Die Darstellung des Engels Rafaels im Tobitbuch. Ein Schutzengel mit vielen Funktionen


Seminararbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Buch Tobit
2.1. Entstehung, Gattung und Textüberlieferung
2.2. Aufbau und Inhalt
2.3. Geographie und Chronologie

3. Die Darstellung des Engels Rafael
3.1. Der Engel Rafael - Allgemein
3.2. Beschreibung des Engels
3.3. Rafael als schützender Reisebegleiter
3.4. Rafael als weisheitlicher Ratgeber und Heiler
3.5. Rafael als Dämonen-Bezwinger
3.6. Rafael als Gebetsmittler
3.7. Rafael als Thronengel
3.8. Rafaels Selbstoffenbarung

4. Der Engel Rafael im Vergleich

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im heutigen Sprachgebrauch wird die theologische Implikation des Begriffs Engel oftmals vergessen, da wir dieses Wort auf äußerst unterschiedliche Art und Weise benutzen. Wir verwenden es als ein Kosewort, um unserem Partner Zuneigung zum Ausdruck zu bringen, hören von den Gelben Engeln, wenn im Fernsehen eine ADAC-Werbung gezeigt wird, bekommen oftmals einen kleinen, weiß-blonden und oft pummeligen Schutzengel geschenkt, wenn wir die Führerscheinprüfung absolviert haben oder schauen Filme und Serien, die von unterschiedlichen Engelsdarstellungen handeln. Engelsdarstellungen und -motive sind besonders für die europäische Kultur elementar und finden sich neben dem Alltagsgebrauch zahlreich in der Kunst und der Literatur wieder. Nichtsdestotrotz kann mit großer Sicherheit gesagt werden, dass das Verständnis für die biblische und geschichtliche Entwicklung von Engeln weitaus komplexer als die bloße und unreflektierte Verwendung des Begriffs ist. Die Darstellung der Cherubim als geflügelte Mischwesen, die in der Genesis nach dem Sündenfall und der damit verbundenen Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden von Gott als Wächter vor dessen Zugang aufgestellt werden oder der Seraphim, die bei Jes 6,1–7, als feurige sechsflügelige Engel vorgestellt werden, die Gottes Thron umwerben und „heilig, heilig, heilig“ rufen, haben insgesamt wenig mit der weitläufig bekannten Schutzengelsassoziation und -funktion gemeinsam. Die Vorstellung des klassischen Schutzengels, der jemanden permanent beschützt und sich in allen Situation um dessen Wohlbefinden sorgt, findet man dagegen in Form des Engels Rafael im Tobitbuch. Rafael zeigt in dieser Erzählung äußerst vielseitige Funktionen und Motive auf, sodass in der Forschung zahlreiche Publikationen zu dieser Thematik veröffentlicht wurden. Die neuesten Ausführungen zum Tobitbuch stammen unter anderem von Johanna Rautenberg (2015), Phillip Muñoa (2016), Bianca Schnupp (2004) und Beate Ego (2005, 2009, 2011).

Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist es, die unterschiedliche Darstellungsweise des Engels Rafael zu bestimmen und die damit verbundene Bedeutung zu interpretieren. Zentrale Fragestellungen sollen dabei sein, wodurch Rafaels Handeln gegenüber den verschiedenen Akteuren im Tobitbuch motiviert ist, welche Auswirkungen das Auftreten auf sie hat und welches Gottesbild durch das Wirkungsgefüge der Personen vermittelt wird. Um einen Einblick in diese Thematik zu ermöglichen, gliedert sich die Seminararbeit wie folgt: Zunächst wird das Tobitbuch hinsichtlich seiner Entstehungsgeschichte, seines Inhalts und Aufbaus dargestellt. Anschließend wird Rafael in Hinsicht auf seine unterschiedlichen Funktionen und Darstellungen analysiert und interpretiert. Im weiteren Verlauf wird der Engel auf Grund der Existenz von zwei griechischen Versionen zum Tobitbuch in Bezug auf seinen Kontext, seines Handeln und seiner Physiognomie untersucht und verglichen. Im Fazit werden die herausgestellten Ausführungen resümiert und reflektiert.

