Sterbehilfe. In Würde sterben? Unterrichtsentwurf (Religion, 10. Klasse)


Unterrichtsentwurf, 2018

39 Seiten, Note: 1,7

Ann Chef (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Didaktisches Bedingungsfeld / Unterrichtliche Bezugsfelder
1.1 Äußere Rahmenbedingungen des Unterrichts
1.2 Die Lernenden
1.3 Die Lehrperson

2. Sachanalyse

3. Didaktische Analyse

4. Methodische Analyse

5. Anhang

6. Literatur- und Medienverzeichnis

1. Didaktisches Bedingungsfeld / Unterrichtliche Bezugsfelder

1.1 Äußere Rahmenbedingungen des Unterrichts

Das Thema der Unterrichtsstunde „Sterbehilfe – In Würde sterben?“ greift den im Lehrplan genannten Themenbereich 2 „Die Frage nach dem Menschen“1 auf, welcher u.a. die Inhalte die „Würde des Menschen [sowie] Tod“2 verbindlich für die Sekundarstufe II vorsieht. Auch an den Themenbereich 3 „Die Frage nach dem richtigen Handeln“3 knüpft die Unterrichtsstunde an. Denn „Sterben und Tod“4 stellen die Inhalte der Problemstellung „Darf man alles, was man kann?“5 dar, was im Unterricht mit der Problematik der Vielfalt von Sterbehilfe aufgegriffen wird. Bezüglich der Fachanforderungen lässt sich die Unterrichtsstunde in Hinblick auf die 10. Klasse dem Kompetenzbereich II „Die Frage nach dem Menschen“6 zuordnen, wobei die Schülerinnen und Schüler7 „im Kontext gesellschaftlicher Kontroversen einen eigenen Standpunkt [einnehmen] und dabei die Menschenwürde als wesentlichen Maßstab begreifen […] [und damit] existentielle Fragen des eigenen Lebens und der Welt [reflektieren]“8.

Auch das konkrete Thema der Sterbehilfe wird in den Fachanforderungen explizit genannt, sodass die Unterrichtsstunde sich auch auf den Kompetenzbereich II „Die Frage nach dem Menschen und dem richtigen Handeln“9 bezieht, da die SuS „erkennen, dass die ethische Urteilsbildung und die Frage nach dem richtigen Handeln mit der Frage nach dem Menschenbild verbunden sind […] [und] dass die Menschenwürde ein grundlegender und wesentlicher Bezugspunkt ethischen Handelns ist“10.

1.2 Die Lernenden

Nach dem religionspsychologischen Modell von Oser/Gmünder befinden sich die SuS der 10. Klasse im Alter von 16-17 Jahren mutmaßlich auf Stufe 3 des religiösen Urteils.11 Betrachtet man die Stufen des moralischen Urteils, lassen sich die Heranwachsenden vermutlich dem postkonventionellen Niveau zuordnen, das von wachsender Autonomie sowie Freiheit gekennzeichnet ist. Innerhalb des postkonventionellen Niveaus befinden die SuS sich voraussichtlich auf Stufe 5 der prinzipiengeleiteten Moralität.12

1.3 Die Lehrperson

Obwohl uns Sterben, Leiden und Tod täglich bspw. im Radio, Fernsehen und auch in Computerspielen begegnet, scheint das Sterben meist hinter verschlossenen Türen, in Pflegeheimen, Kranken- oder Hospizhäusern stattzufinden. Als Religionslehrkraft möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass diese Türen geöffnet werden und die sensiblen Themen, wie Tod und Sterben, im Religionsunterricht Einzug erhalten und entsprechend thematisiert werden. Im schulischen Kontext möchte ich Raum für die SuS schaffen, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen und die Jugendlichen dafür sensibilisieren, dass der Tod in unserer Gesellschaft nicht tabuisiert werden muss, da dieser ein fester Teil des Lebens ist – von jedem Menschen. Es ist dennoch individuell zu entscheiden, ob man auch mit dem sozialen Umfeld über so ein sensibles Thema wie das des Sterbens sprechen möchte. Doch zumindest die Scheu und die Angst vor diesem Thema möchte ich den SuS nehmen.

