Michel Foucaults Machtbegriff in Judith Butlers feministische Rezeption


Hausarbeit, 2017

12 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Foucaults juridisch-diskursive Machtkonzeptionen

3. Sexualität und Macht: Hin zu einem strategisch-produktiven Machtverständnis

4. Judith Butlers feministische Auseinandersetzung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Foucaults kritische Philosophie hat Feministinnen angezogen, aber auch beunruhigt͘“ (Sawicki 1994:612), schreibt die Philosophin Jana Sawicki in einem Aufsatz über die feministische Rezeption Michel Foucaults Theorien und Analysekonzepte. Vor allem sein veränderter Machtbegriff hat den Feminismus nachhaltig geprägt. Seine meist zitierten Werke diesbezüglich sind „Überwachen und Strafen“ (1976) sowie „Der Wille zum Wissen“ (1977), da er dort beschreibt, wie Macht die Körper beeinflusst und wie gesellschaftliche Machtverhältnisse die Sexualität des Menschen verändern. Dabei geht es in erster Linie in keiner dieser Schriften um Geschlechterdifferenzen, sondern vielmehr darum, dass sich die Art der Machteinwirkung auf den Körper gewandelt hat.

Feministische Wissenschaftlerinnen fühlen sich deshalb von Foucaults Machtkonzept„angezogen“ (ebd͘), wie Sawicki formuliert, weil er ein analytisches Vorgehen liefert,patriarchale Herrschaft und weibliche Identitäten zu untersuchen. (Kögler 2004:177) Doch diefeministische Rezeption ist nicht durchwegs gleich: Während der eine Strang FoucaultsMachtkonzept auf die Geschlechter anwendet und weiterentwickelt, kritisiert der andereStrang die fehlende Widerstandsfähigkeit, die sich mit der allumfassenden Macht ergibt underarbeitet Lösungsmöglichkeiten. (Raab 1998:56 und Kögler 2004:177) Zum letzteren Stranggehört die amerikanische Sprachphilosophin und Feministin Judith Butler. Aufbauend aufFoucault behandelt sie in ihren Texten die Beziehung zwischen Körper und Macht undentwickelt daraus einen Subjektbegriff. In ihren Überlegungen geht sie im Speziellen auf dieHandlungsfähigkeit, sprich Widerstandsfähigkeit der Subjekte ein.

Wie Foucaults Machtbegriff nun Judith Butler in ihren Überlegungen geprägt hat undinwiefern sie sich von seiner Philosophie angezogen oder beunruhigt fühlt, soll in vorliegenderArbeit herausgearbeitet werden. Dabei stellt sich die Frage, welche Rolle bei ihr Diskurse,Körper und Macht spielen. Wie geht sie mit dem Begriff des Sexualitätsdispositivs um undworan übt sie Kritik?

Um diese Fragen zu beantworten, wird zunächst dargelegt, was Foucault unter Macht versteht, wie er seinen Machtbegriff verändert hat und wie dieser für ihn mit Sexualität zusammenhängt. Danach wird untersucht, wie Butler das Konzept auf ihre Arbeit anwendet und was sie kritisiert. Im Fazit werden die Forschungsfragen beantwortet.

2. Foucaults juridisch-diskursive Machtkonzeptionen

Um Foucaults Machtbegriff zu definieren, ist zunächst sein Werk „Überwachen und Strafen“ (1976) von Bedeutung, da er darin mithilfe der Geburt des Gefängnisses erklärt, wie sich Machtpraktiken verändert haben. Er führt eine Genealogie der Strafpraxis in der Geschichte durch und identifiziert dabei verschiedene juridisch-diskursive Typen der Macht.

Hinrich Fink-Eitel (1997) fasst diese Genealogie in seiner Einführung in drei Schrittenzusammen. Die erste Form der Macht ist die Ausschließung oder auch Aussetzung. Damit istzum einen die Einschließung und Verbannung Kranker, Wahnsinniger und Asozialer gemeint.Das geschah beispielsweise im Mittelalter mit der Isolation Leprakranker, die man amStadtrand aussetzte und kontrollierte. Zum anderen gehört zu diesem Machttypus die radikalekörperliche Vernichtung, wie sie in Hexenverfolgungen und im absolutistischen StrafvollzugAnwendung fand. Bei Letzterem steht der Körper aufgrund der Züchtigung, die er mitFolterung erfährt und des öffentlichen Marterns im Mittelpunkt (vgl. Fink-Eitel 1997:72ff.).

