Arturo Toscanini und Claudio Abbado als Interpreten von Franz Schuberts Sinfonie Nr. 2 in B-Dur D 125


Ausarbeitung, 2015
11 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schuberts frühe Sinfonien innerhalb seines sinfonischen Œuvre

3. Vergleichende Betrachtung zweier Einspielungen unter Leitung von Arturo Toscanini und Claudio Abbado
3.1 Largo - Allegro vivace
3.2 Andante
3.3 Menuetto: Allegro vivace
3.4 Presto vivace

4. Schlussbemerkung

5. Literatur- und Quellenverzeichnis
5.1 Musikalien
5.2 Schrifttum
5.3 Tonträger

1. Einleitung

Wenn man die zentrale Rolle jener Aufnahmen bedenkt, die unter der Leitung des Dirigenten Arturo Toscanini von den großen Instrumentalwerken und Opern des 19. und 20. Jahrhunderts - darunter epochale Werke von Ludwig van Beethoven, Richard Wagner oder Giuseppe Verdi bis hin zu Giacomo Puccini und Richard Strauss - entstanden sind, so wird zwangsläufig die Beschäftigung des Maestro mit dem Werk Franz Schuberts auf eine Art „Nebenschauplatz“ verdrängt. Dies gilt ganz und gar für dessen frühe Sinfonien. Mit dem Vergleich einer Einspielung von Schuberts Sinfonie Nr.

2 in B-Dur D 125 unter der Leitung von Arturo Toscanini mit einer Einspielung unter der Leitung von Claudio Abbado wendet sich die vorliegende Ausarbeitung genau diesem Gebiet zu.

Zunächst erfolgt in einem eigenständigen Kapitel eine kurze Einordnung der frühen Sinfonien in das sinfonische Schaffen Schuberts. Ein Augenmerk bildet dabei auch der Versuch einer Standortbestimmung in der Geschichte der Gattung, da stilistische Aspekte in eine umfassende Beurteilung der Interpretationen durchaus hineinspielen. Nach einer vergleichenden Betrachtung der beiden Interpretationen, die sich mit allen vier Sätzen des Werkes beschäftigt, folgt mit der Schlussbemerkung eine abschließende Bewertung der Einspielungen unter Toscanini und Abbado.

2. Schuberts frühe Sinfonien innerhalb seines sinfonischen Œuvre

Die Sinfonien Nr. 1 bis Nr. 6 von Franz Schubert werden gerne als Jugendwerke, respektive Studienwerke eingestuft. Die unvollendet gebliebene Sinfonie Nr. 7 in h-Moll Unvollendete D 759 und die Große C-Dur-Sinfonie D 944, mit denen Schubert als Wegbereiter für die große romantische Sinfonie gesehen werden kann, genießen weitaus größere Popularität und Ansehen. Gerade letztere verdankt ihren Siegeszug den Bemühungen Robert Schumanns, der das Werk nicht nur in Schuberts Nachlass bei dessen Bruder Ferdinand entdeckt, sondern auch die Uraufführung durch Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig und die Publikation bei Breitkopf & Härtel in die Wege geleitet hat.1

Schuberts frühe Sinfonien sind allesamt in den Jahren zwischen 1813 und 1818 entstanden und entstammen somit der Feder eines 16- bis 21-jährigen. Der sich insoweit etablierte Begriff des Jugend- oder Studienwerkes (im Sinne von Werken geringerer Güte) offenbart dabei eine Sichtweise, welche die beiden letzten Sinfonien als Maß zugrunde legt: So sind diese beiden späten Werke „so völlig neu, daß von ihnen aus gesehen die ersten sechs tatsächlich nicht nur als leicht, jugendlich und frisch, sondern auch als Werke erscheinen müssen, die eben noch nicht auf der Höhe der späteren stehen.“2 Bei genauer Betrachtung zeigt aber spätestens die Sinfonie Nr. 4 in c-Moll D 417 Tragische Sinfonie bereits eine beträchtliche kompositorische Reife; dies sowohl bei der Themenbildung als auch bei der formalen Ausgestaltung.

Gattungsgeschichtlich stehen Schuberts frühe Sinfonien in der Tradition Mozarts und Haydns.3 Der vorherrschende gesangliche Charakter in den Kopfsätzen, der Reminiszenzen an das singende Allegro bei Mozart erkennen lässt, sowie das bis einschließlich der Sinfonie Nr. 5 in B-Dur D 485 vertretene Menuett (anstelle des Scherzo, wenn auch die für ein Menuett zu raschen Tempoangaben - ähnlich wie in Haydns Londoner Sinfonien - auf das spätere Scherzo voraus weisen) bilden dabei entscheidende Indizien für den Umstand, dass Schuberts frühen Sinfonien noch der Geist des 18. Jahrhunderts innewohnt. Gerade die Stilistik der frühen Sinfonien zeigt, dass Schubert als Komponist durchaus der Wiener Klassik zuzuordnen ist, sofern man diesen als Epochen- und Stilbegriff gewichtet und nicht als einen in sich abgeschlossenen Elitebegriff für das Trio Haydn- Mozart- Beethoven. Dass Schubert eben dieser Elite der Wiener Klassiker gewöhnlich nicht zugeordnet wird, mag in dem Umstand begründet sein, dass er im Gegensatz zu dem erwähnten Trio zu Lebzeiten nicht der Hochkultur, sondern der Wiener Subkultur zugerechnet wurde und im öffentlichen Konzertleben keine Rolle gespielt hat.4 So berichtet noch Robert Schumann, der fast zehn Jahre nach Schuberts Tod Wien besuchte, „daß man da, wo Schubert gelebt und gewirkt [hat], außer seinen Liedern von seinen größeren Instrumentalwerken wenig oder gar nichts zu hören bekommt.“5