In meinem Leben wurde ich bis jetzt nur einmal mit dem Tod konfrontiert, als mein Großvater im Alter von 82 Jahren verstorben ist. Da ich mit ihm in meinem Elternhaus aufgewachsen bin, war er sozusagen mein zweiter Vater, was seinen Tod besonders schmerzhaft für mich machte. Sein Sterben vollzog sich recht schnell, sodass sich die Frage nach jeglichen Formen der Sterbehilfe nicht stellte. Berührungspunkte mit der Sterbebegleitung oder der Vielfalt an Sterbehilfen gibt es momentan nicht in meinem Leben. Meine persönliche Einstellung zur aktiven Sterbehilfe ist gespalten, denn einerseits impliziert meiner Ansicht nach die Würde des Menschen auch die selbstbestimmte Entscheidung über den Tod sowie den Sterbeprozess am Lebensende. Zudem würden schwerkranken Menschen weitere Qualen erspart bleiben, die auch mit einer palliativen Behandlung nicht immer gelindert werden können. Ein längeres „Dahinsiechen“ des todkranken Patienten würde somit verhindert werden, sodass es auf eine Art und Weise human wäre, die Qualen auf Wunsch des Betroffenen bewusst zu beenden und diesen von seinen Schmerzen zu erlösen. In Würde sterben ist meiner Ansicht nach mit der aktiven Sterbehilfe durchaus möglich, da der Mensch so immer noch über seine Selbstbestimmung verfügt, sofern er das Verlangen seiner Tötung explizit und freiwillig äußert. Andererseits wird auch eine schwere Verantwortung auf die behandelnden Ärzte übertragen, welche das menschliche Leben nach ihrem Eid schützen sollen. Insgesamt würde ich mich aber gegen eine rechtliche Legalisierung der aktiven Sterbehilfe auf Verlangen aussprechen.

2. Sachanalyse

Der Mensch hat das Recht sowie die Würde, selbst und autonom über sein Leben zu bestimmen und es nach seiner Vorstellung individuell zu gestalten. Doch impliziert diese Selbstbestimmung auch das Recht, den eigenen Tod sowie den Sterbeprozess zu bestimmen? Letztendlich möchte jeder Mensch in Würde sterben und bis zum letzten Atemzug seine Menschenwürde bewahrt wissen. Wegen der modernen medizinischen Möglichkeiten ist der Tod nicht mehr gezwungenermaßen durch den Verlust von Kontrolle gekennzeichnet. Das Sterben scheint durch die Möglichkeiten von Kontrolle seine Würde zu erhalten, sodass der Mensch selbstbestimmt sterben kann.13

Dass das Sterben durch die moderne Medizin zunehmend medikalisiert worden ist, hat den Sterbeprozess und die Perspektive auf das Sterben verändert: Eine künstliche Lebensverlängerung oder ein direkt eingeleiteter rascher Sterbe-prozess kann das Sterben eines Menschen möglicherweise entfremden.14 Die daraus resultierenden Handlungsoptionen mit grundverschiedenen Ansätzen am Lebensende eines Menschen werden vom Begriff der „Sterbehilfe“ umfasst. Bei der Sterbehilfe stehen der Wille und das Wohl des schwerkranken oder sterbenden Menschen im Zentrum.15 Insgesamt lassen sich drei Formen der Sterbehilfe im klassischen Sinn unterscheiden: aktive, indirekte sowie passive Sterbehilfe. Erweitert werden diese durch den assistierten Suizid. Die palliative Sterbebegleitung ist die Grundform aller Sterbehilfeformen und somit allen gemeinsam. Gleichzeitig stellt die Sterbebegleitung auch eine eigene Facette von Sterbehilfe dar.16 Diese Handlungsmöglichkeiten der Sterbehilfe werden im Folgenden in Bezug auf schwerkranke Menschen erläutert. Die palliative Begleitung bemüht sich „auf die psychischen, körperlichen, sozialen, juristischen, pflegerischen und medikamentösen Bedürfnisse des Patienten und seiner Angehörigen individuell einzugehen“17.