2. Das Buch Tobit

2.1. Entstehung, Gattung und Textüberlieferung

Das Tobitbuch gehört zu den sogenannten deuterokanonischen (katholisch) bzw. apokryphen (protestantisch) Büchern d.h. es gehört nicht zum Kanon der hebräischen Bibel.[1]

Seit der Reformationszeit werden in der protestantischen Kirche Bücher als apokryph deklariert, die zwar in der lateinischen und griechischen Bibel enthalten sind, aber ein hebräisches Original nicht mehr aufweisen. Solche Bücher sollten - anders als in der katholischen Kirche - nicht mehr Bestandteil des evangelischen Kanons sein. Auf dem Konzil von Trient (1546-1563) wurden die meisten, der in der Septuaginta enthaltenen Schriften, zusätzlich zu denen in der hebräischen Bibel, offiziell zum Bestandteil des katholischen Kanons deklariert. Aus diesem Grund wurde das Tobitbuch formal in den katholischen Kanon aufgenommen.[2]

Das Tobitbuch wurde in der Forschung oftmals als ein Werk betrachtet, das in der assyrischen (8./7. Jh.) oder christlichen Zeit (1. Jh.) entstanden ist, jedoch sind diese Annahmen falsch. Die meisten Thesen deuten auf eine Abfassung um etwa 200 v. Chr. hin, die wahrscheinlich in Palästina oder in der östlichen Diaspora stattfand. Es wird argumentiert, dass eine in der assyrischen Zeit verfasste Schrift mit Sicherheit eine Aufnahme in den jüdischen Kanon gefunden hätte. Darüber hinaus setzen Kapitel 13 und 14 die Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels (586 v. Chr.) sowie die babylonische Gefangenschaft (597–539 v. Chr.) voraus. Das Buch Tobit ist eine romanhafte [3] oder weisheitliche [4] Lehrerzählung und zählt zu den literarischen Kunstwerken der Bibel. Das Tobitbuch beinhaltet Ermahnungen, Gebete, Hymnen und Weisheitssprüche. Im Rahmen dieser Ausstattung birgt der fiktionale Text zahlreiche Momente der Spannung, psychologische Schilderungen und eine dynamische Wirklichkeit. Weiterhin wurde unter Exegeten oft Tobit oder Tobias als Verfasser des Buches angesehen, da auf den autodiegetischen Stil in 1,1-3,6 sowie auf den Auftrag von Rafael zur Niederschrift in 12,20 verwiesen wurde.[5] Da im weiteren Verlauf herausgefunden wurde, dass es sich um eine literarische Form handelt, wurde erkannt, dass ein Rückschluss auf den Verfasser nicht möglich ist. Das einzige Detail, dass über den Autor bekannt ist, ist seine jüdische Herkunft. Der Autor hat sich bei der Produktion seines Werkes offensichtlich an den heiligen Büchern seines Volkes - bspw. der Josephsgeschichte und der Reise des Abrahamknechtes (Gen 24) - und vor allem an Gesetzesbüchern orientiert.[6] Der Text des Buches wird durch eine Vielzahl an Überlieferungen wie der Septuaginta, der Vetus Latina (La), der Vulgata (V), der syrischen Peschitta (Sy), einer äthiopischen Übersetzung sowie einer mittelalterlichen aramäischen und vier mittelalterlichen hebräischen Handschriften vermittelt. Darüber hinaus sind fünf fragmentarisch existierende Handschriften in Qumran gefunden worden, vier in aramäisch und eines in hebräischer Sprache, die Mitte des 20. Jahrhunderts publiziert worden sind.[7] Der griechische Text liegt in zwei unterschiedlichen Versionen vor, einem Kurz- (GI) und einem Langtext (GII). GI bietet das bessere Griechisch, wird hauptsächlich durch den Codex Vaticanus (V) und den Codex Alexandrinus (A) bezeugt und stellt die Grundlage der häufigsten griechischen Handschriften und vieler Übersetzungen dar. GII wirkt gegenüber GI breiter sowie umständlicher, suggeriert eine semitisierende Sprache und ist im Griechischen ausschließlich durch den Codex Sinaiticus (S) repräsentiert. Des Weiteren beinhalten die lateinischen Versionen ebenfalls eine kürzere (Vulgata) und längere (Vetus Latina) Textfassung, wobei gesagt werden muss, dass sich die beiden Kurzversionen (GI und Vulgata) hinsichtlich ihres Inhalts unterscheiden, während die gefundenen Qumranfragmente eher mit den Langfassungen (GII und Vetus Latina) korrespondieren.[8] Die nun aufkommende Frage, welcher der beiden griechischen Versionen der Vorzug zu gewähren ist, ist in der Forschung kontrovers. Durch den Fund in Qumran sowie einer ermittelten übereinstimmenden Lesart präferierte die Mehrheit der Exegeten im 20. Jahrhundert die Auseinandersetzung mit GII, als ursprünglichere griechische Form[9] (Scholz, Simpson, De Bruyne, Miller und Dumm), während es bis dato noch Befürworter von GI wie z.B. Paul Deselaers gibt.[10] Abschließend kann gesagt werden, dass das Tobitbuch ursprünglich in hebräischer - oder wahrscheinlicher - in aramäischer Sprache entstanden ist. Anschließend wurde das Buch in die griechische Sprache übersetzt. Für diese Tradition liegt die Langversion GII als bester Beweis vor, während GI aus den Bearbeitungen der GII-Tradition resultiert. Die Rekonstruktion des Urtextes kann aus den verschiedenen Schriften nicht gelingen, da die Tobittexte der diversen Quellen zu verschieden und einzigartig sind.[11]

