1947 wurde vom US-Ankläger Robert Kempner in den Nürnberger Nachfolgeprozessen das einzig erhalten gebliebene Protokoll (16/30) der so genannten „Wannsee-Konferenz“ vom 20.01.1942 gefunden. Hier wurde der Plan der rationalisierten Ermordung aller europäischen Juden und die effektive Beteiligung des nationalsozialistischen Staatsapparates an diesem industrialisierten Völkermord (= Genozid) in nüchterner bürokratischer Sprache formuliert. Es stellen sich in Bezug auf die Wannsee-Konferenz folgende Fragen:
Wie konnte es überhaupt zu dieser Konferenz kommen? Was war der Zweck der Wannsee-Konferenz? Welche Pläne wurden dort erörtert und wurden diese Pläne auch in die Tat umgesetzt?
Allein das Protokoll an sich wirft viele Fragen auf, da es vom Reichsicherheitshauptamt (RSHA) zensiert wurde und nicht den genauen Ablauf der Geschehnisse der Konferenz wieder gibt.
Auch die nach dem Krieg in den Nürnberger Prozessen vernommenen Teilnehmer der Konferenz machten teilweise sehr widersprüchliche Aussagen, um ihre Hände in Unschuld zu waschen.
Im Folgenden wird versucht auf diese Fragen eine plausible Antwort zu finden und die Geschehnisse des 20.01.1942 näher zu beleuchten.
Gliederung
A. Einleitung
B. Was geschah im Vorfeld der Wannsee-Konferenz?
I. Versuch einer „territorialen Lösung“ mit Ausbruch des Krieges:
II. Von Vertreibungen zum Massenmord:
III. Vom Massenmord zum Genozid
1. Mitte 1941
2. September 1941
IV. Wer war die treibende Kraft hinter dem Genozid?
V. Einladung zur Wannsee-Konferenz
C. Teilnehmer der Wannsee-Konferenz
I. Heydrichs Gäste
II. Welche Erwartungen hatten die Teilnehmer?
D. Was geschah auf der Wannsee-Konferenz?
I. Vorangehende Ausführungen Heydrichs
II. Definition der Grenzfälle
III. Mischehen
IV. Genozid oder was die Staatssekretäre erfuhren
V. Einwände anderer Teilnehmer
VI. Euphemismen im Wannsee-Protokoll:
VII. Zur Motivation und Psychologie der Konferenz-Teilnehmer
E. Zweck der Wannsee-Konferenz
F. Fazit der Konferenz
I. Hatte Heydrich in Wannsee erreicht, was er wollte?
II. Welchen Anteil hatte die Wannsee-Konferenz an dieser Mordwelle?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die historischen Hintergründe, den Ablauf und die Intentionen der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942. Das primäre Ziel ist es, den Status der Konferenz als Wendepunkt im Übergang von der Vertreibungspolitik hin zum systematischen, industriellen Völkermord an den europäischen Juden zu untersuchen und die Rolle sowie die Motivation der teilnehmenden NS-Bürokraten kritisch zu beleuchten.
- Entwicklung der nationalsozialistischen Judenpolitik vom Kriegsbeginn bis zum Genozid.
- Die Rolle von Reinhard Heydrich und die Funktion der Konferenz als Koordinationsinstrument.
- Analyse des Wannsee-Protokolls und der verwendeten Euphemismen.
- Motivation und psychologisches Profil der hochrangigen Konferenzteilnehmer.
- Bewertung der Konferenz als Katalysator für die weitere Deportations- und Mordpraxis.
Auszug aus dem Buch
I. Vorangehende Ausführungen Heydrichs
Dem Protokoll zufolge erinnerte Heydrich am Anfang seiner Ausführungen daran, dass Göring ihn mit der „Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage“ beauftragt habe. Der Reichsmarschall erwarte einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Erfordernisse der „Endlösung der europäischen Judenfrage“ vorgelegt zu bekommen. Es sei daher notwendig, alle beteiligten Zentralinstanzen zusammenzubringen und ihr Handeln zu koordinieren.