Das Lebensende sowie der Sterbeprozess sollen so angenehm und erträglich wie nur möglich gestaltet werden. Die Patienten erfahren große pflegerische Zuwendung und Betreuung, wodurch sie auch individuelle Wünsche äußern, welche sie, soweit es möglich ist, erfüllt bekommen. Auf medizinischer Ebene der palliativen Sterbebegleitung sollen eine größtmögliche Schmerzlinderung und Grundversorgung des Patienten ärztlich sichergestellt werden, was ethisch sowie rechtlich geboten ist, da die Menschenwürde ein humanes Sterben impliziert.18 Die Sterbebegleitung stellt also eine Form der Hilfe dar, weil der sterbende Patient während seines Sterbeprozesses in jeglicher Hinsicht bestmöglich begleitet und umsorgt wird.

Bei der aktiven Sterbehilfe handelt es sich um eine direkte Tötung des im Sterben liegenden oder schwerkranken Patienten, welche durch den Arzt vollzogen wird. Diese gezielte Lebensverkürzung ist vom Patienten selbst gewollt, sodass die Folge des Todes klar abzusehen und intendiert ist. Dabei wird dem Patienten meist eine Überdosis von Medikamenten verabreicht, die zum Tod führen.19 Die aktive Sterbehilfe ist in Deutschland nach dem StGB § 216 „Tötung auf Verlangen“ rechtlich verboten und wird mit sechs Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe bestraft, auch der Versuch der aktiven Sterbehilfe ist strafbar. Dies gilt für erwachsene, schwerkranke Patienten, Säuglinge, Kinder und demente Menschen, die nicht in der Lage sind, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Die deutsche Bundesärztekammer spricht sich ebenso gegen die aktive Sterbehilfe aus, auch wenn der Patient den Arzt um diese bittet.20

Die indirekte Sterbehilfe lässt sich nur durch ihre Intention von der aktiven unterscheiden: Der Patient bekommt meist intravenös Medikamente verabreicht, deren ungewollte Nebenwirkung bei erhöhter Dosierung zum Tod des Patienten führen kann, wodurch der Sterbeprozess somit beschleunigt wird. Die Intention der indirekten Sterbehilfe liegt dabei nicht im Herbeiführen des Todes, sondern alleinig in der Schmerzlinderung. Der Eintritt des Todes wird dabei jedoch bewusst vom Patienten und vom Arzt in Kauf genommen. Dadurch ist die Todesursache des Patienten nicht nur auf die Krankheit zurückzuführen, sondern auch auf die Folgen der Medikamentengabe.21 Ethisch ist die indirekte Sterbehilfe legitimiert, da jene als „actio duplici effectus“22 gilt, d.h. diese Handlung impliziert eine doppelte Wirkung, die Schmerzlinderung sowie die riskierte Lebensverkürzung. Nach einer Güterabwägung wird das vorzeitige Lebensende in Kauf genommen, um das vorrangige Ziel der Schmerzlinderung zu erreichen. Dabei ist das Leben des Menschen prinzipiell zu schützen, da es einen unantastbaren Wert hat, welcher grundlegend für die Selbstverwirklichung eines jeden Menschen ist. Jedoch soll das Leben nicht um des Lebens Willen geschützt werden, da Ausnahmesituationen auftreten können, sodass eine quantitative Verlängerung des Lebens durch Leid und Schmerzen nicht angestrebt wird. Aus ethischer Sicht ist es nach dieser Güterabwägung daher legitim, während der Schmerzlinderung einen vorzeitigen Tod in Kauf zu nehmen.23 Auch rechtlich ist die indirekte Sterbehilfe zulässig, aber weil diese sich allein durch ihre Absicht von der aktiven Sterbehilfe unterscheidet, ist jene Unterscheidung in der Realität schwer nachzuprüfen. Denn der Totenschein des Patienten wird vom behandelten Arzt ausgestellt, welcher im Falle der aktiven Sterbehilfe für diese belangt werden würde. Ist im Totenschein nun die Ursache eines natürlichen Todes angegeben, folgen keine strafrechtlichen Maßnahmen, wodurch Fälle aktiver Sterbehilfe durchaus verborgen werden können.24