Die zweite Machtform schließt sich an die erste an, denn sie ist eine Weiterentwicklung des Strafvollzugs durch Reformjuristen zur Zeit der Aufklärung. Sie kritisierten das massive Martern am Körper und führten stattdessen Integrationsmaßnahmen ein, um die Gesamtgesellschaft zu schützen. Es galt, den Ausgeschlossenen umzuerziehen und zu belehren, statt ihn mit Gewalt zu bestrafen (vgl. ebd.).

Mit dem dritten Machttypus erklärt Foucault schließlich, warum sich das Gefängnis alsStrafform durchgesetzt hat. Es ist eine Zusammenführung der ersteren Typen, denn es schließtvon der Gesellschaft aus und unterwirft die Gefangenen zugleich disziplinierendenMaßnahmen. Letzteres dient dazu, den Körper zu formieren und zu normalisieren (vgl. ebd.,S.77f.). Die Disziplinierung ist eine Form der Machtausübung, die dazu dient, „nutzbringendeIndividuen zu fabrizieren“ (Foucault 1976:271). Somit ist sichergestellt, dass alle Individuengleich denken und in ein Raster passen; jedes bekommt seinen Platz zugewiesen.

Foucaults Theorie zufolge, produziert das Gefängnis genau die Kriminalität, die es zu beseitigen vorgibt, was wiederum eine strengere Kontrolle beispielsweise in Form von Kameras legitimiert (vgl. Fink-Eitel 1997:77). In „Überwachen und Strafen“ beschreibt er produktive Wirkungen der Macht und prägt damit einen Subjektbegriff:

„Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, alsob sie nur ‚ausschließen’, ‚unterdrücken’, ‚verdrängen’, ‚zensieren’, ‚abstrahieren’,‚maskieren’, ‚verschleiern’ würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv͖ und sieproduziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale:das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.“ (Foucault1976:250)

Foucault sagt damit, dass Macht nicht nur dazu da ist, zu martern, auszuschließen und zuunterdrücken, sondern sie ist vor allem produktiv, indem sie Wahrheiten und Gegenständeproduziert. Das Individuum und wie es denkt, sind von der Produktivität der Macht geprägt.Daher gehören sämtliche Disziplinierungsanstalten, wie etwa Schulen, Kasernen und auchKrankenhäuser zu dieser Form der Machtausübung. Fink-Eitel erklärt, dass die nicht-diskursiven Disziplinierungspraktiken außerdem dazu genutzt werden, Wissen über denMenschen zu erlangen und damit Wahrheiten und Gegenstände zu produzieren. Deshalb wardas Prüfen, Kontrollieren und Überwachen des Körpers bzw. des Individuums Voraussetzungfür die Entstehung der Humanwissenschaften (vgl. Fink-Eitel 1997:77f.).

3. Sexualität und Macht: Hin zu einem strategisch-produktiven Machtverständnis

Im ersten Band seiner Geschichte der Sexualität, „Der Wille zum Wissen“ überdenkt Foucault seinen Machtbegriff. Darin beschreibt er die Funktionsweisen von Macht anhand des Themas Sexualität und stellt ihre Wirkungsweise sowie ihre Verbreitung infrage. Er kritisiert seine sogenannte Repressionshypothese, indem er zeigt, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse seit dem 19͘ Jahrhundert „bei der diskursiven Produktion einer historisch spezifischen Sexualität etabliert und erhalten werden.“ (Raab 1998:50)

So gehen die Vertreter der Hypothese davon aus, dass sich die anfängliche Offenheit bezüglichdes Sexes historisch zu einer Repression entwickelte. Gab es im 17. Jahrhundert nochSchamlosigkeit, Freizügigkeit sowie direkte Reden und Gesten, so wandelte sich dieser Diskursum den Sex im 19. Jahrhundert zu einem verheimlichten, mit Scham besetzten (vgl. Foucault 1977:11). Von da an wurde der Sex zensiert und verschwiegen und galt nur dem Zweck der Reproduktion. Laut Foucault unterstellen die Anhänger der Repressionshypothese, dass eseinen natürlich gegebenen Gegensatz zwischen Sexualität und Macht gibt. Macht wird indieser Theorie in Form von Unterdrückung bzw. Repression verstanden (vgl. Bührmann1995:36).

