der Vorgang der Idealisierung ist laut Kohut ein besonderes Phänomen des Narzissmus und sogar „der eine der beiden Hauptwege der Entwicklung des Narzißmus.“[25] Davon, dass der Narzissmus des Protagonisten nach Aufnahme des Rachefeldzuges in zunehmendem Maße krankhafte Strukturen aufweist, zeugt nicht nur der Fakt, dass Kohlhaas sich selbst als Erzengel Michael ansieht.[26] Auch der Erzähler selbst gibt jetzt seine verständnisvoll-sympathisierende Haltung Kohlhaas gegenüber auf; er macht deutlich, dass er sein Verhalten nicht gutheißt und seinen Narzissmus als krankhaft einstuft und äußert dies explizit, indem er diesen als „eine Schwärmerei krankhafter und missgeschaffener Art“[27] bezeichnet. Auch Frickes Sichtweisen gehen in diese Richtung, denn er konstatiert Kohlhaas zwar löbliche Absichten, stellt jedoch ebenso fest, dass in diese sich „leider in aufdringlicher Stärke eine höchst unerfreuliche Liebe des eigenen Ich“[28] mischt.

Es ist so mehr als deutlich, dass Michael Kohlhaas als Narzisst anzusehen ist. Allerdings sind die narzisstischen Ausprägungen, die er aufweist, nicht als anormal oder krankhaft einzustufen. Ganz im Gegenteil helfen sie dem Protagonisten sogar dabei, sozial und gesellschaftlich erfolgreich zu sein und ein Leben in verhältnismäßigem Wohlstand zu führen. Erst nachdem sich Kohlhaas völlig seiner Rache widmet, werden bei ihm krankhafte narzisstische Strukturen immer auffälliger und beeinflussen sein Handeln sowie seine Selbstwahrnehmung als Erzengel Michael.

4. Entstehung und Entwicklung der narzisstischen Wut bei Michael Kohlhaas

4.1 Traumata und Kränkungen

Traumata und Kränkungen sind für die Entstehung von narzisstischer Wut von elementarer Bedeutung: Traumata können dabei zunächst als eine Art Wunde verstanden werden. Diese wiederum besitzen das Potential, sich in eine Kränkung zu transformieren, während diese narzisstischen Kränkung schließlich zur Entwicklung narzisstischer Wut führen kann.[29] Eine narzisstische Kränkung ist so als eine „Erschütterung des seelischen Gleichgewichts“[30] anzusehen. Sie fungiert als unmittelbare Reaktion auf eine Niederlage, die die jeweils betroffene Person erlebt hat.[31]

In Kleists Novelle Michael Kohlhaas können dementsprechend vier Traumata ausgemacht werden: nämlich erstens der Tod Tronka seniors, der eine Art Vaterfigur für Kohlhaas darstellte (hieraus resultiert letztendlich ebenfalls die ‚Bruderrivalität‘ zwischen Kohlhaas und Tronka junior). Als zweites Trauma ist dann die Misshandlung der Rappen durch den Junker anzusehen, worauf drittens mit der (endgültigen) Abweisung der diversen Klagen die (ebenso endgültige) Verletzung des Rechtsgefühls des Protagonisten erfolgt. Das vierte und letzte Trauma stellt dann der Tod von Kohlhaas‘ Frau Lisbeth dar.

Es sind also exakt diese erfahrenen Traumata, die beim Protagonisten zur Herausbildung einer narzisstischen Kränkung führen. Kränkungen sind dabei stets eng verbunden mit einem beschämenden Vorgang.[32] Dies zeigt sich bereits bei Kohlhaas selbst: die Traumata, die ihm widerfahren, bedeuten letzten Endes allesamt eine Art der Beschämung für ihn. Zunächst verliert er so einen Menschen, der ihm wie ein Vater gilt und wird dadurch gedemütigt, dass sein verhasster ‚Bruder‘ dessen Stellung – die zudem höher ist, als die seinige – übernimmt. Indem die Rappen des Rosshändlers herabgewirtschaftet (und somit gedemütigt werden), erfolgt mit ihm dasselbe, da er sich diesen Objekten unmittelbar selbst zuschreibt. Mit der Abweisung der Klagen wird Kohlhaas erneut von einer weiteren Vaterfigur, seinem Landesherren, gedemütigt, weil dieser ihm sein Recht verweigert. Eine letzte Demütigung erfährt dieser dann, als seine geliebte Frau Lisbeth beim Kampf für die Gerechtigkeit ihres Mannes ums Leben kommt; und das ausgerechnet am Hof des Landesherren, der es somit nicht vermag, seine Untertanen so zu schützen, wie es diesen eigentlich zusteht.