2.2. Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Tobitbuchs lässt sich in drei Grundelemente gliedern: „1. Rahmenerzählung I: Tobits und Saras Not und Gottes Plan (1,3-3,17), 2. Binnenerzählung: Die Reise des Tobias als Grundlegung der Heilung von Tobit und Sara und als „Gottes Werk“ (4,1-14,1), 3. Rahmenerzählung II: Das Testament des Tobit und die Lebenserfüllung von Tobit und Tobias (14,2-15)“[12]

In der Rahmenerzählung I (1,3-3,17) wird die Leidensgeschichte von Tobit und Sara in einem parallelen Aufbau erzählt. Tobit, dessen Name „Gott ist gut“ bedeutet, ist ein sehr frommer Jude aus dem Stamm Naftali. Tobit heiratete Hanna und zeugte mit ihr Tobias, der seit seiner Kindheit fromm und die Sünde meidend erzogen wurde. Im Anschluss wurde Tobit mit seiner Frau und seinem Sohn in die Gefangenschaft nach Ninive deportiert. Während dieser Gefangenschaft kam es in der Stadt Rages, die in Medien liegt, zur Begegnung mit Gabaël, dem Tobit zehn Talente Silber zur Aufbewahrung gab und dafür einen Schuldschein entgegennahm (Tob 1,3-22).

In der Erzählung wird sehr hervorgehoben, dass Tobit im Gegensatz zu anderen Israeliten streng nach den Gesetzen Gottes lebt und Barmherzigkeit gegenüber seinen Stammes- und Volksgenossen ausübt. Darüber hinaus spendet er Almosen und begräbt aus Glaubenstreue verbotenerweise Israeliten, die vom König Sanherib (Regierungszeit: 704-681 v. Chr.) verhasst waren und ermordet wurden. Daraufhin wurde er von den Assyrern verfolgt. Tobit missachtete diese Sanktion, da es ihm wichtiger erschien, Juden ehrenvoll zu begraben. Nachdem König Sanherib erfahren hatte, dass Tobit die Toten begrub, wollte er ihn alsbald hinrichten lassen. Aus diesem Grund musste Tobit fliehen, jedoch konnte der Letztgenannte in weniger als 50 Tagen zurückkehren, da Sanherib von seinen beiden Söhnen ermordet und Achikar, mit dem Tobit verwandt war, vom neuen König Asarhaddon zum Herrn über das Rechnungswesen und die Verwaltung des Reiches gewählt wurde und ihm somit zur Rückkehr half (Tob 1,15-21).