Foucault hingegen begründet den Diskurswandel mit dem Geständniszwang, der sich seit demEnde des 18. Jahrhunderts ausgebreitet hat. Angefangen mit der Beichte, die alles ans Lichtbrachte, hin zu vielfältigeren Geständnisverfahren in der Moderne. Er geht nicht davon aus,dass der Sex aus den Diskursen ausgeschlossen wurde, sondern dass Sexualität das Produkteiner Diskursivierung aufgrund der Ausstreuung von Diskursen, Perversionen und derWissenschaft der Sexualität ist (vgl. Foucault 1977:29). Seiner Theorie nach ist Sexualität eingesellschaftliches Dispositiv:

„Man hat nicht nur den Bereich dessen, was sich über den Sex sagen ließ, ausgebreitet und die Menschen dazu gezwungen, ihn beständig zu erweitern; man hat vor allem den Diskurs an den Sex angeschlossen, und zwar vermöge eines komplexen und vielfältig wirkenden Dispositivs.“ (ebd.)

Damit meint er, dass das Feld Sexualität von sozialen Normen bestimmt wird. Es gibt keine naturgegebene Sexualität, denn sie wird stets vom menschlichen Verhalten und den bestehenden gesellschaftlichen Regeln geformt. Die Diskursivierung von Sexualität ist damit die Auswirkung einer veränderten rt der Machtausübung͘ Diese nennt Foucault „Bio-Macht“ (ebd. 135), denn sie ist auf die Bevölkerungsregulierung ausgelegt (vgl. ebd.).

Das Dispositiv umfasst damit unter anderem Diskurse, Einrichtungen, Institutionen, Gesetze,Normen, wissenschaftliche Aussagen und sowohl Gesagtes, als auch Ungesagtes (vgl. Foucault1978:120). Es ist ein heterogenes Zusammenspiel diskursiver und nicht-diskursiver Machtpraktiken:

„Das Dispositiv ist also immer in ein Spiel der Macht eingeschrieben, [...] an Grenzen des Wissens gebunden, die daraus hervorgehen es gleichwohl aber auch bedingen: Eben das ist das Dispositiv: Strategien von Kräfteverhältnissen, die Typen von Wissen stützen und von denen gestützt werden.“ (ebd. 123)

Der Begriff des Dispositivs hängt also für Foucault eng mit Macht und Wissen zusammen. Es ist der Koordinator der verschiedenen Machtverhältnisse, da es wie ein Netz alle in ihm wirkenden Elemente zusammenhält. Gleichzeitig bringt es Wissen hervor, weil es zu Diskursen reizt und sorgt dafür, dass sich alle Individuen an das Wissen ‚halten‘ - sprich gleich denken und handeln. Durch bestimmte „Strategien“, wie Foucault oben schreibt, wird das Dispositiv gestützt. Das können beispielsweise Kontrollpraktiken sein.

Angewandt auf das Feld der Sexualität, kommt Foucault zu folgenden vier Strängen, aus denensich das Sexualitätsdispositiv zusammensetzt: das Pädagogisieren des kindlichen Sexes, dasHysterisieren des weiblichen Körpers, das Psychiatrisieren der perversen Lust sowie dasSozialisieren der Reproduktion (vgl. Foucault 1977:103ff.). Mithilfe des Geständniszwangs, dersich im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, verbindet er die Sexualität mit Macht. Da MachtFoucault zufolge jedoch allumfassend ist - es also kein vordiskursives ‚Stadium‘ des Subjektsgibt - gibt es auch keine Möglichkeit des Individuums, ihr zu entrinnen (vgl. Fink-Eitel1997:82). Das Subjekt und seine Sexualität sind somit nur „ein willkürliches Konstrukt derMacht͘“ (ebd͘ 87)͘ Und genau dies kritisiert Judith Butler an Foucaults Machttheorie. Wie sieder Kritik theoretisch gegensteuert und welche Konzepte sie von ihm übernimmt, ist Themades nächsten Kapitels.