Bei der passiven Sterbehilfe verzichtet der Patient auf eine weitere medizinische Behandlung oder bricht eine laufende Behandlung ab, sofern das schmerzerfüllte Leben nur noch weiter künstlich hinausgezögert werden würde. Maßnahmen zur Lebenserhaltung eines sterbenden Patienten werden zudem unterlassen, sodass dieser sich dem natürlichen Prozess des Sterbens fügen kann und nicht um jeden Preis künstlich am Leben erhalten wird. Ein technisch entfremdeter Tod wird somit verhindert. Auch rechtlich ist die passive Sterbehilfe zulässig, wobei die Grundversorgung der Pflege gewährleistet sein muss.25

In ethischer Hinsicht ist das Sterbenlassen des Menschen ebenfalls legitim, da „die Würde des Sterbens eine Ausdrucksform der Würde des Menschen bildet“26. In einer Patientenverfügung kann der Patient seinen letzten Willen festhalten, ob eine künstliche Lebenserhaltung angestrebt werden soll, falls dieser zum Zeitpunkt der Behandlung dies nicht mehr kommunizieren kann.

Der assistierte Suizid stellt eine weitere Form der Sterbehilfe dar. Darunter versteht man die Beihilfe zur Selbsttötung, wobei der Sterbewillige selbstständig ein zum Tod führendes Medikament einnimmt. Dieses Mittel wurde von einer anderen Person zur Verfügung gestellt.27 Der ärztlich assistierte Suizid sowie die aktive Sterbehilfe sind den Ärzten nach ihrer Berufsordnung laut § 16 „Beistand für Sterbende“ untersagt: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“28.

Ferner ist der Suizid in Deutschland nicht strafbar, auch die Beihilfe zur Selbsttötung steht nicht unter Strafe, doch eine Ausnahme bildet die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid. Nach § 217 „Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ laut StGB ist in Deutschland die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid verboten und wird mit bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe sanktioniert. Eine Sterbehilfeorganisation, welche schwerkranken Menschen gegen ein Entgeld zum Suizid verhilft, ist also in Deutschland rechtlich untersagt. Anders sieht es in den Niederlanden und in der Schweiz aus: Die aktive Sterbehilfe sowie der medizinisch assistierte Suizid sind hier erlaubt. In der Schweiz ist auch der geschäftsmäßige Suizid zugelassen, sodass nach der gesetzlichen Legitimation zwei große Sterbehilfeorganisationen schwerkranken Patienten, u.a. auch aus dem Ausland, zum Suizid verhelfen: „Dignitas“ und „Exit“.29

Für eine offizielle Positionierung zur Sterbehilfe verweist die Evangelische Kirche in Deutschland30 auf die Gemeinsame Erklärung mit der katholischen Bischofskonferenz „Gott ist ein Freund des Lebens“, in welcher die EKD sich zur Thematik des Lebensendes äußert. Die indirekte Sterbehilfe wird von der EKD toleriert, da hier nicht die Intention einer Tötung vorliegt, sondern das Leid des Sterbenden durch Medikamente gemindert werden soll und der Tod letztlich in Kauf genommen wird.31 Die Selbsttötung eines Menschen, also auch der der assistierte Suizid, wird hingegen strikt abgelehnt und ist vielmehr als Hilfeschrei des Betroffenen zu verstehen. Eine Tötung auf Verlangen ist nach der EKD unzulässig und in keiner Weise zu vertreten. Denn diese würde den ausführenden Arzt in einen tiefen Gewissenskonflikt bringen, einen Menschen zu töten und gleichzeitig Leben in seiner ärztlichen Pflicht zu wahren.