Auf diese Weise erfährt Kohlhaas durch sein (Selbst-)Objekt, namentlich seine beiden Rappen, viel Leid. Jedoch bleibt es hierbei nicht bei einer Kränkung, denn diese transformiert sich beim Protagonisten schnell zu einer unbändigen Wut – der narzisstischen Wut – und sucht nach Entladung. Zugleich bildet diese Form der narzisstischen Wut dabei das Maximum an Aggression, zu dem ein menschliches Individuum fähig ist. Henseler beschreibt diesen Prozess dabei folgendermaßen:

Das liegt daran, daß die Enttäuschungen am narzißtischen Objekt nicht nur ärgerlich sind, sondern darüber hinaus als Kränkung erlebt werden. Und auf Kränkungen reagiert der Mensch mit blinder, ja ohnmächtiger Wut. Ohnmächtige Wut gilt aber als Gipfel an aggressiver Reaktion, zu der ein Mensch fähig ist.[33]

Der Grad, in dem die narzisstische Wut bei Kohlhaas durchbricht, hängt damit eng zusammen mit den erlittenen Traumata und Kränkungen. Ebenso transformiert sich sein Narzissmus in Folge dessen und lässt zunehmen ungesunde Ausprägungen und Tendenzen erkennen. Denn vor dem dritten und vierten Trauma ist Michael Kohlhaas lediglich als „narzisstische Persönlichkeit mit antisozialem Verhalten“[34] anzusehen. Personen, die hieran erkrankt sind, sind noch dazu in der Lage, gut funktionierende soziale Beziehungen zu unterhalten. Des Weiteren ist diese Form der narzisstischen Persönlichkeit ehrlich und kann Ideale besitzen und zwar in unterschiedlichen Bereichen, wie etwa in künstlerischer, religiöser, aber auch beruflicher und/oder wissenschaftlicher Hinsicht.[35] Dies trifft bis zu der endgültigen Ablehnung der Klagen und Lisbeths Tod auch auf Kohlhaas zu, denn er ist zu diesem Zeitpunkt noch ein ehrlicher, redlicher Kaufmann, der mit legalen Mitteln versucht, zu seinem ihm zustehenden Recht zu gelangen. Ebenso verfügt er mit Martin Luther über ein starkes religiöses Vorbild, das für ihn eine Autoritätsfigur verkörpert und dessen Meinung ihm wichtig ist. Seine große, intakte Familie sowie engere Bekanntschaften und Freundschaften (wie etwa die mit dem Amtmann) machen zudem deutlich, dass Kohlhaas eine sozial integre Persönlichkeit ist. Wirklich bedenklich ist diese Form des Narzissmus jedoch noch nicht, da die Chancen auf Heilung hier hoch sind.[36]

Nach dem dritten und vierten Trauma ändert sich die Situation aber: Kohlhaas‘ Narzissmus transformiert sich nun; er lässt jetzt einen „maligne[n] Narzissmus“[37] erkennen. Diese narzisstische Persönlichkeitsstörung steht für antisoziales Verhalten, das entweder passiv ausbeutend oder aber aggressiv sein kann. Da diese narzisstische Ausprägung kritischer ist als die vorangegangene, sind die Chancen auf Heilung hier deutlich geringer.[38] Bei Kohlhaas tritt der maligne Narzissmus nach der endgültigen Ablehnung seiner Klagen und somit ebenfalls nach Lisbeths Tod in Erscheinung: er nimmt jetzt seinen Rachefeldzug auf, brandschatzt und mordet, um zu seinem Recht zu gelangen. Kurz gesagt besitzt der Protagonist nun nicht nur aggressives Potential, er lässt dieser Aggression auch freien Lauf, wovon nicht nur zahlreiche durch ihn und seine Truppe verbrannte Häuser, sondern ebenfalls eine Vielzahl an ermordeten Menschen zeugen. Kohlhaas hat hiermit also ein kritisches narzisstisches Stadium erreicht, das deutlich krankhafte Ausmaße annimmt.

Weil Kohlhaas seine Traumata und Kränkungen erst relativ spät in seinem Leben (nämlich als Erwachsener) widerfahren sind, nimmt sein Narzissmus niemals unheilbare und extremst krankhafte Formen an, denn er ist zu keinem Zeitpunkt im Verlauf des Geschehens als „antisoziale Persönlichkeit im engeren Sinne“[39] anzusehen. Solche antisozialen Persönlichkeiten verfügen über kein ethisches Moralsystem und –empfinden und sind zudem nicht dazu in der Lage, Schuldgefühle und Reue zu verspüren. Sichtbar werden die antisozialen Persönlichkeiten bereits in der frühen Kindheit, da die betroffenen Personen bereits von Kindesbeinen an durch ihre antisozialen Verhaltensweisen auffallen.[40] Dies verdeutlicht nochmals, dass Kohlhaas nicht als eine solche antisoziale Persönlichkeit im engeren Sinne zu kategorisieren ist, weil er zum Zeitpunkt des Durchbruchs seines aggressiven Verhaltens bereits seit einiger Zeit das Erwachsenenalter erreicht hat, ohne dass er irgendwelche Anzeichen von antisozialem Verhalten erkennen hat lassen. Ganz im Gegenteil hätte der Rosshändler „bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können.“[41] Außerdem ist Kohlhaas dazu fähig, Schuldgefühle und Reue zu empfinden, wenn auch oftmals lediglich in Form von Scham und Erröten. Kohlhaas spät erlittene Traumata (bzw. Kränkungen) führen folglich dazu, dass er das äußerst krankhafte und unheilbare narzisstische Stadium der antisozialen Persönlichkeit im engeren Sinne niemals erreicht. Selbst nach Trauma drei und vier ist es daher tatsächlich unmöglich für den brandenburgischen Kaufmann, über den malignen Narzissmus hinaus zu gelangen.