Nachdem Tobit in Folge seiner Barmherzigkeit durch den Kot einer Schwalbe an der Hofmauer erblindet, klagt seine Frau, die nun alleine für den Lebensunterhalt aufkommen muss, wo sich die Gerechtigkeit für seine Barmherzigkeit befindet (Tob 2,11-14). In einem anschließenden Gebet, bei dem sich Tobit nicht auf seine gerechten Taten beruft, sondern auch seine Schuld anerkennt, wünscht er sich zu sterben (Tob 3,1-6).

In Ekbatana, welches gemäß Tob 5,6 in der Nähe der Stadt Rages in Medien liegt, beklagt Sara das ihr zugefügte Leid. Sie wird von den Mägden ihres Vaters verspottet und fälschlicherweise beschuldigt noch in der Hochzeitsnacht nacheinander ihre sieben Ehemänner getötet zu haben. Sara kann für diese abscheulichen Taten nichts, da sie vom Dämon Asmodäus geliebt wird. Infolge dieser Verurteilung war ihre Verzweiflung so groß, dass sie sich erhängen wollte, jedoch war sie die einzige Tochter ihres Vaters und glaubte an eine Heilung durch Gott, sodass sie es nicht tat (Tob 3,7-15). In Tob 3,16-17 laufen die Erzählstränge von Tobit und Sara zusammen, indem Rafael in die Erzählung eingeführt wird. Gott erhörte die Gebete von Tobit und Sara und entsandt daraufhin den Engel Rafael, um ihre Leiden zu lindern und verschiedene Absichten zu erfüllen.

In der Binnenerzählung (4,1-14,1) erinnert sich Tobit angesichts seines vorherigen Sterbewunsches, dass er in Medien bei Gabaël zehn Talente Silber zu Aufbewahrung hinterlassen hat und ruft seinen Sohn Tobias zu sich (Tob 4,1-4,2). Vor seinem Aufbruch erhält Tobias eine moralische Belehrung und Ermahnung, in der Tobit ihm neben den zu befolgenden Tätigkeiten auch nahe legt, dass er unter keinen Umständen alleine reisen soll. Daraufhin erscheint als Reisebegleiter der Engel Rafael, der in Menschengestalt, seine Hilfe anbietet. Auf der Reise nach Medien, am Ufer des Tigris, wird Tobias von einem Fisch angegriffen, dem er laut Rafael allerdings Herz, Leber und Galle entnehmen soll (Tob 6,2-9). In Ekbatana heiratet Tobit schließlich Sara, nachdem er mit Hilfe der Innereien (Herz und Leber) den Dämon Asmodäus vertrieben hatte (Tob 7,9-10,3). Tobias blieb in Ekbatana, um an der 14-tägigen Hochzeitsfeier teilnehmen zu können und bat Rafael, das Geld in Medien abzuholen. Als er mit dem Geld zurückgekehrt war, verließen Tobias und Rafael Ekbatana, um nach Ninive zu gelangen und dort auch Tobit von seiner Blindheit zu heilen (Galle). Als Tobit und Tobias Rafael die Hälfte des Geldes auszahlen wollen, lehnte er die Bezahlung ab und offenbarte ihnen seine wahre Identität, als Belohner für deren Frömmigkeit (Tob 12,6-22). Des Weiteren belehrte Rafael Tobit und Tobias, indem er ihnen beipflichtet, dass man Gott stets lobpreisen und seine Taten in Ehrfurcht verkünden solle und kehrte anschließend zu Gott zurück. Darüber hinaus preiste Tobit nach der Rückkehr des Engels Rafaels Gott mit einen Hymnus, um ihn zu ehren (Tob 13,1-18). In der Rahmenerzählung II (14,2-15) gab Tobit seinem Sohn Auskünfte über das weitere Leben in Ninive. Tobit rät ihm und seiner Frau Ninive zu verlassen, da sich die Verheißungen des Propheten Jona bewahrheiten werden. Im Anschluss an das Begräbnis von Tobit und Hanna, ziehen Tobias, Sara und deren Kinder nach Ekbatana. Nach dem Umzug erfüllen sich die Prophezeiungen von Jona und Ninive wird von Nebukadnezzar und Xerxes I. belagert.