Die palliative Sterbebegleitung hingegen sollte viel mehr gefördert werden, sodass der Wert des sozialen Begleitens, wie Trost und Zuspruch gestärkt wird.32 Aspekte, die während der palliativen Begleitung dazu beitragen, dass der Wunsch des Patienten nach Selbst- oder Fremdtötung aufgelöst wird, ist zum einen die umfassende medizinische und pflegerische Versorgung bis zum Tod. Zum anderen spielt die emotionale Belastbarkeit sowie die rationale Wahrnehmung der Situation bei den behandelnden Pflegern und Ärzten eine zentrale Rolle.33 Im Hinblick auf die zehn Gebote, welche die Grundlage der christlichen Ethik bilden, verstößt die aktive Sterbehilfe gegen das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ (Exodus 20,13). Denn durch das Töten auf Verlangen wird die Verantwortung auf einen anderen Menschen übertragen, welcher den Betroffenen bewusst und gezielt tötet, was letztlich gegen das fundamentale Gebot verstößt. Nicht nur der theologische Bezug zur aktiven Sterbehilfe spricht gegen diese, auch die sozialen Folgen einer Legalisierung sind dabei anzuführen. Ältere und kranke Menschen könnten sich selbst nur noch als eine Belastung für ihr soziales Umfeld wahrnehmen und sähen sich unfreiwillig zur aktiven Sterbehilfe aufgefordert, um keine Belastung mehr darzustellen. Der Druck am Lebensende würde wachsen und die Hemmschwelle zur Tötung in der Gesellschaft würde abnehmen. Die Gefahr bestünde also, dass eine freiwillige aktive Sterbehilfe sich zu unfreiwilliger ausweitet. Man würde somit qualitativ das Leben unterscheiden, wodurch die Praxis der Sterbehilfe dann eines Tages auch an Behinderten und an nicht äußerungsfähigen Menschen vollzogen werden könnte.34 Auch der Würdebegriff des Sterbens könnte sich durch eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe wandeln, denn sofern diese zur gesellschaftlichen Norm wird, „müssen alle, die ihr Sterben erleiden, damit rechnen, dass ihnen etwas von ihrer Würde abgesprochen wird“35. Andererseits beinhaltet die Würde des Menschen seine Autonomie, welche ihn dazu bemächtigt, unabhängig sein Leben zu gestalten. Der Mensch ist also frei, über sein Leben zu bestimmen, wozu auch der Zeitpunkt sowie die Art und Weise des Todes gehört. Gegenüber dem Arzt sollte der betroffene Patient also sein Recht geltend machen können.36 Die Erlaubnis der aktiven Sterbehilfe muss dabei auch gewisse Bedingungen erfüllen, welche unter anderem die Freiwilligkeit des kranken Menschen implizieren, dessen Leid unerträglich ist. Nach einer Abwägung und Beratung des Arztes mit dem medizinischen Umfeld ist der Arzt der alleinige Vollstrecker der aktiven Sterbehilfe, wofür er ein Protokoll verfassen muss.37

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die aktive Sterbehilfe ein kontrovers diskutiertes Thema ist, welches aus unterschiedlichen Perspektiven, u.a. aus der Sicht der EKD, der Bundesärztekammer, der Politik bzw. der Gesetzgebung sowie von schwerkranken und leidenden Menschen betrachtet werden kann. Die Würde des Menschen lässt sich somit jeweils aus einem anderen Blickwinkel betrachten, sodass eine differenzierte Betrachtung dieser Thematik elementar ist, damit die SuS sich in der Unterrichtsstunde ein ethisches Urteil bilden können.