[...]


[1] Heribert Wahl: Narzissmus, narzisstische Persönlichkeit. In: Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Hg. v. Wolfgang Martens und Bruno Waldvogel. 3. Aufl. Stuttgart 2008, S. 490.

[2] Vgl.: Ebd., S. 490-492.

[3] Vgl.: Ebd., S. 491.

[4] Ebd.

[5] Vgl.: Ebd., S. 492.

[6] Vgl.: Ebd., S. 493.

[7] Vgl.: Ebd., S. 492-493.

[8] Vgl.: Ebd., S. 493.

[9] Vgl.: Ebd.

[10] Ebd.

[11] Vgl.: Ebd.

[12] Ebd.

[13] Vgl.: Heinz Henseler: Zur Entwicklung und Regulation des Selbstwertgefühls (Die psychoanaltische Theorie des narzißtischen Systems). In: Psychoanalytische Entwicklungspsychologie. Hg. v. Dieter Ohlmeier. Freiburg i. Br. 1973, S. 56.

[14] Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Stuttgart 2003, S. 3.

[15] Vgl.: Otto F. Kernberg: Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus. Stuttgart 2012, S. 62.

[16] Vgl.: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Stuttgart 2003, S. 3-4.

[17] Otto F. Kernberg: Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus. Stuttgart 2012, S. 62.

[18] Vgl.: Ebd., S. 64.

[19] Vgl.: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Stuttgart 2003, S. 28.

[20] Ebd., S. 42.

[21] Vgl.: Klaus Seiler: Michael Kohlhaas und die narzißtische Wut. In: Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie 29 (1998) H. 98, S. 136-137.

[22] Vgl.: Otto F. Kernberg: Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus. Stuttgart 2012, S. 59.

[23] Vgl.: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Stuttgart 2003, S. 29.

[24] Vgl.: Heinz Kohut: Narzißmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. 5. Aufl. Frankfurt a. M. 1985, S. 57.

[25] Ebd., S. 60.

[26] Vgl.: Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Stuttgart 2003, S. 39.

[27] Ebd., S. 33.

[28] Gerhard Fri>

[29] Vgl.: Peter Dettmering: Die Psychodynamik in Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“. In: Psyche 29 (1975), S. 155.

[30] Heinz Kohut: Formen und Umformungen des Narzißmus. In: Die Zukunft der Psychoanalyse. Aufsätze zu allgemeinen Themen und zur Psychologie des Selbst. Hg. v. Ders. Frankfurt a. M. 1975, S. 140.

[31] Vgl.: Ebd., S. 148.

[32] Vgl.: Carl Pietzcker: Michael Kohlhaas und Die Marquise von O…. Kleists Versuche mit Scham und Beschämung; eine psychoanalytische Annäherung. In: Heinrich von Kleist. Neue Ansichten eines rebellischen Klassikers. Hg. v. Werner Frick. Freiburg i. Br. 2014, S. 258.

[33] Heinz Henseler: Zur Entwicklung und Regulation des Selbstwertgefühls (Die psychoanaltische Theorie des narzißtischen Systems). In: Psychoanalytische Entwicklungspsychologie. Hg. v. Dieter Ohlmeier. Freiburg i. Br. 1973, S. 66, [Hervorhebungen durch den Verfasser].

[34] Otto F. Kernberg: Hass, Wut, Gewalt und Narzissmus. Stuttgart 2012, S. 65.

[35] Vgl.: Ebd.

[36] Vgl.: Ebd.

[37] Ebd.

[38] Vgl.: Ebd.

[39] Ebd.

[40] Ebd.

[41] Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik. Stuttgart 2003, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Narzissmus und narzisstische Wut in Kleists Novelle "Michael Kohlhaas"
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V424280
ISBN (eBook)
9783668697515
ISBN (Buch)
9783668697522
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narzissmus, Wut, Kleist, Freud
Arbeit zitieren
B.A. Sarah Neubauer (Autor), 2017, Narzissmus und narzisstische Wut in Kleists Novelle "Michael Kohlhaas", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424280

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