Bourdieus Kritik der Begabung. Habitus und symbolische Gewalt


Hausarbeit, 2016

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kapital

3. Habitus

4. Die Wahl des Schicksals

5. Formale Gleichheit

6. Rationale Pädagogik

7. Andere Erklärungen der Begabung

8. Resümee

9. Literatur

1. Einleitung

Die Begabung wird als Erklärung für unterschiedlichen Schulerfolg angegeben. Dabei ist nach Bourdieu Begabung nur indirekt vermitteltes kulturelles Kapital, vor allem inkorporiertes Kapital, das von der Familie weitergegeben wird. Dadurch werden bestimmte Werte und Einstellung zum Bildungssystem verinnerlicht, die nach den sozialen Klassen variieren, aus denen die Kinder stammen. Das Bildungsniveau der Eltern hat starken Einfluss auf den Schulerfolg ihrer Kinder.[1]

Schülerinnen und Schüler aus privilegierten Milieus erhalten Wissen, Kenntnisse, Neigungen und einen „guten Geschmack“ von ihren Eltern, Eigenschaften, die sich vorteilhaft auf die Bildung ausüben und als „Begabung“ angesehen werden. Da die Übertragung der zweckfreien Bildung und der Sprache, die auch eine große Bedeutung für die Bildung hat, ohne konkrete Einwirkung oder methodisches Bemühen von statten geht, werden diese als Begabung angesehen. Für sie finden keine Lernprozesse statt, da sie nicht bewusst geschehen, und deshalb sind diese Eigenschaften Teil ihrer Begabung.[2]

In dieser Ausarbeitung wird der Begriff der „Begabung“ nach Bourdieu erläutert, im Zusammenhang mit dem Kapital- und dem Habitusbegriff von Bourdieu. Anhand weiterer Literatur, zum einen „Begabung – eine Einführung“ von Timo Hoyer, Gabriele Weigand und Victor Müller-Oppliger, zum anderen „Die Möglichkeit von Chancengleichheit: Pierre Bourdieus Entzauberung der Natürlichkeit von Bildung und Erziehung – und deren ungebrochene Aktualität“ von Helmut Bremer, wird der Begabungsbegriff von Bourdieu weiter erforscht.

Dazu wird zuerst der Kapitalbegriff erläutert, mit dem Schwerpunkt des inkorporierten Kapitals. Es folgt der Habitus, welcher die Folgen von Kapital auf die Schule erklärt. Die formale Gleichheit beschreibt Bourdieus Einstellung zur Begabung.

Die weitere Literatur zeigt andere Begabungserklärungen auf und erklärt Bourdieus Begabungsbegriff aus differenzierten Blickpunkten. Es endet mit einem Resümee, das noch einmal die unterschiedlichen Aspekte der „Begabung“ und seiner Bedeutung zusammenfasst.

2. Kapital

Es gibt drei Arten von Kapital: Ökonomisches, Soziales und Kulturelles Kapital. Das ökonomische Kapital ist direkt in Geld konvertierbar.[3] Soziales Kapital drückt sich in Ressourcen aus, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und ihren Beziehungen zueinander beruhen. In diesen Austauschbeziehungen sind symbolische und materielle Aspekte miteinander verknüpft.[4]

Kulturelles Kapital ist in drei Formen vorhanden. Das objektivierte Kapital ist in Form von Bildern, Büchern, Instrumenten, Maschinen und anderen kulturellen Gütern zu finden. Institutionalisiertes Kapital ist in einer Form von Objektivation vorhanden, also schulischen Titeln. Zur dauerhaften Disposition des Individuums steht das inkorporierte Kapital, welches verinnerlicht wird.[5]

Kulturelles Kapital, vor allem das inkorporierte, wird auf dem Wege der sozialen Vererbung weitergegeben und ist mit dem Individuum auf vielfältigste Arten und Weisen in ihrer Einzigartigkeit verbunden. Die Vererbung geschieht im Verborgenen oder ist sogar ganz unsichtbar, weshalb sie oft unbewusst ist. Inkorporiertes Kapital kann nicht gekauft werden, die Zeit zur Aneignung der Eigenschaften muss von jedem Individuum persönlich investiert werden.[6]

3. Habitus

Da das inkorporierte Kapital ein fester Bestandteil einer Person ist, ist es zum Habitus geworden.[7] Laut Bourdieu ist Habitus „… das Ensemble tiefsitzender, inkorporierter Schemata der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens, Bewertens, Sprechens und Handelns, das alleÄußerungen, seien sie nun expressiver, verbaler oder praktischer Natur, der Mitglieder einer Gruppe oder Klasse derart strukturiert, dass sie homolog sind.“ (Steinrücke 2006)[8]