2.3. Geographie und Chronologie

Der Autor geht mit der Geographie und Chronologie seines Buches außerordentlich frei um. Die assyrische Hauptstadt Ninive, in der Tobit und seine Familie in Gefangenschaft leben, stellt das Kerngebiet der Erzählung dar, während Medien und die Städte Rages und Ekbatana Hauptstationen auf der Reise des Tobias sind. Die Stadt Rages befindet sich im heutigen Iran und liegt südlich der Hauptstadt Teheran, die wiederum ca. 700 Kilometer von Ninive entfernt ist. Ninive war eine mesopotamische Stadt im heutigen Irak am linken Ufer des Tigris, während Ekbatana in Medien liegt und ca. 520 Kilometer von Ninive entfernt ist.[13]

Die Städte Rages und Ekbatana sind 360 Kilometer voneinander entfernt, wobei die Reise gemäß Tob 5,6 nur zwei Tagesreisen andauern soll. Diese Entfernung ist der fehlenden Verkehrsfahrzeuge wegen in der damaligen Zeit nicht zu bewältigen gewesen.[14] Außerdem wird im Tobitbuch angegeben, dass Rages und Ekbatana in einer Ebene liegen, jedoch liegt Ekbatana in Wirklichkeit 2000 Meter hoch und somit viel höher als Rages.[15]

Als Beispiel für die mangelnde Exaktheit der Historizität wird angeführt, dass der alte Tobit noch das Schisma des Jerobeam (925 v. Chr.) während seiner Jugend miterlebt. Darüber hinaus wird er im Jahre 722 v. Chr. nach Assyrien deportiert und der Sohn des alten Tobits stirbt erst nach der Zerstörung von Ninive im Jahr 612 v. Chr.[16] Des Weiteren berichtet der Autor von Sancherib, dem unmittelbaren Nachfolger des assyrischen Königs Salmanassar, während die Regierungszeit des Königs Sargons unerwähnt bleibt.[17] Ferner weiß der Autor über den Perserkönig Xerxes I. (485-465 v. Chr.) Bescheid, assoziiert ihn aber mit dem Untergang Ninives.[18]

3. Die Darstellung des Engels Rafael

Zur Bearbeitung dieses Kapitels wähle ich die Übersetzung nach Luther mit Apokryphen als Textgrundlage.

3.1. Der Engel Rafael - Allgemein

Der Name des Engels, Rafael, lässt sich am besten mit Gott heilt übersetzen und wird in der hebräischen Bibel ausschließlich bei 1. Chr 26,7 erwähnt. In einer Auflistung der Torhüter des Jerusalemer Tempels wird von einem ansonsten nicht mehr vorkommenden Refaël berichtet. Er gilt neben Michael, Gabriel, Uriel, Jophiel, Zadkiel und Camael als einer der bekanntesten Erzengel. Darüber hinaus wird Rafael im Übrigen als Engel der Heilung bezeichnet. Dies ist insofern relevant, als sich das hebräische Wort für Mediziner rophe und der Name Rafael den Wortstamm teilen.[19] Rafael wurde im Mittelalter zum Inbegriff des Schutzengels erklärt. Oftmals wurde er in dieser Epoche mit den sechs Engelsflügeln der Seraphen, aber auch den Cherubim zugehörig illustriert. Er fungiert als Schutzpatron „der Kranken, Apotheker, Reisenden, Pilger, Auswanderer, Seeleute, Dachdecker und Bergleute; [kämpft] gegen Augenleiden, Krankheiten allgemein und [die] Pest.“[20] Im deutschen Sprachgebrauch werden Personen, die Blinden oder stark Sehbehinderten im Alltag helfen, als Raphaele bezeichnet. Rafaels Gedenktag ist sowohl bei den Protestanten, als auch bei den Katholiken der 29. September.[21]