4. Judith Butlers feministische Auseinandersetzung

Judith Butlers wohl bekannteste Schriften sind diese zum Thema Geschlecht. Darin setzt siesich mit grundlegenden Begriffen der Geschlechtertheorie und -forschung auseinander, wieetwa mit den Kategorien Frau, Körper, feministische Praxen, Identität sowie Sexualität. IhrWerk „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1991) sorgte für zahlreiche Kontroversen, weil sieeine neue Art, das Geschlecht zu denken erschuf. Paula-Irene Villa formuliert in ihrerEinführung vier Grundfragen, mit denen sich Butler beschäftigt: Wie kommt die naturalisierteOntologie des Geschlechts zustande und welche Rolle nehmen Diskurse, Körper und Machtein? Wie hängen sex, gender und sexuelle Orientierung zusammen? Welche politischenDimensionen werden sichtbar und welche Optionen bieten sich für feministische Theorien?(vgl. Villa 2003:60f.)

Butlers Schwerpunkt liegt dabei auf der „Verschränkung von Subjekt und Macht, von Physischem und Diskursivem“ (Bublitz 2002:8) und welche Wirkungen Macht auf den Körperhat. Sie greift auf Foucaults diskurstheoretische Auseinandersetzungen zurück, denn sie gehtwie er davon aus, dass die Wirklichkeit durch diskursive und sprachliche Macht erzeugt wird.Daher gibt es für sie keinen Körper bzw. Materie ohne seine kulturelle Form. Folglich ist dasbiologische Geschlecht konstruiert von kulturellen Normen, einer produktiven Macht. Dieseproduziert Körper hinsichtlich eines normativen Ideals (vgl. ebd. 8f.). Butler stellt dieNatürlichkeit des Geschlechts infrage und veranschaulicht, dass Geschlechtskörper Produktehegemonialer Diskurse sind.

„Die Kategorie des >sex< ist von Anfang an normativ; sie ist, was Foucault ein>regulierendes Ideal< genannt hat. In diesem Sinne fungiert das >biologischeGeschlecht< demnach nicht nur als eine Norm, sondern ist Teil einer regulierendenPraxis, die die Körper herstellt, die sie beherrscht, das heißt, deren regulierendeKraft sich als eine Art produktive Macht erweist, als Macht, die von ihr kontrolliertenKörper zu produzieren [...] Anders gesagt, das >biologische Geschlecht< ist einideales Konstrukt.“ (Butler 1997:21)

Sie lehnt sich also an Foucaults These an, dass das moderne Sexualitätsdispositiv die Folgebestimmter Diskurse ist, welche in Form von Normen angeblich ‚natürliche‘ Geschlechterherstellt. Dieses Dispositiv wird durch Regularien aufrechterhalten und gestärkt, sodass esimmer mehr Diskurse und damit Wissen hervorbringt. Butler schreibt, dass diese produktiveMacht die Körper kontrolliert und gleichzeitig neue, gleiche Körper herstellt (vgl. Zitat). DieReproduktion sieht sie als eine diskursive Strategie der Regulierung und Disziplinierung„subversiver Mannigfaltigkeit einer Sexualität, die mit den Hegemonien der Heterosexualität,der Fortpflanzung und des medizinisch-juristischen Diskurses bricht͘“ (Butler 1991:41) WieFoucault beschreibt Butler Regularien, Strategien, Gesetze, Kontrollpraktiken usw. alsVoraussetzung dafür, dass das bestehende Dispositiv erhalten bleibt. Auch die kulturelleUmgebung wird durch regulative Verfahren bezüglich Macht und Diskurs produziert.

Auf gleiche Weise verfährt Butler mit der Materialität der Psyche: Auch sie ist das Ergebnisdiskursiver Macht- und Subjektivierungsstrategien, daher versucht sie, die Macht- undSubjekttheorie Foucaults durch eine Theorie zu verbinden. Demnach erzeugt Macht Körperund Psyche und unterwirft sie gleichzeitig (vgl͘ Bublitz 2002:9f͘)͘ „Entwurf, Herstellung undUnterwerfung - der Materialität und Körperlichkeit - des Subjekts bilden einen Vorgang͘“

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Michel Foucaults Machtbegriff in Judith Butlers feministische Rezeption
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Medien- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Methodenlehre: Diskursanalyse
Note
1,00
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V424383
ISBN (eBook)
9783668697980
ISBN (Buch)
9783668697997
Dateigröße
730 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskursanalyse, Butler, Foucault, Machtbegriff
Arbeit zitieren
Raphaela Kaiser (Autor), 2017, Michel Foucaults Machtbegriff in Judith Butlers feministische Rezeption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424383

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