Bourdieu bezeichnet den Habitus als eine Art des Vorgehens oder Handelns, als modus operandi, und als opus operatum, ein Produkt der Geschichte eines Individuums.[9] Das System, über das die Individuen verfügen, besteht aus generativen Strukturen, die es ihnen möglich macht, auf alle Situationen zu reagieren undÄußerungen hervorzubringen, die einerseits typisch für die Situation und andererseits typisch für den Handlungsstil des Individuums sind. Die Handlungen sind passend zum Habitus eines jeden Individuums, das mit diesem Habitus aufgewachsen ist. Es wird auch von einer „Verhaltensgrammatik“ gesprochen, durch die Handlungen hervorgebracht werden, die mit dem Habitus übereinstimmen.

Gleichzeitig zeichnet sich der Habitus durch die Gegensätze zwischen den unterschiedlichen sozialen Klassen aus. Die sozialen Unterschiede werden durch die Verfügung über kulturelles und ökonomisches Kapital gegeben, welche eine Verortung im sozialen Raum geben. Die Verknüpfung von Klassenlage und Lebensführung stellt eine Verknüpfung von Struktur und Handeln her. Gemeinsamkeiten in der materiellen Existenz und in der Lebensführung lassen eine Gruppe entstehen, wobei auch von einem Klassenhabitus gesprochen werden kann. Dieser Klassenhabitus prägt die Einstellungen, Entscheidungen und den Umgang mit kulturelle Produkten in der Gesellschaft.[10]

4. Die Wahl des Schicksals

Der Habitus einer sozialen Klasse beeinflusst ihre Einstellung zur Bildung. Die Angehörigkeit zu einer sozialen Kategorie lassen viele Familien die Ambitionen haben, die genau ihren Chancen entsprechen, eine Art Verinnerlichung des Schicksals. Sogar die Beurteilung und Einstellung der Lehrerin oder des Lehrers wird bewusst oder unbewusst von der sozialen Herkunft der Schülerin oder des Schülers beeinflusst. Die Bewertung erfolgt oft nach den gleichen Einstellungen wie die der Eltern, welche sich dann auch auf die Kinder abfärben.[11]

„Ihr Verhalten richtet sich objektiv nach einer auf Erfahrung beruhenden Einschätzung dieser objektiven, für alle Individuen ihrer Kategorie bestehende Chancen.“[12] So bekommen Kinder der Mittelklasse viel mehr Ermunterung bei schulischen Anstrengungen, sowohl wie die Einstellung, dass ein sozialer Aufstieg und Erfolg möglich ist, während Volksklassenkinder von vornherein ihrer Meinung nach keine Chancen auf Erfolg haben. Es sind sogenannte verinnerlichte objektive Chancen, die die Einstellung zur Schule und den möglichen Aufstieg beeinflussen und damit die subjektiven Erwartungen. Obwohl ihre Entscheidungen den Anschein einer Eingebung der Berufung oder des Geschmacks geben, sind sie von verinnerlichten Chancen beeinflusst worden. Während viele Menschen sich ihre Ziele immer ein wenig höher setzen als ihre üblichen Leistungen, setzen erfolglose Menschen ihre Ziele entweder sehr niedrig an, oder viel zu hoch. Das kulturelle Kapital, von der Familie vererbt, spielt beim Schulerfolg eine Entscheidung für die Richtung, die innerhalb des Bildungssystems eingeschlagen wird. Jedoch ist es die von der Familie gegebene Einstellung zur Schule und dem Bildungssystem, die ausschlaggebend für die Fortsetzung der schulischen Ausbildung ist.[13]