Schuberts posthum erkannte Bedeutung als Sinfoniker beruht wiederum ausschließlich auf seinen beiden letzten Sinfonien, vornehmlich der Großen C-Dur-Sinfonie und damit auf Werken, in denen bereits der Stil der romantischen Sinfonik vorherrscht. Die oben im Hinblick auf die frühen Sinfonien angesprochene Orientierung an Haydn und Mozart gilt somit gleichermaßen für die in der vorliegenden Arbeit betrachtete Sinfonie Nr. 2, die zugleich auch ein Zeugnis der Ausbildung einer kompositorischen Identität Schuberts verkörpert. Denn „deutlicher als in der ersten Sinfonie weicht Schubert von den klassischen Normen seiner Vorbilder ab - und bleibt Haydn und Mozart doch mehr verbunden als dort: die Proportionen der einzelnen Satzteile sind ausgewogener und eine stärkere Orientierung am 'klassischen Ton' bewirkt die Konzentration der musikalischen Arbeit auf das Hauptthema.“6

Die hier umrissene gattungsgeschichtliche Einordnung des Werkes soll auch in die Beurteilung der Interpretationen hineinfließen.

3. Vergleichende Betrachtung zweier Einspielungen unter Leitung von Arturo Toscanini und Claudio Abbado

Dem folgenden Interpretationsvergleich liegen die Einspielungen durch das NBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Arturo Toscanini aus dem Jahre 19407, sowie durch das Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Claudio Abbado aus dem Jahre 19868 zugrunde. Die einzelnen Sätze der Sinfonie, bzw. deren Interpretation werden jeweils in einem eigenen Unterkapitel betrachtet.

3.1 Largo - Allegro vivace

Während sich bei der langsamen Einleitung die beiden Aufnahmen noch nicht wesentlich unterscheiden, treten im anschließenden Allegro vivace die Differenzen umso deutlicher zu Tage. Dies zeigt sich gleich zu Beginn ab T. 11 (Bsp. 1) an den auf- und absteigenden Achtelketten der ersten Violinen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bsp. 1: Die ersten und zweiten Violinen in T. 11-16 als Partiturausschnitt. Entnommen aus: Bärenreiter 2014.

Toscanini wählt ein rascheres Tempo und bevorzugt einen schärferen Klang der Streicher, vornehmlich der melodieführenden ersten Violinen. Obwohl die Tempowahl bei Abbado nur geringfügig langsamer ausfällt, hat dies erheblichen Einfluss auf das Klangbild, welches sich bei Abbado durch einen wesentlich wärmeren und vor allem beseelten Charakter auszeichnet. Hinzu kommt, dass der Satz unter Toscanini unruhig

[...]


1 Vgl. Schumann 2009, S. 175-176.

2 Steinbeck 1997, S. 552.

3 Vgl. ebd., S. 557.

4 Vgl. Kaiser 2012, S. 28-29.

5 Schumann 2009, S, 175.

6 Feil 2014, S. III.

7 Schubert, Franz: Symphonny No. 2, Grand Duo D. 812 (Orch. Joachim). NBC Symphony Orchestra, Arturo Toscanini. Testament SBT 1370, 2006, Tracks 1-4.

8 Schubert, Franz: The Symphonies. 5 CDs. The Chamber Orchestra of Europe, Claudio Abbado.

Deutsche Grammophon 477 8687, 1988, CD Nr. 1, Tracks 5-8.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Arturo Toscanini und Claudio Abbado als Interpreten von Franz Schuberts Sinfonie Nr. 2 in B-Dur D 125
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für Musik und Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Interpretationsforschung: Der Dirigent Arturo Toscanini
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V424395
ISBN (eBook)
9783668699564
ISBN (Buch)
9783668699571
Dateigröße
991 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arturo, toscanini, claudio, abbado, interpreten, franz, schuberts, sinfonie, b-dur
Arbeit zitieren
Bernd Wladika (Autor), 2015, Arturo Toscanini und Claudio Abbado als Interpreten von Franz Schuberts Sinfonie Nr. 2 in B-Dur D 125, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424395

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