3.2. Beschreibung des Engels

Im Buch Tobit befinden sich vier Textstellen, die sich mit der Beschreibung von Rafael befassen. In Tob 5,5 wird Rafael als ein „[...] stattliche[n]r junge[n]r Mann, der stand da gegürtet und wie bereit zu reisen“ bezeichnet, während in Tob 5,6 steht, dass Tobias nicht wusste, dass es sich um einen Engel Gottes handelte. Aus diesen beiden Bibelstellen resultiert die Schlussfolgerung, dass Rafael eine junge, menschliche Gestalt besaß und dementsprechend nicht als ein Engel erkannt wurde/werden konnte. Die Frage, welche Gestalt Rafael im Himmel annimmt und wie diese aussieht, kann mit Hilfe dieser beiden Textstellen nicht geklärt werden. Tobit prüft Rafael sehr genau und möchte wissen, wie sein Name lautet, welchem Stamm und welcher Familie er angehört (Tob 5,17). In Tob 5,19 stellt sich Rafael gegenüber Tobit als „[…] Asarja, der Sohn des großen Hananja“ vor. Rafael benutzt bei seiner Vorstellung den Namen Asarja, der in seiner Bedeutung (asar-ja = Gott hilft) ähnlich wie der Name Rafael (Gott heilt) ist. Diese beiden Namen fassen die Aufgaben zusammen, die der Engel verwirklichen wird.[22] Darüber hinaus bezeichnet sich Rafael/Asarja als Sohn des Hananja.

Dieser Name bedeutet im Hebräischen „Gott erbarmt sich“ (hanan-ja) und gehört zur Gruppe der Danknamen. Der Name kann somit als Bezeichnung für Gott selbst gesehen werden. Dies ist wichtig, da die Engel im alten Testament auch als „Söhne Gottes“ bezeichnet werden (vlg. Hiob 1,6; 38,7).[23] Dementsprechend wird Rafael derart anthropomorphisiert, dass er einen irdischen Stammbaum aufweist und sich, als Sohn des großen Hananjas, genealogisch in eine berühmte Familie einordnet. Auf diese Weise kann er mit Hilfe einer Lüge seine göttliche Natur verschleiern und gefährdet den Auftrag nicht.[24] Die letzte Beschreibung des Engels Rafael beschäftigt sich mit seinem Ess- und Trinkverhalten: „Und der Engel sagte zu Tobias: Schneide den Fisch auf, nimm Herz, Leber und Galle heraus und bewahre sie gut auf! Der junge Tobias tat, was ihm der Engel sagte. Dann brieten sie den Fisch und aßen ihn.“ (Tob 6,4-5) Diese Textstelle sorgt für Verwirrung, da Engel entgegen der meisten Vorstellungen nicht wie Menschen essen oder trinken und ebenfalls über kein leibliches Leben verfügen[25]. Diese Unklarheit greift diese Ausarbeit zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf. Des Weiteren ist es ebenfalls wichtig auf die Übersetzung des Wortes Engel zu verweisen. Engel wird auf hebräisch (m l'k) geschrieben und bedeutet übersetzt Bote. Im Tobitbuch tritt Rafael nicht als Bote auf, der wie der Name verlauten lässt, eine Information oder Botschaft überbringen soll, sondern als Ausführender der Absichten Gottes.[26]

[...]


[1] Werner Dommershausen: Der Engel, Die Frauen, Das Heil. Tobias – Ester – Judit, in: Gabriele Miller und Öthmar Schilling (Hrsg.): Stuttgarter kleiner Kommentar – Altes Testament17. Stuttgart 1970, S. 1, im Folg. zit. als Dommershausen: Der Engel, Die Frauen, Das Heil.

[2] Deutsche Bibelgesellschaft: Tobit/Tobitbuch.

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/tobit-tobitbuch/ch/40b11b98d4318e24a1ca54e4662ea5d2/, [Zugriff am 27.08.2016], im Folg. zit. als Deutsche Bibelgesellschaft: Tobit.