5. Formale Gleichheit

Die Schule hält den Glauben an die Begabung und damit die Privilegien der gebildeten Klasse aufrecht. Nach dem Prinzip der formalen Gleichheit wird die Rechtfertigung gegenüber der wirklichen Ungleichheit in der Schule gegeben. Die ursprünglichen Ungleichheiten, mit den die Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen, werden ignoriert und alle gleich behandelt. Die kulturellen Anforderungen der Schule machen es für Kinder unterer Schichten schwierig, sich dem Milieu der Schule anzupassen. Gleichzeitig ist die Kultur der Schule der der gebildeten Klasse so ähnlich, dass die Kinder die Anforderungen schon von selbst erfüllen und sich nicht auf die Hilfe der Schule verlassen müssen.[14] Eine dieser Anforderungen ist die Sprache. Lehrerinnen und Lehrer gehen „… von der Voraussetzung aus, dass zwischen dem Lehrenden und dem Lernenden eine Gemeinsamkeit der Sprache und der Kultur und ein vorgängiges Einverständnis in Bezug auf die Werte existiert, was aber nur dann der Fall ist, wenn das Schulsystem es mit seinen eigenen Erben zu tun hat.“ (Bourdieu 2001)[15]

Durch die Voraussetzung der Benutzung der Unterrichtssprache werden die Schülerinnen und Schüler voneinander segregiert. Die Sprache ist der effektivste Teil des inkorporierten Kapitals, damit auch der Teil des Habitus, der am schwersten zu verändern möglich ist. Ob der Gebrauch der Universitätssprache natürlich oder unbeholfen ist, lässt Professoren und Professorinnen, bewusst oder unbewusst, zwischen den unterschiedlichen Herkunftsklassen unterscheiden.[16]

Durch den Gebrauch einer einheitlichen, universitären Sprache durch den Lehrer wird der Anschein einer Gleichbehandlung gegeben, die jedoch den Mitgliedern der benachteiligten Klassen die Unterschiede der Fähigkeiten als naturbedingte Unfähigkeit wahrnehmen lassen, die ihrer eigenen, nicht vorhandenen Begabung geschuldet sind. „Die seltenen Erfolge der Wenigen, die dem kollektiven Schicksal entgehen, verleihen der schulischen Auslese einen Anschein von Legitimität und dem Mythos von der befreienden Schule Glaubwürdigkeit selbst bei den von ihr Ausgeschlossenen, da sie glauben machen, Erfolg sei nur eine Sache der Arbeit und der Begabung.“ (Bourdieu 2001)[17].

6. Rationale Pädagogik

Die rationale Pädagogik ist die, die von all den Unterschieden der Kinder weißund den Willen hat, diese Unterschiede weitestgehend zu verringern. Indem kein Wissen vorausgesetzt wird, kann niemand benachteiligt werden, weil er oder sie weniger weißals andere. Durch solche Annahmen sind manche Kinder, besonders die aus benachteiligten Klassen, zum Scheitern verurteilt.[18]

Die die Praxis bestimmende Pädagogik, die der formalen Gleichheit „… dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung der Gleichgültigkeit gegenüber der wirklichen Ungleichheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten oder, genauer gesagt, verlangten Kultur.“ (Bourdieu 2001)[19]

So wendet sich diese Pädagogik nur an die Schülerinnen und Schüler, die den kulturellen Anforderungen der Schule bereits entsprechen, während die anderen zurückgelassen werden. Die rationale, oder auch universale Pädagogik, verpflichtet sich hingegen, „… allen die Mittel an die Hand zu geben, all das zu erwerben, was unter dem Anschein der „natürlichen“ Begabung nur den Kindern der gebildeten Klassen gegeben ist.“ (Bourdieu 2001)[20]

Allen Kindern sollen somit die gleichen Chancen gegeben werden. Die Umsetzung dieser Pädagogik ist jedoch um so schwieriger.

7. Andere Erklärungen der Begabung

In „Begabung – eine Einführung“, ist Begabung ein soziales Konstrukt, dessen Bedeutung uneinheitlich ist. Es ist „… mehr oder weniger eine gut begründete Hypothese, mit der üblicherweise Aussagen über Fähigkeitsgrade, Lern- und Leistungsvoraussetzungen oder Dispositionen gemacht werden.“ (Hoyer/Weigand/Müller-Oppliger 2013)[21]

Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu, wo die Begabung ihren Ursprung hat. So vertritt der Biologe Gerhard Roth die Meinung, dass Gene unsere Begabung bestimmen. Somit wird der Handlungsspielraum jedes Individuums vorgeschrieben. Begabung bestimmt unsere gesellschaftliche Stufe und wird zur sozialen Differenzierung und pädagogischen Selektierung herangezogen. Wird diese Selektion stärker und das Bildungssystem darauf aufgebaut, muss der Begriff der Begabung tatsächlich das Bildungsschicksal verantworten, dem dann niemand mehr entrinnen kann.[22]