3. Didaktische Analyse

Während vor nicht einmal 100 Jahren Tod und Sterben in der Gesellschaft noch allgegenwärtig waren, werden viele Menschen, da die Lebenserwartung immer weiter ansteigt, häufig erst im hohen Alter mit dem Tod konfrontiert. Das Sterben und dessen Prozess veränderten sich mit zunehmenden modernen medizinischen Möglichkeiten, sodass ein schneller Tod wie bspw. durch Infektionen heutzutage selten ist. Stattdessen lässt sich der Sterbeprozess meist durch Medikamente hinauszögern und das Sterben vollzieht sich somit sehr langsam. Das Thema der Unterrichtsstunde „Sterbehilfe – In Würde sterben?“ ist insofern für die Gesellschaft bedeutsam, dass der Gedanke an ein langes Sterben und „Dahinsiechen“ in der Gesellschaft Angst sowie Besorgnis auslöst. Das Bewusstsein für Tod und Sterben hat sich also gewandelt, denn die Menschen haben nun die Möglichkeit, den Sterbeprozess zu verlängern, den Tod somit hinauszuzögern oder eben zu beschleunigen. Offen über Sterben, Tod und seine Facetten zu sprechen, stellt heutzutage ein Tabu dar, was erst dann, meist im engsten Kreise, thematisiert wird, wenn es so weit ist – wenn ein geliebter Mensch stirbt oder der Tod in gewisser Zeit absehbar ist.

Die SuS werden nahezu täglich mit Tod, Leiden sowie Sterben konfrontiert, was jedoch meist oberflächlich und unbewusst durch Medien und Computerspiele wahr- bzw. hingenommen wird. Eine bewusste und direkte Auseinandersetzung mit dem Thema kann den SuS dabei helfen, ihre Scheu und Ängste abzubauen, über die Vielfalt von Sterbehilfe und Sterben zu sprechen. Dies kann dazu beitragen, dass die Heranwachsenden sich auf eventuelle Krisensituationen im Laufe ihres Lebens vorbereitet fühlen, wenn sie sich schon einmal ein Urteil über die Formen der Sterbehilfe gebildet haben. Denn die Unvorhersehbarkeit ist Teil des Lebens, sodass die Jugendlichen eventuell menschenwürdigem Sterben konfrontiert werden, indem es ihre Großeltern oder Eltern betreffen könnte oder sogar die Heranwachsenden selbst befinden sich einmal in dieser Situation. In diesem Falle haben sie bereits ein persönliches Urteil über dieses Thema. Die Lebenswelt der SuS wird mit der Unterrichtsstunde also direkt angesprochen. Für Jugendliche, die ihren beruflichen Lebensweg in medizinischen Berufen oder Pflegeberufen anstreben, ermöglicht die Stunde eine Auseinandersetzung mit einem Teil des zukünftigen Berufsfeldes.

[...]


1 Vgl. Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Lehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium, Gesamtschule, Fachgymnasium. Evangelische Religion, (WWW-Dokument, http://lehrplan.lernnetz.de/index.php?wahl=6), abgerufen am: 15.02.2018, S. 36.

2 Vgl. ebd., S. 36.

3 Vgl. ebd., S. 36.

4 Vgl. ebd., S. 37.

5 Vgl. ebd., S.37.

6 Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Fachanforderungen für die Sekundarstufe II. Evangelische Religion, (WWW-Dokument, http://lehrplan.lernnetz.de/index.php?wahl=199), abgerufen am: 15.02.2018, S. 21.

7 Wird im Folgenden mit SuS abgekürzt.

8 Ebd., S. 21.

9 Ebd., S. 36.

10 Ebd., S. 36.

11 Vgl. Naurath, Elisabeth, Kognitiv-strukturalistische Entwicklungstheorien, in: Lämmermann, Godwin / Naurath, Elisabeth / Pohl-Patalong, Uta (Hg.), Arbeitsbuch Religionspädagogik. Ein Begleitbuch für Studium und Praxis, Gütersloh 2005, S. 87. Wird in der didaktischen Analyse weiter ausgeführt.