[3] Paul Deselaers: Das Buch Tobit (Geistliche Schriftlesung: Erläuterungen zum Alten Testament für die geistliche Lesung, Bd. 11), Düsseldorf 1990, S. 11, im Folg. zit. als Deselaers: Das Buch Tobit.

[4] Beate Ego: Mit dem Engel unterwegs – Tradition und Transformation eines biblischen Motivs, in: Georg Steins und Franz Georg Untergaßmair (Hrsg.): Das Buch, ohne das man nichts versteht. Die kulturelle Kraft der Bibel (Vechtaer Beiträge zur Theologie, Bd. 11), Münster 2005, S.23-34, hier S. 25, im Folg. zit. als Ego: Mit dem Engel unterwegs.

[5] Dommershausen: Der Engel, Die Frauen, Das Heil, S. 2.

[6] Ebd., S. 2.

[7] Merten Rabenau: Studien zum Buch Tobit (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Bd, 220), Berlin/New York 1994, S. 3, im Folg. zit. als Rabenau: Studien zum Buch Tobit.

[8] Beate Ego: Tobit. Das Buch Tobit (Tobias), in Wolfgang Kraus und Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung, Stuttgart 2009, S. 1316-1352, hier S. 1318, im Folg. zit. als Ego: Tobit.

[9] Ego: Tobit, S. 1318.

[10] Rabenau: Studien zum Buch Tobit, S. 4.

[11] Ebd., S. 7.

[12] Deselaers: Das Buch Tobit, S. 1-2.

[13] Deutsche Bibelgesellschaft: Tobit, o.S.

[14] Dommershausen: Der Engel, Die Frauen, Das Heil, S. 2.

[15] Jörg Sieger: Tobit. http://www.joerg-sieger.de/einleit/spez/06lehr/spez80.htm, [Zugriff am 28.08.2016], im Folg. zit. als Sieger: Tobit.

[16] Dommershausen: Der Engel, Die Frauen, Das Heil, S. 2.

[17] Sieger: Tobit, o.S.

[18] Dommershausen: Der Engel, Die Frauen, Das Heil, S. 2.

[19] Ökumenisches Heiligenlexikon: Raphael. http://www.heiligenlexikon.de/BiographienR/Raphael.htm, [Zugriff am 03.09.2016], im Folg. zit. als Ökumenisches Heiligenlexikon: Raphael.

[20] Ebd., o.S.

[21] Ebd., o.S.

[22] Markus Hubrich: Die heiligen Engel in der heiligen Schrift – Teil 5.

http://www.engelwerk.at/briefe/briefe/spiri10.html, [Zugriff am 03.09.2016], im Folg. zit. als Hubrich: Die heiligen Engel.

[23] Ebd., o.S.

[24] Manfred Oeming: Von der Angelologie zur Christologie? Zur Bedeutung der zwischentestamentlichen Literatur für den christlich-jüdischen Dialog am Beispiel des Tobitbuches, in: Frank-Lothar Hossfeld und Rudolf Hoppe (Hrsg.): Verstehen und Glauben. Exegetische Bausteine zu einer Theologie des Alten Testaments (Bonner Biblische Beiträge, Bd. 142), Berlin 2003, S. 273-283, hier S. 278, im Folg. zit. als Oeming: Angelologie.

[25] Hubrich: Die heiligen Engel, o.S.

[26] Ebd., S. 27.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Engels Rafaels im Tobitbuch. Ein Schutzengel mit vielen Funktionen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Evangelisch-theologische Fakultät)
Veranstaltung
Engelslehre - Deutungen und Konzepte
Note
1.7
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V424454
ISBN (eBook)
9783668698987
ISBN (Buch)
9783668698994
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Engel, Erzengel, Rafael, Tobit, Apokryphen, Altes Testament, Funktionen, Deutungen, Vergleich
Arbeit zitieren
Tim Holst (Autor), 2017, Die Darstellung des Engels Rafaels im Tobitbuch. Ein Schutzengel mit vielen Funktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424454

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