So gibt es unterschiedliche Auffassungen zum Begriff der Begabung. Als pädagogischer Begabungsbegriff nach Roth wird zwischen Begabung und Intelligenz unterschieden. Während Intelligenz die Anfangsleistungen bestimmt, wird Begabung als potenzielle Lernfähigkeit angesehen, die mögliche Endleistungen bestimmt. Wie die Endleistung ausfällt, hängt somit von der Förderung und Unterstützung ab. Die Begabung wird hier nicht als Eigenschaft, sondern als Prozess betrachtet.[23]

Das Wort „Gabe“ hat eine dreifache Dimension und Bedeutung als Potenzial, Umwelt und Person. Sie ist das Potenzial für mögliche Lern- und Bildungsprozesse, die Umwelt gibt Anregungen, Herausforderungen und einen Dialog von außen, während die Person der entscheidende Faktor ist. Die Person ist die Eigenaktivität, die Bereitschaft und der Wille des Kindes und die damit verbundenen Fähigkeiten zur Reflexion und auf die Angebote der Umwelt eingehen zu können.[24]

Bourdieus Theorie hingegen sagt nicht viel über mögliche Entwicklungen der Schülerinnen und Schüler aus. Laut ihm kommen sie mit einem gegeben kulturellen Kapital und der dementsprechenden Einstellung in die Schule, ohne viele Chancen, aus diesem Habitus herauskommen zu können. Auch sagt Bourdieu nichts über den Einfluss von Intelligenz auf die Bildung eines Individuums.

Der Begabungsbegriff, der in „Begabung – eine Einführung“ erläutert wird, bietet den Schülerinnen und Schülern mehr Perspektiven und Möglichkeiten, als es bei dem von Bourdieu zu sein scheint. Der Kapital- und der Habitusbegriff scheinen Veränderungen fast unmöglich zu machen. Schon der Hinweis, dass überhaupt etwas verändert werden muss und wie dies geschehen soll, ist bei Bourdieu teilweise zu kompliziert, um daran anzuknüpfen. Der pädagogische Begabungsbegriff nach Roth hingegen weist konkretere Angaben zur Unterstützung der Schülerinnen und Schüler auf. Nicht nur, dass von vornherein aufgezeigt wird, dass es das Individuum ist, das mit Hilfe seiner „Begabung“ mehr erreichen kann, als ihm vielleicht vorherbestimmt ist. Begabung wird nicht wie bei Bourdieu als vererbtes Kapital angesehen, sondern als Prozess.

[...]


[1] Vgl.: Bourdieu (2001), S.25 ff.

[2] Vgl.: Bourdieu (2001), S.29 ff.

[3] Vgl.: Bourdieu (2001), S.185

[4] Vgl.: Bourdieu (1983), S.190 f.

[5] Vgl.: Bourdieu (1983), S.185

[6] Vgl.: Bourdieu (1983), S.187

[7] Vgl.: Bourdieu (1983), S.187

[8] Steinrücke (2006), S.65

[9] Vgl.: Krais/ Gebauer (2002), S.5 f.

[10] Vgl.: Krais/ Gebauer (2002), S.32-37

[11] Vgl.: Bourdieu (2001), S.31 f.

[12] Bourdieu (2001), S.33

[13] Vgl.: Bourdieu (2001), S.33 ff.

[14] Vgl.: Bourdieu (2001), S.39-42

[15] Bourdieu (2001), S.42

[16] Vgl.: Bourdieu (2001), S.39-42

[17] Bourdieu (2001), S.46

[18] Vgl.: Bourdieu (2001), S.24

[19] Bourdieu (2001), S.39

[20] Bourdieu (2001), S.39

[21] Hoyer/Weigand/Müller-Oppliger (2013), S.7

[22] Vgl.: Hoyer/Weigand/Müller-Oppliger (2013), S.9

[23] Vgl.: Hoyer/weigand/Müller-Oppliger (2013) nach Roth (1967, S.18 u.1973, S.129 ff.), S.66 f.

[24] Vgl.: Hoyer/Weigand/Müller-Oppliger (2013), S.67 f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Bourdieus Kritik der Begabung. Habitus und symbolische Gewalt
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Veranstaltung
Bildung im Kontext gesellschaftlicher Transformation
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V424850
ISBN (eBook)
9783668701403
ISBN (Buch)
9783668701410
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bourdieu, Habitus, symbolische Gewalt, Kapital
Arbeit zitieren
Antonia Worm (Autor:in), 2016, Bourdieus Kritik der Begabung. Habitus und symbolische Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424850

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