Die Federführung bei der Endlösung liege bei Himmler und konkret bei dessen Vertreter Heydrich selbst. Anschließend gab Heydrich einen Überblick über die bisherigen antijüdischen Maßnahmen des NS-Regimes. Bisheriges Ziel war es die Juden aus der deutschen Gesellschaft und von deutschem Boden zu „entfernen“. Um dies zu erreichen, wurde zunächst die Auswanderung gefördert. Bis zum 31.10.1941 wurden so 537.000 Juden zur Auswanderung gebracht. Aufgrund der Gefahren, die eine solche in Kriegszeiten heraufbeschwöre und der neuen Möglichkeiten im Osten wurde die Auswanderung durch Himmler unterbunden. Anstelle der Auswanderung sollten die Juden mit der Zustimmung des Führers nach Osten „evakuiert“ werden. Heydrich fügt hinzu, dass hierbei bereits „jene praktischen Erfahrungen gesammelt werden, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung sind“. Hierfür kämen ca. 11 Millionen Juden in ganz Europa in Betracht.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entdeckung des Wannsee-Protokolls ein und skizziert die zentralen Forschungsfragen bezüglich Zweck und Ablauf der Konferenz.
B. Was geschah im Vorfeld der Wannsee-Konferenz?: Das Kapitel beleuchtet den Wandel der NS-Judenpolitik von ersten Deportationsversuchen und Ghettobildungen bis hin zur Entscheidung zum industriellen Massenmord im Kontext des Krieges gegen die Sowjetunion.
C. Teilnehmer der Wannsee-Konferenz: Hier werden die geladenen hochrangigen Vertreter der Staatsbürokratie, der SS und der NSDAP porträtiert und deren Erwartungen an die Konferenz analysiert.
D. Was geschah auf der Wannsee-Konferenz?: Dieses Kapitel untersucht die im Protokoll festgehaltenen Ausführungen Heydrichs, die Behandlung von Grenzfällen und Mischehen sowie die Verwendung von Euphemismen.
E. Zweck der Wannsee-Konferenz: Es wird die These diskutiert, ob die Konferenz primär der Selbsterhöhung Heydrichs diente oder der notwendigen Koordinierung der beteiligten Instanzen bei der praktischen Durchführung des Genozids.
F. Fazit der Konferenz: Die Arbeit bilanziert, inwieweit Heydrich seine Ziele erreichte und welche Bedeutung die Konferenz für die nachfolgende massive Mordwelle und Deportationspraxis hatte.
Schlüsselwörter
Wannseekonferenz, Endlösung, Holocaust, Reinhard Heydrich, RSHA, Nationalsozialismus, Völkermord, Deportation, Wannsee-Protokoll, NS-Bürokratie, Antisemitismus, Judenmord, Mischlinge, Euphemismen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942, ein Schlüsselereignis in der Organisation des Holocausts, bei dem hochrangige NS-Funktionäre die systematische Ermordung der europäischen Juden koordinierten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, der bürokratischen Vorbereitung des Mordes, der Rolle der Konferenzteilnehmer und der Auswertung des überlieferten Protokolls.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, wie es zu dieser Konferenz kam, welchen Zweck sie für das RSHA hatte und ob sie tatsächlich der Startpunkt für den Genozid war oder eher die Koordination eines bereits laufenden Prozesses darstellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung des Wannsee-Protokolls sowie der Sekundärliteratur zu den Nürnberger Prozessen und anderen zeitgenössischen Dokumenten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Vorgeschichte, die Zusammensetzung des Teilnehmerkreises, die Diskussionen um Mischehen und Grenzfälle sowie die tatsächliche Bedeutung der Konferenz für die spätere Mordpraxis detailliert erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Wannseekonferenz, Endlösung, Genozid, NS-Bürokratie, Reinhard Heydrich und Holocaust.
Warum war laut der Arbeit die Einladung der Staatssekretäre so wichtig für Heydrich?
Heydrich wollte die beteiligten Ministerien und Instanzen durch das Protokoll zur Komplizenschaft verpflichten, um ein einheitliches Vorgehen sicherzustellen und ihre Unterstützung bei der administrativen Umsetzung zu garantieren.
Was war der Hintergrund für die Diskussion um Mischehen auf der Konferenz?
Die Diskussion spiegelte die Ambivalenz des Regimes wider: Einerseits wollte man den radikalen Rassenbegriff durchsetzen, andererseits fürchtete man aufgrund der zahlreichen betroffenen „deutschen Verwandten“ soziale Unruhen und negative Reaktionen der Bevölkerung.
Inwiefern beeinflusste das Attentat auf Heydrich das Morden?
Heydrichs Tod nach dem Attentat stärkte die Führungsrolle Himmlers und führte zu einer Verschärfung der Vernichtungskampagne, die nun zunehmend eigenständig und ohne ständige Rücksprachen verlief.
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- Thomas Krauss (Author), 2005, Die Wannseekonferenz vom 20.01.1942, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42438