12 Vgl. ebd., S. 84. Wird in der didaktischen Analyse weiter ausgeführt.

13 Vgl. Rüegger, Heinz, Sterben in Würde? Nachdenken über ein differenziertes Würdeverständnis, Zürich 2003, S. 48.

14 Vgl. Kreß, Hartmut, Medizinische Ethik. Kulturelle Grundlagen und ethische Wertkonflikte heutiger Medizin, Stuttgart 2003, S. 170.

15 Vgl. ebd., S. 163.

16 Frieß, Michael, „Komm süßer Tod“ Europa auf dem Weg zur Euthanasie? Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe, Stuttgart 2008, S. 45.

17 Ebd., S. 47.

18 Vgl. Kreß, Hartmut, Medizinische Ethik. Kulturelle Grundlagen und ethische Wertkonflikte heutiger Medizin, Stuttgart 2003, S. 163.

19 Vgl. ebd., S. 164.

20 Vgl. ebd., S. 165.

21 Vgl. Frieß, Michael, „Komm süßer Tod“ Europa auf dem Weg zur Euthanasie? Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe, Stuttgart 2008, S. 54f.

22 Kreß, Hartmut, Medizinische Ethik. Kulturelle Grundlagen und ethische Wertkonflikte heutiger Medizin, Stuttgart 2003, S. 164.

23 Vgl. ebd., S. 164.

24 Vgl. Frieß, Michael, „Komm süßer Tod“ Europa auf dem Weg zur Euthanasie? Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe, Stuttgart 2008, S. 56.

25 Kreß, Hartmut, Medizinische Ethik. Kulturelle Grundlagen und ethische Wertkonflikte heutiger Medizin, Stuttgart 2003, S. 165.

26 Ebd., S. 165.

27 Vgl. Frieß, Michael, „Komm süßer Tod“ Europa auf dem Weg zur Euthanasie? Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe, Stuttgart 2008, S. 63.

28 Bundesärztekammer, Musterberufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte, (WWW-Dokument, http://www.bundesaerztekammer.de/recht/berufsrecht/muster-berufsordnung-aerzte/muster-berufsordnung/), abgerufen am: 22.02.2018.

29 Vgl. Frieß, Michael, „Komm süßer Tod“ Europa auf dem Weg zur Euthanasie? Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe, Stuttgart 2008, S. 60f.

30 Wird im Folgenden mit EKD abgekürzt.

31 Vgl. Evangelischen Kirche in Deutschland / Deutsche Bischofskonferenz, Gott ist ein Freund des Lebens. Herausforderungen und Aufgaben beim Schutz des Lebens, Trier 1989, S. 106.

32 Vgl. ebd., S. 107ff.

33 Vgl. Lindner, Reinhard, Dem Ganzen schnell ein Ende bereiten. Lebensmüdigkeit, Todeswünsche und Suizidalität am Ende des Lebens, in: Arndt-Sandrock, Gabriele (Hg.) / Evangelische Akademie Loccum, Begleitung an der Grenze. Todeswünsche zulassen und zur Sprache bringen. 18. Loccumer Hospiztagung, Rehburg-Loccum 2015, S. 18f.

34 Vgl. Schardien, Stefanie, Sterbehilfe als Herausforderung für die Kirchen. Eine ökumenisch-ethische Untersuchung konfessioneller Positionen, Gütersloh 2007, S. 35.

35 Rüegger, Heinz, Sterben in Würde? Nachdenken über ein differenziertes Würdeverständnis, Zürich 2003, S. 52.

36 Vgl. Küng, Hans, Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantwortung, München ²1995, S. 50.

37 Vgl. ebd., S 65f.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Sterbehilfe. In Würde sterben? Unterrichtsentwurf (Religion, 10. Klasse)
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
39
Katalognummer
V424510
ISBN (eBook)
9783668698703
ISBN (Buch)
9783668698710
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religion sterbehilfe tod christentum ethik
Arbeit zitieren
Ann Chef (Autor), 2018, Sterbehilfe. In Würde sterben? Unterrichtsentwurf (Religion, 10. Klasse), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424510

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